4.123 Sprecherwechsel

Aus Alternativ-Grammatik
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Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

Lauscht man einem Dialog, so interessiert die thematische Weiterentwicklung. Man sollte aber auch einen Blick dafür haben, wie die Partner ihre Sprecherrolle wahrnehmen und organisieren. Es sollten ja nicht alle gleichzeitig reden. Um das zu verhindern sind gestische und / oder sprachliche Signale notwendig, die das Thema nicht weiterbringen, aber für einen geordneten Ablauf sorgen. Oder ein Partner entlarvt sich, weil er ständig die Sprecherrolle beansprucht.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 "NI v NII = Krieg"

Die Formel ist zu lesen als: Die Gesprächsverweigerung eines Beteiligten oder die Gesprächsverweigerung seines KP = Kommunikationspartners - beides bedeutet "Krieg". Dabei ist "Krieg" teils wörtlich, teils metaphorisch verstanden. Wenn diplomatische Bemühungen = Gespräche, Verhandlungen gescheitert waren, ist oft genug schon realer Krieg entstanden. Das gilt auch für Kapitalverbrechen im Rahmen kleinräumiger sozialer Kontakte.

Metaphorisch meint Krieg: Kontaktabbruch mit der Folge aggressiven Beschweigens, der Versuch, den andern zu isolieren - obwohl es (in entspannterer Atmosphäre) vieles zu besprechen, zu verhandeln gäbe. "Krieg" kann sich auch zeigen in verleumdenden Darstellungen Dritten gegenüber - wenn es schon keinen Kontakt mit dem Partner gibt. Ziel dabei: eigene Position rechtfertigend stärken, den Partner schwächen, für die eigene Position Verbündete gewinnen. "Krieg" kann sogar in Gesprächen stattfinden: anscheinend hat man sich gutwillig auf ein Gespräch eingelassen, dann aber versucht eine Seite ihre Position ohne Kompromissbereitschaft durchzusetzen, dem andern knallhart das erwünschte Ergebnis zu diktieren. Das ist dann Gesprächsverweigerung im Gespräch. - "Krieg" kann man in solch einer Situation auch gegen sich selbst führen, mit Resignation oder mit der Krankheit der Depression als Ergebnis. Damit schaltet man nicht den Partner aus, sondern sich selbst.

Das Problem: Wie soll/kann man einen Gespräch-Verweigernden zur Aufgabe seiner Verweigerung / Blockade bringen? Solange die Gesprächsverweigerung nur Auswirkungen auf den Blockierer hat, könnte man ihn bei seiner Haltung belassen. Sobald davon andere Gefahren dadurch davontragen, entsteht das Dilemma: dem einen sein Recht auf Blockade zugestehen, es aber nicht zulassen, dass deswegen andere an Leib, Leben, Recht auf Meinungsfreiheit geschädigt werden (typische Struktur bei Völkern, die gegen ihre Diktatoren aufbegehren). - Für einen selbst ist es in solcher Situation nötig, die eigene Position weiter abzuklären, mit anderen zu besprechen - nicht um lediglich Verbündete zu gewinnen, sondern um auszuleuchten, wo die eigenen Interessen möglicherweise nicht legitim vorgebracht worden waren. Der vernünftige Austausch mit andern hilft auch seelisch, um in der aktuellen Blockade nicht das berechtigte Selbstbewusstsein zu verlieren.

Die Komplikation, v.a. bei politischen Figuren: Der Politiker tritt immer in Doppelfunktion auf. Sichtbar im Fernsehen, bei Begegnungen ist zunächst die individuelle - sympathische oder exaltiert auftretende - Person. Diese Person, gerade auch im unsympathischen Fall, hat ihr Lebensrecht und das Recht auf menschenwürdige Behandlung wie alle andern. Zugleich ist diese Figur Repräsentant des Volkes oder einer einflussreichen politischen Gruppierung, einer Ideologie. Wird bei Zuspitzung diese politische Figur getötet, wird sie als Repräsentant ausgeschaltet. Gestorben aber ist die individuelle Person.

Die - sofern sie gesichert ist - Kenntnis der Gründe für die Gesprächsverweigerung mag helfen, Brücken zur Etablierung des Gesprächskontaktes ("phatisch") zu errichten. Meist sind es Ängste vor Verlust (Ehre, Leben, Finanzpolster), unvorstellbare Änderung der Rolle in einer zukünftigen Gemeinschaft usw. - Solche Empathie ist gut, darf aber nicht heißen, dass die eigene Position, die Überzeugung, Veränderungen herbeizuführen, aufgegeben wird.

Im Grund ist die Situation aber keine andere als bei der Bekämpfung von Kapitalverbrechen: Auch dort ist es der Polizei immer schon erlaubt, Schusswaffen einzusetzen, wenn kommunikativ blockiert wird (keine Reaktion auf die Forderung: "Geben Sie auf!") und weitere Opfer durch den Verbrecher drohen.

0.11 NII = Ausbooten

Verhindert wird die Gesprächsbeteiligung anderer am besten, wenn man sie schon gar nicht zum Gespräch mitnimmt ...

aus: Gerd Ruge, Unterwegs. Politische Erinnerungen. Freiburg i.B. 2015.

(94) "Eigentlich wollte Adenauer keine deutschen
Politiker mit am Verhandlungstisch haben, die wie
Brentano eigene rigide Vorstellungen über das
deutsch-sowjetische Verhältnis hegten. Bundes-
wirtschaftsminister Ludwig Erhard beispielsweise
hatte er deswegen nicht in die Delegation aufge-
nommen - das beklagten später russische Diploma-
ten, die sich von den Verhandlungen einen Durch-
bruch in den Außenhandelsbeziehungen erhofft
hatten. Adenauer hatte Sorge, die Verhandlungen
in Anwesenheit des Wirtschaftsministers würden
den engen Rahmen überschreiten, den er gesetzt
hatte. Er hatte deswegen den Führer der Freien
Demokraten, Thomas Dehler, ebenfalls außen vor
gelassen, weil dieser wiederum zu stark auf die
Wiedervereinigung als Verhandlungsziel drängte.
Bei den vorbereitenden Besprechungen nahm er
durchaus zur Kenntnis, was ihm Mitarbeiter und
Experten vortrugen, gab diesen selbst aber kaum
Hinweise, wie weit er bei den Verhandlungen gehen
würde. Adenauer war ein Praktiker und nicht
bereit, seinen Spielraum durch ideologische Vor-
behalte oder durch Anhänger der einen oder anderen
Richtung in der Ost- und Wirtschaftspolitik ein-
engen zu lassen. Antikommunismus und Antisowje-
tismus standen schließlich außer Frage."

0.12 NII = Zensur

aus: Gerd Ruge, Unterwegs. Politische Erinnerungen. Freiburg i.B. 2015. Moskau 1965

(265) Eine kleine Zahl von Intellektuellen hatte
den Schritt zur offenen Regimekritik schon mehrere
Jahre früher getan. In Moskau demonstrierten am
Tag der sowjetischen Verfassung 1995 ungefähr
hundert Menschen auf dem Puschkinplatz und
protestierten insbesondere gegen die Zensur. Unter
der Bezeichnung "Hauptverwaltung für Literatur",
so der Vorwurf, belaste die Zensurbehörde mit
ihren Willkürakten die Arbeit der Künstler und
Schriftsteller. Zensur sei in der Verfassung nicht
vorgesehen, werde nirgends öffentlich mit Namen
genannt und sei durch kein Gesetz gedeckt. Partei
und Polizei griffen in den darauffolgenden Jahren
scharf durch, und kritische Intellektuelle wurden
in psychiatrische Krankenhäuser eingeliefert oder
in Straflager verbannt. Seit Ende der sechziger
Jahre führten Kritiker des Regimes eine
"Chronik der laufenden Ereignisse", die über die
Verhaftungen von Dissidenten, die Verfolgung von
Christen, Juden und Moslems sowie über die Unter-
drückung nationaler Minderheiten ebenso berichtete
wie von Protesten der Intellektuellen und dem
Elend der kleinen Leute. Die Chronik wäre unbekannt
geblieben, wenn sich im Westen nicht Amnesty
International für ihre Verbreitung eingesetzt hätte.

0.13 NI - nicht über Nazizeit sprechen

Vgl. [1] S. 157. Vgl. 208f.

0.2 EII = den anderen zum Schweigen bringen

Dazu gibt es viele wirksame und auch einigermaßen zivilisierte/höfliche Mittel. Wo sie versagen, kann man seit neuestem auf ein technisches Hilfsmittel zurückgreifen (aus SPIEGEL-Online 2.3.2012):

Sie reden und reden und reden:
Manche Menschen sind in ihren Monologen selbst mit 
Verbalgrätschen kaum zu stoppen. Jetzt aber haben
japanische Forscher ein Gerät entwickelt, 
das Hoffnung macht: Es nutzt einen psychologischen
Effekt, um auf Knopfdruck für Stille zu sorgen.
Sie reden ohne Punkt und Komma, dominieren jede Unter-
haltung. Sie stören, wenn eigentlich Ruhe herrschen
sollte - in Büchereien, im Lesesaal, im Kino: Quassel-
strippen, Selbstdarsteller und Tuschler können ihren
Mitmenschen an den Rand des Wahnsinns treiben. Wer
sich in diesen Situationen eine Art Fernbedienung
zum Abschalten der Dauerredner wünscht, dürfte eine
Entwicklung aus Japan sehr interessant finden.
Kazutaka Kurihara vom National Institute of Advanced
Industrial Science und Koji Tsukada von der Ochanomizu
University haben jetzt den Prototyp ihres
"SpeechJammers" vorgestellt - ein handliches Gerät,
das per Mikrofon und Lautsprecher für Stille sorgt. 
Wie die Forscher auf arxiv.org, einer Plattform zur
Vorab-Veröffentlichung von Fachartikeln schreiben,
basiert der Trick auf einem bekannten Phänomen:
Sprechen wird nahezu unmöglich, wenn man seine
eigenen Worte mit kurzer Verzögerung hört. Der Effekt
ist aus dem Alltag von schlechten Telefonverbindungen
bekannt: Bekommt man die eigene Stimme als Echo
zurück, ist das extrem irritierend.
Kurihara und Tsukada entwickelten ein handliches Gerät,
das die Worte des Gesprächspartners aufzeichnet und mit
einem zeitlichen Abstand von 0,2 Sekunden wieder
abspielt. Mikrofon und Lautsprecher sind dabei so
ausgerichtet, dass der Sprech-Stopper wie eine Waffe
auf die Zielperson gerichtet wird.
Effektive Waffe gegen Dauerquassler
Nach ersten Tests mit dem "SpeechJammer"-Prototyp zeigten
sich die Forscher äußerst zufrieden: "Das System kann
auch Redner unterbrechen, die weiter entfernt sind.
Und das, ohne ihnen körperlich zu schaden",
schwärmen Kurihara und Tsukada in ihrem Beitrag.

Nun ja, der Einsatz eines solchen Dings ist hierzulande schlecht vorstellbar. Es würde nicht nur den Dauerredner als Problem zeigen, sondern auch den Geräteverwender: der ist kommunikativ derart unterentwickelt, dass er zur Technik greifen muss. Man sollte mit sprachlichen Mitteln Probleme der Sprache bewältigen lernen.


Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein. 5. Aufl. 2012. S. 105:

[GESPRÄCH AN DER WOHNUNGSTÜR] ...
   "Man kann auch unmenschlich sein, Frau Kluge, und was
   Sie tun wollen, das ist unmenschlich.
So kann der Mann nicht auf die Straße.
   "Und war das, was er mit mir all die Jahre getan hat,
etwa menschlich? Er hat mich gequält, er hat mein ganzes
Leben kaputtgemacht, schließlich hat er mir noch meinen
Lieblingsjungen weggenommen - und zu so einem soll ich
menschlich sein, bloß weil er Dresche von der SS bekommen
hat? Ich denke gar nicht daran! Den ändern auch noch so
viele Schläge nicht!"
   Nach diesen heftig und böse ausgestoßenen Worten zog
Frau Kluge der Gesch einfach die Tür vor der Nase zu und
schnitt ihr so jedes weitere Wort ab. Sie war einfach
nicht fähig, noch weiteres Gerede auszuhalten.

Laut einer Pressemitteilung hat ein Promi seine Freundin
rabiat aus der Wohnung gedrängt - worauf sie ihn wegen
"häuslicher Gewalt" anzeigte. Zur Rede gestellt erklärte
der Mann: "Ich wollte einfach das Gespräch beenden, es
hatte keinen Sinn mehr."

0.2.1 "EI + EII" - den Redebeitrag beenden

nach dem Roman von Nagib Machfus. Echnaton Der in der Wahrheit lebt: Zürich 1999. S.97f. - Tij, die Frau des Weisen Eje, und so etwas wie die Ersatzmutter von Nofretete blickt zurück:

"Zum ersten Mal hatte sie einen Entschluss
ohne mein Wissen gefasst, deshalb lief ich
sofort zu ihr.          
Tränenüberströmt sank ich vor ihren Füßen
danieder, aber das schien sie nicht zu rühren.
Ganz ruhig erklärte sie: 'Geh in Frieden.'
Ich rang die Hände. 'Die Getreuen des Königs
ziehen nur deshalb fort, weil sie ihn vor
Unheil bewahren wollen!'
'Geh in Frieden', wiederholte sie kalt.
Verwirrt stammelte ich: 'Und Ihr, was werdet
Ihr tun, Gebieterin?'
'Ich werde meinen Palast nicht verlassen.'
Ich wollte etwas entgegnen, aber gebieterisch
herrschte sie mich an: 'Geh in Frieden!'
Im Gefühl, die unglücklichste Frau auf der
Welt zu sein, schlich ich hinaus. "

0.3 "Ich" = "I" = Subjekt - kein absolut sicherer Ausgangspunkt der Kommunikation

Übrigens im Gegensatz zum Philosophen R. Descartes im 17. Jahrhundert und der nachfolgenden "Subjektphilosophie". Aber das nur am Rande. Poetisch drückt den gleichen Gedanken der Nobelpreisträger T. Tranströmer in seinem Gedicht aus: [2]

0.4 Militärische Kommunikation

Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein. 5. Aufl. 2012. S. 137:

So schrie der Offizier noch eine ganze Weile.
Enno war das vom Militär her gewohnt, es
konnte ihn nicht besonders schrecken. Er hörte
sich diese Strafpredigt an, die Hände vor-
schriftsmäßig an die Naht seiner Zivilhose
gelegt, das Auge aufmerksam auf den Scheltenden
geheftet. Musste der Offizier einmal Luft holen,
so sagte Enno im vorgeschriebenen Ton, klar und
deutlich, aber weder demütig noch frech, sondern
sachlich: "Jawohl, Herr Oberleutnant! Zu Befehl,
Herr Oberleutnant!" An einer Stelle gelang es
ihm sogar, freilich ohne jede sichtbare Wirkung,
den Satz einzuschieben: "Melde mich gehorsamst
gesund, Herr Oberleutnant! Melde gehorsamst,
werde arbeiten!"
   Ebenso plötzlich, wie er mit dem Schreien
begonnen hatte, hörte der Offizier wieder damit
auf. Er machte den Mund zu, nahm den Blick von
dem obersten Rockknopf Kluges und richtete ihn
auf seinen Nachbarn in Braun. "Sonst noch was?",
fragte er angeekelt. 

0.5 Sprechverhalten des Kommissars

Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein. 5. Aufl. 2012. S. 304:

Mit diesem Wissen ausgerüstet, war Kommissar
Escherich wieder nach Berlin zurückgekehrt. Er
hatte natürlich, getreu seinem Grundsatz, Fragen
zu stellen, aber keine zu beantworten, kein
Wissen weiterzugeben, getreu diesem Grundsatz
also hatte Kommissar Escherich sich gehütet, der
Frau Kluge eine Andeutung von dem Verfahren zu
machen, das gegen sie in Berlin lief. Das ging
ihn nichts an.

0.6 Sprechen-Wollen - und nicht/kaum -Können

Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit. Eine Lehrrede. Übersetzt von Anton J. Gail. Reclam Nr.1907. Stuttgart 2010.

(29) Dem Lehrer (Sokrates) steht in seinem Prozeß
auf Leben und Tod sein Schüler Platon zur Seite,
welch trefflicher Verteidiger, eingeschüchtert
durch den Lärm der Masse, kaum einen halben Satz
herausbrachte. Was soll ich von Theophrast reden,
der beim Auftreten in der Öffentlichkeit gleich
verstummte, als ob er unversehens einem Wolf
gegenüberstände, der doch einen Soldaten im Kriege
aufgemuntert hätte. Isokrates wagte vor Schüch-
ternheit niemals den Mund aufzutun, und Cicero,
der Ahnherr der römischen Beredsamkeit, begann
ganz wie ein schluchzender Knabe immer mit kläg-
lichem Lampenfieber. Quintilian legt das als
Merkmal eines beherzten Redners aus, der die
Gefahr erkennt. Gibt er mit dieser Erklärung aber
nicht offen zu, daß die Weisheit einem erfolg-
reichen Unternehmen hinderlich ist? Was sollen
denn solche Leute im Kriege machen, die schon
vor Furcht zittern, wenn es sich um ein bloßes
Wortgefecht handelt? 

0.6.1 Sprechen-Wollen - Höflichkeit der Indianer

(aus Schwäbische Zeitung, 16.8.2016, "Tagesspruch":)

"Die starke Abneigung der Indianer, jemandem ins Wort
zu fallen, ist mit ihrem Respekt vor dem Wort zu
erklären. Nur im Notfall wird einer die Stimmen
der anderen mit einem Einspruch übertönen. Der Grund
ist zwar schon in dem zu suchen, was man für gute
Manieren hält. Aber darüber hinaus geht der Wert des
Wortes so weit, dass er das Recht des einzelnen
umschließt, seine Worte zu sprechen, ohne unterbrochen
zu werden. (Shirley Hill Witt, Mohawk)."

0.7 Aufhetzen zur Gesprächsverweigerung: NI

In der Bergpredigt - Mt 7,6 - gibt es ein kleines, deftiges Bildwort Jesu (Einheitsübersetzung):

"Gebt das Heilige nicht den Hunden, und werft
eure Perlen nicht den Schweinen vor, denn sie
könnten sie mit ihren Füßen zertreten und sich
umwenden und euch zerreißen."

Wie soll man diesen Doppelspruch verstehen?

  • Gewiss ist "Kostbares" im Spiel ("Heiliges, Perlen"). Aber was soll man darunter verstehen? "Heiliges" könnte auf Kultisches deuten, "Perlen" jedoch sicher nicht.
  • Negative Gegenfiguren sind verschlüsselt genannt: "Hunde", "Schweine". Dazu fällt Informierten ein, dass diese Tiere damals als "unrein" galten - also wieder die kultische Sichtweise. Dummerweise ist der Kontext des Spruches gar nicht am Thema "Kult" interessiert. Folglich sollte man bei der Deutung diesen Aspekt nicht eigens hereinholen!
  • Wer fragt wie bisher, blieb bei den Bedeutungen der Nomina hängen, hat sie - pragmatisch - in Richtung implizierter Wertungen korrekt durchleuchtet, weil - nächster Aspekt - man fraglos meint, irgendwie müsse "Kultisches" im Spiel sein. - Aber dann ist zunächst einmal Schluss mit der Interpretation, die Ratlosigkeit bleibt.
  • Angesichts dieser Einwände sollte man - ganz schlicht - dabei bleiben, dass hier Tiere genannt wurden. Das genügt.
  • Eine häufige = klischeehafte Standardauskunft ist, mit "Heiligem, Perlen" sei das "Reich Gottes" gemeint. Damit hat man zwar einen Anschluss an die Predigt Jesu in anderen Texten. Aber im aktuellen Text
    • ist von "Reich Gottes" nicht die Rede,
    • handelt man sich gewaltige Schwierigkeiten ein: Die "Reich Gottes"-Verkündigung soll also denen vorenthalten werden, die sie vielleicht am dringendsten benötigen? Jesus ist ja gerade dafür bekannt, dass er bestehende gesellschaftliche Schranken überwand, und nicht sie zementierte. - Höchst unwahrscheinlich also, dass diese Deutung zutrifft.
  • Zumal bislang keine Rolle spielte, in welche Aussagen die Nomina eingebunden sind.
    • <<GEBEN>>, <<WERFEN>> sind Transportaussagen. Die "ihr" sind Subjekt/1.AKTANT der Tätigkeiten. Die Subjekte bringen ein Objekt/2.AKTANTen auf den Weg zu den Adressaten/3.AKTANT.
    • "Hunde"/"Schweine" sind die Adressaten, die entweder das Objekt/2.AKTANT = "Heiliges / Perlen" zerstören oder - noch eine Stufe weiter - sogar die SENDER = bisherige Subjekte - "zerreissen". Und die Alltagserfahrung bestätigt: Mit "Heiligem/Perlen" können "Hunde/Schweine" tatsächlich nicht umgehen - eine Banalität. Nicht etwa eine Diffamierung der Tiere.

Gewarnt wird somit vor solchen - nun ohne Bild -, die Kommunikationsangebote zurückweisen, dabei missachten, dass diejenigen, die die Kommunikation anbieten, Wertvolles, Kostbares = Persönliches bereit sind einzubringen. Wer darauf vom Partner keine angemessene Antwort bekommt (vgl. "Hunde / Schweine"), fühlt sich in der Tat missbraucht, zerrissen und gedemütigt. Die Kommunikation ist gründlich gescheitert. Für das "Kostbare" hat - ähnlich allgemein - der Theologe Paul Tillich die Formel geprägt: "was uns unbedingt angeht". Das kann beim einen religiös formuliert sein, beim anderen sehr alltäglich - beiden jedoch geht es um einen für ihre Person hohen Wert, an ihm richtet sich der jeweilige Mensch aus. Und diese "Kostbarkeit" ist gefälligst von Gesprächspartnern zu respektieren.

Wenn klar ist, dass der Partner gar nicht in der Lage ist, darauf einzugehen, sollte man ihn auch nicht in ein Gespräch darüber einbinden. Das gebietet der notwendige Selbstschutz.

Der Spruch ist vollkommen offen. Er gibt keinen Hinweis auf "Kultisches" oder auf sonstige religiös geprägte Anschauungen, Dogmen, Formeln. "Heilig" oder "Perle" kann für einzelne Menschen sehr Unterschiedliches sein.

Einen solchen Wert sollte man kommunikativ durchaus ins Spiel bringen, nicht ihn einmauern und bewahren, verschämt verschweigen, "hüten". Das verlangt aber von Partnern genügend Sensibilität. Wer die nicht aufbringt, vor dem wird gewarnt, das sind die "Hunde" und "Schweine". Sie haben die Potenz, den Sprecher zutiefst zu verletzen. Daher die dringende Empfehlung: NI - lasst euch nicht auf eine Kommunikation ein, breitet vor solchen Partnern euer Innerstes nicht aus! Es ist klug und wichtig, sich selbst zu schützen! Eigene Offenheit und Ehrlichkeit genügen nicht. Es braucht auch den Blick für den Adressaten: kann er angemessen mit dem umgehen, was ich von mir preisgebe?

Letzter, eigentlich selbstverständlicher Punkt: Eine gelingende Kommunikation kann in diesem Kontext nur "von gleich zu gleich" stattfinden. Als Rückseite heißt dies: Ebenenunterschiede in Hierarchien - mit unterschiedlichen Zuständigkeiten, Funktionen, Machtkompetenzen und Befugnissen - verhindern von vornherein ein gutes Gespräch zu Persönlichem. - Bei Stadtverwaltungen u.ä. stört dies nicht weiter. Prekär wird es bei Religionsinstitutionen, die sich für den persönlichen Glauben zuständig fühlen, also für die persönlichste Ebene im Menschen. Das Jesus-Wort sagt implizit - bezogen nicht auf Individuen, Privatpersonen, aber auf solche, die als Amtsträger auftreten, die diese institutionelle Absicherung betonen: sie gehören zu den "Hunden" und "Schweinen" des Bildwortes.

Wer will, kann zur Kenntnis nehmen, wie im Fall
unserer Analyse der alttestamentlichen Josefsgeschichte
vielschichtig ungeeignete Kommunikationspartner im
Spiel waren. Das kann man auch mit dem Bild von den
"Hunden" und den "Säuen" ausdrücken - nicht als
Beschimpfung, sondern als Konstatieren einer nicht
möglichen Verständigung:
Vgl. Ziff. 6.5. in [3]
Die Provokation liegt bei diesem Verständnis nicht
in der Nennung der Tiere, sondern darin, dass diese
unzweifelhaft keinen Sensus für "Heiliges" und
"Perlen" haben. 


0.8 Rhetorik, Rede

Eine öffentlich gehaltene Rede sieht vor, dass nur einer redet. Deswegen ist sie kein Monolog. Denn die Anwesenheit - nicht nur körperlich, sondern auch geistig - der Adressaten ist wichtig. Es ist die Kunst guter Redner, die Hörer so einzubeziehen, dass sie - obwohl selbst nicht zu Wort kommend - innerlich beteiligt und interessiert sind, emotional mitgehen. Aus einer Rezension (von T. Becker) zu einem Rhetorik-Buch (von K-H Göttert) in 'Kulturspiegel':

"Der 'gute' Redner weiß, was sein Gegenüber will."
Der Redner weiß, dass sein Gegenüber erst einmal
unaufmerksam ist und vielleicht auch uneinsichtig.
Und er weiß, dass er diese Unaufmerksamkeit und
Uneinsichtigkeit brechen kann, indem er rasch an
Autorität gewinnt. Dies gelingt ihm eher nicht,
indem er geradeaus sagt, was er denkt. Sondern
viel eher, indem er seine Botschaften kunstvoll
verpackt, also sie logisch kunstvoll aufbaut, mit
Antithesen und Paradoxen, und sie stilistisch
kunstvoll gestaltet, mit Metaphern und Anaphern.
Die europäischen Zuhörer lassen sich darauf ein
und schließen von sprachlicher Brillanz auf
inhaltliche Brillanz.

0.9 AI = Gesprächsbeginn = Lebensmöglichkeit

aus einem Bericht - SPIEGEL 16/2015 S.57 - über Abläufe im KZ Auschwitz:

Zwei SS-Offiziere und ein Häftling betreten den
Block. Der Häftling ist Leiter des Krankenreviers,
der jüdische Oberarzt Robert Waitz aus Straßburg,
einer der SS-Offiziere ist der Leitende Lagerarzt
Josef Mengele, ein Schwabe mit Zahnlücke. Ein
Offizier ruft die Nummern auf, der Reihe nach
gehen die Männer an Mengele vorbei, zu den zwei
Ausgängen.
   Mengele sagt mit gelangweilter Stimmer "rechts"
oder "links". Links bedeutet Gaskammer. Klieger ist
an der Reihe. Mengele sagt "links". Klieger geht
nach links, aber er dreht wieder um und bleibt vor
Mengele stehen. Woher er den Mut nimmt, weiß er
nicht mehr, er, mit seinem lückenlosen Gedächtnis.
Er weiß nur, dass er nichts zu verlieren hat. Dass
er noch einen Tag länger leben will, nur einen Tag.
   "Herr Oberstabsarzt", sagt er, "ich bin noch
sehr jung und stark genug und kann sicher vieles im
Lager und im Werk leisten. Ich kann in eine
Umschulung gehen und noch sehr nützlich sein."
Klieger weiß, dass im Lager Elektriker und Schlosser
gebraucht werden, er selbst ist aber keiner. Er
sagt, dass er in Straßburg zur Welt kam und dass
sein Vater ein berühmter Schriftsteller sei,
Bernhard Klieger. Er weiß nicht, warum er ausge-
rechnet seinen Vater erwähnt, aber irgendetwas
klickt im Hirn von Mengele, der abends gern am
Grammofon Opern hört, irgendetwas ist
angesprungen, was sonst nicht anspringt. 
   Mengele lächelt. "Glaubst du wirklich, noch
arbeiten zu können?" fragt er Klieger. "Ja," sagt
der, "ich kann bestimmt ein guter Elektriker
werden." Mengele richtet sich an den jüdischen Arzt
an seiner Seite, Professor Waitz. "Willst du ihn
haben?", fragt er. Der stammelt: "Wenn ... Herr
Kommandant ihn mir geben will, sehr gern." Mengele
zögert kurz, er blickt auf die Karteikarte in seiner
Hand, reicht sie Waitz und sagt: "Dann nimm ihn dir."
Die SS-Männer schicken ihn nach rechts. Mengele wirft
nur einen kurzen Blick auf den Mann hinter Klieger
und schickt ihn nach links, dann sagt er:
"Links - links - rechts - links."

0.91 "Ich"-Sagen - Friedensnobelpreis für Brandt

aus: E. Bahr, "Das musst du erzählen". Erinnerungen an Willy Brandt. Berlin 2014.

"Von Warschau führte der Weg zum Friedensnobel-
preis. Er bedeutete für Brandt, von allem anderen
abgesehen, seine Befreiung zur Normalität des 'Ich'.
Schon in Berlin hatten Albertz und ich Brandts
Scheu beobachte, 'ich' zu sagen. Er sprach von
'man' oder 'wir' oder umschrieb, was 'nötig' oder
'wünschenswert' sei. Während der Jugendzeit und in
der Emigration hatte er gelernt, vorsichtig und
möglichst sachlich zu formulieren. Das 'Ich' blieb
besser unausgesprochen. Das gab dem Stil des
Regierenden Bürgermeisters und selbst noch des
Außenministers etwas Schwebendes, Unbestimmtes. Wir
vermissten den klaren Führungsanspruch. 'Es gibt
gute Gründe' ist eben weniger als 'Ich möchte'
oder gar 'Ich will'.
   Die Rede, mit der er den Friedensnobelpreis
annahm, markierte einen erstaunlichen Einschnitt
in seinem Redestil. Ich war beglückt, mit welcher
Selbstverständlichkeit er plötzlich 'Ich' in
seine Rede hineinkorrigierte. 'Und wenn ich dies
hinzufügen darf: Wie viel es mir bedeutet, dass
auf meine Arbeit >Im Namen des deutschen Volkes<
abgehoben wurde ...' " (199f)

1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Literatur

Auszug aus Stephen King, LOVE. Roman. Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner. Augsburg 2010:

(93) In seinem Bett, im rötlichen Abendlicht,
öffnet Scott die Augen. Sieht seine Frau an,
die ihr Buch liest. Sein Atem pfeift nicht mehr,
aber er röchelt leise, als er so tief wie nur
möglich Luft holt und ihren Namen halb flüstert,
halb krächzt. Lisey von 1988 lässt ihr Buch
sinken und betrachtet ihn prüfend.
   "He, du bist wieder wach", sagt sie. "Dann
   jetzt dein Schnellquiz. Weißt du, was mit dir
   passiert ist?" "Angeschossen", flüstert er,
   "Junger Mann. Tubus. Rücken. Schmerzen."
   "Gegen die Schmerzen bekommst du später etwas",
   sagt sie, "Möchtest du jetzt ..."
   Er drückt ihre Hand, um ihr zu signalisieren,
   dass sie nicht weiterzureden braucht. 
Jetzt wird er mir erzählen, dass er sich im Dunkeln
verirrt hatte und ich ihm Eis gegeben habe, denkt
Lisey von 2006.

Verschiedene Beobachtungen (verschiedene Module betreffend) sind möglich:

  1. Es geht darum, für einen anschließenden Dialog überhaupt Kontakt herzustellen (vgl. ID 4.122). Die aktuelle Lisey von 2006 erinnert an sich selbst im Jahre 1988. Kontaktaufnahme durch den verletzten Ehemann, indem er undeutlich den Namen seiner Frau flüstert. Sie reagiert zunächst nonverbal, dann durch Testfragen. Sie sollen prüfen, ob der Partner rational zugänglich ist.
  2. Die Fragen werden durch 5 aphrastische Äusserungseinheiten (vgl. ID 4.0601) beantwortet. Der Verletzte ist zu klarer Erinnerung fähig, aber nicht zu wohlgeformten Sätzen.
  3. Die Frau greift einen Teil der angerissenen Themen auf - Schmerzen -, verhält sich teil-responsiv, hatte das Stichwort wohl auch als Bitte um Hilfe verstanden. Sie setzt zu einer Frage = AII = Redeaufforderung an, wird aber non-verbal unterbrochen.
  4. Der Text erwähnt sowohl das Drücken ihrer Hand - was für sich genommen mehrdeutig sein könnte. Daher wird noch eine Interpretation hinzugesetzt: die Geste gilt als: EII - die Frau soll nicht weiterreden. Wichtig: das Drücken der Hand unterbricht die Frage, ist keine Reaktion auf die komplett formulierte Frage.


1.2 A II - Literatur

Den andern zum Reden zu bringen, kann schwierig und mit Missverständnissen behaftet sein.

Aus: Wolf Haas, Der Brenner und der liebe Gott. Hamburg 2009.

(201f) Aber je länger er nachgedacht hat, umso
aussichtsloser ist ihm seine Lage vorgekommen. 
Jetzt hat er zwischen Amstetten und St. Pölten doch
noch einmal versucht, den Kressdorf in ein 
Gespräch zu verwickeln. "Was hat der Knoll mit seinen
Kameras über Ihre Frau herausgefunden, dass Sie ihn
deshalb umgebracht haben?"
"Gar nichts."
Aber interessant. Weil der Brenner geglaubt hat,
"gar nichts" heißt so viel wie "Maul halten", 
ist ihm völlig entgangen, dass der Kressdorf gerade
angefangen hat, ihm die Wahrheit zu erzählen. 
Vielleicht war das Verstummen vom Brenner aber auch
gerade gut, weil wie sie nur noch zwanzig 
Kilometer von St. Pölten entfernt waren, hat der
Kressdorf einfach weitergeredet.

1.2.1 A II - Wollknäuel

Aus: Wolfgang Herrndorf, tschick, Reinbeck 2012. 36. Aufl.

(29) Jedenfalls - diese Beautyfarm. Wie genau
das ablief, weiß ich nicht. Weil ich meine
Mutter nie besuchen durfte, das wollte sie
nicht. Aber wenn sie von da zurückkam, hat
sie immer verrückte Sachen erzählt. Die
Therapie bestand offenbar hauptsächlich
aus keinem Alkohol und reden. Und Wasser
treten. Manchmal auch turnen. Aber turnen
konnten nicht mehr viele. Meistens haben
sie nur geredet und dabei ein Wollknäuel
im Kreis rumgeworfen. Weil, immer nur wer
das Wollknäuel hatte, durfte reden. Ich
musste fünfmal nachfragen, ob ich richtig
gehört hatte. Oder ob das ein Witz war.
Aber das war kein Witz. Meine Mutter fand
das auch gar nicht so witzig oder spannend,
aber ich fand das, ehrlich gesagt, wahnsinnig
spannend. Das muss man sich mal vorstellen.
Zehn erwachsene Menschen sitzen im Kreis
und werfen ein Wollknäuel rum. Hinterher
war der ganze Raum voll Wolle, aber das
war gar nicht der Sinn der Sache, auch
wenn man das jetzt erst mal denken könnte.
Der Sinn war, dass ein Gesprächsgeflecht
entsteht. Woran man schon erkennen kann,
dass meine Mutter nicht die Verrückteste
in dieser Anstalt war. Da müssen noch deutlich
Verrücktere gewesen sein.

1.2.2 A II - Redeaufforderung durch Sadismus

aus G. Grass, Mein Jahrhundert (zu 1964) S.260:

"Denn das war bestimmt kein Zufall, dass wir uns, als
wir getraut werden sollten, im (Frankfurter) Römer
verlaufen haben und dabei auf Auschwitz und, noch
schlimmer, Birkenau gestoßen sind, wo die Öfen
waren. Anfangs wollte er das alles nicht glauben,
daß zum Beispiel ein Angeklagter einem Häftling
befohlen hat, seinen eigenen Vater zu ertränken,
worauf der Häftling richtig wahnsinnig wurde, und
ihn deshalb, nur deshalb der Angeklagte auf der
Stelle erschossen hat. Oder was auf dem kleinen
Hof zwischen Block II und Block 10 an der schwarzen
Wand passiert ist. Erschießungen! Tausende ungefähr.
Denn als das verhandelt wurde, wußte keiner die
genaue Zahl. Überhaupt fiel das schwer mit der
Erinnerung. Als ich dann Heiner von der Schaukel
erzählt habe, die nach diesem Wilhelm Boger benannt
ist, der solch ein Gerät, um die Häftlinge zum
Sprechen zu bringen, erfunden hat, wollte er das
anfangs nicht kapieren. Da hab ich ihm auf ein
Stück Papier genau aufgezeichnet, was ein Zeuge
an einem Modell, das er extra für den Prozeß
gebastelt hatte, für die Richter demonstriert hat.
An der Stange hing oben nämlich als Puppe ein Häft-
ling in richtig gestreiften Sachen, und zwar so
verschnürt, daß ihm dieser Boger genau zwischen die
Beine und immerzu auf die Hoden schlagen konnte.
Ja, auf die Hoden genau. 'Und stell dir vor,
Heiner,' hab ich gesagt, 'als der Zeuge das alles
dem Gericht erzählte, hat Boger, der halbrechts
auf der Anklagebank, also hinter dem Zeugen saß,
richtig geschmunzelt, bis in die Mundwinkel hinein ...'"


1.2.3 A II - Blicke

... laut S. Lenz, "Deutschstunde", (45. Aufl. 2014, S.372)

Da sie nun schon damit angefangen hatten,
unaufgefordert ihre Meinung zu sagen, schwieg mein
Vater nach dieser Erklärung bewußt und sah Max
Ludwig Nansen in einer Weise an, daß der das Gefühl
haben mußte: jetzt bist du an der Reihe, einen Senf
dazuzugeben. Und der Maler zögerte nicht. Er sagte:
Warum zu Hause, wir können es auch draußen abwarten,
und mehr sagte er nicht. Auch als mein Vater ihn
aufforderte, sich genauer auszudrücken, blieb er bei
dem Gesagten, und verzichtete darauf, mehr
Sätze zu machen über seine Einstellung.

1.2.4 A II - taktisch

nach dem Roman von Nagib Machfus. Echnaton. Der in der Wahrheit lebt: Zürich 1999. S.92. - Tij, die Frau des Weisen Eje, von Nofretete in den Hofstaat aufgenommen.

"Um nicht sinnlos Zeit zu vertun, erzählte ich Tij, was
ich bereits über die Ereignisse in Erfahrung gebracht
hatte. 'Ich möchte Sie weder überanstrengen noch Ihre
Zeit unnütz in Anspruch nehmen, und wenn Sie glauben,
nichts Wesentliches hinzufügen zu können, würde ich mich
gleich verabschieden.' Doch siehe da, sie begann zu reden."

1.3 EII, "Halt die Klappe"

Der Ausschnitt aus Homers Ilias, basiert zwar auf dem altgriechischen Text. Hier wird aber nach der Übertragung durch Raoul Schrott zitiert. Dem andern das Rederecht zu entziehen ist häufig gekoppelt mit der negativen Bewertung des Kommunikationspartners: Ist der andere schon nicht ein akzeptierter Partner, muss man erst recht nicht auf seine Worte achten:

"... wäre da nicht odysseus zu thersites getreten,
um ihn mit finsterer Miene anzuschnauzen:
ah - was bist du für ein blendender redner - du
maulheld du! halt endlich deine klappe - der
einzige, der sich auflehnt gegen jede obrigkeit,
der bist du - für wen hältst du dich?
ich sag es dir - der fieseste kerl von allen hier,
der bist du!! hör auf, dich lang und breit über
unsre führer auszulassen und sie am schmäh zu führen
unter dem billigen vorwand du setzt dich für den
rückzug ein!! ..."

Der tschechische Reformator Jan Hus, trotz königlichem Schutzbrief auf dem Konstanzer Konzil eingekerkert, wurde in eine Verhandlung geholt. Zu welchem Zweck?

"Hus versicherte, nachdem man ihn in die Höhle des
Löwen geführt hatte, dass er Verfasser der vorge-
legten Schriften sei und erklärte zugleich seine
Bereitschaft, alles  'in Demut zu berichtigen' ,
sofern er darin
 'etwas Verkehrtes oder Irriges aufgestellt hätte'.
Darauf las man ihm einige Artikel und Zeugenaus-
sagen vor, wobei Hus umgehend Einspruch erhob, wenn
nicht exakt seine Auffassung wiedergegeben wurde.
Dies wiederum brachte die Konzilsväter außer
Fassung, da sie sich ganz unvermittelt und unfrei-
willig in eine Diskussion verwickelt sahen, die sie
ja vermeiden wollten.
'... und als er denen zu antworten suchte, die da
und dort, bald rechts, dann links, bald von hinten
auf ihn einschrien und ihn bekämpften, verwirrte
er sich'.
Es war eine aufgeheizte tumultartige Atmosphäre, die
nun im Saal herrschte, ein Hin und Her in den
Wortmeldungen,
'Lass deine Sophisterei und sag Ja oder Nein!',
herrschten die Richter Hus an, der dann lieber
schwieg, was man dem Delinquenten sogleich als
Eingeständnis seiner Irrtümer auslegte."
            

(aus: Th. Krzenck, Johannes Hus. Theologe, Kirchenreformer, Märtyrer. Persönlichkeit und Geschichte 170. Gleichen.Zürich 2011. S. 173)


Charakterisierung einer Fernsehdebatte in SPIEGEL-online 26.1.2016: Moderator Plasberg, der offenkundig einen Debattenbeitrag abwürgen wollte:

Die Stimmung: Im Lande sei sie "sehr schlimm", wie
selbst Brok mitgekriegt hat, zumindest aber
"angespannt" (Oppermann). Und im Studio war sie
ebenfalls ziemlich gereizt, sogar beim Moderator.
Als Brok einmal sehr weit und polternd ausholte, um
die leider vergeblich gezeigte flüchtlingspolitische
Weitsicht der EU zu preisen, fiel ihm Plasberg sehr
unmoderat ins Wort: "Was vor zwölf Jahren war, ist
mir scheißegal."


1.31 EII, "Schluss der Debatte" - in der Politik

Thema: Finanzschwierigkeiten der Griechen: [4]


1.4 EII / AI

In einem SPIEGEL-Gespräch (28/2011) wurde der Historiker Snyder interviewt. Es ging um die Verbrechen Stalins und die Verbrechen Hitlers.

Snyder: ...aber die Nazis wollten die Kolchosen,
die infolge der Kollektivierung entstanden waren,
dafür nutzen, die Lebensmittelversorgung zu kontrol-
lieren. Die Deutschen sollten versorgt werden,
Millionen sowjetische Bürger hingegen ver-
hungern.
SPIEGEL: Gut, aber Stalin hatte nun wirklich
nichts mit dem Holocaust zu tun.

Das "Gut" fällt etwas gedankenlos und schnell. Im Wortsinn scheint der Hungertod von Millionen gebilligt und abgehakt zu werden. Gemeint ist es natürlich anders, als Steuerung der Sprecherbeteiligung: Der SPIEGEL-Vertreter drängt auf einen Sprecherwechsel (EII/AI), will einen eigenen inhaltlichen Akzent unterbringen. Die vermeintliche Billigung der Sachaussage ist vielmehr ein Abschneiden der Rede des Gesprächspartners.

1.5 AII / NI

Der Anfang des Romans "Hundejahre" von G. Grass. :

"Erzähl Du. Nein, erzählen Sie! Oder Du erzählst.
Soll etwa der Schauspieler anfangen? Sollen die
Scheuchen, alle durcheinander? Oder wollen wir
abwarten, bis sich die acht Planeten im Zeichen
Wassermann geballt haben? Bitte, fangen Sie an!
Schließlich hat Ihr Hund damals. Doch bevor mein
Hund hat schon Ihr Hund, und der Hund vom Hund.
Einer muß anfangen: Du oder Er oder Sie oder Ich...
Vor vielen Sonnenuntergängen, lange bevor es uns
gab ..."

Herta Müller in SPIEGEL-Essay (4/2013) über ihr Verhör mit dem deutschen Verfassungsschutz anlässlich ihrer Einreise aus Rumänien 1987. Sie wurde verdächtigt, Agentin zu sein.

Da sagte der Beamte: Wenn Sie dennoch einen Auftrag
haben, jetzt können Sie es noch sagen.
   Ich frage ihn, wieso er sich nicht kundig mache,
was in Rumänien war, bevor er mich verdächtigt.
Darauf sagte er einen Satz, den die Vernehmer der
Securitate immer sagten: Die Fragen stellen wir.
...
Auf diesen Faltbögen ging es um Kleidung, Gesicht,
Ohren, Fingernägel. Es gab für alles vorgedruckte
Adjektive. Wenn ich sagte, ich habe die Ohren oder
Fingernägel damals nicht wahrgenommen, ich war
verzweifelt, ich hatte Angst, der bringt mich um,
sagte der Beamte wie eine Maschine: Denken Sie
nach. Wie soll ich mich an etwas erinnern, was ich
damals nicht wahrgenommen habe, fragte ich, hatten
Sie schon mal so eine Angst? Er war wieder taub.
Ich fragte auch, ob die deutschen Geheimdienste
einen rumänischen Agenten an den Ohren oder Finger-
nägeln erkennen würden, wenn er nach Deutschland
käme. Darauf kam wieder der Satz: Die Fragen
stellen wir.

Dante, "Göttliche Komödie", 31. Gesang (Übers. W. Naumann):

"O du, der du jenseits des heiligen Flusses bist",
       begann sie wieder, ihrer Rede Spitze auf mich richtend,
       die mir schon mit der Schneide scharf erschienen war,
indem sie ohne Zögern fortfuhr,
       "Sag, sag, ob dieses wahr ist,
       so großer Anklage muß dein Geständnis entsprechen."
Meine Seele war so verwirrt,
       daß meine Stimme anhub und wieder erlosch,
       bevor sie sich aus ihren Organen gelöst hatte.

1.6 NII = AI -> EII

H. Fallada, Kleiner Mann - was nun. 4. Aufl. 2012. Berlin. - Fräulein Kleinholz hatte sich Hoffnungen auf Herrn Pinneberg gemacht. Der ist inzwischen aber mit Lämmchen verheiratet - was aktuell noch niemand wissen darf (daher wird der Ring am Finger versteckt) - Pinneberg ist in der Firma von Kleinholz angestellt.

(105) "Hören Sie, Fräulein Kleinholz", sagt er
und steckt als Vorsichtsmaßregel die Hände fest
in die Taschen. Er schluckt und setzt noch einmal
an. "Hören Sie, Fräulein Kleinholz, wenn Sie so
was noch einmal sagen, schlage ich Ihnen ein paar
in ihre Schandschnauze."
     Die will etwas sagen, ihre dünnen Lippen
zucken, der kleine Vogelkopf macht einen Ruck auf
ihn zu.
   (106) "Halten Sie das Maul", sagt er grob.
"Das ist meine Frau, verstehen Sie das!!!!"
Und nun fährt die Hand doch aus der Tasche, und
der blitzende Ehering wird ihr unter die Nase
gehalten.
"Und sie können froh sein, wenn Sie je in Ihrem
Leben eine halb so anständige Frau werden wie
die!"
   Damit aber macht Pinneberg kehrt, er hat
alles gesagt, was er zu sagen hat, er ist
herrlich  erleichtert. -
 Folgen? Was Folgen? Rutscht mir doch den Buckel
runter allesamt! Pinneberg also macht kehrt und
setzt sich an seinen Platz. 

Aus H. Hesse, Die schönsten Erzählungen. stb 3638. Frankfurt/M 2004. S. 44:

Nach der Abendsuppe griff der Seiler, da sein
Kamerad so störrisch schweigsam war, zu einem
Buch und fing zu lesen an. Hürlin saß ihm
gegenüber und warf ihm mißtrauisch beobachtende
Blicke zu. Einmal, als der Lesende über irgend
etwas Witziges lachen mußte, hatte der andere
große Lust, ihn danach zu fragen. Aber als 
Heller im gleichen Augenblick vom Buch auf-
schaute, offenbar bereit, den Witz zu erzählen,
schnitt Hürlin sofort ein finsteres Gesicht und
tat, als sei er ganz in die Betrachtung einer
über den Tisch hinwegkriechenden Mücke versunken.
So blieben sie hocken den ganzen langen Abend.
Der eine las und blickte zuweilen plaudersüchtig
auf, der andere beobachtete ihn ohne Pause,
wandte aber den Blick stolz zur Seite, so oft
jener herüberschaute.

Sprechverbot aus ironischer Hemmungslosigkeit heraus: [5] (erstes Gedicht)



1.7 AII - Fragetechnik/Journalismus

Zu einer TV-Talkrunde (Spiegel-online, 16.4.2013):

Frank Plasberg ist der Großmeister der offenen
Frageform: Was denken Sie? Wie fühlen Sie sich?
Wie haben Sie reagiert? Wo andere Talkmaster
sich in selbstverliebten Endlossätzen verheddern,
setzt der ehemalige Boulevardjournalist auf die
Stärke des Stakkato, auf die Kraft der Kürze.
Die Antworten seiner Gäste, derart hervorgelockt,
sind oftmals authentischer als die üblicherweise
abgesonderten Stanzen in TV-Gesprächsrunden.
Auch am Montagabend, als es in Plasbergs Sendung
"Hart, aber fair" um die Verbrechensserie des
"Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) ging,
funktionierte diese Technik eine Zeit lang ganz
gut. Hülya Özdag, die mit ihren Eltern in der Köl-
ner Keupstraße eine Konditorei betreibt, beschrieb
eindrücklich, wie die Opfer der rechtsextremisti-
schen Mörderbande unter den zahlreichen behördli-
chen Fehlern leiden, wie sehr sie jeder (vermeint-
liche) Skandal noch immer trifft.
Doch wenn es um mehr als um Gefühl, wenn es nämlich
um Analyse geht, stößt die Plasbergsche Fragetechnik
an ihre Grenzen. Zwar gelang der erfahrenen
SPIEGEL-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen noch
eine treffende Erklärung dafür, weshalb der NSU-
Prozess das Aufklärungsinteresse der Hinterbliebenen
geradezu zwangsläufig enttäuschen muss, doch bei der
Frage aller Fragen, nämlich der danach, wie es
geschehen konnte, verfiel sogar der Moderator in
die ewig-gleichen Phrasen.
Da waren die Behörden pauschal "auf dem rechten Auge
blind", da wurde "Nazi-Bafög" an rechte V-Leute
gezahlt, nur in eine Richtung ermittelt und eine
"Mafiatheorie stur verfolgt", wie Plasberg behaup-
tete. Es ist schon erstaunlich, wie vehement die
deutsche Presse ungeachtet der Erkenntnisse zahl-
reicher Untersuchungsausschüsse und Experten-
kommissionen den Strafverfolgern noch immer grund-
sätzliche Parteilichkeit unterstellen kann. Als sei
eine angebliche Einseitigkeit der Ermittlungen
wirklich die Antwort auf die Frage, weshalb der
NSU unentdeckt geblieben war.
Nein, auch wenn es noch so schön schmissig klingt
und auch wenn "Hart, aber fair" die skurrilsten
Blüten aus elf Jahren Mordermittlungen noch einmal
hervorkramte (Geisterbeschwörer, Polizei-Imbiss-
buden), eine Erklärung für die andauernde
Erfolglosigkeit der Polizisten und Staatsanwälte
ist das nicht. Zwar redeten fast alle in der
Plasberg-Runde im Laufe der Sendung von Auf-
klärung und Aufarbeitung, von Lehren und Konse-
quenzen, doch schon eine zutreffende Beschreibung
dessen, woran es eigentlich lag, dass die Rechts-
terroristen nicht gefasst wurden, lieferte keiner.

1.8 AI / NII - "die Sache ist doch die ,..."

Noch semantisch betrachtet enthält dieser Satz nur eine Bedeutung, die zweite, die für eine normale Prädikation nötig wäre, fehlt. Dadurch entsteht eine Lücke, die aufgefüllt werden sollte.

Pragmatisch kommt hinzu, dass die eine Bedeutung ein Abstraktum ist. Damit kann man auch nichts anfangen - das Abstraktum verlangt nach Konkretisierung. Also noch ne Lücke.

Beide Signale eignen sich gut, im aktuellen Gesprächsbeitrag anzuzeigen: ich will jetzt mal am Reden bleiben und Euch noch einiges verklickern. Das was gesagt werden soll, wird dann mit einem "dass"-Satz eingeleitet. Natürlich schließt dieser rhetorische Aufwand einiges an Emphase und Gedröhn ein.

1.81 AI "Ich will ein Gespräch beginnen" - Politik

SPIEGEL 18.10.2013:

Berlin - Die Verwandlung des Sigmar Gabriel beginnt
am 22. September, kurz nach 18 Uhr. Als die Fernseh-
stationen die ersten Prognosen melden, weiß der
SPD-Vorsitzende, was zu tun ist. Er greift sich,
so schildern es Vertraute, sein Handy und formu-
liert eine kurze SMS. Adressat ist die Kanzlerin.
Gabriel sendet ihr seine Glückwünsche zum Wahl-
sieg. Es ist das Signal, dass er von nun an die
Waffen ruhen lässt und reden würde. Wenn sie denn
will.

Implizit heißt das natürlich: AII - mach mit!

1.82 AI "Ich muss mal mit dir reden"

aus: Wolfgang Herrndorf, Tschick. Hamburg 2014. 17f:

"Ich muss mal mit dir reden", sagt der Arzt, und
das ist logisch der dümmste Gesprächsanfang, den
ich kenne. Und dann warte ich, dass er mit Reden
anfängt, aber das gehört zu diesem Anfang leider
dazu, dass man sagt, ich muss mal mit dir reden,
und dann erst mal nicht redet. Der Arzt starrt
mich also an, senkt dann seinen Blick und klappt
einen grünen Pappordner auf. Oder klappt ihn nicht
auf, sondern öffnet ihn, wie ich mir vorstelle,
dass er einem Patienten die Bauchdecke auf-
schneidet. Sehr umsichtig, sehr kompliziert, sehr
ernst. Der Mann ist Chirurg. Glückwunsch.

Eine Variante 69:

Meine Mutter war noch keine halbe Stunde weg, da
kam mein Vater auf mein Zimmer und hatte dieses
Dackelgesicht, und dieses Dackelgesicht bedeutet:
Ich bin dein Vater. Und ich muss mit dir über
Wichtiges sprechen. Was nicht nur dir unangenehm
ist, sondern auch mir.
   So hatte er mich vor ein paar Jahren angeguckt,
als er meinte, mit mir über Sex sprechen zu müssen.
So hatte er mich angeguckt, als er wegen einer Art
Katzenallergie nicht nur unsere Katze, sondern
auch meine beiden Kaninchen im Garten und die
Schildkröte irgendwo versenkte. Und so guckte er
auch jetzt.


1.9 WI - "weil"

Wer sich zu "weil" nur gemerkt hat, dies sei eine begründende Konjunktion, die einen Nebenssatz einleite, ist arm dran.

Denn "weil" kann im laufenden Redebeitrag - vielleicht bedächtig nachsinnend ausgesprochen - auch anzeigen: "ich will weiterhin das Wort behalten". Es muss dann überhaupt nicht eine sachverhaltliche Begründung folgen. "weil" ist in dieser Funktion eine Interjektion und gehört als eigene Äusserungseinheit abgetrennt, vgl. 4.0601 Äußerungseinheiten (ÄEen)

2. Organisierung des Sprecherwechsels

2.1 Sprecherwechsel: verschiedene Sprachen

Steuerung Deutsch Englisch Französisch Arabisch
AI "Ich will jetzt zu Wort kommen"
"da" (am Redebeginn)
"seht"
"genug" (=EII)
kommen, sich verneigen und sich wieder aufrichten
"Listen up"
"May I ask you"
"est ce que je peux prendre la parole"
"pardonnez moi,..."
"regarde,... "
gespannte Körperhaltung
betonte Einatmung ...

اريد ان اخد الكلمة
Übersetzung: Ich will das Wort nehmmen.
حسنا سابدا
Übersetzung: gut, ich fange an. لقداستنفدت لوقت المسموح به


Danke für die Gelegenheit mir das Wort zu geben

WI "Ich bin am Reden und würde gerne noch fortfahren"
"(und) da" (in der Rede)
"und jetzt"
"jetzt aber"
"folgendermaßen" (und weitere Kataphern)
Themasetzung: "was X betrifft..."
Redeeinleitung in der Rede
"hört mir gut zu!"
"tatsächlich"
einfaches "und" kann auch schon reichen, in der Rede u.U. langgezogen ("und eh") oder ergänzt: "und übrigens", "und außerdem", "und zu allem hin", "und ..." - es kann ein eigenständiger, unverbundener Satz folgen, als Neueinsatz in der Rede
"I'm not done yet"
"then I talk further"
"pardonnez moi mais je suis entrain de parler..."
"est ce que je peux continuer de parler..."
" Eh ben ..."
"Donc..."
"et maintenant..."
ساتمم كلمتي حتى النهاية
Übersetzung: ich werde bis zu Ende fortfahren


EI "ich komme mit meiner Rede zum Schluß"
"genau so ist es gewesen"
Bekräftigung/Schwur
aggressiv-aufgeladene Frage
den Ort der Kommunikation verlassen
"i've got nothing more to say"
"Enjoy"
"et maintenant on arrive à la conclusion"
"finallement..."
"enfin..."
"et pour finir"
لقد اتممت كلمتي


Übersetzung: ich komme mit meiner Rede zum Schluss
ساترك الكلمة الان للاخرين
Übersetzung: Ich gebe jetzt das für den anderen

NI "ich beabsichtige nicht, das Wort zu ergreifen"
sich verneigen (und Befehl/Auftrag erwarten)
Gefühlsreaktionen/Gesten der Demotivierung
abwehrende Gesten/Desinteresse zeigen
"Well, what shall I say to this" "j´ai rien à dire"
AII "Du sollst jetzt zu Wort kommen"
Fragen
phatische Bestätigungen, daß man empfangsbereit ist ("ja", "Mhm")
gestisches Signal, daß man empfangsbereit ist (Kopfnicken, Blickkontakt, Hände an Ohrmuschel)
dislokatives Signal, daß man empfangsbereit ist (Näherrücken)
"sag mir doch..." /jegliche Aufforderung zu einer Redehandlung
Provokation des KP (aggressiv oder allzu höflich)






"Why do you think..."
"You might also want"
"et maintenant vous pouvez prendre la parole"
"je vous prie de me rejoindre"
Findger Zeig
Blick Kontakt
WII "Du kannst mit deiner Rede fortfahren"
Näherkommen als Aufforderung an den KP
Bestätigungen durch Affirmation: "ja!" (verbal/gestisch)
zustimmendes Nicken
"go on please"
"please continue"
"You have the word"
"vous pouvez reprendre la parole"
"vous pouvez continuer de parler "
من الممكن ان تتمم كلمتك


Übersetzung: Du kannst mit deiner Rede fortfahren.

EII "Hör jetzt endlich auf zu reden"
aggressive Gegenfragen
häufiger Widerspruch "nein!" (verbal/gestisch)
verbal oder gestisch wird der KP unterbrochen
Rezipient entfernt sich
"I think it's time you come to an end"
"you have the final disputes"
"et maintenant on prie votre collègue de nous rejoindre"
"arrête de parler maintenant"
"je suis d´un autre avis"

لدي تصور اخر في الموضوع
Übersetzung: ich habe eine ganz andere Vorstellung zu diesem Thema
لقداستنفدت لوقت المسموح به


Danke für die Gelegenheit mir das Wort zu geben

NII "du sollst in nächster Zeit nicht zu Wort kommen"
Wortmeldung wird ignoriert
Sich-Abwenden des aktuellen Sprechers
"ce n´est pas à toi de prendre la parole"

تدخل مرفوض
Übersetzung: Deine Rede ist abgelehnt.
من فضلك احترم صاحب الكلمة
Übersetzung: Entschuldigung, du muss der Redner respektieren.

Legende:
A: Anfangen wollen zu reden
W: Weiterreden wollen
E: Enden wollen zu reden
N: Nicht reden wollen
I: aktueller (bzw. potentieller) Sprecher der Kommunikation
II: Partner des aktuellen Sprechers


3. Gleiches (Rede-)Recht für alle

3.1 Gesprächsleitung und "Dampfplauderer"

Angeregt durch einen Beitrag in SPIEGEL-Online (6.6.2011) folgen einige Hinweise zum Sprecherwechsel in Gesprächsgruppen. Ziel: alle sollen sich einbringen und ihre Standpunkte vorbringen. Faktisch ist dies oft schwer zu erreichen. Bisweilen drängeln sich einzelne Redner penetrant nach vorne und dominieren die andern. Ihr Durchsetzen von "WI" ("ich will das Wort behalten") wirkt als "NII" ("ihr sollt jetzt nicht zu Wort kommen"). Die Gesprächsleitung sollte diese Einseitigkeit erkennen und gegensteuern. Etwa wie folgt:

"Manche Menschen reden viel, weil sie glauben, alles
besser zu wissen, andere wiederum verdrehen einem
das Wort im Mund, um einen aus dem Konzept zu
bringen ... Ruhe bewahren ... Lassen Sie der Person
genügend Raum, geben Sie ihr Gelegenheit, absurde
oder weit hergeholte Behauptungen aufzustellen.
Wenn Sie genau verstanden haben, können Sie
durch gezielte Fragen die Absurdität entlarven ohne
durch ein Dagegenargumentieren unnötig Widerstand
zu produzieren."

Wenn die störende Person nicht merkt, dass sie Einseitigkeiten schafft, den Betrieb aufhält, andere entmutigt ...

"...mag es notwendig sein, dass Sie als Bespre-
chungsleiter sehr direkt werden und die
betreffende Person darauf hinweisen, dass sie den
Besprechungsverlauf stört und schuld daran ist,
wenn wertvolle Zeit verloren geht. Um den
eigenen Worten Gewicht zu geben, sollten sie dann
sofort weiterarbeiten, zum Beispiel durch eine
konkrete Frage an einen anderen Teilnehmer, um
die Diskussion voranzubringen."

Auf körpersprachliche Signale achten: Störende Personen nicht wiederholt anschauen, sondern die anderen Teilnehmer in den Blick nehmen! Wer dauernd angeguckt wird, missinterpretiert dies als Betonung der eigenen Wichtigkeit.

Wenn ein Störer auf diese Weise "entschärft" worden ist, kann es sein, dass er Nebengespräche anfängt, also auf dieser Ebene seinen Mitteilungsdrang auslebt. Zwei Strategien dazu:

Man lädt den Redseligen ein, "auch die anderen
wissen zu lassen, was (er) zu sagen hat" Oder:
Die Diskussion in der Gesamtgruppe wird unterbrochen
und der Redselige erwartungsvoll angeschaut. Er
merkt dann, dass er nicht allein am Reden ist.

Für Gesprächsleiter steht ein Balanceakt an: Zu strenges und frühes Eingreifen schafft das Image des Oberlehrers. Zu lange Störfaktoren zuzulassen weckt Unmut ob des kommunikativen Chaos: für ein gutes Gruppenergebnis - nicht nur inhaltlich, sondern auch für eine ausgewogene Beteiligung aller - muss dann eingegriffen werden.


3.2 Gleichberechtigte Gesprächsbeteiligung

In idealisierter und stilisierter Form verkörpert in der Musik die "Fuge" die ausgewogene Beteiligung verschiedener Stimmen am 'Gespräch'. Zugleich erleben Hörer, welch lebendiges Ganzes und welch schön klingendes Resultat dabei entsteht. Im Prinzip eignet sich jede Fuge zur Demonstration. Meist sind Fugen instrumental komponiert. Ein schönes Beispiel in gesungener Form ist das Quartett aus Beethovens "Fidelio". (Man heuere zur Illustration MusiklehrerInnen an)

3.3 Unerlaubte Einmischung

aus W. Herrndorf, tschick. 2014, Hamburg, 36. Aufl. S. 235

Aber, wie gesagt, der Richter interessierte sich
sowieso mehr für andere Dinge.
"Was mich mal interessieren würde, wer von euch
beiden genau hat die Idee zu dieser Reise gehabt?"
Die Frage ging an mich.
"Na, der Russe, wer sonst?" , kam es halblaut von
hinten. Mein Vater, der Idiot.
"Die Frage geht an den Angeklagten!", sagte der
Richter.
"Wenn ich Ihre Meinung wissen wollte, würde ich Sie
fragen."
"Wir hatten die Idee", sagte ich. "Wir beide."
"Quatsch!", meldete sich Tschick zu Wort.
"Wir wollten einfach ein bisschen rumfahren", sagte
ich.
"Urlaub wie normale Leute und -"
"Quatsch", meldete sich Tschick wieder.
"Du bist nicht dran", sagte der Richter.
"Warte, bis ich zu dir komme."
Da war er ganz eisern, dieser Richter. Reden durfte
immer nur, wer dran war.

4. Gesprächsverweigerung

AI trifft auf NII - der angepeilte Partner macht nicht mit.

4.1 "NII" = Kränkung

... das geht auch per Briefkontakt. Aus: L. Tolstoj, Anna Karenina. Berlin 2010. S.789:

"Als Anna von den nahen Beziehungen Alexej Alexan-
drowitschs zu Gräfin Lydia Iwanowna erfuhr, ent-
schloß sie sich am dritten Tag zu dem Brief, der
sie große Überwindung kostete und in dem sie
absichtlich schrieb, die Erlaubnis, ihren Sohn
wiederzusehen, werde von der Großmut ihres Mannes
abhängen müssen. Wenn dieser Brief ihrem Mann
gezeigt würde, dann würde er ihr keine Absage
erteilen, nur um die Rolle des Großmütigen
weiterzuspielen.
   Der Bote, den sie zu Gräfin Lydia Iwanowna ge-
schickt hatte, brachte ihr die grausamste und von
ihr am wenigsten erwartete Antwort: daß gar keine
Antwort erfolgen werde. Noch nie hatte sie sich so
gedemütigt gefühlt wie in diesem Augenblick, als
sie den Boten zu sich gerufen hatte und seinen
ausführlichen Bericht hörte, wie er habe warten
müssen und ihm dann gesagt worden sei: 'Eine
Antwort erfolgt nicht.' Anna fühlte sich gedemü-
tigt und beleidigt, aber sie sah ein, daß Gräfin
Lydia Iwanowna von ihrem Standpunkt aus recht
hatte. Ihr Schmerz war um so größer, als sie ihn
allein tragen mußte."

4.1.1 Luther blitzt mit Missionierungsversuch bei Juden ab

Vgl. [6] - darin das Zitat von Buchseite 380f.

Das war unerwartet für den selbstbewussten Reformator und löste bei ihm heftige Negativgefühle/Aggressionen aus, vgl. [7] - hoch in der Pragmatik wirksam.

4.1.2 Gesprächsverweigerung - körpersprachlich signalisiert

aus: S.Bode, Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation. Stuttgart 2009, S.239

"Unser Vater hat niemals gesagt, er hätte nichts von
den Massenmorden an den Juden gewusst. Aber seine
Ausstrahlung machte deutlich: Er wollte nicht danach
gefragt werden. Daran haben wir uns gehalten. Einen
gebrochenen Mann fragt man nicht. Als ich jung war,
habe ich mir vorgestellt, dass er nur an den Nachwir-
kungen des Krieges litt. Erst seit wenigen Jahren
glaube ich, dass es auch Scham gewesen sein könnte,
weshalb er den Glauben an sich selbst und den Glauben
ans Leben verloren hatte. Über einen Nazihintergrund
ist nichts bekannt. Ich habe nie antisemitische Aus-
sagen von ihm gehört. Allerdings hat er immer kommen-
tiert und beachtet, wenn jemand fremdländisch war,
angeblich ohne Wertung. Dass darin doch eine Wertung
steckt, fiel mir erst als Erwachsene auf." 

4.2 "NI" - "nicht reden wollen"

Ein Schwabe, vertieft in eine knifflige Arbeit, wird von einem Hinzukommenden gefragt, was er denn da mache. Da der Tüftler sich voll konzentrieren muss - Schwaben sind ja bekannt dafür -, kann er nicht auch noch in ein Gespräch einsteigen. Er empfindet die Frage schlichtweg als Störung. Eine Standardantwort in solchen Fällen: "De Schnecka uf d'Schwänz schlage, damit se bellet!" Der doppelte Unsinn - vgl. 4.113 Übertragener Sprachgebrauch - Übergang zur gemeinten Bedeutung - wird in aller Regel verstanden als: "Ich muss mich ganz auf die Arbeit konzentrieren und kann nicht nebenher auch noch reden."

4.3 "NI" - "nicht reden wollen" - US-Verteidigungsminister

... im Irakkrieg. SPIEGEL 27/2014 S.127:

"Viele Menschen erinnern sich an Rumsfelds
berühmten Spruch über 'das bekannte Bekannte',
'das bekannte Unbekannte', und 'das unbekannte
Unbekannte', den er während einer Pressekonferenz
machte. Aber nur wenige wissen noch, dass dieser
Spruch eine Antwort auf die Frage war, welche
Beweise wir hätten, dass Saddam Hussein mit
Terroristen zusammenarbeiten würde - dabei war
diese Behauptung überhaupt erst die Begründung
für den Krieg gewesen.
Je öfter ich mir diesen Auftritt angesehen habe,
desto mehr wurde mir klar, dass Rumsfeld überhaupt
keine Antwort gegeben hatte. Es war der Versuch,
das Thema zu wechseln und die konkreten Fragen der
Reporter in eine abstrakte Debatte über Wissen an
sich zu verwandeln: 'Manchmal haben wir Beweise,
und manchmal haben wir keine; manchmal wissen wir,
wonach wir suchen müssen, und manchmal wissen wir
es nicht.'"

4.4 "NI" - "Das ist kein Thema für mich"

Wer diesen Satz zu hören bekommt, versteht sofort, dass auf der momentanen gedanklichen Schiene nicht weitergefahren werden kann: der Partner verweigert sich. Warum das so wirkt, kann man vor unserem grammatischen Hintergrund noch etwas erläutern:

  • "Thema" - damit ist letztlich angesprochen: [8] - was soll also der Aussagegegenstand sein?
  • Was immer der Partner inhaltlich angesprochen hatte: ich reduziere dessen Anliegen auf das Wort "Thema" = ein Abstraktum, vgl. [9]. Allein dadurch dokumentiere ich meine Unlust, gedanklich daran weiterzuarbeiten. Ich gab das Signal: Ein formaler, grammatischer Begriff ist mir wichtiger als dein inhaltlicher Vorstoß!
  • Was der Gesprächspartner angeschnitten hatte, wird - zu dessen Verblüffung - vom Partner negiert, vgl. [10].
  • Folglich wird - nun auf pragmatischer Ebene - keine Aussage / Prädikation möglich sein, vgl. [11]. Die sprachliche Grundoperation - über alle Ebenen hinweg - ist torpediert.

Ergebnis: Ich verstehe, dass der Gesprächspartner bei dem von mir angeschnittenen Thema nicht mitspielt, sich verweigert.

Man kann für die meisten Situationen, in denen
dieser Satz zur Anwendung kommt, unterstellen,
dass mit heftigem Nachdruck die Gesprächsbe-
teiligung zurückgewiesen wird, also ist
Emphase aus [12] noch mit im Spiel.
[Klar, dass sich nach einer solchen Verwei-
gerung Weiteres im Dialog ergeben kann, was
dann auch in die Beschreibung einzubeziehen
ist: der Partner, dessen Anliegen zurückge-
wiesen worden war, kann sich beleidigt abwen-
den und aus dem Dialog aussteigen. Oder er
akzeptiert die Blockierung und versucht es
mit anderer Thematik neu. usw.]
Was hier grammatisch penibel aufgedröselt
wurde, läuft als Entzifferung meiner Gesprächs-
strategie beim Partner schnell, spontan und meist
unbewusst ab. Das leistet die Sprachkompetenz,
die jede/r bei einigermaßen ungestörter Ent-
wicklung ausbildet und die all die pragmatischen
Aspekte und kommunikativen Strategien ein-
schließt. Grammatiken, die nur die Satzebene
erreichen -  und das noch mit antiquierter Termi-
nologie -, sind unfähig, solche Befunde zu ana-
lysieren, d.h. ins Bewusstsein zu rücken. 

5. Sprechverbot, Amtsgeheimnis

5.1 Wer ist eigentlich Gesprächspartner?

Platt geantwortet: Die real mir gegenüber sitzende oder stehende Person. - Antwort: Falsch! Etwas gründlicher betrachtet - dabei darf man gern die Zeichendefinition im Hinterkopf behalten - immerhin basiert darauf die gesamte Alternativ-Grammatik:

  • "Die real mir gegenüber sitzende oder stehende Person" ist natürlich wichtig, wenn ich ihr Schallwellen zukommen lassen will, das Ausdrucksrepertoire der Taubstummensprache, Grimassen, oder - sofern die Person weiter entfernt ist - schriftliche Äußerungen, auf Papier oder elektronisch. In all diesen Fällen ist eine physisch-physikalische Realisierung meiner Botschaft darauf angewiesen, dass sie beim Empfänger auch aufgegriffen wird / werden kann. Dazu braucht es die reale Person, ggf. mit der nötigen technischen Ausstattung. Das entspräche sozusagen der (Ausdrucks-)SYNTAX. - Aber das genügt nicht, denn:
  • Dieses reale Gegenüber ist zugleich Träger verschiedener Identitäten, Rollen. Nun wird es semantisch-pragmatisch, geistig, um diese inhaltlichen Formungen muss man wissen, sie sieht man der äußeren Person nicht an.
   - Die leibhaftige Person kann mein Freund sein.
   - Sie kann gleichzeitig einer anderen politischen
     Gruppierung angehören als ich - aber dennoch mit
     mir freundschaftlich verbunden.
   - Wir füllen unterschiedliche berufliche Rollen aus.
  • In großen Institutionen dürfen Informationen oft nur innerhalb des *gleichen* Geschäfts-/Funktionsbereichs, unter gleichartigen Amtsträgern ausgetauscht werden.

Wenn mein Freund nicht ein vergleichbarer Amtsträger ist, dann darf ich ihm manche Information nicht zukommen lassn. Amtsgeheimnis heißt das dann - Freundschaft hin oder her.

Es verbietet sich dann auch ein Gemauschel nach
dem Motto: "Eigentlich dürfte ich ja nicht ...
aber, weil du mein Freund bist, sage ich dir im
Vertrauen ... aber mach keinen weiteren
Gebrauch davon". 

Die Missachtung solcher pragmatischer Rollen / Identitäten hat schon manchem Minister - zuletzt Agrarminister Friedrich - das Amt gekostet, eine wahrhaftige Regierungskrise ausgelöst.

  • Grund solch rigider Konsequenzen: Viele Ämter, v.a. die Justiz, könnten ihren Betrieb einstellen, wenn alle Informationen immer frei in der Gesellschaft zur Verfügung stünden. Was wir unter EPISTEMOLOGIE verhandelt hatten, vgl. [13], muss die Chance haben, entwickelt, geprüft, allmählich zu einer belastbaren Argumentation zusammengebaut zu werden. Das ist nicht möglich, wenn an jedem Punkt von außen dazwischengeschossen werden kann, oder Indizien vernichtet werden.

Anforderung:

Beim Thema Dialog muss ich prüfen, in welchen
"Rollen / Identitäten" der Gesprächspartner mit
mir zu tun hat. Und in welcher "Rolle / Identität"
ich ihm etwas sagen könnte. Bevor ich den Mund
aufmache und losplaudere, muss geklärt werden, ob
der "Sprechkanal" passt. Wenn nein, dann hilft
darüber auch alle bestehende Kumpanei nicht hinweg.

5.2 Redeverbot in der Demokratie?

"Politische Korrektheit" als Kriterium - und wer definiert sie? Vgl. [14]