4.11 PRAGMATIK - literarischer Kontext / Situations-Ko-Text

Aus Alternativ-Grammatik
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Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

Theoretisch steht die Begriffsdreiheit: Syntax-Semantik-Pragmatik seit ca. 80 Jahren zur Verfügung. Was Pragmatik betrifft, laufen seit Mitte der 1970er Jahre praktische Sondierungen, wie dieser Grammatikteil aussehen könnte. Dabei sind auch schon Jahrzehnte vergangen, mit vielen Fortschritten.

Es ist somit auch für die Schulebene nicht verfrüht, Sprachbetrachtung an dieser Begriffstrias auszurichten. Besser gesagt: es ist längst überfällig.

Aber die Beharrungstendenzen sind gewaltig. Das ist nicht nur ein Problem der Schulbürokratie. Auch in der Wissenschaft wird gebremst. Man kann dabei verschiedene Fehlformen unterscheiden:

  1. Die Trias Syntax-Semantik-Pragmatik wird kommentarlos übergangen. 'Grammatik' hat noch den gleichen Zuschnitt wie im 19. Jahrhundert, endet also mit der 'Syntax', verstanden als 'Satzlehre'. Für alles, was den Text betrifft, ist eine andere Disziplin zuständig, die 'Literaturwissenschaft'.
  2. Man ist insofern etwas aufgeschlossen, als man zur unveränderten bisherigen Grammatik (bis zur Syntax einschließlich) bereit ist, neu die 'Semantik' hinzuzunehmen. Das klingt nach Fortschritt. Da das bisherige Grammatikkonzept aber nicht geändert wird, handelt man sich die Schwierigkeit ein, '(alte) Syntax' und neue 'Semantik' gegeneinander abzugrenzen. Dieses Problem hatte auch, wer im vergangenen halben Jahrhundert für den Bereich 'Syntax' sich an einem der Entwürfe Noam Chomskys orientierte.
  3. Manche haben sehr wohl verstanden, dass die neue Pragmatik eigenständige und wichtige sprachliche Untersuchungsfelder anbietet. Sie finden das dann so interessant, dass für sie die gesamte Grammatik fast nur noch aus 'Pragmatik' besteht.

Derartigen Gefahren wollen wir entgehen, und zwar so, dass die drei Begriffe Syntax-Semantik-Pragmatik den Gesamtbereich Grammatik abdecken:

  1. Die Begriffe werden neu konzipiert (und nicht aus dem alten Konzept übernommen - wie z.B. 'Syntax'). Daher muss bei Wortgleichheit (im Fall von Syntax) das unterschiedliche Verständnis beachtet werden!
  2. Die Neudefinition erlaubt eine Verschlankung des gesamten Grammatikkonzepts.
  3. Gleichzeitig wird es möglich, den Textbereich zu integrieren, also literaturwissenschaftliche Fragestellungen in die Grammatik einzubeziehen. Der schon alte, nach wie vor berechtigte Pädagogenruf nach einer integrierten sprachwissenschaftlichen Ausbildung (Linguistik/Grammatik und Literaturwissenschaft verzahnt) kann mit diesem Konzept positiv beantwortet werden.
  4. Gewinn: Was nun zu Text gesagt wird/werden kann, ist viel direkter und schlüssiger rückgebunden an grammatische Analyse, die Gefahr frei über dem Sprachbefund schwebender Analysen zum Text ist gebannt: das Sprachprodukt Text wird zupackender erfasst.
  5. Dadurch sieht sich der Interpret viel stärker einem eigenständigen 'Objekt' gegenüber, das ihn herausfordert (= wichtige hermeneutische Konsequenz).

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0. Theorie

0.1 "Diskurs"

In der 2. Hälfte des 20 Jahrhunderts kam der Terminus "Diskurs" von Frankreich her in Gebrauch, dort stark propagiert durch den Philosophen Michel Foucault. Aber hatte nicht schon René Descartes im 17. Jahrhundert einer Schrift den - auch heute noch attraktiven - Titel gegeben: "Discours de la Méthode"? Darin immerhin so folgenreiche und viel diskutierte Sätze wie: "Je pense, donc je suis."

Wörtlich heißt "Diskurs" - vor lateinischem Hintergrund - "auseinander bzw. hin und her laufen". Das kann man - in übertragenem Sinn - häufig in Debatten erleben: sich widersprechende Meinungen. Das Ringen geht dann darum zu klären, ob ein Dissens am Schluss steht, oder eine von der Mehrheit, vielleicht sogar von allen geteilte Meinung. Foucault hatte schon die Frage der Macht mit einem solchen Prozess verbunden. Einzelmeinungen könnten durch Lautstärke, stilistische Tricks, Abstimmungstaktik usw. Machtmittel einsetzen, um letztlich zu siegen. Mit bloßer Vernunft und Sachkompetenz, dem Ringen um das bessere Argument hätte das dann nichts mehr zu tun. Eigeninteressen, die verteidigt werden sollen, kämen ins Spiel.

Eine solche Sicht von "Diskurs" ruft dann natürlich auch das Gegenmodell auf den Plan: sind kommunikative Auseinandersetzungen vorstellbar, die "herrschaftsfrei" ablaufen, wo dann tatsächlich die Güte der Argumente primär zählt (Jürgen Habermas). Man überlegt dann, woran eine derartige kommunikative Auseinandersetzung zu erkennen sei. Wichtig ist sicher, dass die Gesprächspartner gleichberechtigt zu Wort kommen und sich äußern können. Das führt nicht zu einer "vertikalen", sondern zu einer "horizontalen" Meinungsbildung. Letztlich soll sich das "bessere Argument" herausstellen und dann die Entscheidung prägen.

Eine derartige Gesamtbetrachtung eines Meinungsbildungsprozesses ist sinnvoll und sollte angesichts vieler sprachlich-kommunikativer Detailanalysen nie aus dem Auge verloren werden (so dass man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht...). Zugleich gilt für das Methodenkonzept der Alternativ-Grammatik: es besteht nicht aus irgendwie zusammengewürfelten Vorschlägen, sondern es basiert auf einer kommunikativen Logik, die sich bewährt und bewähren muss, ob ein 4000 Jahre alter Text analysiert wird oder einer von Kafka.

Über diese kommunikative Logik denkt man selten nach, wenn man mit praktischer Sprachbeschreibung beschäftigt ist. Aber diese Ebene im Hintergrund hat viel mit dem zu tun, was die erwähnten Philosophen mit Diskurs meinen. So verstanden haben wir keinen Einwand gegen den Begriff.

Aber: mit dem Stichwort "Diskurs" kann man auch Schindluder treiben. Man kann anderen - ohne den Begriff näher verstanden zu haben - signalisieren, wie sehr man auf der Höhe der Zeit ist. Außerdem zeichnet ihn keine sonderliche methodische Klarheit aus. Folglich kann man auch von Diskurs reden mit dem unbewussten Motiv, sich vor (immer auch anstrengender) Textanalyse zu drücken. - Das Wort ist zu einem Allerweltswort geworden, mit dem man zwar Eindruck schinden, nicht ebenso leicht aber substanziellen Gedankenfortschritt erreichen kann. Es sei denn, man verwendet es bewusst im Sinn der genannten kommunikativen Logik im Hintergrund. Im Vordergrund muss dann aber die Kenntnis eines Methodenkonzepts zur Textanalyse vorhanden sein.

Aus diesen Gründen wird der Begriff "Diskurs" nachfolgend keine größere Rolle spielen. Stattdessen gilt die Dreiergliederung: (Ausdrucks-)SYNTAX - SEMANTIK - PRAGMATIK, einschließlich der jeweiligen Untergliederungen. Damit kann man dann präzis angeben, welche Sprachebene man gerade untersucht - und welche eben nicht. Es wird aber auch bewusster, welcher Anstrengung es am Schluss bedarf, die Einzelbäume gedanklich wieder zum Wald zusammenzusetzen. Da wären wir dann beim Diskurs, auch um schließlich anzugeben, was ein Text in welchem gesellschaftlichen Umfeld bewirken will.

0.11 Immanuel Kant

(aus: M. Kühn, Kant. Eine Biographie. München 2004. 3. Aufl.)

[Zum letzten Buch des Philosophen] "Die Anthropologie
ist eine Anthropologie in pragmatischer Hinsicht,
weil sie dazu gedacht ist, nicht nur zu untersuchen,
'was die Natur aus  dem Menschen macht', sondern,
wichtiger noch, die Art von Erkenntnis bereitzustellen,
die erforderlich ist, um zu verstehen, was der Mensch
'als freihandelndes Wesen aus sich selber macht, oder
machen kann und soll'. Eigentlich wird sie erst dann
pragmatisch genannt, 'wenn sie Erkenntnis des Menschen
als Weltbürgers  enthält." (471)

0.12 Journalismus: selbstverständliches Umschalten

Nachfolgend wird der erste Absatz eines Kommentars abgedruckt (von G. Hartwig, ST 11.11.2016). Sehr schön wird in zwei Stufen deutlich, wie im Alltag mit den beiden Ebenen operiert wird, die wir methodisch als SEMANTIK bzw. PRAGMATIK unterscheiden:

"Noch ist Donald Trump gar nicht im Amt, da sorgen sich
besonders deutsche Politiker bereits um den sicherheits-
politischen Kurs des nächsten US-Präsidenten. Nimmt man
die teilweise haarsträubenden Ankündigungen des Republi-
kaners im Wahlkampf zum Nennwert, sind die Befürchtungen
zwar berechtigt."

Bis hierher werden die Wahlkampfparolen im Wortsinn (= SEMANTIK) genommen. Dafür steht "Nennwert". Das Attribut "haarsträubend" zeigt einen Unruheherd an: das Verstehen dessen, was Trump will, kann sich nicht mit dem "Nennwert" zufrieden geben, es muss noch eine zweite Bedeutungsebene existieren, die gilt es zu finden.

"Doch wird Trump bald merken, dass er nicht als freier
Radikaler im Weißen Haus die Weltordnung durcheinander-
wirbeln kann, sondern mit Gegenkräften im Kongress und
sogar in seiner eigenen Partei rechnen muss."

Nicht innertextlich (bei Trumps Äusserungen) wird hier von der Notwendigkeit einer Revision/Überprüfung gesprochen, aber zumindest der zweite pragmatische Faktor ist deutlich angesprochen: die zu erwartende Auseinandersetzung in mehreren Zusammenhängen. Trump wird in Kommunikationen eingebunden werden, wird sich nicht als Solist 'austoben' können, sondern sich ändern, einpassen müssen. Auch das ein wesentliches Analysefeld der PRAGMATIK. Als frecher Beschleuniger - vgl. [1] im Rahmen der Pragmatik - wird der Begriff 'freier Radikaler' verwendet, geborgt aus der Medizin, vgl. [2]: der sich oft präpotent gebende neue Präsident wird dadurch auf Alterungsprozesse verwiesen, denen auch er nicht entrinnen kann.

Wenn schon im Journalismus (aber natürlich auch in vielen weiteren Lebensbereichen) der Umgang mit beiden Bedeutungsebenen so selbstverständlich ist, dann sollte der Umgang damit auch grammatisch, methodisch grundgelegt sein - nicht erst im wissenschaftlichen Kontext, sondern schon in der Schule.

0.13 Erschütternde Ratlosigkeit

Wer ein wenig den Weg von Chomsky verfolgt hat, den Aufruhr, den er in der Linguistik hervorgerufen hat - etwa seit den 1960ern - mit den Stichwörtern "Generative Grammatik" u.ä., wird sich nicht wundern, dass er zu dem, was wir unter PRAGMATIK verstehen, keinen Bezug hat. Folglich kann er in seinem jüngsten Buch zum Thema "kreative Sprache" nichts als Ratlosigkeit artikulieren.

(aus: N. Chomsky, Was für Lebewesen sind wir? Berlin 2016)
(243) "Und wie dem auch sei, hat all das nichts zu den
cartesianischen Fragen zur kreativen Verwendung der
Sprache beizutragen, die heute ebenso sehr ein Rätsel
bleibt, wie sie es vor Jahrhunderten war, und die sich
als eines jener letzten Geheimnisse herausstellen
könnte, die für immer im Dunkeln bleiben werden, da
sie für die menschliche Intelligenz undurchdringlich
sind." 

Eine ausgeführte SEMANTIK/PRAGMATIK konnte man nie in Chomskys Ansatz finden. Da bleibt wohl nur, das, was nun als fehlend erkannt wird, zum ewigen Rätsel hochzustilisieren.

Diese Bemerkung ist weder ironisch noch süffisant
gemeint, sondern als schlüssige methodologische
Erkenntnis: C. hat sich korrekt - Descartes fol-
gend - die Ahnung bewahrt, Sprachanalyse müsste neben
der Beschreibung sehr schlichter Alltagssätze im
Wortsinn in der Lage sein, auch künstlerisch an-
spruchsvolle Äußerungen mit Zweitbedeutung zu inter-
pretieren. 
Und er resümiert, dass sein Grammatiksystem diese
gewünschte Orientierung nicht bieten konnte/kann. -
Die Frage ist, worin die Ursache für dieses Manko zu
suchen ist. Chomsky kapituliert und nennt die
Geheimnisse, die mit Sprache immer verbunden sind.
Auf die näher liegende Deutung kommt er nicht, dass
nämlich sein Grammatiksystem Defizite aufweist, auf
falschen Basisannahmen beruht und folglich die
gewünschte Leistungsanforderung nicht bedienen kann.
(Die wesentliche Weichenstellung, die zu unserer Posi-
tion führt, sehen wir im Übergang/im Verständnis von
SYNTAX/SEMANTIK, vgl. [3]
Implikation von C.s Position: Jeder Gedanke, C.
müsse seine Sicht auf Sprache fundamental ändern, ist
abwegig. - Aber eine solche Selbstrechtfertigung sei
ihm, der kurz vor seinem 90. Geburtstag steht, nach-
gesehen.

0.14 Politischer Diskurs: Auseinandersetzung mit den "Rechten"

Die Kolumne - vgl. [4] - zeigt schön, dass ein Sprachbewusstsein nötig ist, das - so würden wir sagen - bewusst auch im Feld der PRAGMATIK sich bewegen kann. Umgang mit Sprache, der nur mit Satz-SEMANTIK operieren kann - aber selbst diese ist in unserem Verständnis bei der Standardgrammatik unterentwickelt -, erreicht nicht die Ebene der politischen, auch ideologischen Auseinandersetzung. Die Standardgrammatik zertifiziert sich ihre eigene Bedeutungslosigkeit im politischen Diskurs.

0.15 Unselige, textfremde religiöse Tradition: Predigtspruch

V.a. in den protestantischen Kirchen wird bis heute der Predigtspruch hervorgehoben - sozusagen als Kernaussage der sonntäglichen Schriftlesungen. Durch diese Praxis wird das Missverständnis befördert, als könne durch den Predigtspruch das Wesentliche all der biblischen Schrifttexte erfasst werden. Wenn dann noch als Standard hinzukommt, dass TheologInnen ohnehin nicht darin unterwiesen und entsprechend geübt sind, Texte als Texte genau zu betrachten, auch unterschiedliche Bedeutungsebenen zu unterscheiden - wörtlich/gemeint -, so wird mit dem Schlagwort eine vollkommen unpragmatische Einstellung zu den Schriftlesungen propagiert. Es wird auch das Missverständnis gefördert, wonach all die Texte - je reduziert auf einen Spruch - zu lehrhaften Zwecken weiterverarbeitet werden können/dürfen/sollten. - Durch beides werden die eigenen Basistexte verfehlt und verdreht. Und die HörerInnen bekommen nicht vorgeführt, können also nicht lernen, wie man eigenständig und textgemäß mit den vorgegebenen Lesungen umgeht - sie bleiben autoritätshörige textliche Analphabeten.

0.16 Lehre vom "Vierfachen Schriftsinn"

... seit der Zeit der Kirchenväter (ab 2. Jhd n.Chr.) v.a. in der katholischen Theologie propagiert, vgl. [5]. Noch vor Details angesprochen werden, wird ein Mehrfaches erkennbar:

  • Alt ist das Bewusstsein, dass es bei Texten mit einer Bedeutungsebene meist nicht getan ist. Hinter dieser Wortbedeutung öffnen sich häufig sogar mehrere weitere Bedeutungsebenen. - Methodisch ist dieser Ansatz vergleichbar mit dem, was wir mit der PRAGMATIK beginnen umzusetzen.
  • Traditionell benannt werden die 4 Sinntypen:
    • Literalsinn "Jerusalem" kann meinen: die reale Stadt
    • typologisch (dogmatisch) "J." als Sinnbild für "Kirche"
    • tropologische "J." = Bild für die einzelne Seele -
    • anagogische Bedeutung "J." als Bild für "himmlisches Jerusalem"
Billige Harmonisierung ist nicht möglich, hat zu
unterbleiben. Ein Textverständnis liegt nicht vor,
stattdessen werden Texte in Einzelbilder zerstückelt
("Tropen" = alter Ausdruck für Formen übertragenen
Sprachgebrauchs). Die Unterscheidung "Sprache - äußere
Wirklichkeit" funktioniert auch nicht - nicht, was
gesagt wird, existiert auch schon sprachunabhängig.
Es wird auch nicht nach Anlässen gesucht, die erst
zwingen, auf eine weitere Bedeutungsebene zu wechseln
- das scheint alles von der Willkür des - möglichst
gebildeten - Subjekts abzuhängen. Dennoch lassen sich
Brücken erkennen:
- Wortbedeutung ist die Einstiegsebene
- die folgenden drei 'Sinntypen' haben zumindest
  Anklänge an unser Sprechaktverständnis, vgl. [6]

In der Alternativ-Grammatik: die zuvor grammatisch/literarisch sehr genau wahrgenommene Ausdrucksseite und der Wortsinn eines Textes (nicht nur einer isolierten Stilfigur) liefern die Basis, definieren den weiteren Analysebedarf und steuern so die nun folgende PRAGMATIK.

0.2 Selbstwiderspruch

Die gegliederte Struktur der Bedeutungsebene dient nicht nur interessanten poetischen Gestaltungen, dem Humor usw., sondern kann auch für billige Ausreden missbraucht werden. Das ist die unangenehme Rückseite des sprachlichen Mechanismus.

"Wir sind immer für Sie da ..."  - diesen Slogan
machte sich eine Pädagogische Hochschule zueigen. Klingt
sympathisch - soll es auch. Ein Werbespruch. Das wäre
somit ein Satz, der standardmäßig in 
übertragener Bedeutung aufgefasst wird. Das soll
dann auch genügen.
     Denn das Dekanat gab die Fortsetzung aus: 
"... In den nächsten Wochen können wir allerdings
keine Termine anbieten." - Das war im Wortsinn
gemeint. 

Was gilt denn nun? - Interessenten von außen müssen sich veräppelt vorkommen. Ein pädagogisch sinnvolles Exempel war das nicht.

0.21 "Die Flüchtlingsströme dieser Tage ...

... können niemanden kaltlassen." - so begann das "Wort in den Tag" Anfang Sept. 2015 in SWR2, verantwortet von der katholischen Kirche. Der Satz eignet sich für mehrere Verweise auf Aspekte der Bedeutungsanalyse, somit auch für eine kritische Analyse. Spontan und im Wortverständnis = SEMANTIK möchte man zustimmen. Pragmatisch näher betrachtet, stellen sich einige Fragen.

  1. "Flüchtlingsströme" als Subjekt/1.Aktant - vgl. [7] - ist eine Personifikation. vgl. [8]. Die Kombination zweier Bedeutungen - vgl. [9] - legt Gewicht auf die "Ströme" und degradiert die "Flüchtlinge" zu einer bloßen Näherbeschreibung. Zu folgern: Nicht so sehr die Menschen = "Flüchtlinge" sind das Thema, sondern die "Wogen", denen wir ausgesetzt sind.
  2. "dieser Tage" - Verweis auf die aktuelle Gegenwart, vgl. [10]. Das wirkt als Beschönigung/Verdrängung. Die politische Ebene ist weiter, da sie z.B. schon bis zum Jahresende, oder - weiter ausgreifend - das folgende halbe Jahr hochgerechnet hat: Ausblick auf derzeit kaum vorstellbare Zahlen.
  3. "können" - vgl. [11]: die Ströme helfen, bewirken, dass ...
  4. "niemand kalt(ge)lassen" bleibt. Negation + sigularischer Verweis auf eine Person soll heißen: es gibt kein einziges Subjekt, das noch kalt bliebe, vgl. [12]. Wo so gesprochen wird, ist trotz sonorer, unaufgeregter Stimme Emphase im Spiel.
  5. Negation lässt aber immer auch nach der implizierten Aussage/Erwartung fragen, die gerade verneint wird/werden soll. Vgl. [13]. Hier: Der Sprecher unterstellt bei den HörerInnen, dass sie am liebsten "kalt" bleiben, in Ruhe gelassen werden möchten. Die Aussage ist, dass eine solche emotionslose, nicht-empathische Einstellung aktuell nicht mehr durchzuhalten ist.
  6. Zum Zeitpunkt der Ausstrahlung des Beitrags passt das Weltwissen - vgl. [14] - der Gesellschaft nicht mehr zu den Worten. Denn in den Tagen zuvor war breit durch die Presse gegangen, wie sehr viele Menschen die Flüchtlinge willkommen geheißen haben, sich bei ihrer Versorgung engagieren. Der Sprecher hat den gesellschaftlichen Trend verpasst.

"Flüchtlinge" sind solche, die es in ihrer ursprünglichen Gesellschaft nicht mehr aushalten, die sich ausgegrenzt fühlen. - Der "Wort in den Tag"-Theologe ringt muffig damit, dass man es angesichts der "Ströme"=Umstände doch nicht mehr beim "kalt"-bleiben belassen kann. Dass primär reale Menschen mit schwierigem Schicksal kommen, denen Zuwendung gebührt, die nicht nur Last sind, sondern auch von politischer Ebene her begrüßt werden ('Deutschland braucht Zuwanderung'), geht aus seinem Eröffnungssatz nicht hervor.

In täglicher Kommunikation werden Aussagen natürlich nicht vergleichbar explizit aufgedröselt und durchleuchtet. Daher sollen die obigen Hinweise den Charakter eines Beispiels haben, zeigen, welche Aspekte der Alternativ-Grammatik beim Verstehen zusammenwirken können. Aber: Man täusche sich nicht: Es kommt öfters vor, dass ich eine Äußerung wahrnehme, sie nicht bewusst analysiere, wobei dann aber ein dumpfes Gefühl zurückbleibt. Dann kann ich als Hörer zwar nicht im Klartext begründen, was am Gehörten nicht gestimmt hatte. Aber mein Unbewusstes war aktiv geworden und hatte der Spur nach die gleiche Analyse spontan durchgeführt. Mir zugänglich sind dann nicht die begründenden Details, sondern lediglich das unerfreuliche Endergebnis. Kritisch auf Äußerungen mit solch unerfreulichen Effekten eingehen kann man erst, wenn sie sprachlich genauer verstanden sind - vermutlich öfters zur Verblüffung auch der Sprecher...


0.3 Übertragene Bedeutung als "Fluchtweg"

In einem Rahmen, in dem Sinnlichkeit und Sexualität ausgegrenzt und - möglichst - gemieden werden, entstehen Schwierigkeiten, wenn die eigenen "heiligen" Texte teilweise eben doch beides betonen und preisen. Folglich braucht man Strategien, diese unerwünscht positiven Aussagen umzudeuten, ihnen die Bedeutung, die sie problemlos im Wortsinn haben, zu entwinden, eine andere, systemkonforme Deutung überzustülpen. - In seinem Buch "Geschichte der Schönheit" 3. Aufl. 2009, schreibt Umberto Eco zum Verhältnis von mittelalterlicher Kirche und dem "Hohenlied" aus dem Alten Testament (154):

"Philosophen, Theologen und Mystiker, die sich im Mittel-
alter mit der Schönheit beschäftigten, hatten wenig
Grund, sich mit der weiblichen Schönheit zu befassen,
denn sie waren allesamt Geistliche, und die Moral ih-
rer Zeit warnte vor den Freuden des Fleisches. Dennoch
konnten sie die Heilige Schrift nicht außer acht lassen
und mußten den allegorischen Gehalt des Hohelieds
auslegen, das - wörtlich genommen - durch den Mund des
Bräutigams die sichtbaren Reize der Braut verherrlicht.
    Und so finden sich auch in den theologischen Texten
Hinweise auf weibliche Schönheit, die zeigen, daß ihre
Autoren für die sinnliche Attraktivität keineswegs ganz
unempfänglich waren."

Hauptlinie aber war: die sinnenfroh im Wortsinn beschriebene Braut mutierte in kirchlicher Auslegung zum Bild (=Allegorie) für die spätere Kirche - verbunden mit dem Signal, dass alle die sinnenfrohen Aussagen ja nicht so gemeint seien. - So sollte der Text entschärft werden.

Die Unsicherheit im Wechselspiel der Bedeutungsebenen widerspiegelt die Unsicherheit, die die Lebensform erzwingt: zwar der Ehelosigkeit verpflichtet, der Sinnenlust abschwören müssend, erliegt man hie und da eben doch deren Reizen.

Besser ist es, weniger verkrampft zu akzeptieren, dass es beide Bedeutungsebenen gibt. Keine davon darf gewaltsam verdrängt werden.

0.4 Wortbedeutung und davon zu unterscheidender Sinn - in islamischem Kontext

Im Islam haben es Forscher, die den Koran sprachlich, literarisch angemessen beschreiben wollen, meist noch schwer. Einer der kleinen Gruppe ist Abdelmadjid Charfi. Zum Verhältnis der Bedeutungsebenen meint er - nach dem Buch von Benzine, Die neuen Denker. 2012. S. 206:

"Den genauen Wortlaut des Textes (= nichts als die Wort-
bedeutung) zu vertreten führt dazu, daß man einen Text
zusammen mit der Geisteshaltung derer, an die er ur-
sprünglich gerichtet war, sakralisiert, was nicht das
Ziel der Botschaft Muhammads gewesen sein kann. Charfi
erklärt, daß man von diesem Irrtum wegkommen müsse,
und schlägt eine Lösung vor, die das System und die Ko-
härenz des religiösen Textes aufrechterhält.
  Man muss den Stil des koranischen Diskurses beachten,
  die häufige Verwendung von Symbolik, bildhafter Spra-
  che, Metaphern, Konnotationen, indirekter Rede und
  Parabeln, um damit dem Empfänger den Sinn der Botschaft
  verständlich zu machen und eine zustimmende Reaktion
  auf ihren Inhalt zu erhalten. Man darf sich nicht dazu
  verleiten lassen, die Merkmale eines mythischen Dis-
  kurses für die eines begrifflichen Diskurses zu halten.
  Es sind nicht die an räumliche und zeitliche Bedingun-
  gen gebundenen Gebote und Verbote, die man im Blick
  behalten muß, sondern die von diesen Vorschriften an-
  gestrebten Ziele."

0.5 Leerstellen aus dem Kontext heraus füllen!

Zu Beginn der Semantik - vgl. 4.02 Bedeutung / SEMANTIK - war unter Punkt 0.2 schon auf die pragmatische Aufgabe hingewiesen worden, man solle weitergeltende Basisinformationen so lange auf die Folgesätze übertragen, bis eine neue Information in der selben Kategorie genannt wird.

0.6 Programmiersprachen

Zu Beginn der (Ausdrucks-)SYNTAX - vgl. [15] war schon betont worden, dass auch Programmiersprachen - natürlich - ihre Ausdrucksseite haben, sogar besonders rigide ausgelegt.

Auch SEMANTIK ist bei ihnen wichtig, vgl. [16], - ansonsten wäre die gesamte Anstrengung, die mit solchen Sprachen verbunden ist, sinnlos. Die Konvention, SYNTAX und SEMANTIK zu verknüpfen, ist auch hier nötig - wie bei natürlichen Sprachen.

Jetzt, bei der PRAGMATIK, hören die Strukturähnlichkeiten jedoch auf. So etwas wie "Übertragene Bedeutung" - zudem noch mit unscharfen Rändern, nicht präzis definierbar - wäre ein Gräuel im Bereich "Programmiersprachen". Erst recht enthalten sie keine Hinweise auf eine Sprechsituation bzw. kulturell-historisches Umfeld. Zu letzterem muss man den Programmierer direkt fragen. Allenfalls indirekt, über statistische Auswertungsprogramme, kann man die gewonnenen Daten strukturieren, aufbereiten, besonders interessierende Aspekte erkennen.

Doch gemach: Wie so ein Programm geschrieben wurde, wie es für andere kommentiert, wie überzeugend oder umständlich die Lösungsstrategie angelegt ist - derartiges gibt durchaus einige Hinweise auf die Einstellung des Programmautors. - Allerdings werden solche Individualitäten durch immer mehr in Gebrauch kommende, vereinheitlichende Programmierwerkzeuge zurückgedrängt. - Primär, in unserem Verständnis, fallen Programmiersprachen für Pragmatik als zweiter Bedeutungsebene tendenziell aus. Darüber verfügen sie nicht.

0.7 Krankheitsbild Autismus

Hier interessiert weiterhin Sprachbeschreibung, keine Medizin. Zu letzterer vgl. [17]. Aber es gibt Berührungspunkte, die man kennen sollte.

Methodisch stehen wir beim Übergang Semantik | Pragmatik an der Schwelle, bei der umgeschaltet wird:

  • von der unmittelbar verstehbaren Wortbedeutung hin zu gemeinter, zu erschließender Bedeutung
  • von der Konzentration auf einzelne Sätze hin zu Sprachindizien eines gesamten Textes
  • von der Beschränkung auf realisierte Sprache hin zur Einbeziehung auch körpersprachlicher Signale, Mimik
  • von - anscheinend - sicherer sprachlicher Information (was gesagt wurde, gilt) hin zu spielerischem, mehrschichtigem, hintergründigem, oft auch verrätseltem Sprachgebrauch
  • vom Verstehen einzelner Äußerungen hin zur komplexen Interaktion in einem Gespräch

Wer unter Autismus leidet, hat genau mit diesem Wechsel Schwierigkeiten. Was wir als Ebene der Pragmatik bezeichnen, stellt für ihn eine zu komplexe und unübersichtliche Anforderung dar: er scheitert.

Zumindest als Frage meldet sich, ob alle Formen von
ideologischer Verhinderung von PRAGMATIK im Grund alte
Ausdrucksformen von Autismus sind,
vgl.[18]
Mit dieser Aussage wird nicht leichtfertig mit einer
Krankheitsdiagnose gespielt.
Es wird aber die Konvergenz von Ideologie und
Krankheit zum Ausdruck gebracht. Mehrschichtig ist
es dann wichtig, sich rechtzeitig auf "Sprache" besinnen,
auf die kreativen Möglichkeiten, auf die Notwendigkeit,
vieles einzuüben, den mit ihr möglichen -
spielerischen oder manipulativen - Gebrauch zu
erkennen, zu unterscheiden lernen.

Was hier angedeutet ist, wird näherhin verortet beim ASPERGER-Syndrom, vgl. [19], einer leichteren, wenngleich unheilbaren Form von Autismus. Beispiel:

Ein Gast bekommt sein Zimmer gezeigt und gesagt - mit
Verweis auf die Umgebung: "Hier werden um 20 Uhr die
Bürgersteige hochgeklappt." Gemeint natürlich: Abends
ist in diesem Ort nichts los. - Der Gast jedoch will sich
das Spektakel nicht entgehen lassen und versucht um 20 Uhr
aus dem Fenster schauend wahrzunehmen, wie die Bürgersteige
hochklappen.

0.71 Präsident Trump - dement?

Die Diskussion kam Mitte Sept. 2017 auf. Wir beziehen dazu - medizinisch - natürlich keinerlei Stellung. Interessant aber, wie auf SPIEGEL-online dazu ein Meinungsbeitrag argumentiert. Unser Interesse ist also ein sprachlich-methodisches. Der Schreiber praktiziert transparent unsere 3 Hauptebenen:

  • Ausdrucks-SYNTAX: Art (mehrsilbig oder kurz?) und auffallende Häufigkeit der verwendeten Wörter - wo trifft beides zusammen?
  • SEMANTIK: Bau/Komplexität der verwendeten Sätze.
  • PRAGMATIK:
    • Welche Rückschlüsse auf die Verfassung des Redners sind möglich?
    • Rückschlüsse auf das, was die Mehrheit der Gesellschaft erwartet?
    • Hinzufügen könnte man: die besonders häufig verwendeten Wörter sind durchweg solche des Registers AXIOLOGIE - undifferenzierte binäre Wertungen. Geistige Anspruchslosigkeit mit guter Aussicht, Mehrheiten zu gewinnen.
"Wenn Trump dement sein sollte, was zu vermuten ist, dann
ist das aber der grösste Treppenwitz des Jahrhunderts. Man
kann schon vermuten dass er geistig eingeschränkt ist. Die
kurzen einfachen Sätze die er bildet, die ewig gleichen Wörter,
great, biggest, fantastic, sad, etc. lassen vermuten dass er
längere Sätze mit verschachtelten Inhalten einfach nicht mehr
bilden kann. Genau DAS wird ihm aber als Erfolgsrezept ange-
rechnet. Einfach(!) Sätze, einfache Worte, immer die gleichen
Aussagen soll das sein was die Amis an ihm lieben und weswegen
sie ihn gewählt haben. Das heisst geistige Einschränkung ist
in den USA kein Hinderungsgrund sondern im Gegenteil ein
Erfolgsrezept. Das klingt wirklich bizarr, aber ich glaube
das sofort."


0.8 Einzelsprachen

... funktionieren nicht nur nach Sprachlogik. Wäre dem so, dann würde die Grammatikebene SEMANTIK eigentlich genügen. Und vor allem könnte man leicht von der einen zur anderen überwechseln. Aber: Wer die Ausdrucksweise der einen eins-zu-eins in die andere Sprache überträgt, kann u.U. ziemlich auf die Nase fallen, vgl. [20]

0.9 Unfähigkeit, von der Wortbedeutung zur gemeinten weiterzugehen

Ist ein Gesprächspartner davon geprägt, sind Missverständnisse, nebenbei auch Humorlosigkeit, unausweichlich.

0.91 Komponist Richard Wagner

nach J. Köhler, Der Letzte der Titanen. Richard Wagners Leben und Werk. München 2001. S.716:

"Einmal mehr suchte Wagner sich, wie Münchhausen, am
eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, als den er seine
Bayreuther Existenz samt fränkischem 'Sauklima' durch-
schaut hatte. Dass er es dabei gelegentlich am reli-
gionsstifterischen Ernst fehlen ließ und seiner Schreib-
kraft baren Unsinn diktierte, den er für sublime Inspi-
ration ausgab, hing mit dem Münchausenhaften seines Un-
terfangens zusammen. Da es keinerlei Maßstäbe mehr gab,
die er für verbindlich erachtete, durfte alles für Of-
fenbarung gelten, was über seine Lippen kam. Glaubte es
Cosima, und mit ihr der Kreis der Eingeweihten, so
mochte er gern selbst daran glauben. Oder glauben ma-
chen, dass er es tat. Wagners 'schnelles Übergehen vom
Ernst zum Humor', das der humorlosen Gattin meist ent-
ging, geisterte jedenfalls durch seine späten Schrif-
ten und verlieh ihnen jenes irrlichternd Ungreifbare,
das für Cosima als Ausweis ihres höheren Ursprungs
gelten mochte."

1. Einzelsprache: Latein

1.1 Textorientierung

Es sei positiv vermerkt, dass die "Systemgrammatik Latein" (1997) von Fink/Maier einen Schlussabschnitt hat: "Die Lehre vom Text" (S.250ff). Das ist eine rühmliche Ausnahme von der üblichen Praxis, mit der Behandlung des "Satzes" die Grammatik abzuschließen. Was Fink/Maier zuvor (ab S. 200) unter Gliedsatz behandelten, würde in der Alternativ-Grammatik auch schon zur Pragmatik zählen, da es um das Zusammenwirken von zwei Prädikationen geht.

"Die Lehre vom Text" fällt zwar noch sehr kurz aus, weist aber immerhin die Unterpunkte: Textsyntax, Textsemantik, Textpragmatik, Texttypik, Textgestaltung durch Stilmittel auf. Teilweise gibt es eine Überlappung mit unserer Begrifflichkeit. Insgesamt ist die Gliederung der Alternativ-Grammatik straffer. Aber wenigstens reicht endlich einmal eine Grammatik bis zur Textebene.

Wenn zu Relativsätzen gesagt wird, sie seien oft nicht nur die Näherbeschreibung eines Satzglieds im Hauptsatz, sondern hätten bisweilen einen adverbialen Nebensinn (S.241), so ist das zwar richtig, kann in der Alternativ-Grammatik aktuell übergangen werden, weil dieser Nebensinn bereits in der Semantik beschrieben wurde: die vorausgegangene Segmentierung in Äusserungseinheiten - vgl. 4.0601 Äußerungseinheiten (ÄEen) - hatte zur Folge, dass jede einzelne semantisch beschrieben wurde. An diesen Nebensinn muss jetzt nur noch erinnert werden.


1.2 Satzgefüge

Die "Systemgrammatik Latein" (1997) von Fink/Maier beschreibt ab S. 200 unter der Überschrift "Gliedsatz und Hauptsatz" ausführlich, was der Tendenz nach auch hier zunächst ansteht: die Beschreibung des Verhältnisses der Sätze zueinander. Und das Verhältnis wird bestimmt anhand von Begriffen, die man schon kennt:

Subjekt- bzw. Objektsätze | Adverbialsätze | Attributsätze   -  damit werden 
Syntaktische Funktionen umschrieben Erläuterungs- | Begehr- | Frage- | 
Lokal- | Modal- | Temporal- | Kausal- | Final- | Konsekutiv- | Adversativ- | 
Kondizional- | Komparativsätze  letztere stehen für semantische Funktionen

Das Anliegen ist gut; die Ausführung - gemessen an der "Alternativ-Grammatik" - ungeordnet und unvollständig. Kritische Hinweise:

  1. Zur Erinnerung: was soeben als "Syntax" und "Semantik" unterschieden wurde, darf nicht verwechselt werden mit dem Gebrauch der Begriffe hier. Kurz gesagt: Beides läuft in der "Alternativ-Grammatik" unter Semantik. Wieso soll z. B. eine Subjekt-Bestimmung noch nichts mit Semantik, also Bedeutungswissen, zu tun haben?
  2. Adverbialsatz fällt streng genommen aus dem Rahmen und sagt semantisch - im Gegensatz zu allen anderen - nichts: Es sagt nur, ganz wörtlich, dass etwas "beim Verb" steht. Mehr nicht.
  3. Es fehlt eine kritische Überprüfung dessen, was bisher als Prädikat angenommen worden war. Häufig stellt sich dabei heraus, dass die bisherige (sehr wörtlich und platt verstandene) Prädikatbedeutung im Grund zu den Modalitäten gehört. Von letzteren sollte man dann aber auch ein klar umrissenes Bild haben. Vgl.4.08 Modalitäten – sprachliche Filter und Unterpunkte. Das verlangt, dass geklärt wird, was man letztlich unter Prädikat verstehen will. Erst dann ist man in der Lage, Makrosätze zu bestimmen.
  4. Die lineare Auflistung von Satzformen lässt nicht erkennen, dass vieles davon unter einigen wenigen Oberbegriffen zusammengefasst werden kann. Unsystematisch und undurchdacht wirkt eine Reihung wie: ...lokal - modal - temporal - kausal ... - Rückfragen: Hat kausal nichts mit modal zu tun? temporal nichts mit lokal? usw.


2. Immer möglich: Zweite Bedeutungsebene

In existenziell wichtigen, geschäftlich verbindlichen Situationen usw. - so sollte man annehmen - verbietet sich jedes Geflunkere, Taktieren, Spielen mit der Sprache. Da ist Klartext = Wortbedeutung gefragt. Ansonsten fühlt sich der Partner ausgetrickst, weiß nicht, wo er bei seinem Gegenüber dran ist, ob er ihm vertrauen kann. - Dennoch: ganz so einfach ist die Lage nicht.

2.1 Sich nicht mit der Wortbedeutung begnügen

. Oft werden Formeln verwendet, um eben keinen eigenen, vielleicht irritierenden Sprachgebrauch ins Feld zu führen. Formeln sind oft ein Ausdruck von "Objektivität". Aber der ist brüchig. Formeln sollten nicht nur nachgeplappert, sondern auch kritisch befragt werden. - Das macht z.B. der Poet Enzensberger: [21]

2.2 Hoffentlich zweite Bedeutungsebene: Politik

Aus SPIEGEL-online (27.4.2013) - in Etappen zitiert:

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hat vor
vorschnellen Urteilen bei der Steueraffäre um Uli Hoeneß
gewarnt. 

Das klingt nach Wortbedeutung, der Klartext wird durch Redakteure geliefert. Das dürfte aber erst eine unvollständige Deutung der Äusserungen des MP sein. - O-Ton Seehofer:

"Es darf nichts unter den Tisch gekehrt werden, 

Standardsprachbild - wenngleich man im Hochdeutschen eher "Teppich" erwarten würde. Wenn keine übertragene Bedeutung möglich wäre, müsste man nachfragen: Unter welchen Tisch denn? Und was soll die ganze Kehraktion? - Auf übertragener = pragmatischer Ebene ist offenbar gemeint: vorhandenes WISSEN verdrängen. Also ist - indirekt = pragmatisch - das Register EPISTEMOLOGIE realisiert: vgl. 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE

aber wir dürfen auch niemanden vorschnell als
Menschen fertigmachen", 

Da kann man nur hoffen, dass es mehr als die Ebene der Wortbedeutung gibt, denn in der steckt zweierlei:

sagte Seehofer dem SPIEGEL.

Natürlich hat MP S. etwas anderes als den Wortsinn gemeint. Wenn er im Wortsinn anders redet, dann ...

  1. kann man sich wundern, welche Denkmodelle ihm durch den Kopf schwirren. Das wäre ein Feld für Psychologen.
  2. kann man vermuten: Fragen der EXISTENZ, verbunden mit NEGATION, deuten indirekt auf höchste Emphase. Das Interesse von S. könnte verschlüsselt sein, die hochkochenden Emotionen/Erregungen möglichst schnell zu dämpfen, zu beschwichtigen. Sie also gerade nicht zu nützen (z.B. für strengere Gesetzgebung), sondern dafür zu sorgen, dass alles so bleiben kann, wie es ist: Reiche kommen damit immer noch besser weg. - Insofern würde der MP genau das machen, was er in Worten zurückweist: er versucht, unter den Teppich zu kehren = politisch keine Konsequenzen abzuleiten.


3. Blockierung einer zweiten Bedeutungsebene = IDEOLOGIE

Alle die kritischen Sprachanalysen, die unter PRAGMATIK vorgesehen sind, sind für Ideologen ein Graus. Daher versuchen sie sie zu verhindern, zu unterdrücken.

  1. Kritische Sprachbetrachtung der Pragmatik macht bewusst, dass wir es mit Sprache zu tun haben. Daran wollen Ideologen nicht erinnert werden, den sie bläuen ihren Adressaten ein, dass sie denen nun die "Wahrheit", die "Wirklichkeit" erklären, das was "Sache" ist. Dies verlangt fixierte Sprachregelungen.
  2. Folglich ist "Kommunikation" = "Demokratie", Meinungsfreiheit u.ä. aus Sicht der Ideologen vom Übel. Sie bevorzugen Einbahnkommunikation.
  3. Das Zulassen der Pragmatik heißt: man muss gemeinsam und gleichberechtigt um die angemessene Deutung ringen. Auch das widerspricht den ideologischen Wort"führern".
  4. Da offenkundige "Sprachbilder" am liebsten wörtlich genommen werden, ergeben sich logische Sinnlosigkeiten - wegen der eingeschlossenen Störungen und Lücken (ist bei jedem Sprachbild so) -, die aber nicht als solche zugestanden werden. Sondern der normale Verstand wird außer Kraft gesetzt. Stattdessen wird Vertrauen verlangt: "Die Partei hat immer recht", oder der logische Schrott wird zum "mystischen" Tiefsinn veredelt.

3.1 Kirchen/Theologien und ihre poetischen Vorgaben: Thema SEXUALITÄT

Die Bedeutung des Sexualtriebs, der physischen Fortpflanzung, ist schließlich auch für Glaubensgemeinschaften wichtig - ansonsten gäbe es auch sie nicht. Dennoch tun sich Glaubensgemeinschaften oft schwer mit einer positiven Würdigung. Verteufelung, Verdrängung, Belegung mit allen möglichen Verboten, Regelungen - das ist Standard. - Parallel zur physischen Fortpflanzung gibt es - kulturell ungemein vielfältig und bedeutsam - den Bereich der Erotik. Damit sei die Gestaltung der Beziehung zwischen den Geschlechtern gemeint - ebenso ein "ewiges" Thema. - Manche Grundlagentexte von Glaubensgemeinschaften beziehen sich auf diese beiden parallelen Sphären. Was machen sie daraus?

Am Schluss der Enzyklika "Mulieris dignitatem" vom 15. August
1988 schrieb der damalige Papst:
"Die Kirche sagt also Dank für alle Frauen und für jede
einzelne". - Nicht den Frauen wird gedankt - ein
Gedanke, der merkwürdig genug wäre, da sich "die Kirche"
bei solcher Optik in seltener Klarheit als "Männerkir-
che" zu erkennen gibt. Der sprachlich vermittelte
Eindruck:
"die Kirche" hier - "die Frauen" dort. Da es zwei Ge-
schlechter gibt, sind Kirche und Männer identisch, die
Frauen sind ausgegrenzt.
Also gedankt wird der "Heiligsten Dreifaltigkeit
für die Frauen". Auch der Dank für die  Frauen
zeigt, dass "die Kirche" ein distanziertes, gestörtes
Verhältnis zu den Frauen selbst hat. (Warum auch hat es
"die Kirche" nötig, eine ganze Enzyklika über die
"Würde der Frau" zu schreiben? Papierener Schuldaus-
gleich angesichts weiterpraktizierten Unrechts?)

Derartige kritische Rückfragen sind alle Beispiele für Fragen der Pragmatik. - Lesen-Können oder Nicht-Lesen-Können/Wollen - die Alternative ist in einem Rechtsverhältnis zwischen Staat und Kirche sehr schnell Millionenbeträge wert. Da Kirche(n) blockiert/blockieren, sollte sich die staatliche Seite fragen, ob sie bereit ist, diese teure Blockade weiter zu finanzieren.

3.1.1 "Jungfrauengeburt"

Zur Information: [22]. Jesus sei 'aus der Verbindung von Heiligem Geist und der Jungfrau Maria' entstanden. Bei einer solchen, offenkundig poetischen Aussage hat man pragmatisch einiges zu tun:

  • Was könnte "Heiliger Geist" meinen?
  • Eine reale, physische Zeugung kann nicht gemeint sein - also auf der Ebene Fortpflanzung. Im physischen Sinn weiterhin "Zeugung" zu unterstellen widerspräche jeglicher unserer Lebenserfahrungen und jeglichem physiologischen Wissen.

Die Lösung geht in die Richtung: Mit einem sprachmächtigen Bild sagt der Autor, dass man bei der Figur Jesus nicht auf die physische Herkunft achten solle, sondern auf seinen unerklärlichen, bewundernswerten Geist, der aus ihm sprach. Seine physischen Eltern erklären dieses geistvolle und faszinierende Wirken jedenfalls nicht. Wenn etwa so die pragmatische Dekonstruktion aussähe, dann wäre eine verstehbare poetische Aussage gewonnen (zweite Bedeutungsebene), das physisch-medizinische Wunder (Wortbedeutung) wäre weg. = Gewinn trotz Verlust. Genau dies ist jedoch manchen Glaubensgemeinschaften ein Graus. Sie ketten sich an die Wortbedeutung, setzen sie mit "(biologischer) Wirklichkeit" gleich, vergessen die Ebene, für die sie eigentlich zuständig sind (Glaube, Sinndeutung), und werfen reihenweise TheologInnen hinaus, die bekennen, dass sie im biologischen Sinn nicht an die Jungfrauengeburt glauben. Die Unfähigkeit/Unwilligkeit, die eigenen Basistexte angemessen zu lesen, hat damit massive Eingriffe in Lebensläufe und Berufsausübungen zur Folge, wirft viel Engagement und Kompetenz hinaus. Es ist immer auch eine Selbstschädigung der Glaubensgemeinschaft.

3.1.2 "Zölibat" = "Eunuchen um des Himmelreiches willen"

Zur Information: [23]. - Mit der aus dem Mattäus-Ev übernommenen Formulierung wird somit die "Kastration" zu einem höheren Zweck angesprochen. Vgl. [24]. Allein schon als Sprachbild ist die Aussage deftig und brutal. Dass es sich um ein Bild handeln muss, somit eine Aufgabe für die Pragmatik, geht hervor

  • aus dem unmittelbaren Kontext: er enthält keine Ausführungsbestimmungen, unter welchen Umständen und wie konkret physisch eingegriffen werden soll;
  • aus der Zielrichtung "Himmelreich" - was hat der physische Zustand mit dem "Himmelreich" zu tun? Wären dann alle mit 'normaler' Physis von diesem Ziel ausgeschlossen? Es gibt von Jesus keine Hinweise, dass er selbst "E." sei; im Gegenteil: Lukas speziell betont, dass Jesus Umgang mit Frauen hatte. Was meint überhaupt das Abstraktum?

Immer wenn solche kritischen Rückfragen anstehen, wird klar: es handelt sich um ein "Sprachbild", nicht um eine Ausführungsbestimmung. Aber u.a. die katholische Kirche beharrt auf der Wortbedeutung, verlagert sie aber auf die Willensebene: dem Messerchen - bildhaft - soll der Betroffene selbst zustimmen. Die Beteiligten handeln sich einige Probleme ein mit ihrer Weigerung des Weiterdenkens (= Pragmatik):

  1. Der "Zölibat" ist kein Thema, mit dem man vernünftig, praktische Lebenserfahrung einbeziehend, innerkirchlich reden könnte. Amtsträger, die sich dazu verpflichtet haben (und später erst merken, dass sie aufgrund seelischer Komplikation dazu gelangt waren), stehen lediglich vor der Entscheidung: weiter akzeptieren oder entlassen werden. - Eine vernünftige Problemlösung, -besprechung, gibt es nicht.
  2. Eine plausible Begründung zur Sinnhaftigkeit dieser Lebensform für Amtsträger gibt es auch nicht. Man wird höchstens auf den "Eunuchen"-Spruch festgenagelt oder auf die lange Tradtion der Kirche.
  3. Das kirchliche System glaubt, die fundamentale Bedeutung von Fortpflanzung/Sexualität und Erotik aushebeln zu können. Anders gesagt: die Kirche handelt illusionär und weltfremd.
  4. Was man sich mit diesen Verdrängungen einhandelt, ist auch klar: alle möglichen Ersatzhandlungen - von Alkohol- bis Kindesmissbrauch. Und wenn letzteres bei einem Bischof vorkommt, muss er den Posten 'nach oben' verlassen, das geht in dem hierarchischen System - zur Vertuschung und Gesichtswahrung - nur, indem er Kardinal wird.
  5. Ungeklärt auch, wie man sich den Zusammenhang von Fortpflanzung/Sexualität und Spiritualität denken solle. Jedes ernsthafte Nachdenken über diese sinnlose Opposition führt in Sackgassen.

Warum wird das Beharren auf der Wortbedeutung aber dennoch rigoros durchgehalten? Irgendeinen wichtigen Sinn muss die Zölibatspraxis ja haben. Und bisweilen wird der "Z." in kirchlichen Dokumenten explizit als "kostbar" bezeichnet. - Faktisch ist er ein autoritäres Testinstrument: Wenn sich ein Kandidat auf diese Eingangsbedingung einlässt, sich und seine Bedürfnisse also in zentralen Punkten verleugnet, dann dürfte er auch in 'leichteren' Fragen des Kirchensystems lenkbar sein. Das ists, was das Leitungssystem wissen will.

Hier wird des Verfassers "Erklärung zum 21. Juli 1989"
zugänglich gemacht:[25]. 
Anlass ist die private Zurückweisung des einmal gege-
benen Zölibatsversprechens. Dieser Aspekt ist für andere
= Leser der "Alternativ-Grammatik" nicht wichtig. Aber
die damals heftigen Reaktionen in der Presse attestier-
ten dem Text, dass er die Problematik des Zölibats gut
ausgeleuchtet habe.
Daher die Empfehlungen:
* Bei der Lektüre darauf achten, wo/wie überall
  Kommunikationen abgebrochen wurden.
* Wie nichts als Leerstellen entstehen, wenn man nach
  Sinn und Wie des Zölibats fragt.
* Wie sich Unlogik zeigt, mit der aber kirchlicherseits
  weiterhin operiert wird.
* Wie die einzige Sprache, die die Kirche beherrscht, nur noch
  die juristische ist.

Die Blockierung des Weiterdenkens führt zu einem geistigen Armutszeugnis, zu einer geistigen Selbstkastration - dieses Bild ist beim aktuellen Thema ja angemessen ... Ich behaupte: So ein Text kann sehr gut mit den einzelnen Themen der PRAGMATIK verbunden werden. Er zeigt im konkreten Konfliktfall die Nützlichkeit des 'Arsenals' der Pragmatik. Man kann sich besser wehren und behaupten angesichts verschiedenster Anfeindungen. (HS)

3.2 Auferstehung - wie Theologen dabei sprachlich kapitulieren

Die Anregung stammt aus einem Buch, das die "Theologie des Neuen Testaments" behandelt. Derartige Übersichten gibt es immer wieder, sie versuchen zu bündeln und zu strukturieren, was in den vielfältigen Schriften - 27 - des Neuen Testaments (NT) 'eigentlich' ausgesagt ist. Uns interessiert nur, wie sprachbewusst darin vorgegangen wird. Der Autor-Name wird übergangen, auch deshalb, weil die Merkmale, die wir auflisten, typisch für die Theologenzunft sind, also keineswegs speziell von jenem Autor aufgebracht wurden.

  1. Natürlich weiß der Autor, die verschiedenen Schriften des NT zu handhaben, auszuwerten. Aber er hat noch nicht verstanden, dass es sich dabei zunächst um "Sprache" handelt. - Das klingt merkwürdig, daher bitte folgende Punkte beachten:
  2. Interesse des Autors ist es, den Lesern sichere, verlässliche Informationen zu liefern, auch bei dem offenkundig schwierigen Thema "Auferstehung". "Sicherheit, Verlässlichkeit" werden - wie in der Alltagssprache - im äußeren, physischen Leben unterstellt, gesucht, anders gesagt: im Bereich des historisch Verbürgten, Nachweisbaren. Nochmals anders: Schon hier wendet sich der Autor von Sprache, Kommunikation ab und der 'Welt der Fakten' zu. Es wird nicht gesehen, dass "Sicherheit" - erst recht bei Sinn- und Orientierungsfragen - durch geistige (logische, methodische, emotionale, sprachkritische) Qualitäten vermittelt wird, also durch verstehbare, transparente Erläuterung. - Das Defizit ist merkwürdig. Kirchen beanspruchen, Seelsorge zu betreiben. Da tritt nun aber ein Theologe auf und ringt darum, ob Auferstehung im Bereich Physik und Medizin, der Historizität, verankert werden könne.
  3. Der Autor stellt fest, dass in unterschiedlichen Texten von der "Auferstehung (Jesu)" die Rede ist, von "Erscheinungen (des Auferstandenen)". Davon weiß man, seit es das NT gibt. - Sprachkritisch besteht der Fehler darin, dass aus vielen Texten immer nur diese eine Bedeutung herausgepickt - der große Rest des jeweiligen Textes jedoch übergangen wird. Das ist im Sinn unseres aktuellen methodischen Punktes eine extrem un-pragmatische Einstellung: Es ist zu unterstellen, dass eine Einzelbedeutung ihren Wert und ihre Funktion erst im Rahmen des dazugehörigen Textes erhält.
  4. Die mehrfache Erwähnung von "A." wird als historisches Gütesiegel gewertet. - Für die Frage, ob ein oder mehrere Texte auch im Sinn von historisch zuverlässiger Information verwertet werden können, ist dies genauso eine extrem un-pragmatische Einstellung. Die Quantität allein verbürgt gar nichts. Bei jedem Gerücht, das eine falsche Information transportiert, ist die Quantität beachtlich hoch, der Informationswert jedoch Null. Die Beurteilung der historischen Verwertbarkeit verlangt stattdessen eine seriöse Beschreibung des gesamten Textes (neben der Beiziehung inhaltlich verwandter, vergleichbar analysierter Texte).
  5. Nirgendwo wird der Versuch gemacht, die Bedeutung "Auferstehung" selbst schon als Bild, erst recht eingebettet in den jeweiligen Textzusammenhang zu verstehen - meist liefert der nämlich weitere Irritationen und Anlässe, eine zweite = gemeinte Bedeutung zu suchen. Die Erscheinungsberichte des NT sind geradezu eine Fundgrube für das Vorgehen, das wir in [26] empfehlen.
  6. Das zeigt: Die Wortbedeutung - die wir in der SEMANTIK behandeln - wird vom Autor als Referat von sprachfernen Fakten (miss-)verstanden. Dieses Missverständnis lässt schon gar nicht den Bedarf nach einer 2.Bedeutungsebene (= PRAGMATIK) entstehen - denn man ist ja nicht an Sprache, sondern an 'objektiver Wahrheit' interessiert... - NB: man zeige uns ein Subjekt, das in der Lage ist, sich objektiv zu äußern ;-)

Die tiefsitzende Angst der Theologen vor Sprachreflexion, Kommunikation, Geist, Seele wird sichtbar, genauso - im Gegensatz dazu - das Zufluchtsuchen bei Historie, Faktenwelt, äußeren Geschehnissen. - Kein Wunder, dass bei solcher Orientierung und beim Prüfstein "Auferstehung" nur verschwiemelte, unklare und verdruckste Aussagen herauskommen können, aber auf jeden Fall mit dem Anspruch verbunden, etwas "Äußerlich-Historisches" sei damals geschehen. - Nun ja, lassen wir das.

Oder doch nicht. Denn am 1.7.2014 brachte die SWP einen
Bericht, wonach die griechisch-orthodoxe Kirche den Bau   
und Betrieb von Krematorien blockiert.
Seit Jahrzehnten werden entsprechende Initiativen unter-
bunden - und das, obwohl auf griech. Friedhöfen eine
drangvolle Enge herrscht. Verstorbene, die per Testament
die Einäscherung verfügt haben, müssen z.T. 700km trans-
portiert werden. 
     "Die Popen predigen eine leibliche Auferstehung der
     Toten beim Jüngsten Gericht. Eingeäscherte hätten
     damit in der Tat schlechte Karten für den Eintritt
     ins Paradies. Neben dogmatischen Gründen dürfte es
     für das Nein der griechischen Kirche auch sehr welt-
     liche Erwägungen geben: Mit prunkvollen Begräbnissen
     verdient der Klerus viel Geld."
Unsere beiden methodischen Ebenen liegen somit schön klar
vor Augen:
1. Die halsstarrige Weigerung, Versatzstücke der Wortbe-
   deutung als 'Bilder' zu erkennen. Stattdessen werden
   verschiedene Bildwelten -
   Auferstehung - Jüngstes Gericht - Paradies - fraglos
   zu einem Gesamtbild verknüpft. Der jeweilige Einzel-
   text, aus dem die Bildimpulse stammen, ist weggewischt.
   Und dieses dogmatisch konstruierte Gesamtbild wird
   natürlich mit der Realität gleichgesetzt: die Hin-
   terwelt wird zur Vorderwelt. Dadurch werden konstant
   die Hirne der Zeitgenossen verdreht.
2. Der Journalist und die politisch Verantwortlichen
   kennen jedoch die gemeinte Bedeutung der kirch-
   lichen Verweigerung: es ist die
   Angst um den Verlust von Einnahmequellen. All die
   dogmatischen und 'hochtheologischen' Ausführungen
   dienen nur dazu, Sand in die Augen zu streuen, das
   eigentliche Interesse zu verdecken.

3.3 Schöpfungsberichte

Davon gibt es 2 im Alten Testament: Gen 1 = 'Schöpfung in 7 Tagen'; Gen 2+3: 'Paradiesgeschichte (Adam und Eva)'. Beide Texte sind vollkommen eigenständig und ergeben nicht ein Bild, wie man sich die Entstehung der Welt und des Lebens vorzustellen habe.

Diese doppelte Feststellung ist eine noch allgemeine, aber wichtige erste pragmatische Einsicht. Sie schließt ein:

  • Man hat verstanden, dass man es mit Texten zu tun hat, nicht mit naturwissenschaftlichen Sachverhalten.
  • Die Erwartung kann aufgegeben werden, aus beiden Texten müsse sich eine Schöpfungsvorstellung ableiten lassen.
Mit Einblick in Theologenkreise: Ein Gymnasiallehrer - Religion,
Deutsch - teilt mit, dass er im Ruhestand sich mit dem Thema
"Evolution" befasst. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kämpft er im
Alter immer noch darum, wie das naturwissenschaftliche Wissen
von der Entstehung von Welt und Leben sich mit den biblischen
Schöpfungserzählungen in Einklang bringen lasse.
=> wir beurteilen diese theologische Standardproblematik als
ausgesprochen tragisch und als vergebliche Liebesmüh.
(1) Der Unterschied "Sprache <=> physische Realität" wird nicht
beachtet.
(2) Was der jeweilige Text eigentlich = pragmatisch
sagen will, bleibt unerkannt.
An dem Germanisten war das Stichwort "Dekonstruktion" anscheinend
vollkommen vorbeigegangen. 

3.4 David Friedrich Strauss, 19. Jhd.: "Mythus"

Zur Biografie vgl. [27] 1835 publizierte der evangelische Theologe sein Hauptwerk: "Das Leben Jesu - kritisch bearbeitet". Aus dessen Anfangsteil hier einige Zitate: Vgl. [28] Es erstaunt, welche methodischen Gesichtspunkte und Debatten damals schon ausgetauscht wurden. Einiges davon wird anhand der Zitate - und entsprechend mit Seitenangabe - hier aufgegriffen. Zugleich sollen dadurch die gedanklichen Sackgassen und Defizite - gemessen an heutigem Problembewusstsein - sichtbar werden.

  • Eine beachtliche Zweiteilung vollzieht S. (vgl. VIf): er führt kritische Untersuchungen an biblischen Texten durch - dadurch sei aber seine innere Glaubenseinstellung nicht betroffen oder in Mitleidenschaft gezogen. Was als "historisches Faktum" womöglich in Zweifel zu ziehen ist, tangiert diese innere Ebene nicht. - Letztere tendiert bei uns zur "gemeinten Bedeutung".
  • Konstatiert wird schon für die frühe Kirche die Skepsis (z.B. bei Origenes): Vieles, was buchstäblich in den Texten steht, kann sich so nicht ereignet haben. - Das alte Thema wird sichtbar: Sprache/Text und reales Geschehen werden nicht getrennt. Es wird mit dem Kurzschluss operiert: Text = äußeres Geschehen. Man übersieht so den Eigenbeitrag des Textes, und gleichzeitig kommt man zwangsläufig in Schwierigkeiten, was die Historie betrifft.
  • Wunderhaftes in Texten. Wie soll man damit umgehen? Zwei Erklärungstypen:
    • es gibt die supranaturale Betrachtungsweise: Eingriffe aus der göttlichen Welt, die die physikalischen Gesetze aushebeln ("Über Wasser wandeln"), müssen so wie beschrieben akzeptiert werden.
    • die natürliche Betrachtungsweise: das Wunderhafte im Text wird durch - hinzugedachte - Erklärungen entschärft. Vgl. 20f.
  • Strauss geht den Weg, textliche Auffälligkeiten, die nicht 'natürlich' zu erklären sind, als "Mythus" zu verstehen. Darin verberge sich sehr wohl ein guter Sinn, "ewige Wahrheiten" (vgl. VII). Die gelte es zu finden. - S. handelt sich aber den Einwand ein, dieses Verfahren könne auch nur eine billige Ausrede sein, vgl. (55).

Kurz aus Sicht der Alternativ-Grammatik:

  1. Die Eigenständigkeit von Sprache, Geist, Text wird noch nicht gesehen. Es müsste dann sehr viel intensiver grammatisch-literarisch gearbeitet werden. Nicht erst was Stilfiguren enthält, sondern jeder Text, auch der nüchtern klingende, ist zunächst nichts als ein geistiges Produkt. Die Frage des tatsächlichen äußeren Geschehens hat hier zunächst noch nichts zu suchen.
  2. Text als geistiges Ganzes, das zunächst für sich genau zu betrachten ist, kommt in den damaligen Debatten nicht vor.
  3. 'Poesie' ist durchaus im Blick, aber öfters mit dem irrigen Bild: es gälte nur die 'Ausschmückungen' zu erkennen und abzuheben - und schon lande man bei den 'Fakten', denn der Rest des Textes gebe den Blick frei für sie. Dieser Fehler war/ist verbreitet: allenfalls wird im Text nach vereinzelten Stilfiguren, Sprach-Ornamenten gesucht - was dabei vorkommen kann (Metafer, Metonymie usw.), ist seit den alten Griechen bekannt. Die übrige textliche Basis wird zur 'Fakten'-Analyse herangezogen.
  4. Zur Absicherung der historischen Korrektheit der Texte sei es wichtig, dass diese bald nach den genannten wunderhaften Ereignissen entstanden seien, möglichst durch Augenzeugen beglaubigt - damit die Überlieferungskette vertrauenswürdig bleibt. - Auch das also eher die Perspektive von Kriminalisten, nicht jedoch von sorgfältig literarisch Arbeitenden.
  5. Es gelte auch, die Tendenz des ursprünglichen Schreibers in die Betrachtung einzubeziehen. - Die Fragen: Wie macht man das, wenn nur der Text, und nur einer, zur Verfügung steht? Wenn zudem nicht zweifelsfrei klar ist, wer der Verfasser ist - wenn man ihn nicht kennt, oder wenn eine falsche Verfasserangabe vorliegt (das Problem war schon in der Antike bekannt)?

Vielleicht aus vergleichbarer Skepsis heraus hatte wenig vorher schon I. Kant konstatiert - vgl. S.25 -, dass Volkslehrer bei verschiedenen Glaubensarten das, was in alten Büchern steht, "so lange gedeutet haben, bis sie dieselben ihrem wesentlichen Inhalte nach mit den allgemeinen moralischen Glaubenssätzen in Übereinstimmung brachten". Kürzer gesagt lautet der spöttische Vorwurf: Man hat die 'heiligen' Schriften hingebogen, damit und bis sie die eigene Ideologie stützten, keineswegs infrage stellten. Auslegung mit dem erkenntnisleitenden Interesse, es solle alles beim Alten bleiben können.

4. Politik, Gesellschaft

Vielfältig ist im öffentlichen Diskurs Sprachbewusstsein, -kritik gefordert. Oft können dadurch schon Sackgassen bei der Suche nach Problemlösungen erkannt werden.

4.1 "Fremde", Wer ist Deutscher?

Vgl. J. Augstein in seiner Kolumne auf SPIEGEL-online vom 25.8.2016:

"Manchmal genügt ein einziger Satz. Und man erkennt,
wie deprimierend die Lage ist: 'Von den Türkischstäm-
migen, die schon lange in Deutschland leben, erwarten
wir, dass sie ein hohes Maß an Loyalität zu unserem
Land entwickeln.' Die Bundeskanzlerin hat das jetzt
gesagt. Sie hat damit über die Geschichte der Integra-
tion ein Todesurteil gefällt. Und unfreiwillig hat sie
deutlich gemacht: Wenn Deutschland seine Zukunft als
Einwanderungsland nicht verspielen will, braucht es
endlich ein anderes Verständnis von nationaler Identität.
Alles an diesem Satz der Kanzlerin weist in die falsche
Richtung: Die Formulierung von den 'Türkischstämmigen'
erkennt selbst in denen, die einen deutschen Pass haben,
noch die Fremden. Merkels Wendung, diese Menschen lebten
'schon lange in Deutschland', ignoriert den Umstand, dass
etliche schlicht hier geboren wurden - und schon länger
zur Bundesrepublik Deutschland gehören als die Kanzlerin
selbst.
Am schlimmsten ist aber das 'Wir', von dem die Kanzlerin
spricht. Es ist ein Wir, das die Migranten und ihre Nach-
kommen ausschließt. Ob willentlich oder aus Versehen hat
Angela Merkel ihr ganz persönliches Verständnis von In-
tegration enthüllt: Es gibt keine.
Die Regierungschefin des Einwanderungslandes Deutschland
hat ihre Subjekte nach deren Herkunft eingeteilt. Das
hätte ihr nicht passieren dürfen. Merkels Satz zeigt die
ganze Ratlosigkeit angesichts der Realität der Migration.
Vielleicht ist es auch Kapitulation. Aus Einwanderern
können ohnehin niemals 'richtige' Deutsche werden - das
scheint sich zur Überzeugung zu verfestigen."

4.2