4.124 Thema, inhaltliche Argumentation

Aus Alternativ-Grammatik
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Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

Frage - Antwort: passt die Antwort eigentlich zur vorhergehenden Frage? Bei Politikerinterviews hat man hie und da den Eindruck, dass statements abgegeben werden aus Anlass der Frage, aber nicht um die Frage selbst auch zu beantworten.


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0. Einführung

0.1 "Thema" - aber auch, wie die Stilistik dazu passt

Auf das verhandelte "Thema", seine Entwicklung, zu achten, ist eine sinnvolle pragmatische Aufgabenstellung. Es sollte aber nicht untergehen die Frage, inwiefern die sprachliche Stilistik - schon (Ausdrucks-)SYNTAX und SEMANTIK - das Thema sprachlich unterstützt - oder womöglich konterkariert. Im folgenden Beispiel kann man untersuchen, wie die geschilderte Schlägerei sprachlich geboten wird, wie sich Thema und Stilistik zueinander verhalten.

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Frankfurt/M 2004. 'Kinderseele'

(397) "Als wir in der Nähe der Metzgergasse handge-
mein wurden, blieben gleich ein paar Leute stehen
und sahen unserem Handel zu. Wir hieben einander in
den Bauch und ins Gesicht und traten mit den Schuhen
gegeneinander. Nun hatte ich für Augenblicke alles
vergessen, ich war im Recht, war kein Verbrecher.
Kampfrausch beglückte mich, und wenn Weber auch
stärker war als ich, so war ich flinker, klüger,
rascher, feuriger. Wir wurden heiß und schlugen uns
wütend. Als er mir mit einem verzweifelten Griff
den Hemdkragen aufriß, fühlte ich mit Inbrunst den
Strom kalter Luft über meine glühende Haut laufen.
   Und im Hauen, Reißen und Treten, Ringen und Würgen
hörten wir nicht auf, uns weiter mit Worten anzufein-
den, zu beleidigen und zu vernichten, mit Worten, die
immer glühender, immer törichter und böser, immer
dichterischer und phantastischer wurden. Und auch
darin war ich ihm über, war böser, dichterischer,
erfinderischer. Sagte er Hund, so sagte ich Sauhund.
Rief er Schuft, so schrie ich Satan. Wir bluteten
beide, ohne etwas zu fühlen, und dabei häuften unsere
Worte böse Zauber und Wünsche, wir empfahlen einander
dem Galgen, wünschten uns Messer, um sie einander in
die Rippen zu jagen und darin umzudrehen, wir be-
schimpften einer des andern Namen, Herkunft und
Vater.
   Es war das erste und einzige Mal, daß ich einen
solchen Kampf in vollem Kriegsrausch bis zu Ende
ausfocht, mit allen Hieben, allen Grausamkeiten,
allen Beschimpfungen."

0.2 Thema - Rhema

Aus der neueren Linguistik ist das Begriffspaar bekannt, bezogen auf die Textebene. Die Fragestellung bezogen auf den einzelnen Satz / Prädikation, bei uns also in der SEMANTIK, ist altbekannt:

Das Subjekt/der 1.AKTANT ist die Figur, zu der etwas 
ausgesagt werden soll. Folglich sollte der 1.AKTANT
dem Leser/Hörer schon bekannt sein.
Das PRÄDIKAT ist einerseits eine eigene Bedeutung.
Und diese wird zum 1.AKTANTen in Beziehung gesetzt.
Alle drei Komponenten bilden dann die PRÄDIKATION.
- Was man platter früher schon als 'Prädikat' bezeich-
nete, war somit das Neue, das, weswegen man den Satz
formulierte. Vgl. [1]

Folglich ist Thema nun in der Pragmatik ein Wiederaufleben des alten Gedankens: Was im Text ist die schon bekannte Information - entspricht also dem 1.AKTANTen in der SEMANTIK. Und was soll im Text die Neuinformation sein? Also das Rhema?

Wer hier immer noch an der Gleichung "Verb = Prädikat"
aus der alten Standardgrammatik klebt - in unserer
SEMANTIK waren wir schon bestrebt, diese Verkürzung
zu überwinden - wird keine Chance haben, sich
für den pragmatischen Gedanken des Rhema zu
öffnen.
Er wird die Chance haben, einem Missverständnis zu
erliegen.
= was im letzten Satz kursiv ist, ist Rhema gegen-
über der Äußerung zuvor! Dass Aussagen zu "er" und zur
Zukunft - "wird" - gemacht werden, weiß man vom Vor-
text. Sofern sie nicht korrigiert wird, übernimmt man
diese Orientierung = Thema.

Umthematisierung - klingt wie ein Donnerwort. Es hat eine Verbindung zu dem, was jede/r kennt: Passiv.

Den Gedanken wird merkwürdig und unverständlich
finden, wer mit Passiv vor allem die Frage der
Passivbildung, der Passivformen verknüpft, 
aber noch nicht verstanden hat, wozu diese Formen
gut sein sollen.

Was in 'aktiver' Formulierung als 2.Aktant auftritt - "Ich kaufte den Anzug gestern" -, kann von mir mit stolz geschwellter Brust auch passivisch gesagt werden. "Der Anzug wurde von mir gestern gekauft". Nun steht Der Anzug hervorgehoben als 1.Aktant. Er ist nun Thema der Aussage. "Ich" als Handelnder tauche nur beiläufig auf. Semantisch war das "Ich" noch "Thema", d.h. von vorrangigem Interesse. Die Rollen der beteiligten Figuren haben sich nicht geändert, aber die Gewichtung, mit der sie genannt werden.


Der eigentlich Handelnde wird somit aus dem Fokus genommen. Deswegen wird das Passiv auch gern in der Geschichtsschreibung verwendet. Vgl. H. Genzmer, Unsere Sprache. wbg 2014. S.105:

"Durch die geschaffene Distanz suggeriert das Passiv
größere Objektivität. Darum wird es besonders in der
Geschichtsschreibung verwendet, es gibt keine Schuld-
zuweisungen, keine klare Identifikation der Verursa-
cher.
Sechs Millionen Juden wurden getötet.
Die Wälder wurden niedergebrannt. "

0.3 Fragetest

"Zur Beschreibung der Thema-Rhema-Gliederung dient der
Fragetest. Das Thema erscheint in der Frageformulierung,
das Rhema ist durch den Bereich der Frage markiert:
a) Wer hat ein neues Kleid gekauft? - Maria
b) Wann hat Maria ein neues Kleid gekauft? - Gestern
c) Was hat Maria heute gekauft? - ein neues Kleid
In a) ist Maria, in b) gestern, in c) Ein neues Kleid
rhematisch, während der in der Frage formulierte Rest
thematisch. Andererseits ließe sich argumentieren,
dass Maria bekannt sein muss (der Beispielsatz hat keinen
Kontext!), sonst würden wir entweder nicht über sie sprechen
oder müssten sie einführen. Somit ist Maria nie Rhema,
sondern immer Thema!
Wichtiges Ausdrucksmittel und Erkennungsmittel ist vor
allem die Intonation des Rhemas. Die Veränderung der Posi-
tionen von Thema und Rhema verändert die Betonung und auch
die mögliche emotionale Qualität.
Ein neues Kleid (Rhema) hat Maria gestern gekauft!
'Gestern (Rhema) hat Maria ein neues Kleid gekauft!" (21)
aus: H. Genzmer, Unsere Grammatik. Die Schönheit unserer
Sprache: nachschlagen und informieren. Wiesbaden 2014,
Wiss. Buchgesellschaft.

1. Passt die Antwort zur Frage ?

1.1 überresponsiv - Politik: Genscher

Der langjährige Innen- und dann Außenminister Genscher war bekannt dafür, dass er auf Interview-Fragen überresponsiv reagierte: Er griff die Frage auf, stellte sie in einen weiteren Zusammenhang, behandelte nicht-gefragte Aspekte. Möglicherweise gab er dann auch eine Antwort auf die gestellte Frage. Insgesamt aber dauerten die Antworten lange und ermüdeten die Hörer. Der Gefragte hatte seine Hörer niedergerungen und den Eindruck vermittelt, über die großen Zusammenhänge Bescheid zu wissen. Eine Hochstilisierung der eigenen Kompetenz zur alleinigen.


1.2 überresponsiv - Politik: Ulbricht

Aus einer Pressekonferenz, Juni 1961, des Staatsratsvorsitzenden der DDR: Obwohl so speziell gar nicht danach gefragt worden war, bringt Ulbricht das Stichwort "Mauer" ins Spiel, weist es zwar zurück; 2 Monate später ist klar, dass Ulbricht gelogen hatte. - Zitiert aus wikipedia-Artikel zu "Walter Ulbricht":

„Ich möchte eine Zusatzfrage stellen. Doherr,
Frankfurter Rundschau.
Herr Vorsitzender, bedeutet die Bildung einer
freien Stadt Ihrer Meinung nach, dass die
Staatsgrenze am  Brandenburger Tor errichtet
wird? Und sind Sie entschlossen, dieser Tatsache
mit allen Konsequenzen Rechnung zu tragen?“ 
Antwort: 
„Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in
Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die
Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren,
um eine Mauer aufzurichten, ja? Ääh, mir ist
nicht bekannt, dass solche Absicht besteht, da 
sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsäch-
lich mit Wohnungsbau beschäftigen, und ihre
Arbeitskraft voll eingesetzt wird. Niemand hat
die Absicht, eine Mauer zu errichten!" 

1.3 non-responsiv - Politik: Eurokrise

SPIEGEL (4/2012) interviewt den Berater des französischen Präsidenten:

'SPIEGEL: Waren Sie es, der ihm (dem Präsidenten)
Deutschland erklärt hat?
Minc: Die Mannschaft von Sarkozy hat sich
stark verändert, im Gegensatz zu seinen Anfangs-
tagen ist er heute umgeben von Leuten, die
Deutschland gut kennen. Da ist sein Außenminister
Alain Juppé oder sein Stabschef Xavier Musca. Er
ist zu einem Spezialisten geworden.

Die Nicht-Antwort provoziert natürlich Spekulationen, wie denn die korrekte Antwort wohl auszusehen habe. Also ist aktiviert: 4.5 Wachgerufene Zusatzgedanken (Implikationen) - Vermutlich soll aus gebotener, höflicher Bescheidenheit ein einfaches "Ja" vermieden werden. - Zugleich wird die Chance genutzt, die seriöse Arbeitsweise im Team des Präsidenten plakativ zu betonen, was - gemessen an der Frage - als Nebelwerfen wirkt.

1.4 non-responsiv - Kafka, Prozess

aus Franz Kafka, Der Prozess, DTV-Ausgabe 1998, S.19f:

" ... andererseits aber kann die Sache auch nicht
viel Wichtigkeit. Ich folgere das daraus, daß ich
angeklagt bin, aber nicht die geringste Schuld
auffinden kann, wegen deren man mich anklagen
könnte. Aber auch das ist nebensächlich, die
Hauptfrage ist, von wem bin ich angeklagt? 
Welche Behörde führt das Verfahren? Sind Sie
Beamte? Keiner hat eine Uniform, wenn man nicht ihr 
Kleid - hier wandte er sich an Franz - eine
Uniform nennen will, aber es ist doch eher ein
Reiseanzug. In diesen Fragen verlange ich Klar-
heit und ich bin überzeugt, daß wir nach dieser
Klarstellung voneinander den herzlichsten Abschied
werden nehmen können." Der Aufseher schlug die
Zündhölzchenschachtel auf den Tisch nieder.
"Sie befinden sich in einem großen Irrtum,"
sagte er. "Diese Herren hier und ich sind für Ihre
Angelegenheit vollständig nebensächlich, ja wir
wissen sogar von ihr fast nichts. Wir könnten die
regelrechtesten Uniformen tragen und Ihre Sache
würde um nichts schlechter stehn. Ich kann Ihnen
auch durchaus nicht sagen, daß Sie angeklagt sind,
oder vielmehr ich weiß nicht, ob Sie es sind. Sie
sind verhaftet, das ist richtig, mehr weiß ich
nicht. Vielleicht haben die Wächter etwas anderes
geschwätzt, dann ist es eben nur Geschwätz gewesen.
Wenn ich nun aber auch Ihre Fragen nicht beantworte,
so kann ich Ihnen doch raten, denken Sie weniger
an uns und an das, was mit Ihnen geschehen wird,
denken Sie lieber mehr an sich. Und machen Sie
keinen solchen Lärm mit dem Gefühl Ihrer Unschuld,
es stört den nicht gerade schlechten Eindruck, den
Sie im übrigen machen.
Auch sollten Sie überhaupt im Reden zurückhaltender
sein, fast alles, was Sie vorhin gesagt haben,
hätte man auch, wenn Sie nur ein paar Worte gesagt
hätten, Ihrem Verhalten entnehmen können, außerdem
war es nichts für Sie übermäßig Günstiges."

1.41 non-responsiv - BK Merkel

... nach dem CDU-Wahlerfolg im Sept. 2013. Aus dem Kommentar von Jakob Augstein (24.9.2013). SPIEGEL-online:

"Merkels Erfolg ist gleichzeitig ihr Verhängnis.
Die Leute haben nur sie gewählt - nicht ihre 
Regierung. Es war eine schöne Frage, die der
Kanzlerin an diesem Abend gestellt wurde:
'Muss jede Partei, die mit Ihnen koaliert, mit
dem politischen Ableben (FDP) oder schweren
Stimmverlusten (SPD) rechnen?' In ihrer Antwort
lieferte Merkel ihre eigene Karikatur: 'Es gibt
viele Menschen in Deutschland, die finden, dass
wir in einem ganz guten Land leben.' "

1.42 non-responsiv - Herrndorf, tschick

aus W. Herrndorf, tschick. 2014, Hamburg, 36. Aufl. S.96-98

"Wo willst du denn überhaupt hin?"
"Ist doch egal."
"Wenn man wegfährt, wär irgendwie gut, wenn man
weiß wohin."
"Wir könnten meine Verwandtschaft besuchen. Ich
hab einen Großvater in der Walachei."
"Und wo wohnt er?"
"Wie, wo wohnt der? In der Walachei."
"Hier in der Nähe oder was?"
"Was?"
"Irgendwo da draußen?"
"Nicht irgendwo da draußen, Mann. In der
Walachei."
"Das ist doch dasselbe."
"Was ist dasselbe?"
"Irgendwo da draußen und Walachei, das ist
dasselbe."
"Versteh ich nicht."
"Das ist nur ein Wort, Mann", sagte ich und trank
den Rest von meinem Bier. "Walachei ist nur ein
Wort! So wie Dingenskirchen. Oder JottWehdeh."
"Meine Familie kommt von da."
"Ich denk, du kommst aus Russland?" 
"Ja, aber ein Teil kommt auch aus der Walachei.
Mein Großvater. Und meine Großtante und mein
Urgroßvater und - was ist daran so komisch?"
"Das ist, als hättest Du einen Großvater in
JottWehdeh. Oder in Dingenskirchen."
"Und was ist daran so komisch?"
"JottWehdeh gibts nicht, Mann! JottWehdeh heißt
Janz weit draußen. Und die Walachei gibt's auch
nicht. Wenn du sagst, einer wohnt in der Walachei,
dann heißt das: Er wohnt in der Pampa."
"Und die Pampa gibt's auch nicht?"
"Nein."
"Aber mein Großvater wohnt da."
"In der Pampa?"
"Du nervst echt. Mein Großvater wohnt irgendwo
am Arsch der Welt in einem Land, das Walachei heißt.
Und da fahren wir morgen hin."
Er war wieder ganz ernst geworden, und ich wurde
auch ernst.
"Ich kenn hundertfünfzig Länder der Welt mit
Hauptstädten komplett", sagte ich und nahm einen
Schluck aus Tschicks Bierflasche. "Walachei gibt's
nicht."

(127f)

Er blieb direkt vor uns stehen und glotzte uns mit
riesigen Augen an wie ein großer behinderter Frosch. 
   Tschick fragte ihn, wo denn hier der Norma wäre,
und der Junge lächelte entweder sehr verwegen oder
sehr ahnungslos. Er hatte unglaublich viel
Zahnfleisch. 
"Wir kaufen nicht im Supermarkt", erklärte er
bestimmt.
"Interessant. Und wo ist er?"
"Wir kaufen immer bei Froehlich."
"Ah, bei Froehlich." Tschick nickte dem Jungen zu
wie ein Cowboy, der dem anderen Cowboy nicht wehtun
will. "Aber uns würde hauptsächlich interessieren,
wo es hier zum Norma geht."
   Der Junge nickte eifrig, hob eine Hand an den
Kopf, als würde er sich kratzen wollen, und zeigte
mit der anderen unentschlossen in der Gegend rum.
Dann fand sein Zeigefinger plötzlich ein Ziel
zwischen den Häusern. Da sah man kurz vorm Horizont
ein einsames Gehöft zwischen hohen Pappeln.
"Da ist Froehlich! Da kaufen wir immer ein."
"Phantastisch", sagte Tschick. "Und jetzt nochmal
ungefähr der Supermarkt?"
   Das viele Zahnfleisch machte uns klar, dass
wir mit einer Antwort wahrscheinlich nicht mehr
rechnen konnten.
Es war aber auch sonst niemand auf der Straße,
den man hätte fragen können.
"Was wollt ihr denn da?"
"Was wollen wir denn da? Maik, Maiki, was wollten
wir nochmal im Supermarkt?"
"Wollt ihr einholen? Oder nur gucken?", fragte der
Junge.
"Gucken? Gehst du in den Supermarkt, um zu gucken
oder was?"
"Komm, lass uns weiter", sagte ich, "wir finden den
auch so. Wir wollten Essen kaufen."
   Ich hatte den Eindruck, es machte keinen Sinn,
den Jungen mit den Froschaugen zu verarschen.  

1.43 Neues Thema - Herrndorf, tschick

aus W. Herrndorf, tschick. 2014, Hamburg, 36. Aufl. S. 184f:

Und nachdem wir  ungefähr zehnmal versichern muss-
ten, dass uns von Mord und Totschlag an unserer
Schule nichts bekannt war, fragte er plötzlich:
"Habt ihr denn ein Mädel?"
Ich wollte nein sagen, aber Tschick war schneller.
"Seine heißt Tatjana, und ich bin voll in
Angelina," sagte er und ich wunderte mich nicht,
warum er das sagte. Die Antwort schien den Alten
allerdings nicht recht zufriedenzustellen. 
"Weil, ihr seid zwei ganz hübsche Jungs", sagte er.
"Nee, nee", sagte Tschick.
"In dem Alter weiß man häufig nicht, wohin der Hase
will." 
"Nee", sagte Tschick und schüttelte den Kopf, und
auch ich schüttelte den Kopf, ungefähr wie ein
ultimativer Lionel-Messi-Fan, der gefragt wird,
ob er nicht doch eher Cristiano Ronaldo für
den Allergrößten hält.
"Dann seid ihr also verliebt, ja?"
Wir sagten wieder ja, und mir wurde etwas
mulmig, als ich merkte, wie er auf dem Thema
rumritt. Er redete nur noch von Mädeln und
von Liebe und dass das Schönste im Leben
der Alabasterkörper der Jugend wäre.
"Glaubt mir", sagte er, "ihr schließt mal die
Augen und öffnet sie wieder, und welk hängt das
Fleisch in Fetzen. Die Liebe, die Liebe! Carpe
diem." 

1.5 teil-responsiv - Bewerbungsgespräch

Manchmal ist es ratsam, nicht komplett und korrekt zu antworten - meint der Psychologe. Neben der sachlichen Information gibt es ohnehin noch die Gefühlsebene. u.U. kann man mit sachlicher Nicht-Information positiv auf der Gefühlsebene punkten (aus Spiegel-ONLINE Dez. 2012):

KarriereSPIEGEL: Aber mal ehrlich - wenn mich
einer nach meinen Stärken und Schwächen fragt
oder wissen will, wo ich mich in fünf Jahren
sehe, denke ich doch nur: Das ist jetzt nicht
Ihr Ernst!
Hesse: Die Schwächen-Frage ist ein Klassiker
und kommt in Vorstellungsgesprächen immer noch
recht häufig vor. Bloß nicht "Ungeduld" nennen,
das ist verbrannt! Ich rate etwa zu: "Ich habe
eine Schwäche für schwarze Schokolade" oder "Ich
kann Bach nicht von Mozart unterscheiden". Es geht
darum zu zeigen, dass man verstanden hat, worum es
geht, ohne sich komplett auszuliefern. Ihr
Gegenüber will mehr über Sie erfahren. Vielleicht
lachen dann alle und sagen: Nein, wir meinen
natürlich berufliche Schwächen! Dann verraten Sie
jedenfalls nicht Ihre schlimmsten Fehler, sondern
etwa: "Mein Schreibtisch sieht nicht immer
picobello aus."
KarriereSPIEGEL: Also geht es weniger um den
Inhalt als um den Tonfall?
Hesse: Genau. Entscheidend ist doch: Es ist ein
Ritual. Ich muss zeigen, dass ich keine Antwort
schuldig bleibe - aber auch klar machen, dass ich
nicht blöd bin und hier keinen Seelenstriptease
hinlege. Die andere Seite kann daran erkennen, ob
man in kritischen Situationen zickig oder charmant
und gelassen reagiert.
KarriereSPIEGEL: Nach all den Jahren: Was begreifen
Bewerber einfach nicht?
Hesse: Die meisten haben kein unternehmerisches
Selbstverständnis. Ihnen ist nicht klar, dass sie 
eine Art Ware anbieten - ihr Knowhow. Sie müssen
sich und ihre Arbeitskraft verkaufen und den 
Interessenten die Vorteile der Ware klarmachen,
wie bei einem Fernseher oder einem Auto auch. 


1.6 responsiv - ...

2. Einzelsprache: Deutsch

2.1 Interview

Aus einem Interview mit Theo Waigel zur Euro-Krise (stern.de 04.05.2010)

non-responsiv: Sie meinen: Wenn es hart auf
hart kommt, ist sich jeder selbst der Nächste?
Ich meine, es wäre schon gut, nicht gleich in
Panik zu verfallen. Die Bundesbank hat in den 90er
Jahren des vergangenen Jahrhunderts große Beträge
zur Verfügung gestellt, um andere Währungen zu
stützen - bis zu 100 Milliarden D-Mark. Damals
wurde gehandelt und nicht öffentlich debattiert.

responsiv: Es wird zuviel über den Euro geredet?

Genau so ist es. Das Durcheinander - Hilfe nein,
Hilfe vielleicht, Hilfe jetzt doch - hat dem Euro 
geschadet. Die Märkte reagieren auf so etwas
extrem empfindlich.
über-responsiv: Also sind die handelnden Akteure
von heute auch nicht mehr das, was sie zu Ihren
Zeiten einmal waren?
Man muss sich in einer Krise gut abstimmen und
das, was man entschieden hat, muss man gut
begründen. Dazu gehört übrigens auch, dass es
hier um den Kern eines vereinigten Europas geht.
Wenn Sie nämlich auf die reale Wirtschaftskraft
von Griechenland schauen, dann sind die aktuel-
len Ausschläge auf den Finanzmärkten wirklich
übertrieben. Griechenland trägt schließlich nur
zu 2,6 Prozent zum Bruttosozialprodukt der EU bei.

Aus einem Interview mit Andreas Görlitz (transfermarkt.de 11.06.2010)

teil-responsiv: Transfermarkt.de: Herr Görlitz, Ihr
Vertrag bei Bayern München läuft Ende des Monats
aus und wird nicht verlängert. Für welchen Verein
spielen Sie denn in der kommenden Saison?

Andreas Görlitz: Da gibt es noch gar nicht so viel
Neues. Es gibt auf jeden Fall ein paar Anfragen.
Aber es ist ja noch ein bisschen Zeit bis die
Transferperiode vorbei ist, sodass ich mich noch
nicht direkt entscheiden muss. Aber in den nächsten
Wochen sollte es schon zu einer Entscheidung kommen. 

2.2 non-responsiv - dennoch anscheinend überzeugend

aus W. Herrndorf, tschick. 2014, Hamburg, 36. Aufl. S.147

"Ich weiß das aus einem Buch," sagte ich. Ich sagte
lieber nicht, dass das aus einem Buch für Sechs-
jährige gewesen war. "Irgendetwas mit K. Kapital-
kraft. Gesetz der kapitalen Kraft oder so."
  "Kapitale Scheiße, Mann."
  "Nein, es ist auch was anderes ... ich weiß!
  Kommunal, das Prinzip der kommunalen Röhren."
Da sagte Tschick erst mal nichts mehr. Glauben
konnte er das immer noch nicht. Aber dass mir
der Name vom Gesetz eingefallen war, hat ihm den
Wind aus den Segeln genommen. Ich hab ihm noch
erklärt, dass die Kommunalkraft noch stärker
ist als die Erdanziehungskraft und alles, aber
hauptsächlich, um uns Mut zu machen und weil ich
nicht wollte, dass die Reise schon zu Ende war.
Weil, gesehen hatte ich das mit dem Schlauch auch
noch nie. 

2.3 Aufsatz

S. Lenz, Deutschstunde. München 1973, 45. Aufl. S. 471f:

Zuerst kam mir das Thema zumutbar vor. ergiebig
und sogar wie für mich gemacht, ich fühlte mich
noch nie überfordert, wenn uns aufgegeben wurde,
etwa über 'Mein schönstes Ferienerlebnis', ein
'Besuch im Landesmuseum' oder über 'Mein Vorbild'
zu schreiben; jedes Thema erfüllte mich anfangs mit
dem gleichen Zutrauen. Doch all diese eingängigen
Themen erwiesen sich in dem Augenblick als Zumutung,
in dem ich sie - was ja verlangt wurde - zu gliedern
begann. Kein Aufsatz ohne Gliederung. Einleitung,
Aufbau, Hauptteil, Wertung: über diese Rolltreppe
hatte das Ganze zu laufen, und wer sich nicht an
diesem Schema entlanghangelte, der hatte das Thema
verfehlt. Obwohl es mir gelang, mich mit fast allen
Themen zu befreunden, verfehlte ich sie regelmäßig
und zwar deshalb, weil ich mich nicht entscheiden
konnte. Ich brachte es nicht fertig, zu bestimmen,
was Haupt-, was Nebenproblem sein sollte; ich
brachte es nicht übers Herz, einige Leute als
Haupt-, andere als Nebenfiguren auftreten zu lassen.
Höflichkeit oder Mitleid oder Argwohn hinderten
nicht daran; doch was das schlimmste war, ich war
nicht in der Lage zu werten, und gerade darauf war
Doktor Treplin, unser Deutschlehrer in Glüserup, so
versessen. Alles wollte er bewertet haben:
Odysseus' Listen und Wallensteins Charakter, die
Träume des Taugenichts und das Verhalten der Bürger
beim Brand der Stadt Magdeburg. Was keine Wertung
hatte, war nicht der Rede wert! Noch heute stellt
sich der Druck ein und das würgende Gefühl, wenn
ich nur daran denke.


3. Einzelsprache: Französisch

3.1 Interview

Das ist ein Teil von dem Interview, das Maradona vor dem Spiel Frankreich gegen Argentinien gegeben hat.

über-responsiv: Vous affronterez la France,
mercredi, au stade Vélodrome. Comment jugez-vous
l'équipe de France ?
Diego Maradona: J'ai regardé beaucoup de vidéos
de cette équipe. Son potentiel est connu. Je pense
que le trio Ribéry-Anelka-Henry est fantastique.
C'est formidable d'avoir trois joueurs de ce
calibre dans une équipe. On va donc essayer de
les encercler pour les empêcher de communiquer.
(Sie werden Frankreich, Mittwoch im Velodrom
treffen. Wie bewerten Sie das Team von Frank-
reich?
Diego Maradona: Ich sah viele Videos von diesem
Team. Sein Potenzial ist bekannt. Ich denke, das
Trio Ribery-Anelka-Henry ist fantastisch. Es ist
großartig, drei Spieler dieses Kalibers auf ein 
Team zu haben. Also werden wir versuchen, sie zu
umkreisen, um sie an der Kommunikation zu hindern.).
non-responsiv: Quelle va être votre tactique pour
battre les Bleus ?
Diego Maradona: Je ne vais rien vous dire
là-dessus. Je ne vais pas donner ma stratégie, ni
mon schéma de jeu. Je dirai d'abord tout cela aux
joueurs. Raymond Domenech non plus n'a pas dévoilé
son équipe, je ne vois pas pourquoi je le ferais.
(Was wird Ihr Plan, um die Blues zu besiegen?
Diego Maradona: Ich sage Ihnen nichts davon. Ich
will nicht meine Strategie oder meinen Zeitplan 
enthüllen, ich werde alles an die Spieler sagen.
Raymond Domenech hatte auch nichts enthüllt, ich 
verstehe nicht, warum ich das machen sollte.).
responsiv: Quel est le meilleur joueur français
selon vous ?
Diego Maradona: Je pense que Franck Ribéry est un
ton au-dessus des autres, à beaucoup de niveaux.
(Wer ist der beste Spieler in dem französischen
Team Ihrer Meinung nach?
Diego Maradona: Ich denke, dass Franck Ribery
einen Schritt vor den anderen auf vielen Ebenen
ist.)


4. Einzelsprache: Englisch

4.1 Interview

Aus der Anhörung einiger Führungskräfte von Goldman Sachs vor dem Kongress der Vereinigten Staaten vom 27.04.2010 zur US-Immobilienkrise von 2007. Auszug mit Senator Carl Levin und Dan Sparks, ehemaliger Leiter der Hypothekenabteilung

non-responsiv und über-responsiv:
SEN. CARL LEVIN: June 22 is the date of this
e-mail. "Boy, that Timberwolf was one shitty
deal." How much of that "shitty deal" did you
sell to your clients after June 22, 2007?
DAN SPARKS: Mr. Chairman, I don't know the
answer to that. But the price would have
reflected levels that they wanted to invest
at that time.
teil-responsiv: SEN. CARL LEVIN: But you didn't tell
them you thought it was a shitty deal.
DAN SPARKS: Well, I didn't say that.
responsiv und über-responsiv:
SEN. CARL LEVIN: Who did? Your people,
internally. You knew it was a shitty deal,
and that's what your e-mail shows.
DAN SPARKS: I think the context, the
message that I took from the e-mail from
Mr. Montag, was that my performance on
that deal wasn't good.

Non-responsiv: Many fans are already demanding
that England reach the semi-finals, at
the very least, of the World Cup in South
Africa... I have never set myself targets
because I am not someone who is happy with
half measures.

Teil-responsiv:Interviewer: What is your
greatest weakness?
Candidate: I am overzealous and become
nervous when my co-workers are not pulling
their weight. However, I am aware of this
problem, and before I say anything to anyone,
I ask myself why the colleague is having
difficulties.


5. Ringen um das Thema

5.1 Tolstoj, "Anna Karenina"

Man kann im Dialog den Eindruck gewinnen, dass das Weiterverfolgen eines Themas zunehmend Gesprächspartner langweilt/überfordert, jedenfalls ausschließt. Das führt zum Versuch, das Thema zu wechseln.

aus: Lew Tolstoj, Anna Karenina. Hg.v. G. Drohla.insel 2010.S.83:

"Darum nicht", unterbrach ihn Lewin wieder, weil
bei der Elektrizität jedesmal eine bestimmte
Erscheinung eintritt, wenn man ein Stück Harz an
Wolle reibt, hier aber nicht jedesmal, und folg-
lich ist es keine Naturerscheinung."
Wronskij, der wohl das Gefühl hatte, daß das
Gespräch für einen Salon zu ernst sei, erwiderte
nichts, sondern versuchte, das Gesprächsthema zu
wechseln, und wandte sich mit heiterem Lächeln an
die Damen.
"Wir wollen gleich einen Versuch machen, Gräfin",
sagte er; aber Lewin wollte alles aussprechen,
was er dachte.
"Ich meine", fuhr er fort, "daß dieser Versuch
der Spiritisten, ihre Wunder durch irgendeine
neue Kraft zu erklären, völlig erfolglos ist.
Sie reden immer von einer geistigen Kraft und
wollen sie materiellen Experimenten unterziehen."
Alle warteten darauf, daß er aufhören würde, und
er fühlte das.
"Ich glaube, Sie wären ein ausgezeichnetes
Medium", sagte Gräfin Northstone, "Sie haben so
etwas Schwärmerisches." 
Lewin machte den Mund auf, wollte etwas sagen,
errötete und sagte nichts.

Ein weiteres Beispiel (200f). Das Umschwenken von einem Thema zu einem anderen kann schwierig sein.

"Ach bitte, reden wir nicht von der Nilsson! Man
kann doch nichts Neues über sie sagen", bemerkte
eine dicke, rotgesichtige, blonde Dame ohne Augen-
brauen und Chignon in einem alten Seidenkleid.
Das war die Fürstin Mjachkaja, die durch ihre
Einfachheit und ihre derben Manieren berühmt
war und das enfant terrible genannt wurde. Sie
saß in der Mitte zwischen den beiden Gruppen,
horchte nach beiden Seiten hin und mischte sich
bald hier, bald dort ins Gespräch.
"Heute haben mir schon drei Leute dieselbe
Phrase über Kaulbach gesagt, als wenn sie sich
verabredet hätten. Ich weiß gar nicht, warum
diese Phrase ihnen so gut gefällt."
Das Gespräch wurde durch diese Bemerkung unter-
brochen, und man mußte sich wieder ein neues
Thema ausdenken.
"Erzählen Sie uns etwas Amüsantes, aber nichts
Boshaftes", sagte die Frau des Gesandten, eine
große Meisterin der eleganten Konversation, die
man auf englisch small talk nennt, zu dem Diplo-
maten, der auch nicht wußte, worüber man jetzt
reden sollte.
"Das soll sehr schwierig sein, denn nur das
Boshafte ist komisch", begann er lächelnd.
"Aber ich will es versuchen. Es kommt nur auf
das Thema an. Ist das Thema erst gegeben, so
läßt es sich leicht ausspinnen.
Ich denke oft, daß es den berühmten Causeurs
des vergangenen Jahrhunderts schwerfallen würde,
geistreich zu reden. Alles Geistreiche ist so
langweilig geworden ..."
"Das ist auch schon längst gesagt worden",
fiel ihm die Frau des Gesandten lachend ins
Wort. Das Gespräch hatte so nett begonnen,
aber weil es zu nett war, stockte es wieder.
Man mußte zu dem sichersten, nie versagenden
Mittel greifen - dem Klatsch.
"Finden Sie nicht auch, daß Tuschkewitsch
etwas an sich hat, das an Louis XV. erinnert?"
fragte der Diplomat ...

5.2 "Gottschalk live" - Kommentar

Die ersten beiden Wochen (Anfang 2012) liefen schlecht. Das hatte auch seinen Grund in der chaotischen Gesprächsführung: hektisch Themen setzen, aber nicht weiterentwickeln, das verdirbt die Laune der Zuschauer (aus: SPIEGEL-Online):

...aber mit den schlechten Quotenmeldungen
häuften sich die verbissenen Einwürfe, mit
denen er jeden Gesprächsansatz seiner Gäste
im Keim erstickte:
"So, nein, aber jetzt" - und wieder nächstes
Thema. Und der Gast reagiert, und Gottschalk
unterbricht:
"So, aber jetzt pass einmal auf!" Und nächstes
Thema.
   Diese Gesprächsführung ist alles andere als
heimelig, und für eine Sendung, die das erklärte
Ziel hat, aus einem als Wohnzimmer getarnten
Studio gute Nachrichten und positive Stimmung
zu verbreiten, ist sie verheerend.

5.3 "übrigens"

Das Wörtchen kann mitten in einem Gesprächsbeitrag begegnen. Man möge an fremden oder eigenen Texten folgende Behauptungen testen:

  1. "übrigens" bzw. Äquivalente, auch in anderen Sprachen, stellen im Kontext eine Weiche. Sie kommen einer Interjektion gleich, folglich stellen sie eine eigene Äußerungseinheit dar - vgl. 4.0601 Äußerungseinheiten (ÄEen). Sprachwissenschaftler sprechen dann von "Diskursmarker".
  2. Die Funktion einer solchen 'Weiche': Es soll auf ein neues Thema übergeleitet werden. Ob dieses mit dem bisherigen zusammenhängt oder ein vollkommen neues ist, muss man am konkreten Beispiel sehen. Beides dürfte möglich sein.
  3. Man kann auf diese Weise den Partner auch darauf verweisen, also nun explizit machen, welche Präsuppositionen = gemeinsame Annahmen, vgl. 4.4 Vorausgesetztes Weltwissen (Präsuppositionen) der bisherigen Themenbehandlung zugrunde lagen.

5.4 Innerkirchliche Richtungskämpfe

Es kann leicht geschehen, dass - bei welchem Thema auch immer - ein Diskutant vom anderen gesagt bekommt: 'Da müssten wir uns erst über das Gottesbild und das Gesamtverständnis der Bibel austauschen/verständigen.'

Anmerkungen:

Gottesbild - die Figur <<GOTT>> kommt in unserem
Alltag nicht greifbar vor, ist also ein Abstraktum.
vgl. [2].
Und zu diesem sollen/wollen sich zwei Menschen
mit ihren begrenzten Geistesfunktionen,
vgl. [3],
ein einvernehmliches "Bild" machen?
Mit Verlaub: Der Wortsinn ist verstanden,
pragmatisch gesehen handelt es sich um ein
aussichtsloses Unterfangen!

Gesamtverständnis der Bibel - Die Bibel
(Altes + Neues Testament) ist ziemlich umfang-
reich und in sich sehr komplex und heterogen.
Nicht mal Fachleute kennen sich gleichmäßig
intensiv darin in allen Bereichen aus. - Und
da beansprucht ein Diskutant, man solle zuerst
ein "Gesamtverständnis" erarbeiten?!

Beide so edel und seriös klingenden Vorschläge sind bei Licht betrachtet völlig aussichtslos. Die Frage ist, was die Replik im laufenden Dialog also leisten soll? Etwa Folgendes:

  1. Der Sprecher setzt sich in ein vorteilhaftes Licht, denn er verweist auf die übergreifenden Zusammenhänge - und scheint anzudeuten, dass er sich eine Fortsetzung des Dialogs auf diese Weise vorstellen kann.
  2. Im Gegenzug und implizit wird der Partner als beschränkt, auf Eigeninteressen fixiert und mit seinen bisherigen Aussagen als indiskutabel dargestellt.
  3. Gleichzeitig präpariert der Sprecher mit seinen illusionären Vorschlägen seinen Ausstieg aus dem Dialog': er selbst wird ahnen, dass er seinen beiden Vorschlägen nicht gerecht werden kann. Daher verweigert er die Fortführung des Dialogs zum eigentlich angeschlagenen Thema durch drastischen und einschüchternden Verweis auf "Gottesbild" und "Gesamtbibel".
  4. "Gesamt-" - der Sprecher signalisiert, dass er nur in "Vereinheitlichungs"-Vorstellungen denken kann, mit widerstreitenden Meinungen (übrigens schon innerbiblisch in den verschiedenen Texten reichlich geboten) nicht umgehen kann. Das wirkt "autoritär" und ist als Einstellung dem Thema "Dialog / Diskurs" direkt entgegengesetzt.

Auch so kann sich Gesprächsverweigerung / Abbruch des Dialogs zeigen.

5.5 Bisheriges Thema verdrängen durch Gedankensprung

Ein angeschlagenes Thema verbreitern, indem immer weitere Facetten hinzugenommen und miteinander verknüpft werden - vgl. [4] -, zeugt von anhaltendem Interesse und gemeinsamem Ringen um besseren Durchblick.

Vor einer solchen wünschbaren 'Normalität' fallen Verhaltensweisen auf, die durch abrupten Sprung einen Aspekt anführen, der nur noch äußerlich mit dem Thema zu tun hat, auf das bisher Gesagte aber nicht mehr eingeht. '= Signal, dass dem Kommunikationspartner die bisherigen Ausführungen zuwider sind, er daraus aussteigen möchte.

Beispiel: Während einer Taxifahrt stört mich
der Dieselantrieb (Abgase, die akustische Stö-
rung durch Nageln, die Handschaltung, und ange-
sichts großer Sommerhitze die fehlende Klimaan-
lage). In all diesen Aspekten bedauere ich auch
die Fahrerin, die ja stundenlang pro Tag damit
umgehen/leben muss. Ich führe an, dass es ele-
ganter und erträglicher geht, indem ich auf
unser (kleineres) Fahrzeug mit Hybrid-Antrieb
verweise und es erläutere - die Fahrerin hatte
von "Hybrid" offenbar noch nichts verstanden.
Anfänglich hört sie interessiert zu, fragt
gelegentlich nach. Nach einer Weile betont sie:
Aber ein Fahrzeug müsse man auch pflegen,
erst recht wenn Raucher zusteigen wollen oder
gar Betrunkene. Es sei sauberzuhalten.
Aber zeigt eine adversative Position an.
Gegen das zuvor Gesagte richtet sich diese
Frontstellung nicht. Das Sauberhalten des
Innenraums hat mit Hybridtechnik nichts zu
tun. Thematisch ist diese Wendung unlo-
gisch. Im Gesprächsverhalten beider Sprecher
ist die Wirkung des Aber jedoch wirkungs-
voll: die Gesprächspartnerin wollte nichts mehr
wissen vom alternativen Antrieb, war offenbar
mit ihrem Diesel zufrieden, wollte auf ein
ganz anderes Thema, eines, das ihr offenbar
angenehmer bzw. im Alltag präsenter war, über-
steigen. Eine thematische Umsteuerung ist
durch den adversativen Einwurf angezeigt. 

6. Politische Parteien = Thema-Garanten ?

6.1 Piraten

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,827573,00.html

Im Kontrast zur aufkommenden Piratenpartei, die sich in vielen Feldern als positionslos sieht, nicht nur, weil sie als Partei neu ist, sondern weil sie sich die Offenheit gegenüber ihren Anhängern bewahren will - deren Meinung wird je neu abgefragt und in den politischen Prozess eingebracht -, wird diskutiert, welche Funktion die Altparteien haben/hatten.

Der Beitrag vertritt die Meinung, dass man bei den etablierten Parteien eine inhaltliche Orientierung kennt. Insofern könnte man sie als Thema-Garanten bezeichnen. Wenn mir die Gesamtausrichtung einer Partei nicht passt, kann ich eine andere wählen. Eine solche Wahlmöglichkeit hat der Wähler nicht, wenn er inhaltlich nicht weiß, wofür die Partei steht, wenn grundsätzlich alles offen ist.


7. Konfrontation von Meinungen oder Verarbeitung von Beobachtungen ?

Es gilt bei uns Meinungsfreiheit. Gewiss. Jede/r mag seine/ihre Weltsicht kultivieren - dazu benötigt er/sie noch keinen Dialog. Sucht man ein Gespräch und wünscht, dass es ergiebig ist, weiterführt, neue Erkenntnisse bringt, sollte beachtet werden, was man dem Partner bietet, auch ihm zumutet.

  • rede ich von Sachverhalten, die mir, tief in meiner Seele, persönlich richtig und wichtig sind, oder auch Probleme bereiten, so präsentiere ich mein Inneres, meine Gefühle usw. - All dies kann ich mitteilen. Darüber diskutieren geht aber kaum. Im guten Fall kann der Partner Verständnis aufbringen, durch Zusatzfragen mich vielleicht auf andere Gedanken, Perspektiven bringen. - Das ist bis hinein ins therapeutische Gespräch höchst wichtig, darf aber nicht mit einer Diskussion verwechselt werden.
  • Wo ein derart helfender Impuls fehlt, und lediglich Meinungen aufeinander prallen, kann man sich zwar abreagieren, sich gegenseitig "die Meinung sagen". Aber der erreichbare Stand wird nach dem Gespräch etwa der gleiche sein wie zu Beginn, allerdings noch mehr verhärtet.
  • rede ich von Sachverhalten, die auch der Partner kennt, wahrnehmen und überprüfen kann, werden also Beobachtungen ausgewertet, so kann man

sachlich und vernünftig debattieren. Thema und Gegenstand des Gesprächs sind also Objekte/Sachverhalte/Vorgänge/Handlungen, die beiden Partnern per Wahrnehmung zugänglich sein und zu denen sie sich eine Meinung hatten bilden können. Beide Varianten verlangen also, dass die Sprachbenutzer sortieren können: Welche Thematik, welche Aspekte stellen eine von außen nicht wahrnehmbare Meinung dar? Welche Aussage dagegen ist prinzipiell für andere zugänglich, kontrollierbar?

7.1 "Innen" und "Außen"

Es sei daran erinnert, dass die "Alternativ-Grammatik" die genannte Zweiteilung sozusagen eingebaut hat. Beispiele:

  • Unter 4.1112 Näherbeschreibung als Kontextbildner war gefordert worden, dass das, was man in der Semantik noch platt als "Eigenschaft" bestimmt hatte, überprüft wird: Ist diese "Eigenschaft" für andere wahrnehmbar - z.B. das "das rote Haus"; oder - das wäre die pragmatische Korrektur - ist jene "Eigenschaft" eigentlich eine Wertung - z.B. "das hässliche Haus"?
  • Unter 4.1115 Prädikat – kritisch nachgefragt wird dazu aufgerufen, nicht alles, was im Wortsinn als "Prädikat" bestimmt wird, so hinzunehmen.

Auch hier die kritische Überprüfung: als "Prädikat" gilt fortan nur noch, was als Handlung im Außenbereich gelten kann (also eine Weltveränderung, die von anderen beobachtbar ist). Alles andere sind Attribute nominaler Größen - wo man dann wieder fragt, ob sie für den Innen- oder den Außenbereich gelten - z.B. "das Haus ist rot" oder "das Haus ist hässlich". Was mit dem merkwürdigen Haus "der Fall ist" (= Pragmatik) bleibt durch derartige Sätze also noch ungesagt.

8. Talkshows

8.1 Kritik an Jauch

ARD-intern ist man unzufrieden mit den eigenen Talkshows. Ein Papier - vgl. SPIEGEL 25/2012 - formuliert:

"Herr Jauch", heißt es in einer mehrseitigen
internen Analyse, "ist der einzige Moderator,
dessen Gesprächsführung der Beirat deutlich
kritisieren muss." Er hake "selten nach", setze
sich "über die Antworten seiner Gäste hinweg",
folgt "strikt seinem vorgefertigten Konzept" und
hake bloß "eine Frage nach der anderen ab".
   Er gehe "einer ihm nicht genehmen Gesprächs-
entwicklung" aus dem Weg, die Diskussion verlaufe
"selten ergebnisoffen". Jauch betreibe "Stimmungs-
mache", seine Einspieler mit Passantenbefragungen
"gaukeln eine vermeintliche Realität vor". In den
Fragen, die er stelle, nehme er meistens schon die
 "Antworten vorweg."

Dies alles ist eine - im Ergebnis allerdings trübe - gute Illustration dessen, wofür sich das gegenwärtige Modul interessiert. Wenn die thematische Linie vor der Sendung schon durch die Redaktion festgelegt wird, muss es ja dazu kommen, dass Antworten, die nicht ins Konzept passen, übergangen werden, und der ganze talk zu keinen überraschenden Antworten und Perspektiven gelangen kann.

9. Journalismus

Die "freie und unabhängige Presse" ist in der Demokratie ein wichtiges Element. Wie sich die kritische Begleitung des Gemeinwesens zeigt, das kann recht unterschiedlich sein. Beispiele:

9.1 Überprüfung der Themenliste

Bei Berichten aus Gremien (z.B. Stadtrat, Landes-, Bundesparlament) kann kritisch durch Journalisten angemerkt werden, welche Aspekte nicht zur Sprache gekommen waren - obwohl sie ihrer Meinung nach wichtig gewesen wären. z.B. können Baumaßnahmen diskutiert worden sein, wobei die Akzeptanz durch die Bevölkerung höchstwahrscheinlich skeptisch zu beurteilen ist; Umwelt-, Nachhaltigkeit-, Stadtbild-, Kosten-Gesichtspunkte - je nach Einzelfall können von der herrschenden Mehrheit einzelne Aspekte gezielt vernachlässigt werden - in der Hoffnung, dass die anderen Fraktionen die Strategie nicht bemerken. Es ist eine Chance für Journalisten, solche Aspekte in die Öffentlichkeit zu tragen. Daraus kann sich in der Presselandschaft eine Debatte, ein Bewusstsein, entwickeln, das letztlich von den Agierenden auf der politischen Ebene aufgegriffen werden muss.

Von journalistischer Seite wurden schon viele
verschwiegene Aktionen, die bis hin zu Korruption und
Ämterpatronage u.ä. reichten, aufgedeckt. Erzwungene
Rücktritte waren die Folge.

9.2 Verkaufsfördernde Dramatisierungen

Presseerzeugnisse wollen verkauft sein. Ein Modell, den Kauf eines Presseprodukts zu aktivieren, besteht darin:

  • Kunden zu erreichen, die vor allem auf Sensationen, Katastrophen, Horrormeldungen ansprechen. Diese Klientel ist nicht am Verstehen von Zusammenhängen interessiert - und daraus abzuleitenden Schlüssen. Sondern an dramatischen Themen, die zunächst mit der eigenen Existenz nichts zu tun haben, deren Entwicklung aber voyeurhaft mitverfolgen kann. Starke Gefühle, meist solche negativer Art - Angst, Schrecken -, werden dabei wachgerufen, d.h. erlebbar.
  • Darauf spezialisieren sich Produkte der Regenbogenpresse: Schreiende Themen werden gedruckt - und oft im Grund wieder zurückgenommen. Aber selbst wenn ein Fragezeichen hinzugesetzt ist, so wirkt die in die Öffentlichkeit geworfene Themenformulierung - und reizt vielleicht zum Kauf.
"Das Schicksal hatte wieder erbarmungslos zuge-
schlagen, und je illustrer die Opfer, desto
erschütternder ihr Leid.
Heidi Klum: rasend vor Eifersucht. Helene Fischer:
ein Junkie. Der  Ex-Papst: todgeweiht. 
   Schicksal - das war, was sich ein paar Menschen
im Hamburger Deltapark-Verlag ausgedacht hatten für
die Titelseiten ihrer Klatschblätter 'Promi Welt',
'Freizeit pur' und 'neue Pause'. Doch was als
Riesendrama verkauft wurde, schnurrte im Heft-
innern schnell zusammen.
   Heidi Klum hatte einfach nur Knatsch mit ihrer
Produktionsfirma, und das schon vor mehr als zehn
Monaten. Die Titelstory 'Helene Fischer - Drogen-
schock' in 'Freizeit pur' enthüllte, dass nicht
die Sängerin selbst, sondern nur ihr Duettpartner,
der 60-jährige US-Star Michael Bolton, Gras
geraucht habe. In seiner Jugend. Und der Beleg für
'Unser Benedikt - Sterbedrama', den Scoop von
'neue Pause': ein Schlaganfall Anfang der Neunziger
und der Austausch eines Herzschrittmachers voriges
Jahr. Außerdem die 'erschütternden Beobachtungen'
seines Biografen: Der 86-jährige sieht und hört
nicht mehr so gut.
   Erfunden? Ein bisschen. Zurechtgebogen? Ziem-
lich. Ein gutes Geschäftsmodell ist es auf jeden
Fall.  ...
Mit Journalismus hat das nur entfernt zu tun.
Schumacher handelt mit Märchen, Träumen und Alp-
träumen, mit Geschichten von Prinzessinnen und
Schlagerstars. Damit ist er einer der jüngsten
Akteure einer Sparte, die von Pleiten und Krisen
im Zeitschriftengewerbe bislang weitgehend
verschont geblieben ist. ... 
   'Zuspitzen', nennt Chefredakteur Ingo Wibbeke,
52, diese Art der Berichterstattung. 'Das gehört
zum Geschäft.' ...
   Deltapark-Gründer Schumacher sieht sein Angebot
als Alternative zu den seriösen Medien: In den
Nachrichten gehe es ständig um Terror und Krieg,
'wir liefern Geschichten über die schönen Seiten
des Lebens: Königshäuser, Kochen, Schlagerstars,
Gesundheit, Kreuzfahrten:'" (aus: SPIEGEL 21/2013)

9.3 Lange: Kein neues Thema

Im Herbst 2016 wird wochenlang von Journalisten - aber natürlich auch ParteipolitikerInnen - der ein Jahr zuvor geäußerte Satz von BK Merkel wiederholt: "Wir schaffen das." - Lang und breit wird das Publikum auf diesen Satz/dieses Thema fixiert - als gäbe es politisch keine weiteren Themen, Probleme, die zu lösen wären. Dieses eine Thema wird bald zum Klischee, vgl. [5], - faktisch sind es nämlich nur wenige, die bis jetzt unter dem Thema "Flüchtlinge" zu leiden und Nachteile haben. Aber durch die gesellschaftliche Wiederholung entsteht ein Druck, dieses Thema als schwierig und belastend zu empfinden - was nicht zuletzt derzeit Landtagswahlen beeinflusst. Bis jetzt wurde das reale Problem ganz gut bewältigt - natürlich wird der Zustrom nicht uferlos sein dürfen -, aber die Rechtsextremen gewinnen spektakulär hinzu. Vgl. flankierend die Analyse: [6]

9.4 Welche Themen wurden mit welcher Gewichtung behandelt, welche gar nicht?

- das lässt sich messen vgl. als Beispiel [7]. Dabei weisen die nicht-behandelten Themen auch auf die Präsuppositionen, vgl. [8]: einige haben erwartet, für selbstverständlich erachtet, dass folgende Themen behandelt werden - was jedoch ausgeblieben war.

10. Erzählstrategien

10.1 Arabisch raffiniert

Vgl. die Zitate S.186f und 188 aus der Erzählung von Rafik Schami in: [9]