4.1136 Sprachbild - Poesie - Hilfe durch den Kontext

Aus Alternativ-Grammatik
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das ausführliche, schrittweise vorangehende Beschreiben der sprachlichen Konstruktion einiger Zeilen aus Psalm 126 soll die literarischen Mechanismen sichtbar machen. Sie sind analysierbar mit der bisher eingeführten Terminologie. Zugleich wird bewusst, wie lückenhaft die Wortbedeutung ist. Daraus folgt der Zwang, sich auf die Suche nach der gemeinten Bedeutung zu begeben.

In normaler Lektüre wird die sprachliche Gestalt viel schneller und viel weniger reflektiert aufgenommen. Dennoch bilden sich ein Urteil, eine Einstellung zum Text, nicht beliebig, sondern oft in Übereinstimmung mit vielen weiteren Lesern. Das zeigt: nicht erst der analysierende Verstand nimmt Poesie wahr, sondern zuvor schon, mächtig und umfassend eine weitere Wahrnehmungsinstanz: die unbewusste. Bewusste Analyse kann allenfalls re-agieren, kommt danach.

Praxisbeiträge können die vorgeschlagene Analyse im pdf-Text kommentieren/korrigieren. - Darüberhinaus können weitere eigenständige Analysen in vergleichbarer Form durchgeführt werden (den besprochenen Text bitte ebenfalls wiedergeben!)


Falls Sie sich für das Thema interessieren, klicken Sie bitte hier:



Praxis - Bitte Ihren Eintrag!

1. Wissen => Glauben (Register EPISTEMOLOGIE)

1.1 "Lohengrin"

Wenn in Richard Wagners Oper "Lohengrin" der Ritter von seiner Geliebten verlangt, "Nie sollst du mich befragen", sie soll also nie seinen Namen, seine Identität, erkennen, so ist dies im Wortsinn provozierend und wird als "unmöglich" empfunden. Wie soll eine Liebesbeziehung auf dieser Basis möglich sein? Auch im Rahmen der Oper wird diese Unmöglichkeit durchgespielt: Die angebahnte Liebesbeziehung scheitert, der Ritter entzieht sich.

Auf der Ebene der Wortbedeutung wird also das Register EPISTEMOLOGIE, vgl. [1], als wesentlich etabliert: Wie ist cognitiv möglich, also das klare Wissen von einander? - Indem die Antwort heißt: Ist nicht möglich, stellt sich die Frage, wie weltfremd eigentlich das Libretto ist, und worin der Sinngehalt des Werkes liegen soll?

Man kann die Provokation auf Wortbedeutungsebene als Impuls nehmen, nach der gemeinten Bedeutung zu suchen. Dafür liefert der Kontext weitere Indizien: die unbekannte Herkunft des Ritters, sein merkwürdiges Gefährt (Schwan). Wenn schon cognitiv scheitert, könnte auf eine andere Wahrnehmungsfunktion gedeutet sein: creditiv. Es würde also eine Wahrnehmungsform betont, die sich eben nicht auf den Begriff bringen lässt, die nicht nachzurechnen ist, die vielmehr viel Unbekanntes, Geheimnisvolles einschließt. Das wäre dann die Botschaft auf der Ebene der gemeinten Bedeutung.

Damit thematisiert das Werk eine Fragestellung, die schon Jahrhunderte zuvor die Philosophie umgetrieben hat, nämlich die des Verhältnisses von 'Wissen' und 'Glauben'. Und ohne selbst dazu Vorschläge zu machen werden damit Bereiche aktiviert, die entweder mit Religiosität zu tun haben, oder mit Kunstausübung, oder - bald nach Wagner - mit Psychotherapie. Immer geht es darum, wie Impulse aus der Tiefe der menschlichen Seele erkannt und gestaltet werden können, wie man mit ihnen umgeht, ja, sie in sein bewusstes Leben integriert.--Hs 10:59, 4. Feb. 2011 (UTC)

1.2 Wissen oder Nicht-Wissen?

aus Tolstoj, "Anna Karenina" (insel 2010, 168)

Sie wußte, dass Alexej Alexandrowitsch auf dem Gebiet
der Politik, der Philosophie und der Theologie zwei-
felte und suchte; aber in Fragen der Kunst und der
Dichtung und besonders der Musik, für die ihm jedes
Verständnis abging, hatte er ganz bestimmte und
feste Ansichten. Er sprach gern über Shakespeare,
Raffael, Beethoven, über die Bedeutung der neuen
Richtungen in der Dichtung und der Musik, die er
alle mit sehr klarer Folgerichtigkeit klassifizierte.


2. Äussere Handlung => Sprechakt "Kundgabe" / Kommunikation

2.1 "Blechtrommel"

Im 42. Kapitel des Romans von G. Grass wird ein Nachtlokal - "Zwiebelkeller" - beschrieben, in dem man nicht essen kann, sondern zu dem man geht, um Zwiebeln zu schneiden - und dann zu weinen. Es sei in der Nachkriegszeit ein großes Bedürfnis gewesen weinen zu können. Ob das Weinen aus vollem Herzen kam oder eben nur mechanisch provoziert worden war, musste sich im Einzelfall herausstellen. Indirekt also Überleitung zum Sprechakt KUNDGABE, vgl. [2].

"...weil die Zwiebel, die geschnittene Zwiebel, wenn
man genau hinschaut... nein, Schmuhs Gäste sahen nichts
mehr oder einige sahen nichts mehr, denen liefen die
Augen über, nicht weil die Herzen so voll waren; denn es
ist gar nicht gesagt, daß bei vollem Herzen sogleich 
auch das Auge überlaufen muß, manche schaffen das nie,
besonders während der letzten oder verflossenenen
Jahrzehnte, deshalb wird unser Jahrhundert später einmal
das tränenlose Jahrhundert genannt werden, obgleich
soviel Leid allenthalben - und genau aus diesem 
tränenlosen Grunde gingen Leute, die es sich leisten
konnten, in Schmuhs Zwiebelkeller, 
ließen sich vom Wirt ein Hackbrettchen - Schwein oder
Fisch - ein Küchenmesser für achtzig Pfennige und eine
ordinäre Feld-Garten-Küchenzwiebel für zwölf Mark
servieren, schnitten die kleiner und kleiner, bis der
Saft es schaffte, was schaffte? Schaffte, was die Welt 
und das Leid dieser Welt nicht schafften: die runde
menschliche Träne. Da wurde geweint. Da wurde endlich
wieder einmal geweint. Anständig geweint, hemmungslos
geweint, frei weg geweint. Da floß es und schwemmte
fort. Da kam der Regen. Da fiel der Tau. Schleusen 
fallen Oskar ein, die geöffnet werden. Dammbrüche bei
Springflut. Wie heißt doch der Fluß, der jedes Jahr
über die Ufer tritt, und die Regierung tut nichts
dagegen? Und nach dem Naturereignis für zwölf Mark
achtzig spricht der Mensch, der sich ausgeweint hat. 
Zögernd noch, erstaunt über die eigene nackte
Sprache, überließen sich die Gäste des Zwiebelkellers
nach dem Genuß der Zwiebeln ihren Nachbarn auf den
unbequemen, rupfenbespannten Kisten, ließen sich
ausfragen, wenden, wie man Mäntel wendet. Oskar 
jedoch, der mit Klepp und Scholle tränenlos unter
der quasi Hühnerleiter saß, will diskret bleiben,
will aus all den Offenbarungen, Selbstanklagen,
Beichten, Enthüllungen, Geständnissen nur die
Geschichte ...
...Man brauchte Zuhörer. Es weinte sich in
Gesellschaft viel leichter. Zu einem echten 
Gemeinschaftsgefühl konnte man kommen, wenn
links und rechts und oben auf der Galerie 
die Kommilitonen von dieser und jener Fakultät,
selbst Studenten der Kunstakademie und 
die Pennäler zu Tränen kamen ...
...Doch gehörte Oskar zu den wenigen Glücklichen,
die noch ohne Zwiebel zu Tränen kommen konnten.
Meine Trommel half mir. Nur weniger, ganz
bestimmter Takte bedurfte es, und Oskar fand
Tränen, die nicht besser und nicht schlechter als
die teuren Tränen des Zwiebelkellers waren...
...Das Weinen trieb die Gäste mehr als in anderen
Gaststätten auf das verschwiegene Örtchen; auch ist
der weinende Mensch großzügiger als der Mensch mit
trockenem Auge. Besonders die Herren, die mit
hochrotem, zerfließendem und geschwollenem Gesicht
'mal nach hinten' verschwanden, griffen tief und
gerne in die Börsen. Zudem verkauften die 
Toilettenfrauen...

3. Umwertung (Register AXIOLOGIE)

3.1 "Pfingstsequenz"

Im Mittelteil wird der "Heilige Geist" in einer Vielzahl von Sprachbildern gebeten, einen negativen Ausgangszustand in einen positiven Endzustand zu verwandeln. (Übersetzung von Heinrich Bone; Text in wikipedia)

...
Tröster in Verlassenheit
...
In Ermüdung schenke Ruh',
In der Glut hauch Kühlung zu,
Tröste den, der trostlos weint.
...
Ohne Dein lebendig Wehn
Nichts im Menschen kann bestehn,
Nichts ohn' Fehl und Makel sein.

Wasche, was beflecket ist,
Heile, was verwundet ist,
Tränke, was da dürre steht.
      
Beuge, was verhärtet ist,
Wärme, was erkaltet ist,
Lenke, was da irregeht.
...

3.2 Tierbilder => negative Wertung

S. Lenz, Deutschstunde. München 1973, 45. Aufl. S. 76:

an dem schmalen, unbegrenzten Geburtstagstisch
saß feierlich altersgraues Meeresgetier und
trank schweigend Kaffee und würgte schweigend,
ganz versenkt in eigensinnige Kontemplation,
trockenen Sandkuchen und Nußtorten und blaßgelben
Streuselkuchen herunter. Stelzbeinige Hummer,
Krabben und Taschenkrebse hockten auf den hoch-
mütigen, geschnitzten Sesseln von Bleekenwarf;
hier und da verursachten harte, gepanzerte Glieder
ein trockenes Knacken, eine Tasse klapperte, wenn
knochige Hummerscheren sie absetzten, und einige
streiften mich mit einem Blick aus gleichgültigen
Stielaugen, unerschütterlich, mit der monumentalen
Gleichgültigkeit gewisser Gottheiten, das möchte
ich meinen. Dabei glich diese schweigende Versamm-
lung von Meergetier durchaus Leuten, die ich
kannte: zwei sahen aus wie die alten Holmsens von
Holmsenwarf, ich glaubte Pastor Treplin zu
entdecken und Lehrer Plönnies, und dann machte ich
meinen Vater aus und sogar Hilke und Addi, und
neben der zartesten Meeresforelle, die so sehr
Doktor Buschbeck glich, saß mit abweisendem Gesicht
und strengem Haarknoten als Zackenbarsch meine
Mutter. Einer allerdings flatterte, quakte und
bewegte sich lustig wie ein Laternenfisch, und
das war der Maler.

3.3 Pflanze + rabiate Eingriffe => falsche Erziehung

Einige Bemerkungen zum Gedicht von Hermann Hesse, Gestutzte Eiche

"Wie haben sie dich, Baum, verschnitten,
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten, 
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!"
       Die Pflanze wird als ansprechbarer Partner
       eingeführt. Dreimaliger Zeilenbeginn
       durch "Wie" - was Erregung, Entrüstung anzeigt.
       Sie wird unterstrichen durch implizite Negationen:
       "verschn...", "fremd und sonderbar", "gelitten",
       zusätzlich durch hohe Zahlangabe unterstrichen.
       "nichts ... als " negiert alles, was positiv
       gewertet werden könnte. "Trotz" steht für
       Widerstand, Ablehnung, "Wille": aus der Oppo-
       sition heraus wurden gegenläufige Kräfte mobi-
       lisiert.
"Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Roheiten neu die Stirn ins Licht."
       Das menschliche "Ich" erkennt sich wieder im
       Schicksal des pflanzlichen "Du", spricht von
       sich - als Werben, Empfehlen? - vom eigenen Weg,
       sich nicht zerstören zu lassen.
       Bei den ersten 4 Zeilen bestand jede Zeile
       zugleich aus einem Satz. Das wirkt sich als
       Klarheit der Sprache aus, als gute Versteh-
       barkeit. Jetzt illustrieren die 4 Zeilen Un-
       ruhe: "Verschnitten" ist auch die Satzstruktur:
              Zeile 5: 1 Satz, der zweite beginnt,
                       bleibt aber unvollständig
                    6: der zuvor angefangene Satz wird
                       fortgeführt, abgeschlossen.
                    7: neuer Satz angefangen, am Schluss
                       Näherbeschreibung eröffnet, aber
                       nicht abgeschlossen
                    8: Nicht-Satz, der aber den zuvor
                       begonnenen abschließt.
       Der Reim - Z.5//7 - gibt einen Dekodierhinweis:
       Beschneiden von Pflanzen und die angesprochene
       Erziehung entsprechen sich.
       Zeile 8 lässt nicht an Widerstand in Form von
       'Gegengewalt' denken, sondern an Opposition als
        positiv orientierte Orientierung: "Stirn"
       (Denken) und "Licht" (positive Wertung). 
"Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,"
       Nur Aussagen zum "Ich" und seinem Schicksal. Ein
       unzerstörbarer Personkern stellt die Rettung dar.
       "Höhnen" steht zwar für heftige Negativwertung -
       damit endet aber die Einwirkmöglichkeit der An-
       deren. Das "Ich" kann an seinem Personkern -
       "weich und zart" - trotz allen Widerstandes
       festhalten.
"Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zum Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt."
       Die schon eingeführte Opposition wird bestätigt
       und durchgehalten. Dass man sie so  erleben muss,
       ist zwar "verrückt", aber solches Chaos kann man
       sogar 'lieben'.

3.4 PARSIFAL, Speer: Kriegsgerät => Heilmittel

Also liegt darin - pragmatisch - genauso eine Umwertung. Allerdings wird sie im Kontext nicht plausibel gemacht, bleibt also verblüffend, paradox. Das ist eben der Impuls, sich von der Vorstellung zu lösen, es werde ein reales Geschehen wiedergegeben. Vielmehr die ganze Passage von ihrer Vorstellbarkeit zu lösen und eine gemeinte Bedeutung zu suchen.


4. Kein Vorankommen (TOPOLOGIE) => Verbot (Register INITIATIVE)

4.1 Kafka, "Türhüter"

In "Der Prozeß" (DTV-Ausgabe 1998) erklärt "der Geistliche" dem Angeklagten, Josef K.:

(261) "In dem Gericht täuschst du dich," sagte der
Geistliche, "in den einleitenden Schriften zum
Gesetz heißt es von dieser Täuschung: vor dem
Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter
kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt
in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er
ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der
Mann überlegt und fragt dann, ob er also später
werde eintreten dürfen. 
"Es ist möglich," sagt der Türhüter, "jetzt aber
nicht." Da das Tor zum Gesetz aber offensteht wie
immer und der Türhüter beiseitetritt, bückt sich
der Mann, um durch das Tor ins Innere zu sehn.
Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt:
"Wenn es dich so lockt, versuche es doch trotz
meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: ich bin
mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter.
Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer
mächtiger als der andere. Schon den Anblick des
dritten kann nicht einmal ich mehr vertragen."
Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande
nicht erwartet, das Gesetz soll doch jedem und
immer zugänglich sein, denkt er, ...

"Zugänglich" - ein Sprachbild. Bildmaterial ist die freie und problemlose Ortsveränderung. Kafka weitet diesen Wortsinn zu einer Episode aus und schildert - noch im Wortsinn -, wie der "Mann vom Lande" nicht in das Areal des "Gesetzes" eintreten kann.

Zugleich sind genügend Störungen/Irritationen enthalten, die zwingen, von der Wortbedeutung zur gemeinten Bedeutung überzuwechseln.

  1. Gesprochen wird vom "Gesetz", gemeint ist aber wohl das "Recht(ssystem)"
  2. "Gesetz/Recht", das zugleich dafür sorgt, dass es nicht für alle gilt, ist ein Widerspruch in sich bzw. Ausdruck von Willkür
  3. Willkür - weil im Text nicht begründet - ist auch die Auskunft: "später" vielleicht, "jetzt aber nicht".

Außerdem enthält der Text selbst den Hinweis darauf, was er eigentlich sagen will:

  • die einfachen Leute sind vom Rechtssystem ausgeschlossen, sind rechtlos, machtlos
  • dass dieser Zustand fortdauert, dafür sorgt ein hochkomplexes Machtsystem

Dies kann allenfalls als erster Schritt zur Dekonstruktion gelten. Letztlich müssen auch die Bezüge auf "Recht und Gesetz" fallen. Denn das Bildmaterial ist denn doch zu inkonsequent und abgehoben verwendet, als dass man sich damit begnügen könnte, den Text lediglich als Beschreibung/Kritik eines Rechtssystems zu verstehen. Zunächst ist die "Türhüter"-Episode der Ausdruck eines machtvollen Verbots, vgl. 4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE, allerdings ohne Inhalt. Insofern passt sie zur Anklage, die bleibt im ganzen Buch auch ohne Inhalt. - Zwei starke Hinweise, dass die Verschiebung weitergeführt werden muss. S. 267 wird noch erläutert, dass "die Türhüter" ignorant (vgl.4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE), aber mächtig sind. S. 270 erkennt K. in gleichem Sinn: "Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht."

4.2 Umkehrung: bisherige Fixierung => Befreiung zu neuer INITIATIVE

Einem Falken war die Flügel gestutzt worden, um ihn am Wegfliegen zu hindern.

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973.

(38) "Der Falk probierte, ohne den Ast mit den
Krallen loszulassen, mehrmals seine großen
Flügel; wir waren schrecklich aufgeregt, und
ich wußte selber nicht, was mich mehr freuen
würde, wenn man ihn finge oder wenn er
davonkäme. Schließlich wurde vom Gottlob eine
Leiter angelegt, der Dachtelbauer stieg selber
hinaus und streckte die Hand nach dem Falken
aus. Da ließ der Vogel den Ast fahren und fing
an, stark mit den Flügeln zu flattern. Da
schlug uns Knaben das Herz so laut, daß wir
kaum atmen konnten; wir starrten bezaubert
auf den schönen, flügelschlagenden Vogel, und
dann kam der herrliche Augenblick, daß der
Falke ein paar große Stöße tat, und wie er
sah, daß er noch fliegen konnte, stieg er
langsam und stolz in großen Kreisen höher und
höher in die Luft, bis er so klein wie eine
Feldlerche war und still im flimmernden Himmel
verschwand. Wir aber, als die Leute schon
verlaufen waren, standen noch immer da, hatten
die Köpfe nach oben gestreckt und suchten den
ganzen Himmel ab, und da tat der Brosi
plötzlich einen hohen Freudensatz in die Luft
und schrie dem Vogel nach:
'Flieg du, flieg du, jetzt bist du wieder frei!'"

5. Ortsbeschreibung (TOPOLOGIE) => Wertung (Register AXIOLOGIE)

5.1 Kafka, Gericht auf dem Dachboden

Kap. 3 im Roman "Der Prozeß", vgl. [3], beschreibt ausführlich den Ort, an dem die Gerichtskanzleien anzutreffen sind. Alle Details sind aber derart "unmöglich", dass der Leser daraus selbst den Schluss einer massiv negativen Wertung zieht. Er wird darin bestärkt - a) - durch das körpersprachliche Verhalten des K. (Schwächeanfall) und - b) - durch explizite Wertungen im Text.

57.3-58.7 - Es ist überraschend, dass sich die Gerichts-
kanzleien auf dem Dachboden eines maroden Mietshauses
befinden. Außerdem ist inzwischen klar, dass es dort
korrupt zugeht: 58.13. K. kann sich freuen, dass er
selbst in einem seriösen Stadtbüro arbeitet 
und sich in der Praxis auch untadelig verhält, vgl.
58.12-14.
60.1 man kommt leicht zu Fall dort oben. Inneres und
Äusseres des Gerichts sind widerlich (61.36). Auch
die Luft ist schlecht. Will man durch Öffnen einer
kleinen Luke Frischluft hereinlassen, erntet man Ruß
(62.23). Gesprächsversuche in diesem Ambiente mit 
Bretterwänden scheitern. Misstrauen beherrscht den
Gesprächspartner (vgl. 60,41-65). "Unbehagen" kommt
auf, K. fühlt sich wie in einem Labyrinth (61.5ff).
Die Beamten schlafen sogar dort oben, verbringen
fast ihr ganzes Leben dort - daher genügt ihnen
schäbige Kleidung (64.22). Nur einer, der "Auskunft-
geber", ist ausgenommen.
K. japst nach dem "Ausgang" - 64.80f -, der ihm
gleichbedeutend mit "Freiheit" ist.

K. ist noch nicht im Freien, sondern erst auf der Treppe zum Dachboden. Aber bereits hier ist die Luft anders, besser. Aber die, die an die "Kanzleiluft" gewöhnt waren, vertrugen sie schlecht (64.83) und müssen nun von K. gestützt werden.

Via Ortsbeschreibung die nachdrückliche Skizzierung zweier vollkommen unverträglicher Positionen. Vgl. 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE. Durch die sinnenhafte Beschreibung des Beamtenmiefs überträgt sich die heftige negative Wertung auch auf die Leser. Nah an der Ekelschwelle. Und dies unbeschadet der Erkenntnis, die Leser zugleich machen, dass die Beschreibung immer auch lachhaft, surreal und phantastisch ist.

6. HANDLUNG => WERTUNG (Register AXIOLOGIE)

6.1 Kafka, "Der Prozess"

Wenn die Gesprächssituation passt, dann kann sogar Kaffeetrinken zu einer negativen Wertung (der Gesprächspartnerin) werden. Vgl. Ziff. 69.20 in [4].

7. WISSEN (Register EPISTEMOLOGIE => VORSTELLUNG (Register IMAGINATION)

... laut S. Lenz, "Deutschstunde", (45. Aufl. 2014, S.314f)

Wir rauchten hastig zuerst, achteten mehr auf
unsere Glimmstengel als auf das weißblaue
Gewölk, bis wir damit anfingen, uns den
Rauch ins Gesicht zu blasen, und nun ließ
sich allerhand entdecken: Seekühe zum
Beispiel und flockige Schafe und Baumkronen,
der rollende, wehende, sich nur langsam auf-
lösende Rauch, den wir aus unseren Mündern
ausstießen, mischte sich, floß und wälzte sich
ineinander, und zwischen Hilke und mir stiegen
weißblaue Hirsche auf und fliegende Bojen und
immer wieder Schafe. Auch ein Gesicht entstand
da, ein entrücktes, aber unberechenbares
Rauchgesicht, für das ich damals vergeblich
nach einer Ähnlichkeit suchte.