4.113 Übertragener Sprachgebrauch - Übergang zur gemeinten Bedeutung

Aus Alternativ-Grammatik
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Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

Neben der Wortbedeutung ist meist eine oder sind mehrere Bedeutungen im Spiel. Das ist aus alltäglicher Sprache bekannt als Unterschied zwischen "Sagen" und "Meinen". Das gilt erst recht bei poetischer Sprache. Sprache hat immer einen "Hof" von Nebenbedeutungen. Die Ausblendung von Nebenbedeutungen bedarf sogar eigener Anstrengungen (z. B. in Wissenschaftssprache) und gelingt nie wirklich. Die Verweigerung, eine zweite, gemeinte Bedeutung anzunehmen, zu suchen, ist Kennzeichen fundamentalistischer Einstellungen.

Solche geistigen Selbstbeschränkungen ignorieren, dass man seit langer Zeit schon Gründe kennt, die vom Wortsinn zur gemeinten Bedeutung überwechseln lassen. In diesem Modul wird zunächst die Weichenstellung selber thematisiert. In den folgenden geht es mehr um die praktische Durchführung.


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0.0 Theorie

0.1 Gegenrichtung: übertragene Bedeutung >> wörtliche Bedeutung

Hie und da legen es Poeten darauf an, die Leser/Hörer damit zu foppen, dass sie deren - allzu bereitwillige - Erwartung übertragenen Sprachgebrauchs enttäuschen und unerwarteter Weise auf dem simplen Wortsinn bestehen. Vgl. dazu auch unten Ziff. 2.5 (Loriot). Hier aus einem Gedicht von Heinz Erhardt zum thematischen Feld "Meer":

Doch was sich unter Wasser tut,
das zu erzähln sträubt sich die Feder:
Es frisst den anderen auf ein jeder!
Je größer so ein Fisch, je kesser!
Dort toben Kämpfe bis aufs Messer!
(Was ganz der Wahrheit nicht entspricht,
denn Fisch mit Messer geht ja nicht!)

Auch Eulenspiegel-Geschichten legen es darauf an, eben nicht zur gängigen übertragenen Bedeutung zu wechseln. Dadurch erinnern sie daran, dass zunächst einmal die Wortbedeutung im Spiel ist. Sie sollte man beachten und nicht routiniert übergehen. Vgl. [1] und [2]

Im Film "Ziemlich beste Freunde" reagiert ein Interims-Pfleger auf die schlechte Laune des querschnittsgelähmten Patienten mit der Aussage - jemand anderem gegenüber: "Er ist wohl mit dem falschen Fuß aufgestanden." - Peinlich! Natürlich ist klar, wie das sprachlich lief: Eine Standardmetapher wurde verwendet. Nur sollte man dabei den Blick behalten, ob sie in der aktuellen Situation angemessen ist. Im aktuellen Fall: Nein!


0.2 Ausreden

...können u.a. so funktionieren, dass nachträglich etwas, das ernst als Tatsachenbehauptung geäußert worden war, dann, wenn es zum Widerspruch kam, als übertragene Bedeutung deklariert und damit entschärft, verharmlost wird. Nachfolgend wird die Ausrede dadurch bloßgestellt, dass mit dem gleichen Mechanismus (Irritation: Tatsachenfeststellung = wörtliche Bedeutung oder übertragener Sprachgebrauch?) reagiert wird. Das Fragezeichen am Schluss ist wichtig. Ohne es, könnte eine juristisch relevante Beleidigung vorliegen.

SPIEGEL-Online (SPAM), 3.2.2012: Erika Steinbach (CDU) hat
via Twitter die NSDAP als "eine linke Partei" bezeichnet.
Später präzisierte sie, das sei nur eine "Provokation"
gewesen. Okay. Doch leider verweigern die Steinbach-Gegner
eine vergleichbare Klarstellung. Somit bleibt die 
Öffentlichkeit in einer anderen Frage im Unklaren: Handelt
es sich bei der gängigen These, Frau Steinbach sei eine
"überbrütete Spinatwachtel", "hohle Krawallschachtel" bzw.
"abgewrackte Dampfscharteke" nur um einen lockeren  Spruch
oder eine Tatsachenfeststellung?

Die Logik der Steinbach-Äußerung ist abstrus: Steinbach - am äußerst "rechten" Rand der CDU positioniert - kommt auf den Gedanken, die NSDAP sei "links" gewesen. Wie "rechts" genau ist dann Steinbach zu positionieren? NSDAP in Potenz - und das in der CDU?? - Ein reichlich verkrachter Meinungsbeitrag.

0.3 Bildende Kunst: Picassos "Guernica"

Das berühmte Picasso-Gemälde in Madrid zeigt - im Wortsinn - kaum Kriegsgräuel, sondern ein sich gequält, verletzt aufbäumendes Pferd, einen Stier, auch fetzenhaft Menschen. Wären da nicht auch Mauerreste, könnte man an einen Stierkampf denken. Verstanden wird das Gemälde aber - nicht nur wegen des Titels, sondern wegen der grafischen, und damit emotionalen Dramatik - als das Antikriegsbild: die ganze Vitalität des Künstlers bäumt sich gegen diese faschistische Aktion auf. Vgl. [3]

"Der schrecklichste Luftangriff aller Zeiten", kabelte der
Reuters-Journalist Christopher Holme an seine Zentrale.
Staffelkapitän Wolfram Freiherr von Richthofen notierte
hingegen begeistert: "Guernica buchstäblich dem Erdboden
gleichgemacht. Bombenlöcher auf Strassen noch zu sehen,
einfach toll." Später bekannte von Richthofen, er habe sich
in Guernica "wohl etwas rüpelhaft benommen". Selbst aus den
eigenen Reihen kam Kritik. Harro Harrer, selbst Flieger der
"Legion Condor", bezeichnete es wenige Tage nach dem
Bombardement in seinen Notizen als unerhörte Schweinerei,
"eine militärisch unwichtige Stadt so zu zerstören", und
beklagte die überflüssigen Opfer.
(aus SPIEGEL-Online Bericht zum 75. Jahrestag des Angriffs)


0.4 Grass-Gedicht

Es wird erläutert, wie wichtig die Frage nach der gemeinten Bedeutung ist, vgl. [4]

0.5 "Dekonstruktion" - bildhaft

Methodisch ist offenbar das Gegenteil zu einer "Konstruktion" gemeint. Nehmen wir eine Eisenbahnbrücke als bildhaften Vergleich. Der Tafelanschrieb entstammt der Blaubeuren-Tagung 2012:

(1) Wortbedeutung: Eine Eisenbahnbrücke überspannt
ein Tal, in dem man ein Dorf erkennt. Alle Elemente
gehören zusammen, bilden ein in sich stimmiges und
anschauliches Ganzes. Die "Brücke" stellt dabei eine
nicht-natürliche, aufwändige Konstruktion dar. Nur so
lässt sich die Verbindung zwischen beiden Seiten der
Schlucht herstellen. 
Damit ist abgebildet, dass alles in einem Text einen
Beitrag zum Gesamtbild liefert. Die Skizze deutet
aber schon die nächste Stufe an: die Brücke bricht.
Reste von Beschriftung deuten an, dass einzelne
"Halteseile" reißen.
Damit sind kritische Rückfragen an den Wortsinn an-
gedeutet: er ist in seiner Gesamtkonstruktion nicht
mehr haltbar. Der heranbrausende Zug ist ebenso
gefährdet wie das im Tal angesiedelte Dorf. Nichts
bleibt, wie es war. vgl.
[5]
(2) Übertragene Bedeutung: Die Skizze stellt dar,
dass die zusammengebrochene Konstruktion (Wortbedeu-
tung) das Tal verfüllt. Nichts aus dem ursprünglichen
Bild bleibt erhalten. Das eben ist die Dekonstruktion. 
Der Effekt: Aus all den Trümmern bildet sich ein
neuer Weg, auf dem es sich viel organischer, mit
weniger Technik fahren lässt: eine ebene Strecke.
vgl. [6]

Es ist wichtig, dass die Wortbedeutung bei dieser kritischen Analyse ohne Reste abgebaut, zerstört wird. Erst dann kann aus den 'Überresten' eine funktionierende, ebene, neue Trasse entstehen. Jede Form von Nostalgie wäre deplatziert. Vergleichspunkt ist die Brücke und das, was sie überspannt. Der "Zug" steht jedoch für den Leser, der vorankommen und eine Orientierung finden will. - (Die Worte um die ehemals angezeigte freitragende Eisenbahnbrücke deuten auf Argumente, die die Dekonstruktion ermöglichen/erzwingen: es handelte sich um kritische Beobachtungen bei Kafkas "Prozeß"). Auf die obige Einleitung bezogen: Es handelt sich um Gründe = Berechtigungen/Zwänge, die Brückenkonstruktion zu zerstören und durch eine ebene Trasse zu ersetzen.

0.5.1 Weigerung, die Wortbedeutung zu verlassen

Die Poetin spielt durch, welche Fragen entstehen, wenn man an der Wortbedeutung kleben bleibt. Aus: A. Munro, WOZU WOLLEN SIE DAS WISSEN? Elf Geschichten aus meiner Familie. Frankfurt/M 2013. 3. Aufl.

(54f) "Bleibt noch die Seele. Die Seele verlässt den Körper
im Augenblick des Todes. Aber aus welchem Teil des Körpers
tritt sie aus, wo genau war sie untergebracht? Am wahr-
scheinlichsten ist wohl, dass sie mit dem letzten Atemzug
entweicht und irgendwo in der Brust unweit von Herz und Lunge
verborgen war. Obwohl Walter einen Witz gehört hat, den man
sich über einen alten Zausel in Ettrick erzählt, ein Kerl,
so schmutzig, dass bei seinem Tod die Seele zu seinem
Arschloch hinausfuhr, und das hörbar, mit mächtigem Knall.
   Solcherlei Auskünfte erhofft man sich von den Predigern
- ohne natürlich, dass gleich von so etwas wie dem Arschloch
die Rede ist, aber doch vom wahren Sitz der Seele und dem
Ausgang, den sie nimmt. Aber vor Erklärungen dieser Art
schrecken sie zurück. Auch können sie nicht erklären -
jedenfalls keiner, den er gehört hat -, wie die Seelen
sich außerhalb des Körpers bis zum Tag des Jüngsten
Gerichts erhalten und wie eine jede von ihnen an diesem
Tag ihren Körper wiederfindet und als den eigenen erkennt
und sich damit vereinigt, obwohl er zu der Zeit nicht mal
mehr ein Gerippe sein kann. Zu Staub zerfallen. Es
muss welche geben, die genug studiert haben, um zu wissen,
wie all das vollbracht wird. Es gibt aber auch welche -
das hat er vor kurzem erfahren -, die haben studiert und
gelesen und nachgedacht, bis sie zu dem Schluss gelangt
sind, dass es überhaupt keine Seelen gibt. Niemand spricht
gerne von diesen Menschen, und in der Tat ist der Gedanke
an sie schrecklich. Wie können sie mit der Furcht - sogar
der Gewissheit - leben, dass ihnen die Hölle bevorsteht?"

0.5.2 Abendmahls- / Einsetzungsworte Jesu

"Das ist mein Leib / Blut" sagt Jesus am Vorabend seiner Hinrichtung zu Brot und Wein. - Es wäre bücherfüllend, wollte man die Geschichte dieser zwei Sätze hier nachzeichnen, womöglich sich einen Überblick über die Opfer verschaffen, die die Auseinandersetzung um sie gefordert haben.

Weil die einen die "ist"-Aussage strikt wörtlich verstanden, die anderen darin die Formulierung eines Zeichens, Symbols (wobei beides nicht das gleiche sein durfte) sahen, bildeten sich verschiedene Konfessionen. Die 'strikt Wörtlichen' verlangten von den Anhängern, dass sie besonders heftig auf ihren Alltagsverstand verzichteten - denn offensichtlich nahm man mit Sinnen nach der 'Wandlung' immer noch Brot / Wein wahr. Das durfte so aber nicht formuliert werden. Hochtheoretisch, aber eleganter, im Mittelalter Thomas von Aquin: Die 'Substanz' beider Dinge, die aber nicht sichtbar ist, die habe sich geändert; dagegen blieben die 'Akzidentien', also die wahrnehmbaren Merkmale, gleich.

Gleichgültig, welchen Weg man einschlug: der Hauptfehler war, dass man die Sprachebene übersah, vielmehr das Gesagte mit der materiellen Realität gleichsetzte. Mit Sprachbewusstsein geht es nicht anders, als von einem geistigen Akt, einer Deutung zu sprechen, nicht von der dinghaften Realität. In der Welt der Physis hat sich durch die Wandlungsworte nichts verändert. Auch ein Streit, ob man mit "Symbol"-Begriff oder mit der Rede vom "Zeichen" mehr von der 'tatsächlichen Realität' rettet, ist unnütz. Beide Begriffe gehören zur Welt der übertragenen Bedeutung. Eine unmittelbar begehbare Brücke zur 'Realität' gibt es dabei nicht.


0.5.3 Sehr gefährlich: Weigerung/Unfähigkeit, auf die Suche nach der gemeinten Bedeutung zu gehen - Trump-Kontext

Vgl. [7] - Unvorstellbar, dass alles, was vom Bewerber 2016 im Wahlkampf gesagt wurde, so auch gemeint war. Mindestens kam ein derber, überzogener, bisweilen justiziabler Sprachgebrauch zum Vorschein. Nach der Wahl hat T. in Teilen schon mal abgerüstet. Was war folglich der Zweck, die Absicht seiner zunächst derben Sprache? - Dies herauszuarbeiten ist Aufgabe der PRAGMATIK.

Der Kommentar macht auf die Gefahr aufmerksam: manche Anhänger könnten bei der Wortbedeutung stehenbleiben und sie als Aufforderung/Erlaubnis verstehen, nun so auch zu handeln. Dann wird es wirklich kriminell.

0.5.4 Weitere Bedeutungsebene unbedingt nötig

... ansonsten stünde die seriöse "Frankfurter Allgemeine" mit ihrer Artikelüberschrift dumm da:

Jedes zehnte Neugeborene ist nicht geimpft

(Hohlspiegel 31/2017)


0.6 Aristoteles

"Analogie nenne ich es, wo das zweite sich zum ersten
verhält wie das vierte zum dritten. Dann wird an Stelle des
zweiten das vierte gesagt oder an Stelle des vierten das
zweite. Und gelegentlich wird auch beigefügt, auf was es
sich bezieht und wofür es gesetzt ist ... Oder wie das Alter
sich zum Leben verhält, so verhält sich der Abend zum Tage.
Man wird also den Abend 'Alter des Tages' nennen und das
Alter 'Abend des Lebens' oder wie Empedokles 'Sonnenunter-
gang des Lebens'. Zuweilen steht der analoge Begriff nicht
zur Verfügung, aber dennoch formuliert man in derselben
Weise. So nennt man die Frucht ausstreuen 'säen', für das
Entsenden der Flamme durch die Sonne gibt es aber
keinen Namen.
Aber dennoch verhält sich dies bei der Sonne gleich wie
das Säen bei der Frucht und so wird gesagt 'säen die
gottgegründete Flamme'."

aus: W. Urbanek (Hg.), gespräch über lyrik. texte 16. 2.Aufl., Bamberg o.J. S.27.


0.7 LORIOT: Knollennasen-Männchen

Warum lacht die Nation heute noch über - um nur dieses Segment seines Schaffens anzusprechen - die K-n-Männchen von Loriot - in Zeichnungen oder Animationen?

  • Was unmittelbar zu sehen/zu hören ist - das entspräche der Wortbedeutung -, versteht jede/r sofort als fern unserer Lebenswirklichkeit. Diese in höchstem Maße stilisierten Figuren enthalten vielfältig Signale, Impulse, die einen abhalten, solche Figuren mit 'irgend jemand Konkretem' identifizieren zu wollen. Schon zeichnerisch wird es Betrachtern somit leichtgemacht, das Dargestellte von der eigenen Lebenswirklichkeit fernzuhalten. Verwechslung unmöglich. Anders gesagt: Was dargestellt ist, ist eine Fantasiewelt, ein geistiges Spiel, eine Denkmöglichkeit, - aber kein Abbild realer = identifizierbarer, einmaliger Lebensumstände. Die Dekonstruktion kann von Betrachtern somit schnell und spontan vollzogen werden. Ein Rätseln, ob nicht doch ..., ist überflüssig.
  • Ab da wird es ernst: Hinter dem Klamauk im Vordergrund wird modellhaft eine Thematik, ein Verhaltensmuster, erkennbar, das in der Regel sehr wohl bekannt ist, wo jede/r sagen kann: das habe ich in vergleichbarer Form auch schon erlebt. Was Loriot in 'unmöglicher' Verpackung, mit extremen Übertreibungen vorführt und durchspielt, sind Typen menschlicher Lebenserfahrung. Indem sie einem so verfremdet präsentiert werden, schließen sich Fragestellungen an, auf die jeder seine Antwort finden muss - wie bei einem Kunstwerk.
Was enthält nicht die Szene an Reflexionsstoff, bei der
der Mann in seinem Sessel sitzt und nichts anderes
möchte, als zu sitzen und auszuruhen. Durch einen
Türspalt sieht man die in der Küche hin- und her-
huschende Frau, der das Nichts-Tun des Mannes völlig
unverständlich ist und deswegen ständig an ihm
herumnörgelt. 

Wer bei solchen Gestaltungen die beiden Ebenen nicht erkennt, stattdessen immer noch - im Rahmen der 'Wortbedeutung' - dumpf nach der "Existenz" der Figuren fragen würde - dem wäre kommunikativ nicht mehr zu helfen ;-) - Die zweite Ebene offenbart - auch wenn sie noch nicht ausformuliert ist - eine Logik alltäglichen Verhaltens, der sprachlichen, kommunikativen Erfahrungen, mit der die erste Ebene spielt. Sinn derartiger Inszenierungen ist nicht lediglich das Lachen - wäre es so, wären wir bei bloßem Klamauk -, sondern sich via Lachen selbst zu ertappen bei solchen meist unguten Gewohnheiten, darüber nachzudenken, sich zu korrigieren usw. Kurz: geistige Veränderung, Beweglichkeit ins Leben zu integrieren - aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern in menschenfreundlichen, angstabbauenden, die eigene Freiheit garantierenden Anregungen.


0.8 Averroës (1126 in Cordoba - 1198 in Marrakesch)

Der islamische Philosoph behandelte ähnlich wie Saadia Gaon (vgl. im PDF-Text) das Problem, nicht-zusammenpassender Aussagen - wobei davon der im Islam als besonders unantastbar geltende Koran mitbetroffen ist, aus: S. Gouguenheim, Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel. Darmstadt 2011. S. 130:

"Wenn laut Averroës also bewiesene (!) Aussagen der
Philosophie oder Wissenschaft mit dem Wortlaut des
Gesetzes, das heißt des Koran, nicht übereinstimmen,
dann müssen diese Aussagen interpretiert werden
(tawil), wobei die Sätze des Koran als Metaphern
aufgefasst werden."

Eine beachtliche, aber sicher nicht mehrheitsfähige Meinung. Standard bei religiösen Dogmatiken ist die Auffassung, dass die religiösen Grunddokumente selbst und im Wortsinn der Wahrheitsmaßstab sind. Die Annahme zweier Bedeutungsebenen wird in aller Regel abgelehnt.

0.9 Holocaust - Verdrängung in Schulbüchern

Verdrängung zunächst literarisch, sprachlich gemeint: als verharmlosende bis sachlich falsche Erwähnung / Beschreibung. Welche Motivation je dahinter steht, ist dann die psychologische Fragestellung. Uns interessiert als Einstieg der sprachliche Befund. Auszüge aus SPIEGEL-Online (27.1.2014). Am Schluss der link auf den gesamten Text:

In deutschen Schulbüchern steht mehr denn je über den
Holocaust. Doch viele Informationen über das Morden an
den Juden Europas sind laut Historikern ungenau. Eine
neue Studie zeigt: In den Lehrplänen vieler Staaten
fehlt das Thema ganz. Dass jemand "sein Leben verlor",
schreiben Journalisten häufig in ersten Meldungen, wenn
sie zunächst nicht genau wissen, was passiert ist, ein
Unglück oder ein Mord. Als Beschreibung eines Verbrechens,
das 75 Jahre zurückliegt und gut erforscht ist, findet
Peter Carrier die Floskel unpassend. ...
Nur in der Hälfte der untersuchten Staaten ist der
Holocaust in den Lehrplänen aufgeführt - und das teil-
weise mit merkwürdigen Formulierungen. Es finden sich
keine länderübergreifenden Standards in den Schulbüchern.
"Die Erzählperspektive, die Nutzung von bestimmten und
unbestimmten Artikeln, die Verwendung des Passivs und der
Metaphorik sowie der Grad der erzählerischen Einfühlung
in Protagonisten unterscheiden sich zum Teil gravierend",
schreiben die Forscher. Entweder ausgeblendet oder nur
teilweise erklärt. Der mexikanische Geschichtslehrplan
für 2013 führt den Judenmord verkürzend unter "Folgen
der Nutzung neuerer Technologien im Krieg" und
"Missachtung der Menschenrechte". Chinesische und
ruandische Schulbücher erwähnen den Holocaust laut
Studie nur im Vergleich zu den örtlichen Völkermorden.
In Ländern des Nahen Ostens wird demnach der Mord an den
europäischen Juden "entweder ausgeblendet, nur teilweise
erklärt oder mit unscharfen Begriffen gekennzeichnet".
Und indische Schulbuchautoren, die rechtskonservativen
Hindu-Parteien nahe stehen, preisen gar die
"kompromisslosen nationalen Ideale" der Nazis und
verschweigen den Holocaust. In Deutschland ... können
Schüler und Lehrer nicht sicher sein, dass der neueste
Forschungsstand berücksichtigt ist. "Hitler hatte seine
Absicht, die Juden zu vernichten, schon am 30. Januar
1939 zu erkennen gegeben": Mit diesem Satz beginnt das
Kapitel "Der Völkermord" im Schulbuch
"Das waren Zeiten 4". Carrier hält ihn für problematisch,
weil Täterschaft und Verantwortung "stark personalisiert"
würden, ganz so, als sei Hitler allein für die Massen-
verbrechen verantwortlich. Eine Überschrift wie "Die
Bevölkerung wird verführt" aus demselben Lehrwerk sei
"irreführend beziehungsweise verharmlosend".
Fachliche Fehler und Ungereimtheiten ...
So ist in einem Werk davon die Rede, dass das NS-Regime
neben Polen auch in Russland Vernichtungslager errichtet
habe, was nicht den Tatsachen entspricht. In einem
anderen heißt es, die deutschen Juden hätten nach der
Pogromnacht ihre Staatsangehörigkeit verloren; dabei
trat die entsprechende Verordnung zum Reichsbürgergesetz
erst 1941 in Kraft. Ein typischer Fehler: die falschen
Begriffe "Sonderkommando" oder "Sondereinheiten" für
die mordenden Einsatzgruppen und Einsatzkommandos. ...
Stattdessen fordern Fuchs und seine Mitautoren in ihren
Empfehlungen, die "historische Faktizität" zu stärken.
Neben die "von Autorentexten dominierten
Schulbucherzählungen" sollten vermehrt Quellen, Zitate
und Zeugenaussagen treten.
Weltweit sei eine "realistische und angemessene Form"
der Darstellung zu gewährleisten.
Vgl. [8]

0.10 Politischer Wechsel

Einige altbekannte Schlagworte, eine alte Hymne - schon wird damit ein gesellschaftlicher Umschwung eingeleitet, eine Vision von neuer Größe und Macht greift um sich.

aus: G.Ruge, Unterwegs. Politische Erinnerungen. Freiburg i.B. 2015. S.311:

"Nach acht Jahren Amtszeit hatte Jelzin das Ansehen seiner
Präsidentschaft abgebaut. Als er seinem Nachfolger Wladimir
Putin die Macht überließ, trauten viele Russen dem Mann aus
dem Mittelbau des KGB zu, mit Parolen des autokratisch
gelenkten Staatskapitalismus eine leistungsfähigere
Gesellschaft auf den Weg zu bringen. Auch die alten nationa-
listischen Schlagworte  von Russlands Größe und Macht hatten
ihre Kraft nicht verloren. Die Wiederbelebung der stalinschen
Nationalhymne - ohne Erwähnung Stalins - klang gut in den
Ohren, ebenso die Bekenntnisse zu Ordnung und Disziplin. Eine
Mehrheit der Bevölkerung war bereit, Putin zu folgen und ihn
zum Staatschef zu wählen. Aber zugleich nahm die Zahl der
russischen Bürger zu, denen die mäßigen Verbesserungen des
Lebensstandards kein Ausgleich für die Einschränkung demo-
kratischer Mitwirkung und Meinungsfreiheit zu sein schien." 
 

0.11 Krankhaft: wörtliche Bedeutung >> XX übertragene Bedeutung

Unter "Konkretismus" versteht man in der Psychiatrie die Unfähigkeit, sich von der wörtlichen Bedeutung zu lösen und zur gemeinten überzuwechseln. Vgl. [9] - 'Morgenstund hat Gold im Mund' - das hat in wörtlicher Bedeutung zu gelten.

Vgl. auch [10] - Mit Autismus verbindet man - was den Umgang mit Sprache betrifft - diese Merkmale:

  1. die Unfähigkeit, von der Wortbedeutung zu einer/mehreren weiteren Bedeutungsebenen überzuwechseln - das gilt also für das aktuelle Modul (und weitere untergeordnete)
  2. die auffallende Vorliebe für feststehende, klischeehafte Wortketten - vgl. [11]
  3. v.a. in Dialogen sich auswirkend: die Unfähigkeit, empathisch eine Beziehung zum Partner aufzubauen, vgl. [12], was auch heißt, via Implikation zu erkennen, was dessen Äußerungen zusätzlich einschließen, vgl. [13]


0.12 Politisches Krankheitssymptom: "Wiedergeburt" und Kommunistische Bürokratie

Und zwar in China: Anscheinend nimmt man dort die buddhistische Rede von der "Wiedergeburt" wörtlich, kann sich den Gedanken an "Übertragenen Sprachgebrauch" nicht leisten - was dann in der Praxis zu absurden Konsequenzen führt (aus SWP 3.7.2015):

"In der ihr eigenen Regulierungswut, hat sie (= die
Kommunistische Partei) bereits Vorschriften für die 
Wiedergeburt hoher Geistlicher erlassen; ein absurder
Vorgang, bildet doch der Atheismus eine wichtige Grundlage
der kommunistischen Ideologie. Gleichwohl verabschiedete
die Partei im August 2007 eine Bestimmung über die
'Verwaltung von Reinkarnationen lebender Buddhas im
tibetischen Buddhismus'. Demnach dürfen wichtige
Inkarnationen nur innerhalb der Grenzen der Volksrepublik
gefunden werden, und die Partei ist es, die sie legitimiert.
Beobachter reagierten mit Spott: 'Nach Einführung der
Geburtenkontrolle gibt es in China nun auch eine
Wiedergeburtenkontrolle.'" 

0.13 Politik: München gegen "Stolpersteine"

"Vielerorts wird mit Stolpersteinen an NS-Opfer erinnert. In
München nicht. Ein Grund: Gedenken im Straßenschmutz sei
unwürdig. ... Nicht das Andenken an die Ermordeten 'mit Füßen
treten' ... Stolpersteine sind kleine, in den Boden versenkte
Metalltafeln mit Namensinschriften zum Gedenken an Opfer des
Nationalsozialismus. Die Tafeln  werden vor Häusern angebracht,
in denen etwa Juden bis zu ihrer Deportation gelebt hatten."
(SWP 30.7.2015)

Dazu lässt sich sprachkritisch manches sagen:

  • "Stolperstein" im Wortsinn ist ein Hindernis, das mein Gehen stört, mich womöglich ins Straucheln bringt, jedenfalls meinen gewohnten Trott unterbricht. Im Fall des Kunstprojekts ist technisch dafür gesorgt, dass genau der Effekt der körperlichen Irritation, womöglich Verletzungsgefahr, nicht eintritt: das physische Gehen als solches wird nicht behindert.
  • "Stolperstein" zielt demnach auf die geistige Ebene, soll ein Anstoß, Impuls sein für die Wahrnehmung, verhindert, weiterhin - aus Unkenntnis - an jenen Orten achtlos vorbeizugehen, an denen die später Deportierten, Getöteten gelebt hatten.
  • Bis hierher liegt - auf der Ebene bildender Kunst - ein Musterbeispiel für das Ineinander beider Bedeutungsebenen vor. In vielen deutschen Städten wurde die Kunstaktion schon durchgeführt.

Es verwundert, dass die Israelitische Kultusgemeinde, München, sich seit langem gegen das Kunst-/Erinnerungsprojekt wehrt. Dem ist der Stadtrat nun gefolgt. Dazu:

  1. Die Etikettierung "Stolperstein" weist von vornherein auf die Intention: <<WAHRNEHMUNG ERZWINGEN>>, gehört also zum Modalfeld EPISTEMOLOGIE, vgl. [14]. Der Einwand, hier werde das Andenken "mit Füßen getreten" ignoriert diese Funktion und unterstellt dagegen bereits eine negative Wertung, vgl. [15]. Das ist dann schon eine Unterstellung, nach deren Berechtigung man fragen könnte.
  2. Die israelitische Kultusgemeinde und der Stadtrat wollen bzw. können die ursprüngliche Intention des Künstlers - größere Aufmerksamkeit erzeugen - nicht respektieren.
  3. Der gleiche Einwand gilt für die Aussage, Holocaust-Opfer würden "im Straßenschmutz verewigt" - was geradezu Zynismus unterstellt.
  4. Stattdessen: "Stolpersteine" erzwingen nicht nur WAHRNEHMUNG, sondern durch die körperliche Erfahrung, vgl. [16] werden die Bürger auch zu einer ENTSCHEIDUNG gezwungen, vgl. [17]: es ist ihre Entscheidung, nicht die des Künstlers oder der jeweiligen Kommune, ob sie das Gedenken oder die Abwertung praktizieren. - Selbst im zweiten Fall hätten die Stolpersteine eine sinnvolle Funktion gehabt und eine bislang verdrängte politische Stimmungslage sichtbar gemacht - erst dann kann man darauf auch reagieren.
  5. Die Steine im Straßenschmutz beleidigen nicht die Opfer, sondern erinnern an die extrem schmutzigen (wörtlich und übertragen) Praktiken der Nazis. Sie sind somit geeignet, Mitgefühl für die Opfer und deren Erniedrigung zu wecken.

Wahrscheinlich hat die Ablehnung der Kunstaktion mit weiterwirkenden Traumata zu tun - worüber hier nicht zu urteilen ist -, sicher auch mit politisch-strategischen Überlegungen auf beiden Seiten. Mit kunsttheoretischen und sprachkritischen Überlegungen allein ist dem nicht beizukommen.

0.14 Politik: BK Merkel - Kühl und zugleich emotional

Aus SPIEGEL-online 16.9.2015. - Beide widersprüchlich scheinenden Effekte müssen sprachlich fassbar werden - die Mechanismen, die dies bewirken, werden anschließend angedeutet. Das ist genuines Feld der PRAGMATIK. Gäbe es bei literarisch-grammatischen Mechanismen nichts zu vermelden, läge eine haltlose Interpretation vor, nichts als eine Unterstellung.

"Nun ist sie die Flüchtlingskanzlerin, die empört
reagiert, wenn ihr vorgehalten wird, sie lasse zu
viele Flüchtlinge ins Land: "Ich muss ganz ehrlich
sagen: Wenn wir jetzt anfangen müssen, uns zu
entschuldigen dafür, dass wir in Notsituationen ein
freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht
mein Land." Dieser bemerkenswert emotionale Satz,
kühl ausgesprochen, wird lange in Erinnerung bleiben.
Da spricht nicht die politische Taktikerin, sondern
die mitfühlende Pastorentochter aus der Uckermark,
eine Politikerin, die sich noch genau daran erinnert,
warum ihre Partei das C im Namen trägt. Sie steht
damit in einem angenehmen Gegensatz zu Horst Seehofer
und seiner CSU, für die Nächstenliebe offenbar eine
Tugend ist, die (mehr oder weniger) am eigenen
Gartenzaun endet." 
  • Wer "ganz ehrlich" betont und fühlt, dass er das "muss", fühlt sich in einer Zwangslage. Die Präsupposition[18] im kommunikativen Standard ist, dass man "ehrlich" redet - ansonsten könnte man Kommunikation bleibenlassen. Wer das "ehrlich" auch noch betont, startet einen Gegenangriff.
  • Ein Paradox wird genannt: In "Notsituation freundliches Gesicht - und dafür sich entschuldigen?" - eine geistig-emotionale Katastrofe wird skizziert. Vgl. das aktuell geöffnete Modul: es werden auch die seit der antiken Klassik bekannten Stilfiguren aufgegriffen.
  • Unter der Hypothese - Register IMAGINATION -, dass das gelten soll, gilt die Aufkündigung der bisher geltenden Gemeinschaft! vgl. [19]
  • Das sagt die, die seit 10 Jahren die Regierung führt. Vgl. [20]

Einen Tag später zum gleichen Satz J. Augstein: Die BK stellt die Vertrauensfrage an das Volk.

"So einen Satz haben wir von der Kanzlerin bisher nie
gehört: 'Wenn wir jetzt anfangen müssen, uns zu
entschuldigen dafür, dass wir in Notsituationen
ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das
nicht mein Land.' Das ist die Vertrauensfrage.
Gerhard Schröder hat sie seinerzeit im Bundestag
zweimal gestellt. Angela Merkel stellt sie dem
Volk. Will dieses Land Merkels Land bleiben? Die
Kanzlerin fordert ihr Volk. Das ist neu. Bisher
war Angela Merkel die Kanzlerin der fehlenden
Zumutungen. Lange Jahre leitete sie Deutschland
wie ein Heim für betreutes Wohnen. Die Leute
liebten sie dafür. Angela Merkel gab den Leuten
Vertrauen. Jetzt fordert sie es zurück.
Hoffentlich ist noch genug vorhanden."

0.15 Gefahr von Missverständnissen

Vgl. [21] - darin die Zitate von den Buchseiten 207-239

0.31 Bildende Kunst: Salvador Dali, "Die Versuchung des heiligen Antonius" (1946)

Zu dem Bild kann man via Internet viele Kunstdrucke betrachten, wenn man will bestellen. Es gibt dazu auch eine gute Bildbeschreibung: [22]. Wie bei einer Textanalyse werden dabei viele Details, auch geschichtliche Hintergründe, erläutert. Zu kurz kommt dabei - zusammenfassend, die Gesamtstruktur des Bildes charakterisierend: Dieser Antonius ist nackt, "auf dem Boden", ganz auf seine elementaren Bedürfnisse zurückgeworfen. Ihm gegenüber ist die Prozession "hoch oben", voller Prunk, "mit dünnen Beinen" - jeder innerweltlichen Alltagserfahrung spottend, ohne Bezug zu echten, realen menschlichen Bedürfnissen. Es handelt sich - durch diesen dichten "übertragenen Sprachgebrauch" - um eine fürchterliche Kritik, zeigt, wie Dali die Kirche seiner Zeit, aber - auch gestützt durch sein Wissen - die der anderthalb Jahrtausende zuvor erlebte, einschätzte. Der Zeigegestus des Antonius (mit dem Kreuz) zeigt die unüberwindbare Kluft.

0.32 Insel Reichenau: St. Georg - Oberzell

Vgl. [23]. Das Kirchenschiff wurde um 900 n.Chr. mit großflächigen Fresken ausgemalt, die neutestamentliche Szenen wiedergaben:

  • verschiedene Totenerweckungen (Jüngling zu Naim, Lazarus)
  • Wunderheilung (Wassersüchtiger)
  • Sturmstillung
  • Teufelsaustreibung (Dämonen, die in die Säue fahren und mit diesen im See ersaufen)

Thematisch - also sozusagen im Wortsinn - ein wildes Durcheinander. Es muss aber einen gemeinsamen Nenner geben, weswegen die Menschen in der spätkarolingischen Zeit glaubten, diese Mixtur realisieren zu dürfen: dieser Nenner wäre dann die gemeinte Bedeutung. Unschwer zu erkennen, dass etwa zusammenkommen: Durst nach Leben, nach Angstfreiheit und nach selbstbestimmtem Handeln.

Es wäre somit völlig sinnlos und in die Irre führend,
sich in Debatten zu verhaken, ob Sturmstillung,
Wunderheilung, Totenerweckung, erst recht
Teufelsaustreibung real möglich wären usw. usw.
Wer so debattiert, fährt auf einer sprachfernen,
stattdessen 'sachverhaltlich' ausgerichteten
Schiene und wird nie verstehen, was den damaligen
Menschen wichtig war, was sie zum Ausdruck
bringen wollten. 

N.B. dort findet sich auch das Bild einer Kuhhaut - gehalten von Teufeln. Darauf u.a. geschrieben:

Ich wil hie schribvn
von diesen tvmben wibvn
was hie wirt plapla gvsprochvn
vppigs in der wochvn

Ein Sprachbild wird auch als Fresko präsentiert. Die Teufel drehen die Kuhhaut, so dass das 'Weibergeschwätz' vollends als 'verrückt' etikettiert wird.

0.51 Dekonstruktion - bildhaft: Isenheimer Altar / Auferstehung Christi

Vgl. [24] - wer will, kann anhand dieser Bildtafel malerisch-gestalterische Indizien zusammentragen, mit denen der Künstler Signale in sein Werk einbaut, die zwingen, zur gemeinten Bedeutung weiterzuschreiten, eben nicht bei der Wortbedeutung, also dem, was man auf den ersten Blick sieht, stehen zu bleiben. Es kommen allein bei dieser Tafel sehr viele solcher Zwänge, Störungen zusammen.

Nur ein Beispiel: Der Sonnenball/die Gloriole
erhellt zwar die Szene von hinten - laut Alltags-
erfahrung müsste das Gesicht des Auferstandenen
aber im Schatten liegen. Stattdessen: Das grelle
Licht lässt die Konturen des Kopfes verschwimmen,
was seine Wahrnehmbarkeit stark einschränkt.
Das Licht scheint den Körper zu durchfluten, zu
durchdringen. Einzig die Augen stechen stark aus
diesem geballten Licht hervor - klein zwar, aber
deutlich. Sie fixieren den Betrachter. Er hat so
Anteil an dieser Lichtorgie. Für die
gemeinte Bedeutung kommen etwa folgende
Merkmale zusammen: 
- der Appell, auf eine Identifizierung dieser
  Figur zunehmend zu verzichten, nicht auf sie
  fixiert zu sein
- sich erfassen zu lassen von der österlichen
  Macht und Kraft
- sich als einbezogen und gemeint zu verstehen
- es ist nicht 'natürliches Licht' grafisch ge-
  staltet, sondern eine Lichtmetapher. Da ist
  man schnell bei sprachlichen Bildern wie:
  'ein Licht für andere sein', 'für Helligkeit,
  Klarheit, Sicherheit in der Gemeinschaft sorgen'
  u.ä. 'Licht' ist gleichbedeutend mit 'Angstabbau'. 
Wer dies zu verstehen beginnt, für den ist in der
Tat eine Rückbindung an die Wortbedeutung =
Fixierung auf die reale, damals gelebt habende
Figur Christi zunehmend unwichtig, sie kann sich
auflösen - und so erst weiterwirken.

Aber die Tafel enthält noch mehr Signale, mit denen der Künstler sich gegen die Auffassung wehrt, lediglich eine Szene platt abgemalt zu haben. Stattdessen hat er viele Impulse eingebaut, die die Betrachter zur Suche nach der gemeinten Bedeutung zwingen/veranlassen sollen. Der Künstler bietet das Ergebnis dieser Suche nicht schon von sich aus und im einfach zu verstehenden Klartext, sondern er will, dass die Betrachter selbst finden: aber zweifellos deutet der Maler konsistent in eine erkennbare/beschreibbare Richtung.

0.52 Mitlaufende 2. Bedeutung: Brahms-Requiem

Praktische Erfahrung:

Ein Tag, der - das war absehbar gewesen - noch sehr
lang werden sollte, begann mit einer langen
Autofahrt, schloss viele Begegnungen, Gespräche ein,
einen Gräberbesuch, einen Gottesdienst, insgesamt
über den Tag hin ungeregelte, ungewohnte Nahrungs-
aufnahme - was zu unangenehmen Belastungen führte,
abends noch - nach langer Fahrt durch die Großstadt -
ein langes Gespräch in der Abendsonne im Garten -
und dann das vernünftige Angebot zu übernachten,
wegen anzunehmender Müdigkeit. Denn die gleiche
lange Strecke war bei der Rückkehr wieder zurück-
zulegen.
Mit etwas schlechtem Gewissen dann doch der Ent-
schluss, die Rückfahrt anzutreten. Im Radio wurde
von BR II das Requiem von Brahms in einer life
-Übertragung gesendet.
Inhaltlich, im Wortsinn somit in mehreren Musik-
Sätzen das Thema "Tod, Ratlosigkeit, Trauer".
Gewiss, gegen Schluss setzen sich die freundlichen,
tröstlichen Inhalte durch. Aber über weite Strecken
sind die einzelnen Sätze so gestaltet, dass sie see-
lisch "herunterziehen". - Damit drohte die Übertra-
gung die Müdigkeit und nahezu Unfähigkeit, nochmals
eine weite Strecke zu fahren, noch mehr zu steigern.
Die vertonten Wortbedeutungen des langen Werkes
ließen erst gegen Ende der Aufführung Aktivierung
und Aufmunterung erwarten. - Das konnte für den un-
vernünftig zur Rückfahrt Entschlossenen zu spät
sein. Es kam dazu, dass der Fahrer das Werk nahezu
auswendig kannte - was sollte es ihm noch Neues bie-
ten? Konnte das Vorwissen nicht einfach in weiter
lähmender Anödung enden?
Verblüffung: Ab den ersten Takten war der Fahrer
hellwach, hochgespannt, erfreut - und nebenbei beim
Fahren hochkonzentriert. Die Müdigkeit war kein Thema
mehr, auch nicht nach Ende des Werks bis zur Rückkehr
weit nach Mitternacht.

Fazit: Die Frage ist, wie es die musikalisch-künstlerische Gestaltung hinbekommt, die - oft - depressiv klingenden Wortbedeutungen zum Thema "Tod" so zu infizieren, dass eine gegenteilige, belebende, erfrischende Anteilnahme beim Hören entsteht? Bei jeder aufmerksamen Wahrnehmung eines Kunstwerks kann man solche gegenläufigen Impulse feststellen. - Zu bedauern, wer nur - eindimensional und flüchtig - lediglich die Wortbedeutung, das Thema, wahrnimmt. Den eigentlichen Beitrag des Kunstwerks hat er dann schon weggestrichen.

0.61 Immanuel Kant

(aus: M. Kühn, Kant. Eine Biographie. München 2004. 3. Aufl.)

"Eine der Ironien seines Angriffs auf Schlossers
'vornehme' Philosophie bestand darin, daß er auch
'Seine Majestät' in Berlin angriff.
   Als 'vornehm' definierte Kant jede Philosophie, die
ihre Einsichten nicht methodisch und langsam entwickelt,
sondern visionär ist und auf einer intellektuellen
Intuition, wie man sie nennen könnte, basiert. Ihr
Motto lautet: 'Weg mit der Vernünftelei aus Begriffen
... Es lebe ... die Philosophie aus Gefühlen, die
uns gerade zur Sache selbst führt!' Diese 'allerneueste
deutsche Weisheit', im Gegensatz zum 'Verlangen nach
Formen', das heißt, zur kritischen Philosophie,
verspricht 'fühlbare Geheimnisse'. Kant verwarf die
'neuen Besitzer' geheimer philosophischer Wahrheiten
ebenso, wie er Asketen, Alchimisten und Freimaurer
verworfen hatte."  (437)

0.62 "Subtext" in gesellschaftlich brisanter Debatte

Vgl. zum Thema "Kriegskinder, fortwirkende Traumata": [25]

0.71 Hohlspiegel

Aus 32/2014: Die Kreiszeitung Wesermarsch schrieb: "Flaschenpost kommt unter den Hammer".

  • da wird man anmerken, dass die Verbindung <<FLASCHE>> und <<HAMMER>> für erstere nichts Gutes bedeutet.
  • Wenn die Meldung dennoch einen seriösen Gehalt haben soll, dann muss er statt in der Wortbedeutung in einer anderen Bedeutung liegen.
  • Pragmatisch wird das Wissen aktiviert, wie es bei Versteigerungen zugeht: der Hammer beendet die Bieterei und zeigt an, welches Angebot den Zuschlag erhält.

Aus 38/2014: Aus dem Nordkurier: "Bundeswehr zielt auf unsere Schüler."

  • die Wortbedeutung ist schon so brisant, dass man die Lust verliert, locker auf die Suche nach der gemeinten Bedeutung zu gehen
  • folglich: nicht jede Wortbedeutung eignet sich als Spielmaterial für übertragene Bedeutung

Ähnlich aus der selben Nummer von der "Neuen Westfälischen": "Rechte Hand von IS-Chef Baghdadi getötet"

  • man neigt zur Reaktion: nun ja, wenns nur die "rechte Hand" ist ...
  • Teilangabe = Spezifikation soll offenbar für einen ganzen Menschen stehen

0.72 Arbeitszeugnisse - Geheimcode

Arbeitszeugnisse - das weiß man - beschreiben nicht einfach und gut verstehbar die jeweilige Leistung, sondern sind verschlüsselt. Laut Wortbedeutung klingen sie eigentlich ganz gut; kennt man die Codierungen, stößt man auf eine weniger schmeichelhafte übertragene Bedeutung. z.T. sitzt den Arbeitgebern dabei die Rechtsprechung im Nacken. Trotz aller Absicherung kann es zu Prozessen kommen. Vgl. [26]

0.73 Doch keine seriöse Information?

"Sie sind jugendliche Straftäter: Tierquälerei, Belei-
digung, Diebstahl, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch,
schwere Körperverletzung, Verstoß gegen das Spreng-
stoffgesetz.
   Aber warum ist das alles so lustig? Weil es - wie
im Comic - nicht um Realität, sondern um Zuspitzung bis
hin zum Absurden geht. Hier können zwei Gänse einen Mann
tragen, hier sind die Maikäfer nachttopfgroß, hier
passen zwei Jungen auf einmal in den Mahltrichter.
   Max und Moritz beginnen nicht bei Sonnenaufgang mit
ihren Streichen und werden während ihrer Dauer keinen
Tag älter. Alles geschieht 'einstens' oder 'bald'. So
unwichtig ist die Chronologie, dass im fünften Streich
die Maikäfer von den Bäumen rieseln und im sechsten
erst die 'schöne Osterzeit' herrscht
   Das Stichwort Comic ist durchaus angebracht. Legendär
sind Buschs Lautmalereien wie 'Rutsch!' - 'Puff!' -
'Knacks!' - 'Schwapp!' - 'Ruff!' - 'Knusper, knasper'.
Und ebenso wie später Tick, Trick und Track leben seine
Helden offenbar elternlos."
(G. Schury, SWP 14.3.2015 zu Wilhelm Busch)

Gute Liste inhaltlicher Unmöglichkeiten, Sprachspielereien, die im Verbund verlangen, nach einer übertragenen Bedeutung zu suchen.

0.74 Nichtssagende Erkenntnis - Tautologie

... kommt möglicherweise selbst beim großen Philosophen Platon vor. Hintergrund unser Register EPISTEMOLOGIE, vgl. [27]. Griechisch tauton = das selbe nochmals sagen, also gedanklich nicht vom Fleck kommen. Aus E. Oeser, Die Angst vor dem Fremden. Die Wurzeln der Xenophobie. Darmstadt 2015, 37:

"Und Platon fügt im Sinne seiner Lehre von der philoso-
phischen Natur des Hundes, wie er sie auch von den
Wächtern seines Idealstaates voraussetzt, hinzu, dass
diese 'herrliche Beschaffenheit' des Hundes darin
besteht, dass er 'an nichts anderem einen befreundeten
Anblick und einen widerwärtigen unterscheidet als
daran, dass er den einen kennt, und der andere
ihm unbekannt ist' (). Durch Verstehen des Bekannten
oder Nichtverstehen des Unbekannten werden also das
Verwandte und das Fremdartige bestimmt. Und dadurch
ist für Platon auch das Verhalten im Verkehr mit anderen
Staaten geregelt."   

"Verstehen" des "Bekannten" - wodurch wird mir etwas bekannt? - wohl dadurch, dass ich es wahrgenommen habe, und es verstehe - beides ist nicht identisch. Der Philosoph belässt es nicht lediglich beim 'Anblick', sondern geht auch zu dessen Verarbeitung über. Beide Stufen werden schon dem Hund gutgeschrieben. Also gilt die Gleichung:

bekannt = verstanden = verwandt 
               vs. 
                unbekannt = unverstanden = fremdartig

Wer hätte es gedacht? Wenig Erkenntnisfortschritt beim großen Philosophen ... Undifferenziertes Denken in dem Hunde-Sprachbild: Es liegt darin nicht die Möglichkeit, dass ich zunächst etwas wahrnehme und erst allmählich etwas geistig verarbeite - mit offenem Ergebnis: vertraut vs. fremdbleibend - meist dann auch mit Wertungen belegt: vgl. [28] V.a. ist das Sprachbild zu statisch: es ist nicht vorgesehen, dass eine erste, auch mit Wertung belegte Wahrnehmung sich dynamisch durch weitere Beschäftigung mit dem Gegenüber verändern, ins Gegenteil verändern kann.

0.75 Logische Korrektur

Manchmal muss man bei dem, was im Wortsinn gesagt worden war, erst Korrekturen anbringen, um implizierte Fehler zu beseitigen. aus: E. C. Hirsch, Gnadenlos gut. Ausflüge in das neue Deutsch. München 2005, 2.Aufl.

(115) "'Ich glaube nicht, dass es klappt!' Dieser Satz
unterscheidet sich allerdings nur gering von diesem: 
'Ich glaube, dass es nicht klappt!' Im ersten Fall wird
ein Zweifel am Gelingen geäußert, im andern eine Gewiss-
heit des Scheiterns. Etwas Ähnliches kann man auch mit
'hoffen' aussprechen: 'Ich hoffe nicht, dass es schief
geht!' So sagt man, aber mit logischem Scharfsinn darf
man das nicht betrachten. Sonst müssten wir uns gleich
fragen: was soll 'ich hoffe nicht' bedeuten? (Ich hoffe
nicht, dass Sie mir meine Pedanterie übelnehmen.)
   'Ich hoffe nicht, dass es regnet!' Ein harmloser, 
alltäglicher Ausruf. Doch wahrscheinlich ist hier die
Verneinung verrutscht. Gemeint sein muss doch: 'Ich 
hoffe, dass es nicht regnet!' Aber dieser verunglückte
Hoffnungs-Satz ist so üblich, dass wir ihn einfach gel-
ten lassen müssen. Oder sollten wir ihn kritisieren?
'Das will ich', höre ich Sie knurren, 'doch nicht hoffen!'
Genau! So sagt man. Nur bitte den Satz nicht auf die
Goldwaage legen! Oder doch? Abschaffen allerdings wird
diese Redewendung niemand mehr. Nein, das wollen wir
doch nicht hoffen.
   Ich traue mich ... Sie kaum zu fragen ... Was? Nein.
'ich traue mich kaum!' Dieses 'kaum' entgleitet uns
ebenfalls gern. Doch ich hoffe, Sie kaum zu erfreuen,
wenn ich mit solch verwirrenden Sätzen fortfahre. Ja, ja!
An solchen Wendungen haben Beckmesser etwas auszuset-
zen. Also besser; 'Ich darf kaum hoffen, Sie zu erfreuen...'"

Auch Zeitangaben können betroffen sein:

(116f) "Aus einem alten Kochbuch: 'Man schneide drei Tage
alte Semmeln ...' Klingt nach viel Arbeit, drei Tage 
lang. (Und war das nicht früher so: drei Tage Küchenar-
beit für die Gäste?) Auch diese Schlagzeile auf der
Regionalseite einer Tageszeitung ist schon auf den er-
sten Blick verständlich, danach weniger: 'Das Rathaus
erstrahlt bis 2007 in neuem Glanz'. Also ab dann nicht
mehr? Aber verstanden haben wir es gleich, was doch sehr
für diese Überschrift spricht.
   Ja, es ist nicht immer leicht, die Zeitangaben rich-
tig im Satz unterzubringen. 'Mein Kollege trifft jede
Minute hier ein,' das ist auch so ein Fall. Und wir ver-
stehen: Er kann jede Minute da sein.
   'In einer Woche hoffe ich zu Ihnen zu kommen.' Hofft
der Schreiber erst in einer Woche? Nein, wirklich nicht.
Doch jeder versteht es richtig: 'Ich hoffe, in einer
Woche zu Ihnen zu kommen.' So war es gemeint, und es
klingt ja so ähnlich. Dieses Durcheinander gibt es in
der freien Rede fast immer: 'Im Herbst habe ich mir 
vorgenommen, die Rosen zu schneiden.' Oder: 'Morgen ha-
be ich Lust zu Hause zu bleiben.' Nein, schon jetzt
habe ich Lust ... Offenbar will unser Gehirn das nicht
anders denken. Dann soll es richtig sein.
   'Ich freue mich sehr, wenn wir uns morgen sehen.' 
So ganz kann ich mich gerade mit diesem Satz nicht an-
freunden. Gewiss soll er nicht besagen: 'Ich werde mich
erst freuen, sobald wir uns morgen sehen', obwohl auch 
das eine liebenswerte Ankündigung wäre. Wenn wir ein 
einziges Wort ändern (nämlich aus dem 'wenn' ein 'dass'
machen), bekommt alles gleich Schick: 'Ich freue mich
sehr, dass wir uns morgen sehen.' Aber so redet man 
nicht gern, und gleich rutscht die Freude in die
Zukunft."   

0.76 Metafern

(aus: M. Schuster, Wodurch Bilder wirken. Psychologie der Kunst. Köln 2016.)

"Wenn auf dem Taschentuch der Papst abgebildet ist, dann
passen diese Bedeutungen von Nasenschleim und Kirchenfüh-
rer nicht besonders zusammen und wir finden den Gegen-
stand kitschig. Genauso wie das billige Plastik nicht gut
zur wertvollen venezianischen Gondel passt und nur im
kitschigen Souvenir Verwendung finden kann. Dagegen passt
z.B. die einsame Kapelle gut auf den schroffen hohen Berg,
der dem Himmel - wie die Kapelle - nahe ist, wie etwa in
romantischen Naturansichten. Wenn Man Ray, Meret Oppenheim
nackt vor einem riesigen Zahnrad fotografierrt, wird die
Bedeutung der zarten Nacktheit durch den Kontrast durch
das grobe harte Industrieteil noch verstärkt.
   Visuelle Metaphern Ein Gegenstand, der einem anderen
ähnlich sieht, ruft eine Mischung der gefühlsmäßigen Reak-
tionen auf. Ein Muranoglas ganz in der Form einer Plastik-
Waschmittelflasche erzeugt diese merkwürdige ganz unerwar-
tete Gefühlsmischung genauso, wie eine mit Pelz besetzte
Tasse und Untertasse (Meret Oppenheim). Die unerwartete neue
Wahrnehmung ruft aber auch Aktivierung und Spannung hervor.
   Mischfiguren Dem Künstler steht es frei Bedeutungen ganz
neu zusammenzufügen... Das nutzten schon die Künstler der
Antike für Zentrauren und einäugige Riesen. Das sind gewohn-
te Bilder, deren Überraschungsmoment sozusagen verbraucht ist.
Wie die zusammengeschnittenen Bedeutungen aber zu ungewohnten
emotionalen Reaktionen führen, kann man gut bei den Bildern
Dalis empfinden, der ganz neue Mischungen erfunden hat, z.B.
die Mischung von Elefant und Giraffen- bzw. Spinnen-Bein oder
von Schublade und Frauenkörper." (54f)

0.77 Symbol

(aus: M. Schuster, Wodurch Bilder wirken. Psychologie der Kunst. Köln 2016.)

"In der Psychoanalyse aber gewinnt der Begriff Symbol eine
spezielle Bedeutung. Der Psychoanalytiker meint damit ein Bild
oder Wort, das an die Stelle eines anderen, zensierten Bildes
oder Wortes tritt. Während in der üblichen Bildsprache das Bild
der Sache erscheinen würde, wird nun ein anderes Bild gewählt,
das vielleicht eine geringe visuelle oder funktionale Ähnlich-
keit mit dem zu verbergenden Inhalt aufweist.
   Geschwister können aus der Sicht des Kindes lästige Konkur-
renten sein. Wenn es nun aggressiv träumt, die Geschwister soll-
ten besser fort sein, so können Geschwister durch Insekten
(geringe Bedeutungsüberschneidung: lästige kleine Wesen) symbo-
lisiert werden. Der Traum dürfte den Inhalt nicht unverschlüs-
selt umsetzen, weil ein Tötungswunsch gegen die Geschwister das
Leben in der Familie gefährden würde ... 
   Wenn die Pinocchio-Puppe im Fernsehspot den Kaffee riecht,
verlängert sich ihre Nase. Die Nase kann als Phallus-Symbol ge-
deutet werden (nehmen wir wie Freud als Beleg eine Redensart:
'wie die Nase des Mannes, so sein Johannes'). Die symbolische
Botschaft ist also, dass diese Kaffeesorte zu sexueller Erregung
führt. Würde uns dies in Worten gesagt, würden wir die Kommuni-
kation als empörend und absurd ablehnen. In Bildern wird sie,
wie überhaupt bildhafte Kommunikationen, ohnehin nur an der
Schwellle des Bewusstseins aufgenommen. Als 'symbolische Kommu-
nikation' bleibt sie dem Bewusstsein verschlüsselt und wirkt
direkt im Unbewussten." (65f)

0.78 Wahrnehmungs'organe': Ratio + Unbewusstes

(aus: M. Schuster, Wodurch Bilder wirken. Psychologie der Kunst. Köln 2016.)

"Wäre die Welt der Menschen ursprünglich rational und abstrakt, so
wäre der Ursprung der Kunst schwer zu verstehen. Tatsächlich ist
das Denken der Menschen bildhaft und phantastisch, was nicht nur
im Traum, sondern auch in den Überlieferungen weniger differenzier-
ter Kulturen zu erkennen ist. Carl Gustav Jung schreibt: 'Eine
Erschlaffung des Interesses, eine leichte Ermüdung genügt, um die
exakte psychologische Anpassung an die reale Welt, die sich durch
gerichtetes Denken ausdrückt, aufzuheben und durch Phantasien zu
ersetzen.'" (83)
Die Menschen können ganz unterschiedlich mit dem Stimulus Kunstwerk
umgehen, sie können zum Beispiel in einen Dialog mit dem Kunstwerk
eintreten.

Innerer Dialog

   "Ein Fallbeispiel soll dies illustrieren: eine ältere Dame erwirbt
in der Kunstgalerie der Schwiegertochter eine große Bronze-Eule.
Zwar ist der Kauf hauptsächlich von dem Motiv getragen, das Geschäft
der Schwiegertochter zu unterstützen, doch unabhängig davon gefällt
der Dame die Eule, sie findet sie 'schön'. Zu Haus aber, so berichtet
die Galeristin, wurde die Eule zum Gesprächspartner (wie auch Haus-
tiere diese Funktion erfüllen können) mit dem die alte Dame in Momen-
ten der Einsamkeit, aber gelegentlich auch, wenn Besuch da ist,
spricht. Dies mag uns als kurioser Einzelfall erscheinen, aber wie
häufig ist in Berichten oder Romanen von der stillen Zwiesprache die
Rede, die der Autor mit Kunstwerken (speziell mit religiösen Kunst-
werken, die Marien- oder Christusdarstellungen zeigen) hält. Ja, die
Kunstwerke geben in der Vorstellung Antworten, die solche Teile der
Person repräsentieren können, die oft nicht bewusst sind. In der
meditativen Stimmung der 'Zwiesprache' werden unterdrückte Gedanken
erlaubt, kommt es zu 'Eingebungen', worüber in der Religionsge-
schichte immer wieder berichtet wird.
   Es kommt uns keineswegs merkwürdig vor, wenn sich der Gläubige
im Angesicht einer Mariendarstellung einen Rat erdenkt oder erfühlt,
auf den er vorher nicht gekommen ist. Das Kunstwerk nimmt so ganz
im therapeutischen Sinne die Rolle einer Teilperson im Gesamt der
psychischen Bestrebungen des Betrachters ein und erlaubt eine an-
dere und neue Art des inneren Monologs bzw. Dialogs." (126)

Verhältnis von Wort und Bild

   "Erst heute, aus der Kenntnis über bildhafte Denkprozesse und
auch über unbewusste Verarbeitungsmodi, ist mir eine Antwort möglich.
Wenn die Analyse die Bedeutung korrekt in Worte 'übersetzt', so
reduziert sie sich auf einige wenige Sätze. Die Wirkung der 
'nonverbalen Kommunikation durch Bilder' ist aber eine andere.
Bilder werden nicht so bewusst verarbeitet wie verbale Botschaften,
stehen aber gleichzeitig dem emotionalen Leben viel näher: Es ent-
wickelt sich ein tiefes Gefühl des Verstehens, gerade ohne verbale
Analyse. Diese nämlich ruft die 'Wachhunde des Intellekts' auf den
Plan und kann (wie so oft im Schulunterricht) die Wirkung der non-
verbalen Kommunikation zerstören.
   Bildhaft-räumliche Denkprozesse sind als eigenständiger Prozess
auch empirisch nachgewiesen. Sperry (1968) kann an Patienten mit
(operativ) getrennten Gehirnhäften demonstrieren, dass sich eine
Gehirnhälfte auf bildhaftes, die andere auf verbales Denken spe-
zialisiert. Bilder und Worte werden also in verschiedenen Gehirn-
arealen bearbeitet." (171f)
"Wenn der Therapeut mit dem jugendlichen Klienten in der ersten
Therapiestunde mit ganz einfachen Mitteln ein Spielzeug repariert,
so wird damit bildhaft ausgedrückt, dass beschädigte Dinge in der
Therapie noch einen Wert haben, nicht fortgeworfen werden und ganz
unkompliziert repariert werden können. Das Kind könnte sich näm-
lich ebenfalls als eine solche Sache empfinden und durch die ak-
tionale bildhafte Kommunikation der ersten Stunde Vertrauen zu
dem Therapeuten fassen...
   Auch Rituale sind eine Form der bildhaft-aktionalen Kommunika-
tion Die katholische Prozession zum Beispiel setzt den gemein-
samen Fortschritt ins Bild und das Eintauchen in die Quelle bei
der Taufe verbildlicht das Abwaschen des Alten und das Neugebo-
renwerden aus dem Wasser. Rituale der Heilung und Wandlung er-
klären den bildhaften Prozessen des Denkens die Grundlagen der
Situation und bringen dadurch die Gedanken und die Gefühle in
einen gemeinsamen Takt. So ist es nicht verwunderlich, wenn
Rituale der Trauer in Therapien eingesetzt werden, um Tren-
nungsprozesse zu verarbeiten, oder wenn das Ritual der Wandlung
bei der Drogentherapie (Wandlung zu einem neuen, drogenfreien
Leben) erfolgreich Anwendung findet. Die Gestaltung des Rituals
ist nicht beliebig, sondern erfordert den Kulturwissenschaftler
und Künstler." (200f)

1. Sprachbilder

1.1 These: Jeder alltägliche Text enthält auch Sprachbilder!

  • Sprachbilder müssen nicht originell sein
  • sie werden häufig übersehen und prägen unseren Sprachgebrauch

Schon in der Antike wussten die Griechen und Römer, dass es neben dem Wortsinn eine »gemeinte, nur indirekt erkennbare« sprachliche Äußerung gibt. Man unterscheidet täglich zwischen "Gesagtem" und "Gemeintem". Man sagt etwas, aber meint etwas ganz anderes damit. Seit Jahrtausenden ist die Doppelbödigkeit von Sprache ein viel behandeltes Thema.

Schon in der frühen Kirche gab es deshalb große Streitereien. Es gibt immer Menschen - gleichgültig in welcher Religion - die auf dem »Wortsinn« ihrer Schriften bestehen und keine zweite, gemeinte Bedeutungsebene zulassen. Ein Beispiel dafür wäre die Rede vom 'Paradies', welches angeblich nach dem Tod beginne und oft als eine wörtlich zu verstehende Verheißung verstanden wird. Dies hat zur Folge, dass Selbstmordattentäter möglichst schnell dorthin gelangen wollen. Die "Ungläubigen" verstehen die Aussage, dass das 'Paradies' nach dem Tod warte, zunächst als ein sprachlich-poetisches Bild, dessen Deutung erst noch folgen müsste.

  • sprachliche Mehrdeutigkeit --> Metaphern
  • diejenigen, die am Wortsinn festhalten, verbinden damit 'Realität, Wirklichkeit, Wahrheit, Objektivität', - täuschen sich also bezüglich dessen, was Sprache leisten / leisten kann
  • keine sprachliche Äusserung kann 1 : 1 mit der »Wirklichkeit« identifiziert werden: Sprachliche Realisierung <--> Sachverhalt
  • Inhalte werden immer in Sprachform geboten, gedanklich geformt


1.2 Sprachbilder aus einem Text von Mark Twain

1.46 Während der letzten ein, zwei Tage habe ich die ganze Last,
1.47 Dinge zu benennen, von seinen Schultern genommen,

  • Bildhafte Darstellung einer schweren Last
  • dramatisierender Effekt --> schwer wie ein Felsbrocken
  • jemandem zur Hilfe kommen


1.58 Sobald mein Blick auf ein Tier fällt,

  • verzögerte Wahrnehmung
  • besitzt überraschenden Effekt, da der Blick das Tier noch nicht getroffen hat (wg. "sobald")
  • wird erst noch ausgeführt


1.68 Als der Dodo auftauchte.

  • plötzliche Erscheinung
  • keine gezielte Wahrnehmung zu verspüren, da es einem aufgedrängt wird, weil er plötzlich "auftauchte"
  • man selbst ist inaktiv, da ohne hinzu tun "Dodo" erscheint


1.73 Und ich war sorgfältig darauf bedacht, seinen Stolz nicht zu verletzen.

  • Selbstwertgefühl soll geachtet werden


1.3 Sprache von Frauen vs. Sprache von Männern

Seit einigen Jahren gibt es mehrere Untersuchungen oder amüsante, aber aufschlussreiche Darlegungen (z.B. vom Ehepaar Pease) über geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Sprachgebrauch. Er wird daher rühren, dass in den Genen der Männer eher das Kämpfen, das Beschaffen- und Bauen-Müssen steckt, in denen der Frauen eher das Bewahren, Schützen, Gemeinschaft-Bilden. Deswegen ist der/die Einzelne auf eine bestimmte Sprechweise nicht festgelegt. Aber man muss sich eigens bewusst machen, welchen Klischees man nicht folgen will, um sie korrigieren zu können. Fehlt das Bewusstmachen, trägt man doch das jeweilige Klischee unkorrigiert weiter. Zu erwarten sind folgende Akzente:

Männer brauchten schon in der steinzeitlichen Welt
präzise Informationen (um Gefahren zu erkennen), waren
stärker auf die Rolle des Einzelkämpfers verwiesen.
Das Thema "Wille/Entschlossenheit" war wichtig, ebenso die
Fähigkeit zur klaren Orientierung  (darum können Männer
meist besser einparken...). 
Frauen hielten sich eher im geschützten Bereich auf,
kümmerten sich um wachsendes Leben, um Nahrung, mussten/
konnten differenzierter auf ihre Umwelt reagieren (Kinder,
Clan), um das gemeinsame Leben zu ermöglichen - denn
isoliert konnte man nicht überleben. Darum können
Frauen besser zuhören..., Empathie entwickeln.

Treffen heute - sprachlich - unbedacht beide Orientierungen aufeinander, kann es zu Animositäten kommen:

  • eine Frau wünscht für sich selbst etwas (z.B. Pause während der Autofahrt), drückt es aber als Frage an den Partner aus ("willst Du nicht...?"). Lehnt der für seine Person ab, ist sie dann beleidigt.
  • Wünscht er für sich einen Kinobesuch, meint aber nur mit, dass seine Frau natürlich mitkommen kann/soll, drückt es aber nicht aus, fühlt sie sich zurückgestoßen
  • Redet sie von "wir", schließt ihn also ein, kann es sein, dass er, der genetische Einzelkämpfer, sich bedrängt, bevormundet fühlt
  • da der Mann klare Informationen braucht, kann er mit undeutlichen Modalaussagen ("könnten/sollten/dürften wir" usw.) nichts anfangen, reagiert dann vielleicht gar nicht. Wer von ihm etwas will, sollte Klartext sprechen ("bring bitte noch den Mülleimer raus")

Wie gesagt: das sind nicht lediglich erfundene Klischees, sondern die unterschiedlichen kommunikativen Orientierungen der Geschlechter haben entwicklungsgeschichtlich plausible Wurzeln. Aber sie sind nicht unabänderlich: mit entsprechender Bewusstheit - verschieden, je nachdem, von welcher Geschlechtsseite man herkommt - lässt sich auch die Gegenseite entwickeln.

1.4 Erstarrte Sprachbilder

Dabei passiert es leicht, dass mehrere kombiniert werden - "man" redet ja problemlos so -, bei genauerem Hinsehen zeigt es sich aber, dass sie nicht zusammenpassen. HOHLSPIEGEL 11/2014 zitiert aus DER ZEIT:

"Auf dem Cocktailempfang ... ging eine Bemerkung
von Mund zu Mund, die auf Anhieb jeden sprachlos
machte."

1.5 Wertungen via Sprachbild

Wie jede semantische Kategorie, darunter die Modalitäten, zunächst im Rahmen der Wortbedeutung untersucht wird, so wird nun auch in der Pragmatik gefragt, ob jene grundsätzlichen Aussageakzente nun auch via Bild realisiert werden können. Hier interessieren die Wertungen, vgl. [29]

Man achte bei den Pressestimmen anlässlich eines Fußballspiels auf die Art, wie gewertet wird: [30]. Jedenfalls ist das "Niederwalzen", das "Zerstören" u.ä. sicher nicht im Wortsinn gemeint, sondern ...

1.6 Bildmaterial: NATUR

Der Buchtitel "In Stahlgewittern" ist eine Metapher: mit <<STAHL>> wird moderne Technik angesprochen, mit <<GEWITTER>> jedoch <<NATUR>>. Beides zusammen - so ahnt man, noch ohne das Buch gelesen zu haben - bringt Kriegserlebnisse zu Wort. Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden. Nur ist zu beachten: <<GEWITTER>> als naturhafter Prozess ist etwas, das abläuft, nicht beeinflussbar ist. Ich kann es vielleicht vorhersagen, aber nicht abwenden, diskutieren. Eingespannt in die Metapher "Stahlgewitter" wird es so möglich, über <<KRIEG>> zu sprechen, ohne dessen Sinnhaftigkeit zu bedenken. Er läuft ab, man muss darin bestehen - falls möglich. Es wird aber nicht weiter darüber nachgedacht. Genau so scheint Ernst Jünger in seinem Buch sich zu verhalten, vgl. [31].


Im Kapitel Gen 41 - nachlesbar in Originalfassung [32] - begegnen "Kühe" in ungewöhnlicher, ja unmöglicher Form, u.z. wiederholt. Es wird gesagt

  1. dass sie dem Nil entsteigen - dort sucht man sie normalerweise nicht;
  2. dass in einer 'zweiten Welle' weitere Kühe, dieses Mal dürre, nachfolgen und die ersten wohlgenährten, auffressen. Als Fleischfresser sind "Kühe" nirgends bekannt.
  3. Wenn schon "Kühe" ständig erwähnt werden, so fragt man sich, wo die dazugehörigen Bullen / Stiere bleiben?

Also genügend Indizien, dass ein Sprachbild vorliegt, nichts, was eine akzeptable Naturbeschreibung sein könnte. - Damit stellt sich die Frage, wofür das Bild stehen könnte, was damit ausgesagt sein soll. - Dazu zwei Indizien:

  • die Bedeutung <<KUH>> löst zunächst die Assoziation aus: friedlich, Nutztier für den Menschen, also alles andere als angsterregend, in punkto Geschlecht: weiblich.
  • die fleischfressenden Kühe dagegen demonstrieren <<Aggressivität>>, <<Zerstörungspotential>> - symbolisch eher mit dem männlichen Geschlecht assoziiert.

Die Auflösung des Bildes heißt zunächst: <<KUH>> steht hier für eine Figur, die beide seelische Orientierungen vereinigt, die Klischees, die mit den Geschlechtern verbunden sind, überwindet, androgyn benannt. Untersucht man separat, wie der Akteur JOSEF in dem gesamten Text beschrieben wird durch seine Handlungen, stellt man fest: auch dieser Akteur zeigt beides: er kann aggressiv und trickreich sein, insgesamt aber ist er um das Wohl aller besorgt. Auch er ist androgyn. Höchstwahrscheinlich sind also die "Kühe" aus Gen 41 ein Fingerzeig, wie die Tendenz des Gesamttextes aussieht, wie man die Hauptfigur zu sehen habe. Das Heraufkommen aus dem Nil würde zudem gut zum weiteren Symbol passen: <<WASSER>> als Anzeiger der 'Tiefe', des 'Unbewussten', des 'Personkerns'.


1.7 Veraltetes Bildmaterial (im Deutschen)

aus: E. C. Hirsch, Gnadenlos gut. Ausflüge in das neue Deutsch. München 2005, 2.Aufl.

(120f) "Nur die alten Zeiten liefern uns Bilder, die
eindrucksvoll und anschaulich sind. So sagen wir gern,
die Wirtschaft müsse man ankurbeln. Da sehen wir
vielleicht die alten Kraftfahrer oder ihre Chauffeure
vor uns, die mit der Kurbel, vor ihr Automobil gebeugt,
den Motor anwerfen. Diese Arbeit macht längst der An-
lasser, aber er erlaubt es uns nicht, ein Bild zu
schaffen für das, was ein Konzernchef macht. Der
kurbelt immer noch an. Der Ausdruck ist ein Dauer-
brenner. Und was ist das nun wieder? Auch so ein
unsterbliches Bild aus der guten alten Zeit. Der
Dauerbrenner ist ein primitiver Ofen, der die
Nacht über durchbrennen konnte. Und er brennt
offenbar noch immer. 
   Wir müssen solche Bilder bewahren, weil die
moderne Technik keine Anschauung mehr bietet. Sie
ist abstrakt und unverständlich geworden. Daher
bilden sich sogar neue altmodische Redewendungen.
So sagt eine Sekretärin am Telefon: 'Ich werde
Ihnen das mal rüberpusten' oder auch
'rüberschaufeln', wenn Datenmengen per Leitung
verschickt werden sollen. Der Vorgang selbst ist
zu unscheinbar geworden. Aus dem gleichen Grund
pflegen einige Mitmenschen sogar ihren Grill
'anzuwerfen', obwohl das nun wirklich übertrieben
ist. 
   Kein ICE kann uns bieten, was die alte Bahn bot.
Daher sprechen wir immer noch von Dampf machen
oder Dampf ablassen, vom Bremserhäuschen oder der
Drehscheibe. Und empfangen Staatsgäste mit dem
großen Bahnhof. 
   Ebenso unentbehrlich sind uns diesmal von den
Anfängen der Fotografie, die Momentaufnahme und
der Schnappschuss. Nur als Sprachbilder haben sie
überlebt. Ebenso bleiben die Filmstars Leinwand-
helden, auch wenn es keine Leinwand mehr ist, auf
der sie zu sehen sind. Na ja, man dreht ja auch
noch Filme, als sei eine Kurbel an der Kamera. Da
wollen die Leute im Radio nicht moderner sein und
sagen immer noch, Aufnahmen würden mitgeschnitten,
obwohl das ein Ausdruck aus der Zeit ist, als noch
ein Tonrille in Wachs geschnitten wurde."
(146) "Sie sind nicht mehr erblasst, aber machen
so ein trauriges Gesicht, dass Ihr Freund, der
Theologe, Sie hier am Stammtisch auf Ihre
Leichenbittermiene anspricht.
Gleich fällt Ihnen das bekannte Leichengift, das so
bitter riecht, wieder ein, und sie wollen sich
abwenden, als Ihnen klar gemacht wird, dass
'die Leich' früher in Süddeutschland das Begräbnis
war. Zur Teilnahme wurde nicht mit Anzeigen gebeten,
sondern durch bezahlte Boten, die 'zur Leich bitten'
sollten, natürlich mit der entsprechenden Miene des
Leichenbitters. Danach ging man zum Leichenschmaus,
den Sie nun endlich ebenfalls  in seiner ganzen
Unschuld erkennen. So klärt sich doch alles auf."
(150f) "Wenn wir schon mal wieder bei den schiefen
Bildern sind, darf auch der Ausspruch nicht fehlen,
dem vor allem die Beamten und Rentner hervorstoßen,
wenn gerade wieder Sparzwänge herrschen: 'Wir sind
nicht das Sparschwein der Nation!' Ob das Bild
stimmt? Es klingt nach dem armen Schwein, an dem
gespart werden soll. Ein Sparschwein jedoch ist meist
gemästet mit Geld und durchaus dafür da, eines Tages
geschlachtet zu werden. Wie möchten sich die
Herren denn nun sehen?
   Hinter der Unklarheit steckt wohl die Verwirrung
darüber, dass es zwei Bedeutungen von Sparen gibt:
weglassen ('Das spar ich mir', 'an der Stelle können
wir sparen'). Oder: sammeln ('Spare in der Zeit, dann
hast du in der Not!'). Der Aufschrei der Beamten
will sagen: 'An uns armen Schweinen kann man nichts
einsparen', was auf der ersten Bedeutung fußt. Dem
Bild vom Sparschwein jedoch liegt der zweite Sinn
zugrunde. Es könnte nur bedeuten: 'Wir sind keine,
die man schlachten darf, um das viele gesparte Geld
zu entnehmen!' So aber meinen es die Rentner,
Beamten oder Polizisten bestimmt nicht. Sie halten
sich nicht für gemästet."
(155f) "'Den Finger in die Wunde legen' bedeutet
nach dem Neuen Testament soviel wie 'Den Zweifel
überwinden wollen', denn der Jünger Thomas, genannt
der ungläubige Thomas, wollte erst an die Aufer-
stehung glauben, wenn er den Finger in die Wunde
Jesu legen könnte, so erzählt es der Evangelist
Johannes (20,25).
   In neuerer Zeit sagt man meist, 'den Finger
auf die Wunde legen' im Sinne von: 'auf einen
wunden Punkt hinweisen', also auf Missstände.
Damit sind wir vom biblischen Ursprung weit
entfernt. Jetzt hört man es zwar wieder mit in,
aber mit wiederum anderer Bedeutung. Dann soll
nämlich 'den Finger in die Wunde legen'
soviel bedeuten wie 'Salz in die Wunde streuen'.
Solch ein Schwanken der Verwendung ist aber
normal, man muss eben nur genau hinhören, was
der andere sagen will." 

1.8 Häufig eingebaut: Unlogik

aus: E. C. Hirsch, Gnadenlos gut. Ausflüge in das neue Deutsch. München 2005, 2.Aufl.

(138f) " 'Die Rückabwicklung dauert etwas',
entschuldigte sich mein Finanzberater.
'Rückabwicklung?' wiederholte ich ungläubig.
'Ja, erst wurde der Verkauf abgewickelt', sagte
er, 'jetzt möchten Sie ihn rückgängig machen,
das nennt man Rückabwicklung.' Gern hätte ich
eingewendet, wenn der Verkauf abgewickelt worden
sei, heiße das Gegenteil doch wohl 'aufwickeln'.
Doch der versierte Mann hatte gleich ein
Beispiel zu seiner Rechtfertigung parat:
'Wenn ein Haus abgerissen wird, nennt man das
ja auch Rückbau; erst wird gebaut, dann rück-
gebaut.' - 'Wieso Rückbau', erwiderte ich,
'da wird doch nichts gebaut, sondern
zerstört?' - 'Heißt aber so', meinte mein
Finanzmann.  
   'Ja', sagte ich resigniert, 'ihr Wirt-
schaftsleute sprecht ja auch vom Minuswachs-
tum. Auch das habe ich nie verstanden. Etwas
schrumpft, und das nennt man dann Wachstum,
wenn auch mit einem Minus davor.
Minuswachstum.'
   'Ich verstehe Ihr Unbehagen', bekam ich
zu hören, 'aber solche Einwände sind doch
kontraproduktiv'. Er sah mich so lauernd an,
als hätte er mir ein Kuckucksei ins Nest
gelegt. 'Kontraproduktiv', rief ich prompt,
'dieser US-amerikanische Schwachsinn! Soll
heißen, etwas ist abträglich!' Und leicht
erregt fuhr ich fort: 'Genau, ja, abträglich!
Ein schönes Wort. Hinderlich, wenig hilfreich!
Aber es heißt jetzt >kontraproduktiv<.' Mein
Fachmann war mit mir zufrieden. Er fand den
Ausdruck auch nicht überzeugend.
   'Was mich aber wirklich stört', sagte er,
'ist das Wort >unterprivilegiert<. Ich denke,
das ist kein kluger Begriff, weil Privilegien
ja Vorrechte sind.' Ich blickte wohl irgendwie
ins Leere, und so war er bereit, das zu er-
klären. 'Eine unterdrückte Gruppe als
>unterprivilegiert< zu bezeichnen, ist fast
ein Widerspruch in sich. Das hieße ja, sie
habe nicht genug Vorrechte. Doch Vorrechte
sollte man nicht ausbreiten, sondern abschaffen.
Bei allen!' Mir dämmerte etwas. 'Sie meinen',
sagte ich zögernd, 'der unterdrückten Gruppe
mangelt es ganz einfach an Rechten, nicht
etwa an Vorrechten.'
Er schien mit meiner Auffassungsgabe zufrieden."
(152f) "Mein Liebling in den optischen Gefilden
aber ist der <soziale Brennpunkt>. Der
Brennpunkt, der außerhalb einer Linse liegt,
heißt so, das ist klar, weil dort die Licht-
strahlen so gebündelt werden, dass man damit
Feuer machen könnte. Das Wort wird heute aber
- wieder jenseits der Optik - doch etwas anders
verstanden. Gemeint ist ein Stadtviertel oder eine
Region, wo die sozialen Konflikte immer wieder
aufflammen. Ein Punkt, an dem es brennt. Gut,
dennoch weiß ich nicht, ob ich das Bild passend
finden soll. Wenigstens ist in der Optik der
Brennpunkt, auch Fokus genannt, nicht ein Punkt,
an dem es ständig brennt. Es könnte dort
allenfalls brennen.   

1.9 Fülle von Bildern - Teresa von Avila

Bisweilen bemüht man sehr viele Bilder, weil das, was man sagen will, einem selbst so wichtig ist. Aber die Bilder sind nicht aufeinander abgestimmt - und die Erkenntnis stellt sich ein - so auch bei der Mystikerin des 16. Jhd. -, dass eigentlich nichts Präzises hatte gesagt werden könne. Teresa versteht die Seele des Menschen als innere Burg. Vgl. dazu im ersten Zitat die vielfältigen Bilder für die Seele, ständig kommt die elementare Wertung "gut - schlecht", vgl. [33], ins Spiel. Man wird scheitern, diese Bilderwelt Zug um Zug in schlüssig-klare Sprache zu übersetzen. Dennoch wird deutlich, was die Mystikerin mit dieser Bilderflut letztlich ausdrücken will.

aus: Teresa von Avila, Die innere Burg. Hg und übersetzt von Fritz Vogelgsang. Diogenes Tb 20643. Zürich 1979.

(26) "Bevor ich fortfahre, möchte ich euch bitten, euch auszudenken, 
welchen Anblick diese schöne und strahlende Burg bieten mag, diese
orientalische Perle, dieser Baum des Lebens, der inmitten der leben-
digen Wasser des Lebens, also in Gott, gepflanzt ist -, wenn die
Seele in eine Todsünde fällt. Es gibt keine unheimlichere Finster-
nis, und es gibt nichts, was so dunkel, so schwarz wäre, daß sie
daneben nicht noch viel finsterer erschiene. Begehrt nicht mehr zu
wissen, als daß es so ist, als wäre die Sonne, die ihr so viel
Glanz und Schönheit verlieh, die Sonne, die doch noch immer in der
Mitte der Seele ist, nicht mehr vorhanden; als könne die Seele
nicht mehr teilhaben an ihm, sie, die doch genauso dazu befähigt
ist, sich Seiner Majestät zu erfreuen, wie der Kristall die
Sonne in sich aufleuchten zu lassen vermag. Da hilft ihr nicht,
und deshalb bleiben alle guten Werke, die sie vollbringt, solange
sie in Todsünde lebt, unfruchtbar und dienen nicht dazu, daß sie
die Seligkeit erlangt. Weil diese Taten nicht aus dem Urgrund
stammen, welcher Gott ist, der unsere Tugend zur Tugend macht,
sondern in der Trennung von ihm entstanden sind, können sie seinen
Augen nicht gefällig sein. Wer eine Todsünde begeht, hat ja auch
nicht die Absicht, ihn zu erfreuen, sondern dem Satan ein Vergnügen
zu machen. Da dieser die Finsternis selber ist, so ist auch die
arme Seele zur gleichen Finsternis geworden."
(29) "Diese inneren Dinge sind so dunkel und schwierig zu ver-
stehen, daß jemand, der so wenig weiß wie ich, zwangsläufig viele
überflüssige und sogar unsinnige Dinge sagt, um das eine oder
andere treffend auszudrücken. Wer es liest, bedarf derselben
Geduld, die ich aufbringe, um etwas zu schreiben, was ich nicht
weiß; denn manchmal greife ich nach dem Papier, als wäre ich ein
Ding ohne Verstand, und weiß nicht, was sagen und wie anfangen.
Dabei verstehe ich wohl, wie wichtig es für euch ist, daß ich
euch, so gut ich kann, einige innere Erfahrungen erkläre."

1.10 Nagib Machfus, Echnaton

Untertitel: Der in der Wahrheit lebt. Zürich 1999. - Maho, der ehemalige Polizeichef von Achetaton berichtet - lässt dabei aber seine Gefühle, seine Selbstexpression - "Verzweiflung" als Fazit dieses Abschnitts - erkennen:

(127) "Es hieß, daß der König in seinem Palast gefangensaß. Dann
wurde bekannt, dass er an irgendeiner Kranheit gestorben sei,
aber mir war auf der Stelle klar, dass man ihn meuchlings ermordet
hatte. Wie konnte sich dieser wunderbare Traum so schnell in
nichts auflösen? Warum hatte Gott meinen Herrn verlassen, obwohl
er ihn doch seine heilige, verheißungsvolle Stimme hatte hören
lassen? Wie, warum, weshalb - ach, du schnöde Welt, die du nichts
mehr bedeutest.'"

"Banto", ehemaliger Arzt des Pharao, spricht mit den Eltern von Pharao Echnaton:

(142f) Echnaton "hockte oft draußen im Dunkeln und wartete auf
den Sonnenaufgang. Brachen die ersten Strahlen hervor, glänzte
sein Gesicht vor Freude. Schließlich kam der Tag, an dem er im
ersten Morgenlicht die Stimme des einzigen und alleinigen Gottes
gehört haben wollte. Von da an sollte Thebens gleichmäßg schla-
gendes Herz vor Angst aus dem Takt geraten. Ich wusste, dass uns
kein sanftes Frühlingslüftchen ins Haus stand, sondern ein grim-
miger Wintersturm.
Der König und die Königin ließen mich kommen. Die Große Königin
fragte mich: 'Könnt Ihr uns nicht sagen, Banto, was es mit dieser
Stimme auf sich hat?'
'Vielleicht fällt dem Weisen Eje die Antwort leichter, Herrin.'
'Königin Teje hat aber Euch, den Arzt. gefragt', fuhr der König
mich unwillig an.
'Nun, ich kenne niemanden, der klarer bei Sinnen ist, als Euer
Sohn', lautete meine ehrliche Antwort.
'Dann macht er sich lustig über uns?'
'Das glaube ich nicht, er ist ehrlich und aufrichtig.'
'Ihr habt also auch keine Erklärung für sein seltsames Verhalten.'
'So ist es, Herr.' 
Der König runzelte die Stirn. 'Und Ihr meint wirklich, dass sein
Verstand in Ordnung ist?'
'Auf jeden Fall.'
'Könnte es nicht sein, dass es die Stimme einer unheilvollen
Macht ist?'
'Man müsste darauf achten, was er sagen will.'
'Was er sagen will?', schrie der König wütend. 'Einen Sturm wird
er auslösen!'"

1.11 "Auferstehungs- / Erscheinungs- / Leeres-Grab-Berichte" im Neuen Testament

... gleichgültig in welchem der 4 Testamente: Jesus sei von den Toten auferstanden/auferweckt worden, lebe wieder. Die zusammenfassende Etikettierung als "A...-berichte" ist schon mal verheerend. "Bericht" assoziiert man mit Präzision, mit "wirklich so geschehen", mit der Meinung, die sprachliche Gestaltung könne man übergehen, man habe direkten Zugriff auf das reale Geschehen am Ostermorgen. - Diese Einstellung ist weit verbreitet, liegt sogar auch aktuellen archäologischen Nachrichten zugrunde: Vgl. [34]

Im Kontrast dazu müssten die Ostertexte - jeder für sich - literarisch genau analysiert werden - und es dürfte/müsste der eigene Verstand, das Alltagswissen aktiviert werden, der sich zugesteht, dass die Textakteure - genau genommen - sehr ungenau geschildert werden und dass er als Leser/Hörer so etwas wie "Auferstehung" noch nie selber erlebt hat - so dass folglich im Text von einem Geschehen gesprochen wird, das eine faszinierende Perspektive eröffnet, jedoch im praktischen Alltagsleben - so wie erzählt - nicht zu verifizieren ist. Auch nicht - 2000 Jahre später - durch Archäologen ...

In der im Gesamttext, aber auch in Details enthaltenen poetischen Bildhaftigkeit und der Schilderung einer qualitativ neuen Erkenntnis der Akteure ist die Aussageabsicht des jeweiligen Textes zu finden, seine Kraft zur Stimulierung, Ermutigung der Adressaten zu erkennen, aber ganz sicher nicht in der wissenschaftlich sauberen Ordnung von Steinplatten. Die Texte führen deutlich genug die Differenz vor: der in den Texten geschilderte Auferstandene ist nicht einfach wieder der vorösterliche Jesus.

1.12 Bilder zur Verdeutlichung - gern; aber stimmig sollten sie sein

SPIEGEL 1/2017:

"Die 'Süddeutsche Zeitung' fasste Gaucks Botschaft auf ihrer
Titelseite so zusammen: 'Bundespräsident Gauck warnt davor,
Feindbilder zu schüren'. 
   Mit dem Schürhaken im Kamin? Lieber bewahren als verbrennen?
Ist sicher besser für die Umwelt. Bitte keinen weiteren Emis-
sionsskandal kurz vor Ablauf des Jahres.
   Eine Metapher funktioniert nur dann, wenn das Bild, das sie
bemüht, sich mühelos aus dem ursprünglichen Bedeutungszusammen-
hang zur Verdeutlichung eines anderen Sachverhalts übertragen
lässt. Ein Bild kann man malen, übermalen, zerstören, in den
Keller stellen oder zur Auktion bringen - schüren kann man es
nicht. Dann ist die Metapher unfreiwillig komisch, dann ist das
Bild schief."

1.13 Sprache und "Wüste"

aus: Rafik Schami, Erzähler der Nacht, Weinheim Basel 1989. S.13f.

"Als ich Salim eines Tages fragte, warum seine Worte die
Menschen verzaubern können, antwortete er: 'Weil das ein
Geschenk der Wüste ist', und da ich nicht verstand, was er
damit meinte, erklärte er es mir: 'Die Wüste, mein Freund,
ist für einen fremden Besucher schön. Leute, die nur ein
paar Tage, Wochen oder Monate in der Wüste leben, finden
sie zauberhaft, aber auf Dauer ist das Leben in der Wüste
hart. Du kannst ihr in der sengenden Hitze des Tages und
der klirrenden Kälte der Nacht nichts Schönes mehr abge-
winnen. Deshalb wollte niemand in der Wüste leben, und sie
war sehr einsam. Sie schrie um Hilfe, doch die Karawanen
durchquerten sie und waren froh, wenn sie der Einöde heil
entkamen. Eines Tages zog mein Urururgroßvater, er hieß auch
Salim, mit seiner Sippe durch die Sahara. Als er die Hilfe-
rufe der Wüste hörte, beschloß er, dazubleiben, um die Wüste
nicht allein zu lassen. Viele lachten ihn aus, da er die
grünen Gärten der Städte zurückließe, um sein Leben im Sand
zu suchen. Doch mein Urururgroßvater hielt treu zur Wüste.
Er glaubte sein Leben lang, dass eine überwundene Einsamkeit
das Paradies sei. Von nun an vertrieben seine Kinder und
Kindeskinder die Einsamkeit der Wüste durch ihr Lachen,
ihre Spiele und ihre Träume. Die Pferde meines Urururgroß-
vaters klopften mit ihren Hufen die Glieder der Wüste wach,
und der weiche Gang seiner Kamele brachte der Wüste Ruhe.
Aus Dankbarkeit schenkte sie ihm und all seinen Kindern und
Kindeskindern die schönste aller Farben: die geheime Farbe
der Worte, damit sie sich am Lagerfeuer und auf ihren langen
Reisen etwas erzählen konnten. So verwandelten meine Vor-
fahren den Sand in Berge und in Wasserfälle, in Urwälder und
in Schnee. Am Lagerfeuer erzählten sie, fast verhungert und
verdurstet, mitten in der Wüste vom Paradies, wo Milch und
Honig fließen. Ja, sie nahmen ihr Paradies mit auf ihre
Reisen. Durch das verzauberte Wort wurden alle Berge und
Täler, alle Planeten und Welten leichter als eine Feder.'
In mehr als vierzig Jahren kam Salim mit seiner Kutsche nicht
weiter als bis Beirut, aber mit den Flügeln seiner Worte be-
reiste er wie kaum ein anderer die Länder der Erde. Daß aus-
gerechnet er plötzlich stumm wurde, verwirrte die Bewohner
seiner Gasse. Nicht einmal die besten seiner Freunde konnten
es glauben."  

2. Einzelsprache: Deutsch

Wirkungsvoll: 1967 ein (Nominal)-Satz, aufgeladen
mit einigen Elementen von "Übertragenem Sprachgebrauch",
überdeutlich - ausdruckssyntaktisch - dem passenden
Publikum samt Presse als Vervielfältiger präsentiert,
wird zum Auslöser der bundesweiten Studentenrevolte.
Vgl. [35]

2.1 Fehlleistungen

Im Wortsinn liefert manche Formulierung Unsinn - oder man muss sie erst in die gemeinte Bedeutung übersetzen. Aus: R. Griesbeck "Der Turm von Schwafel" S.305f:

Die Doppelhaushälfte. Hallo! Mathematik erste Klasse
Grundschule: Die Hälfte eines  Doppelhauses ist ein
Haus. Geht doch auch einfach!
Ein eingefleischter Vegetarier macht so viel Sinn
wie eine Holzeisenbahn.
Wahlpflichtfach. Na, das geht auch nur in
Deutschland - was nu? Die Pflicht der freien Wahl?
Alkoholfreies Bier geht per Definition schon mal
gar nicht.
"Mit dir rede ich nicht!" Ach ja?
"Sie sind nun Mann und Frau." Und? Was waren wir
vorher?
"Ich sah es mit meinen eigenen Augen." Und das
muss man noch extra betonen?

Das Kollegium einer Waldorfschule betrauerte einen Kollegen: "Er war aktiv seit dreißig Jahren an unserer Schule tätig." - Schön, aber inaktiv ginge in Verbindung mit <<TÄTIG-SEIN>> eh nicht. Wahrscheinlich wollte das Kollegium etwas anderes sagen.



2.2 "Unworte des Jahres"

Die jährlich definierten "Unworte" bieten eine Wortbedeutung; aber schaut man genauer hin (=gemeinte Bedeutung) offenbart sich die wahre = inakzeptable Bedeutung. Vgl. auch [36] Aus: R. Griesbeck "Der Turm von Schwafel" S.271ff:

2005
Entlassungsproduktivität    Gewinne aus Produktionsleistungen
                            eines Unternehmens, nachdem zuvor
                            zahlreiche für "überflüssig gehaltene 
                            Mitarbeiter entlassen wurden
Ehrenmord                   inakzeptable Berufung auf eine
                            archaische "Familienehre" zur
                            Rechtfertigung des Mordes eines 
                            meist weiblichen Familienmitglieds
Bombenholocaust             widerliche Umschreibung der Zerstörung
                            Dresdens, womit der millionenfache
                            Mord im eigentlichen Holocaust
                            heruntergespielt werden soll
Langlebigkeitsrisiko        unsensibler Fachterminus für das
                            Versicherungsrisiko, das dadurch
                            entsteht, dass Versicherte länger
                            leben als kalkuliert
2006
freiwillige Ausreise        Gesetzes- und Behördenterminus,
                            wenn abgelehnte Asylbewerber aus
                            deutschen Abschiebehaftanstalten 
                            nach intensiver "Beratung" in ihre
                            Herkunftsländer zurückkehren, wobei
                            die Freiwilligkeit in vielen Fällen
                            zweifelhaft ist
Konsumopfer                 Umschreibung von Models, die durch
                            Abmagern einem Schönheitsideal der
                            Konsumgesellschaft gerecht 
                            werden müssen
Neiddebatte                 Diffamierung der öffentlichen Dis-
                            kussion um übertriebene Managergehälter
2007
Herdprämie                  Das Wort diffamiert Eltern, insbe-
                            sondere Frauen, die ihre Kinder zu
                            Hause erziehen, anstatt einen 
                            Krippenplatz in Anspruch zu nehmen
klimaneutral                Kritisiert wird der Versuch, mit
                            diesem Begriff für eine Ausweitung
                            des Flugverkehrs oder eine Steigerung
                            anderer C02-haltiger Techniken zu 
                            werben, ohne dass dabei deutlich wird,
                            wie diese Klimabelastungen "neutra-
                            lisiert" werden
entartet                    Umschreibung für Kunst und Kultur
                            ohne religiöse Bindung
2008
notleidende Banken          Das Verhältnis von Ursachen und Folgen
                            der Weltwirtschaftskrise wird rundweg
                            auf den Kopf gestellt. Während die
                            Volkswirtschaften in ärgste Bedrängnis
                            geraten und die Steuerzahler Milliarden-
                            kredite mittragen müssen, werden die 
                            Banken mit ihrer Finanzpolitik, durch
                            die die Krise verursacht wurde, zu
                            Opfern stilisiert
Rentnerdemokratie           Als die Renten um ganze 1,1% erhöht
                            werden sollten, malte der ehemalige
                            Bundespräsident Roman Herzog, Bezieher
                            satter Altersbezüge, das Schreckens-
                            bild eines Staates, einer "Rentner-
                            demokratie", in der "die Alten die 
                            Jungen ausplündern"
Karlsruhe-Touristen         Diffamierung von Bürgern, die wieder-
                            holt wegen der Verfassungsgemäßheit
                            von Gesetzen das Bundesverfassungs-
                            gericht anrufen - ausgerechnet durch
                            den Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft 
                            R. Wendt.

2.21 Jugendwort des Jahres 2014

"läuft" eignet sich als Synonym für "problemlos", "ohne Hindernisse", also positive Wertung. Einen 1.Aktanten/Subjekt bietet der Satz nicht, also wird - pragmatisch - eingeladen, Kontext, v.a. den Partner - "dir" - einzusetzen. Das allerdings etwas verklemmt: "bei" deutet eine Distanzierung an. [37]

2.3 "dürfen"

Wenn jemand etwas "darf", gilt dafür "promotiv" - es herrschen günstige Voraussetzungen (4.084 Modalitäten – »Register« ERMÖGLICHUNG). Ob der betreffende Mensch davon Gebrauch macht, hängt aber erst noch von seinem eigenen Willen ab. Ob der vorliegt, muss man separat klären. - Hinter dem freundlichen "dürfen" versteckt sich - als gemeinte Bedeutung - häufig ein "Müssen/Sollen", also das 4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE. - Aus: R. Griesbeck "Der Turm von Schwafel" S.260f:

"Sie dürfen jetzt spülen", sagt die MTA, die man bloß 
nicht "Saughalter" nennen darf ..., nachdem mein Zahnarzt
meinen abgeschliffenen Backenzahn mit einem Provisorium
versorgt hat.
"Sie dürfen in zwei Wochen wiederkommen", sagt er. "Dann
dürfte die Krone fertig sein".
"Darf ich mir noch einen Termin geben lassen?"
"Klar, dürfen Sie."
Die Dame an der Rezeption (die man auch nicht
Zahnarzthelferin nennen darf - wo sind die nur alle
geblieben? -, sondern Dental-Koordinatorin) lächelt mich
an. "Sie dürfen mir noch Ihre Versicherungskarte geben",
sagt sie.
"Muss ich oder soll ich? Dass ich darf, weiß ich ja.
Ich darf eigentlich jedem mein Versicherungskarte geben,
ist ja schließlich meine."
Das Lächeln erstirbt. Die Augen sagen klar und deutlich:
"Her mit der Karte, du Witzbold!"
Früher mussten wir, heute dürfen wir. Dabei will ich
manches gar nicht, was ich darf - oder: Man muss doch
nicht alles wollen, was man darf. Karl Valentins
berühmter Satz "Können hätten wir schon wollen, aber
dürfen haben wir uns nicht getraut" fällt mir ein, aber
ich traue mich nicht, ihn aufzusagen. Obwohl ich ihn
gekonnt hätte.

2.4 gestresste Journalisten

Aus "Salzburger Nachrichten" (nach Hohlspiegel):

Frische Stimmen durchbluten die Oper

Ein martialisches Bild, eine verkrachte Metapher: "Oper" - so allein gestellt - ist zunächst das Opernhaus. Und dass dieses von (frischem) Blut durchflossen sein soll ... Schöne Stimmen pflegen andere und anders zu beschreibende Effekte zu haben.

2.5 Drohung wird Liebeserklärung

In seinem Nachruf auf Evelyn Hamann lobte Loriot deren perfektes Timing während der gemeinsamen Arbeit. Am Schluss der kurzen Ansprache scheint mit "Na warte!" eine Drohung zu stehen.

  • als Drohung werden die beiden Worte üblicherweise verstanden, als floskelhaft verwendeter übertragener Sprachgebrauch
  • "Warten" kann aber auch wörtlich verstanden werden: der ältere Loriot sieht sein eigenes Ende in überschaubarer Zeit vorher
  • angesichts des Unsinns, eine Drohung an eine Verstorbene zu richten, schaltet man um: das übliche Verständnis kann jetzt nicht gelten; stattdessen doch eher die Wortbedeutung. Zumal eingangs deutlich genug ("Es fällt mir schwer, Worte zu finden für meine Trauer") ausgesprochen wird, dass es jetzt - im Gegensatz zu vielen Sketchen, mit denen sie bekannt wurden - nicht um Klamauk geht, sondern um den Ernstfall des Lebens, den Tod, die Trennung. Solche pragmatischen Signale verbieten es, weiterhin beim gängigen Verständnis der beiden Wörter ("Drohung") zu bleiben.
  • die verschlüsselte Botschaft im Klartext: du bist leider vor mir gestorben, ich werde bald nachfolgen, dann ist die jetzige Trennung wieder überwunden. m.a.W. die "Drohung" ist Ausdruck der Trauer. Und da der Humorist auch in dieser Situation das Spielen mit der Sprache praktiziert, handelt es sich auch um eine verschlüsselte Liebeserklärung.

Die Ansprache Loriots auf YouTube: [38]

Zwei Sprechhandlungen - semantisch + pragmatisch - fließen zusammen. Kein Entweder-Oder gilt, sondern Sowohl-Als auch. Es wird aber nicht aufsteigend von der Wortbedeutung zur gemeinten vorangeschritten. Sondern die eingeschliffene übertragene Bedeutung wird auf die wörtliche zurückgeführt. Damit kommt die eigene Endlichkeit Loriots in den Blick, zugleich die Nicht-Souveränität in dieser Situation (= Trauer): einer Toten kann man keinen Befehl geben.

2.6 Pronomina

Zu den einzelnen Pronomina - "Personen" - sind unterschiedliche Beiträge möglich. Auch diese scheinbar so präzisen sprachlichen Mittel können übertragen eingesetzt werden.

2.6.1 "wir"

Die 1.Person Plural bildet sprachlich eine Gruppe unter Einschluss des Sprechers. Im Wortsinn wird dies immer wieder problemlos angemessen sein. In übertragener Bedeutung eingesetzt eignet sich diese Sprechweise, um zusätzlich - je nach Kontext - höchste positive Wertung auszudrücken - vgl. 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE - oder es liegt eine verkappte Handlungsaufforderung an die Rest-Gruppe vor - vgl. 4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE.

Als die BILD-Zeitung nach der Wahl von Joseph Ratzinger zum Papst titelte: "Wir sind Papst!" - dämpfte der Kabarettist Dieter Hildebrandt den allgemeinen Jubel - und deckte damit zugleich die uneigentliche Sprachform auf, indem er darauf beharrte: Er wäre zuvor schon gern gefragt worden, ob er das überhaupt werden will. - Der Kabarettist konterte, indem er zur die Wortbedeutung zurückkehrte.


2.7 Kafka, "Der Prozeß"

Es ist durchaus nicht immer so, dass der "Übergang zur gemeinten Bedeutung" erschlossen, angenommen, hypothetisch behauptet werden muss. Bisweilen liefert das betreffende Werk selbst einen gut verstehbaren Hinweis.

Im Fall von Kafkas Roman gibt es zunächst genügend Indizien, die zeigen, dass der "Prozess", von dem im Wortsinn ständig gesprochen wird, derartig viele "Unmöglichkeiten, Störungen" einschließt - vgl. zusammenfassend unter 4.9 Literarische Werke - grammatisch analysiert -, dass nach einer "anderen, gemeinten Bedeutung" gesucht werden muss. - Aber in welcher Richtung?

Es gibt mindestens zwei Stellen, die anzeigen, dass anstelle einer juristisch gebotenen Eingabe an das Gericht (= Wortsinn) so etwas wie eine révision de vie angesagt ist, nicht eine äußere Recherche bezogen auf Anklagepunkte (die ohnehin unbekannt sind), sondern ein Nachdenken über das ganze bisherige Leben, die eigene Biografie - was wiederum nicht Gegenstand eines Gerichtsverfahrens sein kann. Hierfür wäre die Psychologie/Psychotherapie zuständig. Der erste Hinweis steht S.139f (DTV-Ausgabe von 1998). Der zweite:

(157f) Man mußte keinen sehr ängstlichen Charakter haben
und konnte doch leicht zu dem Glauben kommen, daß es
unmöglich war, die Eingabe jemals fertigzustellen. Nicht
aus Faulheit oder Hinterlist, die den Advokaten allein
an der Fertigstellung hindern konnten, sondern weil in
Unkenntnis der vorhandenen Anklage und gar ihrer mög-
lichen Erweiterungen das ganze Leben in den kleinsten
Handlungen und Ereignissen in die Erinnerung zurückge-
bracht, dargestellt und von allen Seiten überprüft werden
mußte. Und wie traurig war eine solche Arbeit überdies.
Sie war vielleicht geeignet, einmal nach der Pensionierung
den kindisch gewordenen Geist zu beschäftigen und ihm zu
helfen, die langen Tage hinzubringen. Aber jetzt, wo K.
alle Gedanken zu seiner Arbeit brauchte, wo jede Stunde,
da er noch im Aufstieg war und schon für den Direktor-
Stellvertreter eine Drohung bedeutete, mit größter
Schnelligkeit verging und wo er die kurzen Abende
und Nächte als junger Mensch genießen wollte, jetzt
sollte er mit der Verfassung dieser Eingabe beginnen.

Eine Chance hat dieses Nachdenken über sein Leben aktuell zwar nicht, aber sie sollte eigentlich durchgeführt werden. Notgedrungen (und sinnloserweise) muss man sich nun eben um die "Eingabe" kümmern.

Vgl. auch - aus Modul 0.12 - Kapitel 7: [39], darin Ziff. 89.3 und 96.7


Ein Gericht muss sprachkompetent sein. Dazu gehört, zwischen Wort- und übertragener Bedeutung unterscheiden zu können. Für eine Urteilsfindung kann nur zählen, was seriös = 'sachlich' hergeleitet ist. Das Gericht im Fall des Josef K. ist zu dumm dafür: Ende Kap. 2 - vgl. [40] Ziff.51 - hatte K. höchst erregt auf weitere Vorladungen verzichtet. Am Beginn von Kap. 3 - vgl. [41] Ziff.54 - erfährt er, dass das Gericht den Verzicht wörtlich genommen hat: der Sitzungssaal bleibt leer. Unsouverän (oder beleidigt) ließ sich das Gericht das eigene Vorgehen von einem Wutausbruch des Angeklagten diktieren. - s.o. Ziff. 0.1: Es ist eine Form von kommunikativer Gemeinheit, etwas, das standardmäßig im übertragenen Sinn verstanden wird, nun zu Lasten des Sprechers in wörtlicher Bedeutung auszulegen.


In Kapitel 5: [42] stoßen unvereinbare Ortsangaben aufeinander. Ganz in der Nähe von K.'s Büro gibt es eine Rumpelkammer - vgl. 77.1ff und 79.3, zwischendurch Rückblende zum Büro: 77.120ff -, in der die Wächter der Prügelstrafe unterzogen werden. Verstehbar ist das scheinbar lokale Nebeneinander nur als Überblenden verschiedener Geisteszustände von K.


Kapitel 8: [43] löst den Verstand des Lesers nicht auf, aber ab von der Wortbedeutung. (1) 127.163ff wird die Richter-Meinung zitiert, es stehe im Prozess um Block "nicht günstig". (2) 127.185 man enthält ihm vor, dass sein Prozess noch gar nicht begonnen hat. (3) Blocks Angst vor dem Endurteil wird nicht ernstgenommen: 127.190ff. (4) Eine solche Angst sei "sinnlos" (127.198), aber "wahr" (127.200), es ist der Advokat, den diese Gefühlsregung "anwidert". - Das gedankliche Chaos ist perfekt.

2.8 Immanuel Kant - letzte Worte

(aus: M. Kühn, Kant. Eine Biographie. München 2004. 3. Aufl. S.488)

"Am 11. Februar (1804) sprach er seine letzten Worte. Er bedankte sich bei Wasianski, der ihm eine Mischung aus Wein und Wasser gegeben hatte, und sagte: 'Es ist gut.' In diese Worte hat man viel hineingelegt - aber 'es ist gut' braucht nicht die Bekräftigung gewesen sein, daß dies die beste aller möglichen Welten gewesen sei, es kann auch heißen 'es ist genug', und in dem gegebenen Zusammenhang bedeutete es wahrscheinlich genau dies. Er hatte genug getrunken - aber er hatte auch genug vom Leben."

2.9 Spott - im Roman

... aus Martin Walser, Tod eines Kritikers. Frankfurt/M 2002. vgl. [44], darin S. 72.

2.91 Sarkasmus - im Roman

... aus Martin Walser, Tod eines Kritikers. Frankfurt/M 2002. vgl. [45], darin S. 82f. 107.



3. Ungeübt - oder krank?

3.1 Üben

Man muss vorsichtig sein: Wer mit "Übertragenem Sprachgebrauch" überfordert ist, hat möglicherweise noch nie eine schlüssige, grammatisch-literarische Einübung in die zwei Bedeutungsebenen bekommen. Die "Alternativ-Grammatik" versucht dies abzubauen - und die Zugriffszahlen beweisen, dass dies offenbar einer der attraktivsten Punkte des gesamten Entwurfs der "Alternativ-Grammatik" ist. - Gefährlich und geradezu schuldhaft wird es, wenn Gruppierungen, die mit Weltanschauungsfragen zu tun haben - z.B. Religionen - es unterlassen, die Mitglieder in dieser Zweistufigkeit zu unterweisen. Dagegen wird der Blick auf "Sprache" dort meist unterdrückt, und stattdessen ungeschützt gleich von "Wirklichkeit" und "Wahrheit" gesprochen. - Die Nähe zu Fundamentalismus ist damit groß. Mitglieder werden so systemisch dumm und unreflektiert gehalten - sie sind auf diese Weise leichter führbar.

3.2 Asperger-Autismus

Etwas ganz anderes ist es, wenn Menschen von ihrer Entwicklung und psychischen Verfassung her unfähig sind, mit übertragenen Bedeutungen umzugehen. Aus zwei Berichten von Betroffenen (SPIEGEL-Online 27.1.2013):

Dafür fällt es mir oft schwer, übergeordnete Zusammen-
hänge zu erkennen. Deshalb lese ich keine Romane und
schaue keine Filme, in denen viele Personen auftreten.
Leicht war der Schritt nicht, dennoch war es für mich
ein großer Befreiungsschlag, als ich meine Diagnose bei
der Arbeit offenbarte. Einmal kam eine wütende Kollegin
zu mir und sagte: "Ich könnte in die Luft gehen!"
Daraufhin fragte ich sie nach ihren Urlaubsplänen und
wohin sie gerne fliegen würde. Dass sie sich über einen
Patienten geärgert hatte, habe ich nicht gemerkt.
Asperger-Autisten nehmen Aussagen oft wörtlich. ... Oft
loben mich die Lehrer für meine überdurchschnittlichen
Leistungen. In der großen Pause gehe ich normalerweise
direkt ins nächste Klassenzimmer und warte dort bis der
Unterricht weitergeht. Witze, die meine Klassenkameraden
erzählen, verstehe ich häufig nicht. Mit Ironie kann ich
genausowenig umgehen. Ich nehme alles gleich ernst.
Das verstehen die anderen nicht. Es nervt mich, wenn
mich Mitschüler dumm anmachen oder vor anderen über mich
und meine Verhaltensweisen herziehen, dann neige ich zu
Wutausbrüchen.

Vgl. auch [46]

4. Erkennen von Störungen/Irritationen

Wir reagieren spontan, wenn eine an uns gerichtete Botschaft uns "spanisch" vorkommt (sorry: wirklich nichts gegen Spanier und ihr schönes Land!), "unausgegoren", "fehlerhaft", "unlogisch" usw. Eine solche Reaktion ist wichtig - nicht lediglich um Korrekturen anzubringen, sondern um im Falle von Poesie oder sonstigem kreativem Sprachgebrauch (Höflichkeit, Humor usw.) die eigentlich gemeinte Bedeutung zu erkennen.

4.1 Römischer Weltkatechismus

Schlecht dran ist der, wer immer nur die Wortbedeutung vernimmt - vielleicht weil er durch Autoritäten und Pomp eingeschüchtert ist. Er erkennt im aktuellen Fall schlichtweg die Machtinteressen nicht, denen er weiterhin unterliegen soll.

  • Einführung in den folgenden Essay: [47]. Teile daraus wurden 2003 im SWR gesendet.
  • Interessierendes Thema: [48] = Zumutungen an die Vernunft. Der WK will sicher kein literarisches Feuerwerk abbrennen - und damit die Interpretationsaktivität der Lesenden anheizen. Im Gegenteil: es soll dargelegt werden, was "Sache" ist, "Wirklichkeit", "alternativlos". Dann ist es bei solch ideologischem Interesse erst recht wichtig, die wahrgenommenen "Störungen/Irritationen" nicht beiseite zu schieben.

4.2 Irritationen - architektonisch

Das gleiche Wahrnehmungsprinzip im Bereich Architektur:

Einer Kapelle sieht man von Ferne schon ihr hohes
Alter an. Romanischen Ursprungs. Leicht zu
erkennen im Ostteil der nachträglich angebaute
gotische Chor. Zwischen ihm und dem Langhaus
liegt ein klarer Schnitt, der bei der Erweiterung
auch nicht vertuscht werden sollte. Interessant
die Westwand, aus Quadern bestehend und nur mit
ganz wenigen Skulpturen durchsetzt. Weitgehend
plan, glatt. Erst bei genauerem Betrachten
erkennt man, dass die ursprüngliche Giebellinie
erweitert = erhöht worden war. Man war bestrebt,
die gesamte Dachkonstruktion zu erhöhen - sicher
auch in gotischer Zeit. An der Westwand sieht man
dadurch eine Trennlinie - als Quader wurden weit-
gehend ähnliche verwendet wie beim ursprünglichen
Bau. Sie zeigen die ursprüngliche Giebellinie und
den Bereich Aufstockung an. So sieht man, wo
zunächst das Dach aufgesetzt worden war.
Wegen ähnlichem Baumaterial und gleicher Bauweise
ist der Kontrast nicht stark, aber dennoch gut
erkennbar.

4.3 Deckmantel der Harmlosigkeit

Eine der Geschichten von "Herrn Keuner" / B. Brecht:

"Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte,
begrüßte ihn mit den Worten: 'Sie haben sich gar
nicht verändert.'
- 'Oh', sagte Herr K. und erbleichte."

Einige typisch pragmatische Analysen:

  • die Standardfloskel bei der Begrüßung - 'nicht verändert' - soll ursprünglich eine Schmeichelei ausdrücken; deswegen in der Überschrift die Rede von sprachlicher Harmlosigkeit;
  • gemeint = impliziert in solcher Sprechweise: 'nicht zum Schlechteren' verändert;
  • Standardwissen = Präsupposition ist, dass man sich unweigerlich verändert - ob man will oder nicht;
  • nur wer sich verändert, nimmt am Leben teil; die Redefloskel, die Angst abbauen will, erklärt - genau genommen - den Angesprochenen für tot;
  • kein Wunder dass - mit "Oh" - Herr K. sein Erschrecken zum Ausdruck bringt;
  • seine Reaktion: <<ERBLEICHEN>> - die Körpersprache antwortet also mit <<VERÄNDERUNG = PROZESS = fientisch>> - meint alles das Gleiche; in der PRAGMATIK wird die Bedeutung des konjugierten Verbs genauer angeschaut, nicht mehr - wie in der SEMANTIK - lediglich hingenommen;
  • damit widerspricht Herr K. - spätestens jetzt - seinem Gesprächspartner: er kann sich also doch noch verändern!

4.3.1 Heinrich Heine

aus: Tilch, Kruse, Heine für Boshafte, insel-tb 2008:

(51) "Bey mir hat sich in der Ehe noch gar nichts verän-
dert; im Gegentheil, meine Frau wird mit jedem Jahr
vernünftiger und traitabler und ich habe meine Heurath
noch nicht bereut. Das ist viel, in der jetzigen Zeit und
in Paris, wo es schlechte Ehen wimmelt; die guten Ehen
sind so rar, daß man sie in Spiritus setzen sollte."

5. Allegorie

... meint: was man beschreiben will, wird auf andere Art und Weise Zug um Zug verfremdet dargestellt.

5.1 Geburtstagsgesellschaft

... laut S. Lenz, "Deutschstunde", (45. Aufl. 2014, S.76)

Die Stille machte mich misstrauisch und ich ging
leise bis zur Türschwelle und glaubte die Wohnstube
leer und verlassen und dachte: Wo steigt denn nur
der Geburtstag, wenn nicht hier, doch dann, als
ich zögernd eintrat und mich umwandte, erschrak
ich, wie jeder erschrocken wäre, der die Wohnstube
betreten hätte mit meinen Erwartungen: an dem
schmalen, unbegrenzten Geburtstagstisch saß
feierlich altersgraues Meergetier und trank
schweigend Kaffee und würgte schweigend, ganz
versenkt in eigensinnige Kontemplation,
trockenen Sandkuchen und Nußtorten und blaß-
gelben Streuselkuchen herunter. Stelzbeinige
Hummer, Krabben und Taschenkrebse hockten auf
den hochmütigen, geschnitzten Sesseln von
Bleekenwarf; hie und da verursachten harte,
gepanzerte Glieder ein trockenes Knacken, eine
Tasse klapperte, wenn knochige Hummerscheren
sie absetzten, und einige streiften mich mit
einem Blick aus gleichgültigen Stielaugen,
unerschütterlich, mit der monumentalen
Gleichgültigkeit gewisser Gottheiten, das möchte
ich meinen. Dabei glich diese schweigende
Versammlung von Meergetier durchaus Leuten, die
ich kannte: zwei sahen aus wie die alten
Holmsens von Holmsenwarf, ich glaubte, Pastor
Treplin zu entdecken und Lehrer Plönnies, und
dann machte ich meinen Vater aus, und sogar
Hilke und Addi, und neben der zartesten Meer-
forelle, die so sehr Doktor Busbek glich, saß
mit abweisendem Gesicht und strengem Haarknoten
als Zackenbarsch meine Mutter. Einer allerdings
flatterte, quakte und bewegte sich lustig wie
ein Laternenfisch, und das war der Maler.

Anderes Bildmaterial, = [49], wenn es um Kriminaler geht:

(273) Der Polizeiposten Rugbüll trat einen
halben Schritt hinter die beiden Ledermäntel,
musterte von dorther den Maler, sah ihn aus-
dauernd, vor allem ausdauernd, an. Jutta
benutzte die Gelegenheit und schlich in den
Stall zurück und schloss die Tür von innen.
Ich stand auf gleicher Höhe mit Max Ludwig
Nansen, der jetzt zögerte, der die Schultern
hob und für sich fragte: Was wird denn hier
gespielt? und der dann, auf die bewegungslose
Gruppe zugehend, sehr deutlich fragte: Was
soll der Besuch, Jens?

5.2 "Ode an die Freude" - Schiller / Beethoven

Was wir - wenn Indizien = Merkwürdigkeiten vorliegen - als "Zwang, Notwendigkeit" bezeichnen, von der Wortbedeutung weg zu gehen, sich auf die Suche nach der gemeinten Bedeutung zu begeben, kann man im Bereich der Kunst auf verschiedene Etappen verteilen:

  • der nachfolgende Textausschnitt macht unter dem Label "Phrasenhaft" deftig überdeutlich, dass die Wortbedeutung so nicht akzeptiert werden kann; (wir fügen am Schluss links hinzu, wo einschlägige Kapitel der Alternativ-Grammatik ins Spiel kämen);
  • die Einbeziehung der Beethovenschen Vertonung wirft die Frage nach dem Stellenwert der Musik auf. In unserer Sicht: Es ist die Musik, die interpretierend - jenseits der Wortbedeutung, diese lediglich als Impulsgeber nehmend - sichtbar und erlebbar macht, was der Text eigentlich anstrebt: geradezu ekstatisch-orgiastischen Jubel.
  • Mit Hilfe der Musik bekommen also die 'Nachhilfe', die angesichts nur des Textes hilflos sind und nur an der Wortbedeutung kleben - Beispiel der "Papa" im Roman.

So faszinierend der Musikbeitrag ist: Unser Ziel ist es, schon anhand allein eines Textes selbst zur Erkenntnis der gemeinten Bedeutung zu gelangen. Die blockierenden Mäkeleien an der Wortbedeutung hätten dann ein Ende: die scheinbaren Störungen erweisen sich als Zwang, eine Stufe höher zu steigen, eine zweite Bedeutungsebene freizulegen.

aus: H-J- Ortheil, Der Stift und das Papier. Roman einer Passion. München 2015. S.195-7:

... weil Papa selbst fast überhaupt keine
Gedichte liest. Irgendetwas in ihm, hat er
einmal gesagt, sperre sich gegen das Lesen
von Gedichten, er wisse auch nicht genau, was.
Vielleicht liege es daran, dass er in der
Schule viele phrasenhafte Gedichte haben lesen
müssen. Daneben habe es aber auch viele sehr
gefühlsbetonte Gedichte gegeben. Beide Sorten
von Gedichten finde er unerträglich, besonders
aber das Phrasenhafte, denn das Phrasenhafte
sei ein 'Verbrechen am richtigen Sehen und
Schauen'.
   Ich frage, was er denn mit dem
'Phrasenhaften' meine, und er antwortet:
"Wenn man mit wässrigen oder sonstwie
getrübten Augen über alles hinwegsieht und
diese Sehschwäche mit großen Worten wie
Freiheit, Freude oder auch Liebe ausgleichen
will". Ich möchte ein Beispiel hören, und Papa
druckst ein wenig herum. Das Drucksen zeigt
mir, dass er ein Beispiel im Kopf hat, es aber
nicht nennen will. Ich sage genau das:
"Du denkst an ein Beispiel und willst es nicht
nennen. Warum nicht? Es ist doch nichts dabei."
Da aber antwortet Papa, doch, es sei eben etwas
dabei, Musik sei dabei, denn ein wirklich großer
Komponist habe das phrasenhaft durchhängende
Gedicht einmal vertont und vom Phrasenhaften
durch seine Vertonung befreit.
   Ich sage, jetzt sei ich aber wirklich neu-
gierig und er soll mich nicht so auf die Folter
spannen. Da antwortet Papa, er denke an Friedrich
Schillers Gedicht An die Freude. Und ich höre,
wie Papa den Anfang dieses Gedichts aufsagt:
'Freude, schöner Götterfunken, / Tochter aus
Elysium, / Wir betreten feuertrunken / Himmlische,
Dein Heiligtum. / Deine Zauber binden wieder /
Was der Mode Schwert geteilt, / Bettler werden
Fürstenbrüder, / wo dein sanfter Flügel weilt.'
   Nach einem Moment Pause sagt Papa diesen
Anfang noch einmal auf, jetzt nur etwas langsamer.
Und er fragt: 'Erkennst Du die Phrasen?' Nein,
ich erkenne keine einzige Phrase. Da sagt Papa:
'Achtung! Dass die Freude ein schöner Götterfunken
ist, das wollen wir ja noch glauben.
Dass sie aber gleich auch noch eine 'Tochter aus
Elysium' sein soll, geht zu weit und ist zu viel.
Dass wir - also wir Menschen, versteh doch:
wir Menschen! - dass wir Menschen das Heiligtum
der Freude betreten sollen, will mir nicht in den
Kopf! Was für ein Heiligtum soll denn das sein?
Und wo liegt es? Und warum sollen wir es betreten?
Und das alles noch 'feuertrunken'?
'Feu-er-trun-ken'?! Warum nicht 'Schnäpse-trunken
oder auch 'sturzbetrunken'?! Und was ist los in
diesem phrasenhaften Heiligtum, das wir
'feuertrunken' wahrscheinlich in Pantoffeln oder
sonstigen Hausschuhen vorsichtig betreten, um den
Boden nicht schmutzig zu machen? Da werden
Bettler zu Fürstenbrüdern, na klar, warum auch
nicht - aber warum eigentlich? Weil im Heiligtum
der Freude ihr 'sanfter Flügel weilt'. Hast Du
schon mal einen Flügel 'weilen' sehen? O mein
Gott, in diesem Gedicht ist wirklich vieles
danebengegangen!'
   Ich staune, Papa hat recht. Und dann erinnere
ich mich auch an die Vertonung des Gedichts
durch Ludwig van Beethoven, Papa hört das oft
auf Schallplatte. 'Die Stellen bevor der Chor zu
singen beginnt, sind die besten', sagt Papa,
'das sind grandiose Stellen, wie aus dem Jenseits
hereingeschneit'.

Fulminant diese poetisch vorgetragene Kritik an der "Ode" - methodisch aber, genau besehen, ganz auf unserer methodischen Linie. Dekonstruktion ist verlangt. Das Schlussbild regt auch dazu an: "aus dem Jenseits hereingeschneit" - ganz sicher ist keine astronomische Lokalität gemeint, sondern - die in der Tat oft unsinnige Wortbedeutung kontrastierend, überwindend - eine zweite, nun neue und überzeugende Interpretation entwickelnd.

Phrasenhaft meint in dem Textauszug
=> nicht in erster Linie die Rede in Formeln,
   also festen Wortketten, vgl. [50] 
=> stattdessen ist die Verwendung blutleerer
   Abstraktbegriffe angesprochen, vgl. [51]
=> ein zu starkes Dominieren emotionaler Äußerungen,
   vgl. [52]
=> das Bedienen inhaltlicher Stereotypen, vgl. [53]
   - und weitere Rubriken in Ziff. 4.3

Wir kommen später - in eigener Analyse - auf die "Ode" zurück: [54]


6. Satire

"... darf alles" - pflegt man zu sagen. Das kostbare Gut der Meinungsfreiheit wird damit verteidigt. Das ist elementar wichtig für eine Demokratie. Um aber nicht nur nachzuplappern, sondern sich bewusstzumachen, was das einschließt, Folgendes:

  • Satire erlaubt sich, was sprachtheoretisch immer möglich ist: gängige Sichtweisen werden umgedreht, gegenläufige Sichtweisen werden aktiviert und vorgeführt/betrachtet. Kommunikation - z.B. eine sprachliche Handlung - ist immer sehr komplex, schließt unterschiedliche Wahrnehmungen der Welt, des Themas, ein. Will man sorgfältig und unaufgeregt beschreiben, was bei sprachlichen Mitteilungen im Spiel ist, abläuft, benötigt man ein anspruchsvolles grammatisches Werkzeug. - Für die Schulebene versucht dies ein wenig die Alternativ-Grammatik vorzustellen - darin weit über die übliche Schulgrammatik hinausgehend.
  • Aber: Mit 'gängigen Sichtweisen', denen der Satiriker überraschende Alternativen entgegensetzt, sind - lebenspraktisch - immer auch handfeste Interessen - wirtschaftliche, machtpolitische -, Gefolgschaften (Gruppenzwang), religiöse Einstellungen verbunden. Von solchen geistigen Rahmungen ist bei uns gegen Ende der PRAGMATIK immer mehr die Rede. Meist wird über diese Vorprägungen nicht gesprochen, sie werden als selbstverständlich, als entscheidend für das eigene Leben, vorausgesetzt, ohne sonderlich darüber nachzudenken.
  • folglich ist Satire grundsätzlich prekär: die Adressaten der Kritik fallen aus allen Wolken, fühlen sich provoziert, zutiefst gekränkt, meinen, ihre Lebensgrundlage stehe zur Disposition, Ängste steigen hoch - was leicht zu Überreaktionen, bis hin zur Brutalität, führen kann. Die Autoren/Zeichner von Satire leben also gefährlich.

Wenn es zu Übergriffen, gar Mord, kommt, so muss man sehen: Mehrere Stränge kommen zusammen.

  1. die Täter bringen ihre eigenen geistigen Vorprägungen ein - von intellektuellen Defiziten bis zu psychischen Deformationen, die sie in ihrer Entwicklung erfahren haben; inwiefern ihr persönliches Profil Verantwortlichkeit für ihre Taten zuließ, müsste erst noch - per Gericht, Gutachten - geklärt werden.
  2. Das Thema "Übertragener Sprachgebrauch" kann in einer speziellen Form im Spiel sein: Im beobachtbaren Wortsinn wird gegen die Urheber der Satire vorgegangen. Damit lassen sich edle, in Teilen der Gesellschaft anerkannte Motive per Parole verknüpfen (beim nachfolgend geschilderten Attentat - vgl. Ziff. 6.1 - riefen die Täter, sie hätten den Profeten "gerächt", proklamierten, dass Allah der größte sei usw.
  3. Passt das sonstige Verhalten nicht zu den Proklamationen, tun sich Widersprüche auf - Haben es der 'große' Allah bzw. der Profet nötig, von Kleinkriminellen mit der Waffen beschützt zu werden? -, so muss die Wortbedeutung der Parolen dekonstruiert werden.
  4. Als gemeinte Bedeutung könnten ganz andere Motive zum Vorschein kommen. z.B. indem man Waffen und das Renommee der religiösen Figuren einspannt, können Allmachtsphantasien ausgelebt werden - die wohl auch nur die Rückseite bisherigen misslungenen/gescheiterten Lebens sind. Man lenkt also dramatisch, endlich, und ein letztes Mal die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf sich selbst, 'verabschiedet sich' auf diese Weise.
  5. Aber jenseits solcher personbezogenen Merkmale: Man kann aus solchen Ereignissen ableiten, wie wir alle sprachlich von festen Rahmenbedingungen geprägt sind. Dass Perspektiven auch umgedreht werden können - diese Erfahrung muss beständig geübt werden. Geistige Beweglichkeit ist zu trainieren. Ohne dies zu tun, zementiert man die Macht von Ideologien, von Religionen - wenn sie sich als Gedankensysteme (Ideologien, Dogmatiken) und Zusammenschluss von 'Wahrheitsbesitzern' verstehen -, man verdrängt auch das Element von Humor aus seinem Denken und Sprechen.
Systemtheoretisch ist es einfach und logisch,
dass Zusammenschluss von 'Wahrheitsbesitzern'
bedeutet: es geht um feierlichen Eintritt, daraus
sich ergebende Verpflichtungen, Bindungen. Und
indem man "drin" ist, tut sich der Unterschied
zu all denen auf, die "draußen" sind. Das
versucht man heutzutage notdürftig zu übertünchen
durch "Ökumene". Klar bleibt, dass man
verschieden ist, dass die Grenzen gelten. In
früheren, weniger zivilisierten Zeiten hat man
sich auch in Europa die Köpfe eingeschlagen.

Insofern ist ein bewusster und lustvoller Umgang mit Übertragenem Sprachgebrauch dringend notwendig - als Beitrag zur Verflüssigung der Gedanken. Daher bleibt auch Satire dringend notwendig. Die Wahrheit hat niemand. Folglich sind entsprechende Glaubenskriege überflüssig. Stattdessen ist beständige, kreative und offene Kommunikation notwendig.

6.1 Charlie Hebdo

Anfang Januar 2015 geschah das Attentat in Paris auf die Redaktion der Satirezeitschrift. u.a. starben mehrere Zeichner. In Tübingen zitierte in einer Kolumne - vgl. ST 9.1.2015 - der Abgeordnete Lede Abal eine Zeichnung der Zeitschrift. Sie

zeigt einen über seine radikalen Anhänger
verzweifelten Propheten Mohammed unter der
Überschrift:
"C'est dur d'être aimė par des cons - Es ist schwer,
von Idioten geliebt zu werden.".

Auch ohne die Zeichnung zu sehen: Allein dieser Ausspruch ist genial. Er lässt den Profeten selbst die (vermeintliche) Verehrung gewalttätiger Anhänger zurückweisen. Dadurch wird natürlich eine heftige Kritik an derartiger (vermeintlich) proislamischer Aktion geübt. Die Attentäter sind doppelt isoliert - was weitergehend nahelegt: die Islamparolen sind nur wichtigtuerisch vorgeschoben. Gründe für ihre Aktion werden die Täter ohne Zweifel gehabt haben. Sie liegen aber nicht im Religiösen - wie sie behaupteten -, sondern z.B. in fehlender Lebensperspektive, in verheerenden Erfahrungen familiär, im Rahmen der Immigration, sozial. Das erst wären plausible Ursachen der schrecklichen Tat. Jede Religion, die in solchen Zusammenhängen vorgeschoben wird, muss sich missbraucht vorkommen.

Satire darf sogar das eigene schlimme Schicksal zum Thema machen und ausgestalten: [55]

6.2 Böhmermanns Schmähgedicht

... wird besprochen in: [56] Beachten: der Link am Schluss jener Ziff. beschäftigt sich seriös mit der Frage, ob Satire definierbar sei - Tendenz: nein! Aber auf keinen Fall sollte sie langweilen ...

6.3 Sarkasmus

vgl. [57]

6.4 Italien: "Verhinderer" als Beruf?

Das Modalregister - vgl. [58] - taugt auch, um einen Beruf zu beschreiben. Aus Beppe Severgnini in SPIEGEL 52/2016 S.103:

"Jeder italienische Unternehmer würde lieber seine
Einnahmen steigern und Arbeitsplätze schaffen, als
mit umständlichen Steuergesetzen und unnötigen büro-
kratischen Hindernissen zu kämpfen.
   Warum gibt es dann diese Gesetze und Hindernisse?
Weil sie Dienststellen, Arbeitsplätze, Aufträge und
Gehälter schaffen. In Italien gibt es einen inoffi-
ziellen Beruf: den Behinderer. Er oder sie stellt erst
überflüssige Hürden, auf die er später auf Bitten,
ohne Eile und gegen Bezahlung wieder entfernt.
   Zur Zerbrechlichkeit der Demokratie trägt solches
Verhalten entscheidend bei. Auch die geringe Beliebt-
heit der EU-Behörden hat damit zu tun. Aggressive
Populisten haben das begriffen und schlagen banale
Lösungen für komplizierte Probleme vor. Sie verkaufen
Inkompetenz als Ehrlichkeit, Vulgarität als
Aufrichtigkeit."

Gutes Beispiel, wie zunächst ein semantischer Modalgesichtspunkt beachtet wird, der aber - nun pragmatisch - sarkastisch und in seinen Auswirkungen auf die Gesellschaft ausgewertet wird = Vorgriff auf [59], darin [60]. Wie diese gedankliche Linie letztlich endet, ist dann gar nicht mehr 'lustig'.

7. Paradox

... im Text irritiert, verstört. Als erstes muss der Leser sich eine Meinung bilden, ob der Autor noch zurechnungsfähig sei. Wenn die Antwort wohlwollend positiv ausfällt, muss man mit den widersprüchlichen Informationen kämpfen. Im Wortsinn (=Semantik) können sie nicht belassen werden. Man muss auf die Suche nach der gemeinten Bedeutung gehen.

7.1 Richard Wagner

In seiner letzten Oper Parsifal, vgl. [61], lässt der Komponist die Figur Gurnemanz ein Paradox aussprechen:

Aus der Biografie von J. Köhler, Der letzte der Titanen, München 2001:

(775) "Gurnemanz meinte in Rätselform, 'zum Raum
wird hier die Zeit', was zu Spekulationen Anlass
gab, irgendwie würde sich hier das Wunder einer
Umwandlung der zeitlichen in die räumliche
Dimension ereignen. Da der Raum jedoch selbst nur
mittels der Zeitvorstellung erfahrbar ist, wie
diese umgekehrt sich nur räumlich darstellen lässt,
besagte dies nichts anderes, als dass die Welt der
äußeren Erfahrung hier endete.
Ins Innere der Gralsburg, das nun betreten wurde,
führte ... kein Weg, da es eben im Inneren des
menschlichen Selbstbewusstseins lag.
   Oder in seinem Gedächtnis. Von den Klängen der
Verwandlungsmusik in Ekstase versetzt, die
hellsichtig machte, erlebte der Zuhörer das Wunder
einer Weltentstehung, zog an ihm Wagners Leben in
einem wehmütig-feierlichen Marsch vorüber. Die
schweren Schläge der Glocken, in denen man die vier
Silben seines Namens hören konnte, markierten
seine Heimkehr, die zum Ursprung seines Seins, aber
eben auch seiner 'Schuld' führten." 

Der Biograf führt schön vor, dass das Paradox nicht als Endpunkt, als Scheitern, der Kommunikation zu verstehen ist, sondern als Anlass, Zwischenschritt auf dem Weg zur gemeinten Bedeutung. Mehrere Indizien erzwingen förmlich diese weitere Interpretationsetappe:

  • angepeilt ist nicht eine äußerliche, gut vor- und darstellbare Welt, sondern die seelische Innenwelt, die zwar wichtiger, zugleich aber unanschaulicher ist; das äußerlich Darstellbare wird in Dienst genommen zur Formulierung der Innenwelt. Dann aber müssen gut wahrnehmbare Weichen eingebaut werden, dass die Leser/Hörer sich gezwungen fühlen, diesen weiteren Schritt auch zu gehen. Dem dient das Paradox.
  • Wir haben in der SEMANTIK herausgestellt - im Gefolge von Philosophen wie Kant u.a. -, dass "Raum" und "Zeit" elementare Denkformen unseres Geistes sind, vgl. [62] und [63]. Wenn nun Gurnemanz sagt, das eine könne in das andere übergehen, so bringt er - gewollt - Grundpfeiler unseres Denkvermögens durcheinander = eine Provokation, die eine weitere Interpretationsanstrengung verlangt.
  • Flankierend wird diese unterstützt durch die beigegebene Musik: "Verwandlungsmusik".
  • Die Aufmerksamkeit der Betrachter wird von äußerer Anschaulichkeit weggezogen und auf inneres, gefühltes Nachvollziehen seelischer Prozesse gelenkt.
  • Der Biograf ist überzeugt, dass der Komponist nicht lediglich Prozesse in einer der Opernfiguren ausdeutete, sondern letztlich für sein eigenes Schaffen einen Zielpunkt erreicht, eine Abrundung.

Eine künstlerisch eindrucksvolle Aktivierung des Zusammenwirkens von SEMANTIK und PRAGMATIK durch den Biografen - ohne dass er die Begriffe explizit nennt. Wichtig ist allein, die Zweistufigkeit einzuhalten: Wortbedeutung -> gemeinte Bedeutung. Man sieht auch schön, dass auf der zweiten Ebene das Thema "Bedeutung" vielschichtig wird.


7.2 Hermann Hesse

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973. 'Heumond'

(141) "War er denn je von einem Weib verstanden
und nach seinem Wert geschätzt worden? Oh, aber
er war Künstler genug, um auch die Enttäuschung,
den Schmerz, das Einsambleiben mit allen ihren
verborgensten Reizen zu genießen. Wenn auch mit
zuckender Lippe, er genoß es doch; und wenn auch
verkannt und verschmäht, er war doch der Held in
der Szene, der Träger einer stummen Tragik,
lächelnd mit dem Dolch im Herzen. (...)
   Er schloß die Augen, ließ die Hand auf dem
Holze liegen und fühlte noch einmal den ganzen
Sturm, der gestern ihn gepackt und berauscht und
ihn gepeinigt hatte. Flammen wogten um ihn, und
Meere rauschten, und heiße Ströme zitterten
sausend auf purpurnen Flügeln vorüber."

aus 'Knulp'

(353) "Aber morgen, das war beschlossen, wurde
abgereist."
  • "morgen" deutet auf Zukunft, in der die Handlung des Abreisesn liegt;
  • der Beschluss zur Abreise liegt in der Vergangenheit;
  • "wurde" betont stärker den Beschluss

aus 'Wenn der Krieg noch zwei Jahre dauert'

(372) [Sinn des Krieges - Sarkasmus] "Die Welt
war eben in zwei Parteien geteilt, welche einander
zu vernichten suchten, weil sie beide das gleiche
begehrten, nämlich die Befreiung der Unterdrückten,
die Abschaffung der Gewalttat und die Aufrichtung
eines dauernden Friedens. Gegen einen Frieden, der
möglicherweise nicht ewig währen könnte, war man
überall sehr eingenommen - wenn der ewige Friede
nicht zu haben war, so zog man mit Entschiedenheit
den ewigen Krieg vor, und die Sorglosigkeit, mit
welcher die Munitionsballons aus ungeheuren Höhen
ihren Segen über Gerechte und Ungerechte regnen
ließen, entsprach dem Sinn dieses Krieges vollkommen.
Im übrigen wurde er jedoch auf die alte Weise mit
bedeutenden, aber unzulänglichen Mitteln weiter-
geführt. Die bescheidene Phantasie der Militärs und
Techniker hatte noch einige wenige Vernichtungsmit-
tel erfunden - jener Phantast aber, der den mecha-
nischen Streuballon ausgedacht hatte, war der letzte
seiner Art gewesen; denn seither hatten die Geistigen,
die Phantasten, Dichter und Träumer sich mehr und
mehr vom Interesse für den Krieg zurückgezogen. Er
blieb, wie gesagt, den Militärs und Technikern über-
lassen und machte also wenig Fortschritte. Mit unge-
heurer Ausdauer standen und lagen sich überall die
Heere gegenüber, und obwohl der Materialmangel längst
dazu geführt hatte, daß die soldatischen Auszeichnun-
gen nur noch aus Papier bestanden, hatte die Tapfer-
keit sich nirgends erheblich vermindert." 

8. Einzelsprache: Schwäbisch

Wie immer: Sofern es sich um Einzelbedeutungen handelt, die selbst schon mit Nebenbedeutungen aufgeladen sind, ist die Rubrik der Implikationen, vgl. [64], zuständig. Aktuell interessieren uns Kombinationen von Bedeutungen, die man zunächst wörtlich versteht, dann aber ahnt, dass sie eine zweite, übertragene Bedeutung realisieren.

8.1 Gosch

aus W-H Petershagen, Wir Schwaben. So Sprechen wir. Bd.3. S.40:

"Halt' dei' Gosch!" Im Zeitalter der Konferenzen
und Besprechungen, in denen ohnehin viel zu
viel geschwätzt wird, wäre es durchaus angebracht,
diesen Befehl zum kategorischen Imperativ zu
erheben. Doch in dieser lakonischen und daher
kompromisslosen Form ist er nicht gesellschafts-
fähig.
   Anders verhält es sich mit der Langversion:
"Oh halt doch du dei domma Gosch!" Da schwingt
ein Schmunzeln mit, eine leise Anerkennung, dass
es der andere geschafft hat, seinen Gesprächs-
partner argumentativ zu entwaffnen.
   Insgesamt aber wird das Wort Gosch nach wie
vor als grob empfunden - wenn auch nicht ganz so
grob wie Maul, das den direkten Vergleich zum
Tier wissentlich oder willentlich provoziert.
   Denn trotz alledem ist und bleibt die Gosch
menschlich, selbst die große und erst recht die
lose. In modifizierter Form drückt das Wort
Ablehnung oder Zuneigung aus. Setzt man etwa das
Eigenschaftswort ôôg'wasche davor, deutet dies
auf Gefahr im Verzug. Wer dem anderen nahe legt,
sei ôôg'waschena Gosch zu halten, drückt damit
aus, dass im Falle der Nichtbefolgung der Erstschlag
auf dieselbe droht. Das Göschle hingegen
signalisiert unverhohlenes Wohlwollen, das Gefahr
läuft, auf die Grenze zur Zudringlichkeit zuzu-
steuern. Bewunderung vor Schlagfertigkeit und
vor der Fähigkeit, einen Sachverhalt in gnaden-
loser Schärfe zu formulieren, schwingt mit im
Vergleich a Gosch wie a Schwert.

8.2 Doppelte Verneinung

aus W-H Petershagen, "Schwäbisch offensiv" SWP 22.10.2016:

"minus x minus = plus" lernt man nach den Gesetzen der Logik schon im Mathe-Unterricht. "Duplex negatio affirmat" wusste man im Lateinischen. - Nebenbei: Diese vernünftige Analyse entspräche unserer SEMANTIK. -

Im Schwäbischen (und einigen anderen Dialekten) sieht es anders aus - da wird nicht nur die Vernunft bemüht, sondern es fließt die Analyse der Gesprächssituation ein, also PRAGMATIK: Nicht die Umdrehung ins Positive wird durch doppelte, hie und da gar dreifache Verneinung bewirkt, sondern eine Betonung, Verstärkung der Negation. Indirekt wird also [65] aktiviert.

"Genügte dem Althochdeutschen noch in schlichtes
ni zum Verneinen, so drohte dieses Wörtchen,
das später zu ne wurde und immmer öfter mit dem
nachfolgenden Zeitwort verschmolz, im Satz unterzu-
gehen. Es brauchte Verstärkung. So trat ihm im Spät-
althochdeutschen jenes  ni io wiht (=nicht jemals
etwas) zur Seite, woraus später nicht wurde:
Die Verneinung hatte sich verdoppelt - aber nicht,
um sich selbst zu neutralisieren, sondern - im Gegen-
teil - um stärker zu werden. Schließlich wurde nicht
so stark, dass das verkümmerte ni/ne vollends
starb. Diesen Prozess gab es nicht nur im Deutschen.
Wer Französisch gelernt hat, musste sich erst daran
gewöhnen, dass die Franzosen zur Verneinung neben ne
ein Wort benutzen, das eigentlich 'Schritt' bedeutet:
pas. 'Ça ne m' intéresse pas ' heißt 'Das inter-
essiert mich nicht' - wörtlich: 'Das nicht mich inter-
essiert (keinen) Schritt.' ...
Das Schwäbische gehört zu den Mundarten, welche diese
doppelte Verneinung bewahrt haben. Außer neamer nix
kennen sie neana nix (nirgends nichts), neana neamer
(nirgends niemand), neana koiner (nirgends keiner) und
das beliebte nia nix. Die Klatschbase steigert dies
virtuos zu einer dreifachen Verneinung: 'I han gewiiß
neamer nia nix g'sait!'" 

8.3 "Grüß Gott"

aus W-H Petershagen, "Schwäbisch offensiv" SWP 17.12.2016: Nur unter - zumindest intuitivem - Einsatz pragmatischer Textentschlüsselung ist das Standardmissverständnis zwischen Süd- und Norddeutschen aufzuklären. Benötigt werden: [66], [67] und [68], [69]

"Grüß Gott! Dieser häufgigste aller schwäbischen Grüße nötigt
den Nachbarn im Noren häufig ein mitleidiges Lächeln ab: Zum
einen, weil sie es für einen Ausdruck der Volksfrömmigkeit
und daher für rückständig halten. Zum andern - und das ist
ernster zu nehmen - weil sie es wörtlich nehmen und daher
für absurd halten: Soll der Gegrüßte anstatt zurückzugrüßen
ein andächtiges Hallo gen Himmel schicken?
   Zum ersten Punkt ist zu sagen, dass selbst der hartnäckig-
ste schwäbische Gottesleugner auf seinem Grüß Gott beharrt,
das im Übrigen keine rein schwäbische Grußformel ist.
Grüß Gott ist im ganzen deutschen Süden verbreitet und
wird erst nördlich der Mainlinie von "Guten Tag" abgelöst.
Es hat nichts mit Religiosität zu tun, sondern ist eine
Tradition, die mitunter auch gezielt und in voller
Abgrenzungsabsicht geübt wird.
   Die Sinnfrage ist freilich  legitim. Denn auch der
überzeugteste Grüß-Gott-Sager wird kaum erklären
können, was das eigentlich bedeutet. Um das herauszu-
finden, muss erst das weggefallene dich hinzugefügt
werden: Ursprünglich hieß es Gott Grüße dich, was
im bayerisch-schwäbischen Griaßde erhalten ist, wenn
auch auf Kosten von Gott. Ähnlich verhält es sich im
Schwyzerdütschen grüezi, wobei das -i für euch
steht.
   Mit der kompletten Form findet plötzlich ein Rollen-
tausch statt: Jetzt ist Gott derjenige, der grüßen soll.
Doch zu welchem Zweck? Formeln wie Gott schütze dich
oder Gott behüte dich (...) sind klar zu verstehen.
Aber Grüß dich Gott?
   (...) im Sinne von Gott sei mit dir zu verstehen
ist. Das entspricht der lateinischen Formel dominus tecum. 
   (...) der klassische Schwäbische Gruß. Der ist freiich
situationsbedingt. Zur Begrüßung taugt er nur bei einer
überraschenden Begegnung. Und wird er zum Abschied geäußert,
bedeutet er das Gegenteil von Auf Wiedersehen!"    

9. Stilkritik der Alltagssprache

Auch in die Alltagssprache schleichen sich sprachliche Marotten, Bilder, ein. Zwischendurch sollte man darüber nachdenken und die unausgesprochenen Nebenbedeutungen erkennen - man kann sich dann fragen, ob diese eigentlich erwünscht sind. Beispiele aus: E. C. Hirsch, Gnadenlos gut. Ausflüge in das neue Deutsch. München 2005. 2. Aufl.

9.1 Ganz ganz wichtig

(7) "Aber liebe Frau Mendel, es ist doch heute
so einfach mit dem Computer. Sie haben einen
Text geschrieben, der Ihnen sehr gut gefällt,
doch dann bemerken Sie, wie oft da ein 'sehr'
vorkommt. Und schon geben Sie den Befehl ein,
dies Wörtchen solle gestrichen werden. Ersatz-
los. Und siehe da, das Streichen geht sehr
schnell und sehr zuverlässig.
   Allerdings, hoppla, jetzt sollte ich das
bei meinem Text auch machen, und mein letzter
Satz lautet dann nur noch, 'das geht schnell
und zuverlässig'. Da fehlt einem doch was,
oder? Das wirkt doch sehr dürftig. Ja, liebe
Frau  Mendel, ich stimme Ihnen ganz zu. (Das
Wörtchen 'ganz' ist mir auch schon ganz
unentbehrlich geworden).
   Wenn ich jetzt genau höre, was Sie sagen
möchten, dann ist es dies: Im Deutschen wirkt
ein Urteil wie 'es hat mir gefallen' fast schon
beleidigend matt. Das muss heißen: Es hat mir
sehr gefallen. Da kann man noch so sehr für
Kürze und Schlichtheit eintreten, ganz ohne
diese Würze geht es nicht. (Wenn ich mich jetzt
so beobachte, merke ich, wie ich diesem Trend
selbst ganz verfallen bin.)
   Einigen wir uns doch wenigstens darauf, das
neuerdings beliebte 'sehr, sehr' einzudämmen.
Kaum ein Sportler, der noch 'sehr gut' gespielt
hat, er hat 'sehr sehr gut' gespielt. Doch, das
ist mir oft sehr, sehr stark aufgefallen.
Weswegen ich es sehr empfehlenswert fände,
wenigstens eines der 'sehr' zu sparen. (Das 
ist mir sogar ganz, ganz wichtig)." 

Anders gesagt: man sollte im Wortsinn die Mittel für Emphase, also das Register ASPEKTE [70], zurückhaltend einsetzen.

(125) "Von einer Veranstaltung konnte man
berichten: 'Es waren ganze dreißig Leute
erschienen, aber sie hat volle drei Stunden
gedauert'. Ja, so war das damal geregelt.
Doch schien es mir immer schon sonderbar,
dass 'voll' und 'ganz' so unterschiedliche
Signalfunktion haben sollten. Und es kam
tatsächlich zu Verwirrungen.
   So konnte man in der Werbung lesen: 'Es
stehen ganze 26 Farben zur Auswahl.' Oder
auch: 'Der Wagen ist für ganze sieben
Personen zugelassen.' Als wäre das wenig. Und
wenn eine Patientin in der Klinik strahlend
sagt: 'Ganze acht Mal hat er mich besucht',
muss man es ihrem Gesicht entnehmen, was sie
meint. Will man heute eindeutig sein, greift man
daher zu solch bunten Vögeln wie 'satte',
'knappe' und 'schlappe'. Oder man spricht von
'gerade mal 88 Euro' im Gegensatz zu
'stolze 88 Euro'. Das ist die neue Eindeutigkeit.
   Sie war wohl auch nötig, denn das alte
Wörtlein 'ganz' hatte immer schon zwei
Schattierungen, je nach der Betonung im Satz.
'Es war ganz toll!' klingt euphorisch,
hingegen klingt das unbetonte Wort eher matt
in Wendungen wie: 'Er war ganz nett '.
Ja, ja, 'ganz' war immer schon ein Chamäleon.
Und wie steht es mit seinem alten Gegenstück
'voll'? Auch da sollte man voll auf den
Tonfall achten. Wie schon der Unterschied zeigt
zwischen 'vollschlank' und 'voll schlank '. 

9.2 Ortsveränderung

(11) "Genau diese Aura von Gelassenheit und
Vergnügen, die bei 'unterwegs' mitklingt, ist
sein Charme. Da zeigt sich, was angesagt ist.
Ein besonderer Grund, warum das Wort so cool
klingt, ist wohl, dass es einmal als eine recht
gemütliche Vokabel galt. Zu Gott unterwegs sei
der Pilger, sagte man. 'Das ist längst unterwegs,'
hieß es später und so etwas konnte lange dauern.
Heute nicht mehr.
   Und wenn wir nicht unterwegs sind,
kommen wir doch ganz locker daher,
denn das gehört sich schon lange so. Selbst für
Gegenstände. Es ist gleichsam das persönliche
Gegenstück zum Unterwegssein. Vom möglichen
Wiederaufbau des Schlosses in Berlin las man
in der Zeitung, noch sei es offen, 'ob die
Fassade des Neubaus barock daherkommt...'
Wahrscheinlich wird sie sich mit solcher
Eleganz in Bewegung setzen, dass uns keine
Zeit bleibt zu fragen: Wie kann eine Fassade
kommen, gar locker daherkommen, muss man gar
ein Erdbeben befürchten? Von einem Pokalsieg hieß
es, dass er 'überraschend daherkam ...' Er
schlenderte wohl, schwebte gar ein. Keine
Ahnung. Egal."

Vgl. [71]

9.3 Sonne satt

(14) "Vielleicht wundert Sie das, Frau Sackmann,
aber Sie kennen es schon aus der Werbung: Krönung
light und Henkell trocken. Und aus der Küche:
Kaffee verkehrt und Forelle blau. Früher gab
es auch den Ball paradox, und die Fachsprache sagt
sowieso Pflanzkästen rund und Schrauben verzinkt.
Einfach nachstellen. Falls Sie sportbegeistert sind,
kennen Sie auch den Seufzer: 'Das war Fußball brutal."

Vgl. [72] - die Vorliebe für 'Näherbeschreibung durch Explikation' wird aufgespießt.

9.4 Rollentausch: Opfer statt Täter

(39) "Wenn Eduard S., genannt Schlagring-Ede, mal wieder
von der Polizei vernommen wird, dann murmelt er - ebenso
geknickt wie unschuldig -, er könne sich das blutige
Ereignis gar nicht erklären. 'Der muss mir direkt in die
Faust gelaufen sein', versichert er und bedauert das
Missgeschick. Die Polizeibeamten schmunzeln nur, denn
das kennen sie schon, die aktive Rolle hat immer der
andere. 
   Und man muss zugeben, wir Autofahrer machen es
nicht viel anders, jedenfalls dann nicht, wenn wir
einen Unfall hatten. 'Da ist mir doch,' beklagt sich
der Fahrer mit der sportlichen Note, 'so ein Junge
plötzlich vor den Wagen gesprungen.'
Wir können nicht wissen, wie es gewesen ist. Aber wir
merken, dass es darauf ankommt, den anderen zum
Subjekt zu machen."

[73] und [74] werden vertauscht. Dabei muss einbezogen werden, welche Art von Prädikation vorliegt: Handlung wird benötigt, vgl. [75]

9.5 Nochmals Ortsbild

(54) "Fragte man ganz früher 'Wie steht's?',
so lautet längst die Frage: 'Wie geht's?',
worauf man heute mit erneuter Steigerung antwortet: 
'Es läuft!' Und zwar blendend, sagt der Gast.
'Aus meiner Sicht läuft es ebenfalls hervorragend',
dröhnt seinerseits der Geschäftsführer. Ja, alle
ahnen es: 'Er hat einen Lauf.' Es läuft bei
ihm. Die Szene ist von ihm bereits gründlich
aufgemischt worden. 
   Ein wichtiges Projekt anzuschieben, dazu
ist der Mitarbeiter ausersehen. Es läuft auf
ihn zu. Man kann gespannt sein, wie er die
Sache anpackt. Bald hört man: Toll, wie er
die neue Aufgabe angeht. Natürlich frontal.
Die Sache kommt also in Fahrt. Man geht zu
Werke und geht zur Sache. So muss es sein, sonst
wird man schnell in der Rangfolge von Platz 2 auf
Platz 20 durchgereicht. Oder man wird als
Person ganz abgeräumt. Ja, auch eine Firma
darf nicht einfach dastehen. Das wird nicht
reichen. Sie sollte auch gut rüberkommen."   

Reichlich in übertragener Bedeutung wiederverwendet: [76]

9.6 Ich

(63) "Man muss das ja verstehen. Die Feuilleto-
nisten scheuen sich, 'ich' zu schreiben oder 'mich'
und 'mir'. Denn es gilt als unfein. Man trägt eine 
anonyme Meinung vor, was zugleich den Vorteil hat,
dass sie als absolut gültig erscheint, keineswegs
als subjektiv. 'Die Leistung erstaunt durchaus',
liest man da, oder 'Die Aufführung macht ratlos'.
Im Publikum hat es offenbar keine Ausnahme gegeben,
alle waren ratlos, nicht nur der Herr Rezensent.
Ja, diese Damen und Herren schreiben gern:
'das Stück verstört' oder 'die Inszenierung
beeindruckt'. Was doch unsereinen arg vereinnahmt,
finde ich. Wird uns doch keine Wahl gelassen,
nein, es ist eben so! Als wirke das Stück auf
jeden verstörend oder beeindruckend.
   Doch der Stil überzeugte offenbar, er ging
jedenfalls auf andere Ressorts außerhalb des
Feuilletons über. 'Die sehr gute Verarbeitung
begeistert', notiert ein Motorjournalist, den
Kollegen nacheifernd, 'deutsche Autos machen eben
zufrieden.' Der Leitartikler orakelt nicht anders:
'Die Antworten überraschen' und 'es würde nicht
wundern, wenn...' Mich schon! Vielleicht geht
es jedoch gar nicht anders als so anonym.
Jedenfalls solange das Ich unter Journalisten
verpönt ist." 

Je geht es um eine sprachliche Mitteilung. Also ist ein Sprecher / Autor zwingend anzunehmen. Der bringt sich jedoch künstlich zum Verschwinden - damit das Gesagte objektiver klingt. Es geht also um die Figur, die in [77] mit "I" eingeführt ist. Die anzunehmende Sprechhandlung setzt ein Subjekt voraus, vgl. [78]. - Wenn das "Rede/Schreibe-Subjekt" zum Verschwinden gebracht wird, liegt auch eine Form von Abstraktion vor, vgl. ergänzend [79].

9.7 Arbeitszeugnisse

Man ahnt schon lange, dass A. eine zweite Bedeutungsebene enthalten, die oft das genaue Gegenteil meint von dem, was explizit im Wortsinn auf dem Papier steht. Folgender Artikel führt anschaulich und plausibel vor, wie diese zweite Bedeutungsebene erkannt werden kann. [80]

Nebenbei bemerkt: es ist schön zu sehen, dass wir
mit unserem Ansatz keine 'Geheimwissenschaft' ver-
breiten, sondern ein Wissen reaktivieren, das schon
längst vorliegt - nur eben nicht in Standard-
grammatiken.

10. Ironie

Da wird es schwierig mit dem Erkennen sprachlicher Signale, die auf I. deuten. Denn "Ironie" ist - so sagt man - dadurch charakterisiert, dass eben keine expliziten Signale die Weiche zur gemeinten, übertragenen Bedeutung vorliegen. Ist folglich die Interpretation willkürlich?

10.1 Maßlose Übertreibung

... könnte man ja erkennen. Also vor dem Hintergrund von [81], kombiniert mit Personifikation, vgl. [82] und Determination/Numerus [83]. Wer diese Merkmale in folgendem Gedicht nicht erkennt, dem ist nicht zu helfen... Aus einem Artikel von H. Petershagen. SWP 29.4.2017:

"Doch längst gilt das Fleiß-Image für alle Landesbewohner (Schwabens), 
auch für die neu hinzugezogenen, was der schwäbische Daimler-Arbeiter
Mehmet Acar in folgende Reime gegossen hat:
   Dr Daimler ond dr Zeppelin,
   Dr Porsche und dr Bosch,
   Dia send in älle Schwoba drin,
   Ihr andre, haltet Gosch! "

Vgl. auch das "... Gedicht des Kunsthistorikers und Archäologen Eduard Paulus (1837-1907):

    'Der Schelling und der Hegel,
    Der Schiller und der Hauff,
    Das ist bei uns die Regel,
    Das fällt uns gar nicht auf.'
Das passt nun gar nicht ins schwäbische Selbstbild der Bescheidenheit,
was denn auch entsprechend gerügt wurde. Allerdings hatten die Kritiker
übersehen, dass dies die pure Ironie war."

Derartige Geistesgrößen wie Würste auf der Stange aufzureihen und dann noch deren hervorstechende Merkmale auf alle Landesbewohner zu übertragen... - nun ja, wer da nicht stutzt und nach der gemeinten Bedeutung anfängt zu suchen, der bleibt an der Wortbedeutung kleben.

11. Politik <=> Juristerei

Man ahnt, dass Juristen "übertragenen Sprachgebrauch" nicht schätzen. Die "Gedanken sind frei" - und an diesen haben keine Juristen herumzumäkeln - außerdem sind Gedanken schwer überprüfbar bzw. unter Einbeziehung "übertragenen Sprachgebrauchs" oft nicht eindeutig herleitbar. Erst wenn Gedanken so veröffentlicht werden, dass sie andere Menschen beeinträchtigen könnten - die soziale Dimension wird also aktiviert -, öffnet sich möglicherweise das Betätigungsfeld der Juristen, z.B. mit der Frage, ob andere Menschen verunglimpft werden. Die Gedanken sind weiterhin frei - aber ich darf andere Menschen in ihrer Würde nicht beschädigen.

11.1 2017: Entlassener FBI-Chef Comey gegen Präsident Trump

Laut Comey habe der Präsident geäußert: "Ich hoffe, Sie sehen einen Weg, das fallen zu lassen, von Flynn abzulassen."

Hintergrund waren Ermittlungen des FBI gegen den Sicherheitsberater
Flynn - inzwischen entlassen.

Anmerkungen zur Sprechweise:

  • Der Oberste im Staat betont sein "Ich" - und signalisiert damit: 'Nicht irgendein Sachverhalt ist jetzt wichtig, sondern Ich schildere ganz von meiner Person her ...
  • dass er eine innere Einstellung aktiviert hat: [84]'. Und eine zukünftige Handlungsmöglichkeit wird genannt. Es werden nicht mehrere Varianten verglichen und in gemeinsamem Suchen gegeneinander offen abgewogen.

Damit ist klar, dass der Präsident für die nächste Zeit nur diese eine Handlungsweise im Blick hat. Korrekt der FBI-Chef (zitiert nach SWP 9.6.2017): "... habe er als Anordnung verstanden." - Grammatisch gesprochen: Als pragmatischen Hintersinn hat der FBI-Chef nicht eine bloße Gedankenspielerei (IMAGINATION) entschlüsselt, sondern einen Befehl. Das Modalregister hat also gewechselt: [85] "In der republikanischen Partei herrschen Zweifel, ob der Ausdruck einer Hoffnung juristisch eine klare Anweisung sein kann. Demokraten sehen in der Formulierung dagegen den Vorwurf bestätigt, Trump habe sich der Einflussnahme schuldig gemacht."

Comey hat die sprachlichen Formulierungen auf ihre Übertragene Bedeutung durchleuchtet und spontan richtig verstanden. Zusätzlich kommt ein nicht-gesagter = implizierter Aspekt, vgl. [86], ins Spiel: "Mein Eindruck war, er wollte etwas dafür, dass ich meinen Job behalten kann." - m.a.W. es war Erpressung im Spiel, Emphase in Höchstform, vgl. in pragmatischer Wiederaufnahme: [87].

Man sieht an dem Pressebeispiel schön, wie bedeutungsmäßig 
doppelbödig im Politikalltag gesprochen/verhandelt wird.
Zugleich wird erkennbar, wie die gemeinte Bedeutung
über mehrere gut beschreibbare Sprachindizien
nahegelegt wird. Kontextbeobachtung wird wichtig.
Derartiges zusammenzutragen und auszuwerten ist eben
Domäne der PRAGMATIK. Die Konzentration nur auf
die einzelne Äußerungseinheit (=SEMANTIK) wäre nun zu eng.
Die Reaktionen Comeys zeigen zudem, dass ein gesund
entwickeltes Sprachbewusstsein auch schon hilft, derartige
Nebenbedeutungen wahrzunehmen. Er muss die einzelnen Fak-
toren nicht - wie wir - aufdröseln können. Letzteres kann
wichtig werden, wenn Gesprächspartner meine Entschlüsse-
lung der gemeinten Bedeutung bestreiten.