4.122 Gesprächskontakt - phatisch

Aus Alternativ-Grammatik
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Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

Wer einen Dialog führen will, braucht einen technischen Kanal - die Schallwellen z.B. können dann durch das Medium Luft zum Ohr des andern schwirren. Was sich auf auf dieser Ebene abspielt, dafür ist bei uns die (Ausdrucks-)SYNTAX zuständig, vgl. [1]

Es wird aber auch ein Aufmerksamkeitskanal benötigt. Der hat nichts mit Technik zu tun. Vielmehr muss sichergestellt werden - das ist das Eingangstor zum Thema "Dialog" -, dass die Aufmerksamkeit des Partners/der Parner gewonnen und erhalten wird. Das ist jetzt das Thema. Nur auf gelegentlich eingestreute Interjektionen zu achten, ist in der Regel zu wenig.


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0. Nachträge zur Theorie

0.0 "phatisch" auf 2 Ebenen

Bevor man "Sprechkontakt" im Rahmen von "Dialog" genauer angeht, sollte man 2 Ebenen unterscheiden. Sie sind nicht schwierig zu verstehen. Aber man sollte sie auch nicht verwechseln oder ineins setzen:

  1. "Sprechkanal, -kontakt" setzt immer einen technischen Kanal, der funktioniert, voraus. Es lohnt sich, dies im Detail anzuschauen. Eine Telefon-Festnetzleitung setzt heutzutage im Keller einen beachtlichen technischen Aufwand voraus. Vor allem, wenn über das gleiche Kabel auch Computer- und Fernsehverbindungen laufen. Genauso kann man sich darüber informieren, wie überhaupt der Funkverkehr technisch organisiert ist, damit ich von meinem Handy aus z.B. nach Moskau telefonieren kann. Das setzt eine gewaltige technische Infrastruktur voraus. - Bei Menschen, deren Sinne teilweise nicht arbeiten, muss man erst ausprobieren, auf welchem "Kanal" mit ihnen kommuniziert werden kann. Bei Taubblinden war schon ein Weg das Einschreiben bestimmter Signale in die Handfläche. - Immer wird ein technisch-physischer Übertragungsweg benötigt.
  2. Ist die Technik geklärt, stellt sich erst die dialogisch interessante Frage nach "phatisch": Ich erreiche den Partner dann zwar in einem geklärten Medium. Die Frage ist aber, ob ich ihn innerlich erreiche, ob er sich öffnet, bereit ist zum Dialog, ob er einwilligt in ein Gespräch, bereit, einiges von mir anzuhören, es zu verarbeiten, mir Rückmeldung zu geben. Dabei geht es nicht nur um inhaltliche Anliegen. Sondern der Partner sollte sich ebenso bemühen, den Gesprächskontakt zu "pflegen", wie es nachfolgend mit den 4 Teilakten umschrieben wird. Verständigen sich beide Seiten auch auf dieser Ebene (und nicht nur auf der rein inhaltlichen), ist der Dialog wohl ergiebig. --Hs 17:45, 9. Apr. 2011 (UTC)

Illustration aus der Politik: Der technische Kanal hätte im Prinzip funktionieren müssen, tat es aber nicht. Es kam hinzu, dass der russische Partner gar nicht reden wollte. (SPIEGEL-Online 1.2.2012):

Die Welt blickte in den Abgrund: Die Sowjetunion und
die USA standen 1962 am Rande eines Nuklearkrieges,
weil Moskau zunächst unbemerkt Atomwaffen auf Kuba
stationiert hatte. Falken in den USA forderten im
Gegenzug einen nuklearen Erstschlag. Die Welt stand
kurz vor einem verheerenden Krieg.
   Danach richteten Washington und Moskau 1963 den
"heißen Draht" ein, eine direkte Kommunikationslinie
zwischen Weißem Haus und Kreml. Regelmäßig wurde die
Leitung auf Fehlfunktionen getestet. Techniker jagten
einen Prüftext über den Draht, der alle Buchstaben des
Alphabets enthielt: "The quick brown fox jumps over
the lazy dog", lautete der. Wenn es brenzlig wird,
sollte der heiße Draht einsatzfähig sein.
   Aber was hilft die beste Direktverbindung, wenn an
einer der beiden Leitungen jemand sitzt, der gar nicht
reden möchte?
   Das russisch-amerikanische Ringen um eine Lösung
des Syrien-Konflikts treibt derzeit bizarre Blüten.
Die USA bemühen sich um die Durchsetzung einer starken 
Uno-Resolution gegen Damaskus, Russland dagegen
blockiert alle Vorstöße, die es als Einmischung in die
inneren Angelegenheiten seines engen Verbündeten Syrien
auffasst. "Sanktionen sind nicht die geeigneten Mittel,
das kann nur der Dialog sein", sagte Uno-Botschafter
Witalij Tschurkin.
   Washington aber unternimmt alles, um Moskau doch
noch zu erweichen. Anfang der Woche kündigte das
US-Außenministerium an, unverzüglich Moskaus
Außenminister Sergej Lawrow direkt kontaktieren zu
wollen. Das Problem ist nur: Hillary Clinton,
Secretary of State und eine der mächtigsten Frauen
der Welt, hat Lawrow zwar ausdauernd
hinterhertelefoniert, ihn aber nicht an die Strippe
bekommen. "Offen gestanden hat die Ministerin
ungefähr 24 Stunden versucht, den Außenminister
Lawrow ans Telefon zu bekommen", teilte
Außenamtssprecherin Victoria Nuland konsterniert
mit. "Das hat sich als schwierig herausgestellt." 

Illustration aus dem Journalismus: aus: G. Ruge, Unterwegs. Politische Erinnerungen. 2015. S.68. - Der noch junge Journalist sollte am Anfang seiner Karriere (1950er Jahre) aus Jugoslawien berichten.

"Mit meinen Berichten wollte ich den deutschen
Hörern verständlich machen, welche Chancen die
jugoslawische Entwicklung für Osteuropa bieten
könnte, aber auch welche Gefahren damit verbunden
waren. Allerdings blieb es schon technisch außer-
ordentlich schwierig, mit diesen Informationen die
Redaktion in Deutschland zu erreichen. Telefonisch
oder fernschriftlich war nichts zu machen. Ich wäre
völlig abgeschnitten gewesen, wenn mir nicht die bei-
den Schweizer Kollegen geholfen hätten. Sie waren schon
seit Monaten in Belgrad, kannten halblegale Verbin-
dungswege und schleusten so dreimal ein Manuskript von
mir über ihre Schweizer Redaktionen zum WDR nach
Deutschland. Da aber auch sie nicht riskieren konnten,
für mich Geld über die Grenzen nach Belgrad zu bringen,
war klar, dass mein Aufenthalt schon bald zu Ende
gehen würde."  


0.1 Allgemein - 4 Teilakte von "phatisch"

Sprechkontakt herstellen:
Sprechkontakt sichern:
Sprechkontakt beenden:
Sprechkontakt vernachlaessigen:
eingreifend: Sich räuspern oder seine Stimme erheben, um die Aufmerksamkeit des Gesprächspartners wieder auf sich zu lenken. Mit gezielten Fragen frühere Argumente aufgreifen, um den Dialog fortzuführen.


0.2 Allgemein - Dialog-Muster für "Sprechkontakt herstellen"

Gleichgültig in welcher Einzelsprache könnte die Eröffnung einer kommunikativen Beziehung etwa wie folgt ablaufen. Genannt wird hier ein abstraktes Muster, das im Einzelfall erst noch sprachlich ausgefüllt werden muss - dabei sind verschiedene Variationen möglich:

1. Ausgangspunkt: es besteht keine kommunikative Beziehung

2. PARTNER1 ergreift die Initiative

Die "Initiative" kann in einem Gruß bestehen,
direkt an PARTNER2 gerichtet. 
Es kann aber auch - ohne PARTNER2 direkt zu adres-
sieren - eine Aussage zu einem Sachverhalt sein,
den der andere leicht prüfen kann. Besonders ge-
eignet: das Wetter. 
Oder aus der Straßenbahn heraus der Blick auf eine
aktuelle Verkehrssituation. 
leicht prüfen ist wichtig, weil über gemeinsame
Wahrnehmung bereits eine Beziehung etabliert wird.

3. PARTNER2 signalisiert Des-/Interesse

PARTNER1 ist noch unsicher, ob PARTNER2 bereit ist,
in eine Kommunikationsbeziehung einzusteigen.
PARTNER1 könnte sich auch eine Abweisung einhandeln.
Schweigt PARTNER2, wird das Desinteresse greifbar.
Wiederholt PARTNER2 wortgleich die Äußerung von
PARTNER1 (z.B. beim Gruß), dürfte das auch auf
Desinteresse hindeuten.
Interesse wird dann sichtbar, wenn PARTNER2
mit Variation antwortet. - Diese Phase kann
u.U. lange andauern.

4. PARTNER1 stellt sich vor

Noch wissen beide Partner nicht, um wen es sich
beim Gegenüber handelt. Ist der Eindruck gewachsen,
dass man kommunikativ kooperieren kann, kommt der
Punkt, wo man sich gegenseitig vorstellen
könnte/sollte. Da die Preisgabe der Identitäten
eine Intensivierung der Kommunikationsbeziehung
darstellt, ist zunächst nicht sicher, dass
beide die gegenseitige persönliche Öffnung
wünschen.
Also muss man sich vergewissern:
     (a) FRAGE (rhetorisch oder nicht), ob man
         sich vorstellen darf; wenn kein
         Widerstand:
     (b) NAMENSNENNUNG, u.U. mit weiteren
         Merkmalen (Beruf, Wohnort, Zweck des
         Unterwegsseins usw.)
     (c) AUFFORDERUNG AN DEN PARTNER, nun
         seinerseits seine Identität zu
         konkretisieren ("Und wie ist Ihr Name?")

5. PARTNER2 nennt seine Identität

analog zu 4c

6. POSITIVE WERTUNG

PARTNER1 weiß nun, dass sein Vorstoß (4c) nicht
als indiskret verstanden worden war. Durch die
Reaktion von PARTNER2 ist ihm auch die
Unsicherheit genommen, dass der andere womöglich
gar nicht auf die Beziehung weiter einsteigen
möchte.
Aus beiden Gründen wird er mit einer positiven
Wertung antworten: "Sehr angenehm!".
Das wird PARTNER2 nicht stumm so stehen lassen,
sondern seinerseits bestätigend antworten:
"Das gilt auch für mich! / Ja, freut mich!".

Mit derartigen Einzelakten ist der Sprechkanal etabliert. Die Kommunikation zu diversen Sachthemen, aber auch zu persönlich-privaten Fragestellungen kann beginnen.

0.2.1 Rüde Gesprächseröffnung

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973.

"Heumond"

(111) "Auf der letzten, durch Holundergebüsche etwas
versteckten Bank lag ausgestreckt ein Mensch. Er lag
bäuchlings und hatte das Gesicht auf die Ellbogen und
Hände gelegt. Herr Homburger war im ersten Schreck
geneigt, an eine Greueltat zu denken, doch belehrte ihn
bald das feste tiefe Atmen des Daliegenden, daß er vor
einem Schlafenden stehe. Dieser sah abgerissen aus, und
je mehr der Lehrersmann erkannte, daß er es mit einem
vermutlich ganz jungen und unkräftigen Bürschlein zu tun
habe, desto höher stiegen der Mut und die Entrüstung in
seiner Seele. Überlegenheit und Mannesstolz erfüllten ihn,
als er nach kurzem Zögern entschlossen nähertrat und den
Schläfer wachschüttelte.
   'Stehen Sie auf, Kerl! Was machen Sie denn hier?'
Das Handwerksbürschlein taumelte erschrocken empor und
starrte verständnislos und ängstlich in die Welt."

0.2.2 "Publikumsbeschimpfung"

In Handkes Stück scheint zwar eine Gesprächsbeziehung zu bestehen, zugleich wird sie aber torpediert, indem die Angesprochenen = das Theaterpublikum darauf hingewiesen wird, dass keine gewohnte Kommunikationsbeziehung bestehen kann. Vgl. den Abschnitt "phatisch" in: [2]


0.3 Allgemein - Dialog-Muster für "Sprechkontakt beenden/vernachlässigen"

Es gibt sicher viele Varianten, mit denen man einen bestehenden Sprechkontakt beenden/vernachlässigen/gefährden kann. Einige Sprachmechanismen seien genannt - wobei es im Einzelfall auf die Kombination, somit um die gegenseitige Verstärkung ankommt.

1. Ausgangspunkt: es besteht eine kommunikative Beziehung

2. Unangepasste akustische/grafische Äusserung

Einer der Partner wird unverständlich leise, oder
fängt an zu brüllen.
Grafisch werden die Äußerungen nicht mehr entzifferbar.
Bitten um Präzisierung bleiben ohne Erfolg.
Betrifft Ebene der 4.0 (Ausdrucks-) SYNTAX, konsequente Abstrahierung vom Bedeutungswissen:
Einer hält sich nicht (mehr) an die hier schon
geltenden Konventionen.

3. Partner mit Ist-Aussagen festgenagelt

Das Gespräch - vgl. 4.02421 (Numerus /) Determination
- dreht sich nicht (mehr) um ein "KT" = "Kommunika-
tionsthema", also neben den Gesprächspartnern um
etwas Drittes. Sondern einer der Partner selbst wird
zum Thema. Wobei zugleich der Sprecher sich aus-
klammert, keine Selbstaussagen macht. Es dominiert
der Sprechakt "Darstellung" - vgl. 4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte - 
und darin wird der Gesprächspartner beschrieben/
analysiert: für Beschreibung einer Figur/eines Objekts
gibt es ja eine breite Palette von Möglichkeiten:
4.03 Bedeutungsgruppen /allgemein. Thema ist also
"KP": "Du hast schon wieder ...,
Du hast wieder nicht ..." usw.

4. Zusätzlich: Tendenz zu All-Aussagen

Ziff. 3 lässt sich steigern: Der Kommunikationspartner
wird aus dem Bereich Ort/Zeit mit Allaussagen
charakterisiert, vgl. 
4.07 Orientierung in Raum und Zeit: "Immer tust du...", 
"Überall hast du ...". 
Auch das Register ASPEKTE bietet sich dafür an:
4.086  Modalitäten – »Register« ASPEKTE: "Dauernd machst du ...",
"Wiederholt ...". Damit rücken sämtliche
Mittel der Emphase in den Blick:
forte - von Geschrei bis zu maßloser Übertreibung.

5. Negative Wertung

"Dysphorisch" klingt als Terminus abgehoben.
Vgl. 4.085  Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE. 
Angesprochen sind alle Formen der negativen Wertung,
zu denen man fähig ist.
Da hat jeder genau genommen ein großes Repertoire
zur Verfügung, quer durch alle drei Analyseebenen
hindurch: 
(Ausdrucks-)SYNTAX (penetrante Wiederholungen),
SEMANTIK ("Das hast du mies gemacht") bis zur
PRAGMATIK- verbal (Sprachbilder, Ironie, Sarkasmus),
non-verbal (körpersprachlich: verächtlicher Blick u.ä.)

6. Störende Begleithandlung, z.B. Handy-Gefingere

Unter Jugendlichen fällt häufig auf, dass sie zwar
in Gemeinschaft sind, einzelne aber doch geistig
abwesend, weil sie ständig simsen oder andere
anrufen müssen. Allein der häufige Blick, ob wieder
eine SMS eingetroffen ist, zeigt dem anwesenden,
potenziellen Gesprächspartner: ich bin an dir
eigentlich nicht interessiert, sondern an
irgendwelchen Abwesenden. Eine Gesprächsbeziehung
kann so nicht entstehen. Womöglich besteht der
Wunsch - wenn er von anderen nicht explizit
unterbunden wird - auch in Situationen, die immer
schon auf Kommunikation angelegt sind. z.B.
während des Essens. Völlig sinnvoll, dass in
Schulen Handys verboten sind. Ein ständiges
handy-Gefingere sieht erstens nach
Suchtcharakter aus, zweitens sollte man bei
Gelegenheit erläutern, dass der körperlich
anwesende, aber missachtete Gesprächspartner
das Interesse an der Beziehung wohl schnell
verlieren wird.

Die Liste der dialog-zerstörenden Sprachmechanismen ist sicher noch nicht vollständig... Im Bereich Pädagogik - aber beileibe nicht nur dort! - wäre es äusserst lohnend, sich all die kommunikativen Brandsätze bewusst zu machen.

0.4 Gesprächskontakt mit Mensch oder Maschine?

Im SPIEGEL 27/2012 angesichts des 'smartphone-Booms' ein Interview mit der US-Soziologin und Technologieexpertin Sherry Tuckle. Daraus längere Passagen. Die technologische Entwicklung beeinflusst dramatisch die Dialogfähigkeit, hat auch große Auswirkungen auf das jeweilige psychische System.

Tuckle: Es gibt zunehmend weniger echte Unter-
haltungen, dafür E-Mails, SMS, Messenger-Nachrichten:
Statt direkt miteinander zu sprechen, wird mehr
schriftlich kommuniziert. Ich ruf dich nicht an, ich
schick dir nur eine Textnachricht. Das ist ein klar
erkennbarer Wandel, und der ermöglicht es, mensch-
lichen Kontakt zu reduzieren und sich ganz ungeniert
vor sozialen Situationen zu verstecken.
SPIEGEL: Smartphones führen zu grundsätzlich neuen
Verhaltensweisen?
Tuckle:  Sie fördern zumindest die Vision von
einer Welt, in der jeder nur noch Einzelkämpfer ist:
Ich allein entscheide, wem oder was ich Aufmerksamkeit 
schenke. Bislang wurde so ein Verhalten durch
Gemeinschaftssinn unterbunden: Es war wichtig, auch
bei den langweiligen Momenten aufzupassen und so
Dazugehörigkeit zu zeigen.
SPIEGEL: Also untergräbt die mobile Internetwelt
letztlich Gemeinschaftssinn?
Tuckle: Gewissermaßen. Die Technologie ermöglicht
uns einen diskreten Ausweg. Wir entscheiden nur noch
selbst, wann wir uns für soziale Situationen
interessieren. Und das führt uns zum dritten
psychologischen Effekt, der sich in ein Motto packen 
lässt: Ich teile, also bin ich. Das bedeutet, dass
viele Menschen inzwischen glauben, nur dann einen
wirklich relevanten Gedanken zu haben, wenn sie ihn
mitteilen - weil sie es sich angewöhnt haben, alles
in dem Moment zu teilen, wenn sie den Gedanken oder 
das Gefühl haben. ...
SPIEGEL: Warum?
Tuckle: Solche Impulse sind in der Geschichte der
Psychologie grundsätzlich nicht unbekannt. Aber bis zu
35.000 Textnachrichten im Monat? Ich habe eine Idee oder 
ein Gefühl, und deswegen schicke ich eine Nachricht an
alle meine Freunde. Ständig, bei jeder Sache, die mir
in den Kopf kommt. ...
SPIEGEL: Ist das nicht schon eine Form von Ob-
session oder Zwangshandlung?
Tuckle: Das ist genau die Frage, die die
Psychologen-Zunft schwer in Aufruhr versetzt. Wenn
jemand mir vor zehn Jahren gesagt hätte, ich rufe
meine Frau 15-mal am Tag an, dann wären das deutliche
Zeichen für eine Zwangshandlung oder für Eheprobleme
gewesen, und eine Therapie wäre angebracht. Aber wenn
Sie heute am Tag mit Ihrer Frau 15 E-Mails oder
Textnachrichten austauschen - das ist ja gar nichts.
SPIEGEL: Also alles ganz normal und kein Grund
zur Besorgnis?
Tuckle: ... vor allem dieser Trend, sich gar
nicht mehr wohl zu fühlen, wenn nicht fast jeder Ge-
danke und jedes Gefühl mitgeteilt werden, lässt sich
eigentlich mit einer narzisstischen Persönlichkeits-
störung in Verbindung bringen.
SPIEGEL: Gleichzeitig fürchten Sie aber, dass uns
die ständige Smartphone-Nutzung einsam macht. Wie passt
das zusammen?
Tuckle: Weil wir die Fähigkeit verlieren, allein mit
uns selbst zu sein. Schauen Sie doch nur mal, was
in einer Schlange an der Supermarktkasse passiert.
Viele Leute sehen aus, als würden sie gleich eine
Panikattacke bekommen, wenn sie mal fünf Minuten 
da stehen sollen. Also holen sie sofort ihr Handy
raus und tippen drauf rum. Meine Güte, es kann doch
nicht so schwer sein, mal ein paar Minuten einfach
nur über das Wetter oder einen Witz oder über eine
Nachricht nachzudenken. Und der nächste Schritt ist
noch extremer. Bislang dachten wir ja wenigstens,
Mobiltelefone wären dazu da, um mit anderen Menschen
zu sprechen. Nun sollen wir uns mit den
Mobiltelefonen selbst unterhalten.
SPIEGEL: Sie meinen zum Beispiel Siri, das
Sprachprogramm des iPhones, das auf Spracheingaben
antwortet.
Tuckle: Hier im US-Fernsehen laufen drei
iPhone-Werbespots, die ich für sehr wichtig halte,
denn sie zeigen, wohin die Reise geht. Im ersten
Clip unterhält sich Samuel L. Jackson in einem
sexuellen Unterton mit seinem iPhone übers Dating.
Im zweiten diskutiert John Malkovich existentielle
Philosophie mit Siri. Und im dritten verbringt
Zooey Dechanel einen verregneten Nachmittag mit
ihrem iPhone und hat dabei viel Spaß.
SPIEGEL: Die Botschaft ist: Du brauchst keinen
Freund, frag dein Handy!
Tuckle: Genau. Ein Telefon, das doch gar nichts
wissen kann, führt dich durch all diese komplexen
Gespräche.
SPIEGEL: Finden Sie das beängstigend?
Tuckle: Total. Weil diese Werbespots wahnsinnig
gut ankommen und es anscheinend niemand verstörend
findet, mit einem Telefon über Dates und Philosophie
zu sprechen.
SPIEGEL: Letztlich ist es doch auch einfach ein
noch nicht ausgereiftes technisches Gimmick.
Tuckle: Das ist der Punkt, der immer nicht
verstanden wird. Es geht nicht darum, wie viel
technisch noch verbessert werden kann, oder darum,
was in der Zukunft noch alles kommt. Ein
Smartphone ist eine Maschine, die kein Mitgefühl
haben kann. Was das iPhone und Siri jetzt bereits
machen, ist, uns beizubringen, wie man sich mit
Robotern unterhält. Das ist wohl die wichtigste
Schlussfolgerung, die wir ziehen müssen.
SPIEGEL: Was sollen wir tun, damit uns diese
Entwicklung nicht entgleitet?
Tuckle: Mir geht es nicht darum, Technologie
schlechtzumachen ... Wir dürfen uns allerdings nicht
vormachen, dass Maschinen einen Platz am Tisch
haben werden, dass sie irgendetwas zu unserer
menschlichen Lebenserfahrung beitragen können.
SPIEGEL: Aber ist es nicht ohnehin zu spät,
die technologische Entwicklung noch in
andere Bahnen zu lenken?
Tuckle: Nein, nein, nein! Ich stemme mich mit
aller Macht gegen die Behauptungen, 
die Katze sei aus dem Sack, und im Nachhinein lasse
sich diese neue Welt nicht mehr nach unserem Belie-
ben formen. Ich bitte Sie! Wie lange gibt es das
Internet? Wie lange Smartphones? Natürlich können
wir Gesetze machen und regulieren. Facebook will
alles für sich behalten, was jemals in deinem Leben
passiert ist. Google archiviert alle Suchanfragen,
die jemals abgeschickt wurden. Das alles ist doch
absurd! ... (Wir erlauben) der Technologie, uns zu
steuern. Wir denken nicht wirklich nach, weil wir 
fasziniert sind wie von allem Neuen. Aber wir kön-
nen diese Faszination korrigieren.

Kleine Illustration aus einer Glosse von I. Naber (STB 13.12.12):

Da sitzen also fünf Kommunikationswissenschaftler
(!) in einer Kneipe und schweigen sich an.
Gelegentlich nuckeln sie emotionslos an ihrem
Bier, um postwendend wieder in der kunterbunten
Welt des Entertainment-Wunderkindes zu
verschwinden. Gespenstische Stille am Tisch,
keiner hat dem anderen etwas zu sagen. Warum
auch? Das wahre Leben findet online am
Smartphone statt. ...
    Die Abhängigkeit vom Smartphone wächst von
Tag zu Tag. Niemand anderem schenken wir
noch soviel Aufmerksamkeit und Nähe. Wir wachen
einen Meter neben unserem Smartphone auf.
Wir tragen es den ganzen Tag an unserem Körper
und streicheln es alle paar Minuten, um
unseren Kommunikationsdurst online zu stillen.
Wir blicken kurz vor dem Einschlafen nicht
mehr in Bücher, sondern auf den Bildschirm
unseres Allerliebsten. Was für eine romantische
Liebesbeziehung.

0.5 Nur scheinbar "phatisch"

Jede Sprachfunktion (die in der "Alternativ-Grammatik" beschrieben wird) kann man wörtlich oder übertragen einsetzen. Also auch phatisch. Das hieße: Da bemüht sich ein Sprecher anscheinend - wörtlich - um die Gesprächsverbindung; es gibt aber Indizien, dass er damit was ganz anderes meint. - Was man dabei meinen kann, das ist vermutlich unterschiedlich. Derartige Beobachtungen können hier ja addiert werden.

Eindruck aus Bundestagsdebatten: Eine hitzige Rede wird
gehalten. Redner/in vertritt mit Verve, seinen/ihren
Standpunkt, auch an der Körpersprache abzulesen. Und
auffallend häufig darin der Vokativ: "Meine Damen und
Herren". - Nur um das Parlament daran zu erinnern, dass
nun eine Rede an es gerichtet wird, muss man den
Vokativ nicht derart häufig einsetzen. Auch nicht, weil
etwa mehrere am Einschlafen gehindert werden müssten.
Stattdessen - schließlich sind auch Funk und Fernsehen
zugeschaltet - scheint die Mehrzahl der Vokative zu
heißen: "Ich mach jetzt eine Unterbrechung, da
solltet Ihr - mindestens die eigene Fraktion - alle
mal kräftig klatschen!" 

0.5.1 'Sprecher = Partner': Selbstgespräche

Nur scheinbar ein Dialog sind Selbstgespräche. Sind sie folglich nutzlos? - Nein, meint ein Beitrag auf SPIEGEL-online (30.9.2013). Auszüge:

"Morgens unter der Dusche, im Stau auf der Autobahn,
beim Joggen durch den Park: Jeder Mensch führt ab und
an Selbstgespräche - in seinem Kopf oder auch laut.
Was manchmal irre wirkt, ist dabei in den meisten
Fällen kerngesund.
Schon Kinder sprechen den ganzen Tag zu sich selbst,
sortieren Gedanken und reflektieren Geschehnisse. Nach
und nach hören sie auf, ihre Gedanken für sich laut
zu artikulieren, ohne jedoch das eigentliche Gespräch
mit sich selbst aufzugeben. Erwachsene schließlich
führen meist innere Monologe; auch das ist eine Form
des Selbstgesprächs.
Singles und Einzelkinder greifen am ehesten auf die
stille Unterhaltung zurück, die oft Lücken
füllt. 'Manche Menschen sprechen mit ihren Haustieren,
wenn sie sich allein fühlen, andere gehen 
innere Bindungen mit fiktiven Fernsehcharakteren ein
und wieder andere sprechen mit sich selbst', 
erklärt die Psychologin Corinna Reichl vom
Universitätsklinikum Heidelberg. Während eines 
Selbstgesprächs seien im Gehirn die gleichen Regionen
aktiv wie bei einem tatsächlichen Dialog.
Dies könne zu dem vorübergehenden Gefühl führen, in
eine soziale Interaktion eingebunden zu sein, 
erklärt Reichl zusammen mit Kollegen im Fachmagazin
'Personality and Indidivual Differences'.
... In Verbindung mit Einsamkeit können häufige
Selbstgespräche ein Risikofaktor sein. ...  'Ein 
bestimmtes Ausmaß an Selbstgesprächen könnte sogar
ein Krankheitsanzeichen sein', sagt Reichl.
Vor allem Menschen mit Depression oder Angststörungen
führten viele negativ getönte, interne Konversationen.
Dennoch: 'Selbstgespräche sind in einem angemessenen
Rahmen ganz und gar nicht schlecht', betont Reichl.
Sie dienten etwa dazu, sich selbst zu organisieren.
Mit den Monologen würden Menschen soziale Interaktionen
simulieren, etwa im Kopf durchspielen, wie ein
anstehendes Gespräch verlaufen könnte oder sich
erinnern, was man in einer vergangenen Unterhaltung
gesagt und gedacht hat.
'Soziale Einschätzung' nennen Forscher ...
unterscheiden noch drei weitere Inhalte, die ein
innerer Monolog haben kann. Die Kritik an der
eigenen Person ist einer davon. Aber auch sich selbst 
Anweisungen zu geben, was man sagen oder tun sollte,
ist ein Thema in Selbstgesprächen, ebenso wie die
Selbstbestärkung, wenn etwas gelungen ist. 


0.6 Verkorkste Gesprächsbeziehung: Bewerbungsgespräche

Auf der Basis recherchierter Erkenntnisse eine satirisch überhöhte Beschreibung von Praktiken bei Bewerbungsgesprächen. Derartiges ist das Gegenteil einer guten Gesprächsbasis. "Irrenhaus" = Firma, bei der man sich beworben hatte. Aus SPIEGEL-online (29.11.2012)

Warum muss ein Bewerber auf die Minute pünktlich sein?
Damit ihn die Firma gebührend warten lassen kann! Etwa
jedes dritte Vorstellungsgespräch beginnt verspätet.
Und etwa jeder dritte Chef geht garantiert ohne
Vorurteile ins Gespräch - weil ihm der Lebenslauf des
Bewerbers so fremd ist wie die südliche Tundra. Deshalb
sucht er intensiven Blickkontakt während des Gespräches:
mit dem Lebenslauf vor ihm auf dem Tisch.
Aber wehe, der Bewerber hat sich nicht vorbereitet! Er
muss die Geschichte der Firma mindestens so gut
beherrschen, dass er die 350-seitige Firmenmonographie,
ginge sie verloren, sofort im Wortlaut rekonstruieren
könnte. Alle Umsatzzahlen der letzten fünf Jahre muss
er wie im Schlaf aufsagen und die Namen der Firmenbosse
wie die Thronfolge einer Monarchie runterrattern können.
Irrenhäuser lassen den Bewerber spüren, dass er etwas
von ihnen will, sie aber nicht von ihm. Zum Beispiel
bestätigen sie den Eingang einer Bewerbung frühestens
dann, wenn das Dokument aufgrund seines Alters fürs
Völkerkundemuseum interessant wird - gefühlte 150
Jahre später.
... Als Wissenschaftler der Universität Konstanz 528
fiktive Online-Bewerbungen verschickten, eine Hälfte
unter deutschen Namen, eine Hälfte unter türkischen,
war das Ergebnis erschütternd: 28 Unternehmen gaben
den jungen Wirtschaftswissenschaftlern "Tobias
Hartmann" und "Dennis Langer" eine positive Antwort
- während sie "Fatih Yildiz" und "Serkan Sezer" nicht
mal absagten. Die Chancen, den Job zu bekommen, lagen
für Tobias und Dennis in kleinen Unternehmen um ein
Viertel höher, insgesamt immer noch um 14 Prozent -
bei exakt der gleichen Qualifikation. Die
Treffsicherheit einer Personalauswahl, die den Namen
zum Entscheidungskriterium erhebt, mag man sich
eigentlich gar nicht vorstellen.
Die ideale Irrenhaus-Antwort verbindet Peitsche und
Zuckerbrot. Die Firma bedankt sich bei dem Bewerber
für sein Interesse. Und damit dieser Dank auch
glaubwürdig rüberkommt, teilt sie ihm mit, dass er
seine Anfahrtskosten zum Vorstellungsgespräch selbst
tragen und bitteschön ein polizeiliches
Führungszeugnis mitzubringen habe.
... Ruppig verlaufen können Vorstellungsgespräche
auch sonst: Einige Irrenhaus-Direktoren glauben,
eine unverschämte Frage sei keine Unverschämtheit
mehr, wenn man sie zum Teil eines Stressinterviews
erklärt. Zum Beispiel wurde eine Softwareentwicklerin
gebeten: "Können Sie mal ausnahmsweise eine kluge
Antwort geben?" Und von einem Versicherungsmathematiker
wollte man wissen: "Warum hält Ihr jetziger Chef Sie
für so unfähig, dass er Sie nicht befördert?"
Etliche Bewerber haben mir berichtet, dass sie in
Konzernen mit amerikanischer Wurzel wie Zirkus-Äfflein
von Büro zu Büro geschleppt wurden, damit sie jeder
potentielle künftige Kollege ein paar Minuten beglot-
zen, befragen und mit offenem Feedback beleidigen
durfte ("Einen Exzentriker wie Sie kann ich mir in
unserem Team überhaupt nicht vorstellen!"). Solche
Konfrontationen werden nur deshalb "Vorstellungsge-
spräche" genannt, damit Amnesty International nicht
auf falsche Ideen kommt.
Ein Bewerber, der oft gewechselt hat, gilt bei
Irrenhäusern als sprunghaft. Ein Bewerber, der
seiner Firma seit Jahrzehnten treu ist, gilt als
unbeweglich. Ein Bewerber, der viel redet, gilt als
vorlaut. Ein Bewerber, der wenig redet, gilt als
verstockt. Ein Bewerber, der vorzüglich studiert
hat, gilt als "Theoretiker". Ein Bewerber, der
nicht vorzüglich studiert hat, gilt als
intellektuelle Nullnummer…  Irrungen und Wirrungen.
Der Artikel ist ein gekürzter Auszug aus
Martin Wehrles Buch "Ich arbeite immer noch in
einem  Irrenhaus".

0.6.1 Verkorkste Gesprächsbeziehung: Tschick

aus W. Herrndorf, tschick. 2014, Hamburg, 36. Aufl. S.154:

Mit Kanister und drei Schläuchen machten wir uns
auf den Rückweg.
"Was wollt ihr wirklich damit?", rief das Mädchen
uns hinterher.
"Du nervst."
"Habt ihr was zu essen?"
"Sehen wir so aus?"
"Ihr steht wie Spasis aus."
"Du wiederholst dich."
"Habt ihr Geld?"
"Für dich oder was?"
"Ohne mich hättet ihr die nie gefunden."
"Hol dir einen drauf runter."
Tschick und das Mädchen beharkten sich noch, als wir
schon fast außer Rufweite waren. Er drehte sich immer
wieder um und brüllte von den Müllbergen zurück.
Ich hielt mich da lieber raus.

0.7 Allgemein - Dialog-Muster für "Sprechkontakt vernachlässigen": Politik

Auf politischer Ebene wird zuweilen erkannt, dass bestimmte Entscheidungen notwendig wären. Da sie jedoch unpopulär sind, d.h. Opfer, Einschnitte erfordern, werden die Maßnahmen ausgesetzt, erst recht vor Wahlen. Ein solches Verhalten beurteilt der Philosoph Jürgen Habermas als undialogisch, als Missachtung der Partner = Bürger. Aus SPIEGEL 32/2013:

"Wenn eine politische Lösung vernünftig ist, sollte
sie einem demokratischen Wählerpublikum zuzumuten
sein. Und wann, wenn nicht vor einer Bundestagswahl?
Alles andere ist bevormundende Verschleierung. Die
Unterschätzung und Unterforderung von Wählern ist
immer ein Fehler. Ich halte es für ein historisches
Versagen der politischen Eliten in Deutschland, wenn
sie weiterhin die Augen schließen und so tun, als
wäre business as usual, also kurzsichtiges Gerangel
über Kleingedrucktes hinter verschlossenen Türen,
die Antwort der Stunde.
   Stattdessen müssten sie ihren unruhig gewordenen
Bürgern, die als Wähler niemals mit europäischen
Fragen von Gewicht konfrontiert worden sind, reinen
Wein einschenken. Sie müssten einen unvermeidlich
polarisierenden Streit über Alternativen, von denen
keine kostenlos zu haben ist, offensiv führen. Sie
dürften auch nicht länger über die negativen
Umverteilungseffekte schweigen, die die 'Geberländer'
im eigenen langfristigen Interesse kurz- und
mittelfristig für die einzige konstruktive Lösung
der Krise in Kauf nehmen müssten."

0.7.1 Politik: Sprechkontakt erwünscht oder nicht? - Visum

In viele Staaten kann man nur einreisen und sich dort aufhalten, wenn man ein Visum im Reisepass vorweisen kann. Die Praxis der Erteilung eines Visums weckt bisweilen Irritationen und die Frage, ob man nicht doch eher zuhause bleiben solle. Einzelakte und ihre Effekte - am Beispiel der Vergabepraxis einer Weltmacht:

                                                                  Implizierte Effekte/Fragen
Um ein Visum zu erhalten, benötigt man eine offizielle            Einem Einzelreisenden wird also von 
"Einladung" einer Institution aus dem Einreiseland.               von vornherein misstraut. Nicht dessen
                                                                  Wille/Bereitschaft zählt, sondern es
                                                                  muss die Initiative aus dem Reiseland
                                                                  ergehen. 
                                                                  Gilt nun die "Einladung" (vgl. Schreiben)
                                                                  oder die Erschwernis des Zugangs?          
Die online-Beantragung enthält die Frage, ob man früher           In Zeiten der elektronischen Speicherung
schon im Zielland gewesen war. Angenommen, das war der Fall       ist eine derartige Frage eine pure Schi-
und ebenso angenommen, in der Zwischenzeit hatte man einen        kane. Heißt die implizierte Botschaft:
neuen Pass bekommen, dann ist man nicht in der Lage, die ge-      Wir als Zielland sähen es lieber, wenn
nauen Zeiten der früheren Reise zu rekonstruieren: das elektro-   Du nicht kommst?
nische Antragsprogramm blockiert.                  
Um das Visum zu erhalten, muss man den Pass ca. 2 Wochen aus      D.h. bürokratisch gesehen soll man hierzu-
der Hand geben und zum Konsulat schicken, nur damit dort eine     lande 2 Wochen als "Nichts" herumlaufen,
Seite mit der Bewilligung eingeklebt werden kann.                 als jemand, der sich im Bedarfsfall nicht
                                                                  ausweisen kann.

Nimmt man hinzu, dass die Antrags-Webseite schroff formuliert ist, die eingebaute Hilfe-Funktion einen mit einer Masse an vorgelesenem Text überflutet, so ist der Gesamteindruck: abweisend, das Gegenteil von phatisch.

0.7.2 Politik: Verhandeln ohne Beziehung?

SPIEGEL 10/2015 zum Verhältnis Israel - USA:

"Netanyahu aber auch viele Israelis halten die
US-Regierung für zu naiv, was die Verhand-
lungen mit Iran, den Friedensprozess mit den
Palästinensern und den Revolutionen in der
arabischen Welt angeht. Die US-Regierung ist
dagegen enttäuscht über das Scheitern der
Friedensbemühungen im vorigen Jahr.
Die israelische Seite hinterließ den Eindruck,
an einer Lösung nicht wirklich interessiert
zu sein - und brüskierte damit die Amerikaner.
Kerry warf Israel vor, auf dem Weg zum
'Apartheidstaat' zu sein, und gab den Israelis
die Hauptschuld am Misserfolg." 

0.7.3 Politik: Beziehung herzustellen kann dauern...

SPIEGEL 31/2015 zum Beitrag des deutschen Botschafters in Teheran zur Lösung des Problems: Besetzung der US-Botschaft 1979/81.

"Um die Ajatollahs für einen Kompromiss zu
gewinnen, machte der findige Ritzel
(=Botschafter) eine Reise zu einem geistlichen
Führer der heiligen Stadt Maschhad. Höflich
bat er darum, ihm die Begriffe 'Wahrheit',
'Gerechtigkeit' und 'Gastfreundschaft' aus
islamischer Sicht darzulegen.
   Nach drei Tagen religiös-philosophischer
Debatten fragte der Ajatollah den Besucher,
warum er wirklich gekommen sei. Ehrliche Aus-
kunft Ritzels: Er suche Argumente für die
Freilassung der Geiseln. 'Ich werde das
bedenken', erwiderte der Geistliche. Wenig
später erschien ein Bote bei Ritzel mit
einem Dokument des Geistlichen für Khomeini,
das die Geiselnahme indirekt missbilligte.
Noch Jahre später lobte Genscher den Diplo-
maten, der den 'Boden für das Vertrauen' in
die Bundesregierung bereitet habe."

0.7.4 Politik: 2015 - Syrienkonflikt

PolitikerInnen können die Augen nicht verschließen, angesichts derart gewaltiger Flüchtlingsströme aus Syrien. Was sind ihre Handlungsoptionen?

  • Angesichts der im Nahen Osten wühlenden IS-Kämpfer - wer finanziert die eigentlich? - scheidet ein militärisches Eingreifen schnell aus: in einen langwierigen und verlustreichen Guerillakrieg will man nicht verwickelt werden;
  • nichts zu tun heißt: akzeptieren dass, die dortige Gewalt und die Flüchtlingsströme weitergehen.
  • Die USA lehnen Gespräche mit Syriens Präsident Assad ab, fordern seinen Sturz, mit ihm könne es keine "Zusammenarbeit" geben. Unter dem Thema "Dialog" mehrere Implikationen:
    • "Gesprächsverweigerung" = Gesprächskontakt wird zurückgewiesen. Das wird unterstrichen durch die Hoffnung auf einen Sturz Assads. D.h. als möglicher Kommunikations-PARTNER kommt diese Figur nicht infrage.
    • Schon hier ist der mögliche Lösungsweg "Dialog" geplatzt.
    • Assad mag zwielichtig sein, aber das eigentliche Thema ist der IS-Terrorismus.
    • Die USA scheinen "Dialog" und "Zusammenarbeit" gedanklich nicht zu trennen. Ein Dialog ist zwar eine kommunikative Kooperation, dient aber zunächst nur zur Verständigung, Klärung der Positionen, vielleicht auch schon der Bestimmung gemeinsamer Handlungsziele. Eine "Zusammenarbeit" im eigentlichen Sinn ist das noch nicht. Die könnte sich allenfalls anschließen, müsste eigens beschlossen und auf den Weg gebracht werden.
    • Politik hat es in aller Regel mit Vertretern von Interessengegensätzen zu tun. Das ist normales Tagesgeschäft. - Sich nur unter Verbündeten zu bewegen und sichs dort wohlsein lassen, sollten Politik-Aspiranten nicht als Perspektive wählen.
  • Mit ihrer Position zum Thema "Dialog" lähmen sich die USA selbst: Welchen Beitrag wollen sie zur Bewältigung des Nahost-Problems leisten?

Insofern ist es überfällig, wenn BK Merkel und andere das Thema "Dialog" ins Spiel bringen. Vgl. [3]

0.7.5 Politik: 2016 - BP Gauck in China

Darf der Staatsgast auch substanzielle Kritik üben - Menschenrechte, Demokratiedefizite -, oder läuft dies unter 'Einmischung in innere Angelegenheiten' - mit der Gefahr, vorzeitig nach Hause geschickt zu werden? Kann also phatisch aufgebaut und gesichert werden - trotz Kritik? - Anscheinend hat sich der BP ganz raffiniert verhalten: [4]

0.7.6 Kriegskinder - ältere und jüngere

aus: S. Bode, Die vergessene Generation. Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Stuttgart 2015, 26. Aufl. S.285f. - Angesichts traumatischer Ereignisse - wer bleibt gesprächsfähig, -bereit (=phatisch) - was dann aber auch heißt, ein Thema zuzulassen, nicht wegzuschieben -, oder wer fühlt sich gezwungen, den Kontakt abzubrechen?

"Nachdem ich einige dramatische Fälle von
Menschen mit unverarbeiteten Kriegstraumata
vorgestellt hatte, waren die Ersten, die sich
aus dem Publikum zu Wort meldeten, in der
Regel zwischen 1928 und 1933 Geborene. Sie
sagten, man könne mir im Wesentlichen nur recht
geben, die Zeiten seien schrecklich gewesen,
aber im Grunde habe man dies alles 'sehr ordent-
lich' gemeistert. Das heißt: Sie identifizierten
sich in keiner Weise mit denen, deren Schicksal
gerade zur Sprache gekommen war, und sie schil-
derten zur Bestätigung ihrer Aussage eigene
dramatische Erlebnisse, immer mit dem Zusatz,
man habe sie gut bewältigt.
   Wenn Besucher keinerlei Empathie für jene
Kriegskinder erkennen ließen, die im Alter unter
den Spätfolgen litten, konnte es geschehen, dass
in den hinteren Reihen drei Menschen aufstanden
und die Veranstaltung verließen. Später wurde
mir klar, wer sie waren und warum sie gerade
diese Art der Wortmeldungen nicht ertrugen.
Es handelte sich um 'jüngere Geschwister'.
Offenbar hörten sie einen Subtext, der lautete:
Wer heute noch an Kriegserlebnissen leidet, ist
selbst schuld und grundsätzlich labil veranlagt."

N.B. "Subtext" ist nichts anderes als unsere "Übertragene Bedeutung", vgl. [5]. Es können derart indirekt eben nicht nur interessante poetische Zusatzakzente übermittelt werden, sondern auch 'Verachtung, Hochnäsigkeit und Unlust, sich an einem Dialog zum Thema zu beteiligen.'

0.7.6.1 Politik: BRD - Sowjetunion

Kontaktknüpfung durch ehemalige Kriegskinder, -jugendliche: [6] - beachte v.a. den Beitrag von Gorbatschow.

0.7.6.2 Politik: BK Kohl

aus einer Würdigung anlässlich seines Todes (SPIEGEL 26/2017 33):

"Helmut Kohl wusste, dass es nicht reicht recht zu haben.
Er wusste, dass Menschen mit ihren Ideen und Vorschlägen
unendlich viel glaubhafter wirken, wenn man ihre Zugewandtheit
spürt oder sich sogar ein wenig Zuneigung erahnen lässt. Es
hat nichts mit Können zu tun, es ist eine Gabe, die Kohl
besaß: Er zählte zu den Staatsmännern mit einem ausgeprägten
Gefühl dafür, ob die Chemie stimmt oder eben nicht. Und das
persönliche Gespräch mit anderen Mächtigen, das Verfertigen
der Gedanken beim Reden, das auf Empathie und sachlicher
Ehrlichkeit gegründete Verhandeln mit Partnern war seine
Kunstform. Es scheint, er wandte sie nur auf Menschen an,
die er für gleichrangig erachtete, während er andere auch
brutal malträtieren konnte; als Außenpolitiker zeigte er
diese abgründige Seite nicht."

0.7.7 Sprechkontakt stören

Dass das während einer laufenden Rede ungehörig ist, darauf muss hie und da sogar die Bundeskanzlerin hingewiesen werden. Vgl. [7].


0.7.8 Psychoanalyse - Diplomatie

aus: E. Drewermann, "Luther wollte mehr". Der Reformator und sein Glaube. Im Gespräch mit Jürgen Hoeren. Freiburg i.B. 2016.

(194) "Beim Therapeuten kostet die Stunde zwar inzwischen 120 Euro,
aber man ist bereit, das zu zahlen, weil zur psychotherapeutischen
Grundregel etwas gehört, das die beste Umschreibung für den rätsel-
haft gewordenen Begriff Gnade darstellt. Sigmund Freund um 1895 kam
im Umgang mit seelisch Kranken rein praktisch darauf, dass, wenn
man Menschen helfen will, man eine Reihe von Dingen am besten lassen
sollte. Dazu gehört, dass man sie nicht länger mehr moralisch ver-
urteilt und bewertet. Die Frage ist also nicht mehr: Was ist gut,
was ist böse? Oder wie füge ich den anderen in die Norm ein? Es geht
auch nicht länger um Kategorien wie leistungsstark und schwach, es
geht auch nicht um ästhetisch schön oder hässlich, es geht nicht um
'mir genehm' oder 'nicht genehm'. Um einem anderen gerecht zu werden,
muss ich ihn akzeptieren, wie er ist."
(294) "Man müsste im gleichen Atemzug auch lehren, wie man den ver- 
meintlichen Feinden so zuhört, dass sie sich verstanden fühlen. Egon
Bahr konnte das einmal sagen: 'Diplomatie ist die Fähigkeit, dem
anderen die Wahrheit, die er ganz bestimmt nicht hören will, so zu
sagen, dass er sie versteht.'
   Gerade im Sinne Martin Luthers sollte man von den uns Regierenden
erwarten, dass sie miteinander reden und den Krieg hinter sich
lassen, der nichts weiter ist als die Ersatzsprache ausgefallener
Gespräche."

0.8 Chöre

... kennt man aus der Musik - in vielen Formen, mehrstimmig, einstimmig, als Kanon/Fuge, das Agieren mehrerer Chöre gegeneinander.

Aber man kann in gleicher Weise auch chorisch Sprechen - auf der Theaterbühne, bei Demonstrationen, in der Fankurve des Fussballstadions. Bei Parteiveranstaltungen wird häufig betont, man wolle "mit einer Stimme sprechen", ein "Bild der Geschlossenheit abgeben". Auch Resolutionen sind eine Form von chorischem Sprechen, am besten noch bekräftigt durch das gemeinsame Singen der Parteihymne oder des Deutschlandliedes.

Immer ist das eine Demonstration von Einigkeit, die mit Nachdruck anderen entgegengehalten wird. Phatisch im Sinn von bestehendem Gruppenkonsens.

0.9 "Ich - Du"

ist etwas qualitativ Anderes als "Ich - Es" - nach Martin Buber, vgl. [8]

0.9.1 "Höflichkeit"

Vgl. [9] - darin die Zitate von den Buchseiten im Bereich 319-332. "Höflichkeit" ist sicher eine Bemühung, den Gesprächskontakt aufrecht zu erhalten.

1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Teilakte

Beispiele: (bitte ergänzen!)

Sprechkontakt herstellen: "Wenn ich Sie um Ihre Aufmerksamkeit bitten dürfte..." Bei Ansprachen wird diese Redewendung häufig verwendet um Kooperationsbereitschaft zu sichern.

Sprechkontakt sichern: "Hörst du mir überhaupt zu?" Diese Zwischenfrage dient zur Überprüfung ob in einem Gespräch noch Kooperationsbereitschaft besteht.

Sprechkontakt beenden: "Als abschliessende Bemerkung..."

Sprechkontakt vernachlässigen: "Wie dem auch sei, ..." Ein Thema wird verworfen, meistens ohne Abgeschlossenheit, und ein anderes aufgegriffen. Irrelevanz des letzten Redebeitrags (seitens des aktuellen Sprechers oder eines Vorredners) wird impliziert.

eingreifend: "Um die Sache auf den Punkt zu bringen..." Wenn der Sprechkontakt wegen mangelnder Relevanz oder aus quantitativen Gründen zu enden droht.


1.2 Politische Rede

Auf die Ebene der Pragmatik gehört, dass eine ganze Rede die genannten Funktionen haben kann, also kaum mehr realisiert als die phatischen Funktionen. Als Beispiel diene die Rede der Bundesministerin Ilse Aigner (14.9.2010) im Bundestag, mit der sie den Haushaltsentwurf ihres Ressorts in die Beratungen zum Bundeshaushalt 2011 einbrachte. Die Rede selbst ist - fachlich betrachtet - weitgehend inhaltsleer. Man muss annehmen, dass die relevanten Inhalte in der dazugehörenden Drucksache stehen und dort von den Abgeordneten geprüft werden konnten. Folglich hat die Rede die Funktion, die Abgeordneten Verständnis weckend auf die nötige Abstimmung einzustimmen; vor der (Fernseh-)Öffentlichkeit ist die Rede zudem eine Gelegenheit, dass sich die Ministerin samt ihrem Haus präsentiert und als seriös und verantwortungsbewusst in Szene setzt.

Das daraus resultierende Problem wird in [10] beschrieben:
Wer sich als Kommunikationspartner (eigene Seriosität,
Verantwortungsbewusstsein) zum Thema macht, signalisiert,
dass dies wohl nötig sei. Zweifel am Zutreffen dieser
edlen Tugenden werden also eher geweckt, als abgebaut.

Folgende Merkmale lassen sich beobachten:

Selbststilisierung: Verlässlichkeit wird betont:
"wir setzen den Koalitionsvertrag um: Punkt für Punkt."
Zuversicht (trotz Kürzungen) wird verbreitet:
"Wir sparen nicht an der Zukunft". -
Kooperationsbereitschaft:
"An der gemeinsamen Kraftanstrengung (=Haushalts-
konsolidierung) arbeiten wir aktiv mit." -
Persönliches Engagement: "Ich bin persönlich der festen
Überzeugung...", "Mein Leitsatz ist ...",
"Mir lag das sehr am Herzen". - 
Unermüdliche Entschlossenheit: "Wir werden
das Problem der ... Telefonwerbung angehen". - 
Klare inhaltliche Orientierung: "Das
schreibe ich mir auf die Fahnen. Das ist
mein Einsatz. Das ist mein Programm für ...
Wir arbeiten an einem Gesamtkonzept".  -
"Außerdem haben wir drei klare Ziele."
Prioritäten: "Ganz oben
auf unserer Liste steht ..."
Sprechkontakt sichern: Mehrfache Anrede
"Liebe Kolleginnen und Kollegen".
- Ein Teil des hohen Hauses wird explizit gelobt:
"Ich danke den Koalitionsfraktionen für Ihre (!)
konstruktive Mitarbeit." - "mit dem
Regierungsentwurf haben wir viel erreicht.
Der Koalitionsvertrag hat die Richtung vorgegeben."
Sprechkontakt gefährden: "Sie wissen es
vielleicht: Das Prinzip der Nachhaltigkeit
stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft".
- Warum: "Sie wissen es  vielleicht" - das
vielleicht rechnet damit, dass manche es
nicht wissen. Das ist rhetorisch unklug. Die
Rednerin begegnet diesen Menschen als Ober-
lehrerin, die den armen Unwissenden auf die
Sprünge hilft. Das enthält das Potenzial, dass
sich einige der Zuhörer auf den Schlips
getreten fühlen. Klüger wäre eine
captatio benevolentiae: "Wie Sie wissen" -
dann können sich auch die zur großen Gruppe
der Wissenden zählen, die die aktuelle These
nicht kennen, sie haben nun aber die
Chance sich - ihr FACE wahrend - zu verstecken.
Sprechkontakt beenden: Am Schluss: "Vielen Dank"

Nebenbei bemerkt: Die Häufigkeit - vgl. den ersten Punkt -, mit dem auf "wir/ich" verwiesen wird, lädt die Rede heftig mit Emphase auf - dem Gegenteil einer sachlich adäquaten Darlegung. Man arbeitet aktiv mit. Ginge es auch inaktiv? Kaum. Also wieder ein "weißer Schimmel". "Gesamtkonzept" - ein Lieblingswort von Politikern und Journalisten: das suggeriert, dass man den Durchblick und alles im Griff hat. Dem dienen auch die Prioritäten, natürlich sind es klare - ein Klischee. - Ein solcher Politikersprech will mit heißer Luft beeindrucken, informiert aber nicht. Man soll die Rednerin und ihr Haus als tolle Kommunikationspartner sehen, ohne dass - zumindest in der Rede - offengelegt wird, was die eigentlich wollen und machen.

1.3 Papstbesuch

Im Vorfeld des Besuches von Benedikt XVI. (Herbst 2011) in Deutschland zeigen Interview-Äusserungen, dass ein konstruktiver und kritischer Dialog nicht möglich sein wird. Denn die Vorbedingung, dass man sich als vollgültigen Gesprächspartner akzeptiert, scheint nicht gegeben. Damit ist im Vorfeld schon klar, dass reformwillige Katholiken leer ausgehen werden. Beispiele:

Notker Wolf (Abtprimas der Benediktiner) bezeichnet
die Reformwünsche deutscher Katholiken als
partikulär. Ihnen fehle der weltkirchliche
Horizont: 
Im Klartext: Deutsche Gesprächspartner sind beschränkt,
insofern inakzeptabel
Paul Egon Cordes (Kurienkardinal) verweist auf
die Meinung der Italiener zu den hohen Kirchen-
austrittszahlen in Deutschland. In Italien verstehe
man nicht, dass man aus der Kirche austreten könne
- schließlich sei man doch getauft. Außerdem beklagt
Cordes ein "Klima der Spaltung". 
Im Klartext: die deutschen Querelen sind abseitig,
nicht ernstzunehmen. Ein Dialog im Vollsinn wird
nicht möglich sein.
Cordes spricht einen katholischen Katechismussatz
nach, weigert sich damit zur Kenntnis zu nehmen,
dass nach deutschem Recht der Austritt aus der
Institution Kirche sehr wohl möglich ist. Zudem
ist Kirchenmitgliedschaft und innere Einstellung
(Glaube) nicht dasselbe.
Erzbischof Woelki (Berlin) bittet um "Respekt für
das katholische Kirchenoberhaupt". 
Im Klartext: Der Bischof sieht, dass es - die 'treuen'
Kirchenmitglieder ausgenommen -  keine Gesprächsbasis
gibt. Und die "treuen Katholiken" brauchen nicht
wirklich ein Gespräch zur Bearbeitung von Problemen.
Ihnen genügt der Anlass zum Jubeln, zur blinden
Identifikation mit der Kirchenleitung.
Bundestag (1): Ein großer Teil der Abgeordneten
wird nicht der Papstrede zuhören. Eine Aussprache
ist nicht geplant.
Im Klartext: Die Abgeordneten verweigern sich der
geplanten Einbahnkommunikation, wissen auch von
früheren vergleichbaren Anlässen, dass ein offener
Dialog  nicht möglich sein wird. 
Die Fernbleiber haben Anlass zur Annahme, dass die
Papstrede inhaltlich nichts Anregendes,
Nachdenkenswertes enthalten werde. Die Positionen
der Amtskirche kennt man.
Bundestag (2): Die Kritik am Zustandekommen der
Bundestagsrede wird von seiten des Präsidiums damit
gekontert, dass der Papst ja Oberhaupt eines Staates
sei. Protokollarisch stimmt das. 
Im Klartext: Der Rückzug auf das Thema "Staatsober-
haupt" ist realpolitisch lachhaft und  konzediert,
dass in den Fragen, in denen der Papst ins Leben
der Menschen eingreift (damit auch in den Staat
Bundesrepublik) ein Austausch unmöglich oder
aussichtslos ist.
Mit dieser Argumentation verzichtet der Bundestag
darauf, eigene Themen zur Sprache zu bringen:
Verhältnis Staat - Kirche (noch nicht konsequent
praktizierte Trennung); Diskriminierung der Frauen; 
Sexualfeindlichkeit (Verhütung, Zölibat, Homosexua-
lität); Diskriminierung Wiederverheirateter; Miss-
brauchsfälle in katholischen Einrichtungen, usw.  
Bundestag (3): Um sich allgemeine Reflexionen
zum Verhältnis über "Natur und Vernunft",
"verantwortliche Politik" anzuhören könnte man
viele Philosophen einladen. Was qualifiziert
ausgerechnet einen Papst für dieses Thema?
Jedenfalls bietet seine Institution keine
leuchtenden Beispiele für naturgemäße und ver-
nünftige Positionen - wozu übrigens auch
kommunikative, demokratische Kompetenz gehören
würde. Denn dass einer allein das
unfehlbare und alleinige Wissen besitze, ist
eine vollkommen unkommunikative, absolutistische
Einstellung. Ein solcher Redner müsste erst
geistig abrüsten, bevor er vor einem demokra-
tischen Gremium spricht.

Wenn so von beiden Seiten her schon der Aspekt phatisch, die Aufmerksamkeitsbeziehung gestört ist, damit auch die gegenseitige Anerkennung als ernstzunehmender Gesprächspartner, wird aus dem Besuch vielleicht ein aufwändiges pompöses und rituelles Großereignis. Dominieren wird aber die inhaltliche Leere. Garantiert ist dann nur noch phatisch = Übertragungskanal, also technisch. Das aber ist für einen gelingenden Dialog viel zu wenig. Der von kirchlicher Seite inzwischen häufig vorgebrachte Wunsch nach Dialog (mit der modernen Welt [mit wem genau? In welcher Welt lebt man eigentlich selber?], mit der Jugend, mit den Evangelischen, mit ...) heißt im Klartext: Wir als Amtskirche wollen im öffentlichen Diskurs vorkommen, mitmischen, damit Ihr unsere Meinung übernehmt. Ändern werden wir uns substanziell aber nicht. Das ist Dialog als Augenwischerei.--Hs 08:07, 21. Sep. 2011 (UTC)

1.4 Kafka "Der Prozess"

Oben, unter Ziff. 0.1 gab es den Punkt: 3. PARTNER2 signalisiert Des-/Interesse. In folgendem Ausschnitt aus dem Roman (DTV-Ausgabe von 1998) signalisiert eine Ersatzpartnerin Interesse, die eigentlich wichtige jedoch Desinteresse:

(100f) Als sie, das Handtäschchen leicht schwenkend,
wieder zurückkam, sagte sie: "Ich möchte nur im
Auftrag meiner Freundin ein paar Worte mit Ihnen
sprechen. Sie wollte selbst kommen, aber sie fühlt
sich heute ein wenig unwohl. Sie möchten sie
entschuldigen und mich statt ihrer anhören. Sie 
hätte Ihnen auch nichts anderes sagen können, als
ich Ihnen sagen werde. Im Gegenteil, ich kann 
Ihnen sogar mehr sagen, da ich doch verhältnismäßig
unbeteiligt bin. Glauben Sie nicht auch?"
   "Was wäre denn zu sagen?" antwortete K., der
dessen müde war, die Augen des Fräulein Montag 
fortwährend auf seine Lippe gerichtet zu sehn.
Sie maßte sich dadurch eine Herrschaft schon darüber 
an, was er erst sagen wollte. "Fräulein Bürstner will
mir offenbar die persönliche Aussprache, um 
die ich sie gebeten habe, nicht bewilligen."
"Das ist es," sagte Fräulein Montag, "oder vielmehr,
so ist es gar nicht, Sie drücken es sonderbar scharf
aus. Im allgemeinen werden doch Aussprachen weder 
bewilligt, noch geschieht das Gegenteil. Aber es
kann geschehn, daß man Aussprachen für unnötig hält 
und so ist es eben hier. Jetzt, nach Ihrer Bemerkung
kann ich ja offen reden. Sie haben meine Freundin
schriftlich und mündlich um eine Unterredung gebeten.
Nun weiß aber meine Freundin, so muß 
ich wenigstens annehmen, was diese Unterredung
betreffen soll, und ist deshalb aus Gründen, die
ich nicht kenne, überzeugt, daß es niemandem Nutzen
bringen würde, wenn die Unterredung wirklich 
zustande käme. Im übrigen erzählte sie mir erst
gestern und nur ganz flüchtig davon, sie sagte 
hierbei, daß auch Ihnen jedenfalls nicht viel
an der Unterredung liegen könne, denn Sie wären
nur durch einen Zufall auf einen derartigen
Gedanken gekommen und würden selbst auch ohne
Erklärung, wenn nicht schon jetzt, so doch sehr
bald die Sinnlosigkeit des Ganzen erkennen.
Ich antwortete darauf, daß das richtig sein mag,
daß ich es aber zur vollständigen Klarstellung
doch für vorteilhaft halten würde, Ihnen eine
ausdrückliche Antwort zukommen zu lassen. 
Ich bot mich an, diese Aufgabe zu übernehmen,
nach einigem Zögern gab meine Freundin mir nach.

Nachlesbar auch unter Kapitel 4: [11]. Daneben misslingen die Kontaktaufnahmen mit Fräulein Montag, Vermieterin Grubach und dem Hauptmann. Beachten sollte man den zweitlängsten Satz im ganzen Roman: 67.7 - er fasst in einem sprachlichen Zug zusammen, wie intensiv und zugleich vorsichtig, rücksichtsvoll sich K. um den Gesprächskontakt bemüht hatte - ein auffallend langer Satz. 73.19-24 setzt dem Kontaktaufnahmeversuch verbal ein Ende, letztlich auch dadurch - wie sich 74.37ff herausstellt -, dass Fräulein Bürstner inzwischen das Haus verlassen hat.


Kapitel 9: [12]: Vgl. 139.12-140.15 Ambiente (Privatpredigt im Dom?) und Kontaktaufnahme (Adressierung mit Namen, mit "mächtiger Stimme") sind außergewöhnlich, so dass dieses "phatisch" bereits hierarchisch und bedrohlich eingefärbt ist. - Vgl die Beschreibung der Kontaktaufnahme zwischen Geistlichem und K. durch Joffrey Fitz: [13]


Kapitel 9: [14]: Der Geistliche hatte K. persönlich als einzigen von der Nebenkanzel herab angesprochen, ihm wichtige persönliche, bedrohliche Informationen gegeben - immerhin ist er "Gefängniskaplan". Insofern könnte man annehmen, dass eine gewisse Beziehung zwischen beiden entstanden wäre. Davon spürt man am Ende der Unterredung nichts, vgl 146.25ff. K. bemüht sich mehrfach um die entstandene Beziehung, blitzt jedoch ab: "Warum sollte ich etwas von dir wollen. Das Gericht will nichts von dir". Der Gefängniskaplan hat sich ganz auf die Gegenseite geschlagen.


Der Roman endet in Kapitel 10 [15], Ziff. 157.18-31 mehrfach mit Nicht-Kontakt:

  • von Ferne scheint ein Mensch durch Gesten (Arme ausgebreitet) möglicherweise eine freundlich-hilfsbereite Einstellung anzuzeigen. Aber das bleibt unsicher. K. befindet sich bereits auf der Hinrichtungsstätte.
  • zum ominösen "Gericht" hatte sich die ganze Zeit über kein vernünftiger Kontakt ergeben; dennoch ergeht von dort her das Urteil.
  • diese Defizite auf der Ebene des "plot" werden stilistisch umgesetzt durch eine Fülle von Fragen - die aber keine Antwort mehr erhalten.

1.5 Hitler

Aus dem Gesamtthema interessiert hier nur das Gesprächsverhalten des Diktators. Gestützt auf das Interview mit V. Ullrich (SPIEGEL 41/2013) lassen sich folgende Punkte nennen, allesamt für phatisch einschlägig:

- Im Gespräch, auch mit politischen Gegnern,
  konnte H. als Partner "mit betörendem Charme"
  auftreten, der damit auch den zunächst
  abwehrenden Reichpräsidenten von Hindenburg
  um den Finger wickelte.
- H. verstand es, amüsant zu plaudern und
  konnte durchaus zuhören. Seine Wutanfälle
  waren Inszenierungen, um den/die Partner
  einzuschüchtern. Theatralisch begabt war H.
  ohnehin. Nach solchen Auftritten war H.
  schnell wieder der aufmerksame Gastgeber.
- H. als Redner hatte offenbar ein sehr gutes
  Gespür für seine Zuhörerschaft, dafür, was
  er ihnen zumuten konnte, bzw. für die Grenze
  der Überforderung. Entsprechend baute er seine
  Reden als allmähliche Steigerung auf,
  beginnend: ruhig, tastend, zögernd. Häufig
  standen am Schluss - nach Gebrüll und wilden
  Gesten: frenetische Beifallsstürme.
- Es war ein Wechselspiel: Hitler reagierte auf
  das Publikum, für das er ein Gespür hatte;
  auf dieser Basis stachelte er das Publikum
  weiter an - was wieder auf H. zurückwirkte.
- die Stimmlage in öffentlichen Auftritten war
  vollkommen anders als in privatem Umfeld. In
  letzterem: sehr warme und ruhige Stimme.

1.6 Geschäftsleben

1.6.1 Ohne Krawatte + mit "Du"

Vgl. [16]

2. Einzelsprache: Französisch

2.1 Grundfunktionen

Beispiele:

herstellen: Est ce que je peux vous demander votre attention (Wenn ich Sie um Ihre Aufmerksamkeit bitten dürfte).

sichern: Est ce que tu es en train de m'entendre ou pas?? (Hörst du mir überhaupt zu?).

Beenden: pour en venir à la conclusion (Um zur Konklusion zu kommen).


3. Einzelsprache: Englisch

3.1 Grundfunktionen

Sprechkontakt herstellen: "Hello, How are you?" - Begrüßung informell

Sprechkontakt sichern: "You know what i mean?" - Zwischenfrage, um den Gegenpart mit einzubeziehen

Sprechkontakt beenden: 1. "We’ll see you next time", 2. "Have a nice day"

Sprechkontakt vernachlässigen: "Sorry, but i have to work" - Gespräch auf nette Weise zum Ende leiten


3.2 Heimtückisches Säuseln als schmierige Werbefalle

Kontaktaufnahme, dabei viel Freundlichkeit - allerdings völlig anonym und substanzlos. Zweck: Werbung zu streuen. Folgender Text wurde in der "Alternativ-Grammatik" missbräuchlich platziert - von uns schnell wieder gelöscht und hier zu Demonstrationszwecken analysiert:

I am really enjoying the theme/design of your web site.            
             Über solches Lob freut man sich natürlich.
             Form und Inhalt des Webauftritts seien gut.
             Das Herz des Gesprächspartners geht auf. - 
             Es verwundert allerdings die pauschale
             Aussage. Wer ist "I"? 
             Auf die Thematik der gelobten Webseite wird
             nicht eingegangen. 
             Sender gibt sich nicht zu erkennen. 
  
Do you ever run into any internet browser compatibility problems?   
             Bitte um Hilfe - auch gut für Kontaktaufnahme
             = phatisch, zumal das angesprochene
             technische Problem auch unseren Webauftritt
             betreffen könnte. = Kluge Stimulierung des 
             Adressaten. Dessen Eigeninteresse wird aktiviert. 
A handful of my blog readers have complained about my blog not      
             Verstärkte Aktivierung des Adressaten.
working correctly in Explorer but looks great in Chrome. - 
Do you have any suggestions to help fix this problem?               
             Nochmals Bitte um Hilfe. Schmeichelnder Weise
             ist die eigene Kompetenz, also die des
             Adressaten, gefragt. 
///////////////////////////////////////////////////////             
             Hier wird ursprünglich ein Link genannt, den
             man nun zum technischen Test, ob die Anzeige
             korrekt sei, anklicken soll. 
             Um 'Penis-Vergrößerung' ginge es dabei. Wer
             den Link betätigt, ist schon auf das phatische
             Gesäusel im Vorfeld hereingefallen.

Thanks for one's marvelous posting!                                
             Phatisches Gesäusel geht weiter.
I quite enjoyed reading it, you could be a great author.              
                    dito
I will be sure to bookmark your blog                                   
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             Bitte nicht!
I want to encourage that you continue your great writing,          
             Phatisches Gesäusel geht weiter
have a nice evening!                                               
                    dito  

(Adressat = Leser ist nah am Brechreiz)

Für phatisch bietet der Text einige Illustrationen - eingesetzt allerdings für Unfug. Wer über Grammatik nachdenkt, möchte nicht derartig hinters Licht geführt werden. - Der Text zeigt auch: man kann es mit phatisch zur Meisterschaft bringen - es liegt ja ein raffinierter kommunikativer Trick vor -, dabei allerdings Misstrauen in die zukünftige Dialogbereitschaft säen. Zumindest Skepsis ist gesund und hilft, aufgestellte Fallen rechtzeitig zu erkennen.

4. Literarische Beispiele

4.1 Tolstoj, "Anna Karenina"

Es kann dauern und mühsam sein, bis eine Gesprächsbeziehung zustandekommt.

aus: Lew Tolstoj, Anna Karenina. Hg.v. G. Drohla.insel 2010. S.403:
"Wissen Sie, ich möchte Ihnen etwas sagen",
antwortete Darja Alexandrowna, "sie tut
mir furchtbar leid. Aber Sie leiden nur aus
verletztem Stolz..."
"Vielleicht", sagte Lewin, "aber ..."
Sie fiel ihm ins Wort.
"Aber sie tut mir furchtbar leid, das arme Ding.
Jetzt begreife ich alles."
"Nun, entschuldigen Sie mich, Darja Alexandrowna",
sagte er und stand auf. Leben Sie wohl,
Darja Alexandrowna! Auf Wiedersehen!"
"Nein, warten Sie doch!" sagte sie
und faßte ihn am Ärmel.
"Setzen Sie sich bitte!"
"Bitte, bitte, wir wollen nicht mehr davon reden",
sagte er und setzte sich wieder, 
aber er fühlte zugleich, daß die Hoffnung,
die er längst begraben hatte, wieder in 
seinem Herzen erwachte und sich regte.
"Wenn ich Sie nicht so gern hätte",
sagte Darja Alexandrowna, und Tränen
traten ihr in die Augen, "wenn ich Sie
nicht kennte, wie ich Sie kenne..."
Das Gefühl, das er für tot gehalten hatte,
wurde immer lebendiger, stieg empor und
gewann von neuem Macht über sein Herz.
"Ja, jetzt ist mir alles klar", fuhr
Darja Alexandrowna fort. "Sie können das nicht
begreifen. Ihr Männer könnt frei wählen
und wißt immer, wen ihr liebt. Aber ein 
Mädchen ..."

Wirft man ein Thema wie einen Köder in die Runde - inklusive einiger Begleithandlungen -, ist der Kontakt in der Runde schnell hergestellt:

(570f) Stepan Arkadjitsch trat in den Salon, bat
um Entschuldigung, erklärte, er sei von dem Fürsten
N.N. aufgehalten worden, der ihm immer als
Sündenbock diente, wenn er zu spät oder
überhaupt nicht kam, und machte alle Gäste
in einer Minute miteinander bekannt. Er brachte
Alexej Alexandrowitsch und Sergej Kosnyschew
zusammen und warf ihnen die Russifizierung
Polens als Gesprächsthema hin, in das sie sich
zusammen mit Peszow sogleich verbissen. Er
klopfte Turowzyn auf die Schultern, flüsterte
ihm etwas Komisches zu und setzte ihn zu seiner
Frau und dem Fürsten. Dann sagte er zu Kitty, 
sie sei heute besonders hübsch, und stellte den
jungen Schtscherbatzkij Karenin vor.
In einer Minute hatte er die Gesellschaft wie
einen Teig so gut durchgeknetet, daß die
Stimmung im Salon ausgezeichnet war und die
Stimmen immer lauter und lebhafter klangen.

Anna kann ihren getrennt von ihr, beim Vater lebenden Sohn zum Geburtstag besuchen. Die Freude über die mühsam errungene Kontaktmöglichkeit kann die Themen, die man sich zu sagen hätte, verdrängen. Und auch sonst gibt es manche Störungen in den Gesprächsbeziehungen:

(796f) Als die Kinderfrau ins Kinderzimmer kam,
erzählte Serjosha gerade seiner Mutter, wie er
und Nadenka beim Rodeln mit dem Schlitten
umgekippt waren und sich dreimal überkugelt hatten.
Sie hörte seine Stimme, sah sein Gesicht, sein
Mienenspiel, fühlte seine Hand, verstand aber
nicht, was er sagte. Sie mußte fortgehen, mußte
ihn verlassen - nur dieses eine dachte und fühlte
sie. Sie hörte die Schritte Wasilij Lukitschs,
der an die Tür trat und hustete, sie hörte auch
die Schritte der Kinderfrau, saß aber wie
versteinert da, nicht imstande, etwas zu sagen
oder aufzustehen. ...
Serjosha hielt lächelnd, mit strahlenden Augen,
die Mutter mit der einen, die Kinderfrau 
mit der anderen Hand und stampfte mit seinen
kräftigen nackten Beinen auf dem Teppich 
herum. Er war glücklich, daß seine geliebte
Kinderfrau so zärtlich zu seiner Mutter war.
"Mama, sie kommt oft zu mir, und jedesmal, wenn
sie kommt..." fing er an, stockte aber,
als er bemerkte, daß die Kinderfrau der Mutter
etwas zuflüsterte und auf dem Gesicht der 
Mutter Schreck und Scham zum Ausdruck kam, was
gar nicht zu ihr paßte. Sie ging auf ihn zu.
"Mein lieber Junge!", sagte sie.
Sie konnte nicht 'Lebewohl!' sagen, aber der
Ausdruck ihres Gesichts sagte es, und er ver-
stand es. "Mein lieber, lieber Kutik!" sagte
sie - mit diesem Kosenamen hatte sie ihn ge-
nannt, als er noch ein kleines Kind war.
"Du wirst mich nicht vergessen? Du ..."
Sie konnte nicht weiterreden.
Später fielen ihr so viele Worte ein, die sie
ihm hätte sagen können. Jetzt aber wußte sie
nicht, was sie ihm sagen sollte, und brachte
kein Wort heraus. Aber Serjosha verstand alles,
was sie ihm sagen wollte. Er verstand, daß sie
unglücklich war und ihn liebhatte.

4.2 Kinderbuch - Kontaktaufnahme etwas umständlich

Michael Ende beschreibt in "Norbert Nackendick oder Das nackte Nashorn" (1996) das Problem, dass das Nashorn anderen Tieren den Zugang zum Wassertümpel erschwerte, Tierkinder durften dort nicht mehr spielen. - Was tun? Konferenz der Tiere über jenes Nashorn. Verschiedene Meinungsbeiträge, zuletzt Professor Schlammbohrer, ein Marabu:

"Ich fasse also zusammen", schloß er nach einer
beträchtlichen Weile. "Es handelt sich bei Norbert
Nackendick um eine sogenannte spezifische
urebolane Psymulation der kaurephatomalistischen
Emphysis, welchselbige mit Sicherheit durch
semantische Kommunikation symboturniert oder
sogar zur Gänze extrospinatisiert werden kann." 
Er verbeugte sich und wartete sichtlich auf
Beifall, der aber ausblieb.
"Sehr interessant, lieber Professor!" sagte
Richard Rachenrau und versuchte ein Gähnen 
zu unterdrücken, wobei er sich nachlässig die
Pranke vor das Maul hielt, "sehr interessant,
aber können Sie den Laien unter uns in einfachen
Worten sagen, was wir tun sollen?"
"Je nun - ähäm! - das ist freilich schwierig",
kakelte der Marabu und kratze sich verlegen mit
der Kralle seinen schimmeligen Kopf, "ich habe
ausgeführt, daß man - ähäm - sozusagen
volkstümlich formuliert - ähäm! - einfach einmal
mit dem Nashorn gütig reden müßte, daß man ihm -
ähäm! freundlich erklären müßte, wie unglücklich
es sich in Wahrheit fühlt, dadurch daß es so ist,
wie es ist."
"Versuchen Sie's doch mal!" rief die Hyäne
Gretchen Grausig und lachte.

Bisweilen redet man lieber über jemanden, statt mit ihm. Aber die Tiere - wenigstens sie - ringen sich letztlich zur Kontaktaufnahme durch ... Netterweise ist es der Text selbst, der die Entschlüsselung des Kauderwelschs bietet: die gemeinte Bedeutung.

4.3 H. Fallada, Kleiner Mann - was nun?

4. Aufl. 2012. Berlin. - Kontaktaufnahme auf technischem Kanal, hierarchisch geregelt - und dann auch noch mit Verleugnung:

(139) Das ältliche Fräulein nimmt eine Akte, legt
den Brief hinein, das Telefon schnarrt, wieder die
Schiene hinein, die Akte ins Fach, das Telefon
schnarrt. Das Fräulein nimmt den Hörer und sagt
mit seiner leidenden, gelben Stimme: "Hier das
Personalbüro. Ja, Herr Lehmann ist da. - Wer
möchte ihn sprechen? Herr Direktor Kußnick? -
Ja, bitte, wollen Sie Herrn Direktor Kußnick an
den Apparat rufen! Ich verbinde dann mit Herrn Lehmann."
   Kleine Pause. Vornübergebeugt lauscht das
Fräulein in den Apparat, sie scheint den
Widerpart am anderen Ende der Strippe
gewissermaßen zu sehen, ein ganz zartes Rot färbt
ihre blassen Wangen. Ihre Stimme ist immer noch
leidend, aber ein ganz klein bißchen scharf, als
sie sagt: "Ich bedaure, Fräulein, ich darf Herrn
Lehmann erst verbinden, wenn der Anrufer
am Apparat ist."
   Horchpause. Ein ganz klein wenig noch schärfer:
"Sie dürfen Herrn Direktor Kußnick erst verbinden,
wenn Herr Lehmann am Apparat ist?" Pause.
Stolz: "Ich darf Herrn Lehmann erst verbinden,
wenn Herr Direktor Kußnick am Apparat ist."
Nun geht es rascher, der Ton wird schärfer:
"Bitte, Fräulein, Sie haben angerufen!" -
"Nein, Fräulein, ich habe meine Vorschriften."
- "Bitte, Fräulein, ich habe für so was keine Zeit."
- "Nein, Fräulein, erst muß Herr Kußnick
(140) am Apparat sein." - "Bitte, Fräulein, sonst
hänge ich jetzt ab." - "Nein, Fräulein, das
habe ich oft genug erlebt, nachher spricht
Ihr Herr auf einem andern Apparat. Herr Lehmann
kann nicht warten."
   Sanfter: "Ja, Fräulein, ich sagte Ihnen doch,
Herr Lehmann ist hier. Ich verbinde dann sofort."
Pause. Dann ganz andere Stimme, leidend, sanft:
"Herr Direktor Kußnick ...? Ich verbinde mit Herrn
Lehmann." Hebeldrückend, im Flötenton: "Herr
Lehmann, Herr Direktor Kußnick ist am Apparat -
Wie bitte?" Sie horcht mit ihrem ganzen Leibe.
Schwerkrank: "Jawohl, Herr Lehmann."
Hebeldrückend: "Herr Direktor Kußnick? Ich höre
eben, daß Herr Lehmann zu einer Besprechung
gegangen ist. Nein, ich kann ihn nicht erreichen.
Er ist momentan nicht im Hause. - Nein, Herr
Direktor, ich habe nicht gesagt, daß Herr Lehmann
hier ist, da muß sich Ihre Dame irren. 
Nein, ich kann nicht sagen, wann Herr Lehmann
zurückkommt. Bitte, nein, so was habe ich nicht
gesagt, da irrt sich Ihre Dame. Guten Morgen."
   Sie hängt ab. Sie ist weiter leidend, gelblich,
mit einem ganz klein bißchen Rot. Sie 
scheint Pinneberg etwas aufgekratzter, als sie nun
weiter ablegt, Blätter in Personalakten.
   Scheint ihr gut zu tun, so ein bißchen Stunk,
denkt Pinneberg. Freut sie wohl, wenn die Kollegin
bei Kußnick ein bißchen was aufs Dach kriegt.
Hauptsache, sie sitzt sicher. 
   Das Telefon schnarrt. Zweimal. Scharf. Die Akte
fliegt aus der Hand zur Erde, das Fräulein hängt
am Apparat.
"Ja, bitte, Herr Lehmann? Jawohl. Sofort." Und zu
Pinneberg: "Herr Lehmann läßt bitten."
   Sie öffnet die braune gepolsterte Tür vor ihm.

4.4 J. Jonasson, Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

München 2013. 2. Aufl. - Es kann dauern, bis endlich ein Gespräch in Gang kommt. 2 Beispiele:

Allan saß immer noch auf seinem frisch gestohlenen
Koffer und wusste nicht, was er sagen sollte. Aber
er sah dem Schirmmützenmann in die Augen und
wartete auf dessen Eröffnungszug.
Der kam ziemlich rasch und gar nicht so
unfreundlich, wie man zunächst hätte erwarten mögen.
Eher abwartend. (20)
Julius Jonsson hatte seit mehreren Jahren keinen
mehr zum Reden gehabt, daher kam ihm die Begegnung
mit dem Alten mit Koffer gerade recht. Nachdem es
einen Schnaps fürs erste Knie gegeben hatte und
einen fürs zweite, gefolgt von einem weiteren für
den Rücken und für den Nacken sowie einem für den
Appetit, war man schon in bester Plauderstimmung.
Allan wollte wissen ... (21f)

4.5 Hermann Hesse

aus: Hermann Hesse, Meister-Erzählungen. Stuttgart 1973. 'Aus Kinderzeiten'

(46) "Ich erzählte die Geschichte vom entflogenen
Papagei, die zu den Legenden unseres Hauses gehörte.
Ihr Glanzpunkt war der, dass ein alter Hofknecht
den schönen Vogel auf dem Dach des Schuppens sitzen
sah, sogleich eine Leiter anlegte und ihn einfangen
wollte. Als er auf dem Dach erschien und sich dem
Papagei vorsichtig näherte, sagte dieser:
'Guten Tag!' Da zog der Knecht seine Kappe herunter
und sagte: 'Bitt um Vergebung, jetzt hätt ich fast
gemeint, Ihr wäret ein Vogeltier.'
   Als ich das erzählt hatte, dachte ich, der Brosi
müsse nun notwendig laut herauslachen. Da er es
nicht gleich tat, sah ich ihn verwundert an. Ich
sah ihn fein und herzlich lächeln, und seine Backen
waren ein wenig röter als vorher, aber er sagte
nichts und lachte nicht laut."

Zweierlei "phatisch" ist im Spiel:

  • Sprechkontakt zwischen Vogel und Knecht auf dem Dach.
  • Das "Ich" erzählt dem kranken Freund die Vogel-Episode - die Reaktion des Freundes ist zwar anders, verhaltener, als erhofft/erwartet, aber es gibt Körpersignale, die zu verstehen geben: Was erzählt worden war, ist verstanden worden!

Etwas später misslingt die Kontaktaufnahme:

(49) "Als ich wieder, vermutlich am folgenden Morgen,
in des Brosi Krankenstube stand, hatte seine Mutter
beständig den Finger am Mund und sah mich warnend
an, der Brosi aber lag mit geschlossenen Augen leise
stöhnend da. Ich schaute bang in sein Gesicht, es war
bleich und vom Schmerz verzogen. Und als seine Mutter
meine Hand nahm und sie auf seine legte, machte er die
Augen auf und sah mich eine kleine Weile still an.
Seine Augen waren groß und verändert, und wie er mich
ansah, war es ein fremder wunderlicher Blick wie aus
einer weiten Ferne her, als kenne er mich gar nicht
und sei über mich verwundert, habe aber zugleich
andere und viel wichtigere Gedanken. Auf den Zehen
schlich ich nach kurzer Zeit wieder hinaus."  

'Der Lateinschüler' - in Pubertätszeiten kann die Kontaktknüpfung etwas unbeholfen ausfallen:

(94) "Karl aber verließ sobald wie möglich seinen
Sitz und schritt eine Weile hin und her, bis er neben
der Tine haltmachte.
   'So, sind sie auch da?' fragte er leise.
   'Jawohl, warum auch nicht? Ich habe immer geglaubt,
Sie kämen einmal. Aber Sie müssen gewiß alleweil
lernen.'
   'Oh, so schlimm ist das nicht mit dem Lernen, das
läßt sich noch zwingen. Wenn ich nur gewußt hätte, daß
Sie dabei sind, dann wär ich sicher immer gekommen.' (95)
   'Ach, gehen Sie doch mit doch mit so Komplimenten!'
   'Es ist aber wahr, ganz gewiß. Wissen Sie, damals bei
der Hochzeit ist es so schön gewesen.'
   'Ja, ganz nett.'
   'Weil Sie dort gewesen sind, bloß deswegen.'
   'Sagen Sie keine so Sachen. Sie machen ja bloß Spaß.'
   'Nein, nein. Sie müssen mir nicht bös sein.'
   'Warum auch bös?'
   'Ich hatte schon Angst, ich sehe Sie am Ende gar
   nimmer.'
   'So, und was dann?'
   'Dann - dann weiß ich gar nicht, was ich getan hätte.
Vielleicht wär ich ins Wasser gesprungen.'
   'O je, 's wär schad um die Haut, sie hätt können naß werden.'
   'Ja, Ihnen wär's natürlich nur zum Lachen gewesen.'
   'Das doch nicht. Aber Sie reden auch ein Zeug, daß man ganz
sturm im Kopf könnt werden. Geben Sie Obacht, sonst auf einmal
glaub ich's Ihnen.'
   'Das dürfen Sie auch tun, ich mein es nicht anders.'
...
Als eine Viertelstunde später die Tine sich in der Nähe ihres
Hauses von der letzten Begleiterin verabschiedet hatte und die
kleine Strecke vollends allein ging, trat plötzlich hinter
einem Ahornbaume hervor der Lateinschüler ihr in den Weg und
grüßte sie mit schüchterner Höflichkeit. Sie erschrak ein
wenig und sah ihn beinahe zornig an.
   'Was wollen Sie denn, Sie?'
(96) Da bemerkte sie, dasß der junge Kerl ganz ängstlich und
bleich aussah, und sie mildete Blick und Stimme beträchtlich.
   'Also, was ist's denn mit Ihnen?'
Er stotterte sehr und brahte wenig Deutliches heraus. Dennoch
verstand sie, was er meine, und verstand auch, daß es ihm
ernst sei, und kaum sah sie den Jungen so hilflos in ihre
Hände geliefert, so tat er ihr auch schon leid, natürlich
ohne daß sie darum weniger Stolz und Freude über ihren Triumph
empfunden hätte.
   'Machen Sie keine dummen Sachen', redete sie ihm gütig zu.
Und als sie hörte, daß er erstickte Tränen in der Stimme
hatte, fügte sie hinzu: 'Wir sprechen ein andermal
miteinander, jetzt muß ich heim. Sie dürfen auch nicht so
aufgeregt sein, nicht wahr? Also aufs Wiedersehen!'
   Damit enteilte sie nickend, und er ging langsam,
langsam davon, während die Dämmerung zunahm und vollends
in Finsternis und Nacht überging. Er schritt über Straßen
und über Plätze, an Häusern, Mauern, Gärten und sanft-
fließenden Brunnen vorbei, ins Feld vor die Stadt hinaus
und wieder in die Stadt hinein, unter den Rathausbogen
hindurch und am oberen Marktplatz hin, aber alles war
verwandelt und ein unbekanntes Fabelland geworden. Er hatte
ein Mädchen lieb, und er hatte es ihr gesagt, und sie war
so gütig gegen ihn gewesen und hatte  'auf Wiedersehen!' zu
ihm gesagt!"  

'Hans Dierlamms Lehrzeit' - Bestehender guter Kontakt kann in die Brüche gehen.

(177f) "Neuerdings schien dies gute Einvernehmen etwas
gestört zu sein, und gegen den Sommer hin wurde Haager in
seinem Benehmen gegen den Gesellen immer spitziger. Er
kehrte zuweilen den Meister gegen ihn heraus, fragte ihn
nicht mehr um Rat und ließ bei jeder Gelegenheit merken,
daß er das frühere Verhältnis nicht fortzusetzen wünsche.
   Trefz war gegen ihn, dem er sich überlegen fühlte, nicht
empfindlich. Anfangs wunderte ihn diese kühle Behandlung
als eine ungewohnte Schrulle des Meisters. Er lächelte
und nahm es ruhig hin. Als aber Haager ungeduldiger und
launischer wurde, legte Trefz sich aufs Beobachten und
glaubte bald hinter die Ursache Verstimmung gekommen zu
sein.
   Er sah nämlich, daß zwischen dem Meister und seiner
Frau nicht alles in Ordnung war. Es gab keine lauten
Händel, dafür war die Frau zu klug. Aber die Eheleute
wichen einander aus, die Frau ließ sich nie in der
Werkstatt blicken, und der Mann war abends selten zu
Hause. Ob die Uneinigkeit, wie Johann Schömbeck wissen
wollte, daher rührte, daß der Schwiegervater sich nicht
bereden ließ, mehr Geld herauszurücken, oder ob persön-
liche Zwistigkeiten dahinterstaken, jedenfalls war eine
schwüle Luft im Hause, die Frau sah oft verweint und
verärgert aus, und auch der Mann schien vom Baum einer
schlimmen Erkenntnis gekostet zu haben.
   Niklas war überzeugt, daß dieser häusliche Unfrieden
an allem schuld sei, und ließ den Meister seine Reizbar-
keit und Grobheit nicht entgelten."

'Knulp' - Kontaktaufnahme kann schwierig sein

(387f) "Da saß hoch oben am Waldrand, an der letzten
großen Straßenbiegung, ein staubiger Mann auf einem
Steinhaufen und klopfte mit einem langstieligen Hammer
den graublauen Muschelkalk in Stücke.
  Knulp sah ihn an, grüßte und blieb stehen.
  'Grüß Gott', sagte der Mann und klopfte weiter, ohne
den Kopf zu heben.
  'Ich meine, das Wetter bleibt nimmer lang', probierte
Knulp.
  'Kann schon sein', brummte der Steinklopfer und sah
einen Augenblick empor, vom Mittagslicht auf der hellen
Straße geblendet.
'Wo wollet Ihr hinaus?'
  'Nach Rom zum Papst', sagte Knulp. 'Ists's wohl noch
weit?'
  'Heut kommet Ihr nimmer hin. Wenn Ihr überall stehen-
bleiben müsset und die Leute in der Arbeit stören, dann
erlaufet Ihr's in keinem Jahr.'
  'So, meinet Ihr? Na, eilig hab ich's nicht. Gott sei
Dank. Ihr seid ein fleißiger Mann, Herr Andreas
Schaible.'
  Der Steinklopfer hielt die Hand über die Augen und
musterte den Wanderer.
  'Ihr kennt mich also', sagte er bedächtig, 'und ich
kenn Euch auch, will mir scheinen. Bloß auf den Namen
muß ich noch kommen.'
  'Da müsset Ihr den alten Krabbenwirt fragen, wo wir
Anno neunzig allemal unseren Sitz gehabt haben. Aber
der wird nimmer leben.'
  'Schon lang nimmer. Aber jetzt tagt mir's, alter
Kunde. Du bist der Knulp. Setz dich ein bißchen her,
und grüß Gott auch!'"

4.6 Schwieriger bis kein kommunikativer Kontakt

... in einer Erzählung von Rafik Schami: Vgl. Zitat aus S. 67 in [17], vgl. in gleichem Sinn: Zitat von S. 125.

4.6.1 "gefühlskalt"

Vgl. [18] S.275f (oder [19])


4.7 Shakespeare "Wie es Euch gefällt"

aus einem Essay von John Kerry dazu - in SPIEGEL 33/2016 127f (zur Zeit der Veröffentlichung US-Außenminister):

"Rosalinde, die 'versprach, dies alles auszugleichen',
ist wahrscheinlich die größte Diplomatin der Weltlite-
ratur. Mit Hartnäckigkeit, Geduld und Gelassenheit be-
gegnet sie ihren persönlichen Traumata, die sie während
ihres Exils und ihrer Verbannung erlebt hat. Sie gibt
sich nicht damit zufrieden, sich in die Lage eines ande-
ren zu versetzen, sondern übernimmt in der Figur Ganymed
auch noch deren männliche Kleidung und Charakter. Gedul-
dig bereitet sie sich vor und verhandelt. Sie kennt die
besonderen Umstände und die Interessen aller Einzelnen.
Sie ringt den Parteien Verpflichtungen ab, und dann sagt
sie: 'So will ich Euch denn nicht länger mit eitlem
Geschwätz ermüden.' Und am Ende macht sie aus Allein-
stehenden Paare und aus Liebesaffären Ehen. (...)
   Für mich verkörpert Rosalinde das, was wirklich
wichtig ist in der internationalen Diplomatie: die per-
sönlichen Beziehungen. Der amerikanische Journalist
Edward R. Murrow schrieb einmal, es komme bei Verhand-
lungen darauf an, den letzten Meter zwischen zwei Men-
schen zu überbrücken, und das gehe nur, wenn man mit-
einander spreche. (...)
   Liebe, Loyalität und Vertrauen - das ist das, was
uns Menschen zusammenhält. Die Tugenden, die unsere Welt
funktionieren lassen und Politikern und Diplomaten auf
der ganzen Welt Hoffnung geben, werden hier von Shakes-
peares Figuren verkörpert: Oliver, ein von Hass erfüllter
Mann, der sich durch menschliche Güte und die Liebe ver-
wandelt; Celia, die wahre Freundin, die auf alles ver-
zichtet, um ihre Freundschaft zu besiegeln; und Adam und
Orlando, beide loyal und liebevoll ('von jedermann bis
zur Verblendung geliebt; und in der Tat so fest im Her-
zen der Leute').
   'Wie es Euch gefällt' ist eines der idealistischsten
und erbaulichsten Stücke Shakespeares. Es postuliert ein
Universum, in dem wahrhaftes Glück durch Toleranz und
Anerkennung, Vielfalt, Verständnis und Gemeinsamkeit zu
einem erfüllten und harmonischen Leben führen kann. Indem
wir den universellen Reiz und die Chancen solcher Werte
erkennen, bietet es uns die Vision einer wahrhaft
'goldenen Welt', eine ewige Quelle von Erkenntnis, Freude
und Inspiration für uns alle."

4.8 Nagib Machfus, Echnaton

Untertitel: Der in der Wahrheit lebt. Zürich 1999. Maho, der Polizeichef von Achetaton erinnert sich an den vergangenen Pharao:

(122-124) "Ich gehörte als einfacher Soldat zur Wache im
Pharaonenpalast, deshalb konnte ich ihn manchmal aus der
Ferne beobachten, wenn er sich im Garten aufhielt. Eines
Morgens sah ich ihn plötzlich auf mich zukommen, gerade
so, als hätte er mich zum ersten Mal bemerkt. Vor Schreck
erstarrte ich, stand steif wie ein Denkmal da. Er schaute
mich lange und eindringlich an. Mir war zumute, als
würde sein Blick mein Blut und meinen Atem stocken lassen.
Auf einmal fragte er:
'Wie heißt du?'
'Maho.'
'Woher kommst du?'
'Aus dem Dorf Fina.'
'Was macht deine Familie?'
'Sie sind Bauern.'
'Warum hat dich Haremhab für die Wache genommen?'
'ich weiß nicht.'
'Er sucht sich immer die Mutigen aus.'
Vor Freude machte mein Herz einen Satz, aber ich sagte kein
Wort.
'Du bist ein netter und ehrlicher Junge, Maho.'
Ich war außer mir vor Glück, hielt aber immer noch den
Mund. Da hörte ich ihn fragen: 'Würdest du es annehmen,
mein Freund zu sein?'
Ich stand völlig benommen da, mein Verstand war wie
weggeblasen. Ich stammelte: 'Das wäre eine zu große Ehre
für mich.'
Lächelnd setzte er sich in Bewegung. 'Nun, mein Freund,
wir werden uns noch des Öfteren begegnen.'
So und nicht anders hat es sich zugetragen. Er hat sich
immer auf diese Weise seine Leute ausgesucht. Irgend-
wann hörten meine Kameraden und ich, dass er Gott Aton
anbete und ein neuer Gott sich ihm offenbart habe.
Manchmal konnten wir aus geziemender Nähe auch
seine Hymnen hören. Für alles, was von ihm kam,
stand mein Herz weit offen. Sein Zauber zog mich an,
ihm galt meine tiefe Liebe.
Bestimmt habe ich nur wenig von dem verstanden, was
ich gehört habe, und gewiss verwirrte mich dieser
geheimnisvolle Gott, der nirgendwo als Denkmal zu
sehen war. Denn wo gab es das schon - ein Gott, der
nur liebte und nie strafte. Vielleicht habe ich
unserem Gott Amon nie abgeschworen, aber an Aton
glaubte ich aus Liebe zu meinem Herrn, dem gütig-
sten, sanftesten, barmherzigsten Menschen, den es
je gab."

"phatisch - negativ" - Nofretete erinnert sich an die Zeit der Gefangennahme Echnatons und verarbeitet sie.

(183f) "Ich fasste den Entschluss, ihn aufzusuchen.
Ich wollte, dass wir zusammen die Abrechnung machten
und zahlten, was zu zahlen war. Aber ich durfte den
Palast nicht verlassen, nicht einmal schreiben durfte
ich ihm. Nichts anderes war mir mehr vergönnt, als in
diesem Gefängnis auf den Tod zu warten. Es war das
Schicksal, das auch meinem Geliebten, meinem König
vorgezeichnet war.
 Ich bat darum, Gesuche an den neuen König oder an
meinen Vater oder an Haremhab schicken zu dürfen,
aber die entschiedene Antwort lautete, dass es mir
verboten sei, mit der Außenwelt in Verbinung zu
treten. Es gab keine Hoffnung mehr, und so harrte
ich traurig und einsam aus. Ich kümmerte mich nicht
mehr darum, was für ein Tag oder wie spät es war.
Das Einzige, was ich unaufhörlich tat, war beten.
Ich sprach ein Gebet nach dem anderen, ertrank
geradezu darin, und so kam es dass ich trotz allem,
was geschehen war, zum Glauben an Gott zurückfand.
Tief im Innern war ich sogar überzeugt, dass der
Sieg letztendlich Gott gehört, auch wenn vielleicht
viel Zeit verstreichen wird. Und wann immer ich an
meinen Liebsten dachte, konnte und wollte ich nicht
glauben, dass dieser Mensch, den ich besser als
jeden anderen kannte, in seinem Glauben schwach
geworden war. Nein, er würde weder verzweifeln noch
die Flucht antreten oder gar das Vertrauen zu Gott
verlieren, denn gerade ihn hatte doch Gott mit dem
Geschenk der Zwiesprache ausgezeichnet. Er hatte
viel verloren - den Thron, seine Gefolgsleute, den
irdischen Ruhm. Trotzdem würde er immer in der
Wahrheit leben, den Blick auf die Ewigkeit gerichtet,
um eines Tags glücklich vor Gott zu stehen, dort,
wo es keine Einsamkeit gab und keine Verzweif-
lung, wo einzig Güte, Versöhnung, Liebe herrschten,"

4.9 Martin Walser

... aus Tod eines Kritikers. Frankfurt/M 2002. vgl. [20], darin S. 217


5. Kontaktaufnahme und Pragmatik

Was nach Kontaktaufnahme, -sicherung aussieht, dies zunächst auch ist, kann zu weiteren rhetorischen Zwecken eingesetzt werden.

5.1 Jan Hus

Vom Prager Kirchenreformer - im Vorfeld des Konstanzer Konzils schon in Konflikte mit seinen Vorgesetzten verwickelt - wird von Ende August 1410 eine Predigt überliefert:

" 'Höret, ich habe gegen die Weisungen des Erzbischofs
Berufung eingelegt und wiederhole sie jetzt von neuem.
Wollt Ihr mir beistehen (tamen vultis mihi adhaerere)?'
Wie nicht anders zu erwarten, antwortete das Auditorium
in tschechischer Sprache mit 'Ja' - für Hus 
Genugtuung und Verpflichtung für die Zukunft zugleich!
Hussens Predigt ist ein Beispiel für die ungewöhnliche
Rednergabe und die Fähigkeit, die Zuhörer für sich zu
gewinnen und die Massen zu manipulieren."

(aus: Th. Krzenck, Johannes Hus. Theologe, Kirchenreformer, Märtyrer. Persönlichkeit und Geschichte 170. Gleichen.Zürich 2011. S. 103)

5.2 Adenauer 1956 als 'Eisbrecher' in Moskau, aber auch Essen, Trinken, Humor

aus: G.Ruge, Unterwegs. Politische Erinnerungen. Freiburg i.B. 2015. S.95f:

"Die erste Sitzung leitete Ministerpräsident Bulganin.
Er hielt eine sehr allgemeine Rede, in der er an gute
Zeiten deutsch-russischer Zusammenarbeit erinnerte
und hervorhob, dass der Friede in Europa auch künftig
von solch guter Kooperation abhänge. Seine Rede rückte
dann die Aufnahme diplomatischer Beziehungen in den
Vordergrund. Adenauer dagegen sprach von der defensiven
Ausrichtung der deutschen Wiederbewaffung im Rahmen der 
neuen Verträge, die gerade mit Amerika, Frankreich und
England geschlossen worden waren. Die Frage der deut-
schen Einheit nannte er eine Sache der großen Vier. Die
Normalisierung der Beziehungen könne aber erst begin-
nen, wenn die letzten deutschen Kriegsgefangenen in der
Sowjetunion freigelassen und heimgekehrt seien. Die
Grundsatzerklärungen beider Seiten waren in ihrer Stoß-
richtung völlig unterschiedlich, und man trennte sich
ohne Diskussion.
   Es folgte eine Verhandlungspause mit dreistündigem
Mittagessen und sehr vielen Trinksprüchen. Adenauer
trank mit Chruschtschow und Bulganin auf ex. Der SPD-
Politiker Carlo Schmid, ein großer, gewichtiger Mann,
wurde von Chruschtschow  als 'Gospodin Velikaja Germa-
nia', als 'Herr Großdeutschland', angesprochen und er
trank seinen Wodka wie ein Russe aus dem Wasserglas,
was sogar Chruschtschow beunruhigte. Außenminister
Brentano versuchte, Adenauer zum Abschied zu bewegen
und die Begegnung zu beenden. Aber Chruschtschow und
Bulganin protestierten dagegen, auch weil Adenauer mit
seiner Schlagfertigkeit immer wieder Gelächter hervor-
rief. Chruschtschow sprach von der sozialen Fürsorge
und den Lebensbedingungen der Bevölkerung, die er ver-
bessern wolle. Adenauer sagte darauf: 'Dann können Sie
ja bei uns der CDU beitreten.' Chruschtschow: 'Sie
würden mich ja nicht nehmen.' 
Adenauer: 'Bei Ihrem Sozialprogramm gehören Sie zu uns.'
So entstand eine Stimmung, wie sie auf deutscher Seite
nur Adenauer schaffen konnte. Die beiden Außenminister,
Molotow und Brentano, hörten bei alldem nur mit ernsten
Mienen zu."

5.2.1 Üppiges Essen als Kontaktknüpfung - türkisch-arabischer Kulturraum

Im gen. Kulturraum kann es geschehen, dass neue Gäste nach ihrem Eintreffen mit vielen und köstlichen Speisen und Getränken bedacht werden - möglicherweise mit zwei Begleithandlungen:

  • häufiges Animieren durch die Gastgeber, man solle kräftig essen und trinken - auch dann noch, wenn man bereits wiederholt beteuert hatte, man sei längst gesättigt.
  • Möglicherweise beteiligen sich die Gastgeber gar nicht am Essen/Trinken, sondern schauen allenfalls zu.

Das Bemühen, großes Wohlwollen zu demonstrieren, also die Kontaktaufnahme zu fördern, ist offenkundig. Wenn gleichzeitig der Adressat aber in Erklärungsnot gebracht wird, droht die Kontaktaufnahme zu scheitern, erst recht, wenn die Gastgeber sich selber von der Mahlzeit ausnehmen. Da prallen sich widersprechende kulturelle Implikationen aufeinander.

5.3 Willy Brandt und Egon Bahr - um 1970

aus: G.Ruge, Unterwegs. Politische Erinnerungen. Freiburg i.B. 2015. S.204:

"Im Auftrag des Bundeskanzlers hatte Staatssekretär Egon
Bahr seit Ende 1969 erste Gesprächskanäle geöffnet und
in Moskau Unterredungen von höchster Vertraulichkeit
geführt, über die auch das Kabinett oft nur teilweise
informiert war. Bahr konnte in diesen Monaten ein
kleines, unsichtbares Netz vertraulicher Beziehungen
aufbauen, wodurch deutsche Vorschläge nicht von Außen-
ministerium zu Außenministerium übermittelt werden
mussten, sondern den inneren Kreis der Breschnew-Be-
rater auf direktem Weg erreichten. Es lag in der Natur
der Sache, dass der Inhalt solcher vorbereitenden
Gespräche nicht öffentlich bekannt gemacht werden konn-
te. In Moskau durften die Gegner einer neuen Deutsch-
landpolitik nicht gereizt werden, und in Bonn konnte
der Bundeskanzler keine aufgeheizte Debatte über ver-
änderte Beziehungen zu Moskau gebrauchen - was frei-
lich auch bedeutete, dass diese unterdrückte Diskus-
sion das Misstrauen der Oppposition wachsen ließ. Als
ich Willy Brandt in diesen Monaten einmal fragte, ob
es  besser sei, der Öffentlichkeit Klarheit über Ab-
sicht und Stand der Moskauer Gespräche Egon Bahrs zu
vermitteln, antwortete er: 'So genau weiß ich das auch
nicht. Das ist alles Egon und die Detektive'. Am Ende
sollte sich Brandts großes Vertrauen in seinen Unter-
händler auszahlen: Anfang August 1970 war der Boden
durch die Vorgespräche so weit bereitet, dass es zu
mehrtägigen Verhandlungen zwischen den beiden Außen-
ministern Scheel und Gromyko kam. Kurz darauf konnte
Willy Brandt seine Reise zur Unterzeichnung des
Moskauer Vertrags antreten."

5.3.1 2017: Merkel und Trump

Die erste Kontaktaufnahme war gebremst und verklemmt. Ablesbar - für die Öffentlichkeit - an gestischen Indizien, Mimik, kurzatmig aufgegriffenen inhaltlichen Stichwörtern usw. Aber man versuchte es wenigstens ... [21]

5.4 Erfahrungen in China - um 1973

aus: Gerd Ruge, Unterwegs. Politische Erinnerungen. Freiburg i.B. 2015.

(237) "Mit den Kampagnen ging auch - für Europäer schwer
verständlich - eine Verurteilung Beethovens und seiner
Musik einher, die als antiproletarisch und antirevolu-
tionär geächtet wurde. Aus vorsichtigen Bemerkungen
der beiden Männer aus der Presseabteilung schloss ich,
dass sie zumindest die Verurteilung Beethovens bedauer-
ten. Ich lud sie und ihre Chefin einige Male zum Abend-
essen zu mir ein, teils um ihnen ganz offiziell über
die Probleme der Korrespondentenarbeit zu berichten und
teils um mein Verständnis der chinesischen Politik zu
vergrößern. Wenn die drei vor der Tür standen, lief
bereits eine Schallplatte mit 'Freude, schöner Götter-
funken' aus Beethovens 9. Sinfonie. Ich fragte nicht,
ob ihnen die Musik gefalle, sie sprachen wenig und hör-
ten lieber zu. Als ich später bei einer anderen Gele-
genheit erneut ein Gespräch mit Beethoven untermalte,
waren sie wieder ganz still. Wir hatten etwas Gemein-
sames gefunden, und von da an spürte ich bei ihnen
stets so etwas wie unausgesprochenes Wohlwollen, wenn
ich Informationen oder Reisegenehmigungen zu bekommen
versuchte."


5.5 Türkei: Teetrinken - "phatisch" in Reinkultur

aus: Artikel "Erst mal einen Tee", von Yasemin Gürtanyel, SWP 22.10.2016

"'Wie Hasenblut', so beschreibt man in der Türkei einen
Tee, der es Wert ist, als solcher bezeichnet zu werden.
Die Farbe ein satter Mahagoni-Ton, die dennoch einen gol-
denen Glanz aufweist. Da das Auge mittrinkt, wird Tee
traditionell in kleinen, tulpenförmigen Gläschen getrunken,
sodass die Farbe voll zur Geltung kommt. Und vor allem
stark muss der Tee sein. So stark wie Haseblut eben.
Menschen, die daran nicht gewöhnt sind, kann der tür-
kische Tee einiges abverlangen. Denn er wird in der
Türkei von früh bis spät getrunken - oft mit nur weni-
gen Unterbrechungen.
Der Tee, den uns Ibrahim Öztulum servieren lässt, ist
ein Hasenblut-Tee. Kaum haben wir seinen kleinen Laden
mit türkischer Keramik betreten, schon stehen Gläschen
mit dampfendem Tee vor uns. Ablehnen ist keine Option -
das würde den Gastgeber tödlich beleidigen. Und als
Gastgeber versteht sich Öztulum, auch wenn er natürlich
sehr gerne einen seiner Teller verkaufen würde. 'Erst
mal einen Tee', mit diesen Worten hat uns Öztulum
empfangen.
   Jemanden zum Tee einzuladen ist in der Türkei so
üblich, wie einem einen 'guten Tag' zu wünschen - und
zwar sowohl unter Menschen, die sich sehr gut kennen
als auch unter völlig Fremden. Man läuft bei den
Nachbarn vorbei, winkt sich über den Zaun zu, und
schon fällt der unvermeidliche Satz: 'Kommt doch
schnell auf einen Tee herein.' Was durchaus ernst
gemeint ist und einen, hat man gerade wirklich und
ganz ehrlich keine Zeit, in ziemliche Erklärungsnot
bringt. Akzeptiert wird ohnehin erst das dritte Ab-
lehnen und auch nur dann, wenn man es schafft, im
Tonfall felsenfest zu bleiben. Jedes Schwanken
wird zugunsten des Tees interpretiert."


5.6 Fehlender Kontakt

Der nachfolgende Artikel spricht mehrere Rubriken der Alternativ-Grammatik an und führt damit über die sprachlich-literarische Ebene hinaus ins nächste Fach: in die Psychologie. Denn: Was man bisweilen etwas verquer, aber grammatisch-literarisch beschreibbar, formuliert, hat seine Anlässe, lebensgeschichtlichen Hintergründe. Letztlich sollen die erkannt werden. Grammatik ist kein Selbstzweck. [22]

  1. Es ist davon die Rede, dass Dinge näher beschrieben werden. Also ist [23] aktiviert.
  2. Die 'Dinge' werden aber mit menschlichen Zügen ausgestattet: sprachlich kann man dies machen, aber der gesunde Menschenverstand sagt: Unmöglich! Folglich ist eine Form übertragenen Sprachgebrauchs im Spiel: [24]
  3. In diesem sprachlichen Verhalten ist impliziert - vgl. [25] -, dass es den sprachlich ins Spiel gebrachten Gesprächspartner nicht gibt.
  4. Das setzt voraus - vgl. [26] -, dass die aktuelle 'Aufnahme eines Gesprächskontaktes' = phatisch - ins Leere läuft.

Der Sprecher dokumentiert und überspielt so seine momentane Einsamkeit.

5.7 Jugendsprache

aus Interview mit Linguistin E. Neuland: SPIEGEL 48/2016:

Neuland: Junge Menschen wissen sehr genau, was
unter konventioneller Höflichkeit verstanden wird. Nur
wenden sie im Gespräch untereinander oft eigene Aus-
drucksformen von Höflichkeit und Respekt an.
SPIEGEL: Können Sie das genauer erklären?
Neuland: Junge Leute haben Umgangsformen, zum
Beispiel der Anrede und des Begrüßens, die sich für
erwachsene Ohren unhöflich anhören, aber gar nicht so
gemeint sind. Wenn ein Schüler andere begrüßt mit
'Na, ihr Penner, was geht?' oder 'Hey, ihr Missgeburten',
dann findet das oftmals keiner der Beteiligten anstößig.
Doch Lehrkräfte, die das hören, müssen tief Luft holen.
Vieles ist einfach freundschaftliche Frotzelei.
SPIEGEL: Was macht Sie da so sicher?
Neuland: In den Fragebögen haben die Schüler bei-
spielsweise immer wieder hinter manche Ausdrücke in
Klammern hinzugefügt, dass sie scherzhaft gemeint seien. 
SPIEGEL: Was sollen Eltern oder Lehrer tun, wenn
sie mitbekommen, dass ein Schüler einen anderen als
'Penner' oder 'Missgeburt bezeichnet?
Neuland: Dann würde ich vielleicht einfach mal
entspannt weghören. Jedenfalls solange das Ganze nicht
für meine Ohren bestimmt war.

5.8 Ehe - Lebensübergänge

Dialog will "geübt" sein, auch in der Ehe. Wo dies nicht der Fall war, kann bei neuen Situationen (z.B. Kinder aus dem Haus) Sprachlosigkeit entstehen. (aus: SWP 7.1.2017, Otto Lapp)

"() Zunächst können sie sich eine passend Umgebung
schaffen, bei der sie reden können. Wenn das zuhause
nicht geht, dann vielleicht draußen. Aktiv werden.
Spazieren gehen hilft, sagt die Beziehungsexpertin.
Da lässt sich reden.
   Und worüber? Darüber, was den beiden früher Freude
gemacht hat, bevor die Kinder da waren. Und wo sie
jetzt im Leben stehen, was sie fühlen, denken, sich
wünschen. Und was sie vom Leben und ihrer Partner-
schaft noch erwarten. Dann können sie die Schnittmenge
suchen.
   Natürlich fällt ihnen jetzt auf die Füße, dass sie
nicht 'geübt' haben miteinander zu sprechen, als sie
'nur' Eltern waren. Ab jetzt ist Kreativität gefragt.
Der Auszug der Kinder ist einer der drei kritischen
Lebensübergänge. Die beiden anderen sind, wenn die
Kinder kommen und wenn man in den Ruhstand geht.
Solche Veränderungen sind emotional nicht leicht zu
verarbeiten, sie kosten Kraft, und es ist auch
Trauerarbeit zu leisten. Plötzlich fehlt etwas.
   Aber das ist die Chance für das Paar, sich in die
Trauer des anderen 'hineinzufühlen', sagt die Bezie-
hungsexpertin. Wer könnte das besser als der eigene
Partner, der ja einen ähnlichen Schmerz durchlebt.
Das ist die beste Basis für ihre weitere Partner-
schaft. Sie haben jetzt Zeit im Überfluss, und das
nur füreinander. Und vielleicht entwickelt sich aus
dem gemeinsamen Schmerz und dem Bedürfnis nach
einem erfüllten Leben ohne Kinder auch wieder eine
Nähe."

6. Einzelsprache: Schwäbisch

aus W.-H. Petershagen, Wir Schwaben. Band 3 So sprechen wir. Darmstadt 2015.

(102f) "Zur schwäbischen Höflichkeit gehört es, dem
Gegenüber bevorzugt solche Grußfragen zu entbieten, die
ihm Gelegenheit geben, seine Tugenden hervorzuheben:
'So, isch ma fleißig?' 'So, gåht ma zom Schaffe!?'
'So, duet ma Rase mähe!?' 
   Die Fragegrüße werden überwiegend mit einem 'So!'
eingeleitet. Das unterscheidet sie von der schlichten
Frage, die sonst in diesen Fällen meist eine dumme
Frage wäre. Schließlich wäre es in der Tat dämlich,
jemanden, der gerade triefnass aus dem Regen kommt,
zu fragen: 'Sind Sie nass geworden?' Ganz anders ver-
hält es sich mit 'So, isch ma nass worde!?' Das
drückt Teilnahme aus, in der allerdings auch Schaden-
freude oder Spott mitschwingen kann. Im Übrigen zeigen
beide Beispiele einen weiteren Unterschied zwischen
echter Frage und Grußfrage: Die Grußfrage vermeidet
das direkte Du/Ihr/Sie und bevorzugt das neutrale
Man. ...
Die Grußfrage kann auch dazu dienen, Neugier als
Anteilnahme erscheinen zu lassen. So erwartet ein
fröhlich ausgerufenes 'So, håt ma an Gipsfuß!?'
die Schilderung des Unfallhergangs, ist aber nicht
so plump und direkt wie die Frage: 'Was ist denn
Ihnen passiert?' "