4.126 FACE-Konzept, "Gesicht wahren"

Aus Alternativ-Grammatik
Wechseln zu: Navigation, Suche

Aus dem Inhalt

In einen Dialog einzutreten ist mit Risiko verbunden. Der Wunsch dabei: man möchte sein Selbstwertgefühl nicht verlieren (müssen). Um dafür zu sorgen, kann man selbst einiges für den eigenen Schutz tun. Aber die Partner können auch gegenseitig Signale senden, dass der andere sich nicht bedroht zu fühlen braucht.


Falls Sie sich für das Thema interessieren, klicken Sie bitte hier:


Praxis - Bitte Ihren Eintrag!

0. Nachträge zur Theorie

0.1 Analytisches Raster für Einzelsprachen

 ?? Einzelsprache: xx Kultureller Bereich: yy

[Angebot eines Rasters, mit dem Verhaltensweisen in unterschiedlichen kulturellen Bereichen beschrieben werden können. Daneben sind selbstverständlich auch frei formulierte Beiträge möglich.]

1. Als FACE-Typ dominiert:

2. Sprecher-FACE kann durch ihn selbst

2.1 gestützt werden

2.1.1 verbal:

2.1.2 durch Gesten/Verhalten:


2.2 irritiert werden

2.2.1 verbal:

2.2.2 durch Gesten/Verhalten:


2.3 bedroht werden

2.3.1 verbal:

2.3.2 durch Gesten/Verhalten:


3. Partner-FACE kann

3.1 gestützt werden

3.1.1 verbal:

3.1.2 durch Gesten/Verhalten:


3.2 irritiert werden

3.2.1 verbal:

3.2.2 durch Gesten/Verhalten:


3.3 bedroht werden

3.3.1 verbal:

3.3.2 durch Gesten/Verhalten:

0.2 "Gsicht" im Schwäbischen

Journalist Petershagen (SWP 13.12.2014):

"Gemeinhin bedeutet a Gsicht nââmache
allerdings, seine Unzufriedenheit ausdrücken.
Was machsch'n für a Gsicht nââ? heißt:
Was für eine Laus ist Dir über die Leber
gelaufen? ... dass Gsicht in diesen
Fällen nicht das Antlitz bezeichnet und auch
nicht das Sehvermögen, für das es ursprünglich
gestanden hatte, sondern einen situations- und
stimmungsbedingten Gesichtsausdruck - der
meist auf eine ungute Stimmung deutet. Deswegen
steht das Hauptwort Gsichtmacher für eine
unfreundliche Person. 
   Zur Beschreibung dieser Stimmungen hat der
Volksmund einen hohen Nuancenreichtum entwickelt,
dessen Ergebnisse im Schwäbischen Wörterbuch fast
eine Spalte füllen. Die nââgmachte = hingezo-
genen Gesichter werden verglichen mit denen eines
buckligen Maikäfers, einer Nachteule, einer Gans
um elfe, einem gestochenen Bock, einer verbrannten
Wanze oder eines Hausknechts, der sieben Jahre
kein Trinkgeld gekriegt hat."

1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Kultureller Bereich: Süddeutschland-Schwaben

1. Als FACE-Typ dominiert: negativ; Außenstehenden wird mit Zurückhaltung begegnet. Die Menschen kümmern sich um ihre eigenen Sachen. Mitgliedern der gleichen Gemeinschaft gegenüber dominiert der positive FACE-Typ (wie auch in den meisten sonstigen kulturellen Bereichen)


2. Sprecher-FACE kann durch ihn selbst

2.1 gestützt werden

2.1.1 verbal: präzise Wortwahl, höheres Sprachniveau, auch humorvolle Sprache

2.1.2 durch Gesten/Verhalten: ruhiges, nicht aufdringliches Verhalten


2.2 irritiert werden

2.2.1 verbal: stotternd oder stockend reden; dies kann auch zu Nervösität führen, wodurch das Stottern/Stocken verstärkt wird.

2.2.2 durch Gesten/Verhalten: lautes, aufdringliches Verhalten


2.3 bedroht werden

2.3.1 verbal: Kraftausdrücke, Flüche

2.3.2 durch Gesten/Verhalten: Blickkontakt vermeiden (Unsicherheit), unhöfliches Verhalten


3. Partner-FACE kann

3.1 gestützt werden

3.1.1 verbal: Interesse zeigen durch Nachfragen

3.1.2 durch Gesten/Verhalten: Aufmerksamkeit zeigen, durch Nicken oder Mimik


3.2 irritiert werden

3.2.1 verbal: Fragen die die Kompetenz des Partners anzweifeln, z.B. "Weißt du überhaupt wovon du redest?", "Bist du sicher?"

3.2.2 durch Gesten/Verhalten: Blickkontakt vermeiden (Desinteresse)


3.3 bedroht werden

3.3.1 verbal: Aussagen die den Partner nicht ernst nehmen , z.B. "Du hast doch gar keine Ahnung", "laber nicht"

3.3.2 durch Gesten/Verhalten: Auslachen


1.2 Kultureller Bereich: Süddeutschland, Mittelbaden

1. Als FACE-Typ dominiert: negativ; Der alltäglichen Gemeinschaft fernstehenden Personen wird zunächst mit Zurückhaltung begegnet, es wird begrüßt, wenn diese sich ebenso verhalten, auch z.B. bei Auslandsaufenthalten. Im familiären und engeren gemeinschaftlichen Rahmen dominiert eher der positive FACE-Typ.

2. Sprecher-FACE kann durch ihn selbst

2.1 gestützt werden

2.1.1 verbal: präzise, knappe Ausdrucksweise, durch Verwendung von landläufigen Schimpfwörtern kann in manchen Kreisen die Lokalverbundenheit demonstriert werden

2.1.2 durch Gesten/Verhalten: knappe, jedoch sichere Gestik


2.2 irritiert werden

2.2.1 verbal: fremde Dialekte, Hochsprache sowie unnötig verklausulierte und mit Fremdwörtern überladene Ausdrucksweise, stockender Redefluss

2.2.2 durch Gesten/Verhalten: Übersprungshandlungen, z.B. ständig Gesicht oder Haare berühren, Hände kneten ,etc., betont raumgreifende Gestik, (zu) laute Stimme


2.3 bedroht werden

2.3.1 verbal: Unfähigkeit, Gedanken zu formulieren, "fehlende Worte", insb. im Dialekt

2.3.2 durch Gesten/Verhalten: unkontrolliertes Zittern, Unfähigkeit zum Blickkontakt


3. Partner-FACE kann

3.1 gestützt werden

3.1.1 verbal: Zustimmung aussprechen

3.1.2 durch Gesten/Verhalten: lockere Körperhaltung, Berühren des Gesprächspartners mit dessen Einverständnis


3.2 irritiert werden

3.2.1 verbal: giftig nachfragen, Gegenfragen stellen

3.2.2 durch Gesten/Verhalten: bedrohlich gestraffte Körperhaltung, fragender bis ungläubiger Gesichtsausdruck


3.3 bedroht werden

3.3.1 verbal: Ablehnung hart aussprechen, Gespräch (wiederholt) abbrechen

3.3.2 durch Gesten/Verhalten: abwenden, abwinkende Handbewegung


1.3 Kultureller Bereich: Ostdeutschland, Berlin / BRB

1. Als FACE-Typ dominiert: Negativ; Schüchtern Fremden gegenüber.

2. Sprecher-FACE kann durch ihn selbst

2.1 gestützt werden

2.1.1 verbal: humorvoll, Umgangssprache wird benutzt, weniger Hochdeutsch

2.1.2 durch Gesten/Verhalten: kann sich schnell aggressiv bzw. genervt verhalten (dies kann geschehen, wenn die Person gegenüber einfach nicht verstehen will was erklärt wird)

2.2 irritiert werden

2.2.1 verbal: ähhhh, wie bitte? Typisch Berlinerisch: wat ?

2.2.2 durch Gesten/Verhalten: Gesicht verziehen

2.3 bedroht werden

2.3.1 verbal: Kraftausdrücke, Flüche

2.3.2 durch Gesten/Verhalten: Blickkontakt vermeiden (Unsicherheit), unhöfliches Verhalten, sich abneigen

3. Partner-FACE kann

3.1 gestützt werden

3.1.1 verbal: Interesse zeigen durch Nachfragen, bestätigen was die Person gegenüber sagt z.B.: ja genau oder Aha

3.1.2 durch Gesten/Verhalten: Nicken, Daum hoch zeigen

3.2 irritiert werden

3.2.1 verbal: ich glaube, das stimmt nicht was du sagst!

3.2.2 durch Gesten/Verhalten: einfach weggehen und den gegenüber allein zurück lassen

3.3 bedroht werden

3.3.1 verbal: "rede kein Unsinn", quatsch

3.3.2 durch Gesten/Verhalten: Auslachen, Scheibenwischer Geste zeigen


2. Einzelsprache: Arabisch

2.1 Kultureller Bereich: Tunesien

1. Als FACE-Typ dominiert: positiv.

Die Denkweise der Tunesier ist anders als die von den Deutschen. Bsp: Wenn in Tunesien ein Gast zum Essen kommt, dann muss er essen, auch wenn er satt ist, sonst ist der Gastgeber sehr beleidigt. Gemeinschaft wird auch gegen den Willen des Einzelnen betont.


2. Sprecher-FACE kann durch ihn selbst

2.1 gestützt werden

2.1.1 verbal: keine humorvolle Sprache, immer höflich sein, ernst erscheinen.

2.1.2 durch Gesten/Verhalten: gepflegtes Aussehen, nicht nervös, ruhig und sicher sein.

2.2 irritiert werden

2.2.1 verbal: oh...., hmmm...., nicht fluchen.

2.2.2 durch Gesten/Verhalten: sich selber anfassen, ruhige Stimme(zu leise).

2.3 bedroht werden

2.3.1 verbal: zu Gott beten:يا ربي (lieber Gott).

2.3.2 durch Gesten/Verhalten: leise werden , Unterhaltung vermeiden.


3. Partner-FACE kann

3.1 gestützt werden

3.1.1 verbal: Wörter wie gut, super erwähnen.

3.1.2 durch Gesten/Verhalten: Nicken, Aufmerksamkeit zeigen.


3.2 irritiert werden

3.2.1 verbal: Fragen wie Bist du sicher?, Überleg es dir nochmal, Glaubst du es wirklich? stellen.

3.2.2 durch Gesten/Verhalten: Blickkontakt vermeiden, Kopf schütteln, durch die Gegend schauen.


3.3 bedroht werden

3.3.1 verbal: Fragen wie haben Sie das sicher gelesen?

3.3.2 durch Gesten/Verhalten: Auslachen


2.2 Kultureller Bereich: Marokko

1. Als FACE-Typ dominiert: positiv. Gegenüber den Fremden sind die Marokkaner (besonderes die Berber) gesellig, offen und gastfreundlich. Das Geselligkeits- und Gastfreundlichkeitsgefühl nimmt zu bei Dörfern und kleinen Städte und auch wenn man Richtung Süden sich orientiert. Untereinander sind die Marokkaner ganz vertraut bis auf persönliche Sachen.


2. Sprecher-FACE kann durch ihn selbst

2.1 gestützt werden

2.1.1 verbal: Zu dem Gesprächsthema passende Sprichwörter als Belege benutzen. - Die Behauptungen durch Erfahrungen aus der Bekanntschaft stützen. - Die Aussagen mit Koranversen stützen.

2.1.2 durch Gesten/Verhalten: Die Hände viel bewegen und die Augenbrauen verziehen. - Den Gesprächsteilnehmern direkt in die Augen schauen.


2.2 irritiert werden

2.2.1 verbal: Manchmal komische Sätze bauen. - Irgendwie versuchen zu überzeugen - auch bei falschen Aussagen. - Das Thema ändern.

2.2.2 durch Gesten/Verhalten: schwitzen - Augenkontakte vermeiden


2.3 bedroht werden

2.3.1 verbal: Aggressiv reden. - Alte, misslungene Erfahrungen mit dem Gesprächspartner erwähnen. - Fluchen mit Schimpfwörtern, bei denen die Mutter betroffen ist (Z.B. Hat deine Mutter Probleme ?, ich schlage deine Mutter, ...). - Den Gesprächspartner überzeugen, dass auch andere Leute mit ihm Schwierigkeiten oder Probleme haben.

2.3.2 durch Gesten/Verhalten: Dem Gesprächspartner näher kommen und kampfbereit sein


3. Partner-FACE kann

3.1 gestützt

3.1.1 verbal: Positive Wörter sagen. - Die Aussagen des Gesprächspartners stützen mit eigenen Erfahrungen oder mit Erfahrungen aus der Bekanntschaft.

3.1.2 durch Gesten/Verhalten: Kleines Lächeln zeigen und Kopf schütteln. - Die Augen auf den Gesprächspartner fixieren.


3.2 irritiert werden

3.2.1 verbal: Ich habe sowas noch nie gehört - Die Aussage ist mir ganz fremd - bist du sicher ? - Kannst du deine Aussage beweisen ?

3.2.2 durch Gesten/Verhalten: erstaunte und überraschte Mimik zeigen. - Die Augen zusammenkneifen.


3.3 bedroht werden

3.3.1 verbal: Ich glaube dir kein Wort. - Das sagst du immer. - Das hast du selber erfunden.

3.3.2 durch Gesten/Verhalten: Für das Thema sich nicht interessieren - Sich nebenbei mit etwas anderem beschäftigen -


3. Grundstimmungen ganzer Gesellschaften

3.1 Japan

Angesichts schwerer Katastrophen - zuletzt Fukushima - wurde registriert, dass die Menschen in Japan anscheinend gefasster, kooperativer damit umgehen, als man dies in anderen Regionen erwarten würde. Woran könnte das liegen? - Der nachfolgende Auszug aus einem Beitrag von SPIEGEL-Online (Autor: Gavin Rees) lässt sich mit den Kategorien des aktuellen Moduls beschreiben: Es dominiert in Japan die Formung der Menschen nach dem positiven FACE - also das Wohl der Gemeinschaft steht im Vordergrund -, weniger ausgeprägt ist demnach die Betonung des negativen FACE, die Ausbildung der eigenen Individualität. In Extremsituationen kommt diese Gewichtung den Menschen entgegen: sie ziehen sich nicht primär auf das eigene Leid zurück (und werden depressiv), sondern sie engagieren sich, handeln im Sinne dessen, was für die Gemeinschaft gut ist.--Hs 08:32, 24. Apr. 2011 (UTC)

Engagement zum Wohl der Allgemeinheit hat in
Japan traditionell Priorität. Es ist wichtiger
als das Wohl des Einzelnen. Der Psychologe
Hayao Kawai scherzte einst im Gespräch mit dem
Schriftsteller Haruki Murakami, dass Lehrer in
Japan oft die Aufforderung "Sei ein Individuum"
an die Tafeln im Klassenzimmer schreiben. Sie
befürchten, dass es Schüler ohne eine solche 
ausdrückliche Mahnung es unter Umständen nicht
schaffen könnten, der kulturellen Schwerkraft
des Gruppendenkens zu entfliehen.
Kawai hat auch nahegelegt, dass die japanische
Zurückhaltung, sich selbst zu individualisieren, 
tatsächlich einen Schutz in Katastrophensitua-
tionen bieten dürfte. Die Japaner, mit denen er
arbeitete, neigten nicht dazu, sich selbst die
Schuld für problematische Situationen zu geben,
in die sie hineingeraten waren - während Ameri-
kaner dies häufig machten.
...
Die wissenschaftliche Literatur zu Katastrophen-
Reaktionen untermauert die Vorstellung, dass
aktive Bewältigungsstrategien - etwa das Helfen
bei Aufräumarbeiten oder die Suche nach Freunden
und Verwandten - die Psyche unterstützen, mit dem
Erlebten umzugehen.
Es hilft, etwas zu tun, egal wie klein der Bei-
trag auch sein mag, hilft, das schleichende und 
zerstörerische Gefühl der Ohnmacht zu bekämpfen.
Das Land profitiert von den Erfahrungen aus der
Vergangenheit: Die gewaltsame Öffnung der Märkte 
durch westliche Mächte in den fünfziger Jahren
des 19. Jahrhunderts und die militärische
Niederlage im Zweiten Weltkrieg 1945 stellten
enorme Einschnitte dar.
Auf letztere verwies kürzlich Premierminister
Naoto Kan in einer Rede. Er rief jeden einzelnen 
Bürger auf, gemeinsam an einem neuen Japan zu
arbeiten - genau so, wie die 1945er-Generation
Japan durch Entbehrungen und Opfer wieder auf-
gebaut habe.
Der Ausdruck "sou iu mon da yo" ("So ist es nun
mal"), mit dem sich die Menschen in Japan in
den vergangenen Wochen selbst beruhigt haben,
ist typisch für diese Generation. Es war einer
der ersten Sätze, die die Großmutter eines
Freundes sagte, als sie ihr Heimatdorf in der
Provinz Miyagi nach dem Tsunami verlassen
musste.


4. Beispiele aus Literatur/Geistesgeschichte

4.1 Kants "Kategorischer Imperativ"

[Ungeordnete Ideen, die jemand gern durch ausführlichere Darlegungen ersetzen kann, wenn er die gedankliche Richtung teilt:]

"Handle so ... allgemeine Gesetzgebung". Die Grundsätze des Handelns sollen so nach Kant, vgl. [1] sein, dass sie zugleich die Grundsätze für das Zusammenleben aller sein können. Darin steckt: jeder soll sein FACE bewahren dürfen, keiner wird gedemütigt, der Willkür anderer ausgesetzt. Die Grenze meiner Handlungsfreiheit liegt da, wo ich die Freiheit, Würde des Andern verletze.

Das geht in die gleiche Richtung wie die Goldene Regel, vgl. [2], die es in vielen Kulturen gibt. Beachten sollte man, dass die negative Form ("Was du nicht willst ...") eine deutlich verschiedene Zielrichtung hat (= negatives FACE) gemessen an der positiven ("Alles, von dem du willst, dass es die Menschen dir tun ...") (= positives FACE).


4.2 Loriot: FACE von DDR + FACE von BRD

An anderer Stelle wird besprochen, wie der Humorist in einer Rede sorgsam die Selbstwertgefühle beider Staaten pflegt: [3] Er musste es tun, da er die Rede als BRD-Mensch auf dem Boden der DDR halten durfte. - Vgl. auch [4]. - Ironisch könnte man anfügen: Es kann auch gefährlich sein, wenn jemand wie Loriot sich so betont um das Selbstwertgefühl des Partners bemüht. Ein halbes Jahr später war dieser Partner = DDR ausgelöscht...


4.3 Fernsehdebatte (Mai 2012): Sarkozy vs. Hollande

Im TV-Duell um die französische Präsidentschaft waren politische Inhalte eher zweitrangig. Primär ging es darum, wer von den beiden Kontrahenten am besten - auch in schwieriger Lage - sich präsidial verhielt. Um das zu testen, wurden aggressive Debattenbeiträge lanciert, das FACE des Kontrahenten galt es auszulöschen, das eigene zu stilisieren. Aus SPIEGEL-Online (3.5.2012):

Es war die am aggressivsten geführte TV-Debatte
zwischen Präsidentschaftskandidaten, die Frank-
reich je erlebt hat. Die beiden Gegner gingen
vor geschätzten 20 Millionen Zuschauern alle
großen Themen durch - etwa die Wirtschaft, die
Staatsschulden, die Rente, die Einwanderung,
die Außenpolitik - und sie schenkten sich drei
Stunden lang nichts.
Sarkozy konnte die tiefe Verachtung, die er für
Hollande hegt, ebenso wenig verbergen wie
Hollande seine Abscheu vor Sarkozy. Deswegen war
die Sendung geprägt von der extremen Spannung
zwischen den beiden Kandidaten. Sie war selbst
zu Hause vor den Bildschirmen spürbar. Am Ende
des brutalen Schlagabtauschs zeigte sich, dass
Sarkozy sich seinen Sieg zu einfach vorgestellt
hatte. Hollande war nicht zur Explosion zu
bringen, er bewahrte die Fassung und meist gar
die Oberhand. Sarkozy dagegen wirkte manchmal
so aufgebracht, dass er zu zittern schien vor
Wut und man fürchten musste, er werde statt-
dessen gleich in die Luft gehen.
"Sie kleiner... Verleumder!", stieß Sarkozy
einmal mit wutverzerrtem Gesicht hervor, und
er bezichtigte Hollande so unaufhörlich der
"Lüge", bis dieser sagte: "Immer führen Sie
das Wort Lüge im Mund - ist das etwa Ihr
eigenes Problem?" Und fügte hinzu: "Sie sind
einfach nicht in der Lage, eine Diskussion
zu führen, ohne unangenehm zu werden."
Sarkozy musste angreifen, um Hollande aus
dem Tritt zu bringen, doch schien er dabei
manchmal die Kontrolle über sich selbst zu
verlieren. Seine Mimik entglitt ihm immer
wieder, beifallheischend schaute er zu den
weitgehend stummen Moderatoren, die als
Staffage am Rand saßen, anstatt seinem
Gegner in die Augen zu sehen, und er
zeigte immer wieder sein nervöses
Schulterrollen und andere Ticks, die er
sich eigentlich abgewöhnt hatte.
...
Das Unerwartete war aber nicht die An-
griffslust des Präsidenten, sondern die
des Herausforderers. ... Seine Gegner hatten
Hollande stets als "weich" verlacht, sie ver-
spotteten ihn als "Flamby", nach einem Wackel-
pudding. Nach der Debatte schrieb ein Kommenta-
tor treffend auf Twitter: "Das war das erste Mal,
dass sich jemand an einem Flamby die
Zähne ausgebissen hat."
Hollande parierte nicht nur Sarkozys Angriffe,
sondern ging mit voller Kraft in die Offensive
und konfrontierte den Präsidenten immer wieder
mit seiner Bilanz, etwa mit den hohen Arbeits-
losenzahlen und mit der Staatsschuld. Es gelang
ihm dennoch, präsidialer zu wirken als Nicolas
Sarkozy.
Hollandes Sieg vollzog sich auf der symbolischen
Ebene. Je länger der Abend dauerte, desto mehr
schien es, als vollziehe sich hier gerade ein
Rollentausch, als sei der Kandidat bereits Präsi-
dent. In einem rhetorisch meisterhaft einstudier-
ten Moment gegen Ende der Sendung ergriff Hollande
das Zepter: Auf die Frage, was für ein Präsident
er wäre, sagte er: "Ein Präsident, der die
Franzosen respektiert. Kein Präsident, der Chef
von allem sein will und der am Ende
für nichts verantwortlich ist."

4.4 Russisch: Lew N. Tolstoj, "Anna Karenina"

Kommunikativ eine ziemlich verfahrene Situation. Über viele Details wird klar, dass Alexej Alexandrowitsch die Beziehung zu Wronskij möglichst abbricht - obwohl er aus Höflichkeit im Wortsinn das Gegenteil aussagt. Aber auch die Beziehung zu seiner Frau funktioniert nur noch auf Scherzbasis.

(insel, 2010:  S.160) "Sie sah ihren Mann an, um
festzustellen, ob er Wronskij kenne. Alexej
Alexandrowitsch sah Wronskij mißmutig an und
überlegte zerstreut, wer das wohl sein möge.
Wronskijs Ruhe und Selbstbewußtsein stießen hier,
wie die Sense auf Stein, auf Alexej Alexandro-
witschs kaltes Selbstbewußtsein.
   "Graf Wroskij", sagte Anna.
   "Ah! Ich glaube, wir kennen uns", sagte Alexej
   Alexandrowitsch gleichgültig und reichte ihm die
   Hand. "Hingefahren bist du mit der Mutter und
   zurück mit dem Sohn!",
sagte er so bedächtig, als ob er mit jedem Wort
einen Rubel verschenkte. "Sie kommen wohl aus
dem Urlaub zurück?" fragte der Wronskij, und ohne
eine Antwort abzuwarten, wandte er sich in seinem
scherzenden Ton zu seiner Frau: "Nun, sind beim
Abschied in Moskau viele Tränen geflossen?"
   Durch diese Frage an seine Frau gab er Wronskij
zu verstehen, daß er allein bleiben wolle, und
berührte, sich ihm zuwendend, seinen Hut; aber
Wronskij sagte zu Anna Arkadjewna:
   "Ich hoffe, daß ich die Ehre haben darf, Ihnen
   meine Aufwartung zu machen."
Alexej Alexandrowitsch sah Wronskij mit müden
Augen an.
"Es wird mich sehr freuen", sagte er kalt, "wir
empfangen montags." Nachdem er Wronskij entlassen
hatte, sagte er zu seiner Frau:
  "Wie gut, dass ich gerade eine halbe Stunde frei
  hatte, um dich abzuholen und dir dadurch meine
  Zärtlichkeit beweisen konnte", fügte er in seinem
  scherzenden Ton hinzu.
   "Du hebst deine Zärtlichkeit zu sehr hervor, als
daß ich sie besonders schätzen könnte", antwortete
sie in demselben scherzhaften Ton und lauschte
unwillkürlich auf die Schritte Wronskijs, der
hinter ihnen herging.

4.5 Peinlichkeit = Gesichtsverlust

aus: G.Ruge, Unterwegs. Politische Erinnerungen. Freiburg i.B. 2015. S.117f:

"Ende 1956 lud der chinesische Ministerpräsident
Zhou Enlai am Ende einer Osteuropareise zu einem
Empfang in die chinesische Botschaft. Chruschtschow
war ebenfalls anwesend und erweckte den Eindruck,
als seien nun, nach dem Ungarnaufstand und der
Unruhe in Osteuropa, die Krisen und Spannungen,
die seine Entstalinisierung heraufbeschworen
hatte, überwunden. Die Gäste im Saal wirkten
lebhafter als sonst. Vielleicht hatten die
erfahrenen Wodkatrinker aber auch nur den hoch-
prozentigen Hirseschnaps Maotai unterschätzt.
Die offiziellen Reden waren vorbei, als Chruscht-
schow hinter dem Banketttisch der Ehrengäste noch
einmal sein Glas erhob.
'Trinken Sie auf den Sieg des Kommunismus. Dieser
Sieg kommt,' rief er den westlichen Botschaftern
zu. 'Es ist historisch sicher, dass wir Sie
begraben werden. Ob Sie es wollen oder nicht,
der Kommunismus wird kommen. Das ist, wie wenn
eine Frau schwanger wird und ein Kind gebiert,
dann kann man das Kind auch nicht ...'
Politbüromitglied Anastas Mikojan, ein nüchterner
Armenier, zog Chruschtschow am Arm. 'Nikita
Sergejewitsch, wir haben schon verstanden.' Aber
Chruschtschow ließ sich nicht unterbrechen.
'Wenn eine Frau ein Kind kriegt, dann kann das
kein Arzt in die Mutter zurückdrücken. Das kann
keiner. Der Kommunismus siegt.' Gastgeber und
Ehrengäste wirkten erleichtert, als
Chruschtschow  nun mit der Floskel vom Rad der
Geschichte fortfuhr. Die Chinesen blickten
unbewegt vor sich hin, einige weistliche
Diplomaten tranken Chruschtschows Toast auf den
Sieg des Kommunismus mit, andere stellten die
Gläser weg." 

Per link sollen weitere Anmerkungen gemacht werden:

  • <<GEBÄREN>> - diese Bedeutung ist Musterbeispiel für "fientisch / Prozess", das Gegenteil von 'Handlungsverb' - wenigstens darin hatte Chruschtschow recht ... - vgl. [5]
  • Mikojan versuchte sich mit "EII", d.h. er wollte das unsägliche Geschwätz seines Chefs stoppen - vgl. [6]
  • "Übertragener Sprachgebrauch" ist im Spiel - Geburtsvergleich, "Rad der Geschichte" - vgl. [7]
  • Sinn des derben bzw. billigen sprachlichen Aufwandes war, die Zwangsläufigkeit der zukünftigen Entwicklung zu unterstreichen - vgl. [8] - dieses Denkmuster gehört(e) zur kommunistischen Ideologie.