4.1135 Personifikation, Projektion

Aus Alternativ-Grammatik
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Wer schaut, sieht das Objekt außen, das, was ihm gegenüber liegt. Er sieht zunächst nicht sich selbst als den, der die Tätigkeit des Schauens durchführt.

Wenn man nicht aufpasst, übersieht man sich sogar. - Die Stilfigur der Personifikation kommt der Schwierigkeit, sich selbst wahrzunehmen, entgegen: ein eigenes Gefühl, eine Geistesfunktion, wird ausgelagert in eine - scheinbar - andere Figur, die einem dann objektiv entgegentritt.

Man sollte nach dem ersten Schritt (Veranschaulichung einer eigenen inneren Regung in einer Figur außen) den zweiten folgen lassen: erkennen, dass mein eigener Geisteszustand damit verdeutlicht wird. - Dann wäre jeder Vergöttlichung oder Dämonisierung der gefährliche Stachel gezogen: weder Unterwerfung noch Aggression sind nötig.

Die Interpretation darf jedenfalls nicht damit enden, dass man sich an der personifizierten Figur festbeißt und zu ihr weitere Aussagen versucht - die aber durch den Text nicht mehr gedeckt sind. Stattdessen muss man von dieser - vielleicht affizierenden Gestalt - wieder ablassen, zu dem zurückkehren, der die "P." benutzt hatte und fragen: Was war sein spezielles Anliegen, indem er diese Stilfigur eingesetzt hatte?

Dazu passt: [1]


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Inhaltsverzeichnis

Praxis - Bitte Ihren Eintrag!

0. Nachträge zur Theorie

0.1 "Funktion im Text" statt "Existenz"

Man kann eine Faustregel aufstellen: Wer immer angesichts von Figuren wie "Gott", "Engel", "Teufel", "Tod", "Götterbote" usw. die Frage nach deren Existenz stellt, begeht einen doppelten Fehler:

  1. Jene fragliche Figur wird aus ihrem jeweiligen Text herausgelöst und 'an sich' betrachtet. Da niemand derartigen Figuren live begegnen kann, ist zu beachten, dass sie immer eine literarische Existenz haben. Damit hängt zusammen:
  2. Jene mythische Figur spielt eine wichtige Funktion innerhalb eines Textes. Diese Funktion sollte man zu erkennen versuchen. Wer stattdessen nach deren isolierter Existenz fragt, ignoriert den Textzusammenhang und die Funktion jener Figur darin.

Anders gesagt: Es ist sinnlos, ohne den Zusammenhang eines Textes, in dem solche Figuren auftreten, natürlich auch auftreten dürfen, isoliert und abgehoben die Existenzfrage zu stellen. Es ist auch sinnlos, viele Texte zusammenzufassen, um damit etwa die 'Existenz' beweisen zu wollen. Bewiesen werden kann allenfalls, dass in vielen Texten z.B. "Engel" eine recht konstante Funktion zu haben pflegen. z.B. dass gesagt sein soll, dass ein Akteur eine völlig neue und weiterhelfende Erkenntnis gewann - also 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE -, die ihm - noch ein Sprachbild - wie ein "Geschenk des Himmels" vorkam, also - letzteres Bild ausgewertet - nicht selbst erarbeitet und konstruiert. Man kann entweder nach der "Funktion im Text" fragen, oder - unsinnig - nach der "Existenz" solcher Figuren. Aber nicht beides zugleich.

Diese Erkenntnis sollte auch den Umgang mit Kindern
leiten. Wenn diese z.B. fragen: "Gibts Engel
wirklich?", dann ist dies eine solche von einem
Text losgelöste Frage. Darin muss man sich bei
der Suche nach einer Antwort nicht verhaken,
sondern kann/sollte hinlenken auf einen dem Kind
bekannten Text, in dem eine solche Figur
auftritt. Meist wird das Kind ganz gut sagen
können, welche Funktion jene Figur in jenem
Text spielt. 
Das schließt flankierend nicht aus, dass man
auch sagt: So leibhaftig, wie du mir gegenüber
stehst, bin ich jener Figur noch nicht begegnet.

0.2 Gestaltete 'Wirklichkeit'

(aus: M. Schuster, Wodurch Bilder wirken. Psychologie der Kunst. Köln 2016.)

"Wirklichkeitssuggestion Menschen glauben, was
sie sehen. Der ungläubige Thomas möchte denn(!)
auferstandenen Christus sehen. Worte können lügen,
aber was man selbst gesehen hat, das überzeugt. In-
sofern erschafft das Bild eine neue Wirklichkeit,
zum Beispiel die Wirklichkeit von Himmel und Hölle.
Man kann sich dann 'ein Bild davon machen'. Der
(Renaissance-)Künstler war für das Publikum wie ein
Schöpfer-Gott, dem die Macht zugeschrieben wurde,
solche neuen Wirklichkeiten entstehen zu lassen. 
   Allzu gern verwechseln wir das Bild mit der abge-
bildeten Sache. Im Mittelalter konnte man 'in effigie'
das Bild bestrafen, wenn man des Abgebildeten nicht
habhaft werden konnte. Wir tragen das Bild der gelieb-
ten Person in der Brieftasche, und so kann es uns ein
wenig beschützen wie diese Person selbst. Das Bild des
mächtigen Diktators darf nicht beschädigt werden. Im
Schadenszauber werden Nadeln durch ein Abbild gestoßen
... Diese unsere Neigung, das Bild mit der Sache zu
verwechseln ist erheblich. Ist es die Ähnlichkeit, die
diese Neigung unterstützt? Was macht aber Ähnlichkeit
aus? Ein Wachsbild hat eine hautartige Oberfläche, es
ist in einem Aspekt besonders ähnlich. Die Marmor- oder
Bronzestatue glänzt wie die menschliche Haut, steht
aber isoliert im Raum. Das Bild - nicht so leicht die
Skulptur - kann einen Sachverhalt in eine Szene ein-
betten und dadurch die größte Wirklichkeitssuggestion
erreichen." (26f)

1. Politik

1.1 Amt und Erwartungen: Repräsentation

Jeder Mensch ist zunächst ein Einzelner, ein Individuum. Aber sozial, beruflich erfüllt man Funktionen, spielt Rollen. Unter diesen Funktionen/Rollen ist man bei vielen bekannt, wobei dann die Privatperson dahinter verschwindet, auch verschwinden soll ('Schutz der Privatsphäre'). Politiker haben die Funktionen: ein Amt ausfüllen, die Ziele/Programme/Werte einer Partei glaubwürdig repräsentieren, die Interessen der Wähler aufgreifen. Zeigt es sich, dass ein Politiker gravierend bei diesen Funktionen versagt, hat er Erwartungen seiner Wähler enttäuscht. Als Privatmensch kann diese Figur immer noch liebenswert, angenehm usw. sein. Als Projektionsfläche hat sie aber ausgedient. Das Wahlvolk entzieht das Vertrauen: Rücktritt oder Abwahl sind die Folge. Es sind also die Erwartungen in den Wählern - verstärkt durch die Presse -, die eine solche Kraft entwickeln, dass jemand nicht anders kann, als sein Amt aufzugeben.

Eine ähnliche Spannung entsteht, wenn ein demokratischer Politiker mit einem Diktator spricht. Der Demokrat repräsentiert die Erwartungen der Wähler, dass man eine Politikpraxis wie die des Diktators rigide ablehnt (Thema "Menschen-, Freiheitsrechte"). Dumm nur, wenn der Diktator z.B. über reiche Ölquellen verfügt, von denen unsereins abhängig ist. Die unterschiedlichen Politikauffassungen - 'Demokrat vs. Autokrat' - lassen sich zunächst nicht annähern. Der Demokrat hat in seinem Erwartungsgepäck (= durch Parteizugehörigkeit und Amt gestellte Erwartungen) - bei aller Ablehnung des Autokraten - den Auftrag, seine Herkunft nicht zu verleugnen und gleichzeitig eigene Interessen via Dialog zu verfolgen, und nicht durch Gewalt(androhung). Die Projektion demokratischer Werte auf den agierenden, demokratischen Politiker ist damit auf eine harte Probe gestellt, weil rigides und missionarisches Proklamieren der eigenen Grundüberzeugungen die Sachverhandlungen abbrechen und den Dialog beenden würde. Weder eine Änderung beim autokratischen Partner noch ein Verfolgen der eigenen Interessen wären erreicht. Es ist gerade der Dialog unter Schwierigkeiten, der für Demokratie wirbt.

Dialogunfähige Projektion der eigenen Werte führt nicht weiter, zeigt vielmehr, dass die beteuerten demokratischen Werte als Machtmittel missverstanden werden. - Es gab auch schon - erfolgreich - das andere Konzept: "Wandel durch Annäherung", bei dem die Unterschiedlichkeit der politischen Grundüberzeugungen nicht geleugnet wurde, aber durch Verhandlungen (= Anerkennung des Anderen, obwohl man selbst einen anderen geistigen Hintergrund hat) ein Politikwechsel erzielt wurde. - Peinlich wird es nur, wenn man distanzlos, auf quasi privater Ebene, sich dem so Anderen an die Brust wirft (und sich z.B. vom Diktator einen Urlaub spendieren lässt). Irregeleitet ist allerdings auch das Wahlvolk, wenn es nicht sieht, dass in solchen Fällen vor Mikrofonen ausgetauschte Freundlichkeiten für die Ebene der Funktionen/Rollen gelten. Die persönlich-private Ebene ist davon zu unterscheiden. Politik ist immer auch ein Rollenspiel.

Zwei weitere Module der Alternativ-Grammatik sind damit also angesprochen: Erwartungen - vgl. 4.082 Modalitäten – »Register« IMAGINATION - und Dialog - vgl. 4.12 Dialoge

1.2 Die Deutschen und die Nationalsozialisten

Sprachlich genügt die Überschrift bereits, um "Projektion" zu erläutern: Zwei Nomina werden einander entgegengesetzt. Dadurch wird der Eindruck erweckt, sie hätten nichts unmittelbar miteinander zu tun. Mit dieser Sprechweise lässt sich die Tatsache verdrängen, verschleiern, dass ja doch der allergrößte Teil der Nationalsozialisten Deutsche waren, oder nicht besser umgekehrt: die meisten Deutschen Nationalsozialisten? - "NICHT-WISSEN-WOLLEN" aus dem Register EPISTEMOLOGIE ist die Triebkraft: vgl. 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE. Der Historiker Götz Aly nennt in seinem SPIEGEL-Essay (31/2011) Beispiele:

"Die Frage, wie es zum Holocaust kommen konnte,
beschäftigt die Historiker und Gedenkpädagogen
bis zum heutigen Tag. Statt klare Antworten zu
geben, erschaffen wir Wortungetüme: Sie sprechen
vom schwärmerischen 'Erlösungsantisemitismus',
vom eiskalten 'Antisemitismus der Sachlichkeit'
oder vom 'paranoiden Weltbild der Rassenanti-
semiten'. Keine Ahnung, was das sein soll, ich
jedenfalls kenne niemanden in Deutschland, der
einen solchen wahnsinnigen Vater oder Großvater
in der Familie hatte. Die Publizistin Inge Jens
schreibt, ihr Vater sei zwar in der SS, aber
kein Nationalsozialist gewesen. Mein Doktorvater
berichtete mir, er habe als Kind 'Wehrbauer im
Schwarzerdegebiet' gespielt und sein Vater habe
dem Sicherheitsdienst angehört, 'Gott sei Dank
in einer völlig unbedeutenden Abteilung'. Kürzlich
fragte ich zwei honorige, etwa gleichaltrige
Kollegen: 'Was hat Ihr Vater damals gemacht? Wo
war er im Krieg eingesetzt?' Beide stockten,
beide murmelten: 'Ah, das habe ich nie genau
erfragt. Nein, nachrecherchiert habe ich es
nicht.'
Je mehr die Deutschen vom Holocaust reden, desto
mehr wird er zum Fremdkörper ihrer Geschichte.
Sie sprechen von 'den Tätern', wahlweise 'den
Nationalsozialisten' oder dem 'NS-Staat', so,
als handele es sich um Außerirdische. Einsichten
sind damit nicht zu gewinnen. Gleiches gilt für
Faschismustheorien. Sie verkleinern den Rassen-
mord zum Rückfall in vorzivilisatorische
Barbarei, vernebeln ihn hinter systemischen
Modellen, schieben die geschichtliche Last auf
einen deutschen Sonderweg, oder auf eine angeblich
genau eingrenzbare Gruppe von 'Ideologen'. Blasse
Abstraktionen [vgl. 4.13 Abstrakta ] verhelfen den
Anhängern solcher Theorien zu Distanz und dem
Wohlgefühl, sie stünden auf der besseren Seite
der Geschichte. Goethe spottete über derartige
Selbstverblendung, dass die Theoretikerzunft 'die
Phänomene gern los sein möchte und an ihrer
Stelle deswegen Bilder, Begriffe, ja oft nur
Worte einschiebt."

1.2.1 "Germanentum"

aus E. Oeser, Die Angst vor dem Fremden. Die Wurzeln der Xenophobie. Darmstadt 2015. 386f:

"Nach dem Erscheinen der ersten Ausgabe der
'Germania' des Tacitus im deutschsprachigen
Raum (Nürnberg 1473) setzte eine Idealisierung
der Germanen ein, die man bereits in einer der
ersten deutschen Übersetzungen der Werke des
Tacitus als die Ahnen der damaligen Deutschen
betrachtete. Der Übersetzer Johann Samuel
Müller verfolgte das Ziel, den deutschen
'Nationalgeist wieder emporzuheben', und verwies
auf eine damals gerade erschienene Schrift über
den Nationalgeist, in der es heißt: 'Wir
Deutschen, an innerer Stärke das erste Reich in
Europa, sind ein Raub der Nachbarn, ein Gegen-
stand ihrer Spöttereien, uneinig unter uns
selbst, kraftlos durch unsere Trennung, stark
genug, uns selbst zu schaden, ohnmächtig, uns
zu retten, ein großes, gleichwohl verachtetes,
ein in der Möglichkeit glückliches, in der Tat
selbst sehr bedauernswürdiges Volk' (Tacitus...).
Eingedenk seiner Zielsetzung scheut sich der
Übersetzer Müller nicht, den Titel der 'Germania'
mit 'Das Alte Deutschland' wiederzugeben und die
lateinische Bezeichnung 'Germani' immer mit
'die Deutschen' zu übersetzen (). Dabei ist er
sich durchaus darüber im Klaren, dass 'man
hierunter nicht Deutschland nach seinem heutigen
Umfang verstehen kann, sondern nur denjenigen Teil,
den die Römer Trans Rhenanam nannten' (Tacitus...).
Solche Vorstellungen, die den Ursprung der
modernen Nationen ins Altertum zurückverlegen,
wurden noch im 20. Jahrhundert zur Zeit des
Nationalsozialismus vertreten. Ein Beispiel dafür
ist die in der Germanistik vertretene
Kontinuitätsthese (), welche zwischen den
Germanen und den heutigen Deutschen eine unun-
terbrochene Verbindung herstellen will.
Deutsch ist dann nicht nur jetzt 'deutsch',
sondern auch damals."


1.3 Terrormiliz IS - und der sprachliche Krieg gegen das "absolut Böse"

(aus SWP 24.9.2014)

Nach der Enthauptung des britischen Entwick-
lungshelfers David Haines sprach der britische
Premierminister David Cameron von einem "Akt
des absolut Bösen". Die IS-Terroristen seien
"Monster" und die "Verkörperung des Bösen".
Mit solch quasi-religiösen Kategorien werden
Militärschläge des Westens gerechtfertigt.
   Der evangelische Theologieprofessor Jürgen
Kampmann findet diese Dämonisierung "proble-
matisch". Die gegenwärtige politische Rede vom
"absolut Bösen" sei ein ziemich unscharfer und
letztlich nicht überzeugender Versuch, einen
neuen Superlativ moralischer Distanzierung zu
formulieren ... "Denn wie bringe ich heute in
der westlich-säkular bestimmten Welt zum
Ausdruck, dass ich ein Geschehen ganz und gar
verabscheuungswürdig finde und gänzlich
intolerabel?" fragt er ...
   Politiker wie Medien hätten im Hinblick auf
den "Islamischen Staat" eine religiös aufge-
ladene Rhetorik übernommen: "Der Staat des
Bösen" (Der Spiegel), "Obamas Allianz gegen das
Böse" (Spiegel Online), "Neuvermessung des
Bösen" (faz.net), das alles klingt, als hätte
nun ein apokalyptischer Endkampf begonnen. ...
   "Dämonisierung und Diabolisierung eines
Gegners gehören zum wohlfeilen Propaganda-
handwerk im Krieg. Im Fall der Bekämpfung des
IS scheine es kaum um ein psychologisches
Moment wie die Überwindung von Selbstzwei-
feln zu gehen, sondern darum, Koalitionäre zu
gewinnen. Potenzielle Freunde sollen dafür
gewonnen werden, "sich mit mir gegen diesen
Gegner zu solidarisieren und zu engagieren"
(...)

Vgl. auch [2]

1.4 Wahlwerbung

Seit langem ist bekannt, dass es unterschiedliche Strategien der Parteien gibt, - wobei in allen Fällen der Versuch zu machen ist, ein komplexes inhaltliches Parteiprogramm, inklusive der Geschichte der Partei, der daraus sich ableitenden konstanten Orientierung, ihrer Zielvorstellungen, übersichtlich und attraktiv dem Wahlvolk zu präsentieren. Zwei Strategien können regelmäßig beobachtet werden:

  1. Personifikation - das betrifft das aktuelle Modul. Die Haupt'botschaft' besteht darin, die KandidatInnen überlebensgroß und farbecht auf Plakaten zu präsentieren - allenfalls noch sprachlich ergänzt um eine Wertung (z.B. "Deutschland geht es gut"), - sie muss beim Wahlvolk allerdings mehrheitlich auf eine vergleichbare Einschätzung treffen, vgl. 4.4 Vorausgesetztes Weltwissen (Präsuppositionen). Entsprechend schlecht ist es, wenn Spitzenkandidaten ('Angebote' für Personifikation) in der Wahlvorbereitung mit allen möglichen Querschüssen konfrontiert werden, die frühere Dummheiten in Erinnerung bringen. Damit wird auf einer tiefen Ebene das Vertrauen in solche Personen geschädigt.
  2. Argumentation - notgedrungen über Abstrakta, vgl. 4.13 Abstrakta, und Bedeutungszusammensetzungen, vgl.4.03 Bedeutungsgruppen /allgemein und Unterpunkte, werden Themen angesprochen, vgl. 4.42 Einheitliches Thema (Isotopien). Es sollen Kern-themen wie Energie-wende, soziale Gerechtigkeit, Vermögens-steuer, Mindest-lohn usw. die Debatte beherrschen. Und dabei lässt sich auch noch viel rechnen und mit Zahlen jonglieren - Mathematik als weiteres Abstraktionssystem. So zu reden, ist sprachlich der typische Jargon linker Parolen - und die waren in dieser Form hierzulande noch nie mehrheitsfähig. Über die politische Berechtigung solcher Ziele ist damit noch nichts gesagt; sie sind gewiss wichtig. Aber wenn man sie beibehält, sollten sie sprachlich bekömmlicher vorgetragen werden.

Daraus ergibt sich sprachlich - noch nicht politisch -, dass die Strategie "1." viel direkter, einfacher und attraktiver ist - selbst wenn dies manchen ärgern sollte. Ebenfalls sprachlich ist Strategie "2." anstrengender, gewiss intellektuell anspruchsvoller, dabei aber komplizierter. 'Strategie 1' ist somit schon sprachlich 'mehrheitsfähig', 'Strategie 2' wendet sich von vornherein an die Minderheit derer, die mit solchen Begriffen und Argumentationen umgehen können, an eher intellektuell Gebildete. Man braucht sich nicht zu wundern, wenn die Wahlergebnisse auf dieser Schiene entsprechend schwach sind. - Als Analogie zum Lesen poetischer Texte - vgl. 4.74 Text als "Vektor":

  • Strategie 1 baut darauf, dass die angesprochene Wählerschicht keine große Anstrengung macht, den richtigen Sinn der Wahlentscheidung zu erarbeiten - etwa durch Argumentation oder Wahl-O-mat. Das pflegt man immer schon als konservativ zu etikettieren.
  • Strategie 2 setzt voraus, dass argumentativ einiges offen ist, man durch Argumente den einen oder die andere noch gewinnen kann, Veränderung der Wahloptionen möglich ist. Allerdings sollte das Benutzen von Abstrakta und Zahlenspielen zurückgedrängt, stattdessen attraktive, emotional ansprechende Visionen formuliert werden. (Kanzler Brandt erzielte ein hervorragendes Ergebnis, nachdem seine Ostpolitik erste Schritte getan hatte, B. selbst dabei als glaubwürdig empfunden worden war. Dadurch konnte die immer mehr als überfällig empfundende Abkehr vom Gegeneinander der Blöcke angegangen werden. Diese Wende setzte viele Emotionen und Perspektiven frei.) - Ob "progressiv" dafür der richtige Gegenbegriff ist, sei dahingestellt. flexibel, offen dürfte geeigneter sein.

Bezogen auf Ziff. 4.74, vgl. [3]: Man kann auch Wahlprogramme als Vektor bezeichnen, daraus die politische Richtung erkennen und dann vergleichen. Das erfordert immer gedankliche Anstrengung, das Aushalten von Unklarheiten. - Diese Mühe erspart sich, wer sich mit "Personifikation" begnügt.

1.5 2015/16 - Krieg in Syrien

... und die massive Einmischung der Russen. Ist Putin Inbegriff des absolut Bösen? vgl. [4]

Noch eine Projektion: Übergriffe auf Frauen in Köln, weil Frauen aus arabischer Sicht weiterhin Symbol für koloniale westliche Unterdrückung sind. Auszug: Miral al-Tahawi auf SPIEGEL-online 15.2.2016:

"Wie in Kairo muss man, um die Übergriffe vom
Kölner Hauptbahnhof zu analysieren, unter-
scheiden zwischen sozialen Gruppen. Ein Ver-
gleich, der nicht das Ziel hat, die Armen
vom gesellschaftlichen Rand oder Flüchtlinge
zu verurteilen. Er dient lediglich dazu, die
Natur der sexuellen Belästigung zu verstehen
- und dazu, den Zusammenhang zwischen dem
Opfer und dem Angreifer zu verstehen, zwischen
der Ober- und Unterschicht. Und auch den
zwischen Westen und Osten.
Vor einem halben Jahrhundert veröffentlichte
Tayeb Salih den berühmten Roman "Saison der
Migration in den Norden"; darin ist vom
Triumph des orientalisch-männlichen
Geschlechts über den Körper des europäischen
Weibs die Rede. Ein Ausdruck tiefer Wut und
Rachsucht beherrscht demnach seine Gedanken.
Diese historische Wut existiert nach wie vor
in mehr als einer Ausprägung. Viele Araber
sehen im Westen jene koloniale Macht, die die
Diktatoren unterstützt und die Arabischen
Völker ihrer Ressourcen und Rechte beraubt
hat. Viele Generationen, die auswanderten,
können sich von diesem Hass auf die europäische
Kultur nicht befreien, viele leben nur unter
ihresgleichen, unfähig zu verzeihen und sich
der anderen Kultur anzupassen.
Einige Einwanderer sind immer noch tickende
Zeitbomben, erfüllt von Hass und Wut. In
ihnen finden Terrorgruppen wie der "Isla-
mische Staat" einen Sprengstoff, der bereit ist
zu explodieren." 


2. Religion

Wertungen sind im Kern einfach, bipolar, binär: "gut vs. böse", "euphorisch vs. dysphorisch". Vgl. 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE. So zu reden ist allerdings unanschaulich. Daher sind Personifikationen beliebt.

2.1 Gott und Widersacher

Aus: D. Nuhr, Der ultimative Ratgeber für alles. 2011. S.47

"Die zahlreichen Fälle, in denen Gott angeblich
den angehenden Religionsgründern erschien, sind
meist mehr als tausend Jahre her und lassen
sich dadurch erklären, dass der Mensch manchmal
nicht ganz Herr seiner Sinne ist und in diesem
Zustand gerne glaubt, der Herrgott selbst habe
ihn heimgesucht - oder sein Gegenspieler, der
böse Satan, Dämon oder Voldemort, je nach
Glaubensrichtung.
   Weitere Verkörperungen des Bösen:
        - Die USA
        - Roberto Blanco
        - Kim Jong Il
        - Die Reichen
        - Die Schlange Ka
        - J.R.
        - Nero
        - Gesine Lötzsch
        - mein Orthopäde
        - Osama bin Laden
        - Luzifer
        - Klaus Kinski
        - Physiklehrer
        - das Ehepaar Herman und Thilo Sarrazin
        - Rottweiler
        - Die Stasi und Herr Gysi
        - Schweißfüße"

NB. Arbeitsprinzip des Kabarettisten ist es, nur die Wortbedeutung zu beleuchten, also die Bedeutungsebene, die bei Texten die Menschen zunächst anspricht - und bei der es viele dann aber auch belassen, genauso meist die Religionsinstitutionen. Indem der Kabarettist das nachspielt, auf die entstehenden Unsinnigkeiten verweist, erzeugt er nicht nur Lacheffekte, sondern zeigt zugleich die Notwendigkeit auf, den Sprachgebrauch in einer zweiten Runde kritisch zu befragen (bei uns: Pragmatik).

2.2 "und führe uns nicht in Versuchung"

Die "Vater unser"-Bitte hat schon oft dogmatische Irritationen ausgelöst: Wie ist es überhaupt denkbar, dass der uns doch gut gesonnene Gott verwerflicherweise uns bisweilen zum Bösen verleiten, uns dem Bösen aussetzen will? So dass man ihn per Gebet doch hie und da daran erinnern muss, er solle derartiges unterlassen?

Derartige Überlegungen sind vollkommen verständlich, solange man nichts als die wörtliche Bedeutung im Blick hat. Wer die normale Tatsache einkalkuliert, dass Sprachgebrauch sehr häufig zwei Bedeutungsebenen einschließt, der kann ein anderes Verständnis der Vater-unser-Bitte aktivieren: Zwar wird im Wortsinn eine andere Instanz angesprochen. Sie muss/kann jedoch als Projektionsfläche verstanden werden. In Wirklichkeit - nun kommen wir zur gemeinten Bedeutung - wird eine eigene Erfahrung ausgesprochen ("immer wieder laufe ich Gefahr, mich auf Schlechtes, Verwerfliches einzulassen"). Und die Bitte richtet sich an das eigene Unbewusste, den eigenen Personkern: hellwach zu sein, damit genau das nicht (wieder) geschieht. Es ist also nicht lediglich ein Appell an das Bewusstsein, sondern tiefer gehend: an alle Bereiche meines Personseins.

Der Mechanismus der "Projektion" hat sein Gutes: er macht den Wunsch und seine Dringlichkeit deutlicher. In Schwierigkeiten kommt nur, wer die zweite Bedeutungsebene vergisst, und damit die Notwendigkeit der Dekonstruktion. Er wird sich zwangsläufig ideologisch verheddern.

2.3 "XYZ hat geholfen"

- eine Standardformel entweder auf Votivtafeln an Wallfahrtsorten; oder die Formel kann auch als Fazit im Blick auf einen längeren Lebensabschnitt formuliert sein. Für "XYZ" ist der Name eines/r Heiligen einzusetzen, oder auch "Gott", "Jesus Christus" usw.

Sprachkritisch gesehen liegt eine Projektion vor. Der betreffenden Person würde man wünschen, dass sie offener leben kann, frei von dieser Fixierung und Blickverengung. Therapeutisch wird es so sein, dass die Person eine wichtige Stabilisierung bekommt. Ohne sie könnte sie abrutschen in größeres seelisches Chaos. Projektion wäre somit ein Notanker, der überleben lässt. Leben in freiem, kreativem Sinn wäre dann aber schon noch eine Stufe mehr.

2.4 "Jerusalem-Syndrom"

"Hotelangestellte in Jerusalem wissen die
Anzeichen zu deuten: Wenn das weiße Laken
des Hotelbetts fehlt, ist es Zeit, Alarm
zu schlagen. Nicht etwa des schnöden Dieb-
stahls wegen, etwas anderes, viel Dunkleres
ist im Anzug. Wieder einmal ist ein Tourist
vermutlich von einer Krankheit des Geistes
befallen, die so nur in der Heiligen Stadt
auftritt und Jerusalem-Syndrom genannt wird.
Solcherlei Infizierte sind unter anderem
daran zu erkennen dass sie weiße Bettlaken
wie eine Toga drapieren und in Ledersandalen
auf dem Ölberg, im Garten Gethsemane und auf
der Via dolorosa wandeln. Sie plärren, beten
und predigen, warnen vor der drohenden
Apokalypse und klagen über den Zustand der
Welt. Sie identifizieren sich mit Protago-
nisten aus der Bibel, man trifft auf Petrus,
Moses, Maria, wenn nicht sogar auf den
Messias selbst. Nur Judas bleibt außen vor.
   ... Für den Psychiater ist das Jerusalem
-Syndrom eine ernstzunehmende Störung, die er
erforscht. ... Vertreter von Typ I und II
können auch aggressiv sein, gefährden andere
und sich selbst. Nicht selten werden sie von
in ihren religiösen Gefühlen verletzten
Arabern - 'viele wollen die Muslime zum
richtigen Glauben bekehren' - und orthodoxen
Juden geschlagen. ... In der Notaufnahme zeigt
sich bei den meisten, dass sie 'ihren Verstand
nicht ganz verloren' haben. ... 'Es reicht
schon, wenn sie nicht mehr mit den heiligen
Stätten in Jerusalem konfrontiert sind, um
sie auf den Boden zurückzuholen', ist Katz'
Erfahrung. ...
   wer für den Typ III des Jerusalem-Syndroms
anfällig ist. Das Ergebnis: ... viele
männlich, um die 35 Jahre alt, Single, nicht
besonders gut gebildet, wenig welterfahren und
streng protestantisch erzogen. ... Warum
ausgerechnet Protestanten? 'Weil ihre Gefühle
unterdrückt werden', sagt Katz.
   Während etwa Katholiken ihre Religion vor
allem in südlichen Gefilden anhand von Tänzen,
Gesängen und ausladenden Zeremonien leben,
fehle den streng gläubigen Protestanten jede
Spiritualität. Zudem entstehe ein Idealbild
von Jerusalem im Kopf. Wer dann in die-
ses von Religiosität überladene und gleich-
zeitig auch von politischen Spannungen über-
heizte Jerusalem der Gegenwart kommt, wird
von den aufkommenden Gefühlen schlicht
überwältigt und flippt aus." (U. Schleicher in SWP 1.6.2013)

2.5 Gegner aufbauen - und Kritik daran

Mit Projektion, die oft ja auch mit Abstraktion einhergeht - vgl. 4.13 Abstrakta -, lassen sich leicht Gegner, Kampfszenarien aufbauen. Dann hat man das gewünschte "Ja - Nein", "Gut - Böse", "Idealisierung - Dämonisierung" usw., also die Gegnerschaft, die 'zweigeteilte, also übersichtliche Welt'. 1993 sprach der Amerikaner Samuel Huntington, wir steuerten auf einen "Kampf der Kulturen" zu. Vgl. aus SZ 24.8.2013, N. Richter:

"Nicht Wirtschaft oder Ideologie würden die
Menschheit spalten und ihre nächsten großen
Konflikte auslösen, sondern Zivilisation.
Eine Zivilisation definiere sich durch ihre
Kultur, Tradition, am meisten aber durch
Religion, und der Kampf der Kulturen werde
vor allem Westen und Islam entzweien
...
All dies hat davon abgelenkt, dass die
gefährlichsten Gräben längst durch die
muslimische Welt selbst verlaufen. Sie
trennen Sunniten von Schiiten, weltliche
Kräfte von religiösen, militärische von
zivilen, Putschisten von Demokraten,
Bürokraten von Facebook-Revolutionären.
Das gilt für den Nahen Osten, für Pakistan,
für die Pariser Banlieue.
  Statt dies zur Kenntnis zu nehmen, haben
unverantwortliche Politiker in Europa oft
so getan, als müsse man das Abendland
gegen eine muslimische Invasion vertei-
digen, sie raunten über Eurabia, die
angebliche Gefahr durch Kopftücher und
Minarette. Huntingtons These wurde dabei
oft als wissenschaftlicher Beleg dafür
missbraucht, dass der Islam ein Feind
sei. Aber ist all das schon ein Kampf
der Kulturen? Oder nur eine Variante
uralter Fremdenfeindlichkeit und Miss-
gunst, wie sie auch illegale Latinos in
den USA erleben müssen? Spricht gegen den
'Clash' nicht allein der Umstand, dass
die Türkei - zu Recht - EU-Kandidatin
geblieben ist?  ...
   Anders als es Huntington darstellt,
muss Kultur nicht durch Religion definiert
sein. In den Städten der Welt wächst eine
gemäßigte bis gar nicht religiöse Mittel-
schicht, die sich für Jobs, Bildung und
Wohlstand interessiert. Längst steht auf
Youtube eine religionsfreie Spaßkultur
zur Verfügung ...
Kultur ist keine Festung, Zivilisation
keine Blutsbrüderschaft, Heimat kann auch
eine Community im Netz sein. Die Spannung
zwischen Individualismus und Kollekti-
vismus, Glaube und Konsum, Weltbürgertum
und Heimatgefühl, sie wächst heute nicht
zwischen Kulturblöcken, sondern in jedem
Einzelnen." 

2.6 Heiligenkult in der katholischen Kirche

... ist eine explizite Anstiftung zur 'Personifikation, Projektion' - als ob irgendeine eigene Frage beantwortet, ein eigenes Lebensproblem gelöst wäre, wenn ich einen anderen anhimmle. Wohlgemerkt: Gedankliche Impulse eines anderen, dessen Texte, Aktionen usw. sind für die eigene seelische Entwicklung sehr wichtig. Daran halten wir fest. Aber darum geht es nicht bei Projektionen. Vielmehr ist man dabei fixiert auf das unerklärlich herausragende Leben des Anderen, und glaubt, dadurch schon gewinne das eigene Leben an neuer Qualität. Im pdf-Text zu diesem Modul ist Pater Pio erwähnt. Dazu nun - flankierend - ein weiterer Text: [5]

2.7 Dämonen - Teufel - Hexen

aus: E. Drewermann, "Luther wollte mehr". Der Reformator und sein Glaube. Im Gespräch mit Jürgen Hoeren. Freiburg i.B. 2016.

(59) "Im antiken Griechenland konnte
beispielsweise die Epilepsie von dem
Begründer der naturwissenschaftlichen
Medizin, von Hippokrates, als Gehirnfunk-
tionsstörung interpretiert werden. Der
griechische Arzt hatte keine Ahnung, was
sich im Gehirn ereignet, aber er hatte
methodisch den richtigen Ansatz gewählt:
Es muss in der Art, wie das Gehirn arbeitet,
eine Störung vorliegen. Ganz anders dagegen
lautete im Volke der Glaube, dass die Epi-
lepsie eine Besessenheit sei, die Auswirkung
also von Dämonen, die vom Menschen Besitz
ergreifen. Entsprechend diesem Volksglauben
aber redet das Neue Testament, und so erhält
sich dieses Denken, weil es ja im Neuen
Testament so steht, in der gesamten Theologie-
geschichte. Es ist für Luther undenkbar, dass
man die Vorstellung vom Teufel historisch oder 
psychologisch interpretieren könnte. Diese
Vorstellung ist für ihn eine gültige Aussage
der göttlichen Offenbarung. Also: Es gibt den
Teufel und er kann den Menschen in Besitz
nehmen; Gott lässt das zu. Wie aber ist das
alles zu verstehen? Eigentlich überhaupt nicht.
Es ist ein Mysterium. Man kann nur Gott bitten,
dass er den Menschen hilft. 
   Und dieser Ansatz hat weitreichende Folgen.
Es sind Hexen möglich. Die werden verbrannt;
auch dagegen hat Luther theologisch nichts vor-
zubringen. Er kann nur beten für die Menschen,
die derart heimgesucht sind; aber das ist die
einzige Form von Hilfe, die im 16. Jahrhundert
den Theologen möglich scheint. Umso wichtiger
wäre es für den Protestantismus, ja für die ge-
samte christliche Theologie, die Lehre vom Teu-
fel heutigentags als das zu begreifen, was sie
im Grunde ist: eine Dissoziation der menschli-
chen Persönlichkeit.  In Gestalt des Teufels
sind ganze Teile der menschlichen Psyche abge-
spalten, unterdrückt, durch moralische Zensur
entfremdet; und diese Seelenteile kommen dann
von außen in das Bewusstsein zurück als etwas,
das zur Seele gehört, aber im Status des Unheim-
lichen auftritt, des Gefährlichen, des Zwanghaf-
ten, das man tun muss, ohne es zu wollen."
(154) "Braucht die Religion die Hölle und den
Teufel als Drohpotenzial?
Luther hat dieses Drohpotenzial in vollem Umfang 
verinnerlicht und aus der Tradition übernommen.
Wir dürfen nicht vergessen, dass man Origenes
genau dieser Lehre, der apokatástasis pánton, der
Rettung aller wegen, als Irrlehrer gebrandmarkt
hat. (...)
(Origenes) war ein unglaublich gütiger Mensch.
Dass die Kirche gerade ihn verurteilt hat, führte
auch dahin, dass Luther in einem Raum aufwuchs, an
dem der Teufel so gegenwärtig war, wie wir uns
hier gegenüber sitzen, und die Hölle so real war
wie eine Kaffeetasse oder ein Tintenfass. Aus
dieser mittelalterlich verfestigten Welt herauszu-
kommen, war Luther offensichtlich historisch in
seiner Zeit nicht möglich. Gleichwohl hat er Ent- 
scheidendes dazu beigetragen, die Angst im Ver-
trauen zu überwinden und die grundlegende Spannung
des menschlichen Daseins überhaupt zu sehen: Es
gibt nur die Alternative Angst oder Vertrauen.
Das ist Luthers große Leistung."

Vgl. [6]

2.8 Heiligsprechung (in der kath. Kirche)

Mit Franz von Assissi hob um 1200 eine intensive Debatte um das Thema Reichtum/Armut in der Kirche an. Der Amtskirche war das vollkommen zuwider, gleichzeitig konnte sie aber die neu entstandene Armutsbewegung nicht einfach stoppen/verbieten. Dafür jedoch in den Himmel wegloben ...

aus: H: Wolf, Krypta. Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte. München 2015

(193) "Felds Formulierungen fallen mitunter recht
drastisch aus, so auch wenn er feststellt, das 'ur-
sprüngliche franziskanische Ideal' sei in einem
'unerhört dramatischen Ringen domestiziert, verkirch-
licht und damit verfremdet und umgebogen' worden. Papst
Gregor IX habe Franziskus durch die Heiligsprechung
'in die unerreichbare Sphäre des Himmlischen entrückt'
und gleichzeitig das 'radikale und unverwässerte Ar-
mutsgebot aus Franziskus' Testament für ungültig er-
klärt. Deswegen sei er zum 'Totengräber' des Franziskus
geworden."

3. Familie

3.1 "Mudder"-Sprüche

aus SPIEGEL-online, 14.9.2011. Interview mit Sprachwissenschaftler über ein Phänomen der Jugendsprache:

Androutsopoulos: Na klar. Die Sprüche funkt-
ionieren nach einem festen Schema, bei dem die
Mutter des Gegners herabgewürdigt wird:
Deine Mutter ist so  x, dass y…. Hier ein O-Ton-
Beispiel: "Your mother so old she got spider webs
under her arms" ("Deine Mutter ist so alt, sie
hat'n Spinnennetz unter'm Arm"). Auch die Interak-
tionsform ist festgelegt. Der eine klopft den Spruch,
der andere erwidert und übertreibt ihn. Wie weit
dieses Spiel geht, entscheidet das Auditorium, also
die Clique, die drumherum steht.
[Beispiel]
Deine Mudder ihr Köperumfang
Wenn man deiner Mudder auf den Hintern haut, kann
man Wellen reiten.
[Ende Beispiel]
Frage: Und wann ist ein Spruch gelungen?
Androutsopoulos: Natürlich muss er dem Auditorium
gefallen. Es gilt aber eine einfache Grundregel. Die
Sprüche müssen offensichtlich absurd sein. Die Sprüche-
klopfer müssen sich in ihrer Absurdität überbieten.
Wenn die Sprüche nicht absurd sind, dann haben sie
den Anderen wirklich beleidigt.
Frage: Aber wieso werden grad die Mütter be-
leidigt?
Androutsopoulos: Das könnte damit zusammenhängen,
dass die Kids in Harlem eher in zerrütteten Familien-
verhältnissen aufwuchsen und daher auch eher dominante
Mutterfiguren hatten. 

Fazit: Mit der Wortbedeutung werden zwar die Effekte beim Auditorium erzielt. Aber wehe, jemand bleibt auf dieser Bedeutungsebene stehen! Er hätte dann eine Beleidigung formuliert. - Die hemmungslosen und absurden Übertreibungen warnen massiv davor, nicht weiterzudenken. - Was könnte dann die gemeinte Bedeutung sein? (An dieser Stelle dürften gern auch psychologisch Geschulte mit einsteigen) Möglicherweise liegt indirekt sehr wohl eine Art Respekt- und Liebeserklärung vor.

3.2 Familienmitglied "Ella"

"Wir kennen uns nun schon mehr als zehn
Jahre, länger als die meisten Ehen halten.
Doch in jüngster Zeit, wie soll ich das
erklären, hat sich in unser Verhältnis
eine gewisse Unwucht eingeschlichen, wie
das die Therapeuten nennen, es läuft nicht
mehr so rund wie früher. Seit Monaten
überlege ich immer öfter, ob es besser
ist, zusammen weiterzumachen - als einge-
spieltes Team -, oder ob es nicht doch
vernünftiger wäre, getrennte Wege zu gehen,
so hart das jetzt klingt. Mit Dir zu dis-
kutieren war ja praktisch unmöglich. Und
die Zeit hat leider nicht für uns und
unsere Beziehung gespielt. 
Treu warst Du ja immer, ich sowieso. Es
geht auch nicht darum, ob ich Dich verlassen
will, sondern ich muss es einfach tun.
Um es ganz brutal zu sagen: Du wirst mir zu
teuer! Deine ganzen Schönheitsoperationen,
die in letzter Zeit immer häufiger kamen,
die kann ich mir nicht länger leisten, auch
wenn es immer heißt, Du brauchst das
unbedingt zum Fitbleiben. Du kannst nichts
dafür, aber ich muss Dir heute leider sagen:
Es ist vorbei. Und glaub mir, mir tut das
genauso leid."

Mit "Ella" angesprochen in diesem Abschiedsbrief ist ein PKW, Baujahr 1994, mit inzwischen mehr als 335.000 km Fahrleistung. (ST 21.5.2012, Stephan Claus)

4. Bildhafte Lernformen für Semantische Grundfunktionen

Angeregt durch die folgende Ziff. 4.1 wird hier eine weiter verstandene Ziff. 4 eröffnet - in der Hoffnung, dass noch eine Reihe weiterer illustrierender Beiträge folgen wird: Texte, um die es in dieser Grammatik geht, sind ja nur ein Typ kultureller Schöpfungen, die uns umgeben. Daneben gibt es bildende Kunst, Architektur, Oper, Schauspiel, Pantomime, Kunstlied, usw. usw. - Das alles sind sinnenhaft erfahrbare Werke. Aber - das ist die These, die man überprüfen und erläutern sollte - hinter dieser Anschaulichkeit soll(en) meist eine, oder einige wenige semantische Funktionen kommuniziert, den Adressaten eingeprägt werden. Das ist dann der gemeinte Sinn hinter dem zunächst direkt zugänglichen.

4.1 Grammatik via Volkslieder

Dieser Punkt wird zweifellos als kurios empfunden werden. Macht aber nichts - es sei dennoch die Behauptung gewagt, dass einzelne Volkslieder häufig in bildhafter Form, mittels Projektion den SängerInnen eine oder einige wenige semantische Funktionen vor das geistige Auge führen. Man lernt dann zwar begrifflich nichts, sehr wohl aber in übertragener Bedeutung - und die eingängige, bekannte Melodie sorgt dafür, dass der Inhalt emotional verankert und somit nicht vergessen wird. Insofern lernt man durchaus Wichtiges 'fürs Leben'. Nachfolgend einige Beispiele, eingeordnet in Teile der Semantik aus dem Inhaltsverzeichnis und vom Liedtext ausgehend mit kurzer Charakterisierung der wichtigsten semantischen Funktion(en). Seitenangaben beziehen sich auf Kurt Pahlen. Das Buch der Volkslieder. Mainz 1998.

Wie in der Alternativ-Grammatik die Grundbegriffe der Semantik verstanden werden, gehören sie zum geistigen Standard der Menschen. 'Grammatik' ist demnach nicht ein Nischenthema, allenfalls Lehrstoff für Gymnasiasten. 'Grammatik' so gesehen dient dem Leben. Wenn diese Sicht richtig ist, verwundert es nicht, dass frühere Zeiten eben andere Formen fanden, wie das Grundwissen in den Köpfen verankert werden konnte. Die Lieder dienen dann nur vordergründig der beschwingten Erholung. Ihre Beliebtheit würde zusätzlich daher rühren, dass die Sänger intuitiv merken: es wird eine lebenswichtige Weisheit vermittelt. Über so grundgelegte geistige Strukturen wird zu einem beachtlichen Maß auch die jeweilige Gesellschaft aufgebaut.

Weitere Beispiele - einige Rubriken sind außerdem noch leer - bitte nachtragen!

4.0612 Existenzsätze – Streit ums Thema / Subjekt - Lieder, die entweder die neue Existenz eines Kindes besingen, oder aber das Ende des Lebens, Abschied, Trauer. Es kann auch um die Entgegensetzung von Leben (zusätzlich aufgeladen mit positiver Wertung - vgl. AXIOLOGIE) und - natürlich traurigem, beklagenswertem Tod gehen.

(105) "Es war ein König in Thule" (Goethe/Zelter)
- projiziert auf den alten König und seinen
letzten Trunk wird der letzte Akt im Leben
angesprochen. - Das klassische Beispiel für
Projektion ist (150f) "Ich weiß nicht, was
soll es bedeuten (Lorelei)" 
(Heine/Silcher). 
Es wird vorgeführt, wohin nicht-durchschaute
Projektion führt: in den Tod. 
4.081  Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE in negativer Form (Verdrängung akuter Gefahren). - 
(157) "Im schönsten Wiesengrunde" spielt ebenfalls
den Wechsel von positiver Existenz zu negativer
Nicht-Existenz durch. - 
(173) "Kein schöner Land in dieser Zeit" steht
für (gute) Existenz, wobei zwei Projektions-
flächen benutzt werden: neben "Land" auch "Gott". - 

4.0614 Prädikation – Akzent: Verbindung der beiden Bedeutungen. Als vollgültiges Prädikat wird bei uns das selbstbestimmte "Handeln" ('dynamisch-initiativ') angesehen, vgl. dazu: 4.1115 Prädikat – kritisch nachgefragt. Davon handeln mehrere Lieder.

(32f) "Auf, auf zum fröhlichen Jagen"
projiziert auf die "Natur" alles Unstruk-
turierte, aber Lebensvolle ("Wildbret").
Dem soll man sich als "Jäger" zuwenden =
"eigene Macht und Überlegenheit".  
Ebenso: (34f) "Auf, du junger Wandersmann" 
(52f) "Das Wandern ist des Müllers Lust".
- "Wandern" kann man nur als selbstbestimmte
Handlung. Der Verweis im Lied auf "Wasser
| Räder | Steine (die tanzen)" zeigt, dass
es insgesamt mehr darum geht, dass überhaupt
Bewegung, Veränderung im Spiel ist, also 
"dynamisch", auch in der Form "fientisch"
= Prozess.

4.071 Raum / Ort / Topologie

4.0711 Ortsbezogen / -gebunden oder ortlos?

Zwischendurch ein Kirchenlied: "Ein feste
Burg ist unser Gott", geht auf Ps 46 zurück.
Indem von "Gott" ein stabiler Ort (mehrfach
durch Refrain) ausgesagt wird, ein Ort
inmitten vielfältiger Bewegung (tosende Wogen
u.ä.), erweist er sich als 
vertrauenswürdig = creditiv - vgl. 4.081  Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE; 
mit dem stabilen Ort ist auch ein "Existenz-
nachweis" verbunden: s.o. 4.0612 Existenzsätze – Streit ums Thema / Subjekt

4.0712 Statisch lokalisiert / dynamisch sich entwickelnd. Viele

Lieder handeln von nötiger oder erzwungener
Ortsveränderung. Klassisch: (194f)
"Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus".
Trotz zwischenzeitlicher lokaler Trennung wird
die Zusammengehörigkeit beteuert - am
Schluss ist dann ja auch "Hochzeit". Also:
Prädikat: Zuordnung = zwei getrennte Wesen finden 
zueinander, bilden eine Gemeinschaft. (Anders
bei den anderen 3 Möglichkeiten von Beziehung:
Spezifikation, Identität, Klassifikation).

4.072 Zeit / Tempus / Chronologie

4.0721 Gegenwart / Gleichzeitigkeit / imperfektiver Aspekt

4.0722 Vergangenheit / Perfekt / (Imperfekt) / Präteritum / Vor-Vergangenheit

4.0723 Futur / Zukunft. Hier kommt es zu Überlappungen mit 4.082 Modalitäten – »Register« IMAGINATION.

(265) "Wohlan die Zeit ist kommen": Strophe 5 enthält einen
interessanten Referenzpunkt R:
"und wenn ich dann gestorben bin"; gemessen daran soll
nachzeitig folgendes geschehen: 
"so trampelst hinterdrein".

4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE - die Frage, was man wissen kann, wie man durch Wahrnehmung Wissen gewinnt, wie und ob man es kommunikativ weitergibt.

Das Modalfeld hat seine "Nationalhymne" in (64)
"Die Gedanken sind frei". 
(166f) "Jetzt gang i ans Brünnele" endet in
Strophe 6 im Nicht-Wissen, ob es den Schatz
gibt oder nicht, also: 4.0612 Existenzsätze – Streit ums Thema / Subjekt

4.082 Modalitäten – »Register« IMAGINATION - verarbeiten, was aktuell nicht wahrgenommen, aber ausgedacht werden kann, aber - sofern es um die Zukunft geht - was einmal der Fall sein könnte/sollte. Retrospektiv kann man hier z.B. über verpasste Gelegen- heiten räsonnieren (und im Gefolge davon auch trauern - wäre dann AXIOLOGIE).

(26f) "Am Brunnen vor dem Tore" handelt von
der Ahnung, dem Träumen (vom höchsten Wert,
vgl 2. Strophe). Sie wandelt sich - trotz
Gegenwind - in feste Überzeugung: 4.081  Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE "creditiv". 
(113) "Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn"
- die neckische, beschwingte Melodie führt
inhaltlich unterschiedliche semantische
Funktionen zusammen. Was zunächst im
Vordergrund steht - deswegen die
Einordnung hier -, ist die Bedingung: 
die Jungfräulichkeit sollte gesichert sein.
Im Gefolge dann Gemeinsamkeit (Prädikat
Zuordnung und höchster Wert = "Gold" Axiologie).
(265) "Wohlan die Zeit ist kommen".
Wieder singt ein Pläneschmieder ("prospektiv"),
der in Strophe 5 sogar noch eine weit
vorausgreifende Bedingung setzt. 

4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE. Mehrere Lieder aktivieren "kausativ", d.h. sagen: "Tu gefälligst was!" Dazu gehören:

(87) "Es, es, es und es", 
(199) "Nun ade, du mein lieb Heimatland", 
(268f) "Wohlauf in Gottes schöne Welt". Ein
Anti-Trägheitsprogramm in Form von Liedern. 
Ebenso: (100) "Es klappert die Mühle" - "Brot" steht für
positiven Wert (Axiologie), um ihn zu erreichen, sollte
man aber handeln = arbeiten.

4.084 Modalitäten – »Register« ERMÖGLICHUNG. Die positive Form, dass etwas möglich

ist, hat als Gegenstück ungünstige Umstände.
Nicht dass jemand direkt eine Handlung
verbieten würde, aber doch so, dass
unmöglich ein bestehender Wunsch
realisiert werden kann.
(240) "Wenn alle Brünnlein fließen"
- "Fließen" steht für "es ist möglich".
Klar ist auch, dass es den begehrten
"Schatz" gibt. Aber irgendein ungenann-
tes Hindernis wirkt wie eine Mauer, die
erst noch überwunden werden muss.

4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE. Es wird erfasst, dass jeder Mensch mit seinen Gefühlen wertend auf Situationen/Aussagen reagiert und sie spontan "positiv" oder "negativ" einordnet. Damit ist dann ausgesagt, dass die Situation/Aussage das eigene innere=seelische System stützt, - was dann Wohlbefinden, Glück empfinden lässt, oder eben zu Änderungen provoziert. Im letzteren Fall hat jeder mit der angeborenen Trägheit zu kämpfen, also wird die Notwendigkeit der Änderung als "negativ" bewertet bis dahin, dass das Konzept / die Idee / der Vorschlag ganz abgelehnt wird - um so ungeschoren weiterhin der bleiben zu können, der man war.

(19) Ännchen von Tharau (Silcher) ist das
Musterbeispiel einer Projektion. 
"mein Leben | Gut | Geld | Reichtum | Seele | Fleisch |
Blut | Licht | Sonn"
- Die Angebetete ist Inbegriff des höchsten Wertes
aus der "Axiologie". 
(22) "All' mein Gedanken, die ich hab" (auf Minne-
sänger zurückgehend) gipfelt im höchsten Wert: das
"Du" ist "einz'ger Trost" 
(194f) "Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus" -
oben schon bei "Ortsveränderung" besprochen -, wertet
positiv die Angebetete ("Schatz" u.ä.). Vgl. auch bei
"Sprechakt"

4.086 Modalitäten – »Register« ASPEKTE - ein Prozess, eine Handlung werden in Teilsequenzen zerlegt, oder werden nach Intensität beschrieben, oder werden nach Häufigkeit charakterisiert (einmal - wiederholt).

(24) "Als wir jüngst in Regensburg waren" - Mädels
sind einerseits zu jung für die Liebe (und gelangen
dann gut über den Fluss), andererseits pfeift Frl.
Kunigund auf den Jungfernkranz und landet auf des
"Strudels Grund". Höchster Wert und dann noch em-
phatisch unterstrichen - so sieht ein Orgasmus
grammatisch aus ...

4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte

(19) "Ännchen von Tharau" (Silcher) - s.o. bei Axio-
logie leistet nichts anderes, als  "Kundgabe"
eines eigenen Gefühls auf indirektem Weg - nämlich
durch scheinbare Beschreibung der geliebten Person.
Durch häufiges "mein" enthält der Text aber genügend
Hinweise zur Dekodierung: Es geht um das "Ich". - 
Analog: (22) "All' mein Gedanken, die ich hab". -
(64) "Die Gedanken sind frei" - ein Gefangener = Ich
überlebt durch Aktivierung 4.081  Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE, s.o. - 
(173) "Kein schöner Land in dieser Zeit". 
(194f) "Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus" ist
letztlich ein Liebeslied. 
Sprechakt "Appell": (32f) "Auf, auf zum fröhlichen
Jagen" (s.o.). Ebenso: (34f) 
"Auf, du junger Wandersmann". (87) "Es, es, es und es", 
(199) "Nun ade, du mein lieb Heimatland",
(268f) "Wohlauf in Gottes schöne Welt". 
(100) "Es klappert die Mühle".

Ob es den Sprechakt "Darstellung" in Liedform
gibt? - Es sei bezweifelt. Einfach deswegen, weil man
dazu eigentlich nicht auch noch singen  muss ...
Was vielleicht nach Darstellung aussieht, wird in
der Regel eben doch Appell oder Kundgabe sein. 
Aber wer ein Gegenbeispiel kennt, möge es eintragen!

--Hs 09:03, 14. Dez. 2011 (UTC)

4.2 Bildhauerei: Grabstele

Man kann häufiger (wg. industrieller Fertigung?) Grabstelen sehen, auf denen ein ausschwingendes Uhrenpendel abgebildet ist. Die Etappen bis zur aktuellen Position sind sogar durch schwächere Pendelumrisse angedeutet. Nun "steht" also das Pendel am tiefsten Punkt, in der Senkrechten. Eigentlich kennt man von jeder Pendelbewegung: es wird das Weiterschwingen auf die andere Seite folgen. Aber auf der Stele ist das Pendel ja in Stein gemeißelt, und hier ist es voll dargestellt, nicht nur in Umrissen. Also wird es nicht weiterschwingen. Damit ist Betrachtern die Grundopposition jeder Prädikation in Erinnerung gerufen: statisch vs. dynamisch, vgl. 4.0614 Prädikation – Akzent: Verbindung der beiden Bedeutungen. Oder auch, dass jede Veränderung ein Ende hat: 4.086 Modalitäten – »Register« ASPEKTE

Beide Hinweise liefern für Betrachter im Prinzip keine neue Erkenntnis. Aber angesichts von Gefühlen der Trauer oder auch irrealen Illusionen - vgl. 4.082 Modalitäten – »Register« IMAGINATION über die eigene Unverletzlichkeit/Unvergänglichkeit - kann das Wissen verloren/verdrängt gewesen sein, vgl. 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE, das sich auf Fragen der Existenz/Nicht-Existenz bezieht, vgl. 4.0612 Existenzsätze – Streit ums Thema / Subjekt. Der erstarrte Pendelschwung mischt sich somit in den inneren Kampf der semantischen Funktionen ein, ordnet und konsolidiert die geistige Grundausstattung wieder. Es ist ziemlich viel, was so ein behauener Stein in Betrachtern auslösen kann - und sei es unbewusst.

4.3 Wertung - dramatisch überhöht

Eine Prüfung kann man bestehen - oder eben durchfallen. "gut" oder "schlecht" - das ist das Resultat: vgl. 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE, beglaubigt durch ein Protokoll, eine Unterschrift, ein Zeugnis. - Wem das - schon im 16. Jahrhundert - nicht genügte, der kritzelte seinen Namen oder seine Initialen in ein Bild von Lucas Cranach dem Jüngeren, sinnvollerweise mit dem Titel Jüngstes Gericht - darin gibt es ja auch die "Erlösten" bzw. die "Verdammten". Vgl. [7]

5. Feminismus

5.1 Theologie: Magnifikat

Theologinnen verweisen beim Aufbegehren gegen patriarchale Kirchenstrukturen gern auf - allerdings vereinzelte - Personen in den biblischen Texten, die als Vorbild dienen können. Das Magnifikat, gesprochen von Maria (vgl. Lk 1,46-55) spielt dabei eine große Rolle. Die Figur Marias könne also explizit als Vorbild für heutigen feministischen Kampf für umfassende Gleichberechtigung dienen. In der Tat: der Hymnus erwartet große Umwälzungen - "Niedrige" werden erhöht, "Reiche" entmachtet - und das "Ich", also Maria spielt im Verein mit Gott dabei eine Rolle, die noch in Generationen anerkannt sein wird. Also eignet sich demnach Maria als Vorbild für fundamentale Veränderungen verkrusteter Strukturen...

... sollte man meinen. Allerdings ist aus mehreren Gründen Skepsis angebracht:

  1. Die vollmundigen und hochfliegenden Worte werden später durch keine Information unterfüttert, die anzeigen würde, dass das spätere Handeln Marias tatsächlich in diese Richtung ging. Die Informationen über sie bleiben dünn und beschreiben im Kern nichts anderes als die - verständlichen - Reaktionen einer Mutter, die zu ihrem Sohn steht, ihn streckenweise aber auch nicht mehr versteht.
  2. Man sollte nicht übersehen, dass die Maria in Lk 1 eine literarische Figur ist, geschaffen von einem Mann, nämlich dem Evangelisten Lukas, der sich seinerseits auf einen alten Text (Danklied der Hanna, 1 Sam 2,1-11) stützt, höchstwahrscheinlich ebenfalls von einem Mann verfasst.
  3. Der Text dreht bisherige Gewohnheiten/Sichtweisen um: "die Reichen werden leer ausgehen" u.ä. Insofern ist im Wortsinn von einer Revolution die Rede, von einer Umwälzung der Gesellschaft. - Im Sinn eines nachgeholten Ausgleichs für lange Zeit erlittene Unterdrückung der Frauen, Ausgebeuteten usw. mag dies verständlich sein. Aber nur die Machtpositionen anders zu besetzen, strukturell aber nichts zu ändern, das ist kein Gegenkonzept.
  4. Fazit: Man muss sich von der Wortbedeutung des Textes lösen. Sie ist gedanklich in vielem zwar nicht schlüssig, aber gerade deshalb aufreizend, provokativ, pragmatisch ein starker Appell, vieles neu zu denken - eine veränderte Sicht der Frauen ist ein Aspekt dabei, aber beileibe nicht der einzige.

Wer heute, aus feministischen Motiven, auf Maria und das Magnifikat verweist, erliegt also einer Projektion. Nun kann es ja sein, dass auch ein Mann Gedanken formuliert, die auch feministisch akzeptabel sind. Nur ist es allzu verkürzt und dem Bildungsstand von Theologinnen nicht angemessen, wenn in solchen Debatten quasi direkt auf die Worte der - historisch verstandenen - Maria verwiesen wird, also unter Umgehung der entscheidenden Textebene. In diesem Fall handelt es sich um ein männliches Konstrukt. Wer will, kann - das ist gar nicht mal ironisch gemeint; Scheuklappen sollten ja möglichst aus dem Spiel bleiben - den Mann und Autor Lukas aus feministischen Gründen dafür loben. Denn die unbefragte Gleichung: Mann = Patriarch wäre schon die nächste Projektion. Auf dieser Basis kann man nicht kommunizieren.--Hs 07:53, 25. Dez. 2011 (UTC)

5.2 Hexenjagd

Vgl. auch 4.34 "Sündenbock" - Schuld oder Ursache ? Aus einem Beitrag von W. Triebold (ST 4.10.2013):

"In Tübingen selbst wurden Frauen eher selten als
Hexen verfolgt. Die Consilien weisen als Quelle der
hiesigen 'peinlichen Gerichtsbarkeit' in 140 Jahren
nur drei Fälle von 'Hexerei' aus, die mit Enthaupten,
Verbrennen oder der 'Stellung unter geistliche Auf-
sicht' bestraft wurden.
   Gleich nebenan im vorderösterreichischen Rottenburg ...
zeigte der Katholizismus dagegen noch vollen Feuereifer.
'Heute wurden in Rottenburg zehn Hexen verbrannt',
verzeichnete Schwaben-Chronist Martin Crusius im Mai
1596. 'Ich hatte deshalb in meiner Thukydides-Vorlesung
nur wenige Hörer.' Das lodernde Spektakel im Rottenbur-
gischen lockte Tübinger Studiosi mehr.
   In jenem September 1713 traf es eine alte Schlos-
sersfrau aus Schwaigern, Anna Maria Heinrich. Weil
sich ein Adelssprössling körperlich unwohl fühlte,
galt es einen Sündenbock zu finden. Besser noch:
eine arme Sünderin, um sie der Schwarzen Magie
zu überführen.
   Hundert Jahre zuvor hatte Johannes Kepler, mit-
hilfe seiner klugen Tübinger Juristenfreunde, die
eigene Mutter herausgepaukt aus dem schlimmen Ver-
dacht, mit dem Teufel im Bund zu stehen. Im Jahr
1713 aber überantworteten die sauberen Gutachter
der hiesigen Jurisprudenz eine arme Seele mit Fa-
denscheinargumenten dem Scheiterhaufen."

6. Aggression

6.1 Fußball

Aus einem Interview mit dem niederländischen Schriftsteller Leon de Winter (SPIEGEL 24/2012):

De Winter: ... Aber vergessen Sie nicht, wie viel Spaß Hass
bereiten kann.
SPIEGEL: Das klingt ungesund.
De Winter: Fußball ist angewandter Wahnsinn. Du
kannst Gefühle rauslassen, die du sonst unterdrückst.
Du identifizierst dich mit elf Top-Athleten wie mit
Kriegern. Wir wollen alle Krieger sein und das andere
Team töten. Den Ball ins Tor zu schießen ist rituali-
sierte Vergewaltigung, da kommen unsere archaischen
Triebe durch.
SPIEGEL: Wollen die Deutschen die Holländer verge-
waltigen?
De Winter: Natürlich nicht, aber bei Fußball geht
es eben nicht um schöne Stafetten und glitzernde
Trikots. Es geht um Kampf. Vergiss den Rest.
SPIEGEL: Wie hat es Ihnen gefallen, als Frank 
Rijkaard 1990 Rudi Völler zweimal in die Haare spuckte?
De Winter: Rijkaard hat Völler mit der Geste zeigen
wollen, dass er ein Stück Scheiße ist. Er hat keine
Reaktion bekommen, das war eine Enttäuschung.
SPIEGEL: Heute spielen viele Niederländer in der
Bundesliga. Wie hat das die Rivalität der Länder ver-
ändert?
De Winter: Gar nicht, wenn die Nationalflaggen
hochgehen, werden auch die Holländer, die beim FC
Bayern spielen, versuchen, die Deutschen zu verletzen.
Das ist gut. Darum geht es im Fußball. Elf gegen elf,
die sich die Beine brechen.
SPIEGEL: Fußball ist doch kein Krieg!
De Winter: Fußball ist ritualisierter Krieg. Warum
sollte man sonst Fan sein? Wir brauchen diesen ritua-
lisierten Krieg, wir brauchen keine echten Kriege.

Fazit: In jedem Turnier - EM, WM - ist ständig die Frage, wer überlebt, letztlich siegt bzw. wer ausscheidet. In bildhafter, symbolischer, übertragener Form die Frage nach Existenz/Nicht-Existenz, vgl. 4.0612 Existenzsätze – Streit ums Thema / Subjekt

6.2 Fußball - Stellvertreterveranstaltung

Anlässlich des WM-Halbfinal-Spiels (Niederlande - Argentinien - Juli 2014), mit der Aussicht auf ein Endspiel: Deutschland - Argentinien, schreibt "Gazzetta dello Sport":

"Tango Romero. Messi und Robben enttäuschen. Niederlande
gegen Argentinien wird zu einem lahmen und langweiligen
Match, das die Südamerikaner mit Elfmetern lösen. Das
Finale in Rio wird zum Duell zweier Kontinente und
zweier Päpste, Benedikt und Franziskus."

Die Mannschaften stehen ohnehin schon für ihre beiden Herkunftsländer, zusätzlich für 2 Kontinente und auch für die derzeit im Vatikan parallel lebenden beiden Päpste? - Ein bisschen viel an ideologischer Überfrachtung.

7. Beispiele aus der Literatur

7.1 "Angeklagte" grundsätzlich "schön"?

In F. Kafkas Roman "Der Prozeß", Kapitel 8: [8], Ziff. 124.33ff erstaunt, dass Leni, das Dienstmädchen des Advokaten, "die meisten Angeklagten schön findet". Also allein das juristische Merkmal "angeklagt" zu sein genügt, um die Emotion von Zuneigung, Liebe zu wecken. Diese Erfahrung hatte zuvor auch schon der Protagonist K. gemacht. Aber es war eben keine auf ihn passende Reaktion/Emotion. Sondern - wie sich jetzt herausstellt - es war ein Verhaltensmuster, das bei Leni häufig so ablief.

Das sieht ganz nach Projektion aus, d.h. Leni war interessiert an Menschen, die sie dirigieren und unterjochen konnte. Dieses seelische Programm immer neu ablaufen zu lassen, war ihr wichtig. Nicht wichtig war, mit welcher individuellen Person sie es jeweils zu tun hatte. Man könnte sagen: Leni war bindungsunfähig. Sie wollte ihre Machtgelüste ausleben. - K. hat dies relativ früh bemerkt und ging auf Distanz. Weitere Schilderungen des Verhaltens von Leni bestätigen ihn darin.

7.2 L. Tolstoj, "Anna Karenina"

aus: Lew Tolstoj, Anna Karenina. Hg.v. G. Drohla.insel 2010.S.340f:
Am Eingang in den Kurpark trafen sie die blinde Madame
Berthe mit ihrer Begleiterin, und der Fürst freute sich
über den gerührten Gesichtsausdruck der alten Französin,
als sie Kittys Stimme hörte. Sie zog ihn sofort mit echt
französischer überschwenglicher Liebenswürdigkeit in ein
Gespräch, pries ihn glücklich, weil er eine so reizende
Tochter habe, und erhob Kitty, obwohl sie dabeistand,
in den Himmel, nannte sie einen wahren Schatz, eine
Perle, einen Engel des Trostes.

Da ging der blinden Französin der wertende Gaul durch ...

7.3 Tugenden/Untugenden personifiziert

Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit. Eine Lehrrede. Übersetzt
von Anton J. Gail. Reclam Nr.1907. Stuttgart 2010. 
(12) Die ihr hier mit finsteren Augenbrauen seht, heißt
Eigenliebe. Dort steht die Schmeichelei sozusagen mit
verzückten Augen und mit den Händen Beifall klatschend.
Vergessen nennt man, die hier fast im Stehen schläft.
Trägheit stützt sich mit verschränkten Händen auf beide
Ellenbogen. Mit Rosen bekränzt und duftend vor Salben,
seht ihr das Vergnügen, und jene mit dem unsteten Blick
ist der Wahnsinn. Ergötzen nennt man die andere mit der
glänzenden Haut und dem schmackvollen Mantel. Ihr seht
gleichfalls zwei Götterknaben unter den Mädchen, von
denen einer Ausgelassenheit und der andere Siebenschlä-
fer heißt.

7.4 Echnaton

... beschrieben im gleichnamigen Roman des ägyptischen Nobelpreisträgers Nagib Machfus (Zürich 2011):

(Hoher Priester:) "'O ja', sprach er energisch weiter,
'wir wissen, wie man die Wahrheit herausfindet, mag
sie den anderen auch noch so unergründlich erscheinen.
Wir schöpfen Kraft aus der Magie, unsere Augen sind
überall. Sehen wir ihn uns an, diesen Ketzer - Vater
zweifelhaft, er selbst bar aller Männlichkeit, weibisch
im Aussehen, abstoßend. Nach dem Vorbild seines Vaters
heiratete er ein Mädchen aus dem Volk, die mit seiner
Mutter nicht nur die einfache Herkunft gemein hatte,
sondern auch den krankhaften Ehrgeiz und die Laster-
haftikeit. Sie war schön, halsstarrig und aufsässig,
unterstützte blindlings die zerstörerische Politik
ihres Mannes. Sie brachte sechs Mädchen zur Welt,
jedes von einem anderen Mann. Auch wenn es den An-
schein hatte, als wäre der Ketzer ihr zugetan, liebte
er in Wirklichkeit nur seine Mutter. Sie hatte ihm
nicht nur das Leben geschenkt, sondern auch seine
Denkart verbunden mit der Mutter, empfand er
ihre Einsamkeit und ihren Schmerz als Qual, und das
hatte zur Folge, dass er seinen Vater verabscheute.
Aus diesem Hass entstand das Gelüst nach Rache, und
kaum war der Vater tot, ließ er seinen Namen aus
allen Denkmälern herausmeißeln. Angeblich wäre des
Vaters Name zu sehr mit dem von Amon verknüpft,
lautete der lächerliche Vorwand. Aber die Wahrheit
ist, dass er den Vater nach dessen Tod hinrichten
wollte, weil er unfähig war, ihn zu Lebzeiten zu
töten.'" (15f)

Echnaton erwartet in einer Einsiedelei den Sonnenaufgang und fängt an zu singen, die Sonne anbetend. - Merire hört mit. Er wird später Hoher Priester der reformierten Religion in Achetaton.

(109f) "Mit dem Licht des Himmels zeigst du deine Pracht. 
Du lebender Aton, du Erster auf Erden.
Leuchtest du auf am östlichen Ufer,
hast du jedes Land mit Schönheit erfüllt.
Du bist Glanz, du bist Pracht,
du scheinst herab auf alle Welt,
deine Strahlen umarmen die Länder
und alles, was du erschaffen.
Du bist fern, doch deine Strahlen
sind bei uns auf Erden."

7.5 Hermann Hesse

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973

"In der alten Sonne"

(33) "... am feuchten klaren Himmel träumen die sanf-
ten Aprilwolken, und die weiten, kaum gepflügten Äcker
sind so glänzend braun und breiten sich der lauen Luft
so verlangend entgegen, als hätten sie Sehnsucht, zu
empfangen und zu treiben und ihre stummen Kräfte in
tausend grünen Keimen und aufstrebenden Halmen zu er-
proben, zu fühlen und wegzuschenken.
... wie das Leben lachend aus der Erde springt und
junge große Augen zum Lichte aufschlägt. Jahr für Jahr
auch tönt und duftet das Wunder an mir vorbei
... Wälder wölben sich und Gipfel rufen, und es ist
Zeit ..."
(52) "Meine Verdrießlichkeit kassierte die Bilder
mürrisch, schwieg und nahm zu statt ab."
(53) "In der schmalen krummen Maiengasse hielt mich
vor einem altmodischen Herrenhause ein Oleanderbaum
mit ungestümer Mahnung fest. Ein Feierabendbänklein
vor einem anderen Hause, ein Wirtsschild, ein Later-
nenpfahl taten dasselbe, und ich war erstaunt, wie-
viel längst Vergessenes in mir doch nicht vergessen
war."
(59) "Das Schicksal hat Mucken, dachte ich, und ver-
trank mit Kameraden in zwei Tagen und Nächten eine
Brusttasche voll Banknoten."

"Der Lateinschüler"

(70f) "Daß ich den humoristischen Zwiebelturm einmal
mit Rührung und klopfendem Herzen begrüßen würde,
hätte ich damals nicht gedacht. Er schielte mich mit
seinem heimlichen Kupferglanz behaglich an, als kenne
er mich noch und als habe er schon ganz andere Aus-
reißer und Weltstürmer als bescheidene und stille
Leute heimkommen sehen."

"Heumond"

(110) "Vor seinen Fenstern lag und wartete der gestirn-
te Himmel, die schwebende Wolke, der träumende Park,
das schlafend atmende Feld und die ganze Schönheit
der Nacht. Sie wartete darauf, sein Herz mit Sehnsucht
und Heimweh zu verwunden, seine Augen kühl zu baden,
seiner Seele gebundene Flügel zu lösen. Er legte sich
aber ins Bett, zog die Lampe näher und las im Liegen
weiter.
   Paul Abderegg hatte kein Licht mehr brennen, schlief
aber noch nicht, sondern saß im Hemd auf dem Fenster-
brett und schaute in die ruhigen Baumkronen hinein. Den
Helden Frithjof hatte er vergessen. Er dachte überhaupt
an nichts Bestimmtes, er genoß nur die späte Stunde,
deren reges Glücksgefühl ihn noch nicht schlafen ließ.
Wie schön die Sterne in der Schwärze standen! Und wie
der Vater heute wieder gespielt hatte! Und wie still
und märchenhaft der Garten da im Dunkeln lag!
  Die Juninacht umschloß den Knaben zart und dicht, sie
kam ihm still entgegen, sie kühlte, was noch in ihm heiß
und flammend war. Sie nahm ihm leise den Überfluß seiner
Jugend ab, bis seine Augen ruhig und seine Schläfen kühl
wurden, und dann blickte sie ihm lächelnd als eine gute
Mutter in die Augen. Er wußte nicht mehr, wer ihn anschaue
und wo er sei, er lag schlummernd auf dem Lager, atmete
tief und schaute gedankenlos hingegeben in große, stille
Augen, in deren Spiegel Gestern und Heute zu wunderlich
verschlungenen Bildern und schwer zu entwirrenden Sagen
wurden."

"Taedium vitae"

(206) "... so konnte ich doch unzweifelhaft spüren, daß
ihr Anblick mich nicht stillen und sättigen könne und daß
mein Leiden, wenn ich jetzt wieder von ihr getrennt würde,
noch weit quälender werden müsse. Mir schien in ihrer
zierlichen Person mein eigenes Glück und der blühende
Frühling meines Lebens mich anzublicken, daß ich ihn fasse
und an mich nehme, der sonst nie wieder käme. Es war nicht
eine Begierde des Blutes nach Küssen und nach einer Liebes-
nacht, wie es manche schöne Frau schon für Stunden in mir
erweckt und mich damit erhitzt und gequält hatte. Vielmehr
war es ein frohes Vertrauen, daß in dieser lieben Gestalt
mein Glück mir begegnen wolle, daß ihre Seele mir verwandt
und freundlich und mein Glück auch ihres sein müsse.
   Darum beschloß ich, ihr nahe zu bleiben und zur rechten
Stunde meine Frage an sie zu tun."

"Klein und Wagner"

(409) "Der Komponist Richard Wagner wurde von Fried-
rich Klein scharf beurteilt und gehaßt. Warum? Weil
Friedrich Klein es sich selber nicht verzeihen
konnte, daß er als junger Mensch für diesen selben
Wagner geschwärmt hatte. In Wagner verfolgte er nun
seine eigene Jugendschwärmerei, seine eigene Jugend,
seine eigene Liebe. Warum? Weil Jugend und Schwärme-
rei und Wagner und all das ihn peinlich an Verlore-
nes erinnerten, weil er sich von einer Frau hatte
heiraten lassen, die er nicht liebte, oder doch
nicht richtig, nicht genug. Ach, und so, wie er
gegen Wagner verfuhr, so verfuhr der Beamte Klein noch
gegen viele und vieles. Er war ein braver Mann, der
Herr Klein, und hinter seiner Bravheit versteckte er
nichts als Unflat und Schande!"
(412f) "Als er auf einer Bank zusammengesunken saß und
nah am Einnicken war, riß ein fester elastischer Schritt
ihn wach. Auf hohen rotbraunen Schnürstiefeln, im kurzen
Rock über dünnen durchbrochenen Strümpfen lief eine Frau
vorbei, ein Mädchen, kräftig und taktfest, sehr aufrecht
und herausfordernd, elegant, hochmütig, ein kühles Ge-
sicht mit geschminkter Lippenröte und einem hohen dich-
ten Haarbau von hellem, metallischem Gelb. Ihr Blick
traf ihn im Vorbeigehen eine Sekunde, sicher und ab-
schätzend wie die Blicke des Portiers von Boys im
Hotel, und lief gleichgültig weiter.
   Allerdings, dachte Klein, sie hat recht, ich bin
kein Mensch, den man beachtet. Unsereinem schaut so
eine nicht nach. Dennoch tat die Kürze und Kühle ihre
Blickes ihm heimlich weh, er kam sich abgeschätzt und
mißachtet von jemand, der nur Oberfläche und Außenseite
sah, und aus den Tiefen seiner Vergangenheit wuchsen
ihm Stacheln und Waffen empor, um sich gegen sie zu
wehren. Schon war vergessen, daß ihr feiner belebter
Schuh, ihr so sehr elastischer und sicherer Gang, ihr
straffes Bein im dünnen Seidenstrumpf ihn einen Augen-
blick gefesselt und beglückt hatte. Ausgelöscht war
das Rauschen ihres Kleides und der dünne Wohlgeruch,
der an ihr Haar und an ihre Haut erinnerte. Wegge-
worfen und zerstampft war der schöne holde Hauch von
Geschlecht und Liebesmöglichkeit, der ihn von ihr ge-
streift hatte. Stattdessen kamen viele Erinnerungen."

"Kaminfegerchen"

(449) "Am Karnevals-Dienstagnachmittag  mußte meine
Frau rasch nach Lugano. Sie redete mir zu, ich möchte
mitkommen, dann könnten wir eine Weile dem Flanieren
der Masken oder vielleicht einem Umzug zusehen. (...)
Lugano ist schon an gewöhnlichen Tagen eine ausgesprochen
fröhliche und freundliche Stadt, heute aber lachte sie
einen auf allen Gassen und Plätzen übermütig und lustig
an, die bunten Kostüme lachten, die Gesichter lachten,
die Häuser an der Piazza mit menschen- und maskenüber-
füllten Fenstern lachten, und es lachte heut sogar der
Lärm."   

7.6 Martin Walser

... aus Tod eines Kritikers. Frankfurt/M 2002. vgl. [9], darin S. 85f. 143f.


8. Terrorismus

8.1 "Je suis Charlie"

Anfang 2015 töteten Terroristen in Paris mehrere Redakteure, Zeichner des Satiremagazins Charlie Hebdo. Eine Reaktion war, dass viele zum Ausdruck brachten: "Je suis Charlie".

  • Grammatisch betrachtet vollzogen die Menschen eine Identitätsaussage, vgl. [10].
  • Im Wortsinn war das - für jeden erkennbar - natürlich falsch: Keiner der Sprecher hatte seine Identität gewechselt. => Diese spontane Irritation erzwang, auf die Ebene der gemeinten Bedeutung, also zur PRAGMATIK überzuwechseln.
  • Die Sprecher wollten eine Solidarisierung mit den Machern des Satiremagazins zum Ausdruck bringen.
  • Unterstützt wurde diese Deutung durch die erste Ausgabe nach dem Attentat: dort hielt auf dem Deckblatt sogar ein weinender Araber ein Plakat mit dem Satz hoch.


9. Medien

9.1 Fernsehen: Talkrunden

Dass Filme oder Dokumentationen einen Eigennamen tragen können, leuchtet ein: jene so in den Mittelpunkt gerückte Figur ist das Thema des Films, nehme man "John Rambo" oder "Franz Josef Strauß".

Eine Reihe von Talkrunden tragen jedoch den Namen des/der Moderator/in: "Anne Will", "Maybritt Illner", "Günther Jauch" - nicht aber z.B. "Hart aber fair". Eigennamen als Serienbezeichnung lenken den Blick - aus werbetechnischen Gründen - überscharf auf jene Protagonistenfigur. Unbewusst wird suggeriert, es wäre doch schön, wieder mit ihr konfrontiert zu werden, sie zu erleben. Damit ist der Sinn solcher politischer Talkrunden verdreht: in ihnen geht es um ein gesellschaftlich wichtiges Thema, um die Argumente und Perspektiven; die Meinungen der Eingeladenen, der in der Sache Kompetenten, sollen ausgetauscht werden. Die Rolle von Moderatoren besteht lediglich darin, für einen geordneten Ablauf zu sorgen. Moderatoren haben Dienstfunktion. - Aber nein: die Personifikation macht jene Diskussionsleiter zum wichtigsten Thema, will über Sympathiewerbung Zuschauer anlocken.

9.2 Journalisten: Personalisierung

In der Ausbildung von Journalisten ist es ein wichtiger Punkt, dass Sachthemen, über die zu berichten ist, mit Personen zu verknüpfen sind. Eine politische Figur verkörpert dann dauerhaft ein Thema. Das mag für die Adressaten - Leser, Hörer, Zuschauer - attraktiver und weniger anstrengend sein, als sich gedanklich auf nicht immer leicht zu durchschauende politische Themen einzulassen. Personalisierung erleichtert aber auch die Arbeit der Journalisten: Es ist einfacher zu beschreiben, wie ein Minister sich auf seinen Verhandlungspartner zubewegt hat, mit welcher Krawatte usw., als eine komplexe Fragestellung unter Zeitdruck verständlich zu erläutern.

Während es meist in einer solchen Orientierung um ein billiges bis niveauloses Buhlen um Attraktivität, um Erhöhung des Werbewertes geht, kann in seltenen Fällen die beschriebene Äußerlichkeit zugleich eine aussagekräftige Symbolisierung der inhaltlichen Position darstellen. Dafür ist [11] zuständig. Als Beispiel könnte man den Kniefall von Willy Brandt in Warschau nennen.


10. Falsche Problem-/Ursachenlokalisierung

10.1 Technik: Heizung

Nicht Personifikation liegt vor, aber Projektion, wenn eine sehr schlanke ältere Dame ("kein Speck auf den Rippen") über die ausgefallene Heizung klagt: es sei zu kalt in der Wohnung. Also schaut man bei der Gastherme nach - sie rührt sich zwar gerade nicht, aber die angezeigten Werte sind nicht auffallend. Alles scheint normal zu sein. Die Heizkörper sind aber tatsächlich kalt. Blick auf das Zimmerthermometer: 20 Grad, also der eingestellte Wert. Was will man mehr?

Des Rätsels Lösung: die Dame kam von Draußen, wo es kühl war. Sie hatte schon länger nichts mehr zu sich genommen ("kein Brennstoff"), hatte ohnehin keine Reserven. All das hatte sie nicht bedacht. Nach einer ordentlichen Brotzeit und heißem Tee war alles wieder im Lot. - Es ist ein verbreitetes Muster, dass man sich selbst bei der Problemlokalisierung übersieht ...

11. "Geschlechter"

Beim Thema Grammatik haben wir die 'Geschlechter' überwunden - vgl. [12]. Im alltäglichen Leben gibt es natürlich nichts zu überwinden ... - Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede der Geschlechter sind offenkundig: körperlich, emotional, im sozialen Verhalten.

11.1 "männlich - weiblich" - Stereotypen

Aus einem Interview mit der kanadischen Autorin und Klimaschutzaktivistin Naomi Klein (SPIEGEL 9/2015):

SPIEGEL: Wer Ihnen zuhört, könnte denken, die Klimakrise
sei ein Geschlechterthema.
Klein: Wieso denn das? 
SPIEGEL: Bill Gates sagt: Wir müssen vorwärtsmar-
schieren und über neue Erfindungen nachdenken, mit
denen wir das Problem und letztlich diese komplizierte
Erde in den Griff kriegen. Sie hingegen sagen: Stopp,
nein, wir müssen uns der Erde anpassen, sanfter werden.
Ölkonzerne werden von Männern geführt. Und Sie, die
kritische Frau, werden als hysterisch beschrieben.
Kein absurder Gedanke, oder?
Klein: Nein. Es ging ja bei der ganzen Industria-
lisierung um Macht und darum, ob nun der Mensch oder
die Natur die Erde dominiert. Es fällt manchen Männern
schwer, zuzugeben, dass wir nicht alles unter Kontrolle
haben; und dass sich das ganze CO𝟤 in all den Jahr-
zehnten angesammelt hat; und dass die Erde uns heute
sagt: Tja, ihr sei halt doch Gast in meinem Haus.
SPIEGEL: Zu Gast bei Mutter Erde? 
Klein: Das ist mir zu kitschig, aber Sie haben
trotzdem recht: Die Ölindustrie ist eine männliche
Welt, so ähnlich wie die der Finanzen, sehr machohaft.
Der amerikanische oder australische Gedanke, ein end-
loses Land mit endlosen Ressourcen zu entdecken, kann
als Geschichte der Dominanz erzählt werden - welche
die Natur als schwache Frau deutet. Und es kann als
schwach verstanden werden, Teil der Natur zu sein.
Für diese Alphamänner ist es deshalb doppelt schwer
zuzugeben, wenn sie sich geirrt haben.

11.2 Sklavinnen

vgl. [13]