4.1134 Gott, Götter, religiöse Sprache

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Viele Zeitgenossen - sonst aufgeklärt und kritisch - werden angesichts von Texten, in denen Gott oder Götter vorkommen, merkwürdig unkritisch, kleinlaut oder - das Gegenteil - plakativ (und lassen dann Busse fahren, die beteuern, dass "Gott" höchstwahrscheinlich doch nicht existiere). - Das ist kein akzeptabler Umgang mit den Texten. Bevor man sich zu einem Bekenntnis gedrängt fühlt, sollte man zeigen, dass man derartige Texte - sowie andere auch - literarisch akzeptabel analysieren kann. Im Kern wird - nun mit pragmatischem Blick - poetisch, abstrahierend, bis hin zur Betrachtung großer religiöser, institutioneller Inszenierungen - auch diese sollen ja pompös "sprechen" - weitergeführt, was als Fragestellung schon in der SEMANTIK grundgelegt worden war vgl. [1]


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Inhaltsverzeichnis

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0. Nachträge zur Theorie

0.0 "Im Anfang war das Wort" (Joh 1,1)

Der berühmte Beginn des Johannes-Evangeliums wird standardmäßig mit einer doppelten Strategie besprochen / ausgelegt - wobei beide Zugänge zur PRAGMATIK gehören:

  • Logos / Wort meine natürlich Jesus Christus - darauf steuert der Text ja selbst hin: "und das Wort ist Fleisch geworden" (1,14). Es wird also eine Personifikation angenommen - und sobald dies erkannt ist, wird nicht mit "Wort", sondern mit "Jesus Christus" gedanklich weitergearbeitet. (vgl. [2])
  • Es wird auch gesehen, dass Logos ein Stichwort der griechischen Philosophie aufgreift, das dort schon - in Variationen - in den Jahrhunderten zuvor den "Sinn, die Verstehbarkeit" der Welt/Schöpfung ausdrückt.

Dieses Aufgreifen/Umdeuten eines wohlbekannten griechischen Begriffs durch den Evangelisten ist wichtig. Damit beansprucht das Joh-Ev, einen Beitrag der Jesus-Bewegung zu dieser innergriechisch-philosophischen Auseinandersetzung liefern zu können, will in diesem Kontext, der auch die Bildung einer Anhängerschaft einschließt, ernstgenommen werden. Aber: Standardmäßig wird so der zweite Schritt, der pragmatische, vollzogen, wogegen der erste Schritt unterbelichtet bleibt oder ganz wegfällt: es geht zunächst um den semantischen Zugang.

Die Bedeutung Wort begegnet den Hörern/Lesern als erstes. Sie gilt es zunächst zu würdigen, sie ist nicht nur Platzhalter, der möglichst schnell ersetzt werden sollte (durch die griechische Logos-Spekulation oder durch die Personifizierung = J. Chr.). - Tragen wir einige Aspekte - offene Reihung - zusammen, die bei diesem Evangeliumsbeginn eine Rolle spielen:

Zwar gab es im griechischen Raum verschiedene Ansätze, die erklären wollten, woraus, wodurch die Welt entstanden sei. Für das Joh-Ev ist aber am naheliegendsten, dass es den Beginn des Alten Testaments - Gen 1 - imitiert und korrigiert:

  1. "Im Anfang" schuf nicht Gott usw. - ihn müsste man sich ja auch als Akteur an einem Ort denken (welchen, wenn es noch keinen gibt?), als (nicht-geschaffene ?) Figur usw. D.h. die Bildwelt von Gen 1 produziert ihre eigenen Probleme und Inkonsequenzen, Aporien. All diesen Verstrickungen entgeht das Joh-Ev, wenn es an den "Anfang" das "Wort = Logos" setzt und die Personifizierung zurückfährt. Die Weichenstellung ist entscheidend: Nicht Befunde der 'objektiven = äußeren' Welt haben primär zu interessieren, sondern die Tatsache, dass wir uns dem Thema 'Anfang' nur via Sprache / Verstand / Logos nähern können.
  2. Sprachkritisch angemerkt: die Nominalbedeutung <<ANFANG>> muss/kann durchleuchtet werden und verweist auf das gedankliche Register ASPEKTE, vgl. [3]. Also auch hier: keine irgendwie geartete 'Objektivität' ist im Spiel, sondern die gedankliche Operation des Sprechenden: Vom Zeitkontinuum wird durch Auswahloperation der Anfangsbereich herausgegriffen. Auf die geistige Verarbeitung wird der Blick gelenkt. = der Schreiber überformt mit seiner subjektiv-geistigen Aktivität, was man sonst unbedacht als 'objektives Datum' zu nehmen geneigt wäre.
  3. Eine Mehrfachstrategie wird somit sichtbar:
    1. Kontrastierend bekommen jüdische Leser/Hörer gesagt, dass ihre gewohnte Prägung (Gen 1) weiterzuentwickeln, zu korrigieren ist: bislang hatte man den Themenbereich 'Sprache, Geistigkeit, Sprachverwendung' unterschlagen (wie man es auch heute noch im Alltag oft tut). "Sprache" ist eben nicht nur ein gewiss notwendiges, letztlich aber vernachlässigbares, nicht weiter zu beachtendes Hilfsmittel. Sondern unser Zugang zu Leben und Welt, damit auch zur Religion, ist nur auf diesem Weg möglich.
    2. Niemand braucht sich in Sachen 'Religion' von noch so weit entfernten vorgeblichen 'objektiven Fakten' beeindrucken zu lassen. Bestrebungen in dieser Richtung sind irregeleitet - sie lassen entweder kalt, oder man sitzt nicht verifizierbaren Hypothesen auf.
    3. Die griechisch geprägten Adressaten bekommen gesagt, dass ihr liebgewordener, wenngleich hochabstrakt bleibender "Logos"-Begriff herunterzubinden ist an den leibhaftigen Menschen "J.Chr.", mit dem kommuniziert werden konnte und durch das Joh-Ev - bzw. die weiteren Schriften - kommuniziert werden kann. Mit dem physischen Tod jenes Menschen braucht die geistige Auseinandersetzung mit ihm nicht abgebrochen zu werden. Auf diesem Weg kann das Leben des Einzelnen affiziert, in einen guttuenden Veränderungsprozess hineingezogen werden.
    4. Menschenwürdiges Leben - nach Joh - schließt Geistigkeit, Kommunikation = "Logos" ein, und der kann im Kontakt mit "J.Chr." entwickelt werden. So wird der Logos auch in Anhängern konkret. Ein Leben ohne ihn wäre dumpfes Vegetieren.
    5. "Logos" erschöpft sich nicht in einer irgendwie gefärbten Abstraktion, Verdinglichung, vgl. [4] - da gab es Varianten. Sondern er wird heruntergebunden in einen konkreten, individuellen Menschen hinein, mit dem kommuniziert werden konnte und immer noch kann. Dieses Logos-Verständnis tritt nicht in Konkurrenz zu verschiedenen philosophischen Schulen, sondern ist neu, kreativ - sozusagen bereits eine intelligente Anwendung des logos.
    6. Im Gegensatz zu Paulus wird nicht derart exklusiv das physische Schicksal dieses Menschen, sein Tod, als heilsbedeutend herausgestrichen, sondern literarisch ist die Anstrengung ungleich größer, via Wiedergabe von Reden, Kurzerzählungen, ja durch die gesamte Struktur des Joh-Ev einen Eindruck von der Geistigkeit jenes Menschen (= Logos) zu vermitteln, Zugang dazu zu ermöglichen.
    7. Auf literarischem Weg versucht der Evangelist die neue 'Geistigkeit' schon erlebbar zu machen (und nicht lediglich darüber zu informieren). Zumindest gab der Ev-Beginn schon einen Vorgeschmack auf die große und anspruchsvolle literarisch-geistige Anstrengung.


Das Aufgreifen und Umformen des "Logos"-Begriffs muss als revolutionär verstanden werden. Die Figur "J.Chr." ist nicht wegen ihrer dumpf-physischen = schon sprachlosen Existenz, Vorfindlichkeit - "Fleisch" - außergewöhnlich, sondern weil in ihr "Geistigkeit, Kommunikation, Kreativität" = Logos sich inkarnierten, weit gefasst somit ein Sprachbewusstsein, -vermögen, für das - um auf die heutige Zeit überzublenden - Kirchenvertreter und Theologen gerade nicht bekannt sind. Die auffallende Abstinenz von Sprachreflexion bei ihnen, fächerübergreifend auf der Höhe der heutigen Zeit = das Kultivieren von sprachlicher Naivität -

  • Sprache = Wirklichkeit;
  • illusionär wird mit direktem Zugriff auf die Inhalte, 'objektiven Sachverhalte' operiert;
  • Verwischen der Textgrenzen;
  • Kultivieren von religiöser Sondersprache, die die Mehrheit der Gläubigen ausschließt (von wieviel modernen theologischen Dogmatikern wird nicht ehrfürchtig gesagt, dass sie kaum zu verstehen waren/sind? Unverständlichkeit als Qualitätsmerkmal statt als Krankheitssymptom?);
  • Missbrauch der jesuanischen Sprache zur Konstruktion von ab- und ausgrenzenden Systemen usw.

- hat den erwünschten Seiteneffekt: das Sichern der autoritären Herrschaftsform.

Um zurückzublenden: Dass die sich damals bildende Glaubensgemeinschaft der Christen angemessen mit dem johanneischen Impuls umgegangen sei, kann man nicht behaupten ("Logos" wurde lediglich als weiterer 'Hoheitstitel' unter anderen verstanden; innerkirchlich entstanden mehr und mehr autoritär-dogmatisierende, was zugleich heißt dialog-unwillige Sprachformen - gepaart mit entsprechend rabiatem Vorgehen gegen 'Ketzer').

0.1 'Gott', Religion - und Projektion

Vgl. ergänzend: 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE/2 und 4.1135 Personifikation, Projektion. Sprachlich ist in religiösem Zusammenhang häufig [5] einschlägig: Wenn im Wortsinn z.B. davon gesprochen wird, 'Gott hat die Erde erschaffen', kann dies nicht Endpunkt der Interpretation sein: zuviele sprachliche Anlässe erzwingen, dass man auf die Suche nach der gemeinten Bedeutung geht. Die zwei wichtigsten: (a) <<GOTT>> ist ein Abstraktum, vgl. [6]. Nur mit einer sprachlichen Künstlichkeit kann man von ihm handwerkliches Tun aussagen. Im menschlichen Alltag ist dieser Akteur nicht zugänglich wie andere Personen auch. (b) Der Satz impliziert, als könne der Sprecher Aussagen zu Vorgängen vor der Existenz der Welt machen - vgl. [7] und [8].

Wer die Dekonstruktion nicht vollzieht, ist blind für zwei Fehler
im Umgang mit Sprache:
1. Er 'schluckt' Provokationen wie die erwähnten, als würden
   sie dem Verstand keine Probleme bereiten.
2. Er übersieht die Sprachebene und arbeitet mit dem
   Kurzschluss, das Ausgesagte sei zugleich 'in Realität'
   so geschehen. 

Menschen mit derartigen, vermutlich verbreiteten Einstellungen fallen für ein vernünftiges Gespräch zum Thema "Gott..." aus. Im Gegensatz dazu unterstellen wir, dass religiöse/mythologische Redeweise ihren akzeptablen und guten Sinn enthält. Nur verlangt es einiges an Sprachbewusstsein, ihn zu erkennen, zugleich Fehler wie die erwähnten zu vermeiden.


Interview mit dem Philosophie-Prof. Markus Gabriel, SPIEGEL 27/2013 (Auszug)

Gabriel: Wie in der Philosophie sucht auch in den
Religionen der Geist sozusagen sich selbst, wenn man
so will, in einer magisch-narrativen statt in einer
wissenschaftlich-argumentativen Form. Das Göttliche
würde ich als unendlichen Geist beschreiben, der sich
selbst sucht - und zwar in unserem Geist.
SPIEGEL: Dann wäre die Frage, ob es Gott gibt,
ziemlich unsinnig.
Gabriel: Ja, das ist eine falsche Auffassung von
Religion, eine Fetischisierung des Göttlichen, weil
man einen Gegenstand sucht, weil man sich  Gott als
Person, als eine Art Weltmonarchen vorstellt.
SPIEGEL: Wäre dann der Monotheismus die höchste
Form des Fetischglaubens?
Gabriel: Das ist er auch, wenn er Gott als all-
mächtigen Schöpfer und Regenten an einem uns vorerst
unzugänglichen Ort begreift. Das Denken erkennt nicht,
dass es sich selbst untersucht, deswegen personali-
siert es und legt diese Vorstellung nach außen. Das
Bild, das wir uns von Gott oder den Göttern machen,
ist meist nur ein Bild, das wir uns von uns selbst
machen, um uns zu untersuchen. Wir können dann
Geschichten erzählen über die Entstehung des
Geistes, als käme er von außen. Wir erkennen dabei
nicht, dass das Göttliche, das wir außer uns suchen,
der menschliche Geist selbst ist. Ich glaube, dass
die Religion vor der Moderne sehr viel intelligen-
ter war, als sie es heute ist. Die alten Griechen
waren imstande, ihre Götter auf dem Olymp als
Inszenierung zu durchschauen. So wie wir heute im
Kino ja auch personalisierte Bilder sehen, ohne
zu glauben, dass diese Personen außerhalb des
Films existieren.
SPIEGEL Demnach wäre das Ende der Menschheit das Ende
des Göttlichen?
Gabriel: Die Menschen und die Götter brauchen
einander, während das Universum natürlich ohne uns
weiterexistieren wird. Dem sind wir völlig egal.
SPIEGEL: ... Warum kommen die Menschen nicht ohne
das Religiöse aus?
Gabriel: Tatsächlich könnte man provozierend
sagen, dass der Sinn der Religion die Einsicht ist,
dass es Gott nicht gibt, dass Gott kein absoluter
Geist ist, der den Sinn unseres Lebens garantiert.
Deswegen ist aber die Religion selbst oder die Rede
von Gott nicht sinnlos. Ohne Religion wäre es
niemals zu Metaphysik, ohne die Metaphysik niemals
zu Wissenschaft und ohne die Wissenschaft niemals
zu den Erkenntnissen gekommen, über die wir heute
verfügen. Aufklärung, Wissenschaft und Religion
sind näher beieinander, als man denkt. ...
SPIEGEL: Dass es die eine Welt nicht gibt, dass
es kein Prinzip gibt, das alles zusammenhält und
orchestriert, dass es demnach Gott nicht gibt -
ist das nun für uns Menschen eher eine erfreu-
liche oder eine erschreckende Erkenntnis?
Gabriel: Auf jeden Fall eine befreiende. Damit
vermeiden wir die Alternative, unser Leben als
Komödie oder als Tragödie zu begreifen. Die
Depression, der existentialistische Katzenjammer,
überfällt uns, wenn wir das Unmögliche erwarten,
nämlich Unsterblichkeit, ewige Glückseligkeit
und eine Antwort auf alle Fragen. Die Komödie
stellt sich ein, wenn wir glauben, in eine Show
über nichts geworfen zu sein. Die dem Philosophen
angemessene Gemütsverfassung wäre demgegenüber
gelassene Heiterkeit. Wir bahnen uns einen Weg
durch das Unendliche, wir stehen vor unendlichen
Möglichkeiten, wir produzieren unentwegt neue
Sinnfelder, aber wir kommen nie an. ...
Das eigentlich Böse, der Rückfall in die Barbarei,
ist die Zerstörung von Sinn. Die menschliche
Reise ist eine Entfaltung von Freiheitsmöglich-
keiten. Ein Politiker, der nicht an den Sinn in
der Geschichte glaubt, macht nur noch Klempner-
arbeit.

Aus dem Interview mit Heiner Geißler, ehem. CDU-Generalsekretär, von der Ausbildung her Theologe - (Süddeutsche Zeitung Magazin, Mai 2015):

Sie schreiben: "Die Pharmaindustrie ist mehr wert als 100000 Prozessionen
und Wallfahrten."
Es gibt heute Folter in 126 Staaten, jede Woche
verhungern auf der Welt 250 000 Kinder. In den
Kirchen wird mit viel Brimborium Gott in Psalmen
und Liedern gepriesen, während die Menschen mit
einer ganz anderen Realität konfrontiert sind:
Sie haben Bauchspeicheldrüsenkrebs, oder ein Tsunami
kommt, oder sie werden ermordet, oder der Islamische
Staat verbrennt Leute bei lebendigem Leib. Übrigens
ist das weniger schlimm, als was zu Luthers Zeiten
auf dem Scheiterhaufen passiert ist. Damals haben
sie die Leute an einen Pfahl gefesselt und das Holz
ringsum angezündet. Die Ketzer sind langsam gestor-
ben - und ihre Mörder haben gleichzeitig
Lobe den Herren gesungen.
Was spricht dagegen, den Menschen in der Not Hoffnung zu machen?
Nichts. Aber die Kirchen sollten ehrlich sein und
sagen: Wir wissen nicht, ob es ein Leben nach dem
Tod gibt, aber wir hoffen darauf, und wer nicht an
Gott glaubt, ist kein Sünder, der muss was anderes
tun. Franziskus (der Papst) sagte in seiner ersten
Pressekonferenz an die Adresse der Atheisten: "Tut
etwas Gutes, dann haben wir etwas Gemeinsames."
Also all das zu tun, was Gott offensichtlich nicht
tut, aber tun müsste, wenn es ihn gäbe: Schmerzen
und Armut beseitigen, Diktatoren bekämpfen, Folterer
bestrafen.

0.1.1 Heinrich Heine

aus: Tilch, Kruse, Heine für Boshafte, insel-tb 2008:

(92) "Es sind in Deutschland die Theologen, die dem
lieben Gott ein Ende machen -
on n'est jamais trahi que par les siens."
(18) "Aber es kommt die Zeit, wo der deutsche Michel
einsehen wird, daß die Religionsinteressen ein Landes-
unglück sind, und daß es heilsam wäre, wenn sie sammt
und sonders im Indifferentismus ersöffen. Dann gäbe es
keine katholischen und protestantischen Deutschländer
mehr, sondern ein ganzes, großes freyes Deutschland!"

0.1.2 Kritik in Gedichtform

per mail Anfang 2016 rundgesendete Abrechnung von 'Rainer Bloedow' v.a. mit Religion in ihrer katholischen Ausprägung.

Deus ex machina

Alle Götter sind Götter aus der Theatermaschine.
Theatralische Götter.
Alle Priester und Oberpriester sind Bühnenmechaniker,
die in der aufgerichteten, aufdogmatisierten
Bühnenmechanik arbeiten, ihren Hokuspokus vollziehen.

Ich bin Gott in der Mitte (jeder Mensch).
In der Mitte steht das Ego (eines jeden Menschen).
Aufgestellte Götter sind am Rande (alle Gottesvorstellungen).
Am Rande verehren und beten wir aufgestellte Götter an.

In der Mitte bin immer ich (Egozentrismus).
Um mich herum ist die Welt und am Rande der Welt ist Gott
(peripherer Gott).
Gott rundet und randet (ist randständig).
Gott wird in Vorstellungen von Gott abgerundet und
eingerandet.
 
Gott (jüdisch-christlicher Jahwe) ist ursprünglich ein
Berg- und Feuergott,
angesiedelt an einem Vulkanberg auf dem Sinai.
Gott ist ein feuerspeiendes Monstrum (ein Feuerzeichen),
das Menschen verschlingt, Menschen verbrennt.
 
Gott ist aus Feuer und Feuer ist in Gott.
Gott brennt und verbrennt.
Gott ist der Blitz, der einschlägt,
und der Donner, der dröhnt und ängstigt.
 
Gott im Gewand des Mittelalters hat unzählige Menschen
verschlungen,
unzählige Menschen sind in einem Feuer, einem
Scheiterhaufen verbrannt,
weil Priester und Oberpriester im Namen Gottes das
Feuer entfachten.
Priester und Oberpriester haben Gott wie ein
Feuerschwert benutzt.
 
Gott ist eine Marionette in den Händen der Mario-
nettenspieler (Priester und Oberpriester).
Priester und Oberpriester denken sich den Spielplan
aus, in dem Gott
      auftritt.
Denken sich die Spielhandlung aus, in der Gott als
Hauptakteur agiert
      und agitiert.
Gott ist ein Agitator, wiegelt Menschen gegen
Menschen auf.

Die Agitation wird Gott von den Priestern und Ober-
priestern in den Mund
      und in die Monition gelegt.
Monitionenreich, patronenreich ist Gott; sein Colt
(die Dogmatik) wird
      mit Patronen (die Dogmen) auf- und beständig
      nachgeladen.
Gott schießt und erschießt, weil Priester und Ober-
priester ihn als Waffe
      benutzen.
Im Laufe der Jahrhunderte, Jahrtausende hat die
Katholizität Millionen
      und Abermillionen Menschen erschossen.

Die Katholizität erschießt Menschen mit Gott.
Alles, was nicht ich bin, alles, was du bist, wird
erschossen,
weil du nicht ich bist und ich nicht du bin.
Gott bin ich, ich bin Gott.

In Gott brennt das Feuer, das Priester und
Oberpriester in ihm entzünden.
Priester und Oberpriester fachen das Feuer in Gott
an und halten es am Brennen.
Götter sind wie feuerspeiende Drachen, die auf einem
Haufen Gold liegen.
Priester und Oberpriester haben überall Gold und
Geld mit Hilfe des
      feuerspeienden Drachens erbeutet, ergaunert,
      ergiert.
 
Der feuerspeiende Drache tötet Menschen und raubt
Gold und Geld.
In seiner Höhle, die die Form von prächtigen
Palästen annimmt, lagert
      er das Gold und das Geld.
Kathedralen wachsen wie Berge in den Himmel, wie
glänzende, glühende,
      glitzernde Feuerberge.
Auf diesen Feuerbergen sitzt der feuerspeiende Drache,
Ausschau nach
      Beute haltend.
 
Jedes Ich ist wie eine Notsituation, weil ich nicht
weiß, wer ich
      in Wirklichkeit bin.
Jedes Ich sehnt sich nach einem Ausgang aus dieser
Notsituation, die
      es im Innersten und Äußersten ist.
Nach einem Ausgang zu einem Himmel, zu einem Gott, zu
einer Ab- und
      Aufklärung seiner selbst.
Priester und Oberpriester suggerieren Gott als diesen
Himmel, als diese
      auflösende Ab- und Aufklärung.
 
Priester und Oberpriester suggerieren mit Gott einen
friedlichen,
      freundlichen und fröhlichen Himmel
und eine entgegengesetzte monströse, dämonische und
teuflische Hölle.
Sie entwerfen einen Spiel- und Handlungsplan für den
Himmel
und einen Spiel- und Handlungsplan für die Hölle.
 
Das Meisterstück ist immer der entworfene Gott,
in dem eine Riesentheatralik hineintheatralisiert wird.
Gott sitzt auf einem Thron und überthront Himmel und Erde.
Dementsprechend sitzt der oberste Oberpriester auf
einem Thron und
      überthront Zeit und Raum.

Der oberste Oberpriester setzt sich eine dreigeschossige
Krone auf und
      sitzt auf einem Thron,
zu dem tausend mal tausend Stufen hinaufführen.
Mit Donnerstimme schreit er die Menschen an und schreit
ihnen seinen
      Willen, sein Wollen entgegen.
Wer seinen Willen nicht befolgt, wird mit einem Blitz
aus der
      Theatermaschine erschlagen.

Im Laufe der Zeit liegen tausende und zehntausende von
Leichenbergen um
      seinen Thron.
Überall Leichen, die sein Feuerschwert erschlagen und
verbrannt hat.
Der oberste Oberpriester verläßt nie seinen Thron,
ganz egal wo er hingeht.

Sein Thron ist aus Gold und wird von Mal zu Mal immer
goldener,
weil all das geraubte Gold und Geld seinen Thron
wandelt und verwandelt
      zu einem immer goldeneren Thron.
Vor seinem Thron steht die Bühnenmaschinerieapparatur
mit tausenden und
      zehntausenden von Hebeln und Knöpfen,
mit diesen bühnenmaschinerieantreibenden Hebeln und
Knöpfen bewegt
      er Gott.

Gott ist eine spielbare, bespielbare Marionette in
seinen Händen.
Er setzt Gott ein, wie er Gott einsetzen will.
Nach seinem Willen ist Gott, was Gott ist.
Gott ist, was sein Ego ist.

0.1.3 "Wunsch nach Sinn hinter dem Chaos"

... so ist ein Interview mit dem Psychologen Bartoschek überschrieben (SWP 20.5.2016). Darin geht es zwar um 'Verschwörungstheorien': attraktiv sind solche für Menschen "die es gern einfacher hätten mit Unsicherheiten klarzukommen". Empfänglich dafür seien "Anhänger politisch extremistischer Gruppierungen, gering Gebildete, jüngere sowie religiös-gläubige Menschen".

"Durch Verschwörungstheorien möchte man den Sinn hinter
dem Chaos erkennen und - wie in der Religion -
Vorkehrungen treffen können". Nun auf pragmatischer
Ebene ist das Modal-Register EPISTEMOLOGIE: [9] aktiviert.
Im Umkehrschluss heißt das: religiöse Aussagen liefern
keine Information über Zustände/Vorgänge in einer
göttlichen Zweitwelt - das tun sie nur dem ersten An-
schein nach. Sondern: Es werden Bildwelten entworfen,
die der Beruhigung des eigenen Inneren dienen. 

[N.B. man soll/kann bei 'religiöser Sprache' unterscheiden: z.B. Gleichnisse entwerfen auch Bildwelten, haben aber nicht den Zweck, über eine göttliche Zweitwelt aufzuklären, sind bildhaft Gedankenanstöße, um im Hier und Jetzt anders zu denken und zu handeln. Insofern wird auch [10] aktiviert, aber nicht mit dem Zweck, Auskunft über eine göttliche Hinterwelt zu geben, sondern um im aktuellen Leben - wo immer es sich abspiele - einiges zu verbessern.]

Vgl. ergänzend:[11]

0.1.4 Tragisch - sprachvergessen

um 1700 gab es einen französischen Pfarrer, der - im Sinn der 'Aufklärung' - scharf und völlig korrekt z.B. die biblischen "Schöpfung"svorstellungen kritisierte und zurückwies, ebenso die Vorstellungen von "Erlösung" (durch das Kreuz) u.v.a.m. Durch seinen Scharfsinn warb er für eine atheistische Einstellung - natürlich im Widerspruch zur Lehre seiner Kirche, der er angehörte.

Tragisch ist jedoch, dass der Abbé genauso, wie viele Theologen heute noch, übersah, dass in den alten heiligen Texten zunächst einmal sprachlich-geistige Vorstellungen geboten sind, die häufig zunächst als Übertragener Sprachgebrauch entziffert werden müssten. Der Hauptfehler: Was sprachlich geboten wird, wird sofort als physisch-wirklich-real verstanden. Damit verwirft er nicht nur die jeweiligen Wortbedeutungen, sondern zugleich verbarrikadiert er den Zugang zu einer sinnvoll-verstehbaren, auch heute noch, übertragenen Bedeutung. Er kann mit den alten Texten somit auf keiner Schiene mehr einen ersprießlichen Kontakt aufnehmen.

Die ideologische Radikalität erweist sich somit als hohl und verblendet.

0.1.5 Michelangelo, Die Erschaffung des Adam

... in der Sixtinischen Kapelle, Rom, vgl. wikipedia [12]. In den 1990er-Jahren fiel einem Mediziner(!) auf, dass die zunächst merkwürdige Schale, aus der heraus Gott wirkt und seinen Arm in Richtung Adam zu dessen Belebung ausstreckt, einem anatomischen Schnittbild entspricht, das man gewinnt, wenn ein Schädel seziert wird. Vgl. [13] - Man weiß, dass Michelangelo an Sezierungen beteiligt war. Er kann also durchaus Erkenntnisse von dort in seine Malerei übernommen haben.

Vgl. Referat mit guten flankierenden Erläuterungen: [14]

Das "merkwürdig", die Ortlosigkeit des dargestellten Geschehens, das Abstraktum "Gott", die freischwebend im Raum hängenden weiteren Figuren u.ä. sind Anlass genug, sich nicht mit der dargestellten Wortbedeutung zufrieden zu geben, sondern nach der gemeinten Bedeutung zu suchen. Unvollständig einige Indizien hierzu:

  • die anatomische Ähnlichkeit der Schale bindet die Figur "Gott" an das zentrale Organ des menschlichen Geistes,
  • damit wäre die Weiche gestellt: der Schöpfungsbericht sagt nichts über die biologische Entstehung des Menschen (das wäre die Wortbedeutung), sondern über die geistig-personale Entwicklung, und für diese ist entscheidend, was die Kraft 'Gott' = der Geist im Menschen bewirken kann;
  • Michelangelo nimmt weit vorweg, was als Wende in der Philosophie erst spät entfaltet wird: Themen "Subjekt, Wahrnehmung". - Und die damaligen Theologen scheinen die Provokation schlicht nicht verstanden zu haben: ihr Fixiertsein auf die 'objektive Wahrheit' lässt sich mit diesem Bild nicht verbinden.
  • ...

Folglich hat der Künstler der Kirchenzentrale ein 'Kuckucksei' ins damals gerade entstehende Nest (Vatikan) gelegt. Vgl. ergänzend [15]

0.1.6 Offenbarungseid

Eine fast 90-jährige Dame, eng mit katholischen Gemeinden verbunden, lange Zeit als Organistin tätig, äußerte, sie gerate immer mehr in Distanz zum katholischen Glauben, da sie vieles nicht mehr verstehe. Gebeten, ein Beispiel zu nennen, erwähnte sie den "heiligen Geist, Pfingsten".

Das heißt: die tausende von Predigten, die die Dame im 
Lauf ihres Lebens gehört hat, hatten sie nicht in die 
Lage versetzt, mit der Bildwelt der Texte von Pfingsten
vernünftig umzugehen, eine aktuell lebbare und befrie-
digende Einstellung zu dieser Botschaft zu finden.
Offenkundig wurde immer nur auf der Wortbedeutung bestan-
den, diese weiter betont - mit der Anmutung, was da 
erzählt wird, sei auch so geschehen.
Zwei klassische Fehler beim Interpretieren: die über-
tragene Bedeutung wird nicht erkannt / erschlossen;
zweitens: Was die Texte berichten/erzählen sei so auch
geschehen, entspreche der 'Wirklichkeit / Wahrheit'.

Sprachlich gesehen wurde die Dame - und mit ihr viele Generationen weiterer Bürger - auf Kindheitsniveau gehalten, über die ganze Lebenszeit hinweg an geistiger Weiterentwicklung und Lebendigkeit gehindert (= nebenbei: Eklatanter Widerspruch zur Bildwelt "Heiliger Geist"!). Und sie, die keine 'höhere Schulbildung' genossen hatte, aber immer noch einen wachen Verstand besitzt, spürt in hohem Alter, dass sie im Grund betrogen worden war, dass sie mit leeren Händen - wir würden sagen: ohne Zugang zur gemeinten Bedeutung - dasteht. Ihre Rebellion knapp vor dem 90. Geburtstag ist ein spektakuläres Protestzeichen. Sie könnte es selbst so nicht formulieren, aber faktisch artikuliert sie vollkommen richtig, dass - im gen. Beispiel - biblische Bildwelt und kirchliche Indoktrinierung sich widersprechen.


Damit die Ausrichtung 'ökumenisch' bleibt ... ;-) Ein Elektromeister, jahrelang nebenbei Mesner in seiner evangelischen Kirche, inzwischen verrentet, jahrelang auch interessiertes und aktives Mitglied in unserem Lektürekreis, wies seinen Pfarrer auf Aspekte in einem Bibeltext hin, die dieser nicht beachtet hatte. Als Antwort erntete er eine Abfuhr: "Kein Mensch liest doch so genau wie Sie!" Eben = Offenbarungseid des staatlich geprüften, kirchlich approbierten Theologen. Einzelbeispiel für das, was wir häufiger konstatieren: Theologen sind meist sprachliche Laien. Hohl und feierlich zu beteuern, man solle sich an der Bibel orientieren, aber unfähig sein, literarisch auf der Höhe der Zeit mit den Texten umzugehen - das passt nicht. Schön, wenn ein sprachinteressierter Laie den Pfarrer schachmatt setzt.


0.1.7 Philosophie <=> Religion

aus Interview mit Philosoph Sloterdijk in SPIEGEL 26/2017 S.121f:

Sloterdijk: Er (=Philosoph) kann die Menschen
lehren, was sie am schlechtesten können: Er leistet
ihnen Beihilfe zum Zweifel. Mit Gewissheiten sind die
meisten ohnehin überfüttert. Das kunstvolle Zweifeln
muss gelernt werden.
Spiegel: Aber Zweifel schüren Ängste. Und müsste
der Philosoph nicht dazu beitragen, die damit
einhergehende Demoralisierung zu überwinden?
Sloterdijk: Die alte Philosophie war attraktiv,
weil sie einen Heilsweg anbot, der aus der
scheinbaren Unordnung der alltäglichen Existenz
in eine tiefenstrukturelle Ordnung hinüberleitete.
So gelangte der philosophierende Mensch zu
einer Art Letztversicherung. Wer die kosmische
Partitur studiert, begreift, dass er aus dem
Ganzen nicht herausfallen kann. Die alltägliche
Verlorenheit lässt uns das Gegenteil befürchten.
Die primäre dogmatische Philosophie konnte dem
Menschen gut zureden: Wenn du Angst hast, bist
du im Irrtum. Wenn du Einsicht erlangt hast,
wirst du ruhig.
Spiegel: Das ist eine religiöse Dimension
des Denkens. Man braucht nur Einsicht durch
Glauben zu ersetzen, und schon landet man in der
Kirche.
Sloterdijk: Zwischen Einsicht und Glauben gibt
es einen wesentlichen Unterschied. Auch Jesus
sagt im Johannes-Evangelium: In der Welt habt ihr
Angst, ich aber habe die Welt überwunden. Die
Christen sind in dieser Welt, aber nicht von
dieser Welt, insofern sie sich als Gotteskinder
begreifen. Die Religion wendet sich wie die frühe
Philosophie immer an Menschen, bei denen das
Urvertrauen geschwächt ist. Die Naiven, die von
Natur aus ein glückliches Bewusstsein mitbringen,
füllen Generation um Generation die Reservoirs der
organisierten Religionen aufs Neue. Ansonsten
wären die Religionen längst an ihren inneren
Widersprüchen zugrunde gegangen. Philosophie und
Religion standen seit der Aufklärung in einem
feindseligen Wettstreit. Dieses Verhältnis hat
sich mittlerweile entspannt. Jeder ist frei, sich
den Fragen der Existenz zuzuwenden, ohne dass
Philosophie und Religion sich ins Gehege kommen
müssten. In der säkularen Gesellschaft sorgen
staatliche Sozialversicherungssysteme für das
Maß an Solidarität, das früher nur durch die
Kultgemeinschaft zu sichern war. 
Spiegel: Haben Philosophie, Religion und
Politik die Gemeinsamkeit, sich um die Welt als
Ganzes zu sorgen, und das Bedürfnis nach Sicherung
der Zukunft zu stillen? 
Sloterdijk: Das wichtigste Prädikat des Glaubens
wie auch der Philosophie wurde in der Geschichte
mit dem Begriff der "securitas" umschrieben.
Auch Luther hat in seinen 95 Thesen das Paradies
oder den vollkommenen Glauben mit dem Wort
securitas wiedergegeben. Darin steckt eine sehr
tiefe anthropologische Verankerung des
Bedürfnisses nach Gewissheit. 

0.1.8 Biblisch und zugleich anti-kirchlich: BRAHMS, Deutsches Requiem

vgl. [16]


0.2 SPIEGEL zu Pfingsten 2014

2 Artikel, einer anlässlich der Predigt zum Himmelfahrtstag eines Hamburger Pastors. Über den Anlass hinausgreifend Gedanken, wie heute von "Gott" gesprochen werden könnte. Das Büchlein eines amerikanischen Philosophen einbeziehend. - Der zweite Beitrag: Interview mit dem katholischen Philosophen R. Spaemann. In beiden Beiträgen findet unsere Form von Sprachkritik, -analyse reichlich Nahrung. Daher entstand ein eigenes Papier zur ausführlicheren Schilderung: [17]

Journalistisch sind beide Artikel meisterhaft und - obwohl von der literarischen Gestalt her unterschiedlich - sie laufen inhaltlich in die gleiche Richtung, geben Vertretern beider Konfessionen repräsentativ Gelegenheit, sich zu outen:

  • der Protestant betreibt immer noch Bilderstürmerei, auch um den Preis, damit viele anschauliche Texte seines Grunddokuments (Bibel) missachten zu müssen, Entsinnlichung zu betreiben; stattdessen wird Zuflucht bei einem abstrakt denkenden Philosophen gesucht. Zwar redet die ev. Theologie viel von "Hermeneutik". Aber von der Auslegekunst kommt offenbar wenig an der Basis an. Literarische Hilflosigkeit. Effekt: die Gläubigen bleiben weg (zum größten Teil).
  • der Katholik signalisiert, dass er die Wahrheit hat. Im Diskurs soll der andere zwar ernst genommen werden. Aber wirklich wichtig scheint Kommunikation nicht zu sein. Vorherrschender Eindruck des Zementierten, der Unbeweglichkeit. z.T. nicht mehr nachvollziehbare Substantivkonstruktionen und Bedeutungsgruppen - er kann in diesen Fällen nicht mehr wissen, wovon er redet. Eigentlich entzieht er sich mit dieser Sprechweise selber den Boden. - Passt auch nicht mehr in die geistige Landschaft.

0.2.1 SPIEGEL zu Weihnachten 2015

In Nr. 53/2015 wurde ein Interview mit einem Astrophysiker und einem Theologen abgedruckt - es ging vorwiegend um antike und moderne Schöpfungsvorstellungen und wie dazu die Annahme der Existenz eines Gottes passt. - Dazu wurde folgender Leserbrief (vom Gründer/Betreiber der A-G) eingereicht - Gnade vor den Redakteuren fand er nicht. Daher hier die authentische Version:

"Nicht die Aussagen der Diskutanten sind mein Thema,
sondern die Strategie der Redaktion. Es hat Tradition
beim SPIEGEL, an Hochfesten einen Naturwissenschaftler
und einen Theologen debattieren zu lassen. Der inhalt-
liche Ertrag langweilt, v.a. auch deswegen, weil beide
- wie auch der Moderator - viel zu wenig berücksich-
tigen, dass wir allenfalls über Texte, Erzählungen
reden können, also über Vorstellungen alter Autoren,
im günstigen Fall literarisch gekonnt zu Papier ge-
bracht. - Darüber müsste mit literarisch geschulten
Partnern gesprochen werden.
Solche findet man unter Theologen aber nicht, unter
Astrophysikern schon gar nicht. Weitgehend macht die
Redaktion den gleichen Fehler, der typisch für die Mehr-
zahl der Theologen und Gläubigen ist: man klebt an der
Wortbedeutung und denkt zusätzlich, diese müsse sogar
mit astrophysikalischen 'objektiven' Prozessen zusam-
menpassen. P. Handke schon zurecht: 'Mit Sprache kann
man jedes Ding drehen.' Der 'Sprache' muss man auf die
Schliche kommen, nicht der sog. Objektivität. - Erst
mit dieser Einstellung kann man die Schöpfungsberichte
ohne schlechtes Gewissen und Bedenken als anmutige,
in Teilen anregende Erzählungen aufnehmen und genießen.
Vom Zwang, irgendetwas beweisen zu sollen, und sei es
die Existenz Gottes, sind sie dann befreit. Und was
die einen 'Gott' nennen, sollte man mit anderen
Abstraktbegriffen abgleichen: 'Unbewusstes', 'Quelle
der Kreativität' usw. - die Attribute ähneln sich. 
Nach solcher 'Dekonstruktion' sitzt kein einsamer
Mann mit Bart mehr in einer Ecke in den Weiten des
Weltalls. Und heutige Menschen beginnen zu ahnen,
dass von etwas Lebenswichtigem in ganz unterschied-
licher Sprache die Rede sein kann." 

(Nun wissen wir das auch: die Ausgabe 1/2016 enthielt den Leserbrief nicht. Gemessen an dem, was zum Thema an Rückmeldungen aufgenommen wurde, wird deutlich: an Sprachreflexion, -kritik ist die Redaktion nicht interessiert. Der genannte Kritikpunkt wurde durch praktisches Verhalten also bestätigt ...)

0.3 <<GOTT>> // <<UNBEWUSSTES>>

Wer der Meinung ist, was im Sprachspiel der Theologen Gott sei, das sei im Sprachspiel der Psychologen das Unbewusste, befindet sich übrigens in der guten Gesellschaft Goethes - und im Grund vieler Künstler, die vergleichbare Gedanken äußerten. In der "Iphigenie auf Tauris" geht es unter anderem darum, dass Iphigenie aus innerer Überzeugung den König der Taurier, Thoas, nicht heiraten will. Der Textausschnitt dazu:

IPHIGENIE 
Du wähnest, unbekannt mit dir und mir,
Ein näher' Band werd' uns zum Glück vereinen.
Voll guten Mutes, wie voll guten Willens,
Dringst du in mich, dass ich mich fügen soll;
Und hier dank' ich den Göttern, dass sie mir
Die Festigkeit gegeben, dieses Bündnis
Nicht einzugehen, das sie nicht gebilligt.
THOAS 
Es spricht kein Gott; es spricht dein eignes Herz.
IPHIGENIE 
Sie reden nur durch unser Herz zu uns.
THOAS 
Und hab ich, sie zu hören, nicht das Recht?
IPHIGENIE 
Es überbraust der Sturm die zarte Stimme.
(1/3, 486-496)

0.3.1 "Schöpfergott"

Im lokalen Tübinger Sommerloch gab es eine Leserbriefdebatte, ob der "Sch." nun existiert oder nicht existiert. Dazu eine Stellungnahme, ebenfalls via Leserbrief (STB 3.9.2016), von hs - aus Sicht der Alternativ-Grammatik ;-)

"Die Debatte zum 'Schöpfergott' wird mit Verve geführt.
Das emotionale Engagement der Diskutanten ist erkennbar
groß. Es geht also nicht um Belangloses.
   Aber: Beide Parteien machen denselben fundamentalisti-
schen Fehler. Sie übersehen die 'Sprache'- stattdessen
wird  - mit oder ohne Ausgriff auf Naturwissenschaften -
die 'Existenz' beziehungsweise 'Nicht-Existenz' jenes
Gottes beteuert. Auf dieser Schiene kommt man nicht weiter
- argumentierend zwar die Sprache benutzen, aber nicht
über sie nachzudenken.
  Etwa so: Jedes 'Substantiv' - drum nennt es die Grammatik
so - weckt die 'Vorstellung' von einer Größe (Ding,
Person usw.) außerhalb von mir. Über dessen nachweisbare
'Existenz' ist damit noch nichts gesagt - es handelt sich
ja erst um eine 'Vorstellung'. Den 'Universums-Stulp' hat
auch noch niemand gesehen. Dennoch ist er sprachlich auf
Kinderbuchebene wichtig. Folglich: Alles, was 'sprachlich'
eine Rolle spielt, kann man erläutern, anders formu-
lieren. Wem das Sprachetikett 'Gott' wichtig ist, der
müsste also in der Lage sein darzulegen, was ihm daran -
die damit zusammenhängende Bildwelt einschließend -
wichtig ist, und zwar ohne das Substantiv erneut zu ver-
wenden - sonst dreht man sich im Kreise! Platte Debatten
zu 'Existenz/Nicht-Existenz' sind dagegen naiv und
abseitig, eben sprach-unbewusst."

Zwei zusätzliche Bemerkungen:

  • Man könnte die von Peter Handke geprägte Metafer ins Spiel bringen: Wir müssen "das Glas der Sprache zerschlagen". - Solange wir dies nicht tun, erliegt man leicht dem Eindruck, man habe direkten Zugang zur Wirklichkeit. Erst wenn das Glas Risse bekommt, womöglich in Scherben vor einem liegt, wird die Eigenstruktur des Glases = der Sprache sichtbar und wahrnehmbar. Niemand kann fortan leichtfertig von "Wirklichkeit / Wahrheit" sprechen. Die Leistungsfähigkeit und Struktur von Wahrnehmung / Sprache ist das vorrangige Thema.
  • Als Beobachtung am Rand: In Tübingen gibt es genügend Fachleute für Sprache, auch hochgebildete Theologen beider Konfessionen. Niemand dabei griff klärend in die gen. Debatte ein. Über die Motive einer derartigen Abstinenz kann man spekulieren.

Die gleiche Fragestellung findet sich im Kontext von Fundamentalismus, vgl. [18].

0.3.2 Ewige Frage: Innen oder Außen?

Das vorige Modul müsste deutlich gemacht haben, dass es sich um eine Scheinopposition handelt. aus: E. Drewermann, "Luther wollte mehr". Der Reformator und sein Glaube. Im Gespräch mit Jürgen Hoeren. Freiburg i.B. 2016.

Wer Gott ins "Außen" verlagert, seine "Existenz" dort beteuert, handelt sich Folgeprobleme ein:

(119f) "... wir hatten nach 1946 bis in die Theologie
hinein das Problem: Kann man noch an Gott glauben, wenn
Auschwitz möglich war? Wenn es einen Gott gibt, müsste
er nicht eingreifen, hätte er nicht eingreifen müssen? 
Aber er hat nicht eingegriffen. Gibt es ihn dann
überhaupt? Macht er sich nicht unglaubwürdig durch sein
Nicht-Handeln? - Es ist eigentlich dieselbe Frage, die
sich Jeremia stellte: Hätte Gott nicht spätestens beim
Untergang Jerusalems eingreifen müssen?" (...)
(146) "Die Protestanten hatten und haben, wie gesagt,
Angst, darüber Gott zu verlieren. Gott musste für sie
äußerlich bleiben, Gott durfte nicht nach innen gezogen
werden, er durfte nicht ein Teil oder eine Funktion der
Seele werden. Man hatte Angst, die Psychologisierung der
Botschaft Jesu verwässere das Christentum zum
Pantheismus oder Panpsychismus oder zur Gnosis." (...)
(261) "Die Sprache der Religion kann eigentlich nur dich-
terisch sein in dem Sinne, dass sie Symbole nutzt. Es ist
ein schlimmer Fehler, dass aus lauter Angst die Symbole
selber wieder als Tatsachenaussagen dingfest gemacht werden.
   Insbesondere die Bibel redet ständig in Symbolen, in
kostbaren Symbolen, von der Jungfrauengeburt bis hin zur
Himmelfahrt, dazwischen die Wundererzählungen wie der
Seegang Jesu oder seine Auferstehung. Es sind unglaublich
intensive Symbole meist im Einklang sogar mit den Über-
lieferungen in der Religionsgeschichte der Völker,
sich aufführend in der menschlichen Seele und uns be-
schwörend, den Inhalt dieser Bilder in unserem Leben zu
vollziehen. Statt dessen machen wir theologisch aus den
symbolischen Deutungen menschlicher Erfahrungen und
geschichtlicher Ereignisse dogmatische Faktenbehaup-
tungen in der Vergangenheit und geraten damit in Wider-
spruch zu jeder vernünftigen Logik, indem jetzt ständige
Verstöße gegen die Naturordnung als das eigentliche gött-
liche Wirken zu konstatieren sind."
(262) "Die Prähistoriker und Paläontologen vermuten, dass
wir in dem Augenblick zu Menschen wurden, als der Tod uns
zum Problem wurde. Und dann muss es schon in den Jahrhun-
derttausenden der Eiszeit ein Trost gewesen sein, am
Himmel zu sehen, dass es Sterne gibt, die niemals unter-
gehen, und andere, die auf der Nordhalbkugel sichtbar am
Firmament immer wiederkommen. Es muss ein Trost gewesen
sein, zu erleben, wie man aus toten Steinen Feuer schlagen
kann; Wärme also und Licht gebiert sich aus dem völlig Un-
lebendigen. Es müssen von Alters her solche Erfahrungen
Bilder, Symbole geformt haben, die den Glauben bestärkten,
dass der Tod nicht der Tod sei, sondern nur ein Durchgang
in ein anderes größeres Leben."
(264) "Jesus hat nie in der Sprache der Schriftgelehrten
die Gesetze ausgelegt, nie in der Sprache der Theologen
von Gott geredet. Er hat wie ein Dichter in der Form von
Gleichnissen gesprochen. Daraus kann doch den Theologen
nur die Idee werden, dass eine Aussage nicht falsch ist,
nur weil sie dichterisch ist. Was für ein Banausentum
wäre denn die Meinung, dass nur das eine wahre Aussage
sein könne, was sich in Raum und Zeit als objektives Fak-
tum informativ bestätigt, alles andere sei Lüge. Wie
denn: Eine Legende lügt, Märchen lügen, Träume lügen,
weil sie nicht die objektive äußere Realität informativ
vermitteln? Das Umgekehrte ist richtig: Die Bilder ent-
halten Wahrheiten, die ins Leben tragen und das Leben
deuten, und zwar zu jeder Zeit an jedem Ort, bei jedem
Menschen."
(311) Das führt mich noch einmal zu der Frage: Am
31. Oktober 2017 - was sollen wir da überhaupt feiern?
Was sollte man in Mittelpunkt stellen? Was würden Sie 
in den Mittelpunkt stellen?
"Eben dies, was Luther meinte: Gott darf nicht länger
eine Quelle der Angst und der Ausbeutung der Menschen mit
ihren Seelenqualen in Veräußerlichung sein. Gott ist ein
Grund zum Vertrauen gegen jede Staats- und Kirchenmacht,
er ist die Ermutigung, man selber zu sein und dafür gera-
dezustehen. Das ist nicht zu feiern, aber endlich zu
leben."
(314) "Keine Sprache ist imstande, Gott zu verkünden, die
nicht dichterisch, symbolisch, einladend, gütig vermit-
telnd ist. Sobald sie sich dogmatisch verfestigt, ist die
Intoleranz die notwendige Folge in jeder Religion. Und
alle Theologen neigen dazu, rein durch ihr Denken, be-
grifflich klar das, was sie für wahr glauben, auszuformu-
lieren. Bei Dichtern genau umgekehrt: sie schildern Erfah-
rungen, die etwas als menschliche Erfahrungmöglichkeit
plausibel machen. Theologen hingegen wollen begrifflich
genau nuanciert, differenziert ausformulieren, was wahr
ist, und je besser ihnen das gelingt, desto größer werden
die Unterschiede zwischen den verschiedenen Theorie-
bildungen." 

0.3.3 Glaube als Droge?

Vgl. [19] S.176. 179


0.4 "Religionsloses Christentum" - Dietrich Bonhoeffer

Der Theologe wurde knapp vor Kriegsende von den Nazis noch ermordet. - Aus einem Tagungsbericht von B. Röder in Publik-Forum 6/2015:

"Es geht um Bonhoeffers Idee eines 'religionslosen
Christentums'. Der Widerstandskämpfer und Theologe
hatte diesen Begriff in seinen letzten Lebensmonaten im
Gefängnis geprägt ...
   Dabei bilden Menschen, die sich nicht mehr als
religiös empfinden, künftig in ganz Deutschland die
Mehrheit. Dietrich Bonhoeffer, der diese Entwicklung
voraussah, nannte als tieferen Grund dafür die von
Renaissance und Aufklärung geprägte 'mündige Welt' ...
Menschen würden ihr Leben autonom, ohne Gott, gestalten.
Als jungen Pfarrer habe ihm das ein wenig das Gefühl
vermittelt, 'mit der Vorhut des wandernden Gottesvolkes
in das Zeitalter der Säkularisierung' einzutreten. Zu
lernen sei 'vor allem, dass die Kirche der mündigen Welt
nicht mit dem übermäcntigen Gott des klassischen
Theismus zu begegnen hat, sondern mit dem Namen des
Gekreuzigten und vor allem in dessen Nachfolge'. Mit
anderen Worten: Gott ist frei. Menschliche Religiosität
kann ihn nicht für eigene Interessen in Anspruch nehmen.
Nicht der religiöse Akt mache den Christen, sondern das
Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben, hat
Bonhoeffer gesagt.
   'Was nichts anderes heißt, als sich mit denen zu
solidarisieren, die in der Gesellschaft leiden: die
Flüchtlinge, die Armen, die Ermordeten', sagt Andreas
Pangritz. ...
   Beten sei für Bonhoeffer nichts, was öffentlich zur
Schau gestellt werden sollte: 'Allein in der Tat ist die
Freiheit.' Das heißt: Auf das gesellschaftliche
Engagement der Christen kommt es an, das dann auch
nichtreligiöse Menschen wahrnehmen können. 

0.4.1 Der Neue Atheismus

Unter diesem Titel wird ein Buch beworben (Wiss. Buchgesellschaft). Die Kritik an jeglichem Gottglauben beanspruche "dabei die Position der Vernunft und Humanität für sich allein. Aber ist dieser Anspruch vernünftig begründbar? Trifft die Kritik des neuen Atheismus das aufgeklärte Christentum der Gegenwart überhaupt?"

Probleme stellen sich:

  • Was ist mit "neuem Atheismus" gemeint?
  • Argumentativ ist von einem Rennen im Kreis die Rede: "vernünftig" soll die "Position der Vernunft" für eine der beteiligten Seiten gelten. Von welcher geistigen Basis her soll dieser Streit entschieden werden?
  • "aufgeklärtes Christentum der Gegenwart" - was soll damit gemeint sein? Aus offiziellen kirchlichen Verlautbarungen sprechen meist antiquierte Denkformen. Ein Bewusstsein für "Sprache, Kommunikation" ist dabei nicht zu erkennen. Und dass die wissenschaftliche Theologie hierbei gewaltigen Nachholbedarf hat, betonen wir an vielen Stellen.
  • Die Buchvorstellung lässt allenfalls Abwehr erkennen, nicht aber, worin die Gegenpositionen bestehen, und dass man von einzelnen Aspekten womöglich lernen könnte, sie also seriös aufgreifen und bedenken sollte.


0.5 Überschrift zu einer Papstansprache

vgl. [20]

0.6 Weiterführung: "Religiosität" <=> "Religion"

Die Zugehörigkeit zu einer soziologisch fassbaren Gruppe von Menschen, die durch konkrete Akte sicht- und spürbar wird, wie Taufe, Beschneidung, Abgaben-/Steuerregelungen, Teilnahme an Gottesdiensten/Festen, Einhalten von Essens-, oft auch Heirats- und Kleidungsvorschriften usw. - derartiges ist dem Begriff "Religion" zuzuordnen. Damit wird die Vernetzung der Einzelperson mit anderen greifbar: eine Gruppe entsteht.

Wie es innerlich in der Einzelperson aussieht, was sie glaubt, was ihre Lebenseinstellung und -ausrichtung ist, wie sie sich auf andere Menschen und ihre Äußerungen einlässt, all das ist mit der äußeren Zugehörigkeit noch nicht festgelegt. Solche innere Prägung nennen wir "Religiosität" (es gibt noch weitere Begriffe dafür).

Die Begriffsunterscheidung soll einer Verwechslung vorbeugen: Weder ist der, der formell einer Religion angehört, damit sicher schon religiös, noch ist jemand, der z.B. aus der Kirche ausgetreten ist, deswegen schon a-religiös.

Man muss jeweils genauer hinschauen. Es könnte auch sein, dass jemand, der treu und brav die Riten seiner Glaubensgemeinschaft einhält, nicht sonderlich religiös ist - verstanden als innerlich lebendig, kreativ, anderen freundlich und helfend zugewandt -, sondern dass er dumpf eine autoritätsgläubige Grundeinstellung praktiziert und diese auch an andere weitergibt.

0.7 Religion und Politik

Das soziale Gebilde "Religion" hat - natürlich - Eigeninteressen: Existenzsicherung, Beibehaltung von Ämtern und Amtsstrukturen, Sicherung der finanziellen Rücklagen (in Form von Kapital und Grund- und Kunstbesitz), (medialer) Zugang zur Prägung der öffentlichen Meinungsbildung, letztlich, Einfluss auf die Politik. Das alles hat mit "Religiosität", s.o. Ziff. 0.6, noch gar nichts zu tun. Tiefsitzendes Interesse der so verstandenen "Religion" ist es, sich nicht ändern zu müssen, allenfalls: die eigene Lage noch weiter zu verbessern.

Daher beteuern Religionen in aller Regel, wie wichtig ihnen "Frieden" im Zusammenleben der Menschen sei, scheinen Bemühungen in dieser Richtung durch Appelle zu unterstützen. Faktisch sind sie aber meist Behinderer solcher Prozesse. Es gibt genügend Beispiele, wo durch Einfluss der Religion politische Friedensbemühungen über lange Zeit durch Religionen torpediert worden sind. Vgl. [21]

0.7.1 Religion = Mantel, nicht Kern der Sache, Ausdruck subjektiver Bedürfnisse

Gestützt auf SPIEGEL 3/2016, es wird darin Bezug genommen auf islamistische Attentate in Paris in 2015, auf die Flüchtlingsausschreitungen in Köln, Silvesternacht 2015. Beitrag des slowenischen Philosophen Žižek. Er bezieht den französischen Philosophen Badiou ein, der im heutigen Kapitalismus drei Subjekte unterscheidet (128ff):

  1. "das westliche, 'zivilisierte', bürgerliche, liberal-demokratische Subjekt;"
  2. "jene, die nicht zum Westen gehörten und besessen seien, von ihrer 'Sehnsucht nach dem Westen' und deswegen verzweifelt versuchten, den 'zivilisierten' Lebensstil des westlichen Bürgertums nachzuahmen;"
  3. "und dann gebe es noch jene faschistischen Nihilisten, deren Neid auf den Westen sich in einen tödlichen selbstzerstörerischen Hass wandelt. 'Dieser Faschismus', sagt Badiou, 'ist die Kehrseite einer enttäuschten Sehnsucht. Er ist mehr oder weniger militärisch organisiert, so flexibel wie eine Mafiabande, geprägt von ganz unterschiedlichen Ideologien, wobei die Rolle der Religion dabei nicht wesentlich ist.'"
Der letzte Punkt weiter ausgeführt (129): "Die Faschi-
sierung frustrierter jugendlicher Einwanderer, die in
der westlichen Gesellschaft keinen Platz finden und
keine Perspektive, ist für sie ein einfacher Ausweg
aus der Frustration: ein ereignisreiches, riskantes
Leben, das in der Verkleidung aufopfernder, religiöser
Hingabe daherkommt und dazu noch materielle Befriedi-
gung (Sex, Autos, Waffen) bereitstellt - man darf nicht
vergessen, dass der 'Islamische Staat' auch ein großes
mafiöses Wirtschaftsunternehmen ist, das mit Öl, antiken
Statuen, Waffen und Frauen handelt, 'eine Mischung aus
tödlichen, heroischen Lehrsätzen und westlicher
Verführung durch Konsum.' ... Islamischer Faschismus
ist ein zutiefst reaktives Phänomen ... ein Ausdruck
der Machtlosigkeit, die in selbstzerstörerischen Zorn
verwandelt wird. Badiou sagt auch: 'Religion ist ledig-
lich ein Mantel, sie ist in keinerlei Hinsicht der Kern
der Sache, lediglich eine Form der Subjektivierung,
nicht der eigentliche Inhalt der Sache.' ...
(130) Brutalität, bis hin zu Grausamkeiten gegenüber
Schwächeren, Tieren, Frauen ist ein traditionelles
Merkmal der 'niederen Klassen'. Eine ihrer Strategien
des Widerstands gegen die Machthabenden war stets eine
furchteinflößende Zurschaustellung von Brutalität, mit
dem Ziel, gegen den bürgerlichen Sinn für Anstand zu
verstoßen. Und man ist geneigt, die Ereignisse am
Silvesterabend in Köln auf ähnliche Weise zu interpre-
tieren - als ein obszöner Karneval der niederen Klassen.
... Überhaupt war das Quälen von Tieren, besonders von
Katzen, im gesamten frühen modernen Europa ein beliebtes
Vergnügen. Katzen waren ein mächtiges Symbol für Sexua-
lität: Le chat, la chatte, le minet bedeuten in der
französischen Umgangssprache dasselbe wie 'Pussy' auf
Englisch oder 'Muschi' auf Deutsch, und sie dienen seit
Jahrhunderten als Obszönitäten.
   Was also, wenn wir den Kölner Vorfall als eine zeit-
genössische Version von faire le chat betrachten? Als
eine karnevalartige Rebellion der Underdogs? Es war
nicht einfach der Drang sexuell ausgehungerter junger
Männer nach Befriedigung - das könnte man diskreter
und versteckter erledigen -, es war in erster Linie
ein öffentliches Spektakel, um Angst zu verbreiten,
die 'Muschis' der privilegierten Deutschen einer
schmerzhaften Hilflosigkeit auszusetzen und um sie zu
demütigen. Natürlich ist bei einem solchen Karneval
nichts Erlösendes oder Emanzipatorisches, nichts 
wirksam Befreiendes - aber so funktionieren echte
Karnevals."

0.7.2 Tiefsitzende, klischeehafte Sehnsüchte?

vgl. [22] - wobei bei solcher Einstellung Vernunft, das Beziehen eigener Standpunkte im Rahmen einer demokratischen Ordnung schlechte Karten haben.


0.8 Sprichwörter

aus: Karl Valentin, Gar ned krank is a ned g'sund. München 2015. S.31:

Zum Schluss erzähl ich Ihnen noch was Interessantes, ich
bin nämlich Vorstand des Radlerclub "d'Windhund" und da
hab'n wir von der Fabrik eine neue Standarte kriegt und
in die Standarte war mit goldenen Buchstaben der schöne
Spruch hineingestickt: "Der Mensch denkt und Gott lenkt",
- wie ich das gelesen hab, hab i mei Radl packt, bin auf
d'Straß naus, hab mi nauf gsetzt und bin dahin gefahren,
ohne zu lenken - - dabei wirfts mi glei so an a Hauseck
hin, daß i drei Stund blödsinnig war - na, hab i mir
denkt, mi drahts es nimma o mit euchere Sprüchwörter und
seit dieser Zeit lenk ich wieder selber - 

Valentin spielt durch - auf schmerzhafte Weise -, dass das Kleben an der Wortbedeutung keine Lösung bei derartigen Weisheiten ist. Wir würden sagen: der Übergang zur gemeinten Bedeutung ist fällig: [23]

1. Diesseits - Jenseits; religiöse Sprache

Diesseits - Jenseits klingt im Wortsinn nach Lokal-Informationen. Genauer: "Diesseits" ist ein mir vertrautes Gefilde. "Jenseits" steht für ein weiter entferntes, impliziert ist: ich kenne es noch nicht so recht, ist aber eine wichtige Perspektive. Damit sind wir auf dem Weg, "Übertragenen Sprachgebrauch" zu erarbeiten, vgl. [24]. Was die gemeinte Bedeutung sein könnte, muss ebenfalls eine Zweiteilung enthalten. Ebenso den Unterschied von "vertraut/erkennbar" und "fern, noch unbekannt, aber offenbar wichtig". Solchen Unterschied hatten wir schon als den zwischen "Glauben" und "Wissen". Vgl. [25] bzw. [26]. Anders gesagt: die Raumbilder drücken zwei elementare Formen meines Wissens aus. Bei der gemeinten Bedeutung spielen Raumvorstellungen keine Rolle mehr.

1.0 Brüche in Wahrnehmung und Lehre

... sind keine Defekte, sondern u.U. wichtige Anzeiger, dass auf dem bisherigen denkerischen Weg nicht weitergegangen werden kann/sollte. Vielmehr sollte aufgrund solcher Impulse nach überzeugenderen Alternativen gesucht werden.

1.0.1 "Meta"-Physik

... wird noch häufig im lokalen Verständnis genommen: Hinter der physisch erforschbaren Welt - die für uns erreichbaren Grenzen des Weltalls sind in unserer Zeit allerdings gewaltig ausgeweitet worden - liege der Bereich Gottes. - So kann man es häufig noch auch von akademisch gebildeten Menschen hören.

Anmerkung zu Logik und Methode: In dieser Denkweise wird der "Bereich Gottes" immer noch als lokal zu verortende Größe verstanden. Anders gesagt: Obwohl eine große Entfernung unterstellt ist - zig Mio. Lichtjahre und so... - , wird der "Bereich Gottes" immer noch wie ein Element der Physik behandelt, nicht als etwas grundsätzlich und qualitativ Anderes!

Es wird zwar behauptet, die "Physik" zu übersteigen(!). Aber das Sprach-
bild bringt dann lediglich einen weiteren 'Lokalbereich' in den 
Blick. Von "qualitativ Anderem" (wir würden sagen: gemeinte Bedeutung)
ist nichts zu erkennen.
N.B. Es zeigt sich an diesem Beispiel, was auch sonst breitflächig zu
beobachten ist: das lokale Denken ist aus unserer Sprechweise nicht
auszurotten (!). Diese Schwierigkeit sollte man wenigstens sehen, be-
vor das Thema weiterverhandelt wird. Das raum/(zeitliche) Denken prägt
uns fundamental, vgl. [27]

Impliziert vgl. [28]: Wer so denkt, schiebt das anscheinend wichtige Thema "Gott" nur noch weiter von sich weg, konzediert, dass dieser "Gott" bzw. der - im religiösen Sinn verstanden - himmlische Bereich mit der aktuellen Existenz - fast - nichts mehr zu tun habe. Dass damit auf dem Weg des Glaubens eine innere Beziehung zu diesem fernen "Gott" hergestellt werden könne, erscheint immer unwahrscheinlicher. D.h. mit solchem Denken - das verbreitet ist und mit dem man meint, den 'Glauben' retten zu können (z.B. in pietistischen Kreisen), sägt man den religiösen Ast eigenhändig ab, auf dem man selbst sitzt und den man eigentlich stützen wollte.

Stattdessen darf das lokale Verständnis des meta - wenn es schon nicht völlig ausgeblendet werden kann - die genannten Negativ-Effekte nicht unbedacht fortsetzen ('Gott unbedacht von der eigenen Existenz fernhalten'). Es ist zu ersetzen durch ein qualitativ anderes Denken = Verweis auf eine - entgegengesetzt zur Rationalität - grundsätzlich andere Wahrnehmungsform im einzelnen Menschen - nenne man sie "Unbewusstes, Intuition, künstlerische Kreativität" oder eben auch "Gott". Zurückzukommen - nun in der PRAGMATIK - ist auf [29], das seit der SEMANTIK bekannt ist. In dieser kritisch-dekonstruierenden Sicht ist die himmlische/höllische Welt dann ganz nah an der jeweiligen Menschenexistenz und es stellt sich die Aufgabe, damit bewusst und aktiv umzugehen - ohne sie je 'beherrschen' zu können.

Unser Verständnis von Religiosität bindet letztere also - nach
kritisch-pragmatischer Beleuchtung - in die modale Innenwelt = 
die Welt des Ahnens, der Gefühle, des Denkens des einzelnen Menschen.
Dafür stehen unsere Modal-Register, vgl. [30].
Sie bilden letztlich die Gesamtheit der menschlichen Innenwelt ab;
aufgefächert in Einzelregister sind sie nur, weil unterschied-
liche Akzentuierungen hervorgehoben werden können. Aber die mensch-
liche Innenwelt bildet natürlich ein hochkomplexes Ganzes.

So gesehen ist das, was mit "Gott" usw. gemeint ist, und was 'sehr fern' erscheint, plötzlich 'sehr nah', kann eine gestaltende Rolle im einzelnen Leben spielen, hat mit 'Überzeugung, Sicherheit des Wissens' zu tun, und ist gefeit vor externen Urteilsinstanzen (amtliche Dogmatiker, Lehramt, Lehrzuchtverfahren u.ä.), ganz im Sinn Luthers: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" - was aber nicht statisch missverstanden werden darf: eine solch lebendige und belebende Innenwelt will wahrgenommen werden, und ihre Impulse können zu ständiger Veränderung, Gelassenheit, auch Humor führen. - Etwa so ist ein auch sprachkritisch akzeptables Verständnis religiöser Vorstellungen zu verstehen. Naivitäten (u.U. bis ins hohe Alter), die nichts als die Wortbedeutung kultivieren (und deren geistige Sackgassen = Aporien nicht erkennen), zusätzlich die "Sprache" übersehen und meinen, es direkt mit der 'Objektivität der Faktenwelt' zu tun zu haben, sind dann überwunden.

Das explizite Zulassen und beständige Wahrnehmen der Impulse von
Innen kann via Meditation, poetischen Ausdruck bis hin zur Psycho-
therapie reichen, kann wohl auch - sofern die Wortlastigkeit einge-
dämmt, stattdessen Musik, passende Gestik und guter Symbolgebrauch
stärkeren Raum gewinnen, verstärkt durch künstlerisch gestaltete
Architektur - in gottesdienstlichem Rahmen gefördert werden. 
Wer breitflächig eine solche Kontaktaufnahme mit seinem Personkern
abblockt, läuft wohl Gefahr, seelisch zu erkranken oder in seiner
Entwicklung zu erstarren.
Ob das, was Religionsgemeinschaften als Standard-Gottesdienstfor-
men anbieten, den erwähnten Postulaten gerecht wird, mögen die
einzelnen Besucher beurteilen. Auf unserer Seite überwiegt Skepsis.
Ohnehin: Wenn das Wirken von Theologen zum Ergebnis hat, dass
Menschen auch nach Jahrzehnten in unkritischer Naivität befangen
sind, könnte dies heißen: eine autoritär erwünschte Dumpfheit
wird kultiviert - damit nicht dogmatische Grenzziehungen und da-
mit Pfründen ins Rutschen kommen; Dumpfheit, auf dass die Religions-
gruppierung, wie sie geworden ist, in dieser Form weiterbestehen
kann. Ein Missbrauch des 'Vereinszwecks' läge vor.

1.0.2 Erster, aber kein zweiter Schritt

... nämlich des Ratsvorsitzenden der EKD, Bedford-Strohm, im SPIEGEL-Interview (SPIEGEL 16/2017 S.19-21)

Bedford-Strohm: Wenn ich jetzt meine Frau mitgebracht
hätte, würde ich sie Ihnen ja auch nicht vorstellen, indem
ich sage: gestatten, meine Frau, 65 Prozent Sauerstoff, 20
Prozent Kohlenstoff, 10 Prozent Wasserstoff, 4 Prozent
Stickstoff. 
SPIEGEL: Wir würden uns Sorgen um Ihre Ehe machen.
Bedford-Strohm: Mit Recht! Weil Sie genau wissen, dass
in einem solchen Zusammenhang die Frage der chemischen
Zusammensetzung meiner Frau schlicht und einfach keine
Rolle spielt. In unseren Beziehungen geht es um Liebe,
Emotionen, nicht um Kohlenstoff und Wasser.
SPIEGEL: Was wollen Sie damit sagen?
Bedford-Strohm: Wer nur glaubt, was er empirisch messen
kann, um den würde ich mir wirklich Sorgen machen: Wesent-
liche Dimensionen des Lebens, die den Reichtum unserer
Existenz ausmachen, würden ihm verloren gehen.
  • Gut wird deutlich, dass die vermeintlich 'objektive' Redeweise der 'harten' Naturwissenschaften eben auch nur eine 'Redeweise' ist, eine, die an den physischen Aspekten interessiert ist. Dieser suggestiven, weil messbaren Sicherheit darf man nicht erliegen.
  • Übertragen auf unsere Sprachanalyse: Bislang ist erst die (Ausdrucks-)SYNTAX aktiviert, die den Sinnen zugängliche Realität.
  • Folglich darf man sich nicht den Blick verstellen lassen, dass die eigentlich lebenswerten Dimensionen des Lebens jenseits der naturwissenschaftlichen Ebene liegen: ein qualitativ anderer Bereich macht das eigentlich menschliche Leben aus.
  • In unserer Methodik: Es müssen die Ebenen des Bedeutungsverstehens hinzukommen - SEMANTIK/PRAGMATIK -, die meist komplexen und anspruchsvollen Prozesse der geistig-seelischen Verständigung. Anders gesagt: KOMMUNIKATION zwischen den Partnern muss ausreichend farbig und dauerhaft entstehen. - Bei diesem Aspekt sind wir bereits "meta-physis", die krude Objektwelt ist überstiegen. Eine ins Jenseits verlagerte Hinterwelt brauchts dazu nicht.
  • Im weiteren Verlauf des Interviews lässt der Theologe eine vergleichbar kritische Rationalität bei typisch biblischen Bildern für Tod, Jenseits, Weiterleben nach dem Tod, Ewigkeit u.ä. vermissen - das allerdings ist alter theologischer Standard.
  • Er lässt die Chance ungenutzt, jene Sprachbilder, die auf ferne Zeiten zu deuten scheinen, als aussagekräftig für die Gegenwart zu verstehen (= das wäre dann Dekonstruktion: die Wortbedeutung wird nach ihrem gemeinten Sinn befragt = PRAGMATIK)
  • Von diesen Wortbedeutungen müsste er genauso Abstand nehmen und sie als Ausdruck aktuellen Liebens, Hoffens, Wünschens, Träumens usw. nehmen (= Modalitäten) - wobei unerbittlich klar ist, welchen Weg der physische Leib geht - der geht seinen eigenen Gang, der sich auch mit einer göttlichen Hinterwelt nicht begründen und aufklären lässt.
Beileibe nicht alle sterben "alt und lebenssatt" - stattdessen
denke man an Unglücke, Katastrofen, Hungerepidemien, Kranheiten,
Behinderungen, quälende seelische Deformationen usw. 

1.0.3 Praktische Dekonstruktion: Pianist Arcadi Volodos

... im Interview (SPIEGEL 1972017) 122ff. Das sog. "Jenseits" wird rückgebunden an die eigene seelische Innenwelt - auf dieser Ebene Kontaktaufnahme mit den Göttern = tiefe Verbundenheit.

SPIEGEL: Herr Volodos, über Johannes Brahms, dem
Sie Ihre neue Aufnahme gewidmet haben, sagten Sie
einmal: "Seine Musik begleitet mein Leben wie die
Bibel." Hat Brahms' Musik für Sie eine religiöse
Bedeutung?
Volodos: Absolut - aber nicht nur die Musik
von Brahms, sondern die Musik aller großen Komponisten.
Die Werke von Genies wie Beethoven oder Brahms sind
für uns Musiker als ganzes eine Religion. Sie sind
unsere Bibel. 
SPIEGEL: Was macht Musik für Sie zu einer
religiösen Erfahrung?
Volodos: Es wäre falsch, die Musik auf Reli-
giosität im kirchlichen Sinne zu reduzieren - das
sind ganz unterschiedliche Dinge. In der Musik können
wir alle Empfindungen, alle Facetten des menschlichen
Lebens erleben. Besonders faszinierend finde ich,
dass sie darüber hinaus auch Phänomenen Ausdruck
verleihen kann, die weder im Diesseits noch in
unserer Vorstellung des Jenseits existieren.
Musik lässt uns in Welten vordringen, die für uns
Menschen schlicht unbegreiflich sind. (...) 
SPIEGEL: Hätten Sie sich auch vorstellen
können, beruflich etwas anderes zu machen?
Volodos: Nein.
SPIEGEL: Kein Plan B?
Volodos: Nein. In jungen Jahren hat man viele
Interessen. Aber je älter ich werde, desto klarer
wird mir, dass Musik die zentrale Rolle in meinem
Leben spielt. Zurück zum Thema Religiosität - mich
hat die ganze Zeit beschäftigt, dass ich es Ihnen
nicht richtig erklären konnte. Ich kann es nur
anhand eines Beispiels versuchen: Rachmaninow,
Brahms, Schumann oder Beethoven - ein solcher
Komponist ist für mich wie ein Gott. Verstehen Sie? 


1.1 Risse auch in bildender Kunst

Arnold Hauser Sozialgeschichte der Mittelalterlichen Kunst. 1957, zum spätromanischen Expressionismus:

(66) In der altchristlichen Kunst bewegten sich
die Abweichungen von der Erfahrungswirklichkeit
immer noch in den Grenzen des biologisch Möglichen
und des formal Richtigen; jetzt sind diese Abwei-
chungen mit den antiken Wahrheits- und Schönheits-
kriterien durchaus unvereinbar geworden, und es hat
schließlich 'jeder plastische Eigenwert der Gestalten'
aufgehört. Die transzendente Bezogenheit der Dar-
stellungen ist nunmehr so vorherrschend, daß die ein-
zelnen Formen überhaupt keinen immanenten Wert mehr
haben; sie sind nur noch Symbol und Zeichen. Und sie
drücken die transzendente Welt nicht mehr nur mit
negativen Mitteln aus, das heißt, sie deuten auf die
übernatürliche Wirklichkeit nicht nur damit hin, daß
sie in der natürlichen Risse klaffen lassen und
ihre Ordnung negieren; sie schildern das Irrationale
und Überweltliche in einer durchaus positiven und
direkten Weise. ... 
Der Klassik gegenüber, die sich ausschließlich auf
das Körperlich-Schöne, Sinnlich-Lebendige und
Formal-Regelmäßige beschränkt und jeden Hinweis auf
das Psychische und Geistige vermeidet, erscheint der
romanische (67) Stil als eine Kunst, der es einzig
und allein um den seelischen Ausdruck zu tun ist
und deren Gesetze sich nicht nach der Logik der
sinnlichen Erfahrung, sondern nach der der inneren
Vision richten. In diesem visionären Zug ist die
Wesensart der spätromanischen Kunst, vor allem die
Erklärung der schattenhaften Gestrecktheit, der
gezwungenen Haltung, der marionettenhaften Beweglich-
keit ihrer Gestalten, am bündigsten enthalten.

1.2 Gustav Schwab, Die schönsten Sagen des klassischen Altertums

Gondrom Verlag Bayreuth, 1974

Text Erklärung
Imagination/
Prognose
Er wandte sich abermals an das Orakel zu Delphi, und das gab ihm zur Antwort: "Erwartet ihr die dritte Frucht, so wird euch die Rückkehr gelingen" (Die Sage von den Herakliden, s.138) Durch das Orakel von Delphi spricht der Gott Apollo zu Hyllos. Er teilt ihm mit, dass die Herakliden in drei Generationen stark genug sind, um ihr Heimatland zurück zu erobern.
Imagination/
Prognose
Da stieg aus der Flut Glaukos, ein Meergott, hervor und faßte mit starker Hand den Achtersteven des Schiffes. "Ihr Helden, was streitet ihr euch? Dem Herakles sind vom Schicksal ganz andere Arbeiten als euch bestimmt!" (Die Argonautensage, s.65) Die Argonauten streiten sich, ob sie ohne Herakles, welchen sie aus Versehen zurück gelassen haben, weiter segeln sollen. Glaukos beendet den Streit (INITIATIVE) und liefert eine Prognose über Herakles Schicksal.
Wille zu ihnen gesellte sich Hera in Stentors Gestalt und rief mit der ehernen Stimme jenes Helden: "schämt euch, ihr Argiver! seid ihr nur groß im Kampf, solang Archill an eurer Seite ficht?" (Die Sagen Trojas, s.253) Hera stachelt die entmutigten Griechen an den Kampf wieder aufzunehmen.
Wille Da senkte sich des Göttervaters Botin, Iris, aus der Höhe nieder und redete das Heldenpaar an: "Nicht ist's erlaubt, ihr Edlen, die Jagdhunde des Zeus, die Harpyien, mit dem Schwerte zu fällen" (Die Argonautensage, s.68) Zeus verbietet, durch die Götterbotin Iris, den Helden Zetes und Kalais ihre Jagd auf die Harpyien fortzusetzen.
Wertung 'Bist du ein Gott, der sterbliche Gestalt angenommen hat...' (Die Sagen Trojas, s.254) Diomedes bringt sein Erstaunen über den Mut des Glaukos, welcher sich ihm entgegen stellt, zum Ausdruck.
Wertung "du bist sterblich, und was du wünschest, ist ein Auftrag für Unsterbliche" (Phaeton, s.30) Helios traut seinem sterblichen Sohn Phaeton nicht zu, den Sonnenwagen zu lenken. Durch den Vergleich wird dies zu einer negativen Wertung bezüglich Phaetons Können, "ein Auftrag für Unsterbliche" wertet die Aufgabe als eine sehr schwierige.
Ermöglichung Da erschien ihm seine Beschirmerin Athene; sie stand vor ihm, einen köstlichen Zaum mit goldenen Buckeln in der Hand, und sprach: "...Nimm dieses rossebändigende Werkzeug; opfere dem Poseidon einen Stier und gebrauche, was ich dir gab" (Bellerophontes, s.54) Bellerophontes schläft bei dem Versuch den Pegasus zu bändigen ein. Im Traum erscheint ihm Athene und ermöglicht ihm das Bändigen des Tieres.

1.3 Hermann Hesse

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973. 'Walter Kömpff'

(202) "Eine Ahnung des Trostes und der Erbauung wachte
dort zwar in ihm auf, doch mißtraute er heimlich der
inneren Wahrhaftigkeit dieser Männer, die ganze Abende
mit kleinlichen Versuchen einer untheologischen Bibel-
auslegung verbrachten, viel verbissenen Autodidakten-
stolz an den Tag legten und selten recht einig unter-
einander waren. Es mußte eine Quelle des Vertrauens und
der Gottesfreude geben, eine Möglichkeit der Heimkehr
zur Kindeseinfalt und in Gottes Arme: aber hier war sie
nicht. Diese Leute hatten doch alle, so schien ihm,
irgendeinmal einen Kompromiß geschlossen und hielten in
ihrem Leben eine irgendeinmal angenommene Grenze zwischen
Geistlichem und Weltlichem inne. Ebendas hatte Kömpff
selber ein Leben lang getan, und ebendas hatte ihn
müde und traurig gemacht und ohne Trost gelassen."
(215-7) " 'Pass auf, Lies, du kannst was lernen. Also
nicht wahr, ein Esel, hab ich gesagt. Da bin ich ein
Leben lang gelaufen und hab mich abgehetzt und mein
Glück versäumt um etwas, was es gar nicht gibt!'
   'Das versteh ich nun wieder nicht.'
   'Stell dir vor, einer hat von einer schönen,
prächtigen Stadt in der Ferne gehört. Er hat ein
großes Verlangen, dorthin zu kommen, wenn es auch noch
so weit ist. Schließlich läßt er alles liegen und geht
fort, immer fort und fort, tagelang und monatelang,
durch dick und dünn, so lange er noch Kräfte hat. Und
dann, wie er soweit ist, daß er nimmer zurück kann, da
fängt er an zu merken, daß das von der prächtigen Stadt
in der Ferne ein Lug und Märchen war. Die Stadt ist gar
nicht da und ist niemals dagewesen.'
'Das ist traurig. Aber das tut ja niemand, so was.'
'Ich, Lies, ich doch! Ich bin so einer gewesen, das
kannst du sagen, wem du willst. Mein Leben lang, Lies.'
'Ist nicht möglich, Herr! Was ist denn das für eine
Stadt?'
'Keine Stadt, das war nur so ein Vergleich, weißt du.
Ich bin ja immer hiergeblieben. Aber ich habe auch
ein Verlangen gehabt und darüber alles versäumt und
verloren. Ich habe ein Verlangen nach Gott gehabt -
nach dem Herrgott, Lies. Den hab ich finden wollen,
dem bin ich nachgelaufen, und jetzt bin ich so weit,
daß ich nimmer zurück kann - verstehst du? Nimmer
zurück. Und alles ist ein Lug gewesen.'
'Was denn? Was ist ein Lug gewesen?'
'Der liebe Gott, du. Er ist nirgends, es gibt keinen.'
'Herr, Herr, sagen Sie keine solchen Sachen! Das darf
man nicht, wissen Sie. Das ist Todsünde.'
'Laß mich reden. - Nein, still. Oder bist du dein
Leben lang ihm nachgelaufen? Hast du hundert und
hundert Nächte in der Bibel gelesen? Hast du Gott
tausendmal auf den Knien gebeten, daß er dich höre,
daß er dein Opfer annehme und dir ein klein wenig
Licht und Frieden dafür gebe? Hast du das? Und hast
du deine Freunde verloren - um Gott näher zu kommen,
und deinen Beruf und deine Ehre hingeworfen, um Gott
zu sehen? - Ich habe das getan, alles das und viel
mehr, und wenn Gott lebendig wäre und hätte auch nur
so viel Herz und Gerechtigkeit wie der alte Beckeler,
so hätte er mich angeblickt.'
'Er hat Sie prüfen wollen.'
'Das hat er getan, das hat er. Und dann hätte er
sehen müssen, daß ich nichts wollte als ihn. Aber er
hat nichts gesehen. Nicht er hat mich geprüft, sondern
ich ihn, und ich habe gefunden, daß er ein Märlein ist.'
   Von diesem Thema kam Walter Kömpff nicht mehr los.
Er fand beinahe einen Trost darin, daß er nun eine
Erklärung für sein verunglücktes Leben hatte. Und doch
war er seiner neuen Erkenntnis keineswegs sicher.
Sooft er Gott leugnete, empfand er ebensoviel Hoffnung
wie Furcht bei dem Gedanken, der Geleugnete könnte
gerade jetzt ins Zimmer treten und seine Allgegenwart
beweisen. Und manchmal lästerte er sogar, nur um
vielleicht Gott antworten zu hören, wie ein Kind vor
dem Hoftor Wauwau ruft, um zu erfahren, ob drinnen
ein Hund ist oder nicht.
   Das war die letzte Entwicklung in seinem Leben.
Sein Gott war ihm zum Götzen geworden, den er reizte
und dem er fluchte, um ihn zum Reden zu zwingen. Damit
war der Sinn seines Daseins verloren, und in seiner
Seele trieben zwar noch schillernde Blasen und
Traumgebilde, aber keine lebendigen Keime mehr. Sein
Licht war ausgebrannt, und es erlosch schnell und
traurig."

aus 'Robert Aghion':

(278) "Wohin er blicken mochte, überall war Religion. In
London konnte man gewiß am höchsten kirchlichen Feiertag
nicht so viel Frömmigkeit wahrnehmen wie hier an jedem
Werktag und in jeder Gasse; überall waren Tempel und
Bilder, war Gebet und Opfer, waren Umzüge und Zeremonien,
Büßer und Priester zu sehen. Aber wer wollte sich jemals
in diesem wirren Knäuel von Religionen zurechtfinden? Da
waren Brahmanen und Mohammedaner, Feueranbeter und
Buddhisten, Diener des Schiwa und des Krischna,
Turbanträger und Gläubige mit glattrasierten Köpfen,
Schlangenanbeter und Diener heiliger Schildkröten. Wo
war der Gott, dem alle diese Verirrten dienten? Wie sah
er aus, und welcher Kultus von den vielen war der ältere,
heiligere, reinere? Das wußte niemand, und namentlich
den Indern selber war dies vollkommen einerlei; wer von
dem Glauben seiner Väter nicht befriedigt war, der ging
zu einem andern über oder zog als Büßer dahin,
um eine neue Religion zu finden oder gar zu schaffen.
Göttern und Geistern, deren Namen niemand wußte, wurden
Speisen in kleinen Schalen geopfert, und alle diese
hundert Gottesdienste, Tempel und Priesterschaften
lebten vergnügt nebeneinander hin, ohne daß es den
Anhängern des einen Glaubens einfiel, die anderen zu
hassen oder totzuschlagen, wie es daheim in den
Christenländern Sitte war."


aus 'Knulp':

(393) "'Nun sei mal zufrieden', mahnte Gott, 'was soll
das Klagen nützen? Kannst du wirklich nicht sehen, daß
alles gut und richtig zugegangen ist und daß nichts
hätte anders sein dürfen? Ja, möchtest du denn jetzt
ein Herr oder ein Handwerksmeister sein und Frau und
Kinder haben und am Abend das Wochenblatt lesen?
Würdest du nicht sofort wieder davonlaufen und im Wald 
bei den Füchsen schlafen und Vogelfallen stellen und
Eidechsen zähmen?'
   Wieder fing Knulp zu gehen an, er schwankte vor
Müdigkeit und spürte doch nichts davon. Es war ihm
viel wohler zumute geworden, und er nickte dankbar
zu allem, was Gott ihm sagte.
   'Sieh', sprach Gott, 'ich habe dich nicht anders
brauchen können, als wie du bist. In meinem Namen bist
du gewandert und hast den seßhaften Leuten immer
wieder ein wenig Heimweh nach Freiheit mitbringen
müssen. In meinem Namen hast du Dummheiten gemacht
und dich verspotten lassen; ich selber bin in dir
verspottet und bin in dir geliebt worden. Du bist ja
mein Kind und mein Bruder und ein Stück von mir, und
du hast nichts gekostet und nichts gelitten, was ich
nicht mir dir erlebt habe.'
  'Ja', sagte Knulp und nickte schwer mit dem Kopf,
'Ja, es ist so, ich habe es eigentlich immer gewußt.'
  Er lag ruhend im Schnee, und seine müden Glieder
waren ganz leicht geworden, und seine entzündeten
Augen lächelten.
   Und als er sie schloß, um ein wenig zu schlafen,
hörte er noch immer Gottes Stimme reden und sah noch
immer in seine hellen Augen.
   'Also ist nichts mehr zu klagen?' fragte Gottes
Stimme.
   'Nichts mehr', nickte Knulp und lachte schüchtern.
   'Und alles ist gut? Alles ist, wie es sein soll?'
   'Ja', nickte er, 'es ist alles, wie es sein soll.'
Gottes Stimme wurde leiser und tönte bald wie die
seiner Mutter, bald wie Henriettes Stimme, bald wie
die gute sanfte Stimme der Lisabeth."

aus 'Klein und Wagner':

(436) "Trauer ergriff ihn. Oh, wenn alle Menschen
dies wüßten, dies erlebten! Wie wurde drauflos gelebt,
drauflos gesündigt, wie blind und maßlos wurde gelitten!
Hatte er nicht gestern noch sich über Teresina geärgert?
Hatte er nicht gestern noch seine Frau gehaßt, sie
angeklagt und für alles Leid seines Lebens verantwortlich
machen wollen? Wie traurig, wie dumm, wie hoffnungslos!
Alles war doch so einfach, so gut, so sinnvoll, sobald
man es von innen sah, sobald man hinter jedem Ding das
Wesen stehen sah, ihn, Gott.
    Hier bog ein Weg zu neuen Vorstellungsgärten und
Bilderwäldern ein. Wendete er sein heutiges Gefühl der
Zukunft zu, sprühten hundert Glücksträume auf, für ihn
und für alle. Sein vergangenes, dumpfes, verdorbenes
Leben sollte nicht beklagt, nicht angeklagt, nicht
gerichtet werden, sondern erneut und ins Gegenteil
verwandelt, voll Sinn, voll Freude, voll Güte, voll
Liebe. Die Gnade, die er erlebt, mußte widerstrahlen
und weiter wirken. Bibelsprüche kamen ihm in den Sinn,
und alles, was er von begnadeten Frommen und Heiligen
wußte. So hatte es immer begonnen, bei allen. Sie waren
denselben harten und finstern Weg geführt worden wie er,
feig und voll Angst, bis zur Stunde der Umkehr und
Erleuchtung. 'In der Welt habet ihr Angst', hatte Jesus
zu seinen Jüngern gesagt.
Wer aber die Angst überwunden hatte, der lebte nicht
mehr in der Welt, sondern in Gott, in der Ewigkeit.
    So hatten alle gelehrt, alle Weisen der ganzen Welt,
Buddha und Schopenhauer, Jesus, die Griechen. Es gab nur
eine Weisheit, nur einen Glauben, nur ein Denken:
Das Wissen von Gott in uns. Wie wurde das in den
Schulen, Kirchen, Büchern und Wissenschaften verdreht
und falsch gelehrt!"

Wahrnehmungen im Kontext des Ertrinkens

(465ff) "Wasser floss ihm in den Mund, und er trank.
Von allen Seiten, durch alle Sinne floß Wasser he-
rein, alles löste sich auf. Er wurde angesogen, er
wurde eingeatmet. Neben ihm, an ihn gedrängt, so
eng beisammen wie die Tropfen im Wasser, schwammen
andere Menschen, schwamm Teresina, schwamm der alte
Sänger, schwamm seine einstige Frau, sein Vater,
seine Mutter und Schwester, und tausend, tausend,
tausend andre Menschen, und auch Bilder und Häuser,
Tizians Venus und das Münster von Straßburg, alles
schwamm, eng aneinander, in einem ungeheuren Strom
dahin, von Notwendigkeit getrieben, rasch und rascher,
rasend - und diesem ungeheuern, rasenden Riesenstrom
der Gestaltungen kam ein anderer Strom entgegen,
ungeheuer, rasend, ein Strom von Gesichtern, Beinen,
Bäuchen, von Tieren, Blumen, Gedanken, Morden, Selbst-
morden, geschriebenen Büchern, geweinten Tränen,
dicht, dicht, voll, voll, Kinderaugen und schwarze
Locken und Fischköpfe, ein Weib mit langem starrem
Messer im blutigen Bauch, ein junger Mensch, ihm selbst
ähnlich, das Gesicht voll heiliger Leidenschaft, das
war er selbst, zwanzigjährig, jener verschollene Klein
von damals! Wie gut, daß auch diese Erkenntnis nun zu
ihm kam: daß es keine Zeit gab! Das einzige, was
zwischen Alter und Jugend, zwischen Babylon und Berlin,
zwischen Gut und Böse, Geben und Nehmen stand, das
einzige, was die Welt mit Unterschieden, Wertungen,
Leid, Streit, Krieg erfüllte, war der Menschengeist,
der junge ungestüme und grausame Menschengeist im
Zustand der tobenden Gegensätze, er erfand Namen. Dinge
nannte er schön, Dinge häßlich, diese gut, diese
schlecht. Ein Stück Leben wurde Liebe genannt, ein
anderes Mord. So war dieser Geist, jung, töricht,
komisch, Eine seiner Erfindungen war die Zeit. Eine
feine Erfindung, ein raffiniertes Instrument, sich noch
inniger zu quälen und die Welt vielfach und schwierig zu
machen! Von allem, was der Mensch begehrte, war er immer
nur durch Zeit getrennt, nur durch diese Zeit, diese
tolle Erfindung! Sie war eine der Stützen, eine der
Krücken, die man vor allem fahren lassen mußte, wenn
man frei werden wollte.
   Weiter quoll der Weltstrom der Gestaltungen, der von
Gott eingesogene, und der andere, ihm entgegen, der
ausgeatmete. Klein sah Wesen, die sich dem Strom wider-
setzten, die sich unter furchtbaren Krämpfen aufbäumten
und sich grauenhafte Qualen schufen: Helden, Verbrecher,
Wahnsinnige, Denker, Liebende, Religiöse. Andre sah er,
gleich ihm selbst, rasch und leicht in inniger Wollust
der Hingabe, des Einverstandenseins dahingetrieben,
Selige wie er. Aus dem Gesang der Seligen und aus dem
endlosen Qualschrei der Unseligen baute sich über den
beiden Weltströmen eine durchsichtige Kugel oder Kuppel
aus Tönen, ein Dom von Musik, in dessen Mitte saß Gott,
saß ein heller, vor Helle unsichtbarer Glanzstern, ein
Inbegriff von Licht, umbraust von der Musik der
Weltchöre, in ewiger Brandung.
   Helden und Denker traten aus dem Weltstrom,
Propheten, Verkünder. 'Sieh, das ist Gott der Herr, und
sein Weg führt zum Frieden', rief einer, und viele
folgten ihm. Ein andrer verkündete, daß Gottes Bahn
zum Kampf und Kriege führe. Einer nannte ihn Licht,
einer nannte ihn Nacht, einer Vater, einer Mutter.
Einer pries ihn als Ruhe, einer als Bewegung, als
Feuer, als Kühle, als Richter, als Tröster, als
Schöpfer, als Vernichter, als Verzeiher, als Rächer,
Gott selbst nannte sich nicht. Er wollte genannt, er
wollte geliebt, er wollte gepriesen, verflucht,
gehaßt, angebetet sein, denn die Musik der Weltchöre
war sein Gotteshaus und war sein Leben - aber es galt
ihm gleich, mit welchen Namen man ihn pries, ob man
ihn liebte oder haßte, ob man bei ihm Ruhe und Schlaf,
oder Tanz und Raserei suchte. Jeder konnte suchen.
Jeder konnte finden.
   Jetzt vernahm Klein seine eigene Stimme. Er sang.
Mit einer neuen, gewaltigen, hellen, hallenden Stimme
sang er laut, sang er laut und hallend Gottes Lob,
Gottes Preis. Er sang im rasenden Dahinschwimmen,
inmitten der Millionen Geschöpfe, ein Prophet und
Verkünder. Laut schallte sein Lied, hoch stieg das
Gewölbe der Töne auf, strahlend saß Gott im Innern.
Ungeheuer brausten die Ströme hin."
  • Sprache wird in diesem letzten Zitat gerade nicht dazu eingesetzt, mit gängiger Logik, auch Theo-Logik, nachvollziehbare Informationen, womöglich 'Sach'-Aussagen zu machen;
  • sondern sie reißt die Leser/Hörer mit in Richtung Ekstase; eine solche Sprache zielt auf ganzheitliches Erleben;
  • ob bildhaft oft direkt benannt - es spielen starke Gefühle eine Rolle.

Dem Poeten scheint in dieser Form das Sprechen zum Thema 'Gott' einzig angemessen. Alles was in Richtung kalter. rechthaberischer dogmatischer Definitionen ginge, wird implizit zurückgewiesen.

1.4 William Shakespeare

Anlässlich seines 400. Todestages Charakterisierung der Zeit, in der der Dramatiker gelebt hatte - SPIEGEL 17/2016 S.116:

"Das europäische Mittelalter war geprägt gewesen
von der Religion, von der Vorstellung, dass der
Allmächtige und nur er den Lauf der Welt und das
Schicksal der Menschen bestimmte. Nun aber hatte
Martin Luther, knapp fünfzig Jahre vor der Geburt
Shakespeares, seine 95 Thesen an die Tür der Wit-
tenberger Schlosskirche geschlagen und damit die
Reformation begonnen. Kopernikus hatte erkannt und
beschrieben, dass die Erde um die Sonne kreist,
Galileo Galilei die exakten Naturwissenschaften
begründet. Michelangelo, der Künstler der Hoch-
renaissance, starb im Jahr der Geburt des
Dramatikers aus Stratford. Und kurz bevor
Shakespeare seine ersten Stücke schrieb, ver-
öffentlichte Michel de Montaigne seine 'Essais',
geprägt von Humanismus und Reformation.
   Das Zeitalter der Aufklärung begann, und
Shakespeare beschrieb, was es heißt, wenn der
Mensch den Hauch der Freiheit spürt, was aber
auch heißt, dass nicht Gott uns führt, sondern
nur wir uns selbst. Der Mensch, der die Freiheit
sucht und zugleich überfordert von ihr ist. 
   In Shakespeares 16. Jahrhundert entstand in
Umrissen die moderne Welt von heute, und er
entdeckte und beschrieb die Seele des modernen
Menschen. Dessen Ringen um Gut und Böse, dessen
Gier und seine Güte, die Kraft der Liebe und
die dunkle Gefahr der Triebe, den Kampf um Macht
und die Abgründe der Rache. Shakespeare war der
Writer der Apokalypse, ein früher Terrorexperte,
sein Werk ist erstaunlich aktuell."  

1.5 Nagib Machfus "Echnaton"

Bezogen auf den Pharao, der Mitte des 2.Jahrtausends v.Chr. in der ägyptischen Kultur eine religiöse Revolution ausgelöst hatte (wurde nach seinem Tod revidiert): Nicht Amun und einige tausend weitere Götter waren anzubeten, sondern allein noch Aton. Erläuterung in Romanform: Nagib Machfus, Echnaton. Der in der Wahrheit lebt. Zürich.

"Ich kann Ihnen sagen - der Grund war die Schwäche
dieses Ketzers, und zwar die des Körpers ebenso wie
die des Verstands. Seine Mutter hat ihn unendlich
verzärtelt, das hat ihn krankhaft empfindsam wer-
den lassen. Wenn er sich seine Kameraden ansah, also
Haremhab, Nachet und Bek, und sich mit ihnen
verglich, kam er sich minderwertig vor. Er versteckte
sein Schamgefühl hinter dem zarten Schleier wei-
bischer Sanftmut und Weichlichkeit, aber gleichzeitig
hegte er Rachegefühle gegen jeden, der stark war,
ob das nun ein Gott oder ein Priester war. Er wollte
das Feld allein behaupten, nur er sollte die Stimme
Gottes sein, deshalb hat er sich eigens einen erfunden.
Es ging ihm einzig und allein um unbeschränkte Macht.
Andererseits lockte er bei manchem, der seine Schwächen
erkannt hatte, den unwiderstehlichen Drang hervor, sie
für seine eigenen Ziele auszunutzen. Nicht aus Angst
hatten sich die Leute eilends um ihn geschart, son-
dern weil sie seine Schwäche ausnutzen wollten. Deshalb
haben die Großen im Reich sich zur Botschaft seines
Glaubens bekannt, und sie hatten recht. Als sie sich
gegen ihn auflehnten, hat er ihnen nicht etwa seine
Truppen geschickt, sondern Sendschreiben über die
Liebe. Wegen seiner Schwäche haben Männer wie Eje,
Haremhab und Nachet, an deren Klugheit kein Zweifel
besteht, und eine so schlaue Frau wie Nofretete seine
Religion angenommen. Seine Schwäche war der fette
Happen, der Heuchler, Ehrgeizlinge, Liederjane und
Diebe magisch anzog. Im Tempel sangen sie seine
Hymnen, und draußen plünderten und beuteten sie die
Menschen aus. Aber als ihnen dann Gefahr drohte, 
als sie fürchteten, das Leben zu verlieren, da hatten
sie nichts Eiligeres zu tun, als ihn zu verlassen und
mit ihrer Beute zum Feind überzulaufen." (119f)

Nofretete erinnert sich an die Zeit der Machtübernahme:

(170f) "Er begann seinen Gefolgsleuten die neue
Religion darzulegen, woraufhin sie diese als ihren
Glauben akzeptierten. Ich zweifelte nicht daran, dass
sie es ehrlich meinten. Erst die späteren Ereignisse
zeigten mir, dass ich mich geirrt hatte. Zumindest war
ihr Glaube nicht so stark, dass sie bereit waren, Opfer
zu bringen. Die einzige Ausnahme war Merire, der Hohe
Priester. Heute bin ich mir ganz sicher, dass Echnaton
seine Männer bis auf den Grund des Herzens durchaut
hatte. Aber er hat immer daran geglaubt, dass die Liebe
sie alle auf den rechten Weg bringen würde. Aus ober-
flächlichem Glauben würde, wenn die Zeit reif dafür sei,
wahrer Glauben werden. Auch bei mir hatte er abgewartet,
bis ich meine Liebe zu ihm entdeckt hatte. Aber ich
möchte behaupten, dass einige Leute ihn für den Thron
ungeeignet fanden, und als die Krise ihren Höhepunkt
erreicht hatte, hofften sie, selbst den Thron zu be-
steigen. Zu ihnen gehörte Haremhab, ja sogar mein
Vater. Das ist keine bloße Vermutung, sondern eine
Folgerung aus dem Verhalten mancher Leute, beziehungs-
weise der Eindruck den die hitzigen Gespräche während
der Krise bei mir hinterlassen haben. Deshalb war ich
froh, dass die Priesterschaft keinen von diesen Män-
nern, sondern Tutenchamon als Nachfolger erwählte."

1.6 Judentum

Vgl. [31] - darin die Auszüge von S.82ff

Die Religionsgemeinschaft braucht auch lokal einen eigenen Ort. Der wird bildhaft mit der Verbindung von Diesseits und Jenseits verknüpft, also etwas, das mit [32] erst noch analysiert werden müsste. Mit der Lokalisierung ist verbunden die Abwehrbereitschaft bei drohenden Kämpfen: die eigene Positionierung trägt dazu bei, die Gegner zu bestimmen.

Im selben Manuskript - S.88ff - begegnet eine Fülle von Segnungen: Sie lädt ein, die gemeinte, auch politisch-strategische Bedeutung erst noch zu erkennen. "Segnen" klingt zwar positiv - aber was bei dieser Handlung eigentlich geschieht, bedarf erst einer kritischen Sichtung. Unmittelbar verständlich ist sie nicht. Ist Beschwichtigung, Angstabbau bei den nicht-jüdischen Mitbürgern angestrebt?

1.7 "Engel" - gibts die?

Natürlich ist bei solcher Redeweise zuallererst [33] im Spiel und muss so auch analysiert werden. Die Frage ist nur: Heißt "Dekonstruktion" in diesem Fall: Ersatzloses Löschen des Bildes? Das Bild - weil oft im Rahmen kindertümlicher Sprechweise gebraucht - wäre dann beseitigt, die Vernunft (gemeint: Bildlosigkeit = Fantasiearmut) der Erwachsenen dominiert erneut. Wo bleibt dann aber die neue Formulierung dessen, was das Bild 'eigentlich' sagen wollte? Erst wenn sie versucht wird, hat man das Bild begriffen - ohne es zuvor abgeräumt zu haben. Die Wortbedeutung hat das Recht weiterzugelten, die Sinne anzusprechen - nur nicht exklusiv.

Auch ist ernst zu nehmen, wofür wir in der Alternativ-Grammatik ständig eintreten: Sprache <=> Lebenswirklichkeit. Indem ich etwas aussage, ist für die "Realität" des Ausgesagten strenggenommen noch nichts bewiesen. Im Alltag wird standardmäßig allenfalls wohlwollend unterstellt, das Gesagte stimme mit der "Realität" überein. Aber das kann täuschen! Auf einen kritischen Abgleich mit dem eigenen Weltwissen sollte man nicht verzichten, vgl. [34], etwa weil religiöser Kontext die eigene Kritikfähigkeit gelähmt hat. - Im aktuellen Fall: Sprachlich können "Engel" auftreten, im realen Leben tun sie es nicht. Folglich muss ich meine "Rationalität", meine "Alltagstauglichkeit" nicht dadurch beweisen, dass ich "Engel" - 'selbstverständlich' - streiche, sobald sie in Texten vorkommen. Diese punktuelle Aktion bei einem "Engel"-Text macht dann oft den Zusatzfehler, dass man den Rest des Textes mehr oder weniger belässt. Dekonstruktion gelingt nicht halb, sondern nur ganz.

Den Mangel baut man auch nicht dadurch ab, dass man auf andere Bilder ausweicht, die die Denkweise, die man gerade überwinden/durchleuchten will, doch wieder etabliert, etwa nach dem Motto: "Engel sind Boten aus einer anderen, der göttlichen Welt." - Damit würde man sich im Kreise drehen.

1.7.1 "Da hast du aber einen Schutz-Engel gehabt"

= Formel aus dem Bereich der Kindersprache. Anlass, sie zu gebrauchen: ein unerwartetes und gefährliches Ereignis, das der/die Angesprochene genauso unerwartet glücklich überstanden hat. Eigenes beherztes, helfendes Eingreifen des Sprechers war nicht möglich gewesen. Umso größer nun die Erleichterung und Dankbarkeit, dass der/die Angesprochene gut davongekommen ist.

Etwa so umschrieben wird klar, dass via Sprachbild die ganze Latte von Modal-Registern - vgl. in [35] - beachte die Einzelrealisierungen! - artikuliert wird, oft mehrfach. Man kann ohne weiteres die enthaltenen Einzel-Modalaspekte ausformulieren. Das ergibt dann, wenn man einigermaßen vollständig sein will, einen längeren Absatz. Dann wird deutlich, wie komplex via Implkation, vgl. [36], die Gesamtbotschaft dieses einen formelhaften Sätzchens ist.

Ausgedrückt wird dadurch die staunende und dankbare Verwunderung des Sprechers. Es ist also sein Sprechakt der Selbstexpression, den wir vernehmen, vgl. [37]/auf pragmatischer Ebene.

Der gröbste, aber häufig gemachte Fehler - bei
Verzicht auf Dekonstruktion - ist, dass darüber
spekuliert bzw. dem Partner suggeriert wird,
dass die Figur "Engel" etwa bei einem Sturz vom
Fahrrad mechanisch eingegriffen und Fall bzw.
Aufschlag günstig beeinflusst hätte. 
= Kapitulation vor der Dekonstruktion

Anstatt eine 'religiöse Hinterwelt' ins Spiel zu bringen, wird durch "religiöse Sprache" im Menschen die immer vorhandene weitere Sprach- und Wahrnehmungsebene, die nun nicht mehr analytisch-übersichtlich gegliedert ist (wie die Standardvernunft), geweckt. Sie prägt unser Leben breiter und tiefer als der nur kopfgesteuerte Gedankenapparat.

1.8 Einzelbedeutung <<GOTT>> - sprachlogisch durchleuchtet

Vgl. [38]

2. Zombies

... sind zumindest Figuren, die im Alltag nicht begegnen, der fiktionalen Welt angehören, in Filmen vorkommen. Laut Wikipedia - vgl. [39] sind es "Untote", mit den Merkmalen:

a. ihrer Seele beraubt, 
b. willenlos. 

Damit sind sie auf jeden Fall 'Kandidaten' für Dekonstruktion, die Suche nach der gemeinten Bedeutung. Trotz ihrer 'Luftigkeit' sind sie - bei entsprechender Gestaltung - in der Lage, heftige Gefühle zu provozieren. Also sollte man sich interpretierend mit ihnen auseinandersetzen.

2.1 Interview mit Marc Forster

Anlässlich der Fertigstellung seines Films "World War Z" (mit Brad Pitt) zur Frage nach der gemeinten Bedeutung (Interview in SWP 22.6.2013):

Ganz ähnlich wie in den 70er Jahren, als die Zombie-Filme
populär wurden, leben wir auch heute in einer Zeit des
Umbruchs. Stand damals vor allem die Konsumkritik im
Zentrum, gibt es heute ökonomisch und ökologisch große
Ungewissheiten, und viele Menschen haben Angst vor der
Zukunft. Zombie-Filme stellen so etwas wie das kollektive
Unterbewusstsein dar und spiegeln auf gewisse Weise wider,
was in der wirklichen Welt passiert.
Wofür genau steht für Sie die Metapher der Zombies?
FORSTER: Zum Beispiel dafür, dass wir Menschen uns der
Realität nur zu einem kleinen Teil bewusst sind und
irgendwann einmal aufwachen müssen. Unser Bewusstsein
ist durch elektronische Medien beschränkt:
Wir kommunizieren immer weniger und distanzieren uns
zunehmend voneinander. Ein anderes Bild ist die bedrohliche
Überbevölkerung. In zwei Jahren [Jahrzehnten!] werden auf der Erde zehn
Milliarden Menschen um die letzten Ressourcen konkurrieren
- wie das aussehen könnte, zeigt der Film mit der
Belagerung von Jerusalem, wo Zombies völlig rücksichtslos
übereinander klettern.

2.2 "Lieber Fiktion als Fakten"

Interview mit Kurt Andersen in SPIEGEL 34/2017 21:

(...)
Andersen: Hollywood hat zweifellos dazu beigetragen,
dass wir lieber Fiktion als Fakten konsumieren. Wir Amerikaner
tauchen tiefer als andere ein in die erfundenen Welten der
Filmindustrie, denn wir haben diese Industrie aus der Taufe gehoben.
Und auch das trägt dazu bei, dass bei uns die gesellschaftlichen
Grenzen zwischen Wahrheit und Erfindung verschwimmen.
SPIEGEL: Ist Amerika besonders anfällig für eine irrationale
Weltsicht?
Andersen: Wir sind nicht einzigartig, aber extrem in unseren
Ansichten. Ich weiß nicht, ob andere Länder uns folgen werden
- hoffentlich nicht! Dass Amerika so unglaublich religiös ist, viel
stärker als alle anderen westlichen Gesellschaften, hat sehr zur
gegenwärtigen Entwicklung beigetragen. Die christliche Rechte hat
die Evolutionslehre derart in Misskredit gebracht, dass nur ein
einziger republikanischer Kandidat sich bei der letzten Präsident-
schaftswahl dazu bekannt hat. Statt der wissenschaftlichen Sicht-
weise auf die Welt befördert sie eine abstruse 'kreationistische'
Entstehungslehre.

3. Martin Buber

... brachte 1923 das Büchlein "Ich und Du" heraus. Entgegen der stupiden grammatischen Zählerei - Vgl. schon [40]. Auf dieser Grundlage geht er auch die religiöse Frage an. Einige Zitate der Reclam-Ausgabe von 1995 mögen das belegen.

(71) Ihr ewiges Du haben die Menschen mit vielen Namen
angesprochen. Als sie von dem so Benannten sangen, meinten
sie immer noch Du: die ersten Mythen waren Lobgesänge.
Dann kehrten die Namen in die Essprache ein; immer stärker
trieb es die Menschen, ihr ewiges Du als ein Es zu bedenken
und zu bereden. Aber alle Gottesnamen bleiben geheiligt;
weil in ihnen nicht bloß von Gott, sondern auch zu ihm
geredet worden ist.
Manche wollen verweisen, das Wort Gott rechtmäßig zu
gebrauchen, weil es so mißbraucht sei. Und gewiß ist es
das beladenste aller Menschenworte. Eben darum ist es
das unvergänglichste und unumgänglichste. Und was wiegt
alle Irr-Rede über Gottes Wesen und Werke (wiewohl es
keine andere gegeben hat und geben kann) gegen die Eine
Wahrheit, daß alle Menschen, die Gott angesprochen
haben, ihn selbst meinten?
(75) Denn nicht von allem absehen heißt in die reine
Beziehung treten, sondern alles im Du sehen; nicht der
Welt entsagen, sondern sie in ihren Grund stellen. Von
der Welt wegblicken, das hilft nicht zu Gott; auf die
Welt hinstarren, das hilft auch nicht zu ihm; aber
wer die Welt in ihm schaut, steht in seiner Gegenwart.
"Hier Welt, dort Gott" - das ist Es-Rede; und "Gott in
der Welt" - das ist andre Es-Rede; aber nichts aus-
schalten, nichts dahinterlassen, alles - all die Welt
mit im Du begreifen, der Welt ihr Recht und ihre Wahrheit
geben, nichts neben Gott, aber auch alles in ihm fassen,
das ist vollkommne Beziehung.
(111) Alle Offenbarung ist Berufung und Sendung. Aber
wieder und wieder vollzieht der Mensch statt der Ver-
wirklichung eine Rückbiegung auf den Offenbarenden;
er will sich statt mit der Welt, mit Gott befassen.
Nur steht ihm nun, dem Rückgebogenen, kein Du mehr
gegenüber, er kann nichts anderes als ein Gottes-Es
in die Dringlichkeit einstellen, von Gott als von
einem Es zu wissen glauben und von ihm reden. Wie
der ich-süchtige Mensch, statt irgend etwas, eine
Wahrnehmung, eine Zuneigung, unmittelbar zu leben,
auf sein wahrnehmendes und zugeneigtes Ich reflektiert
und damit die Wahrheit des Vorgangs verfehlt, so
reflektiert der gottsüchtige Mensch ... statt die
Gabe sich auswirken zu lassen, auf das Gebende, und
verfehlt beides.

Aus dem Nachwort von 1957 - vgl. auch [41]:

(128f) Die Bezeichnung Gottes als einer Person ist
unentbehrlich für jeden, der wie ich mit 'Gott' kein
Prinzip meint, wiewohl Mystiker wie Eckhart zuweilen
'das Sein' mit ihm gleichsetzen, und der wie ich mit
'Gott' keine Idee meint, der - was immer er sonst
noch sei - in schaffenden, offenbarenden, erlösenden
Akten zu uns Menschen in eine unmittelbare Beziehung
tritt und uns damit ermöglicht, zu ihm in eine unmit-
telbare Beziehung zu treten. Dieser Grund und Sinn
unseres Dasens konstitutiert je und je eine Mutualität,
wie sie nur zwischen Personen bestehen kann. Der
Begriff der Personhaftigkeit ist freilich völlig
außerstande das Wesen Gottes zu deklarieren, aber
es ist erlaubt und nötig zu sagen, Gott sei auch
eine Person.

3.1 Franz Kafka und das Judentum

Unter diesem Titel wird im Internet ein längerer, interessanter Text von Ursula Homann angeboten [42]. Daraus einige Zitate:

Kafka war Spross einer glaubenslos gewordenen
jüdischen Familie Prags, die allerdings nach
Auskunft der Mutter, "wie rechte Juden" die
jüdischen Feiertage stets eingehalten hat. Auch
Kafka ist allem Anschein nach dem Brauch gefolgt,
zumindest an den hohen Feiertagen in die Synagoge
zu gehen.
Kafka erinnert sich daran, dass er sich - von der
Tanzstunde abgesehen - niemals so gelangweilt habe
wie bei dem Besuch in der Synagoge an hohen Feier-
tagen. Die religiöse Erziehung, die er in der
Schule erhielt, war anscheinend so unzugänglich,
dass sie jedes Interesse am Judentum erstickte ... 
Später äußerte er über den biblischen Unterricht
in der Schule, in der die biblische Geschichte
als ein Teil der Geschichte des jüdischen Volkes
gelehrt wird: "Die Geschichte der Juden bekommt so
das Gesicht eines Märchens, das der Mensch später
mit seiner Kindheit in den Schlund des Vergessens
wirft." ...
Die Ostjuden beneidete er um ihre Naivität,
obgleich er sie manchmal auch verspottete und
parodierte, und schätzte ihre authentische reli-
giöse Gemeinschaft, die eines echten Gottes-
glaubens und eines Gemeinschaftsgefühls fähig war,
während er seine eigene gesellschaftliche Gruppe,
die assimilierten Juden des Westens, verabscheute
und in ihnen den Inbegriff einer entwurzelten,
gemeinschafts-, traditions- und zukunftslosen
Existenz sah. Seiner Ansicht nach haben assimi-
lierte Juden ihre Bindungen an die jüdische
Gemeinschaft zerschnitten, ohne von der
europäischen akzeptiert zu werden. Somit sind
sie von der Welt des Gesetzes abgeschnitten,
ohne irgendwo Wurzeln schlagen zu können. Kafka
nannte dies einen Mangel an "festem jüdischem
Boden", unter dem er selber litt. ... Trotz
seiner tiefen Abneigung gegenüber seiner bürger-
lichen westlichen jüdischen Herkunft fühlte sich
Kafka stets als Jude, und so es (!) sicherlich
auch kein Wunder, dass es in seinen Tagebüchern
und Briefen oft um seine jüdische Identität geht.
Seine Ablehnung der Selbstzufriedenheit des
Glaubens, der institutionalisierten Heils-
gewissheit hat ihn zumindest zu einer anderen
Betrachtung der Religion geführt ...
Der "Brief an den Vater" zeigt Kafka in der
Attitüde eines enttäuschten Israeliten, der
seinem Vater Lässigkeit im Glauben, mangelnde
religiöse Erziehung der Kinder und gähnenden
Gehorsam gegenüber den Geboten vorwirft:
"Was war das für ein Judentum, das ich von Dir
bekam! Du gingst an vier Tagen im Jahr in den
Tempel, warst dort den Gleichgültigen zumindest
näher als jenen, die es ernst nahmen, erledigst
ruhig die Gebete als Formalist, setztest mich
manchmal in Erstaunen, dass Du mir im Gebetbuch
die Stelle zeigen konntest, die gerade rezitiert
wurde, im übrigen durfte ich, wenn ich nur
(das war die Hauptsache) im Tempel war, mich
herumdrücken, wo ich wollte."
Dieser Briefe (!) bezeugt nicht, wie man bis-
weilen geglaubt hat, Kafkas religiöse Indifferenz
- er gleicht im Gegenteil, dem Aufschrei eines
Dürstigen (!), der Zeit seines Lebens nach
frischem Wasser verlangte und stattdessen
abgestandenes, verdorbenes zu trinken bekam ...
Der eigene Vater, der Kafkas Schicksal als Jude
und Außenseiter festlegte und der göttliche
Weltenvater, der das jüdische Volk zum Exil
bestimmte, waren in Kafkas Augen identisch.
Verlangte er doch, dass beide gerecht handelten,
dass sein Leiden sinnvoll sei und seine Seele,
die keine Sünde begangen hat, Gerechtigkeit
empfange. Aber dieses Verlangen bleibt unerfüllt,
und so rennen Kafkas Helden mit dem Kopf gegen
die Wand und werden im Kampf zermalmt.
Kafkas kristallklare Darstellungen im ganzen
völlig unklarer Beziehungen hat in seiner
Beziehung zum Vater ihren Grund sowie die
Beschreibung der Ohnmacht des Opfers vor einer
rätselhaften Macht. Denn um beziehungslose
Beziehungen geht es immer wieder in seinen
Romanen, Erzählungen und Kurzgeschichten; am
vielschichtigsten und verworrensten vorgeführt
im "Schloss", am klarsten und unerbittlichsten
in den Parabeln wie "Vor dem Gesetz" und "Eine
kaiserliche Botschaft". ...
Für Imre Kertesz ist "das Schloss" ein genauer
Befund des osteuropäischen Lebens, das Bild
einer Welt der Knechtschaft, die auf allgemeiner
Übereinkunft basiert. Im "Prozess" wacht jemand
frühmorgens auf und findet sich angeklagt und
verhaftet und weiß nicht, warum. Auch das ist
die Situation von Juden schlechthin. 
Im "Bericht für eine Akademie" geht es um einen
im Urwald eingefangenen Affen. Dieser erwirbt
die Eigenschaften des Menschen und wird so zu
einem Mitglied der menschlichen Gesellschaft,
bleibt aber Außenseiter. Die Geschichte ver-
deutlich mit ihrer Analogie zum Bild des
Ostjuden den von Buber und anderen Westjuden
verdrängten Konflikt, der, nach Meinung von
Kafka, immer dann entsteht, wenn Juden in einer
als fremd betrachteten Sprache, nämlich in
Deutsch, authentisch über jüdische Belange
schreiben.
In seiner Erzählung "Vor dem Gesetz" verkehrt
sich die Glaubensgewissheit in ihr Gegenteil:
die Türen zum Gesetz sind verschlossen, Lebens-
regeln sind unbekannt. Schmutz und Sünde
überall, kein Gott weit und breit. Die Menschen
verharren in Finsternis und Unwissenheit. ...
Die jüdische Situation war oft die eines
Menschen, der unschuldig verurteilt wird, der
ohne Grund verfolgt wird und ohne ordentlichen
Prozess schuldig gesprochen wird, aber dies
ist zugleich auch ein extremer Ausdruck der
allgemein menschlichen Situation, wie der
moderne Mensch sie häufig erfährt. ... Die
einzelnen Stufen der Hierarchie des Gerichts
in seinem Roman "Der Prozess", die Säle in der
Erzählung "Vor dem Gesetz", die Höfe in "Eine
kaiserliche Botschaft" bezeichnen nur die
Abwesenheit Gottes, die riesige Entfernung,
den endlosen Weg.


4. Wertungen

Religiöse Sprache - Formeln, Riten, Denkfiguren - leistet vor allem - das sei hier die These im Rahmen der PRAGMATIK - Wertungen sichtbar zu machen. "Himmel - Hölle; Leben - Tod; Verheißung - Verdammnis; Gnade - Verurteilung; usw.". Das wird dann schnell zu einem Spiel mit Gefühlen: "Hoffnung - Ängste", das auch zur Steuerung der Menschen gebraucht/missbraucht werden kann: Auffordern zu oder Verwehren von bestimmten Verhaltensweisen. Es kommt also - genau besehen - durch solche Sprachform die ganze Palette der Modalitäten in den Blick. Vgl. [43]

In solch ganzheitlicher 'Sprachform' (Texte, Riten, Körpersprache, Rechtssystem) orientieren sich viele Menschen und glauben Halt zu gewinnen.

4.1 Seligsprechung als Wertung

Derartige Riten und Gepflogenheiten können natürlich aufgegriffen und auch humoristisch verarbeitet werden - nur zum Schein in ernsthafter Diktion. So anlässlich des Championsleague-Spiels des FC Bayern in Rom: [44]

4.2 Gespaltene Aufmerksamkeit, Dominanz der religiösen Sphäre?

Geistig sind religiös orientierte Menschen in zwei Bereichen verankert, die je ganz die volle Aufmerksamkeit beanspruchen. Dieser Balanceakt kann kaum je zufriedenstellend gelingen. Es kann dazu kommen, dass die religiöse Bildwelt und die damit verbundenen Wertungen stärker wirken - mit (negativen) Effekten für die Alltagswelt und das soziale Miteinander hienieden, vgl. [45]

4.3 Religiös werten - und zugleich ablenken

(aus: H. Petershagen, SWP 28.11.2015, "Schwäbisch offensiv")

"Wenn die Schwaben Großes ausdrücken wollen,
wenn sie Dinge, Zustände, Verhaltensweisen, Charakter-
eigenschaften ins Unermessliche steigern wollen,
greifen sie gerne auf die Religion zurück.
   Bemerkenswert daran ist, dass es dabei meist um
eine Steigerung ins Negative oder um Flüche geht. Denn
eine ganze Reihe der schwäbischen Augmentative - das
ist die Vergrößerungsform eines Wortes - haben mit
dem Herrgott und seinem Sohn zu tun: der
Herrgottslump, der Allmachtsdaggl oder der
Jesusrausch.
In Flüchen spielt auch der Heiland eine wichtige
Rolle: Vor Sakrament gestellt, verleiht er diesem
eine größere Wucht.
   Das ist die eine Seite der Medaille: Auf ihr
spiegelt sich die Lust wider, den Namen des Herrn
zur meist negativen Verstärkung sowie zum Fluchen zu
missbrauchen.
   Die andere Seite ist geprägt von der Heidenangst
davor, für diesen Missbrauch dereinst im Jenseits zur
Rechenschaft gezogen zu werden. Sie manifestiert sich in
den Wörtern und Flüchen, die mit Heida- und Jenseits-
beginnen: Heidaarbeit, Heidalärm, Heidag'schäft,
Heidakrach, Heidanei!, Heidaguggug!,
Heidasakrament!, Heidaweddich, Heidablitz!,
Heidablechle!, Jenseitsseggl, Jenseitsarschloch,
Jenseitsrindviech usw.
   Wie kommen die Heiden und das Jenseits dazu, den
Schwaben die Kraftausdrücke aufzublähen? Und was hat
das mit der Angst zu tun? Doch bevor wir diese Fragen
klären, wäre zu ergründen, wie Gott, dem Allmächtigen
und seinem eingeborenen Sohn diese Blähfunktion zuteil
wurde. Wie also konnte es zum Jesusrausch, zum
Herrgottsglump und zum Allmachtsdaggl kommen?
   Beginnen wir mit dem Allmachtsdaggl: Allmächtig
ist die wörtliche Übersetzung des kirchenlateinischen
Adjektivs omnipotens. Es bezeichnet die
Allmacht Gottes, der unter anderem auch das Eigen-
schaftswort gottsallmächtig geschaffen hat. Es ist
der Superlativ von allem: Größeres und Stärkeres
gibt es nicht. Also ist ein gottsallmächtiger Daggl der
denkbar größte seiner Art. Allmachtsdaggl ist gewisser-
maßen die Abkürzung davon.
   Ebenso lässt sich das Zustandekommen des Jesus-
rausches und des Herrgottslumpen erklären:
Jesus und der Herrgott sind die höchsten In-
stanzen: Jesusmäßig und herrgottsmäßig bedeutet
wie Jesus und wie Gott. Das sind absolute Super-
lative - egal wofür. Der jesusmäßige Rausch wird zum
Jesusrausch verkürzt, der herrgottsmäßige Lump
zum Herrgottslump.
   Leichter scheint es mit den Heiden- zu sein: Die
mit allem Schlechten in Verbindung zu bringen, Krach
und harte Arbeit inbegriffen, entspricht der christli-
chen Kreuzfahrer-Mentalität. Was aber hat ein diessei-
tiger Seggl mit dem Jenseits zu tun, außer
dass man ihn dorthin wünscht?
  Nichts. Jenseits- dient hier als Hüllwort für
Jesus: der Jenseits-Seggl ist die gottgefäl-
ligere Version von Jesus-Seggl. Dasselbe gilt für
Heiden-: Damit sind eben nicht die Ungläubigen
gemeint, sondern damit soll das Wort Heiland un-
kenntlich gemacht werden: Ihn will man ja, mit Blick
aufs Jenseits, lieber nicht vergrätzen.

[solche Bedeutungsverbindungen in einem zusammengesetzten Wort = Nomen aktivieren bei uns verschiedene Module:

  • nominale Einzelbedeutungen [46]
  • Adjunktionen [47]
  • übertragener Sprachgebrauch [48]
  • Wertungen [49]
  • und letztlich - immer wieder - Humor [50]

Es gilt aber auch, dass vielen Schwaben die genannten religiösen Hintergründe nicht mehr bewusst sind. ]

4.4 Satire?

(aus: Sebastian Blau, "So isch noh au wieder..." Seine schönsten schwäbischen Gedichte. Hg. von Eckhart Frahm, Tübingen 2012. S.15) - Das Fragezeichen ist insofern berechtigt, als religiöse Sprache oft schon zum Ausdruck, zur Überhöhung von Vorurteilen missbraucht worden ist - hier geht es um einen anti-ökumenischen Affekt. - Das Gedicht ist nur für Kenner des Schwäbischen verstehbar. - Angespielt wird auf eine Neckarbrücke in Rottenburg/N "Gogen" nennt man die Weinbauern der Tübinger/Rottenburger Gegend.

St. Nepomuk
(16. Mai)
En Raoteburg stoht uf dr Bruck
e' Heiliger Nepomuk.
- Komm, so pressant hosch-s ete',
mr wend gschwend zua-nem-bette':
O Heiliger Sankt Nepomuk
bewahr me ao vor Schade'
beim schwemme'-n-ond beim bade'.
Gib uf de' Necker aacht ond guck,
daß dren koa' Ga's ond Geit versauft,
ond daß r jo et überlauft,
et daß r  
mit seim Wasser
de'Weag en d'Stadt ond d'Häuser nemmt
ond ao's de' Wei em Kear romschwemmt.
O Heiliger Sankt Nepomuk,
do tätest aos en baöse' Duck!
Ond loht se halt
mit äller Gwalt
s Hochwasser et verklemme',
noh hao' en Ei'seah', guter Ma'
ond fang mit überschwemme'
e' bißle weiter donne' a':
dia Goge' nemmets et so gnau,
en deane ihren saure' Wei'
därf wohl e' bißle Wasser nei'
- ond evangelisch send se ao...   

4.5 Glaube als Halt

aus: S.Bode, Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation. Stuttgart 2009, S.247

"Meine Vorstellung war, ich bin des lieben Gottes Lieb-
lingskind - perfekt, oder? Ich habe nie Ältere gesucht,
damit sie mir bestätigen, dass ich an das Richtige
glaube. Als Jugendliche hatte ich das große Bedürfnis
nach Menschen, mit denen ich über Glaubensfragen reden
konnte. In der Kirche habe ich interessante und für
mich wichtige Leute kennen gelernt, auch meinen Mann.
Aufgrund meines Glaubens hatte ich nie das Gefühl, ich
hätte keinen Boden unter den Füßen. Das ist eine Heimat,
mit der ich etwas anfangen kann. Das war und ist mein
großes Glück. Meine Mutter hat nicht 'alles falsch'
gemacht."

5. Sektiererisch: sprachlich abgespalten

So dass die bildhaft zu verstehende religiöse Vorstellungswelt als 'objektiv' und eigenständig wirksam erscheint, in deren Wirken ich als Mensch nicht eingreifen kann/soll. - Zugleich eine bequeme Art, die eigene Mitverantwortung für die Lebensgestaltung zu leugnen.

5.1 Gott und Kriegsgeschehen

S. Bode, Die vergessene Generation. Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Stuttgart 2004.

(174) "Bei Kriegsende hatten alle Familienmitglieder
überlebt - aber ärmer als reichen [?] [Reichel] konnte einer gar
nicht sein. Er war Pastor in einer christlichen
Freikirche, die ihr Gemeindeleben und damit auch
die Pfarrer aus eigenen Spenden finanzierte.
Jeder andere Vater einer siebenköpfigen Familie
hätte irgendwelche Hilfsarbeiten angenommen oder
sich an Schwarzmarktgeschäften beteiligt, damit
die Seinen etwas zu essen hätten.
Nicht so Pfarrer Reichel. Er war der Meinung:
Gott wird schon für meine Familie sorgen.
'Kinder sind ein Geschenk Gottes',
so sah er das, erinnete sich seine Tochter Elisa.
'Man muss sich um sie nicht kümmern. Das macht
der liebe Gott. Wenn der liebe Gott ihnen nicht
zu essen gibt, dann verhungern sie eben, das
will dann der liebe Gott so ...' "
(176) "Elisa, Reichels Tochter, weil sie sich als
Kind häufig in Vaters Arbeitszimmer aufhielt.
'Ich hatte Frostbeulen, und das Zimmer war als
Einziges geheizt.' Täglich fanden dort Andachten
im kleinen Kreis und Beichtrituale statt. Der
Pastor machte den Heimkehrern klar, ihr früheres
sündhaftes Leben trage die Schuld daran, dass
der Krieg verloren worden sei.
'Die ausgemergelten Männer haben dann geweint
und gejammert, damit die Gnade wieder über sie
kommt', erinnert sich die Tochter. 'Heute würde
man von Exorzismus sprechen.
   Und weil die Heimkehrer so sehr des Trostes
bedurften, den ihnen der Geistliche nicht gab,
holten sie sich sein Töchterchen und setzten
es sich auf den Schoß. Elisa schüttelt sich
heute noch vor Ekel. 'Denen tat es gut, so ein
kleines liebes Mädchen zu betatschen', sagt sie,
'und das kleine liebe Mädchen wehrte sich nicht.
Unser Vater hatte in uns hineingeprügelt, dass
Erwachsene immer im Recht waren.' Für sie
besteht heute kein Zweifel, dass Walter Reichel
seinen Glauben wie eine Droge einsetzte, die
jede Realität von ihm fernhielt. Dass er selbst
Gott missbrauchte, indem er sich wie dessen
persönlicher Stellvertreter aufspielte: ein
Guru in den Trümmern. Seine Familie aß derweil
Kartoffelschalen. Stellte der Vater fest, dass
die Kinder Lebensmittel gestohlen hatten,
schlug er sie mit einem Lederriemen oder einem
Rohrstock. In den Keller mussten sie für das
Strafgericht gar nicht mehr gehen, dort wohnten
sie bereits."
(178) "Pfarrer Reichel spielte derweil den
Gerechten. Als sein ältester Sohn Käse verteilte,
den er in den Trümmern in einem Schwarzhändler-
lager entdeckt hatte, rief der Vater die Polizei
und zeigte die Männer an. Ein anderes Mal entriss
er dem Sohn eine Stange Zigaretten - so  ziemlich
das Kostbarste, was man in diesen Zeiten besitzen
konnte - und warf sie ins Plumpsklo. 'Alles Sünde',
schrie er dabei, 'alles Sünde!'
   Auch mussten Reichels Kinder von dem wenigen,
was sie besaßen, etwas abgeben an andere, die noch
ärmer waren. Elisa erklärt: 'Man musste auf alles
verzichten, was darauf hindeutete, dass man gierig
wird. Aber daraufhin wurden wir Kinder ja erst
recht gierig! Und später, als Erwachsene, bin ich
dann geizig geworden. Aber das habe ich inzwischen
abgelegt.' "
(179) "Sie starrt vor sich auf ein Rosenbeet, dann
spricht sie leise weiter: 'Es gab eben immer
Gewalt. Ob nun vom Vater geschlagen oder von
anderen Männern mit Gewalt gezwungen, das war für
mich eins. Ich musste etwas über mich ergehen
lassen. Man fühlte sich so elend, man fühlte
sich so schmutzig. Und ich hatte immer im
Bewusstsein, dass alles, was mir geschah, von
Gott so gewollt war."
(184) "Und so schildert Elisa ein typisches
Telefonat mit ihrer alten Mutter, die manchmal
anruft und sich beschwert, dass sie nicht
besucht wird.
'Mutter: Warum kommst du nicht? Ich bin doch
auch für dich da.
Elisa: Ich spüre das aber nicht. Das muss dir
doch auch so gehen. Du hast selbst gesagt: Als
du mich bekommen hast, da ging alles drunter
und drüber ...
Mutter: Jaja, aber ihr seid doch alle Gottes
Kinder. Warum besuchst du mich nicht?
Elisa: Weil wir uns nichts zu sagen haben.
Es ist schade, du bist eine nette, ältere
Dame, aber wir haben uns nichts zu sagen.'
Elisas Abgrenzungen klingen hart. Aber sie
sagt, sie muss es tun, um nicht wieder in
das alte Familienklima hineinzugeraten."

5.2 Religion und Tabu

(aus Interview mit dem US-Historiker Garton Ash: SPIEGEL 45/2016)

SPIEGEL: "Neben Rasse und Geschlecht ist
die Religion das stärkste Tabu.
Garton Ash: Für den Gläubigen ist seine
Religion zweifellos Teil seiner Identität.
Aber wenn wir die Glaubensinhalte nicht
infrage stellen dürfen, verspielen wir das
hart erkämpfte Erbe der Aufklärung. Deshalb
lautet mein Prinzip zur Frage der Religion:
wir respektieren alle Gläubigen, aber nicht
unbedingt alle Glaubensinhalte.
SPIEGEL: Diese feine Unterscheidung wird
ein überzeugter Christ oder ein strenger
Muslim nicht immer gelten lassen.
Garton Ash: In einer offenen Gesell-
schaft muss er das aber akzeptieren. Die meisten
in Europa lebenden Muslime tun es ja auch. Damit
verbindet sich eine weiterführende Frage: Wer
definiert, was zu meinem Wesen, meiner Ich-Iden-
tität gehört? Und was diese angreift? Wenn das
vorgebliche Opfer darüber befindet, landen wir
ganz schnell beim Veto des Fanatikers oder des
Beleidigten. Die Tabuschraube wird immer weiter
gedreht. Gruppen, Gemeinschaften und Minderhei-
ten organisieren sich als Lobby und verlangen
vom Staat, unter besonderen Schutz gestellt zu
werden.
SPIEGEL: Der stärkste denkbare Einspruch ist
das, was Sie in Ihrem Buch 'das Veto des Mörders'
nennen: Wer mich und meinen Glauben verunglimpft,
ist des Todes.
Garton Ash: Die Konsequenzen dieses Vetos
haben wir bei der Ermordung des niederländischen
Filmemachers Theo van Gogh und beim Anschlag auf
die Satirezeitschrift 'Charlie Hebdo' erlebt. Ver-
antwortlich ist immer der Mörder, niemals der
Ermordete."

Vgl. ergänzend: Vgl. [51] - darin die Zitate von den Buchseiten 388ff

6. Kult und Sprache

6.1 Gott und Kriegsgeschehen

S. Bode, Die vergessene Generation. Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Stuttgart 2004.

(273) "...hat mir gezeigt, dass bei Trauer-
feiern die Proportionen stimmen müssen. Es
reicht zur Information, zu mehr nicht, wenn
der Zerstörung einer ganzen Stadt in einem
Vortrag gedacht wird. Es bringt auch keine
Entlastung, wenn im Rahmen eines Gottes-
dienstes den Toten ein Requiem von 15 Minuten
gewidmet wird. Dies geschah in einer Kölner
Kirche aus Anlass der schweren Luftangriffe
Ende Juni 1943, der sogenannten 'Peter-und-
Paul-Nacht'. Obwohl damals in ebendieser
Gemeinde die Hälfte der Mitglieder ums Leben
gekommen war, führte der Geistliche das
Requiem nur mit dürren Worten ein. In seiner
Predigt leuchtete er die Unterschiede zwischen
Katholiken und Protestanten aus. Es ist
deprimierend, wenn Kirchenmänner ihren
ureigensten Ritualen nichts zutrauen. 
   Hildegard Schwarz hat Gedenkfeierlichkeiten
beschrieben, an denen eine ganze Stadt Anteil
nahm. Was könnte angemessener sein, da doch
eine ganze Stadt zerstört worden war?"

6.2 Islam - kulturlos?

Interview mit dem syrischen Poeten Adonis (SPIEGEL 7/2016)

Adonis: ... Der Islam hat die Poesie getötet,
indem er einen Mord an der Subjektivität des
Menschen im Namen der Umma, der Gemeinschaft
der Gläubigen beging. Es gibt keinen einzigen
großen Dichter, der ein gläubiger Muslim
im Sinne des dogmatischen Islam gewesen wäre.
Auch keinen Philosophen. Die besten Dichter
waren Mystiker und als solche verdächtig.
Philosophen und Poeten hatten mit der reli-
giösen Orthodoxie und ihren militanten
Rechtsgelehrten nichts zu tun. Der Islam,
den der Fundamentalismus verkündet, ist eine
Religion ohne Kultur. Es gibt heute keine
arabische Kultur mehr.
SPIEGEL: Ein Europäer würde sich wohl nie zu einer
solchen Behauptung versteigen.
Adonis: Der Islam beherrscht die arabische
Sicht auf die Welt. Der Islam begreift sich
selbst als die absolute Kultur, er braucht
das andere nicht, er bleibt unveränderlich
bis zum Ende der Zeiten, er ist Gottes
letztes Wort. Das erstickt jede Kreativität.
Das kulturelle Schaffen beschränkt sich auf
Wiederholung und Nachahmung, die Dichtung
dient nur der Lobpreisung Gottes und des
Herrschers. (...)
Ich bin kein Politiker, ich bin Schrift-
steller. Poesie kann nicht politisch
engagiert sein. Sie schafft eine Gegenwelt, 
in der sie sich mit den existenziellen
Problemen von Freiheit, Liebe und Tod
beschäftigt. Das Wesentliche am Menschen
ist, dass er sich selbst erschafft und
dass er seine eigene Identität durch Geist
und Arbeit herstellt. (...)
Eine demokratische Revolution kann in der
arabischen Welt nur gelingen, wenn
Religion und Politik getrennt werden. Ohne
laizistisches Staatswesen keine Erneuerung
und kein Fortschritt. Stattdessen haben sich
religiöse Kräfte an die Spitze der revolu-
tionären Bewegung gesetzt. Die organische
Allianz zwischen Revolution, Gewalt und
Islam war der erste Sündenfall, der Ruf nach
Waffenhilfe des Auslands der zweite.

6.3 Mit Leidensgeschichte Machtansprüche verbergen?

... müssen sich christliche Kirchen und Theologien fragen lassen, vgl. [52]

7. Religionsstifter leben weiter

Das Neue Testament schildert zwar deutlich den Tod Jesu, seine Hinrichtung. Im Wortsinn und bezogen auf den physischen Tod bleiben also keine Zweifel. Es schließen sich jedoch in den Evangelien viele Bekenntnisformeln - z.B. "auferstanden am dritten Tag" - und Auferstehungs-, Erscheinungs-, Himmelfahrts-, Geistsendungserzählungen an. Meist wird hierbei von Berichten gesprochen, was überprüfbare Sicherheit suggeriert. Das sollte man unterlassen: Es handelt sich um oft sehr anregend gestaltete Kurzerzählungen, die in bildhafter Form, aber nicht in protokollierender Sprache, vom Weiterwirken, der fortdauernden Präsenz - wenn auch in anderem Modus - dieses Jesus sprechen. Als Kurzerzählungen sind jene Texte ernstzunehmen - und so betrachtet sind sie legitimes Thema unserer aktuellen Rubrik: "Übertragener Sprachgebrauch" - also ist die gemeinte Bedeutung jeweils erst freizulegen.

7.1 Tod Mohammeds

Der gleiche Mechanismus lässt sich 600 Jahre später im Fall des Profeten Mohammed beobachten. Vgl. E. Oeser, Die Angst vor dem Fremden. Die Wurzeln der Xenophobie. Darmstadt 2015. S. 70:

"Sein Verzicht, eine Entscheidung  über seinen
Nachfolger zu treffen, könnte einerseits dadurch
hervorgerufen sein, dass er zwischen dem Gatten
seiner geliebten Tochter Fatima, Ali, und dem
Vater seiner Gattin Aischa, Abu Bekr, schwankte.
Es kann aber auch sein, dass er absichtlich bis
zu seinem letzten Atemzug vermied, von seiner
Vergänglichkeit zu sprechen. Denn es ist als
eine geschichtliche Tatsache anzusehen, dass
viele Araber ihn damals für unsterblich hielten.()
Sogar als man nicht mehr an seinem Tod zweifeln
konnte, wollten einige seiner treuesten Anhänger
nicht daran glauben, dass er gestorben sei. So
wendete sich der später zum Kalifen gewählte
Omar gegen alle, die vom Tod des Propheten
überzeugt waren, und sagte drohend: 'Einige
Heuchler sagten, dass der Gesandte Gottes
gestorben sei, aber bei Gott: Er ist nicht
tot. Er ist zu seinem Herrn gegangen. Er wird
wiederkehren und denen, die an seinen Tod
geglaubt haben, Hände und Füße abschneiden.'"

Die Auskunft Omars - 3 Handlungen des angeblich Gestorbenen - stellen 3x übertragenen Sprachgebrauch dar, der zu entziffern ist, statt sie weiter nur auf der Ebene der Wortbedeutung zu belassen, womöglich die Sprachebene zu übersehen und nur noch von zu erwartender Wirklichkeit auszugehen. - Dafür sind die 3 Handlungen für andere denn doch zu wenig verifizierbar... Statt eines Nachweises des Weiterlebens Mohammeds bleibt die Androhung brutaler Gewalt durch den aktuellen Sprecher als gemeinte Bedeutung.

8. Alltagssprache - Floskeln

Wer eine Äusserung als 'religiöse Floskel' charakterisiert, kann beim jeweiligen Beispiel richtig liegen. Häufig hat eine solche Replik die Nebenbedeutungen:

  • "das ist kein Beitrag zur Problemlösung" = Weigerung, auf dieser unerwartet neuen inhaltlichen = religiösen Schiene weiterzufahren, vgl. [53]
  • EII = der Sprecher soll zum Schweigen gebracht werden, vgl. [54]
  • Gefragt wäre die Fähigkeit zu dekonstruieren: "Gott" u.ä. ist ein Abstraktum, vgl. [55], etwas schwer Fassbares wird personifiziert, vgl. [56]; aus all dem folgt die Notwendigkeit, die zweite = gemeinte Bedeutung zu erkennen, vgl. [57] und [58]

Das alles sieht umständlich und schwierig aus. - Aber diese Schritte lassen sich üben und werden dann sehr schnell zur Selbstverständlichkeit.

8.1 "Gott sei Dank"

Im Kontakt mit der Hochschulverwaltung hätte einer rechtzeitig,
per Einschreiben, einen Antrag einreichen müssen. Die Hochschul-
verwaltung gibt durch, das Einschreiben liege nicht vor.
Betroffenheit bei dem, der beteuerte, das Einschreiben abge-
schickt zu haben, der
aber den Einlieferungsbeleg nicht (mehr) vorweisen kann.
Hektik und Angst brechen aus. Die Frage, mit welchen Daten man
bei der Post einen Nachforschungsantrag stellen kann usw.
Eine Stunde später Anruf von der Hochschulverwaltung: das
Einschreiben hat sich doch noch auffinden lassen!
Spontane Reaktion: "Gott sei Dank!"

Wer feststellt: floskelhafte Sprache sei das, liegt richtig. Aber verstanden hat er von dieser Äusserung nicht viel. Er wimmelt sie ab. - Was ist - trotz Floskel - mit der Reaktion ausgesagt (vor dem Hintergrund der o.g. links)?

  • Primär "Erleichterung", d.h. die aktuell negative Gefühlslage wird schlagartig ins Positive gewendet. D.h. indirekt=pragmatisch der Sprechakt der Kundgabe eines eigenen Gefühls: vgl. [59] im Verein mit [60].
  • Impliziert - vgl. [61] - ist, dass aktuell kein "Wissen" - vgl. [62] - gegeben ist, wie es zu der positiven Wende hatte kommen können.
  • Das Stichwort "Dank" bemüht sich um einen Dialog, vgl. [63]. An einen real-wahrnehmbaren Partner kann sich der Dank aber nicht richten.
  • "Gott" - wir treten ja dafür ein - bei "Abstrakta" [64], oder auch im aktuellen Modul -, diesem Nomen sehr wohl eine wichtige Bedeutung zuzumessen: scheinbar nach außen gekehrt, wird damit eine zentrale seelische Instanz im Menschen bezeichnet. Sie kann - von der Warte des Verstandes aus - als 'Partner' angesehen werden, zu ihr lässt sich ein Kontakt aufbauen, auf sie kann man 'Hören'. Fundamentaler als es der 'Verstand' kann, steuert diese Instanz unser Leben und Fühlen, ordnet, strukturiert alles, was wir wahrnehmen.
  • Die Floskel schickt also einen "Dank" an diese Instanz im Sprecher. So erst kommt das Verhältnis zu ihr wieder ins Lot - zuvor hatten Irritationen und Ängste geherrscht: die Innenwelt war durcheinander.

Sonderlich sprachlich kreativ war die floskelhafte Äusserung nicht gewesen. Aber weil spontan, war sie echt; und es kamen in ihr zentrale und dauerhafte Bedürfnisse / zur Orientierung des inneren Lebens des Menschen zum Ausdruck.

(Mit einer äußeren sozialen Bindung an eine Religions-
gemeinschaft haben solche Vorgänge nichts zu tun.)

Was man - bezogen auf die AUSDRUCKSSEITE - schnell und verächtlich abzutun geneigt ist, löst bei genauerer Betrachtung auf INHALTSEBENE blitzartig und äußerst komplex eine sehr anspruchsvolle Entzifferungsprozedur aus (die Anzahl der links widerspiegelt dies). Was dabei abläuft, wird meist nicht bewusst. Es lohnt aber, zwischendurch - wie hier - die Prozesse ins Bewusstsein zu holen.

(Zumal, was hier abläuft, auch bei anderen Betätigungen
vergleichbar erreicht werden kann. Ziel ist: In Abstimmung
mit dem inneren Personkern zu agieren, nicht im Widerspruch
zu der inneren Steuerungsebene zu handeln. z.B. auch
künstlerische Betätigungen wären hier einschlägig - gleich-
gültig in welchem Medium.)

9. Beten, Gebet

9.1 Wem Beten hilft

K. Kullmann in SPIEGEL 42/2017 105 (Hinweis J. Schwitalla):

"Es wird wieder viel gebetet. Terroranschläge, Naturkata-
strophen, es gibt genügend Gründe. Nicht nur, aber vor allem
dann beten Menschen füreinander. Gebete, sagen Psychologen,
seien eine natürliche Reaktion auf eine Tragödie. Eine wie
reflexartig ausgeführte Handlung, auf die der Mensch zurück-
greift, wenn er nicht weiß, wie er sich verhalten soll.
Beten tröstet. Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass Leute
sich in schweren Zeiten auf ein altes Ritual besinnen.
   1571 bat Papst Pius V. um Rosenkranzgebete für den Sieg
in der Schlacht bei Lepanto, Christen gegen Muslime. Die
Kirchen Roms blieben dafür Tag und Nacht geöffnet. Don
Juan de Austria bezwang schließlich den Großwesir Sokollu
Mehmed zur See. Auch für den Niedergang des Kommunismus
wurde gebetet: Auf Initiative eines Pfarrers aus New Jersey
rezitierten Millionen Mitglieder der 'Blauen Armee Mariens'
von 1947 an regelmäßig Rosenkränze gegen die Rote Armee.
1991 war es dann so weit.
   Ob Gebete den Weltenlauf verändern, lässt sich wissen-
schaftlich so wenig untersuchen wie die Existenz eines
Gottes oder des Fliegenden Spaghettimonsters. Was sie den
Kranken und Leidenden bringen, aber wohl. Forscher der
Harvard Medical School beobachteten an 1800 Herzkranken die
Auswirkungen von Fürbitten. Ergebnis: Die Gebete hatten
keinen Einfluss auf die Genesung. Wussten die Patienten,
dass für sie gebetet wurde, litten sie sogar unter mehr
Komplikationen. Dennoch, Beten ist gesund - für den, der
es tut. Forscher der amerikanischen Vanderbilt University
untersuchten 5500 Erwachsene und stellten fest: Kirchgänger
sind weniger gestresst als Atheisten - und haben daher ein
deutlich geringeres Risiko, frühzeitig zu sterben.
   Die Erkenntnis der Wissenschaftler: Das Gefühl, Teil
von etwas zu sein, das größer ist als man selbst, wirkt
wie ein Boost für Körper und Seele. So gesehen hilft es
ebenso, allabendlich ein Hosianna aufs Spaghettimonster
zu jubeln. Man muss nur dran glauben."

9.2 "Gott" und (männliches?) "Geschlecht"

Vgl. [65] - Ergänzend gilt natürlich, dass bei Texten wie dem "Vater unser" mehrfach "Dekonstruktion" zu praktizieren wäre, vgl. z.B. [66]. Damit und zuvor mit dem Bewusstsein, dass die Grammatiker hilflos eine missverständliche Kategorie gesucht hatten, hat sich dann die Biologie verflüchtigt.