4.1133 Metaphern für Wissen / Wahrnehmung

Aus Alternativ-Grammatik
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Metaphern sind bevorzugte Mittel, in bildhafter Form die Nuancen und Filterungen auszudrücken, die wir unter "Registern" (vgl. ID 4.08 - [1]) in der Semantik vorgestellt hatten. Metaphern - anders gesagt - als pragmatische Realisierung von Modalitäten. Man kann dabei erleben, wie die Sprachbeschreibung nicht etwa immer abstrakter wird, je höher man im Methodenbaum steigt. Sondern umgekehrt: sie wird anschaulicher und damit ansprechender. Allerdings muss man bewusst mit 2 Bedeutungsebenen arbeiten, und zusätzlich mit der Frage: Welche Indizien verlangen, von der ersten zur zweiten weiterzugehen?


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1. Zur Theorie

1.1 Erläuterung

  • Bildhafte Figuren bezeichnen einen Teilbereich der Stilmittel oder Rhetorischen Mittel. Es handelt sich hierbei um Stilmittel, die statt einer Bezeichnung eine Ersatzbezeichnung setzen. Hierbei lassen sich zwei Arten von bildhaften Figuren unterscheiden:
  1. Sprachbilder als verkürzter Vergleich: Der Streifen Land sieht aus wie eine Zunge --> Die Landzunge reicht weit in den See.
  2. Überlagerung zweier Vorstellungsbereiche: In der zweiten Halbzeit blühte die Mannschaft auf.


Eine Metapher bringt Vorstellungen aus zwei verschiedenen Bereichen zusammen:

z.B. Bereiche Sport und Natur

Aufbluehen.gif


  • Bedeutungsübertragung - übertragene Bedeutung

Beim metaphorischen Sprechen werden Vorstellungen aus einem Bereich (dem Bereich des Bildspenders) auf einen anderen Bereich (dem Bereich des Bildempfängers) übertragen. Durch diese Übertragung kommt in den zweiten Bereich eine neue Spannung: "Polster gab in der 7. Minute einen ersten Warnschuss auf das gegnerische Gehäuse ab."

Warnschuss.jpg


  • Symbol - Bildkomplex - Bedeutungshof - symbolische Bedeutung

"... und meine Seele spannte / weit ihre Flügel aus, / flog durch die stillen Lande, / als flöge sie nach Haus." (Eichendorff, Mondnacht. 1837)

--> Bildkomplex des Flugs (spannte aus, Flügel, weit, flog) - "fliegen" hat einen Bedeutungshof. Freiheit, Entgrenzung, das Kosmisch-Rauschhafte in Verbindung mit dem menschlichen Grund, Traumhaftigkeit.

--> Der Leser/Hörer bekommt eine bessere Vorstellung vom Gemeinten. "Flügel" löst weitere Gedanken aus.

Quelle: G. Einecke - www.fachdidaktik-einecke.de

1.2 Visionslose Politik?

Gleich mehrere Metaphern sind in die Antwort von MP Kretschmann (Juli 2012, SPIEGEL-Online) gepackt - Kritik an BK Merkel:

"Ich will's mal so sagen: Man kann in der Politik nicht
nur auf Sicht fahren - man muss auch sagen, wohin sich
das Land, in diesem Fall Europa, bewegen soll."

Kretschmann weist somit nur auf die Selbstverständlichkeit hin, dass Handeln immer von allen Modalkomponenten bestimmt ist. Man kann sie nicht wegstreichen, allenfalls verdrängen. Dann aber wirken sie unerkannt und unbewusst - was in aller Regel zu schlechteren Ergebnissen führt.

Folglich war die  Äußerung des früheren BK Schmidt -
"Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen" - 
hanseatisch schroff und vermeintlich realpolitisch.
Aber sie war auch kurzsichtig. 

1.3 Maler Gerhard Richter

vgl. [2]. Dessen Werk hat gewiss viele Facetten. Ein hervorstechendes Merkmal in vielen Gemälden ist die Spannung

  • von übergenauer Präzision. Das Dargestellte erscheint fotorealistisch - kein Wunder, denn meist liegen Fotografien als Bildvorlage zugrunde. Diesem Medium billigt man - oft allzu naiv - zu, zuverlässig 'die Wirklichkeit' wiederzugeben; also kann im Medium der Bildenden Kunst dieser Aspekt des jeweiligen Werkes mit dem Begriff "Wortbedeutung" aus unserem Methodenkonzept gleichgesetzt werden;
  • und gleichzeitig der Verhinderung genauer Wahrnehmung - sei es durch Verwischung der Konturen, Abwendung der Person, mehr oder weniger starke malerische Zerstörung des vorgegebenen Objekts u.ä.

Durch diese Malweise ist nicht mehr der dargestellte Gegenstand das alleinige Thema, sondern die Frage, wie wir wahrnehmen, wie die Betrachter von der Illusion weggebracht werden können, ein abfotografiertes Objekt liefere schon dessen komplette Erkenntnis. Die Unschärfe des Gemalten erzwingt noch schärferes Hinschauen - mit dem Ergebnis, dass zwar das Objekt nicht besser erkannt wird, aber man sich als Wahrnehmenden, Suchenden erfährt.

2. Vergleich von Sprachbildern in verschiedenen Sprachen

Wissen / Wahrnehmung in bildhafter Form: Was auf der Ebene der Wortbedeutung unter [3] eingeführt worden war, wird nun in der Pragmatik aufgegriffen und weitergeführt. Die Analysebegriffe bleiben gleich, der Anwendungsbereich wird erweitert.

2.1 Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Arabisch, Russisch

[Für weitere Sprachbeispiele kann man die jeweilige Tabelle kopieren, von den bisherigen Einträgen befreien und für weitere Sprachen nutzen. - Durch Kopieren einzelner Zeilen kann eine bestehende Tabelle vergrößert werden. - Es ist nicht nötig, dass sich die Sprachbilder in den Einzelsprachen auf jeder Zeile entsprechen. Hauptsache: Es liegt eine Metapher für die jeweilige Überschrift zur Tabelle vor.]


Statisches Wissen
deutsch englisch französisch spanisch arabisch russisch
sich ein Bild von etwas machen se faire une idée de qc. hacerse una idea de algo تكوين فكرة عن شيء ما Übersetzung: Eine Idee über etwas bilden иметь ясную картину / представление о чём-либо

ein klares Bild / eine klare Vorstellung von etwas haben

im Bilde sein to be in the loop être au parfum / connaître la musique - den Duft/ die Musik kennen شخص ما في الواجهه Übersetzung: Jemand steht im Vordergrund быть в курсе

auf dem richtigen Kurs sein

ein Auge auf jm./etw. haben ne pas quitter qn./qc. des yeux عدم مفارقة العينين عن شخص ما Übersetzung: Die Augen von jemandem nicht trennen ...
Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Les écailles lui sont tombées des yeux. [se me cayó la venda de los ojos - mir fiel die Augenbinde ab] فجاة تجلى الغبار عن الحقيقة Übersetzung: Plötzlich wurde der Staub von der Wahrheit entfernt у кого-либо пелена с глаз упала

jemandem fiel der Schleier von den Augen

so wie die Dinge liegen as things stand au point où en sont les choses الوضع الحالي للشيئ Übersetzung: Stand der Dinge ...
jemand ist verankert (in Meditation für creditiv = stabil, vertrauend, aufmerksam englisch französisch spanisch arabisch russisch
deutsch englisch französisch spanisch arabisch russisch


Statisches Nicht-Wissen
deutsch englisch französisch spanisch arabisch russisch
keinen Weg sehen, etwas zu tun توجد الطريق مظلمة امامه Übersetzung: Er hat ein dunklen Weg vor sich ...
Da steckt mehr dahinter. there is more to this than meets the eye c'est moins simple que ça en a l'air - Es ist einfacher als das aussieht يوجد في النهر ما لا يوجد في البحر Übersetzung: Unten am Fluss steckt mehr als im Meer gibt ...
im Dunkeln tappen to grope in the dark être dans le noir/brouillard
aller à l'áveuglette - wie ein Blinder gehen
[andar a tientas - tastend gehen] يمشي مسدود العينين Übersetzung: Mit geschlossenen Augen laufen блуждать в темноте

in der Dunkelheit umherirren

keinen blassen Schimmer haben / nicht die leiseste Ahnung haben not having the faintest/foggiest idea/notion ne pas (en) avoir la moindre idée ليس لديه أدنى فكرة Übersetzung: Er hat sogar nicht die einfachste Idee "etwas zu bedienen oder zu machen" не иметь ни малейшего представления о чём-либо

nicht die geringste Vorstellung von etwas haben

er hat den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen he couldn't see the wood for the trees les arbres lui cachent la forêt Los árboles le impiden ver el bosque. ملامح وجهه تخفي حقيقته Übersetzung: Seine Gesichtsmerkmal verstecken sein wahres Gesicht за деревьями не видеть леса

hinter den Bäumen keinen Wald sehen

keine Augen im Kopf haben
Tomaten auf den Augen haben
not having any eyes in one's head
to have blinders on - Scheuklappen tragen
ne pas avoir les yeux en face de trous-Die Augen nicht gegenüber der Löscher haben Pero tú estás ciego o qué? " فاغشينا هم فهم لايبصرون" der Koran Übersetzung: Wir haben denen Abgedekt, damit die nichts sehen ...
mit seinem Latein am Ende sein [to be at one's wits' end - mit seiner Weisheit am Ende sein] y perdre son latin خانته تجربته لحل مشكل ما Übersetzung: Seine Erfahrung hat ihn verraten, um ein Problem zu lösen исчерпать себя

jemand hat sich ausgeschöpft

Auf hoher See und vor Gericht ist man in Gottes Hand. englisch französisch spanisch arabisch russisch
deutsch englisch französisch spanisch arabisch russisch



Gezielte Wahrnehmung
deutsch englisch französisch spanisch arabisch russisch
hinten Augen haben avoir l'œil à tout - die Augen für alles haben [andar con cien ojos - mit 100 Augen durch die Welt gehen] ينام نوم الثعلب Übersetzung: Jemand schläft wie ein Fuchs ...
sehen wie der Hase läuft to see which way the cat jumps / the wind blows Là où le vent souffle رؤية لب الشيئ Übersetzung: Der Kern der Sache sehen кто-либо зрит в корень

einer Sache auf die Wurzel sehen

sein Fähnchen nach dem Winde hängen go with the flow voir de quel côté vient le vent
être une vraie girouette - eine echte Wetterfahne sein
[cambiar de camisa - das Hemd wechseln]' من عاشر قوما اربعين يوما صار منهم Übersetzung: Wer mit einem Volk 40 Tage lebt, wird einer von denen sein держать нос по ветру

die Nase nach dem Winde halten

mit dem Strom schwimmen to swim with the tide suivre le courant يسبح اتجاه التيار Übersetzung: In Richtung der Strömung schwimmen держать нос по ветру

im gemeinsamen Strom sein

mit den Wölfen heulen to howl with the wolves hurler avec les loups يبكي بكاء التماسيح Übersetzung: weinen wie die Krokodile с волками жить — по-волчьи выть

wenn man mit den Wölfen lebt, so heult man wie ein Wolf

Augen wie ein Luchs haben / Adleraugen haben to have eagle-eyes avoir des yeux des lynx / un regard d'aigle [tener los ojos bien abiertos - die Augen weit offen haben] يملك عيون حادة Übersetzung: Scharfe Augen besitzen иметь зоркий глаз

ein scharfes Auge haben

"Er übersprang mit einem Blick die Deichböschung, erfaßte mit demselben Blick den Werfer, schickte den Blick dem geworfenen Gegenstand hinterdrein;" (G.Grass, Hundejahre).
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Wahrnehmung/Wissen absichtlich verdrängen
deutsch englisch französisch spanisch arabisch russisch
etwas durch die rosarote Brille sehen to see sth. through rose-coloured glasses voir la vie en rose-Das Leben rosa sehen [ver algo de colorde rosa - etwas in Rosa sehen] رئية الحياة بالون الوردي Übersetzung: Das Leben mit der Rosafarbe sehen смотреть на что-либо сквозь розовые очки

etwas durch die rosa Brille sehen

die Augen vor etwas verschließen to close one's eyes to sth. se boucher les yeux de qc. cerrar los ojos a algo حجب الرئية عن شيئ ما Übersetzung: Die Sicht verschleiern ...
ein Auge bei etwas zudrücken ... ... ... ... закрывать на что-либо глаза

die Augen bei/vor etwas schließen

sich nicht in die Karten sehen lassen to hold/keep one's cards close to one's chest - seine Karten nahe an der Brust halten cacher son jeu - seine Spielweise verdecken [esconder la bola - die Kugel verstecken] شخص ما غائر كالبئر Übersetzung: Jemand tief wie ein Brunnen не раскрывать свои карты

seine Karten nicht aufdecken

jm. etwas vorspielen jouer la comédie يظهر وجها مغايرا لوجهه Übersetzung: Jemand zeigt ein Gesicht was ihm nicht gehört разыгрывать спектакль / комедию перед кем-либо

ein Theater/eine Komödie vor jemandem spielen

jm. Sand in die Augen streuen [jm. blauen Dunst vormachen] jeter de la poudre aux yeux السفر بشخص ما فوق السحاب Übersetzung: Jemand eine Himmelreise erleben lassen пускать кому-либо пыль в глаза

jemandem Staub in die Augen streuen

jm. an der Nase herumführen / hinters Licht führen lead so. up/down the garden path - jm. den Gartenweg hinaufführen mener qn. en bateau - jm. ins Boot bringen [tomar(le) el pelo a alguien - jemandem die Haare vom Kopf nehmen] التلاعب بشخص ما Übersetzung: Mit jemandem spielen обвести кого-либо вокруг пальца

jemanden am Finger herumführen (einmalige Handlung) / водить кого-либо за нос jemanden an der Nase herumführen (ständig)

jm. einen Bären aufbinden to pull so.'s leg faire prendre à qn. des vessies pour des lanternes - Jemanden glauben lassen dass die Blasen Laternen sind ممازحة شخص ما Übersetzung: mit jemandem Spass machen вешать кому-либо лапшу на уши

jemandem die Nudeln an die Ohren hängen

etwas unter den Teppich kehren / unter den Tisch fallen lassen - شخص دفن سره Übersetzung: jemand hat sein Geheimnis begraben вести подковёрные игры

unter dem Teppich spielen

"Dann, als vertusche sie im Geist eine Überlegung, spricht sie rascher ..." (R. Jirgl) ... ... ... ... держать кота в мешке

den Kater im Sack halten

deutsch englisch französisch spanisch arabisch russisch


Wissen offenlegen
deutsch englisch französisch spanisch Arabisch russisch
die Wahrheit aufdecken découvrir la vérité اكتشاف الحقيقة Übersetzung: Die Wahrheit entdecken вскрыть истинное положение дел

die wahre Lage der Dinge aufdecken

die Katze aus dem Sack lassen montrer son vrai visage - Sein wahres Gesicht zeigen يظهر وجهه الحقيقي Übersetzung: Sein wahres Gesicht zeigen ...
ein Geheimnis enthüllen to disclose a secret dévoiler un secret destapar un secreto حل شفرة سر Übersetzung: Ein Geheimnis entziffern выдать чей-либо / свой секрет

sein / jemandes Geheimnis preisgeben

jm. auf dem Laufenden halten to keep sb. up-to-date tenir qn. au courant poner a alguien al corriente تزويد شخص ما بالمستجدات Übersetzung: Jemanden mit Neuigkeiten versorgen держать кого-либо в курсе дела

jemanden auf dem richtigen Kurs halten

jm. etwas vor Augen führen to bring sth. home to sb. - etwas jemandem näherbringen توضيح الشيئ من ا الى ي Übersetzung: Etwas erklären von A bis Z раскрыть кому-либо глаза на что-либо

jemandem die Augen vor etwas aufmachen

deutsch englisch französisch spanisch arabisch russisch


Quelle (teilweise): Pons Sprachenportal


3. Einzelsprache Deutsch

3.1 Übung

Nachfolgend zwei Texte von R. Künzler-Behnke (aus ST. 21.1.2012). Es handelt sich um Metaphern, die im Wortsinn das Thema WISSEN/WAHRNEHMUNG =4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE ansprechen. Das kann man zunächst bestimmen, um in einem zweiten Schritt zu versuchen, die gemeinte Bedeutung sichtbar zu machen - zunächst umgangssprachlich, dann aber auch durch Verweis auf die Kategorien der Alternativ-Grammatik. Es wird damit sichtbar, welche Verschiebungen zwischen beiden Bedeutungsebenen schon bei diesen Standard-Metaphern stattfinden und von Hörern/Lesern auch ohne Probleme, also intuitiv und schnell, nachvollzogen werden.

Zwischen beide Bedeutungsebenen wird eine Spalte für Gründe für Verschiebung vorgesehen: es muss sprachlich-grammatische Anlässe/Indizien geben, nicht mit der Wortbedeutung zufrieden zu sein. Auch diese Gründe sollten - mit Rückbezug auf die Alternativ-Grammatik - wenigstens angedeutet werden. Exemplarisch wird der erste Satz hier analysiert. Die weiteren sind ein Angebot zur eigenen Analyse.

SchülerInnen, die mit dieser klaren Zweiteilung einschließlich der angebbaren Gründe sich angewöhnt und geübt haben zu arbeiten, sind generell sehr gut präpariert, mit der Mehrschichtigkeit sprachlicher Äusserungen umzugehen.

Wer Lust hat, kann gern die weiteren Beispielsätze der beiden nachfolgenden Tabellen analysieren und die Erkenntnisse eintragen!

Der erste Text von R. Künzler-Behncke heißt "Beim Reden vergeht einem Hören und Sehen":


TEXT WORTBEDEUTUNG Gründe für Verschiebung GEMEINTE BEDEUTUNG
Ich sehe die Dinge wie sie sind. Das "Ich" behauptet von sich eine 'objektive und zweifelsfreie' Wahrnehmung. Eine Verzerrung des Sachverhalts durch eigene subjektive Interessen/Wünsche/Unzulänglichkeiten gebe es nicht. <<SEHEN>> als Prädikatbedeutung - vgl. 4.1115 Prädikat – kritisch nachgefragt - gehört nun mal zum "Register EPISTEMOLOGIE". Der Sprecher gibt zu, dass er es ist, der "sieht", also eine subjektive Geistestätigkeit ausübt. Es ist ein Selbstwiderspruch = PARADOX, wenn dann trotzdem die "Objektivität" = die Leugnung der subjektiven Mitwirkung behauptet wird. Die Wortbedeutung streut Sand in die Augen der Hörer, da niemand seinen subjektiven Eigenbeitrag bei der Wahrnehmung neutralisieren kann. - Es wird ein Dialog vorausgesetzt - für sich allein muss ein "Ich" derartiges nicht behaupten. Also fühlt sich das "Ich" angegriffen, verteidigt sich, weist die Annahme des Partners zurück - vgl. 4.125 Erwartungen, Negationen -, die Aussage des "Ich" sei allzu subjektiv gefärbt, durch eigene Interessen verzerrt. Der SPRECHER stilisiert sich hoch, stattet sich mit höchster Wertung aus, sicher deswegen, weil er auf ziemlich rabiate Weise Widerspruch abwehren will. Auf pragmatischer Ebene kommen also Axiologie, vgl.4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE, Dialog, vgl. 4.123 Sprecherwechsel, und Emphase, vgl. 4.086 Modalitäten – »Register« ASPEKTE, ins Spiel. Die im Wortsinn behauptete ruhige Nüchternheit der eigenen Wirklichkeitswahrnehmung hat das genaue Gegenteil als Hintergrund: Aggressiv, dialog-zerstörend und höchst subjektiv wird auf der eigenen Position beharrt.
Ich sah die Gefahr kommen.
Du siehst Gespenster.
Man konnte die Hand nicht vor den Augen sehen.
Sie sieht den Himmel voller Geigen.
Sie sieht weiße Mäuse.
Er sieht den Tod vor Augen.
Er sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.
Er sieht seinen Weg vor sich.
Ich will die Welt sehen.
Ich kann ihn nicht mehr sehen.
Du wirst schon sehen, wohin das führt.
Er sah alles doppelt.
Ich konnte mich an der herrlichen Landschaft nicht sattsehen.
Er sieht alles durch eine rosarote Brille.
Wir kennen uns vom Sehen.
Lass dich ja nicht mehr sehen!
Siehst du wohl!
Bei dem Lärm vergeht einem ja Hören und Sehen.
Das sieht dir ähnlich.
Endlich sehe ich klar.
Ich muss nach dem Rechten sehen.
Ich sehe schwarz.
Sieh da!


Der zweite Text von R. Künzler-Behncke heißt "Augen, Augen, überall Augen!"


TEXT WORTBEDEUTUNG Gründe für Verschiebung GEMEINTE BEDEUTUNG
Ich traue meinen Augen nicht. Dem "Ich" fehlt das 'Vertrauen', der 'Glaube' in das, was die Instanz 'Augen' bietet. Ganz fremd sind die 'Augen' nicht - das drückt das Pronomen aus. Die Art der Beziehung zwischen "Ich" und "Augen" ist damit aber noch nicht geklärt. Das Pronomen klärt zumindest, dass es nicht die 'Augen' von jemand anderem sind. Die Bedeutung <<AUGE>> muss als Spezifikation beurteilt werden. Nicht als "Besitzverhältnis". Man sagt zwar, "ich habe Augen". Was nach "Besitz" aussieht, hat als "Teil-Ganzes-Beziehung" zu gelten. Vgl. 4.13 Abstrakta. Im Normalfall - Unglücksfälle ausgeschlossen - sind "Ich" und "Augen" untrennbar verbunden. Im Wortsinn scheint das "Ich" sich noch locker von den "Augen" oder dem, was sie bieten, distanzieren zu können. Kritisch nachgefragt geht das aber nicht. Das "Ich" steht symbolisch für die gesamte geistige Innenausstattung des Sprechers, sein bislang erworbenes Weltwissen, vgl. 4.4 Vorausgesetztes Weltwissen (Präsuppositionen). Die im Wortsinn angedeutete Distanzierung: "ich" <=> "Augen" zeigt, dass nun ein Wahrnehmungsergebnis vorliegt, das nicht zum bisherigen Weltwissen passt. Also im Register EPISTEMOLOGIE pragmatisch die Aussage von Verwirrung, blackout, Ratlosigkeit.
Wo hast du denn deine Augen?
Halt die Augen offen!
Ich drücke mal ein Auge zu.
Geh mir aus den Augen!
Aus den Augen, aus dem Sinn!
Ich lasse ihn nicht aus den Augen.
Ich werde es im Auge behalten.
Mir fällt es wie Schuppen von den Augen.
Es ist mir ein Dorn im Auge.
Ich bin mit einem blauen Auge davongekommen.
Da bleibt kein Auge trocken.
Kann ich dich unter vier Augen sprechen?
Du wirst Augen machen!


3.2 NICHT-WISSEN als bildhafte Geschichte

aus F. Kafka, "Der Prozess", DTV-Ausgabe 1998.

(91) "Wollen Sie sich nicht hier niedersetzen?" "Nein," sagte K.,
"ich will nicht ausruhn." Er hatte das mit möglichster
Bestimmtheit gesagt, in Wirklichkeit hätte es ihm aber
sehr wohlgetan, sich niederzusetzen. Er war wie see-
krank. Er glaubte auf einem Schiff zu sein, das sich
in schwerem Seegang befand. Es war ihm, als stürze das
Wasser gegen die Holzwände, als komme aus der Tiefe
des Ganges ein Brausen her wie von überschlagendem
Wasser, als schaukle der Gang in der Quere und als
würden die wartenden Parteien zu beiden Seiten gesenkt
und gehoben. Desto unbegreiflicher war die Ruhe des
Mädchens und des Mannes, die ihn führten. Er war ihnen
ausgeliefert, ließen sie ihn los, so mußte er hinfallen
wie ein Brett.  Aus ihren kleinen Augen gingen scharfe
Blicke hin und her, ihre gleichmäßigen Schritte fühlte
K., ohne sie mitzumachen, denn er wurde fast von Schritt
zu Schritt getragen. Endlich merkte er, daß sie zu
ihm sprachen, aber er verstand sie nicht, er hörte nur
den Lärm, der alles erfüllte und durch den hindurch ein
unveränderlicher hoher Ton wie von einer Sirene zu
klingen schien. "Lauter," flüsterte er mit gesenktem
Kopf und schämte sich, denn er wußte, daß sie laut genug,
wenn auch für ihn unverständlich gesprochen hatten.
Da kam endlich, als wäre die Wand vor ihnen durchrissen,
ein frischer Luftzug ihm entgegen und er hörte neben
sich sagen:  "Zuerst will er weg, dann aber kann man
ihm hundertmal sagen, daß hier der Ausgang ist, und er
rührt sich nicht." K. merkte, daß er vor der Ausgangs-
tür stand, die das Mädchen geöffnet hatte. Ihm war,
als wären alle seine Kräfte mit einemmal zurückgekehrt,
um einen Vorgeschmack der Freiheit zu gewinnen, trat
er gleich auf eine Treppenstufe und verabschiedete sich
von dort aus von seinen Begleitern, die sich zu ihm
herabbeugten. "Vielen Dank", wiederholte er, drückte
beiden wiederholt die Hände und ließ erst ab, als er
zu sehen glaubte, daß sie, an die Kanzleiluft gewöhnt,
die verhältnismäßig frische Luft, die von der Treppe
kam, schlecht ertrugen.

Eine Orgie von Wahrnehmungs- und Wissensaussagen, sei es im Wortsinn (semantisch) oder in bildhafter (pragmatisch) Form. Es lohnt, den kleinen Abschnitt auf diesen beiden Ebenen - und jeweils mit den oben schon eingeführten Begriffen - im Detail sorgfältig zu beschreiben!

3.3 NICHT-WISSEN via Gedicht

... und zwar von H. M. Enzensberger: Vgl. [4]

3.4 NICHT-WISSEN in Erzählung

Vgl. Hermann Hesse, Pater Matthias, in: H.H, Die schönsten Erzählungen. stb 3638. Frankfurt/M 2004. S.248ff. - Der Beginn der Erzählung:

An der Biegung des grünen Flusses, ganz in der Mitte der
hügeligen alten Stadt, lag im Vormittagslicht eines son-
nigen Spätsommertages das stille Kloster. Von der Stadt
durch den hoch ummauerten Garten, vom ebenso großen und
stillen Nonnenkloster durch den Fluß getrennt, ruhte der
dunkle breite Bau ...

Bis hierher hat ein Leser wenig Anlass zur Dekonstruktion - abgesehen davon, dass - typisch für Erzählungen - von vornherein verhindert wird, dass man Zeit / Stadt / Fluss / Kloster werde identifizieren können.

... in behaglicher Ehrwürdigkeit am gekrümmten Ufer und
schaute mit vielen blinden Fensterscheiben hochmütig in
die entartete Zeit.

Nun aber geht es los: Worin ruhte der Bau? In einem Abstraktum? Und der Bau schaute? Gewiss, so spricht man auch im Alltag. Aber es ist eine Metapher. Womit schaute er? Mit Fensterscheiben, sogar blinden - das sieht nach einer mit Farbe zugekleisterten Brille aus. Also wird gar nichts gesehen, was aber nicht den eigenen Hochmut verhindert, weil man in dieser Blindheit klar erkennt: die Zeit - wieder ein Abstraktum - ist entartet! - Eine höchst komplexe Gesamtmetapher, die in scheinbar beschaulichem Erzählton einen giftigen Spott über die typisch kirchliche Hochnäsigkeit ausspricht, die meint, die "Welt" (auch ein Bild) beurteilen zu müssen/zu können, ohne an ihr teilzunehmen bzw. sie korrekt wahrzunehmen.


3.4 NICHT-WISSEN / Nicht-WAHRNEHMEN in "Göttliche Komödie" / Dante

Im "Fegefeuer", 15. Gesang, (Übersetzung Walter Naumann) heißt es:

Und die Strahlen trafen uns mitten auf der Nase, denn
der Berg war von uns so umkreist worden, daß wir jetzt
gerade nach Westen gingen, als ich merkte, daß meine
Stirn von dem Glanz viel stärker beschwert wurde als
vorher, und Erstaunen erregte mir der unerklärte
Umstand; deshalb erhob ich die Hände zum Bogen meiner
Brauen und machte mir einen Sonnenschutz, der
etwas vom Überschuß des Sichtbaren abfeilt. Wie wenn
vom Wasser oder von einem Spiegel der Lichtstrahl in
entgegengesetzter Richtung schnellt, indem er
aufsteigt in dem gleichen Verhältnis, in welchem er
einfällt, und sich ebensoviel vom Fall des Steins
entfernt im selben Winkel - so wie Erfahrung und
Wissenschaft es zeigen -, so schien mir, daß ich vom
widergespiegelten Licht dort vor mir getroffen
wurde; weshalb mein Blick sich beeilte
auszuweichen.

Im "Fegefeuer", 33. Gesang:

Doch weil ich sehe, daß du im Begreifen aus Stein
     und, versteinert, verfinstert bist,
     so daß das Licht meiner Rede dich blendet,
will ich, daß du es, wenn nicht geschrieben, so wenigstens angedeutet,
     in dir davonträgst, aus dem Grunde, weshalb der Pilgerstab
     mit einem Palmzweig umwunden geführt wird."
Und ich: "So, wie vom Siegel das Wachs,
     das die eingedrückte Gestalt nicht mehr verändert,
     ist jetzt von Euch mein Gehirn geprägt.
Aber warum fliegt Euer ersehntes Wort so hoch
     über meine Sicht hin, daß sie es desto mehr verliert,
     je mehr sie sich bemüht?"
"Damit du", sprach sie, "die Schule erkennst,
     der du gefolgt bist, und damit du siehst,
     wie wenig ihre Lehre meinem Wort zu folgen vermag,
und damit du siehst, daß euer Weg von dem göttlichen
     so weit entfernt ist, wie von der Erde der Himmel
     sich trennt, der als höchster dahineilt.

"Das Paradies", 1. Gesang:

In dem Himmel, der am meisten an seinem Licht teil hat,
     war ich und sah Dinge, die wiederzusagen, weder weiß
     noch vermag, wer von dort oben herabkommt.
Denn wenn sie sich ihrem Verlangen nähert,
     vertieft sich unsere Erkenntnis so sehr,
     daß das Gedächtnis nicht nachkommen kann.
Jedoch was ich von dem heiligen Reich in meiner Erinnerung
     als Schatz hüten konnte, wird jetzt der Gegenstand
     meines Gesanges sein.

3.5 WISSEN VERDRÄNGEN / VERHINDERN: Hitler/Göring-Bild

Zur Fotografie, bei der sich die beiden über die Kapitulation Frankreichs freuen:

Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein. Berlin 2012 5. Auflage. S.19

Der Sohn fährt unterdes fort. "Also das Bild ist gestellt,
es ist gar nicht beim Eintreffen der Nachricht von der
Kapitulation gemacht worden, sondern ein paar Stunden
später oder vielleicht erst am folgenden Tage. Und nun
seht euch, wie sich der Führer freut, er klatscht sich
sogar auf die Schenkel vor Freude!
Glaubt ihr denn, dass ein großer Mann wie der Führer
sich noch am nächsten Tage so sehr über solche Nachricht
freut? Der denkt doch jetzt schon längst an England
und wie wir die Tommys drankriegen. Nee, das ganze Bild
ist eine Schauspielerei, von der Aufnahme angefangen bis
zum Händeklatschen. Das heißt, den Dummen Sand in die
Augen gestreut!"
  Jetzt starren den Baldur die Seinen so an, als seien
sie die Dummen, denen Sand in die Augen gestreut wird.
Wenn's nicht der Baldur gewesen wäre, jeden Fremden 
hätten sie für so'ne Bemerkung bei der Gestapo angezeigt.

3.6 WISSEN VERDRÄNGEN / VERHINDERN: Chinesischer Künstler Ai Weiwei - Staatsmacht - Journalismus

SPIEGEL-Interview (19/2013)

SPIEGEL: Wie geht es Ihnen im Augenblick?
Ai: Im Allgemeinen gut, so gut wie den meisten
anderen hier. Es ist immer noch schwierig, aber das
liegt auch daran, dass ich Streit suche. Ich könnte
ein bequemeres Leben führen, wenn ich das bleiben
ließe. ...
SPIEGEL: Warum wollen Sie das nicht?
Ai: Weil ich mich nicht wohl fühle, wenn ich
dafür meine - und unser aller - Rechte aufgeben muss.
Wenn ich dafür Ungerechtigkeiten übersehen muss, die
ich einfach nicht übersehen kann. Ich kann nicht
so tun, als bekäme ich das alles nicht mit ...
SPIEGEL: Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu den
westlichen Medien beschreiben?
Ai: Journalisten sind Profis ... Kunst muss
unschuldig sein. Journalisten dagegen nehmen dauernd
Bewertungen vor. Deshalb haben die Journalisten im
April so ausführlich über den Anschlag von Boston
berichtet - und so gut wie gar nicht über die
inzwischen 122 Tibeter, die sich in den vergangenen
Monaten selbst verbrannt haben. Und so kommt es
auch, dass viele über meinen Kampf mit den Behörden
schreiben, die Kämpfe anderer aber unbeachtet
bleiben.
SPIEGEL: Sie finden, dass Ihnen die Medien zu
viel Aufmerksamkeit widmen?
Ai: Es erhöht jedenfalls meine Verantwortung
... Zwei Stunden später wurde ein Kameramann
festgenommen ... Als er schließlich herauskam,
erzählte er, zwei Männer hätten ihn zu einer Tasse
Tee eingeladen.
SPIEGEL: Was eine chinesische Umschreibung
für einen Termin bei der Staatssicherheit ist.

3.7 WISSEN => VERGLEICHEN: SARKASMUS - Hitler / Putin

Das Register EPISTEMOLOGIE [5], also scheinbares "Im-Bilde-Sein" (unterstützt durch die Rubrik "Fakten-Check"), gepaart allerdings mit sehr viel Nicht-Wissen, also Dummheit, wagt sich an steile Wertungen = Register AXIOLOGIE [6]. Es ist für Leser ein Leichtes, die Absurdität der Gedankenverbindung zu erkennen. Zweck: Der Einwurf des Sängers W. Biermann wird torpediert.

[7]

3.8 WAHRNEHMEN => GEHEIMDIENST / Spitzel / Stasi

aus G. Grass, Mein Jahrhundert 309 (zu 1976)

"Wir glaubten, gleich wo wir uns in Ostberlin
trafen, abgehört zu werden. Wir vermuteten überall,
unterm Putz, in der Deckenlampe, selbst in den
Blumentöpfen, sorgsam plazierte Wanzen und
plauderten deshalb ironisch über den fürsorglichen
Staat und dessen unstillbares Bedürfnis nach
Sicherheit. Deutlich und langsam zum mitschreiben
gaben wir Geheimnisse preis, die den grundsätzlich
subversiven Charakter der Lyrik bloßstellten,
die dem gezielten Gebrauch des Konjunktivs
verschwörerische Absichten unterschoben. Wir gaben
der Firma, wie die Staatssicherheit der Arbeiter-
und Bauernmacht vertraulich genannt wurde, den
Rat, bei der westlichen Konkurrenz (Pullach oder
Köln) Amtshilfe zu erbitten, falls sich erweisen
sollte, dass unsere intellektuellen Spitzfindig-
keiten und dekadenten Metaphern nur grenzüber-
schreitend, also in gesamtdeutscher Zusammenarbeit
zu entschlüsseln seien."

3.9 Sprachbilder zum ERINNERN

Hermann Hesse, Meister-Erzählungen. Frankfurt 1973. Aus: 'Klein und Wagner'
(435) "Wieder schossen aus allen Schächten seines
Lebens freigewordene Erinnerungen zu ihm empor,
unzählbare: an Gespräche, an seine Verlobungszeit,
an Kleider, die er als Kind getragen, an
Ferienmorgen der Studentenzeit, und ordneten
sich in Kreisen um einige feste Mittelpunkte:
um die Gestalt seiner Frau, um seine Mutter,
um den Mörder Wagner, um Teresina. Stellen
aus klassischen Schriftstellern fielen ihm
ein und lateinische Sprichwörter, die ihn als
Schüler einst ergriffen hatten, und törichte
sentimentale Verse aus Volksliedern. Der
Schatten seines Vaters stand hinter ihm, er
erlebte wieder den Tod seiner Schwieger-
mutter. Alles, was je durch Auge und Ohr,
durch Menschen und Bücher, mit Wonne oder
Leid in ihn eingegangen und in ihm unter-
gesunken war, alles schien wieder da zu
sein, alles zugleich, aufgerührt und
durcheinandergewirbelt, ohne Ordnung, doch
voller Sinn, alles wichtig, alles
bedeutungsvoll, alles unverloren." 


4. Vision

"Vision" - da steckt das lat. videre drin. Also wird behauptet, Jemand sehe etwas, könne eine Wahrnehmung machen. Zugleich sind die Umstände einer solchen 'Vision' laut jeweiligem Text derart ungewöhnlich, dass klar wird: der gesamte Text muss verschoben werden, nämlich von der Ebene der Wortbedeutung zu der der übertragenen.

4.1 Berufung des Jesaja

Welche Indizien im Text verlangen eine 'Verschiebung'? Wie könnte der Erkenntnisgewinn, den Jesaja von sich behauptet, also umschrieben werden - eine Wahrnehmung mit den Augen war es ja offenkundig nicht (obwohl er es behauptet)? Vgl. [8]

4.2 Berufung des Ezechiel

... zumindest in ihrem Anfangsteil. Wer Interesse hat, kann bis Ez 3 weiterlesen. Problem des Textes Ez 1-3: er ist vielfältig überarbeitet. Im Bereich Ez 2-3 begegnen Sie also vielen entstellenden Zutaten. Für Ez 1 haben wir sie entfernt: der Originaltext wird damit wieder lesbar.

Welche Indizien im Text verlangen eine 'Verschiebung'? Wie könnte der Erkenntnisgewinn, den Ezechiel von sich behauptet, also umschrieben werden - eine Wahrnehmung mit den Augen war es ja offenkundig nicht (obwohl er es behauptet)? Vgl. [9]


5. "Wunder"

Alte Frage: ist "Wunder" etwas naturwissenschaftlich Merkwürdiges, oder ...? Zumindest steckt <<SICH WUNDERN>> in dem Nomen, also ein Problem des WISSENS. Es wird ein noch nicht verarbeiteter Vorgang im Inneren eines Menschen angesprochen.

5.1 Mozart - "Wunderkind" / ÜBUNG

Es werden Materialen angeboten, die man für die Diskussion nutzen kann: Vgl. [10]


6. "Traum"

6.1 Ibrahimovics "Traumtor"

Nicht nur erzielte I. Ende 2012 im Spiel Schweden gegen England alle 4 Schweden-Tore. Sondern darunter war auch das viel bestaunte "Traumtor": [11], ein Fallrückzieher aus 30 Metern. Was will man mit dem Attribut "Traum" sagen? Die erste Auskunft: Superlativ, also - [12] auf pragmatischer Ebene - höchste Wertung.

Das ist richtig, reicht aber nicht. Man sollte nicht übergehen, dass "Traum" ein Abstraktum ist - vgl. 4.13 Abstrakta -, das auf einen speziellen Wahrnehmungsakt verweist. Also ist auch beteiligt, und zwar vorrangig: 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE. Vereinfacht gesagt: Mit bewusster, gezielter Wahrnehmung hatte der Torschuss nichts zu tun - zumal mit dem Rücken zum Tor stehend. Sehr wohl aber mit auf Können/Training basierter Ahnung, intuitiver Einschätzung. Der Spieler kam schnell und unbewusst zur Überzeugung, ein akrobatischer Torschuss könne gelingen. Die Vernunft war ausgeschaltet - und das führte zum Treffer.

Zur Illustration und Bestätigung kann man auf das Buch des verhinderten Profi-Fussballers Timo Heinze verweisen. Auch da ist von zwei "Wissensverarbeitungsmechanismen" die Rede (aus Besprechung bei SPIEGEL-online):

Thomas Müller: "Denken beim Spiel ist scheiße"
In Heinzes Buch geben Kapitel wie "Mannschafts-
kultur" oder "Körpergefühl" Einblicke in die
Kabinen, den Umgang zwischen Fußballprofis, das
kontrastreiche Leben der Spieler. Unter "Kopfball"
stellt er vier moderne Spielertypen vor, auch den
schizophrenen Typ - etwa Thomas Müller. Schmunzelnd
erklärt Heinze seine Definition: "Jemand, der sich
im Gegensatz zum normalen Leben kaum einen Kopf
macht beim Spiel, der auch mal chaotisch sein kann
und versagt, dann aber mit der einen Aktion ein
Spiel wieder dreht. Thomas kann so was."
Müller lachte laut und herzlich, als er das
Kapitel las - "Denken beim Spiel ist scheiße,
das lenkt dich zu sehr ab". Er habe dieses
tiefe, stumme Wissen in sich, dass er auch
in der 89. Minute noch das entscheidende Tor
schießen könne; das gebe ihm Sicherheit, auch
wenn er vorher unterirdisch gespielt habe.
"Insofern ja: Ich bin da wohl etwas schizophren."

N.B. Was nach einer medizinischen Diagnose klingt - "schizophren" -, ist wohl allzu locker dahergesagt. Aus unserer Optik gilt ein anderer Eindruck: Jeder Mensch hat zwei Wahrnehmungsmodi zur Verfügung - Vernunft und Intuition. Nur ist bei vielen die Intuition eher unterentwickelt, zu wenig beachtet, obwohl sie letztlich die mächtigere und kreativere Wahrnehmungsform ist. Stattdessen versuchen sie ihren Alltag so vernünftig wie möglich zu bewältigen. Die beiden Fußballspieler geben stattdessen ihrer Intuition einen viel größeren Spielraum - und lassen sich, öfters erfreut - von den dabei sich ergebenden schönen Ergebnissen überraschen.

6.2 Dante, "Göttliche Komödie"

"Fegefeuer", 27. Gesang (Übersetzung W. Naumann):

So wiederkäuend und so jene betrachtend
    übermannte mich der Schlaf, der Schlaf, der oft
    bevor etwas geschieht, die Kunde weiß.

7. Englisch

7.1 Datenbank für 'Metaphors of Mind'

[13] - Metaphern des Englischen des 18. Jahrhunderts. Man kann sich ja mal durchs Inhaltsverzeichnis durchhangeln und in den einzelnen Abteilungen - oben - Beispiele aufrufen. Im jeweiligen Satz ist die Metapher in Großbuchstaben markiert.

8. Denk- und Sprechstile

8.1 Wissenschaft

... und nicht nur dort. Wer einen Sachverhalt solide und genau beschreibt, dies beansprucht, kann und braucht nicht zu verstecken, zu verwischen, dass

  • er als denkender Mensch, als 'Subjekt', es ist, der die Erläuterung verfasst;
  • da der eigenen, subjektiven Beteiligung niemand entrinnen kann, ist es folglich die Aufgabe, den Sachverhalt so genau und sorgfältig wie möglich zu beschreiben - auf dass Andere letztlich davon überzeugt und die vorgetragene Sicht zu übernehmen bereit sind.

Sicherheit, insofern Gleichklang des Wissens ist angestrebt.

Es ist ein Szenario vorstellbar, wo jedoch die Unsicherheit des Wissens dominiert, der Schreiber aber dennoch seine wacklige Sicht der Dinge anderen vorträgt. Im Spiel kann sein:

  • der Schreiber ist über die Kriterien, die zur Beschreibung notwendig wären, nicht genau im Bilde, weiß also nicht, wie er sprachlich den Gegenstand angemessen analysieren soll - das kann auch auf professoraler Ebene noch vorkommen.
  • Wenn er sich dennoch ans Werk macht, spielen fremde Interessen eine Rolle, z.B. dass er sich selber beim Thema 'Beschreibung/Analyse z.B. eines Textes / eines Bildes' profilieren oder einem anderen aus Solidarität bei dessen Sicht der Dinge beispringen will. Derartige Interessen haben mit dem zu beschreibenden Objekt dann nichts unmittelbar zu tun.

Daraus entsteht ein doppelter Zwang:

  1. Die eigene "Unsicherheit des Wissens" muss übertüncht werden. Es gilt, größere Sicherheit vorzutäuschen, als sie tatsächlich besteht. - Was hier nach 'strategisch', 'absichtlich' klingt, kann auch unbewusst ablaufen.
  2. Was am Objekt nicht per Argument, also für andere kontrollierbar, festgemacht werden kann, muss dann eben auf anderen Wegen mit mehr Sicherheit und Verlässlichkeit aufgeladen werden.

Wie ein solches Verhalten sprachlich aussehen kann, dazu - sicher nicht erschöpfend - einige stilistische Beispiele:

darf - man nennt einige Punkte und führt an,
dass daraus eine Schlussfolgerung gezogen werden
darf. Das Modalverb aktiviert das Modalregister ERMÖGLICHUNG [14] 
und damit die Implikation - vgl. [15] -,
dass der Aufsatzschreiber demütig von einer
übergeordneten Instanz (welche?) die verpflichtende
Erlaubnis erhält, etwas zu tun. Der Schreiber
selbst bringt sich in seiner Eigenverantwortung
zum Verschwinden - er führt ja nur aus. Niemand
wird dem Schreiber Tendenziöses unterstellen
- vielmehr ist ja eine anonyme andere Instanz am
Werk. - Welche Potenz zu metaphorischer Verwendung
bereits ein schlichtes Modalverb hat!
Angenommen, ein anderer Schreiber hatte für seine
Sicht der Dinge mehrere Indizien genannt.
Nun geht der jetzige Schreiber beim gleichen Objekt
daran, eines zu korrigieren - die übrigen lässt
er aber unbearbeitet, unbeachtet. Er glaubt, wegen
der einen Korrektur - wohlwollend vorausgesetzt,
sie sei akzeptabel - werden gleich auch die anderen
Indizien weggewischt. - Ein solches Verhalten ist
argumentativ verblendet, gewalttätig, dient
allenfalls den o.g. Nebenmotiven, nicht aber der
sachlichen Erfassung des Objekts. 
Motiv - bei Text- oder Bildbeschreibung kann
die Aussage begegnen:
"Hier leitete den Schreiber / den Maler das Motiv ..."
(abgesehen davon wird "Motiv" gern auch für einen
inhaltlichen Einzelzug verwendet; das interessiert
uns aktuell nicht): man muss sehen, dass mit diesem
Begriff von der Objektbeschreibung weggegangen wird;
stattdessen taucht man in das Seelenleben des
Autors/Malers ein. Zu dessen Psyche hat aber niemand
von uns Zugang, erst recht wenn der Urheber längst
verstorben ist - so dass keine Chance besteht, ihn
persönlich zu befragen. Motiv in diesem Sinn
ist ein zur Text-/Bildbeschreibung denkbar unge-
eigneter Begriff. - Aber:
der aktuelle Schreiber adelt sich und suggeriert
damit, er habe Zugang zu einem sonst verschlossenen
Wissensbereich. Motiv somit als Anzeiger, dass
die geordnete Beschreibung verlassen ist, jedoch
der Schreiber sich in höchstem Maße stilisiert,
aufgrund eines behaupteten Sonderwissens.
Hypothese - unsichere Folgerung - "Trifft diese
Annahme zu, so erhärtet sich der Verdacht, dass ..."
Hypothesen können zwischendurch notwendig sein,
wir sind dann im Modalitätsbereich IMAGINATION [16],
beim gedanklichen Spielen mit Möglichkeiten. Das
sollte man sich auch so zugestehen. Da das Feld aber
noch wachsweich ist, wird nach mehr Stabilität
gesucht: "es erhärtet" sich. Was ist das "es",
das nun "härter" wird? - Keine Auskunft.
Nachgeschoben: "der Verdacht" erhärtet sich.
Also noch ein wolkiges Gedankengebilde, ein
Abstraktum, ein anderer Ausdruck für "Hypothese".
Es heißt nicht: der "Verdacht" verschwinde durch
das "Erhärten", sondern stehe nun als Verdacht
stärker = Annahme, Vermutung, Denkmöglichkeit vor
Augen. - Wer will, kann bei solcher Argumentation
abzählen, wieviele Unsicherheitsstellen eingebaut
sind. Er kann auch selber beurteilen, ob
man nun von einem sicheren, überzeugenden Argument
sprechen könne. 
Wichtig: Wo bleibt in all dem der Schreiber?
Es heißt nicht: "Ich vermute", "meiner Auffassung nach".
Dann wäre der um größere Wissensklarheit ringende
Schreiber sichtbar. Stattdessen: "es" erhärtet
sich. Sprachlich-stilistisch wird so getan, als laufe
ein objektiver Prozess ab, der seine eigene
Zwangsläufigkeit und Sicherheit enthält. Der
Aufsatzschreiber ist nicht beteiligt, kann nur noch
protokollieren, was sich abspielt. - Zweck der
Inszenierung: Sprachlich baut der Schreiber eine
objektive Zwangsläufigkeit auf, er verleiht
seiner Sicht damit mehr an Sicherheit. Ein
überzeugendes Argument hat er immer noch nicht;
aber durch seine Stilistik versucht er, dieses
Defizit auszugleichen: ein naturhafter Prozess
irgendwo - Erhärten - liefert die fehlende
Sicherheit nach. Genaugenommen wird aber nur
pompös unterstrichen, dass ein "Verdacht"
vorliege. Weitergekommen ist man also noch nicht.
Selbststilisierung des Schreibers - wie im
vorigen Punkt - ist auch auf andere Weise möglich.
Immer wenn das Subjekt der Wahrnehmung sprachlich
ausgelöscht, stattdessen ein von außen sich
aufdrängender Prozess hervorgehoben wird. "Es
drängt sich der Eindruck auf", "Allem Anschein
nach" u.ä. Aber der Schreiber nimmt - so die
Assoziation - "demütig" zur Kenntnis und gibt
weiter, was sich da aufdrängt, immerhin hat er
Einblick in / Zugang zu ansonsten verborgenen
Bereichen. Aber selbst und aktiv forschen,
schlussfolgern und zur gefundenen Meinung als
der eigenen stehen - das ist seine Rolle nicht.
Er spielt sich als 'Sprachrohr der Objektivität'
auf ... - der damit aber die "Wahrheit" hat.

Ohne Ironie lässt sich ein solches Verhalten kaum charakterisieren. Aber keine Frage: Derartige Sprachbeispiele sind ergiebig, wenn es darum geht, die gebotene Wortbedeutung nun auf der Ebene der Pragmatik kritisch zu durchleuchten, die mitgelieferte übertragene Bedeutung sichtbar zu machen. Dumm nur,

  • (a) - dass solche Selbstentlarvungen im Bereich 'seriöser' Wissenschaft vorkommen.
  • (b) Es ist anzunehmen, dass sich viele durchaus beeindrucken lassen - weil ihnen ausreichendes Sprachbewusstsein fehlt; so werden dann faktisch Stellenbesetzungen und Forschungspolitik vollzogen.

Das Durchleuchten solchen Jargons muss geübt worden sein. Die traditionelle Grammatik genügt hierfür nicht. Die Fähigkeit zu Sprachkritik wird in solchen Fällen schnell finanziell und kulturpolitisch folgenreich.

8.2 Sprache // Gewürze

Vgl. das Zitat S.98f aus der Erzählung von Rafik Schami in: [17]