4.128 Selbstwiderspruch, geistig-körperliche Stimmigkeit

Aus Alternativ-Grammatik
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Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

Reden und Tun - mit dem Tun ist nun aber nicht die Tätigkeit nach dem Reden gemeint, sondern das Verhalten während des Redens. Gestik / Mimik / Stimmklang können die Inhalte, die man vermitteln will, überdecken, auslöschen, oder sehr gut zur Geltung bringen. Überzeugungskraft hängt in erstaunlich hohem Maß nicht von der sprachlichen Ebene ab, sondern von der Art und Weise wie gesprochen wird.

Schön und gut: und dann gibt es Dialoge = Verhandlungen, die indirekt ablaufen, über Stellvertreter, Leute, die eine Machtposition innehaben, mit einer Institution im Hintergrund. Das schafft ganz neue Gesprächsbedingungen - fördert u.U. Korruption.


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0. Vorbemerkungen

0.1 Person - Sprache - Amt

Jede/r hat verschiedene Identitäten: die privat-persönliche, dann die als Amtsträger/Berufsausübender, die als Vertreter etwa einer politischen Partei usw. Im privat-persönlichen Bereich möchte man selbstbestimmt die nötigen Entscheidungen treffen; im Beruf/Amt ist man weisungsgebunden; im Rahmen einer Partei ist die selbe Person an den kollektiv definierten Zielen orientiert, muss sie offensiv in der Öffentlichkeit vertreten.

Die Verkörperung in solchen Spannungsfeldern kann schwierig werden. Das gilt nicht nur für die hohe Politik oder im Bereich einer Kirche. Auf niedrigerer Ebene sind viele Beamte/Angestellte genauso betroffen, wenn sie beim Thema Hartz-IV oder beim Thema Abschiebungen amtliche Entscheidungen durchsetzen müssen, die sie als Privatperson nicht billigen.

Die Frage ist, wie so jemand mit einer derartigen Spannung umgeht, die die Einheit der Person, die eigene Integrität gefährdet. Für alle dabei denkbaren Möglichkeiten gibt es immer wieder Belege:

  1. Jemand spürt, dass das Verhalten im persönlichen Bereich überhaupt nicht zu den Zielen der öffentlichen Korporation passt, der man angehört, in der man eine wichtige Funktion bekleidet. Bevor man an dem Zwiespalt zerbricht, tritt man aus der Korporation aus.
  2. Man verzichtet auf das Amt/die Funktion und gewinnt so seine zwischendurch verlorene Identität zurück.
  3. Man behält Amt/Funktion gegen Widerstände, aber mit der Folgewirkung, dass sowohl die private Identität wie auch die Ziele der Korporation beschädigt werden: fortan gilt man als Opportunist und die hehren Ideale der Korporation, die man vertritt, gelten als Makulatur.

Nicht selten führen diese inneren Spannungen, denen keine heilende/rettende Entscheidung folgte, zu seelischen Krankheiten (z.B. Depression).

Erklärungen/Befragungen/Pressekonferenzen in solchen Kontexten sind sehr ergiebig für die Frage nach körpersprachlicher Stimmigkeit. Abwehrgesten (verschränkte Arme, Vermeidung von Blickkontakt, kein Zulassen von Fragen), angestrengt kurze statements, verbale Spitzfindigkeiten, Unterstellung einer "Kampagne" gegen einen, Schwarz-Weiß-Wertungen, Androhung von Gewalt (beides zeigt immerhin die Erkenntnis an, dass eine Weichenstellung bevorsteht), Erheischen von Mitleid usw. "sprechen" ebenso, wie Signale des Aufgewühltseins, wenn jemand sich zur Trennung vom Amt durchgerungen hatte oder durchringen sollte.

Das scheint ohnehin der Kern des Problems zu sein: Je höher das Amt, desto mehr vergisst man, dass man austauschbar ist. Die private Identität verschmilzt mit der Amtsautorität. Entsprechend schwer fällt dann die Vorstellung und Rückerinnerung, dass man beides trennen sollte. - Aber die öffentliche Meinung trägt wesentlich zu diesem Missverständnis bei: die Trennung zwischen Individuum und Amtsträger geht verloren, weil es bequemer ist, über individuelle Äußerlichkeiten zu reden statt über die Amtsführung im Einzelnen. Als sympathisch eingestufte Amtsträger will man nicht verlieren, obwohl sie z.B. ein juristisch unhaltbares Verhalten gezeigt haben. Projektion, vgl. [1], nennt man diesen Mechanismus, der klares Denken verhindert.

Ohne die Jubelgesten der Öffentlichkeit wären solche Verschmelzungen von Individuum und Amt nicht möglich. Ist ein solcher Prozess gelaufen, wendet er sich in der Regel gegen die Öffentlichkeit: sie wird reglementiert und unterdrückt.

Die Frage für die Person, die solch dumpfen Beifall der Masse auf sich zieht, ist, ob sie die Unterstützung als Löschpulver für die eigenen bisherigen Leitlinien dankbar aufnimmt, damit sich selbst beschädigt ("charakterlos" wird), oder ob sie sich daran erinnert, dass Individualität und Amt zwei verschiedene Aspekte sind, und beide nicht beschädigt werden sollten. --Hs 08:27, 24. Feb. 2011 (UTC)

0.11 Selbstwiderspruch in Politik und Unternehmen

Freche Kolumne von Elke Schmitter in SPIEGEL 39/2014.

Nachdem die ersten Folgen dieser Kolumne
berätselten, was "Probleme" überhaupt sind,
wie man sie ins Erträgliche umformuliert, zum
Verschwinden bringt oder gar löst, scheint
es jetzt an der Zeit, sich deren Herstellung zu
widmen.

Ironisch-sarkastisch folgen Hinweise/Ratschläge im Sinn von "Selbstwiderspruch" - dadurch kann erreicht werden, dass die eigentlichen Aufgaben nicht behandelt werden, man stattdessen sich mit sich selbst beschäftigt, unnötige interne Konflikte erzeugt.

Es lenkt von der äußeren Bedrohung ab und gibt
allen Mitspielern zugleich die Möglichkeit, die
dazu passenden Gefühle von Ohnmacht, Angst, Abwehr
und Regression in immer neuen Varianten zu durch-
leben, ohne sich mit den tatsächlichen Aufgaben
produktiv zu beschäftigen. Führungskräfte können
entscheidend dazu beitragen, diese Situation zu
verstetigen und sachfremde Probleme zu kreieren: 
   Die wichtigsten Taktiken auf einen Blick:
   1) Kommunizieren Sie widersprüchlich. Wenn Sie
      Negatives oder Bedrohliches verkünden,
      lächeln Sie. Achten Sie auch darauf, dass
      Ihre Körpersprache Ihre verbale Botschaft
      konterkariert. So sorgen Sie für Verwirrung.
   2) Kommunizieren Sie wenig. So schaffen Sie
      Raum für Misstrauen, Unsicherheit und
      Gerüchte.
   3) Handeln Sie anders, als Sie kommunizieren,
      und überraschen Sie. So konzentrieren Sie
      die Beschäftigten des Unternehmens auf Ihre
      Person statt auf konstruktive Prozesse.
   4) Wenn es Ihnen an der richtigen Stimmung
      gebricht: Hören Sie das Streichquartett
      Nr. 3 von Béla Bartók. Viele Probleme in
      spannungsvoller Pracht - ohne die Auflö-
      sung in Harmonie, die man sich bei Musik
      immer wünscht.

0.12 Text-Bild-Schere

"Wer von einer Text-Bild-Schere spricht, meint einen Fall,
in dem sich die Aussage einer Nachricht und die des
dazugehörigen Motivs widersprechen. Ob Zinédine Zidane
damit vertraut ist, ist nicht überliefert. Jedenfalls
sorgte der Trainer von Real Madrid nach dem 4:1 (1:1)-Sieg
über Juventus für ein passendes Beispiel.
Am Samstagabend in Cardiff, Real hatte gerade das
Champions League-Finale gewonnen und als erste Mannschaft
seit 27 Jahren den wichtigsten Vereinstitel der Welt
erfolgreich verteidigt, wurde Zidane gefragt, was er nun
empfinde. "Ich bin sehr, sehr glücklich. Ich könnte vor
Freude tanzen." Er verzog dabei keine Miene."
(SPIEGEL 4.6.2017)

0.13 Zugang zum zweiten Wahrnehmungsorgan: MEDITATION

Vgl. [2]

0.2 Antike Rhetorik

Bereits der römische Rhetoriker Quintilian hielt es für entscheidend, dass der Redetext mit einer eloquentia corporis verbunden werde, also mit überzeugender körperlicher Präsenz in Form von unterstützenden Gesten und passendem/gekonntem Einsatz der Stimme: "Was erst, wenn ihr ihn selbst gehört hättet?"

0.3 Vertrag, Deal - Lüge, Korruption

Auch offizielle Vereinbarungen sind eine Form von Dialog. Gemessen an der Urform des Dialogs = direktes Gespräch zweier gegenwärtiger Partner sind Verträge, Aushandlungen durch eine zunehmende Anonymisierung charakterisiert: Verhandlungen werden von Volks-, Behörden-, Regierungsvertretern geführt. Die handeln zwar im offiziellen Auftrag. Aber ihre privat-persönlichen Interessen liegen doch noch auf einer anderen Ebene, sind nicht unmittelbar betroffen, wenn das Verhandlungsergebnis enttäuschend ausfällt.

Das Engagement solcher Vertreter kann erhöht werden, wenn ihnen für die privat-persönliche Ebene Zuschüsse gegeben werden (=Korruption). Je unangefochtener ein solcher Vertreter seine Machtposition ausübt, desto größer das Ausmaß an Korruption. Es ist daher wichtig, den Faktor Beobachtung, Kontrolle einzuführen. Damit kann Korruption zurückgedrängt werden:

  1. Wenn bei Verhandlungen von vornherein vorgesehen und bekannt ist, dass es anschließend eine Korruptionskontrolle geben wird, sinkt das Fehlverhalten nachweislich.
  2. Machtpositionen dürfen nur auf Zeit, nach klar festgelegten Zyklen vergeben werden.
  3. Amtliche Hierarchien müssen flach sein, d.h. durchschaubar, Bürger müssen auch als Nicht-Fachleute verstehen können, wer wozu tätig und wofür verantwortlich ist.
  4. Man benötigt ein Beobachtungssystem, das auf verschiedenen Säulen ruht. Im Staat: unabhängige Justiz, freie Presse, im Bundestag Untersuchungsausschüsse, in der Wirtschaft: Aufsichtsräte (die nur oft ihrer Aufgabe nicht nachkommen), turnusmäßig die Möglichkeit zur Ämterrotation, unabhängige Rating Agenturen.
  5. Verstehbare Gesetzessysteme (z.B. zur Steuer) sind nötig, die folglich Mauscheleien zugunsten weniger eher ausschließen.

Mit solchen Beoachtungsmechanismen muss man bei Institutionen auffangen, kompensieren, was in solchen komplexen Zusammenhängen fehlt - gemessen am einfachen, direkten Dialog: die Wahrnehmung des ganzheitlich reagierenden und auch verantwortlichen Gesprächspartners.

0.4 Kommunikation via Medien - eingeschränkte Kontrolle der Körpersprache

Wer via Telefon eine Vereinbarung trifft, hat für die körpersprachliche Kontrolle des Gesagten nur noch den Stimmklang, womöglich noch technisch verzerrt, zur Verfügung. Die Optik fällt als Kontrollinstanz aus. Auch ein Händedruck ist nicht möglich, - Es ist experimentell nachgewiesen, dass bei Kommunikation via elektronischen Medien mehr gelogen wird.

0.5 Körper - Geist / ungleiche Bewertung?

Vgl. Debattenbeitrag (Thema "Prostitution") von E. Schmitter (SPIEGEL 51/2013):

"Die harmonische Verbindung von Geist, Körper und
Seele mit einer passenden Biografie ist ein Ideal
unserer Zeit. Wir sollen alle möglichst mit uns
identisch sein. Dennoch findet man es allgemein
wenig anstößig, wenn ein humanistisch gebildeter
Hedgefonds-Manager Anleihen verkauft, die ihre
Rendite der Kinderarbeit in afrikanischen
Kobaltminen verdanken oder die Umwelt nachhaltig
schädigen. Er ist eben jung und braucht das Geld,
und dass er dabei möglicherweise auch gegen die
eigenen moralischen Grundsätze verstößt, betrachten
wir nicht als Skandal, sondern als Betriebsunfall
des Kapitalismus. Wenn aber eine Frau oder ein
Mann sich nicht geistig prostituiert, sondern
körperlich, dann soll das skandalöser sein? Warum
soll die leibliche Integrität mehr gelten als die
geistige und moralische?"

0.6 Religiöse Riten und Kommunikation

Zugegeben, es gibt Lebenssituationen, bei denen man dankbar ist, wenn andere, z.B. offiziell Beauftragte - hier gehe es z.B. um PfarrerInnen - das Wort ergreifen, weil man selbst genügend zu verarbeiten hat. Etwa eine Beerdigung ist eine solche Situation.

Aber diese Äußerung ist kein Freibrief für alle
Schaltstellen des Lebens. Was Religionsbeamte
etwa mit Kleinkindern am Lebensanfang veran-
stalten (z.B. Beschneidung), soll damit nicht
abgesegnet werden.

Aber oft gehen damit die Probleme los, weil Riten, Formeln, Schemata eben doch oft als inadäquat, als leer, als unverständlich wahrgenommen werden. Es bleibt dann die Beruhigung - auch wenn vieles als unverstanden und widersprüchlich erlebt wird -, dass der als notwendig erachtete Akt ordnungsgemäß vollzogen worden war.

Da meldet sich schon das prekäre Verhältnis von Religionsinstitutionen zum Thema Sprache, Kommunikation. Es ist im Prinzip auch bekannt - man kann es am fortlaufenden Erfolg, d.h. an sich leerenden Kirchenbänken ablesen, an Kirchenaustritten. Nur sind die Beharrungskräfte innerhalb der Institutionen so groß, dass neue Wege nicht beschritten werden können: die Formeln, Standards, geltenden Lehrauffassungen knebeln. Das führt dann dazu - Thema des Moduls -, dass wortreich von "Freude" und "froher Botschaft" gepredigt wird - und niemand im Saal reagiert entsprechend. Der Monolog des Predigers, die starre Raumanordnung, die - zumindest hierzulande - zementierte Haltung der Hörerschaft, die amtliche Kleidung und rituell-wohlbekannten Gesten - nichts unterstützt, dass das Thema der Predigt auch erlebt wird.

Hier geht es aber um ein viel tieferes Problem. Es ist erwähnt in [3]. Religionsgemeinschaften sind wesentlich auf Einbahnkommunikation ausgerichtet. D.h. sie müssen nicht nur sprachlich - das wäre letztlich zu wenig -, sondern auch optisch, gestisch unterstreichen, dass auf Seiten der Redner die Wahrheit beheimatet ist. Möglichkeiten:

- prunkvoller Versammlungsraum, zumindest einer,
  der sich von den übrigen Behausungen deutlich
  unterscheidet
- Die Religionsbeamten mit eigenständiger
  Kleidung.
- In manchen Religionen sind lange Bärte Pflicht
  (wie klischeehaft bei Patriarchen).
- Insignien statten diese Amtsträger aus - Tiara,
  Mitra, Kronen, Bischofsstab, Ringe usw. Relikte
  aus dem orientalischen Kaiserkult. Auch wenn man
  dies nicht weiß: man nimmt wahr, dass sich da
  jemand 'selbst erhöht', größer macht, als er ist
  - und damit auch die meisten seines Publikums
  überragt.
- Stimmklang besonders getragen und feierlich.
  Singsang nach altehrwürdigen Traditionen.
...

Bei derartigen Inszenierungen / Auflistungen darf man nicht wieder hinter die Nominalisten zurückfallen und rechtfertigen: All das sei wichtig, weil eben tiefe Wahrheiten verkündet werde. Nein: Die Wahrheit ist nicht einseitig verteilt. Alle können mitreden. Die Religionsbeamten haben - trotz Studiums - keinen substanziellen Vorsprung.

0.7 Koordination nötig!

Im Dialog sind Gesten, die die Gemeinsamkeit unterstreichen sollen, - logischerweise - nur koordiniert möglich. Die Abstimmung muss nicht verbal erfolgen. Die Verständigung kann über Blickkontakt, vorbereitende Gesten usw. hergestellt werden. Ohne Abstimmung Gemeinsamkeit betonen zu wollen, wird jedoch peinlich bis lächerlich: [4]

0.8 Inkompetent, aber gut angezogen

... folglich merkt keiner den geistigen Ausfall, weil die Zuhörer sich durch die Optik betören lassen: [5]

0.9 Keine Küchenpsychologie!

Vgl. [6]. Für die Frage: Lüge/Wahrheit sollten körpersprachliche Indizien keinen Vorrang erhalten. Die Frage, wie detailliert und anschaulich berichtet wird, ist wichtiger - also innersprachliche, kommunikative Indizien.

Wenn das richtig ist, dann müsste das speziell amerikanische Thema und Produkt Lügendetektor als untauglich eingestuft werden, als überlistbar. Dem ist auch so, vgl. [7]

1. Beispiele aus einzelnen Sprachen

1.1 Deutsch - Brecht

Weise am Weisen ist die Haltung     
Zu Herrn K. kam ein Philosophieprofessor und
erzählte ihm von seiner Weisheit. Nach einer
Weile sagte Herr K. zu ihm: "Du sitzt unbequem,
du redest unbequem, du denkst unbequem." Der
Philosophieprofessor wurde zornig und sagte:
"Nicht über mich wollte ich etwas wissen, sondern 
über den Inhalt dessen, was ich sagte." "Es hat
keinen Inhalt", sagte Herr K.  "Ich sehe dich
täppisch gehen, und es ist kein Ziel, das du,
während ich dich gehen sehe, erreichst. Du redest
dunkel, und es ist keine Helle, die du während
des Redens schaffst. Sehend deine Haltung,
interessiert mich dein Ziel nicht."  
aus: E. Wizisla (ed.), Bertolt Brecht, Geschichten
vom Herrn Keuner. Zürcher Fassung. 
Frankfurt/M 2004. S. 23

1.2 Deutsch - lapidar, doch viel sagend

"Als auf der Fifa-Pressekonferenz nach jener Partie
ein Reporter konstatierte, dass Marins Bemühen
äußerst fruchtlos geblieben sei, hat Löw nur drei
Worte erwidert: Sie lauteten 'so ist es' und wurden
in einem Tonfall gesprochen, der geeignet war, die
Zimmertemperatur für einen Moment erheblich zu
senken. Diese drei Worte bedeuteten, dass sich Marko
Marin vorerst von der Weltmeisterschaft verabschieden
musste."
(Süddeutsche Zeitung 30. Juni 2010)

1.3 Deutsch - rot werden

Aus: Wolf Haas, Der Brenner und der liebe Gott. Hamburg 2009.

(150f) Und von der Natalie hat er dann wirklich etwas
erfahren. Oder besser gesagt, von einer Flammenschrift.
Aber jetzt pass auf! Dreiundachtzig Stunden nach dem
Verschwinden der Helena hat er die Natalie zu einem
Treffen überredet. Zuerst hat sie noch steif und fest
behauptet, sie kann sich  auch nicht erklären, wieso
die Frau Doktor die Telefonnummer vom Obersenatsrat
Stachl gehabt hat. Das muss sie sich natürlich auch
nicht erklären können. Das stimmt schon. Aber wieso wird
die Natalie, während sie das sagt, so rot im Gesicht wie
ein schüchternes Mädchen, das zum ersten Mal im Leben
lügt?
   "Die Frau Doktor hat sich heute an mich gewandt", hat
der Brenner gesagt, "obwohl sie das nicht sollte, wenn
es nach der Polizei geht."
   Während er das erzählt hat, ist ihre Errötung wieder
verschwunden, aber nur aus dem Gesicht. Weil am Hals
sind die roten Stellen umso dunkler geworden. Für den
Brenner hat das ausgesehen, als würde die Wahrheit,
die der Natalie nicht über die Lippen kommt, beim Hals
einen Notausgang suchen.
(153) Aber interessant. Jetzt ist die Natalie auf eine
ganz andere Art rot geworden als vorher. Und darum sag
ich, die roten Stellen am Hals sind wirklich als
Schrift gemeint gewesen von der Natalie ihrem Unbewuss-
ten. Was sollst du als Unbewusstes auch sonst machen,
du kannst ja nicht lautreden ...

1.4 Deutsch - Einzelfunde

Aus einer Einladung des Bildungsbüros Heidekreis

Fortbildung zum Thema Analphebitismus. Am Montag,
10. Oktober, um ...

1.4.1 Deutsch - H. Hesse

aus: H.H. Die schönsten Erzählungen. stb 3638. Frankfurt/M 2004. "Kinderseele"

(203f) "Nach einer Minute wurde die Stille mir
sonderbar; ich drehte mich um. Da stand mein
Vater. Er war blaß und sah gequält aus. Der Gruß
blieb mir im Halse stecken. Ich sah: er wußte!
Er war da. Das Gericht begann. Nichts war gut
geworden, nichts abgebüßt, nichts vergessen! Die
Sonne wurde bleich und der Sonntagmorgen sank
welk dahin.
  Aus allen Himmeln gerissen starrte ich dem
Vater entgegen. Ich haßte ihn, warum war er nicht
gestern gekommen? Jetzt war ich auf nichts
vorbereitet, hatte nichts bereit, nicht einmal
Reue und Schuldgefühl. - Und wozu brauchte er
oben in seiner Kommode Feigen zu haben?
  Er ging zu meinem Bücherschrank, griff hinter
die Bücher und zog einige Feigen hervor. Es waren
wenige mehr da. Dazu sah er mich an, mit stummer,
peinlicher Frage. Ich konnte nichts sagen. Leid
und Trotz würgten mich. 
  'Was ist denn?', brachte ich dann heraus.
  'Woher hast du diese Feigen?' fragte er mit
einer beherrschten, leisen Stimme, die mir bitter
verhaßt war.
  Ich begann sofort zu reden. Zu lügen. Ich
erzählte, daß ich die Feigen bei einem Konditor
gekauft hätte, es sei ein ganzer Kranz gewesen.
Woher das Geld dazu kam? Das Geld kam aus einer
Sparkasse, die ich gemeinsam mit einem Freunde
hatte. Da hatten wir alles kleine Geld hineingetan,
das wir je und je bekamen, Übrigens - hier war die
Kasse. Ich holte die Schachtel mit dem Schlitz
hervor. Jetzt war bloß noch ein Zehner darin, eben
weil wir gestern die Feigen gekauft hatten.
  Mein Vater hörte zu, mit einem stillen,
beherrschten Gesicht, dem ich nichts glaubte."

Gemessen an dem, was explizit gesprochen wird, beschreibt der Erzähler viele Aspekte = Rahmenbedingungen der Kommunikation, darunter die Körperbefindlichkeit der Gesprächspartner. Vgl. auch - auf dem überprüfenden Gang zum Konditor:

(405) "Wir gingen. Ich schob mein Mütze gerade,
steckte eine Hand in die Tasche und versuchte neben
ihm daherzugehen, als sei nichts Besonderes los.
Obwohl ich wußte, daß alle Leute mir ansahen, ich
sei ein abgeführter Verbrecher, versuchte ich doch
mit tausend Künsten, es zu verheimlichen. Ich bemühte
mich, einfach und harmlos zu atmen; es brauchte
niemand zu sehen, wie es mir die Brust zusammenzog.
Ich war bestrebt, ein argloses Gesicht zu machen,
Selbstverständlichkeit und Sicherheit zu heucheln.
Ich zog einen Strumpf hoch, ohne daß er es nötig
hatte, und lächelte, während ich wußte, daß dieses
Lächeln furchtbar dumm und künstlich aussehe. In mir
innen, in Kehle und Eingeweiden, saß der Teufel und
würgte mich." 

1.5 Philosophen - humoristisch betrachtet

Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit. Eine Lehrrede.
Übersetzt von Anton J. Gail. Reclam Nr.1907. Stuttgart 2010.
[Die Torheit spricht:]
(70) Sie tun so, als ob sie der Erschafferin Natur hinter
ihre Geheimnisse geschaut hätten und unmittelbar aus dem
Rat der Götter zu uns gekommen wären. Dafür belächelt
die Natur sie samt ihren Kombinationen dann nach Her-
zenslust. Wie wenig Sicherheit bei ihnen ist, ergibt
sich deutlich aus dem unentwirrbaren Meinungsstreit,
der unter ihnen über die einzelnen Dinge herrscht. Sie
wissen rein gar nichts und tragen ihre Allwissenheit
zur Schau. Sie kennen sich selbst nicht und bemerken
in ihrer Kurzsichtigkeit oder Geistesabwesenheit nicht
den Graben oder Stein vor ihren Füßen, preisen aber
ihre Einsicht in Ideen, Universalien, Einzelwesen, Ur-
stoffe, Wesensfragen, Gestaltfragen und Entwick-
lungsfragen an, für alle derart unerhebliche Dinge, daß
kein Lynkeus sie wahrnehmen könnte. Mit Verachtung
sehen sie auf das gemeine Volk herab und zeichnen Drei-
ecke, Vierecke, Kreise und ähnliche mathematische Fi-
guren kunterbunt ineinander, versehen sie recht strate-
gisch mit Buchstaben, wiederholen sie in unterschiedli-
cher Reihenfolge und umnebeln den unerfahrenen Geist.

1.6 Pilzforscher

Vgl. P. Handke, Versuch über den Pilznarren. Eine Geschichte für sich. Berlin 2013.

(170f) "Und wenn er sich auf die Lebensumstände der ver-
meintlich seinesgleichen einließ, so verkörperten sie,
die Pilzwelt beiseite, eher das Gegenteil der von ihm
doch gesuchten freien Menschen. Im alltäglichen Leben
entpuppten sie sich meist als willige Untertanen, ih-
rer Frauen oder wessen auch immer, als Untergebene,
mit denen nichts mehr zu reden war, als Untertanen der
geducktesten Art, so als ob ihre Suchgänge ein bloßes
Steckenpferd oder ein Zeitvertreib, einer unter tau-
send sich anbietenden, wären - was doch, sichtlich und
hörbar immer neu an den Theken, nicht stimmen konnte.
Und womöglich noch weniger auf seinesgleichen traf er
auf den Tagungen und schon gar nicht auf dem Pilzfor-
scher-Weltkongreß. Von Freien, mit Feuerzungen, ent-
flammt von der Weltluft am ganzen Forscherleib, wie von
ihm im voraus phantasiert, kaum ein Hauch. Eigentüm-
lich schon, wie viele dieser Pilzforscher kränklich
wirkten, und Kranke, eher eingebildete, waren. Frei
erhobenen Hauptes stand keiner, was ja, bei dem be-
sonderen Forschungsgebiet, fast noch natürlich war,
aber auch ständig vornübergebeugte Menschen, mit
krummen Rücken und zu Boden gesenkten Augen,
konnten doch etwas von einem Souverän ausstrahlen,
oder?, von einem Souverän seiner selbst. So einer
braucht vielleicht bloß den Mund zu öffnen und,
Kongreß hin, Kongreß her, die Stimme ins Weite
schwingen zu lassen, oder nicht? Und dergestalt das
'obere Leitende', so hatte Goethe den Geist gespürt,
'vorwalten' zu lassen, nicht wahr? Jedoch keine Stim-
me schwang und gar waltete vor. Es blieb bei den
Kongreß-respektive Konzilsstimmen, einem Wissens-
wettbewerb mit einem Pilzpapst und vielen Gegen-
päpsten (...)"

2. Sprache und Ritual

Rituale durchziehen vielfältig das gesellschaftliche Leben, sind keineswegs auf den Raum der Kirchen beschränkt. Gesellschaft ist tatsächlich das entscheidende Stichwort, da ein Ritual meist im Rahmen einer Gemeinschaft praktiziert wird und dort etwas besagen soll. Damit die Botschaft unzweideutig ist, wird das Ritual in der Regel von (deutenden) Worten begleitet. Rituale gibt es außer im Kontext der Religionen bei Familienfeiern, bei Amtsübergaben, im staatlichen Bereich in vielfältigen Formen. Kleinkindern sind Rituale beim Einschlafen hilfreich. - Es gibt eine Querverbindung zu: 4.13 Abstrakta Ziff. 0.1

2.1 Sprache im Gottesdienst

Sprache im Rahmen eines Gottesdienstes erzeugt einen anderen Bewusstseinszustand als etwa in einer Vorlesung oder beim Radiohören. Zitate bzw. Übernahmen aus einem Aufsatz von Plüss/Bieler ("Der Klangraum des Wortes", in: U.Gerber/R. Hoberg, ed., Sprache und Religion 2009).

(Als Zitat von Bieritz):
"Alle Aufmerksamkeit konzentriert sich auf ein be-
grenztes Feld. Beachtet wird nur, was für die
betreffende Handlung relevant ist. Die Realität wird
radikal vereinfacht. Handeln und Bewußtsein verschmel-
zen. Die Grenzen des Selbst weiten sich, werden durch-
lässig. Solche Selbstvergessenheit vermag sich durch-
aus mit in höchstem Masse erweiterter, intensivierter,
gebündelter Bewusstheit zu verbinden: Der Handelnde
geht ganz in der Handlung auf und hat sie doch unter
Kontrolle." (187)
Es gibt 4 Akzentuierungen, wie Sprache und Ritual
zusammenwirken, entsprechend unterschiedlich ist die
Energiedynamik, die sich aus der Verbindung ergibt.
- Thrust meint eine vorwärtsdrängende Energie. Sie
  kann bei einer Predigt durch starke Gestik der Ober-
  arme ausgedrückt werden. Aber auch Lieder mit kämp-
  ferischer Melodie/Rhythmik gehören hierher ("Ein feste
  Burg...").
  Entweder-Oder-Schemata gliedern die Inhalte, wodurch
  zur Entscheidung aufgerufen wird. Kurze, einprägsame
  Sätze, viele Wiederholungen stacheln an. Anstelle
  ziselierter Formulierungen: Nähe zur Mündlichkeit,
  abzielend auf direkte Wirkung beim Hörer.
- Hang - Liturgische Sprache in konzentrischen Krei-
  sen, eher diffus, dominierend: Gelassenheit, Entspan-
  nung, damit Kontrast zur Hektik des Alltags. Nicht
  Verstehen/Analysieren ist das Ziel, sondern Eintau-
  chen in eine fremde sprachliche Welt - was durchaus
  auch in unverstandener Sprache geht (z.B. Latein in
  Taizé-Gottesdiensten). Gefahr: Langweile, über-
  schwemmt werden durch die Wohlklänge.
- Shape - Sprache und Ritual ordnen das Chaos,
  bieten Struktur, Form, Begrenzung. Das Bewährte, die
  Tradition wird gesichert. Gesetzte Feierlichkeit do-
  miniert. Die Sprache ist geschliffen, anspruchsvoll
  und wohlüberlegt.
- Swing - "bewegt und drängt zur Bewegung". Muster-
  beispiel: Gospelfeiern in charismatischen Gottes-
  diensten. Es hält die Teilnehmer nicht in ihren Bän-
  ken: man steht auf, wippt, klatscht, singt respon-
  dierend, spontane Dialoge.

2.2 Anderes Verhältnis im Mittelalter

aus: SPIEGEL GESCHICHTE 1|2015, 108, Interview mit Historiker G. Althoff:

SPIEGEL: "Mittelalterliche Quellen verwenden oft
große Sorgfalt auf die Beschreibung von Ritualen.
Warum waren sie so wichtig?
Althoff: Weil die Ordnung noch nicht auf schriftlich
fixierten Gesetzen beruhte. Deshalb hat man Wich-
tiges - Königserhebungen zum Beispiel, Friedens-
schlüsse, aber auch Freundschaftsbünde - in Form
öffentlicher Rituale vor Zeugen vollzogen. Man
kann sich das wie eine Aufführung vorstellen, mit
der man sich auf das, was man symbolisch
zeigt, für die Zukunft verpflichtete. ...
SPIEGEL: Emotionen wurden in den Ritualen regelrecht
zur Schau gestellt: Man hat geweint, sich geküsst
und umarmt - warum?
Althoff: Im Ritual war demonstratives, fast schon
überdeutliches Verhalten gefordert, um keine Zwei-
fel an der Ernsthaftigkeit der Aussage aufkommen
zu lassen. Und heftige Emotionen waren natürlich
überzeugende Zeichen, dass es jemand wirklich ernst
meinte, etwa mit der Reue. ... Ob die Emotionen
echt waren oder nicht, darauf kam es gar
nicht an. Bindend war das, was gezeigt wurde.
Was jemand tatsächlich dachte, war egal. Es gibt
allerdings Berichte, in denen ein Büßer sich vor
dem Papst niederwarf und dabei grinste - und
deshalb kam es zu Tumulten, denn die Signale
passten nicht zusammen, der Delinquent meinte
es offenbar nicht ernst. ...
SPIEGEL: Wir kennen heute noch politische Rituale,
etwa das Abschreiten eines roten Teppichs oder die feierliche
Amtseinführung eines Präsidenten. Was unterschei-
det sie von den damaligen? 
Althoff: Heute illustrieren die Feiern nur eine
bereits bestehende Wirklichkeit, sie schaffen
sie nicht. Der Präsident kommt durch die Wahl
in sein Amt, nicht durch eine feierliche Einfüh-
rung. Die hat streng genommen gar keinen Ritual-
charakter mehr, weil sie nichts bewirkt. Im
Mittelalter wurde man durch das Ritual selbst
zum König, Herzog oder Bischof. Das ist der
entscheidende Unterschied."

3. Politik - Einzelfunde

3.1 Obama - Merkel

Die heute-show vom 10.6.2011 spießte anlässlich des Besuches von BK Merkel bei Präsident Obama auf:

  • das Deutsch des Präsidenten vor dem Weißen Haus klang missverständlich: "herzlich willkommen" hätte es heißen sollen, klang aber wie "hässlich willkommen". Aber das mag der fehlerhaften Fremdsprachenkenntnis zuzuschreiben sein. Wäre also Thema von: 4.01 Ausdrucksseite: Schrift – Aussprache (Schon der Kennedy-Satz: "Ich bin ein Berliner" war vor Jahrzehnten dem Präsidenten in grauenvoller Lautschrift vorgelegt worden)
  • Einschlägig für den aktuellen Punkt: Vom Auditorium aus betrachtet blickte der Präsident nach links, während er die beiden Worte sprach. Die Kanzlerin kam aber von rechts. Die Körpersprache ließ nichts von "Herzlichkeit" erkennen, sondern allenfalls öde Korrektheit. - Aber vielleicht sind die gegenwärtigen politischen Beziehungen so...

3.2 "authentisch" - oder ...?

Medienwissenschaftler Pörksen im Interview (STB 23.10.14).

Wie viel Bereitschaft zur Selbstdarstellung und wie viel
Understatement muss ein moderner Politiker mitbringen?
Und wie authentisch und ehrlich darf er sein?
Manche meinen, das offene, stets authentische
Reden sei heute schlicht zeitgemäß - und fordern
den ehrlichen, kantigen Politiker, der sich nie
verbiegt. Aber der momentane Authentizitätskult
führt in die Irre, denn faktisch herrscht in der
Öffentlichkeit ein paradoxes Kommunikationsangebot,
das sich auf die Formel bringen lässt: "Rede
offen, klar, direkt - aber wenn du das tust,
dann greifen wir dich an und legen dich die näch-
sten zwei Jahrzehnte auf deine Äußerungen fest!
Und wehe, wenn du nur Plastiksprache lieferst!
Dann attackieren wir dich als Phrasendrescher."
Das lässt sich kaum auflösen.
Stimmt. Das ist die Klartextfalle gegenwärtiger
Politik, eine klassische Double-Bind-Situation.
Man erhebt zwei einander widersprechende Forde-
rungen, die sich nicht gleichzeitig erfüllen
lassen lassen. Und aus all dem folgt ganz
allgemein:
Es geht nicht um maximale Authentizität, die
unvermeidlich selektiv ist, weil sie den beson-
deren Kommunikations- und Rollenkontext berück-
sichtigt. Man braucht in jeden Fall die Fähig-
keit zur Selbstdarstellung. Und manchmal ist
die krachende Inszenierung angemessen, aber
eben auch die Zurückhaltung, das Understatement,
das zum Amt passt. Dieses doppelte Kommunika-
tionsspiel erfordert nicht einfach nur Ehrlich-
keit, sondern auch Raffinesse oder strategische
Intuition. Alles andere wäre naiv.

3.3 Kennedy

aus: Gerd Ruge, Unterwegs. Politische Erinnerungen. Freiburg i.B. 2015.

(166f) Mit Kennedy war 1960 ein neuer Ton in
die Politik gekommen: Er war jünger als seine
Konkurrenten und stellte keine politischen Ge-
schenke in Aussicht, sondern sprach stattdes-
sen von einer neuen Grenze ("New Frontier"),
die Amerika überwinden müsse, um den Weg in
die Zukunft zu meistern. Er hatte brilliante
Redenschreiber, und ihm standen während des
Wahlkampfs Berater zur Seite, die die Bedeu-
tung des neuen Mediums Fernsehen verstanden.
Das war schon in der ersten Fernsehdebatte
zwischen ihm und seinem republikanischen Kon-
trahenten Richard Nixon zu sehen. Nixon
humpelte wegen einer Beinverletzung zum Mikro-
fon, er hatte auf die Maske verzichtet, wirkte
schlecht rasiert und schwitzte.
Kennedy dagegen hatte sich von seinen Beratern
überreden lassen, mit einem professionellen
Make-up zu kommen. Er sprach lebhaft, wo Ni-
xon schwerfällig und umständlich wirkte. Die
Umfragen nach der Sendung waren aufschluss-
reich: Bei den Fernsehzuschauern hatte Kenne-
dy einen Vorsprung, bei den Rundfunkhörern lag
Nixon in den Umfragewerten vor seinem Rivalen
oder gleichauf. Diese Debatten waren der An-
fang des Fernsehzeitalters in der Politik.

3.4 AFD - Anfang 2016

aus Kolumne von Jakob Augstein. Ganzer Text: [8]

"Die Rechten lächeln immer. Das fällt auf. Und
viele haben so glatte Gesichter. Bernd Lucke
hatte schon dieses glatte Lächeln im Gesicht,
der geschasste Parteigründer der AfD. Frauke
Petry, die neue Parteivorsitzende, lächelt an-
dauernd. Und auch Björn Höcke kann lächeln. Es
ist ein unheimliches Lächeln. Höcke warnt vor
Flüchtlingen "mit stellenweise hochanstecken-
den Krankheiten" und dabei lächelt er.
   Die Stars der neuen Rechten haben die Ge-
sichter von gewissenlosen Kindern. Aus ihren
lächelnden Mündern strömt grauenhaftes Zeug.
   Wenn Angela Merkel sagt, "dass heutzutage
keine Menschenmassen kommen, sondern dass ein-
zelne Menschen zu uns kommen", dann lächeln
die neuen Rechten nur ihr spöttisches Lächeln."
(...)

3.5 Ban Ki Moon / 2016

Aus dem Kommentar von Stefan Ulrich in SZ 24./25.9.2016:

"Er wirkte oft wie ein Mann ohne Haltung. Leise-
treterisch und - zumindest öffentlich - konsequent
konfliktscheu agierte Ban Ki Moon in den vergan-
genen 10 Jahren als UN-Generalsekretär. Der Gene-
ral im Sekretär war fahnenflüchtig. Selbst bei
schwierigsten Auftritten verbarg ein enigmati-
sches Lächeln das wahre Gesicht des höchsten
Vertreters der Staatengemeinschaft. Als Ban
diese Woche in New York die Generaldebatte der
Vereinten Nationen eröffnete, wirkte er zunächst
wie immer. Doch dann trauten die Präsidenten,
Premiers und Minister ihren Sinnen nicht mehr:
Ban fiel aus der Rolle.
   'Blut an ihren Händen' hätten einige hier
versammelte Regierungen, sagte er. Sie begingen
Gräueltaten im Syrien-Krieg, am schlimmsten sei
die Regierung in Damaskus. Auch in anderen Kon-
flikten wie im Südsudan versagten die Führungs-
eliten. 'Es gibt eine erbärmliche Verrohung der
Welt'. Diplomatisch klingt anders.
   Es muss Außergewöhnliches passiert sein, wenn
Ban so wütet: Am Montag war ein Hilfskonvoi der
UN und des Roten Halbmonds beschossen worden,
viele Menschen starben. Dabei war der Konvoi mit
Schutzzeichen markiert. Dreister hätten die
Vereinten Nationen kaum verhöhnt werden können:
Da wurde ihnen zum Höhepunkt des UN-Jahres, in
der Woche der Generaldebatte, ihre Ohnmacht
demonstriert. []"

3.6 Körpersprachliches Dialogverhalten bei S. Wagenknecht

Vgl. [9]

4. Körpersprachliche Signale - Einzelfunde

[Jede/r kann ergänzen]

Fortführung von 4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte, Ziff. 7.[10]

4.0 Körper und Geist

(aus: M. Schuster, Wodurch Bilder wirken. Psychologie der Kunst. Köln 2016.)

"Jeder, der sich bei einem Gespräch einmal
zurücklehnt und absichtlich auf die Körper-
sprache seiner Mitmenschen achtet, staunt, wie
viel Information dort vermittelt wird. Entspre-
chende Kurse lehren die Bedeutung körpersprach-
licher Elemente zu beachten. Irgendwie gelangen
also über nonverbale Kommunikationen Informatio-
nen in unser Gehirn, ohne die kritischen Tore
des Bewusstseins passieren zu müssen." (27)
"Lange weiß man, dass sich Körperreaktionen auch
konditionieren lassen. Pawlows Hunde reagierten
nach einer gewissen Weile schon auf das Schlüs-
selklappern vor der Fütterung mit einer Speichel-
absonderung, die physiologisch eigentlich erst
mit der Nahrungsberührung erfolgen kann. Diese
Experimente lenken die Aufmerksamkeit bei der
Konditionierung von Reaktionen gezielt auf
Geräusche oder auch Worte. Aber Bilder,
Signets, Markenzeichen, religiöse Symbole sind
auch bedingte Reize, die nach einigen Koppelun-
gen eine reflektorische Reaktion hervorrufen
(...) Entspannung und Ruhe beim Gebet können
sich durch das Kreuz oder die Buddha-Statuen
als konditionierte Reaktion wieder einstellen.
Das Markensignet (etwa Coca-Cola) kann Durst
(Trinkbereitschaft) auslösen. Auch auf dieser
Grundlage können Bilder und 'magisch' (d.h.
wieder ohne bewusste Beteiligung) beein-
flussen)." (30)


4.1 "Der Gott des Gemetzels"

Der Film von Roman Polanski (2011) nach dem Theaterstück von Yasmina Reza hat - nach einer publizierten Zusammenfassung - folgendes zum Inhalt:

"Brooklyn Bridge Park, New York: Ein Elfjähriger
gerät in einen Streit mit mehreren gleichaltrigen
Mitschülern und schlägt einem der anderen Jungen
mit einem Stock ins Gesicht, der dabei – wie wir
später erfahren – zwei Zähne verliert. Kurze Zeit
später treffen sich Michael (John C. Reilly) und
Penelope Longstreet (Jodie Foster), die Eltern
des Verletzten, in ihrer Wohnung mit Alan
(Christoph Waltz) und Nancy Cowen (Kate Winslet),
den Eltern des Schlägers. Schnell verständigen
sie sich über die Streitpunkte und wollen wieder
getrennte Wege gehen – man ist schließlich zivi-
lisiert. Doch als die Cowens eigentlich schon
aus der Tür sind, lassen sie sich noch zu einem
kleinen Kaffee überreden. Nun kommt das Quartett
doch wieder zum Streit der Kinder zurück und es
zeigt sich, dass hier gar nichts geklärt ist.
Schnell erhitzen sich die Gemüter immer weiter,
es kommt zu einer vehementen Auseinandersetzung,
in der es bald um ganz andere Dinge geht.
Dabei werden munter die Fronten gewechselt und
als auch noch Alkohol ins Spiel kommt, eskaliert
die Situation völlig."

Man bekommt in dem Film vorgeführt, wie zwei Paare einen Konflikt zwischen ihren Kindern zunächst bürgerlich, gesittet, freundlich, souverän usw. besprechen und bereinigen wollen. Der Dialog steigert sich, wird aggressiver, so dass die Atmosphäre - für Nancy zumindest - ganz wörtlich "zum Kotzen" ist. Als die Situation ohnehin schon verfahren ist, genau dann werden immer wieder positive "Werte" beschworen, an die man sich selbst schon längst nicht mehr hält, die aber doch auf den guten Weg zurückführen sollen - was sie im konkreten Fall aber nicht tun. Man kann an dem Film dialogische Verhaltensweisen studieren, die zum Scheitern des Gesprächs beitragen, z.B. führt Alan zwischendurch und penetrant per Handy ständig Geschäftsverhandlungen, in denen er übrigens als Anwalt ein rücksichtsloses Verhalten empfiehlt - wie will er im aktuellen Gespräch zu genau dem Gegenteil in der Lage sein? Ist ein solches Umschalten überzeugend? - Antwort: Nein! Durch das Zulassen der ständigen Unterbrechungen signalisiert Alan, dass er die aktuellen Gesprächspartner nicht ernst nimmt (er beschädigt deren FACE).

4.2 Interview mit BP Wulff

Aus Spiegel-Online eine Analyse des Interviews unter Beobachtung der körpersprachlichen Signale:

Karsten Noack, Kommunikationstrainer aus Berlin:
Der Bundespräsident hat einen hohen Status, das
muss auch seine Körpersprache ausdrücken. Ein
hoher Status zeigt sich zum Beispiel durch eine
aufrechte Haltung. Wir sahen aber einen Mann
mit einem oftmals gebeugten Rücken, der immer
wieder versuchte, dem Status gerecht zu werden,
indem er sich aufrichtete. Wir sahen auch, dass
seine Füße unter dem Stuhl ganz weit nach hinten
geschoben und gekreuzt waren. Das macht jemand,
der sich um eine Ausbildungsstelle bewirbt und
richtig unter Druck steht.
Im Verlauf des Interviews wurde Wulff immer
kleiner. Das ist eine sehr menschliche Eigenart:
Wir machen uns kleiner, damit wir möglichst
wenig Angriffsfläche bieten. Auch seine Handhal-
tung war während des Interviews meist abwehrend:
Er zeigte seine Handknöchel, baute also eine
Barriere auf. Außerdem wiesen seine Finger oft
auf ihn selbst. Er schien sehr auf sich konzen-
triert, weniger auf die Menschen, zu denen er
sprach.
Es gab Momente, in denen es ihm besonders
schwerfiel, Augenkontakt zu halten. Es schien,
als ob ein Teil in ihm zu den Vorwürfen nichts
sagen mochte, er aber gleichzeitig dazu ge-
zwungen war, es doch zu tun. Man konnte zwischen-
durch sehen, wie seine Augen flackerten.
Das ist ein Zeichen dafür, dass das Gesagte nicht
unbedingt im Einklang steht mit den Gefühlen.
Dieses Augenflackern kann man sehr schlecht
steuern, da macht sich das Unterbewusstsein
bemerkbar.

4.3 Zuhören oder ???

Aus SPIEGEL-Online (25.5.2012):

Berlin - Eigentlich ging es um Rüstungsexporte
in der 181. Sitzung des Deutschen Bundestags am
Donnerstag. Ein wichtiges Thema, doch mental
waren die meisten Abgeordneten wohl schon im
langen Pfingstwochenende. Der Plenarsaal:
schlecht besucht. Die wenigen Parlamentarier:
mäßig engagiert. Dann schritt Jan van Aken von
der Linken ans Rednerpult - und plötzlich nahm
die Sitzung Fahrt auf.
  Das Protokoll der Marathonsitzung listet auf
Seite 95 von 216 genau auf, wie sich Aken
zunächst zu einem flammenden Plädoyer für mehr
Ernsthaftigkeit bei der Diskussion um deutsche
Waffendeals aufschwingt ("Das sind keine Näh- 
maschinen") und dann zur Frontalattacke gegen
FDP-Mann Martin Lindner ausholt.
  "Zu Herrn Lindner muss ich sagen, dass ich
das unerträglich finde: Jedes Mal, wenn hier
eine Frau redet, dann macht dieser Macho arro- 
gante Zwischenrufe und krault sich seine Eier.
Das ist wenig zu ertragen. Das geht überhaupt
nicht."
  Nun ist der Plenarsaal wach, bei der Linken,
der SPD und den Grünen setzt begeisterter Bei-
fall ein. Selbst einige Vertreter der CDU/CSU
und der FDP können sich ein Lachen nicht ver-
kneifen, unter ihnen auch Lindner.
  Die Pfeilspitze ist verschossen, jetzt lenkt
Aken ein:
  "Entschuldigen Sie, Frau Präsidentin. Ich
entschuldige mich dafür."
  Das geht in Richtung von Vizepräsidentin
Katrin Göring-Eckardt, die nun etwas verwirrt
nachfragt:
  "Für den 'Macho' oder für was jetzt?"
  Replik Aken:
  "Für die 'Eier'."
Da ist dann auch von Göring-Eckardt kaum noch
mehr als ein amüsiertes Glucksen zu hören.

4.4 Äusserliche Erscheinung und Art des Sprechens

In Homers Ilias gibt es eine Passage, in der der Dichter beides koppelt: abstoßende Erscheinung // aggressive Rede. - Das wirkt natürlich schon konstruiert durch den Poeten. Vgl. [11]. Übersetzung/Übertragung durch Raoul Schrott.

4.5 Nicht-Sprechen und dennoch kommunizieren

Vgl. das Gedicht von Hermann Hesse: [12].

4.5.1 Echnaton

nach dem gleichnamigen Roman von Nagib Machfus. Der in der Wahrheit lebt. Zürich 1999. S.56f. - Haremhab, der Oberste der Wache, schildert:

"Ich lud ihn ein, die Gefangenen in Augenschein
zu nehmen. Er schritt die Reihen der spärlich
bekleideten und in Ketten gelegten Männer ab,
sah sie sich lange und gründlich an. Sie starr-
ten ihn mitleidheischend an, als hätten sie
seinem Blick die Schwäche angemerkt. Sein Ge-
sicht verzog sich gequält, er sah niederge-
schlagen aus. Schließlich wandte er sich mit
sanfter Stimme an die Gefangenen.
'Seid getrost, euch wird nichts geschehen.'"

Nofretete beschreibt, wie sie zum ersten Mal die neue Residenzstadt Achetaton besuchte und dabei die gefangengehaltene Königin (= ihre Vorgängerin) traf:

(150) "Sie trat ein. Ein weißes, fließendes
Gewand umspielte den schlanken, schönen Körper.
Ihr stolzer, aufrechter Gang verkündete, dass
die vierzig schweren Jahre sie nicht gebeugt
hatten. Sie setzte sich. Mit einer leichten
Bewegung der Hand bedeutete sie mir, ebenfalls
Platz zu nehmen. Sie schaute mich an, ruhig,
fast müde. Als Erstes ließ sie ein paar Lobes-
worte über meinen Vater fallen, dann fragte
sie mit bitterem Spott: 'Na, wie finden Sie
die Stadt des Lichts?'
 Betört von ihrer Schönheit, hatte ich sie
die ganze Zeit angestarrt, Nun senkte ich
beschämt den Blick, schwieg verlegen."

Blicke austauschen mit Echnaton:

(155f) "Ach, wie sehr wünschte ich mir, dass
er zu mir herschaut. Dann geschah es - wir
sahen uns. Schon wollte sein Blick gelangweilt
weiterschweifen, da hielt er überrascht inne.
Es war, als hätte ihn etwas erstaunt, als
fragte er sich, wer dieses junge Mädchen sein
könne, das ihn mit solch heißem Verlangen an-
starrte. Unwillkürlich schaute ich zur Königin
Teje hinüber, und da bemerkte ich, dass auch
sie mich ansah. Oh, wie mein Herz da klopfte,
und meine Träume trugen mich hinauf, ließen
mich im höchsten Himmel schweben. Aber mit
dem, was dann kam, was in Wirklichkeit geschah,
hatte ich nicht im Geringsten gerechnet." 

Hochzeit

(161) "Ich hatte ein durchsichtiges Gewand an,
mein nackter Körper zeichnete sich deutlich
ab. Dann ging die Tür auf, und im Schein
flackernder Fackeln erschien der Kronprinz.
Er legte den Umhang ab und stand plötzlich im
Lendenschurz vor mir. Mit glänzenden Augen kam
er auf mich zu, richtete mich im Bett auf und
umschlang meine Beine. 'Du bist die Sonne
meines Lebens', flüsterte er leidenschaftlich.
 Meine Seele frohlockte, aber jeder Muskel
meines Körpers verspannte und verkrampfte sich
angesichts des seltsmen Anblicks, den der
Prinz bot. Ungestüm redete er auf mich ein.
'Ich habe mich bei der Jubiläumsfeier in dich
verliebt. Ich bin zu meiner Mutter gelaufen
und habe ihr erklärt, dass ich dich heiraten
will."

Etwas später:

(162) "Ich wollte Zeit gewinnen, deshalb
sagte ich: 'Ich möchte die Erste sein, die
in seinem Tempel Hymnen singt.'
'Das verspreche ich.' Er küsste mich und
flüsterte:
'Und du musst mir einen Erben für den Thron
Gottes schenken.'
 Da schwanden plötzlich alle frommen Gefühle,
und nichts blieb außer Scham und Beklommen-
heit."

4.6 Kleiner Mann - was nun?

Im Roman von H. Fallada, 4.Aufl. 2012 Berlin, ist der Angesprochene aufgrund drohenden Arbeitsplatzverlustes zunächst sprachlos. Beißende Ironie drückt der Vorgesetzte aus.:

(333) Abschließend sagt Herr Spannfuß: "Also
merken Sie sich das, bei der nächsten Unpünkt-
lichkeit fliegen Sie fristlos auf die Straße.
Dann können Sie sehen, wie Stempeln tut. Es
gibt ja so viele ...
Wir verstehen uns, nicht wahr, Herr Pinneberg?"
   Pinneberg sieht ihn stumm an.
   Herr Spannfuß lächelt. "Ihr Blick ist sicher
sehr ausdrucksvoll, Herr Pinneberg. Aber ich
möchte es doch gerne mündlich von Ihnen
bestätigt hören. Wir verstehen uns?"
   "Ja", sagt Pinneberg leise.
   "Schön, dann können Sie also gehen."
   Und Pinneberg geht.

4.7 Aufgeladene Atmosphäre

Worte und körpersprachliche Signale.

Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein. 5. Aufl. 2012. S. 167f:

Die Dame begrüßte Anna Quangel gebührend,
aber nur mit einer lässigen Erhebung des
Armes: "Heil Hitler!" Ernst und genau korri-
gierte Anna Quangel durch ihr zackiges "Heil
Hitler!" diese Nachlässigkeit.
  "Sie kommen von der NS-Frauenschaft, wie
ich höre, Frau-?" Die Dame wartete einen Augen-
blick, da ihr aber kein Name genannt wurde,
lächelte sie unmerklich und sagte:
"Aber bitte, nehmen Sie doch Platz! Sicher
handelt es sich um eine Spende - ich gebe
gerne, soweit es mir möglich ist."
   "Es handelt sich um keine Spende!" Anna
Quangel stieß diese Worte fast zornig hervor.
Sie empfand plötzlich eine tiefe Abneigung
gegen dieses bildschöne Geschöpf, das doch
nur ein Weibchen war ...
"Nein, keine Spende!", stieß sie noch einmal
ungeduldig hervor. "Sondern es handelt sich
darum -"
   Sie wurde noch einmal unterbrochen, "Aber
bitte, nehmen  Sie doch wirklich Platz! Ich
kann doch nicht sitzen bleiben, wenn Sie hier
stehen, und Sie als die Ältere ..."
   "Ich habe keine Zeit!", sagte Anna Quangel,
"Wenn Sie mögen, dann stehen Sie auf, sonst
können Sie auch ruhig sitzen bleiben. Mir
macht das nichts aus!"
   Frau Gerich kniff die Augen ein wenig zu-
sammen und musterte erstaunt diese biedere
Frau aus dem Volke, die mit solcher Bruta-
lität gegen sie vorging. Sie zuckte leicht
mit den Achseln und sagte, immer noch lie-
benswürdig, aber nicht mehr ganz so verbind-
lich: "Ganz nach Ihrem Wunsch! Ich werde
also sitzen bleiben. Sie wollten sagen ..." 

(210) Nazi-Funktionäre über einen verdächtigen Schauspieler:

"Ich habe ihm ins Gesicht sechs Filme genannt,
in denen er nie aufgetreten ist, und habe
seine Meisterleistung bewundert. Er hat
eine Verbeugung nach der andern gemacht
und gestrahlt vor Dankbarkeit. Dabei habe
ich direkt gerochen, wie er vor Angst
geschwitzt hat!"
   "Alle haben sie Angst!", entschied das
Braunhemd verächtlich. "Warum eigentlich?
Es ist ihnen doch so leicht gemacht, sie
brauchen nur zu tun, was wir ihnen sagen."
   "Das ist, weil die Leute das Denken
nicht lassen können. Sie glauben immer,
mit Denken kommen sie weiter."
   "Sie sollen bloß gehorchen. Das Denken
besorgt der Führer."

4.7.1 Aufgeladene Atmosphäre - Streit um Islam

[13] - nicht nur sich widersprechende Worte trafen aufeinander, auch widersprüchliche Körpersignale - z.B. hoher Blutdruck vs. Dauerlächeln.

4.8 Außen ruhig, innerlich erregt

Pep Guardiola sah überraschend entspannt aus,
als er nach dem 1:1 seines FC Bayern in
Leverkusen ganz allein auf der Auswechselbank
sitzen blieb. Ungefähr so, wie jemand, der den
Kinosaal nach einem guten Film nicht sofort
verlässt, um die Eindrücke nachwirken zu
lassen. Aber das unruhige Trommeln seiner
Finger an der seitlichen Verkleidung der Bank
verriet ihn - es arbeitete im Trainer der
Münchner.
Irgendwann setzte sich dann Leverkusens Ersatz-
torhüter Cervera Palop dazu, ein Spanier, der
238 Spiele in der Primera División gemacht hat,
darunter auch einige gegen Guardiola, und riss
seinen Landsmann aus dessen Gedanken.
Die beiden unterhielten sich gestenreich, und
vielleicht hat der Trainer im Privatgespräch
mit dem Torwart verraten, worüber er so inten-
siv grübelte. In seinen öffentlichen Statements
mochte Guardiola nicht preisgeben, was ihn
beschäftigt hatte.
(SPIEGEL-online, 6.10.2013)

4.8.1 Innerlich ruhig, äußerlich erregt

Kabarett mit Dieter Hildebrandt: "Der Mond ist aufgegangen" - kabarettistisch in politischer Rede vorgetragen, vgl. [14], bes. mit Video.

4.8.2 Ohne Worte

S. Lenz, Deutschstunde. München 1973, 45. Aufl. S. 429:

Auch wenn er schwieg, wenn er sich abschloß,
mochte ich gern neben ihm laufen, nicht im
Rhythmus seines Schritts, einfach in seiner
freundlichen und unberechenbaren Gegenwart,
die einen ständig zwang, auf etwas gefaßt zu
sein: auf eine Frage so gut wie auf einen
Blick. So neben ihm herzugehen, das hieß schon
vollauf beschäftigt zu sein in gespannter
Erwartung, von Freude wollen wir nicht reden.

4.8.3 TV-Debatte: H. Clinton vs. D. Trump

aus SPIEGEL-online 27.9.2016. - Uns interessieren hier nicht die Themen / Fragen / inhaltlichen Lösungsvorschläge, sondern die Ausstrahlung der Redner während der Debatte.

"die erste TV-Debatte zwischen Hillary Clinton
und Donald Trump heute Nacht war eines der bi-
zarrsten Medienereignisse aller Zeiten. Hillary
Clinton gewann den Showdown nach Ansicht fast
aller Kommentatoren eindeutig: Sie war ruhig,
klar, gefasst, wirkte durchgehend kompetent und
präsidiabel. Und sie schaffte es, ihren Gegner
mit gut platzierten Angriffen aus der Reserve
zu locken. Donald Trump verlor sehr schnell die
Fassung - unterbrach sie dauernd, zog Grimassen,
schniefte seltsam, wurde laut, verlor sich in
nicht enden wollenden Satzkonstruktionen.
Trump prahlte damit, weder Einkommenssteuern
bezahlt, noch manche seiner Arbeiter entlohnt
zu haben. Auf Clintons Vorwurf, er habe den
Kollaps des Immobilienmarkts herbeigesehnt, um
damit Geld zu machen, antwortete er: "Das nennt
man Geschäfte machen." Er brüllte fast, als er
behauptete, er habe das "beste Temperament" um
Präsident zu sein - worauf Clinton nur lachend
"okay" sagen musste ...
Der Trump, der bei der Debatte auftauchte, war
der alte Trump, der sich nicht kontrollieren
kann - nicht der neue, etwas seriösere Trump,
der bei Auftritten seit einiger Zeit nur noch
vom Teleprompter abliest, und in den Umfragen
massiv aufholte. Die große Frage für die kom-
menden Tage ist nun allerdings: Welchen Ein- 
druck haben Clinton und Trump auf die Wähler
gemacht? Haben sie wirklich Unentschiedene
umgestimmt? Wird Clinton in den Umfragen zu-
legen? Sicher ist: Wenn dieser Auftritt die
Wähler nicht von Trump abgeschreckt hat, gibt
es nicht mehr viele Mittel gegen ihn."

4.9 Problempartner

Ein ehemaliger FBI-Mitarbeiter bietet Checklisten an, die helfen, problematische, womöglich gefährliche Einstellungen von Partnern besser zu erkennen. Vier Typen: narzisstisch, dissozial, paranoid, instabil. Ein Ersetzen einer adäquaten psychologischen Einschätzung ist damit nicht beabsichtigt. Aber ein Schärfen der eigenen Wahrnehmung - und in der Summe kann dann ein Warnlicht angehen. [15]

4.10 "so"

"er war nur so groß"

Angenommen, eine schriftliche Äußerung - wie hier - enthält die Partikel und wird anschließend im Text nicht aufgeklärt, so kann man annehmen, dass es sich um die Wiedergabe eines mündlich vorgetragenen Satzes handelt, der aber mit einer Begleitgeste gesprochen worden war, um durch angezeigten Vergleich zu verdeutlichen, wie groß 'er' nun war. Denn von irgendwoher benötigt der Hörer einen Vergleichsmaßstab.

4.11 Narben

Wolfgang Herrndorf, tschick. Reinbeck 2014. 36.Aufl.

(17) Der Arzt ist weniger unterhaltsam. "Das
ist nur ein Stück Fleisch", sagt er, "Muskel",
sagt er, "ist nicht schlimm, das wächst nach.
Bleibt vielleicht ne kleine Delle oder Narbe",
sagt er, "das sieht dann sexy aus", und das
sagt er jeden Tag. Jeden Tag guckt er sich
den Verband an und erzählt genau das Gleiche,
dass da 'ne Narbe bleibt, dass das nicht
schlimm ist, dass das später mal aussieht,
als wär ich im Krieg gewesen. "Als wärst du
im Krieg gewesen, junger Mann, da stehen
die Frauen drauf", sagt er, und es soll wohl
irgendwie tiefsinnig sein, aber ich versteh
den Tiefsinn nicht, und dann zwinkert er
mich an, und meistens zwinker ich zurück,
obwohl ich's nicht verstehe. Schließlich hat
der Mann mir geholfen, da helfe ich ihm auch.

4.12 S. Lenz, Deutschstunde. 45. Aufl. 2014

(30) Er setzte sich nicht. Er streifte mit den
Fingerkuppen die Brusttasche. Er blickte durch
das Fenster zum Atelier hinüber. Er schwieg
und wartete, und Ditte und Doktor Busbeck
sahen, daß er auf den Maler wartete, freud-
los, unruhig sogar, soweit mein Vater überhaupt
Unruhe zeigen konnte, jedenfalls ließ ihn das,
was er zu tun hatte, nicht gleichgültig. Sein
Blick fand keinen Halt - wie immer, wenn er
betroffen, wenn er unsicher und erregt war auf
seine friesische Weise: er sah jemanden an und
sah ihn nicht an, sein Blick traf und glitt
ab, hob sich und wich aus, wodurch er selbst
unerreichbar blieb und sich jeder Befragung
entzog. So wie er dastand in der sehr großen
Wohnstube auf Bleekenwarf, beinahe wider-
willig in der schlecht sitzenden Uniform,
unsicher und mit einem Blick, der nichts
bekennen wollte, ging von ihm ganz gewiß
keine Bedrohung aus. 
(150f) Was war nur mit meinem Vater los?
Während Asmus Asmussen sich bedankte, Grüße
von draußen ablieferte und zu einer Einlei-
tung ausholte, geriet mein Vater in eine Erre-
gung, die ich an ihm nicht kannte. Er rutschte
auf seinem Platz hin und her. Er betupfte sich
mit den Fingerspitzen seine Augäpfel. Er
knüllte sein Taschentuch, riß und zerrte an
ihm. Den Oberkörper legte er manchmal so weit
zurück, daß ich schon befürchtete, er werde
hintenüberkippen und dem Vogelwart Kohl-
schmidt auf den Schoß fallen. Schweiß stand
auf seiner Oberlippe. Mitunter schüttelte er
sich wie unter unzumutbarem Druck von innen.
Ein Ausdruck von Verwunderung lag auf seinem
Gesicht, augenscheinlich schien er selbst
nicht zu verstehen, was mit ihm vorging.
Oft wischte er sich mit einer energischen,
unduldsamen Bewegung über die Stirn.
(342) Nu laß den Jungen, wie er is, Gudrun,
wir schaffen es sonst nich: das sagte er
übelnehmend, und dann schlugen sie sich in
ihre Mäntel, streiften die Regenumhänge über,
und wir stapften nach unten, wo Hilke, ich
muss schon sagen: erregt auf uns wartete.
Ihre Erregung, sie paßte nicht zu den schwar-
zen Strümpfen, den schwarzen Überschuhen und
dem schwarzen Tuchmantel. Mit den Lederhand-
schuhen, die sie zu Weihnachten bekommen
hatte, wedelte sie herum, schlug sich
auf das eigene Handgelenk, auch nach einge-
bildeten Fliegen in der Garderobe schlug
sie. Ist was los? fragte ich, worauf sie
mir, was durchaus als Antwort gemeint war,
ihre Handschuhe ins Genick klatschte und
mich vor sich hertrieb nach draußen, in den
Schnee, in den Regen.

4.13 Outfit und Politik

Zum Auftreten des Anfang 2015 neu ins Amt gekommenen Finanzministers des hochverschuldeten Griechenland, vgl. [16]

4.14 Immanuel Kant

(aus: M. Kühn, Kant. Eine Biographie. München 2004. 3. Aufl. S.482)

"Wasianski sorgte dafür,daß Lampe, der Diener,
der 40 Jahre lang bei Kant gewesen war, noch
im gleichen Monat entlassen wurde. Er erhielt
eine jährliche Pension unter der Bedingung,
daß weder er noch irgendeiner seiner Angehö-
rigen Kant je wieder belästigten.
Seinen neuen Diener nannte Kant weiterhin
'Lampe'. Um sich zu erinnern, schrieb er in
eines seiner Notizbüchlein: 'Der Name Lampe
muß nun völlig vergessen werden.' Diese Art
von performativem Widerspruch ist vielleicht
ein besseres Indiz für seinen Zustand als
alle anderen Anekdoten, die über den alten
Kant erzählt werden."

4.15 Runzeln, Blitzen, Zucken

(Überschrift des Artikels in SPIEGEL 19/2015 S.116ff. Daraus der Anfang:)

"Leichtes Heben der Augenbrauen, geöffneter
Mund, entspannte Unterkiefermuskulatur -
ganz klar: Überraschung.
Dieses Rümpfen der Nasenflügel: unverkennbar
Aktionseinheit 9, das ist Ekel. Und wenn
sich der äußere Augenringmuskel anspannt?
Wohl ein Zeichen von Fröhlichkeit.
   Dutzende, Hunderte, Tausende Gesichter
lassen 25 Frauen und Männer in Kairo an
sich vorüberziehen. Ihre Aufgabe: Im Dienst
der US-Firma Affectiva sollen sie helfen,
Computern das Geheimnis der menschlichen
Mimik beizubringen.
   Zunächst mussten die Ägypter lernen, 44
elementare Bewegungseinheiten der Gesichts-
muskeln, sogenannte Aktionseinheiten, zu
erkennen. Es sind dies gleichsam die Voka-
beln, aus denen die Sprache der Mimik zu-
sammengesetzt ist. Jetzt sollen die Affec-
tiva-Angestellten die einzelnen Aktionsein-
heiten und die zugehörigen Gefühle den Bil-
dern zuordnen, sodass der Computer lernen
kann, was Ärger, Ekel, Überraschung oder
Freude ist (...)"

4.16 Prozessbeobachtung: Angeklagte

In folgendem Ausschnitt - vgl. SPIEGEL 39/2015 25 - erfährt man nichts darüber, was verhandelt wird, nichts zu den Inhalten des Rechtsstreits, aber viel zu körpersprachlichen Signalen:

"Jedes Mal, wenn sie zu Beginn eines Sitzungs-
tages dem Vorsitzenden ein mit steiler Hand-
schrift beschriebenes Papier übergab, machte
sich Alarmstimmung breit: Was, um Himmels
willen, ist nun schon wieder los? 
   War sie auf Krawall gebürstet, betrat sie
den Gerichtssaal und setzte sich nicht. Blieb
stehen, bis der Senat einzog, die Hände in
die Lehne des Stuhls gekrallt, die Lippen
zusammengekniffen, die Augen unter gerunzel-
ter Stirn starr auf einen imaginären Punkt
konzentriert. Keine Höflichkeitsgeste, kein
Gruß, kein Lächeln."

4.17 Franz Kafka

Vgl. [17] Die Kleidung animiert K., eine andere Einstellung nach außen zu signalisieren, als sie ihm angemessen wäre.

4.18 Paolo Coelho

aus: P. Coelho, Der Alchimist, Zürich 1996. 143

"Und als wollte die Wüste beweisen, daß der
alte Alchimist recht hatte, kamen ihnen zwei
Reiter nach.
   'Ihr könnt nicht weiterreisen', sagte
einer von ihnen. 'Ihr befindet euch mitten im
Kampfgebiet.'
   'Ich gehe nicht weit', entgegnete der
Alchimist und fixierte die Augen der Krie-
ger. Sie blieben einige Minuten stumm und
willigten schließlich in die Weiterreise der
beiden ein. Der Jüngling hatte dem fasziniert
zugesehen.
   'Ihr habt den Krieger mit dem Blick be-
zwungen', bemerkte er überwältigt.
   'Die Augen zeigen die Kraft der Seele an',
entgegnete der Alchimist." 

4.19 Kinder reagieren auf hässliches Aussehen

... kann man verstehen für den Anfang, sollte im Lauf der Zeit abgebaut werden, vgl. [18]

4.20 "Brexit" und Berliner Koalition

(aus SPIEGEL-online, 6.7.2016)

Frank-Walter Steinmeier hatte augenscheinlich
keine Lust auf Smalltalk mit der Kanzlerin.
Während Parteifreund Sigmar Gabriel neben ihm
auf der Regierungsbank mit Angela Merkel
scherzte, blieb die Miene des Außenministers
ernst. Blickkontakt mit der CDU-Vorsitzenden?
Fehlanzeige.
Die Szenerie im Bundestag am Tag der Regierungs-
erklärung Merkels zum Brexit-Referendum war
symptomatisch: Zwischen Steinmeier und der
Kanzlerin hängt der Haussegen schief. Das Paar,
das in der Ukrainekrise so eng zusammenarbei-
tete, das schon allein wegen eines ähnlichen,
pragmatischen Politikstils seit Jahren so gut
harmonierte, hat sich spürbar entfremdet.

4.21 Sprache durch Hände

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973.

"Heumond"

(124) "Die andern blieben schweigend sitzen.
Paul hatte seine Linke langsam und mit ängst-
licher Vorsicht wie ein Verbrecher der Frauen-
hand genähert und dann dicht neben ihr liegen
lassen. Er wußte nicht, warum er es tat. Es
geschah ohne seinen Willen, und dabei wurde ihm
so drückend bang und heiß, dass seine Stirn
voll von Tropfen stand."
(125) "Fräulein Thusnelde blickte in Pauls
Gesicht, mit ihrem ruhigen und etwas müden
Blick. Sie sah, daß er unverwandt auf seine
Linke schaute, die dicht neben ihrer Rechten
auf der Bank lag. Da hob sie ihre Rechte ein
wenig, legte sie fest auf Pauls Hand und
ließ sie da liegen.
   Ihre Hand war weich, doch kräftig und von
trockener Wärme. Paul erschrak wie ein über-
raschter Dieb und fing zu zittern an, zog
aber seine Hand nicht weg. Er konnte kaum
noch atmen, so stark arbeitete sein Herz-
schlag, und sein ganzer Leib brannte und fror
zugleich. Langsam wurde er blaß und sah das
Fräulein flehend und angstvoll an."

4.22 Handke: Tipps für Theaterbesucher

vgl. P. Handke, Publikumsbeschimpfung und andere Sprechstücke. Frankfurt 1979. Hier 30. Aufl. 2012.

(30) "Im Stehen können Sie besser als Zwischen-
rufer wirken. Gemäß der Anatomie des Körpers
könnten Ihre Zwischenrufe im Stehen kräftiger
sein. Sie könnten besser die Fäuste ballen.
Sie könnten Ihren Widerspruchsgeist zeigen.
Sie hätten größere Bewegungsfreiheit. Sie müßten
weniger gesittet sein. Sie könnten von einem
Bein auf das andere treten. Sie könnten sich
Ihres Körpers eher bewußt werden. Ihr Kunst-
genuß würde geschmälert werden. Sie würden
kein Muster mehr bilden. Sie würden Ihre
Starre verlieren. Sie würden Ihre Geometrie
verlieren. Sie würden mehr die Ausdünstungen
der Körper neben Ihnen riechen. Sie könnten
mehr durch Anstoßen Ihre übereinstimmenden
Meinungen zeigen. Im Stehen würde nicht die
Trägheit der Körper Sie vom Gehen abhalten.
Im Stehen wären Sie individueller. Sie wä-
ren standhafter gegen das Theater."   

4.23 Hermann Hesse

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973

"Kinderseele"

(390) "... dieser war ein echter Verbrecher und trug den
etwas zerbeulten Hut kühn auf einem trotzigen und ungebeugten
Schädel, er war bleich und lächelte still verachtungsvoll,
und das Volk, das ihn beschimpfte und anspie, wurde neben ihm
zu Pack und Pöbel. Ich hatte damals selbst mitgeschrien:
'Man hat ihn, der gehört gehängt!'; aber dann sah ich seinen
aufrechten, stolzen Gang, wie er die gefesselten Hände vor
sich trug, und wie er vor dem zähen, bösen Kopf den Melonenhut
kühn wie eine phantastische Krone trug - und wie er lächelte!
und da schwieg ich." 

In der Fortsetzung zunächst modalfreie, platte Wirklichkeit, dann durch Handlungen starke Modal-Realisierungen:

(392) "Aber der Stundenschlag hatte mich geweckt und meine
Phantasiespiele gelähmt. Ich war plötzlich sehr schwach,
überwirklich sah mein Zimmer mich an, Pult, Bilder, Bett,
Bücherschaft, alles geladen mit strenger Wirklichkeit, alles
Zurufe aus der Welt, in der man leben mußte, und die mir heut
wieder einmal so feindlich und gefährlich geworden war. (...)
(391) Jetzt gab es nichts als fliehen, vor dem Vater, vor der
Strafe, vor mir selber, vor meinem Gewissen, fliehen und
rastlos sein, bis dennoch unerbittlich und unentrinnbar alles
kam, was kommen mußte.
  Ich lief und war rastlos, ich lief bergan und hoch bis zum
Wald, und vom Eichenberg bis zur Hofmühle hinab, über den
Steg und jenseits wieder bergauf und durch Wälder hinan."  

4.24 Martin Walser

... aus Tod eines Kritikers. Frankfurt/M 2002. vgl. [19], darin S. 37. 82f.


5. Witz, Comedy, Satire usw.

Buster Keaton war ja in Stummfilmzeiten bekannt dafür, dass er nie die Miene verzog - gleichgültig, was passierte. Olaf Schubert kann heutzutage auch regungslos die katholische Kirche loben, die "soviel in den Nachwuchs gesteckt hat" - auch wenn das Studio-Publikum nach anfänglicher Schockstarre explodiert vor Lachen. Man kann es also zum Berufsmerkmal/Markenzeichen machen, eine große Differenz zwischen dem Gesagten und dem körpersprachlich Ausgedrückten herzustellen - was zunächst witzig und humorvoll wirkt.

5.1 Anlässlich der Einstellung der 'Late-Night-Show'

Die zu stark durchgehaltene Trennung von Worten und Körpersprache kann allmählich irritieren und zu Desinteresse führen, da dadurch die Person nicht mehr erkennbar ist. Die Worte mögen weiterhin witzig sein. Aber es sind Wortspiele. Die funktionieren auch, wenn mit der gegenteiligen Meinung gespielt wird. Man kann Sprache als Spielmaterial verwenden, damit viele Konventionen durchbrechen, was zunächst sogar heilsam ist. - Aber irgendwann oder zwischendurch wäre es schön, wenn man die Person zu sehen bekäme, die reale, die, die aus ihrer Berufsrolle heraustritt und argumentativ nachvollziehbare Worte durch ihr Gesamtverhalten als seriös, als persönlich verantwortet beglaubigt. - Geschieht das nie, wirken die virtuosen Sprachspiele als permanentes Verstecken. - In diesem Sinn der Kommentar von Stefan Kuzmany zu Harald Schmidt (SPIEGEL-Online, 29.3.2012)

Die Gesellschaft scheint das nicht mehr zu
brauchen: Einen, der gnadenlos über alles und
jeden spottet, in Abwesenheit jeder eigenen
Position. Was wählt eigentlich Schmidt? Wie
denkt er wirklich über Waldemar Hartmann? Gibt
es überhaupt einen "echten", einen ernsthaf-
ten Harald Schmidt hinter der Bühnenfigur?
Auf diese Fragen gibt es keine Antworten.
Möglicherweise sind die Zeiten vorbei, in
denen die coole Pose dessen, der zu allem
Distanz hat und sich zu nichts bekennen mag,
allgemeinen Beifall findet - der Schriftstel-
ler Christian Kracht hat es gerade erlebt, wie
unangenehm es werden kann, wenn jemand kommt,
der hinter aller zur Schau gestellten Ironie
eine Haltung sucht.
"Für mich wird es erst dann wirklich kritisch,
wenn man aufhört, bei mir zu interpretieren.
Solange noch interpretiert wird, stimmt mein
Marktwert", sagte Schmidt im Interview - und
das war, wie vieles, was Schmidt sagt, sehr
klarsichtig. Längst hat er jedes Tabu gebrochen,
hat alles gemacht, was im deutschen Fernsehen
zu machen war, und wir haben alles gesehen.
Es gibt keine Fragen mehr.

"Interpretieren" als Lebenszweck ist etwas zu wenig. Letztlich ist man ja doch auch an der Person interessiert, die "zu denken gibt" - und sei es virtuos.

6. Sprache/Dialog und Sprechsituation

6.1 aus KAFKA, Der Prozess

DTV-Ausgabe von 1998. S.16f - reichlich "Begleitumstände" zum Reden:

Da erschreckte ihn ein Zuruf aus dem Neben-
zimmer derartig, daß er mit den Zähnen ans Glas
schlug. "Der Aufseher ruft Sie," hieß es. Es
war nur das Schreien, das ihn erschreckte,
dieses kurze abgehackte militärische Schreien,
das er dem Wächter Franz gar nicht zugetraut
hätte. Der Befehl selbst war ihm sehr will-
kommen, "endlich", rief er zurück, versperrte
den Wandschrank und eilte sofort ins Neben-
zimmer. Dort standen die zwei Wächter und jagten
ihn, als wäre das selbstverständlich, wieder
in sein Zimmer zurück. "Was fällt Euch ein?",
riefen sie, "im Hemd wollt Ihr vor den Aufseher?
Er läßt Euch durchprügeln und uns mit." "Laßt
mich, zum Teufel," rief K., der schon bis zu
seinem Kleiderkasten zurückgedrängt war, "wenn
man mich im Bett überfällt, kann man nicht
erwarten, mich im Festanzug zu finden." "Es
hilft nichts," sagten die Wächter, die immer,
wenn K. schrie, ganz ruhig, ja fast traurig
wurden und ihn dadurch verwirrten oder gewis-
sermaßen zur Besinnung brachten. "Lächerliche
Zeremonien!" brummte er noch, hob aber schon
den Rock vom Stuhl und hielt ihn ein Weilchen
mit beiden Händen, als unterbreite er ihn dem
Urteil der Wächter. Sie schüttelten die Köpfe.
"Es muß ein schwarzer Rock sein," sagten sie.
K. warf daraufhin den Rock zu Boden und sagte
- er wußte selbst nicht, in welchem Sinn er
es sagte-: "Es ist doch noch nicht die Haupt- 
verhandlung." Die Wächter lächelten, blieben
aber bei ihrem: "Es muß ein schwarzer Rock
sein." "Wenn ich dadurch die Sache beschleu-
nige, soll es mir recht sein", sagte K.,
öffnete selbst den Kleiderkasten, suchte lange
unter den vielen Kleidern, wählte sein bestes
schwarzes Kleid, ein Jackettkleid, das durch
seine Taille unter den Bekannten fast Aufsehen
gemacht hatte, zog nun auch ein anderes Hemd
hervor und begann sich sorgfältig anzuziehn.

Ein Beispiel aus Kapitel 7: Vgl. Kapitel 7: [20], Ziff. 97.2-8


Bisweilen ist es besser, man sieht sich nicht direkt an - z.B. bei einem Bestechungsversuch: [21], Ziff. 77.70-71.

6.2 L. Tolstoj, "Anna Karenina"

aus: Lew Tolstoj, Anna Karenina. Hg.v. G. Drohla.insel 2010. S.549f:
"... Ich wünsche die Scheidung, aber für mich
ist die Form, in der sie durchgeführt wird,
sehr wichtig. Es ist sehr wohl möglich, daß ich,
wenn diese Form meinen Wünschen nicht ent-
spricht, von dem Rechtsweg absehe."
"Oh, das ist immer so", sagte der Rechtsanwalt,
"das steht Ihnen vollkommen frei."
Der Anwalt richtete den Blick auf Alexej Ale-
xandrowitschs Füße, weil er fühlte, daß seine
unbändige Freude den Klienten kränken könnte.
Er sah eine Motte, die dicht an seiner Nase
vorbeiflog, und zuckte schon mit der Hand;
er fing sie, aber nicht aus Achtung vor der
schwierigen Lage, in der sich Alexej Alexandro-
witsch befand.

Ein lebhafter Dialog mit vielen Hinweisen auf non-verbale Begleitsignale:

(806f) "Wollen Sie wirklich ins Theater?" fragte
er, bemüht, sie nicht anzusehen.
"Warum fragen Sie denn so erschrocken?" sagte
sie, wieder gekränkt, daß er sie nicht ansah.
"Warum soll ich denn nicht ins Theater gehen?"
Sie schien den Sinn seiner Worte nicht zu ver-
stehen.
"Natürlich, es ist nichts dagegen einzuwenden",
sagte er finster.
"Das meine ich auch", sagte sie, seinen ironi-
schen Ton absichtlich überhörend und ruhig
ihren langen, parfürmierten Handschuh auf-
streifend.
"Anna, um Gottes willen! Was haben Sie?" sagte
er, um sie zur Besinnung zu bringen, genau so,
wie einst ihr Mann zu ihr gesagt hatte.
"Ich verstehe nicht, was Sie mit dieser Frage
meinen."
"Sie wissen doch, daß Sie nicht ins Theater
gehen können."
"Warum denn nicht? Ich gehe ja nicht allein
hin. Prinzessin Warwara ist nach Hause gefahren,
um sich umzuziehen. Sie geht mit mir."
Er zuckte mit erstauntem und verzweifeltem
Gesicht die Achseln.
"Wissen Sie denn nicht ..." fing er an.
"Ich will es nicht wissen!" unterbrach sie ihn
fast schreiend.
"Ich will nicht! Bereue ich denn, was ich getan
habe? Nein, nein, nein! Und wenn alles noch
einmal so käme, dann würde ich wieder dasselbe
tun. Für uns, für mich und für Sie ist nur eins
wichtig: ob wir einander lieben. Andere Erwä-
gungen gibt es nicht. Warum wohnen wir hier
getrennt und sehen uns nicht? Warum soll ich nicht
ins Theater gehen? Ich liebe dich, und alles
andere ist mir gleichgültig", sagte sie auf
russisch und sah ihn mit einem eigentümlichen,
ihm unbegreiflichen Glanz in ihren Augen an,
"wenn du dich nicht verändert hast. Warum
siehst du mich nicht an?"
Er sah sie an. Er sah die ganze Schönheit
ihres Gesichts und ihrer Toilette, die ihr
immer so gut stand. Aber jetzt war es gerade
ihre Schönheit und Eleganz, was ihn so auf-
brachte.
"Mein Gefühl kann sich nicht ändern, das wissen
Sie, aber ich bitte Sie, nicht ins Theater zu
fahren, ich flehe Sie an", sagte er wieder
französisch; seine Stimme klang zärtlich und
flehend, aber sein Blick war kalt. Sie hörte
seine Worte nicht, aber sie sah seinen kalten
Blick und antwortete gereizt.
"Ich bitte Sie, mir zu erklären, warum ich
nicht in die Oper fahren soll."
"Sie setzen sich der Gefahr aus, daß ..." Er
hielt verwirrt inne.
"Ich verstehe nichts. Jaschwin n'est pas
compromettant und Prinzession Warwara ist nicht
schlechter als die anderen. Da ist sie ja."

6.3 Politikerauftritt

Der Lokalredakteur, der in SWP 25.3.13 vom Auftritt Edmund Stoibers vor der JU Reutlingen berichtete, war von den Begleitumständen der Rede genauso beeindruckt wie von deren Inhalten:

Doch dann trat "Eddie" Stoiber ans Rednerpult
und sprach sich schnell in Rage. Nach nur weni-
gen Minuten legte er demonstrativ seine Jacke
ab, kurz darauf krempelte er einen Ärmel hoch
und legte schließlich seine Brille weg. Die
war eh hinderlich bei seinen Attacken gegen
den politischen Gegner.
   Der CSU-Ehrenvorsitzende sprach mit seinem
ganzen Körper, er fuchtelte mit den Armen,
stach mit dem ausgestreckten Zeigefinger Löcher
in die Luft, ballte die Fäuste, er wirkte wie
aufgedreht, ereiferte sich gewaltig, schrie,
wütete - und verhaspelte sich auch bei manchem
Satz. Dennoch war sein Auftritt bemerkenswert.
Und beeindruckend. Weil der 71-Jährige mit vol-
lem Einsatz sprach. Und weil er vermittelte,
dass er hinter dem steht, was er sagte.

"Was" Stoiber sagte, haben die Leser bis kurz vor Ende des längeren Berichts noch nicht erfahren. Die Inhalte werden schließlich etwa in gleicher Länge referiert wie die Schilderung der Redeumstände.

6.31 Politikerauftritt - eisige Atmosphäre

aus: E. Bahr, "Das musst du erzählen". Erinnerungen an Willy Brandt. Berlin 2014. - Bahr zu Verhandlungen bei Ministerpräsident Kossygin in Moskau. - Uns interessiert die Schilderung der Rahmenbedingungen:

"Am nächsten Morgen Fahrt in den Kreml. Der
Mercedes hielt vor einem unscheinbaren Eingang.
Ein Protokollmensch begrüßte auf Deutsch. Ein
Gardeoffizier salutierte wortlos und winkte
in einen Fahrstuhl. Oben schritt er gravitä-
tisch durch einen langen Flur, ich folgte ihm.
Kein Laut zu hören, kein Mensch zu sehen.
Der Offizier öffnete eine Tür; der Protokoll-
mensch murmelte etwas von Stalins Arbeits-
zimmer. Eine hohe Doppeltür wurde geöffnet.
Kossygin kam mir wenige Schritte entgegen,
reichte mir die Hand, winkte mich an einen
langen Tisch, an dessen Ende sein Schreib-
tisch stand, und setzte sich mir gegenüber,
mit dem Rücken zum Fenster. Sein Dolmetscher
übersetzte die Begrüßung: 'Ich höre.'
   Es wurde der schwierigste und unangenehmste
Monolog meines Lebens, ehe es zu einer Art
Gespräch kam. Sein Gesicht blieb starr, die
blauen Augen eisig. Ich überbrachte Grüße
des Bundeskanzlers und trug das deutsche Kon-
zept des Gewaltverzichts vor. Nach einer
Viertelstunde ohne jede Reaktion wurde ich
schärfer, ohne dass mein Gegenüber sich regte,
um schließlich fast provozierend zu sagen:
'Schweigen genügt nicht.' Das konnte er auf
sich beziehen oder auch auf seinen Außen- 
minister." (83f)


6.4 Sprechsituation: OP-Raum

Vorsicht: Hauptperson = PatientIn hört mit! - Kommunikation unter medizinischem Fachpersonal hat eigene, manchmal auch derbe Konventionen. Man sollte sich dabei weder über die Wahrnehmungsfähigkeiten der Patienten täuschen, noch die Verstehensbarrieren übersehen zwischen Insider-Sprech und 'Normal'menschen. Aus SPIEGEL 21/2013.

"... hat vor einiger Zeit erfahren, wie vor-
sichtig er seine Worte wägen sollte. H. zog
einer betäubten jungen Patientin nach der
Operation einen Schlauch aus dem Hals.
  Während die Patientin nach kurzem Husten
weiterschlief, gab H. den Schlauch an die
Anästhesieschwester und sagte:
"Diesen Tubus bitte nicht wegschmeißen. Geben
Sie ihn zum Sterilisieren." In diesem Augen- 
blick habe die Frau sich aufgerichtet, die
Augen aufgerissen und gerufen:
"Nicht sterilisieren, nicht sterilisieren!"
  H. konnte seine Patientin schnell beruhigen,
aber seither glaubt er, Worte seien das mäch-
tigste Werkzeug des Arztes.
"Die meisten Patienten im Zahnarztstuhl, im
Kreißsaal, am Unfallort und vor dem Tag ihrer
Operation befinden sich in einer Trance",
sagt er. In dieser Extremsituation sei der
Mensch besonders empfänglich für negative
Suggestionen und beziehe alles Gesagte auf
sich.
  Viele Redewendungen aus dem Krankenhausall- 
tag will H. deshalb nicht mehr hören: "Ich
hole was aus dem Giftschrank", "Wir verkabeln
Sie jetzt", "Sie kommen in den Strahlenbun-
ker", "Wir hängen Sie an die künstliche
Nase" - alles Sätze mit Risiken und Neben-
wirkungen. Statt "Ich lege Sie jetzt schla- 
fen" sagt H. bei der Narkoseeinleitung lieber:
"Wir sind ein ganzes Team, das sich jetzt um
Ihre Sicherheit und Ihr Wohlbefinden kümmert."
  Auch auf nonverbale Signale achtet H. Was 
der Patient normalerweise kurz vor der Operation
sehe, sei "meist nicht sehr angenehm". Lüf-
tungsschlitze an der Decke, grelle Lampen,
eine mit einem Mundschutz vermummte Person
(der Anästhesist), die einem eine Maske ins
Gesicht drückt. H. dagegen hat Poster mit Ur-
laubsmotiven unter die Decke gehängt, begrüßt
den Patienten ohne Mundschutz und lässt den
Patienten die Narkosemaske halten."

6.5 Politiker

Im November 2013 traf Russlands Präsident Putin in Rom den Papst. Das Pressefoto zeigte beide einander zugewandt und lächelnd. So weit, so gut. Gleichzeitig reckten beide ihre Köpfe nach vorne, zum andern hin. Beobachtungen:

  • das könnte man interpretieren: man sei einander betont zugewandt;
  • es entsteht aber auch der Eindruck, dass zwei Rammböcke aufeinander gerichtet sind;
  • dazu würde das Sprachbild passen: "einander die Stirn bieten";
  • die so bemüht dargestellte Zuwendung lässt die bange Frage des Übergewichts, des Nach-Vorne-Kippens beider aufkommen; zumindest wirkt diese Zuwendung verkrampft und unglaubhaft;
  • das unterstreicht, dass als gemeinte Bedeutung das "Stirn bieten" mehr Wahrscheinlichkeit hat.

6.6 Vortrag mit Powerpoint & Co.

Präsentationen mit projizierten Folien sind inzwischen üblich. Durch aufbereitete Grafiken kann vieles verdeutlicht werden. Aber: die Folien ziehen die Aufmerksamkeit vom Vortragenden ab. Seine Präsenz wird ausgehöhlt, scheint kaum mehr zu interessieren. Ob dann der Vortrag insgesamt gewinnt und besser wird, ist skeptisch zu beurteilen, vgl. [22]

6.7 S. Lenz "Deutschstunde"

Der Vater weiß, dass sein zur Wehrmacht eingezogener Sohn sich selbst verstümmelt hat. Aus dem Lazarett ist er geflohen. Es könnte sein, dass der zuhause auftaucht - und dort natürlich von der Militärpolizei gesucht werden wird. Eine erste Kontrolle hat soeben stattgefunden. (45. Aufl. 2014, S.120):

Mein Vater stand auf der Treppe und beobachtete,
wie sie davonfuhren, langsam neben den Gräben;
er stand so lange da, bis das Auto zur Husumer
Chaussee hinauffuhr, dann erst kam er herein,
setzte sich, wie er war, an den Küchentisch und
legte beide Hände übereinander. Steif saß er da
in dem groben Unterhemd, mit den verkanteten
Hosenträgern, seine Augen tränten, sein Gebiß
mahlte leicht und knirschend, und er übersah
die Tasse Tee, die meine Mutter ihm hinschob,
übersah auch mich - allerdings nicht aus Abwe-
senheit: sein Gesicht ließ erkennen, daß er
nicht nur den Grund, sondern auch die Folgen
des frühen Besuches verstanden hatte. Er rech-
nete. Er erwog und überlegte, verwarf und
erwog von neuem. Seine Augenbrauen bewegten
sich. Er atmete angestrengt. Und auf einmal
hob er die rechte Hand, ließ sie schlaff auf
den Tisch fallen und sagte zu meiner Mutter:
Kann gut sein, daß er plötzlich vor der Tür steht.

6.8 Warum weinen wir?

(aus SWP 16.7.2016) "Wenn Menschen traurig sind
oder Schmerzen haben, fließen häufig Tränen.
Manchmal aber auch, wenn wir glücklich sind.
Warum ist das so, das Weinen ändert doch nichts?,
fragt unsere Leserin Gabriele König. An der
Situation vielleicht nicht, durchaus aber am
Verhalten unserer Mitmenschen. Wissenschaftler
rätseln seit langem an der Funktion der emo-
tionalen Tränen, und der momentane Erklärungs-
Favorit ist: Mit Tränen signalisieren schon
Babys Hilfsbedürfnis. Da Menschen eine lange
Kindheit haben, bleibt das Weinen erhalten und
ruft später den Partner oder Freunde auf den
Plan. Dazu passt allerdings nicht, dass wir
oft versuchen, unsere Tränen zu unterdrücken.
Das könnte daran liegen, dass Weinen auch als
Zeichen von Schwäche ausgelegt wird, was wir
in bestimmten Situationen zu vermeiden versu-
chen. Und ganz früher könnte lautes Schluchzen
auch Fressfeinde angelockt haben. Und die Freu-
dentränen? Wenn Weinen ein Zeichen von Hilf-
und Machtlosigkeit ist, könnte sein, dass wir
in starken Glückssituationen nicht wissen, wie
wir reagieren sollen, schreibt der nieder-
ländische Tränen-Forscher Ad Vingerhoets in
der Zeitschrift 'Spektrum der Wissenschaft':
Die emotionale Anspannung entlädt sich dann
in Tränen."

6.9 Gestik, Mimik - auch interkulturell

aus: H. Genzmer, Unsere Sprache. wbg 2014:

(348) "Unterschiede in interkultureller Kommu-
nikation manifestieren sich z.B. durch Augen-
kontakt, Gesten, Berührungen, Pausen, Umgang
mit Zeit, Sprecherwechsel. Jeder einzelne Aspekt
kann zu Konflikten führen, zu Frustrationen,
Peinlichkeiten, Konfusion: Ist Augenkontakt
erlaubt oder wird er sanktioniert? Wie lang
können Pausen sein? Interpretiert der Gesprächs-
partner eine Pause als Teil des Diskurses oder
als Aufforderung selbst zu sprechen? Sind Be-
rührungen erlaubt? Wie dürfen sie sein? Welche
Körperpartien dürfen von wem wann im Gespräch
mit wem berührt werden? Hat eine bestimmte
Geste dieselbe Bedeutung in jeder Gemeinschaft?
Werden Gesichtsausdrücke (Mimik) gleich inter-
pretiert? Interkulturelle Kommunikation findet
immer dann statt, wenn Teilnehmer unterschied-
liche Kommunikationssysteme repräsentieren."
(349) "Mimik und Körperhaltung bringen mindestens
sechs Gefühlshaltungen zum Ausdruck:
Wut, Trauer, Freude, Überraschung, Ekel und
Angst.
Gesten sind aber nicht universell, sie haben
in jeweils anderen Kulturkreisen eine andere
Bedeutung und, will man keine interkulturelle
Überraschung erleben, müssen sie erlernt wer- 
den. So achten Asiaten bestärkt auf die Augen- 
partie, während Westeuropäer mehr auf den Mund
schauen (wir sagen das ja auf Deutsch: Einem
anderen aufs Maul schauen. ()
   In China und dem Orient gilt die linke Hand
als unrein, die rechte ist fürs Essen (man
isst historisch aus einer gemeinsamen Schüssel)
die linke aber für den Abort - man reinigt
sich damit. Händeschütteln, die Übergabe von
Gegenstände (!) geschieht immer mit der rechten
Hand. Nimmt man die linke, ist dies eine
harsche Beleidigung. In Thailand weisen die
Füße immer weg von anderen Personen und sind
beim Sitzen unter den Körper gezogen."

7. Musik

... gibt es als absolute, d.h. ohne Text, also z.B. Klaviermusik, Orchesterwerke usw. - Daneben als Kombination von Musik und Sprache. Das interessiert uns hier. Opern etwa versuchen die Botschaft von Texten mitzuteilen, indem natürlich die ausdeutende Musik überzeugend geboten wird, dann aber auch Gestik und Bewegung darauf abgestimmt sind, und das gesamte Bühnenbild optisch unterstreicht, was das Werk ausdrücken will.

7.1 J. S. Bach, Johannespassion

... ist keine Oper. Standard bei dieser Musikgattung ist, dass solistische Sänger neben dem Dirigenten an der Rampe positioniert sind, in seriösem Schwarz-Weiß gekleidet, sitzend oder - wenn ihr Part folgt - stehend. Dahinter das Orchester. Hinter diesem der Chor. Orchester wie Chor während der gesamten Aufführung als unbewegliche Masse. Was bewegen soll, sind eben Text und Musik. Körpersprachliches kann man allenfalls beim Dirigenten ablesen. Dieses komplexe Ensemble steht frontal dem Publikum gegenüber, die Aktiven zementieren zusätzlich ihre Körper durch vor sich hingehaltene Notenausgaben.

Eine im Fernsehen übertragene (SWR 18.4.2014) Aufführung im Festspielhaus Baden-Baden - Dirigent Simon Rattle, Inszenierung Peter Sellars - bot zu allen genannten Standardmerkmalen Alternativen:

Kleidung           alle Mitwirkenden in Schwarz, so dass Hände,
                         Kopf, Füße nur sich davon als expressive
                         Körperstellen abhoben
Chor               durch pantomimische Gesten - von Arme recken,
                         Hände schütteln bis zum Liegen usw. - wurde
                         unterstrichen, was man gerade inhaltlich sang.
                         Das setzt voraus, dass man seinen Part
                         auswendig beherrscht.
Dirigent           wanderte zu den im Raum verteilten Gruppen,
                         die gerade benötigt wurden,
                         - oder hielt sich - etwa bei Rezitativen -
                         ganz im Hintergrund
Solisten           sie spielen nicht ihre Rollen wie in der Oper,
                         sondern unterstreichen ihre Texte - ähnlich wie
                         der Chor - durch passende symbolische Gesten.
                         Dazu kann das Verbinden der Augen, lange gebückte
                         Haltung (bei einer Phase der Demütigung) oder das
                         Wegschleifen des am Boden Liegenden (nach der
                         ebenfalls symbolisch angedeuteten Kreuzigung)
                         gehören.

Eine mit dezentem körpersprachlichem Aufwand geradezu revolutionäre Wiederentdeckung der alten Musikgattung. Die Starrheit des traditionellen Aufführungspraxis war weggeblasen, die Lebendigkeit des Werks wurde angemessen via Körpersignale unterstrichen.

7.2 "We shall overcome"

... gesungen von Joan Baez, vgl. [23]: Es ist ein Referat zum Thema "Protestsongs" (von Dylan und Baez - am Schluss mit einem live-Mitschnitt des songs). Hier, in der PRAGMATIK, ließe sich an dem Lied vieles näher beschreiben:

  • der Text mit seinen drei Strofen lässt sich betrachten;
  • darin - das grenzt an Suggestion/Aufwiegelung - die häufige Wiederholung des titelgebenden Satzes;
  • die Melodieführung, samt - schlichter - Gitarrenbegleitung;
  • die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen - Studentenrevolte in den 1960er Jahren
  • die Stimmung im Konzertsaal, die Einbeziehung/Mitwirkung des Publikums - wodurch eine fast gottesdienstliche Atmospäre entsteht (in anderen Aufnahmen besser erkennbar: am Ende der per link erreichbaren Einspielung werden weitere Aufnahmen des Liedes zugänglich).

Hier interessiert jedoch - ergänzend - ein weiterer Aspekt: der Stimmklang, die Stimmführung der Sängerin, bisweilen ihre Improvisationen, die dann auch die hohe Sangeskunst offenbaren, dabei auch der Einfluss des Vibratos. Durch Nahaufnahmen werden oft auch Mimik und Blicke während des Singens dokumentiert. - Von dieser körperlichen Seite her werden Weichheit, Liebreiz und Zuversicht in das Singen eingebracht, die einfache Taktstruktur wirkt ebenfalls einer harten Vorstellung von Revolte entgegen, und dennoch - overcome - wird die Botschaft des Textes unterstützt, man werde gewinnen, auch ohne Gewalt.

8. Worte und Verhalten

... sollten zusammenpassen. Die Worte sollten "gedeckt" sein durch Handlungen. Nach "links" weisen, aber nach "rechts" abbiegen - das kann nur Verwirrung stiften. - Gilt das schon für jeden Teilnehmer an Kommunikationen, so in potenziertem Maß für solche, die berufsmäßig die Verbindung von 'Sprache und Verhalten' öffentlich - und natürlich mit Worten zunächst - hervorheben, fordern: Ethiker, Theologen, staatstragende Politiker, aber natürlich auch Lehrpersonen. - Da fällt es dann besonders auf, wenn sich bei ihnen eine Kluft auftut zwischen ihrem Reden und ihrem eigenen Tun.

8.1 Jan Hus

Der Prager Kirchenreformer ist aus der langen Kirchengeschichte nur ein einziges Beispiel für jemand, der öffentlich anprangerte, dass in der Kirche häufig beides auseinanderdriftete. Hus kommt zu Zeiten, in denen man das 600jährige Jubiläum des Konstanzer Konzils feiert, besonders ins Gedächtnis. Aber derartige - vergebliche - Vorstöße vergleichbarer Mahner gab es zu allen Zeiten.

"Hus attackierte den moralischen Verfall des
Klerus: hurende Geistliche sollten schwer
bestraft werden mit der Trennung von Christus
und seiner Kirche, was wohl - ohne dass das
Wort fällt - Exkommunikation bedeutet, ebenso
wie eine Suspendierung vom Amt. Hus geißelt
des weiteren Habsucht und Herrschsucht der
Kleriker, die ebenso wie weltliche Herren das
Volk auspressten und dabei die Seelsorge ver-
nachlässigten. Die Liste der Vergehen und
Vebrechen ist lang - Bettelmönche, die Armut
vortäuschten, sich aber von Päpsten, Bischöfen
und weltlichen Herren Kirchen bauen ließen und
mit Wunderwerken, Lügen und Ablässen das Volk
zu berauben suchten; Pfarrer, die Armen das
Begräbnis verweigerten, sofern sie nicht be-
zahlen konnten; Mönche, die zu Schankwirten
werden; Kleriker, die Tanzveranstaltungen
besuchten ...
   Die moralische Standpauke nahm die Synode
scheinbar ungerührt zur Kenntnis, es war ja
schließlich auch nicht die erste derartige
Kritik, die hier laut wurde. Immerhin: Der
Generalvikar lobte Hus für dessen Predigt."
          (aus: Th. Krzenck, Johannes Hus. Theologe, Kirchenreformer, Märtyrer. Persönlichkeit und Geschichte 170.
                Gleichen.Zürich 2011. S. 77f)

8.2 Es muss nicht immer "geredet" sein

(aus Interview mit dem Soziologen H. Bude: SPIEGEL 18/2015)

SPIEGEL: Herr Bude, wir schauen "Tagesthemen",
sehen, wie mal wieder ein Flüchtlingsboot ken-
tert, und widmen uns anschließend den Fußball-
ergebnissen. Wie geht das zusammen?
Bude: Ich glaube, die Mehrheit unserer
Gesellschaft, will nicht kaltherzig erscheinen.
Weder vor anderen noch vor sich selbst. Aber
wir leben in einer Bildergesellschaft, und die
Wirkung dieser Bilder ist sofort weg, sobald
man sie nicht mehr sieht.
SPIEGEL: Lässt sich das verhindern?
Bude: Wir brauchen Rituale der Sympathie, irgend-
eine Figur, die stellvertretend mein Mitleid
ausdrückt. Der Papst hat etwas sehr Interessantes
gemacht. Er war auf Lampedusa und hat nicht
gesagt, was wir jetzt alles tun müssen und wie
ungerecht und furchtbar die Welt ist, sondern
er war in der Lage zu sagen: Hier sind Menschen
gestorben und wir werden für sie Blumen ins
Meer werfen. Weil wir fühlen und wissen, das
sind Menschen wie wir. 
SPIEGEL: Das hilft dem Zuschauer vor dem Fernseher
bei der Anteilnahme?
Bude: Genau. Solche Gesten sind viel wichtiger als
ein punktuelles Bild des Elends. Sie entlasten
mich, und gleichzeitig sagen sie mir: Das
Problem ist nicht aus der Welt.

8.3 Überzeugende Variante bei Festansprache

Am Schluss seiner Ansprache anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2015 - vgl. [24] - bat Navid Kermani die Zuhörer

  • keinen Beifall zu spenden
  • sich zu erheben
  • entweder ein stilles Gebet oder Wünsche zu formulieren in Bezug auf die Völker, die im Nahen Osten in kriegerische Handlungen einbezogen sind - mit vielen Toten und Flüchtlingsströmen als Folge. (Vgl. im Video ab Minute 47)

9. Spiegelungen

Worte, Sätze, die ich ausspreche, klingen nach, ich höre sie selbst auch. In emotional gereizter Atmosphäre kann es zunehmend sein, dass ich meine Worte noch bewusst wahrnehme, aber immer stärker nicht mehr kontrollieren kann, wie - auch körpersprachlich - ich sie vorbringe. Es kann dann notwendig sein, dass jemand anderes mir hilft wahrzunehmen, wie ich gerade meine Worte ausspreche, wie mein ganzer Körper daran beteiligt ist. Eine solche Hilfsfunktion nennt man 'Spiegelung': Ich bekomme am Andern die Möglichkeit zu erkennen, wie ich selbst gerade wirke und mich verhalte.

9.1 Fußball-WM-Finale 2014 und der "Gaucho-Tanz"

Vgl. [25] Nach ihrer Rückkehr hat ein Teil der Nationalmannschaft anscheinend den argentinischen Endspielgegner veräppelt und sich selbst als die Größten und Souveränen stilisiert. - Durfte man das? - Hier keine Beantwortung der Frage, aber zwei Gesichtspunkte, die im Blick bleiben sollten:

  • Was jene deutschen Nationalspieler vollzogen, war in der Tat eine Spiegelung des Verhaltens der argentinischen Nationalmannschaft bei der Siegerehrung. Gewiss, man braucht von Verlierern keinen Jubel zu erwarten. Aber die durchgehaltene kollektive Zerknirschung und Trauer grenzte an Unerträglichkeit. Es schien vollkommen vergessen, dass es sich zwar um ein sehr wichtiges, aber doch um ein Spiel gehandelt hatte. Und so etwas wie ein Anrecht auf den Titel - abseits der auf dem Platz gezeigten Leistung - hatten auch die Argentinier nicht. Der "Gaucho-Tanz" hat dieses befremdliche und unsportliche Verhalten in drastischer Form sichtbar gemacht, gespiegelt.
  • Was die deutschen Spieler betrifft: Sie handelten aus einem kollektiven Jubel-Rausch heraus, hatten erst einen halben Tag zwischen sich und einem extrem anstrengenden, von immensen Erwartungen befrachteten Match. Und darin war es nun mal - brutal klar - um Sieg oder Niederlage gegangen. Ein höfliches, verbrüderndes Zwischending war nicht gefragt. Das weiß aber jeder, der den Sport betreibt, auch schon vorher. Auf diese Möglichkeit konnte sich auch der einstellen, der dann der Unterlegene war.

10. Psycho-Somatik

10.1 Komponist Richard Wagner

nach J. Köhler, Der Letzte der Titanen. Richard Wagners Leben und Werk. München 2001. S.714:

"Der wahre Sinn der Spätschriften bestand
weniger darin, die Widersprüche der Welt als
die seiner eigenen Existenz zu versöhnen. Denn
an diesen ging er zugrunde. Der Preis für die
Verschmelzung mit Cosima lag in der Aufgabe
seines eigenen Wesens, das unterbewusst dage-
gen rebellierte. Zu Schlafstörungen und Depres-
sionen traten deren somatische Entsprechungen.
Alle Krankheiten, die ihn je heimgesucht hatten,
stellten sich in den letzten Lebensjahren wieder
ein.
   Er wurde von Rheumatismus und Darmträgheit,
von Leistenbruch, Magenkatarrh und Furunkeln
heimgesucht, er klagte über Hämorrhoiden, Blä-
hungen und Allergien. Er litt unter verbrei-
teten Ekzemen, zu denen die gefürchtete Gesichts- 
rose kam, die, wie einst im Mai, Nase und Gesicht
anschwellen ließ. Am schlimmsten aber wirk-
ten Herzkrämpfe, die 'aus dem Bauch aufstiegen'
und ihn den Tod herbeisehnen ließen. Moderne
Ärzte diagnostizierten bei ihm eine Angina
pectoris, die auf Außenstehende wie schweres
Asthma wirkte. Bei den Anfällen lief Wagner
blau an und vollführte 'mit den Händen so leb- 
hafte Bewegungen, als ränge er buchstäblich
mit einem unsichtbaren Feinde'."

10.2 Interview zum Thema Körpersprache

mit dem Experten S. Verra, SZ 29.5.2015, AUSZÜGE:

Noch lieber wollen wir wissen: Erkennt man an der
Körpersprache, ob jemand Geld hat?
Im Schnitt schon, aber nicht bei jedem. Bei
Männern sieht man es besser als bei Frauen.
Das macht evolutionär auch Sinn.
Warum?
Die Frage ist ja: Warum sind Männer mit Geld
so attraktiv - für andere Männer, aber auch
für Frauen?
Und warum?
Weil sie Zugang zu Ressourcen signalisieren:
Ich kann unsere Nachkommen nach vorne bringen.
Und das sieht man an der Haltung?
Ja, Männer tendieren dazu, Geld herzuzeigen.
Das grundlegendste Indiz ist: Das Auto wird
größer, die Uhr wird größer. Das heißt: Das
Territorium wird größer.
Das ist noch nicht die Körpersprache.
Nach meinen Erkenntnissen ist alles, was wir
gestalten und was auf unseren visuellen Kanal
trifft, Körpersprache.
Auch das große Auto?
Natürlich, das ist das Fortbewegungsmittel
oder die Höhle. Stellen Sie sich vor, Ihr
neuer Chefredakteur würde sein Büro anmalen
und überall säßen Barbiepuppen. Jedes Wort,
das er sagt, werden Sie anders wahrnehmen.
Genauso gilt das für die Wohnungen. Alles,
womit wir unsere Wahrnehmung nach außen
steuern, ist Körpersprache. Und wenn ich mit
dem Auto über den weißen Strich parke, weil
es so groß ist, gehört das genauso dazu wie
Körperhaltung.
Das heißt, Männer, die reich sind oder scheinen
wollen, sitzen breitbeinig da?
Nicht unbedingt nur reiche. Ein Mensch, der
sich sicher fühlt, nimmt mehr Raum in Anspruch.
Neulich war ich an der Autobahnraststätte.
Am Kaffeeautomaten stand ein Lkw-Fahrer. Erst
stand er breitbeinig da. Als er vom Automaten
überfordert war, hat er sich vorgebeugt, dann
die Schultern eingezogen und die Beine extrem
eng aneinander gestellt. Man konnte seinen
emotionalen Zustand ablesen.  ... 
[Thema GERICHTSVERHANDLUNG]
Wie helfen Sie da?
Es ist ein Unterschied, ob ein 2,12-Meter-Typ
mit breitem Gang reingeht. Der ist oft schon
verurteilt, bevor er überhaupt dingfest
gemacht worden ist. Ganz anders als eine
22-Jährige, die die Schultern einzieht und
das Kindchenschema bedient. Das hat dramatische
Auswirkungen aufs Urteil. Laut einer Studie
revidieren nur drei Prozent der Geschworenen
ihren ersten Eindruck von einem Angeklagten.
Und was sagen Sie den Anwälten?
Der 22-Jährigen müsste man nur sagen, dass sie
auf eine gerade Körperhaltung achten soll und
dem Gegenüber in die Augen schauen soll.  ...
[Thema WIRTSCHAFT]
Nun ist der erste Eindruck nicht, wie uns die
Mario Barths dieser Welt sagen, dass Frauen
auf Zähne, Augen, Mund und Haare achten und
Männer auf die Geschlechtsmerkmale. Sondern
wir schauen auf Umrisse. Früher mussten wir
wissen: Ist das Tier groß oder klein? Das
zweite: Wir schauen in die Augen. Weil ich
wissen muss: Meint der Säbelzahntiger mich?
Als Drittes scannen wir den Körper. Wieviel
Raum nimmt der ein? Da macht es einen Unter- 
schied, ob die Kollegin ein Bein ums andere
schlingt und sich klein macht oder der Kollege
die Ellenbogen auf den Tisch stützt. Deshalb
gebe ich Frauen mit: Achten Sie darauf, wie
Sie dastehen. Und bei aller Ungerechtigkeit:
Für die nach innen gedrehten Füße und den
Ellenbogen vor dem Oberkörper sind Sie selbst
verantwortlich. ...
Also ist keine Körpersprache auch eine Körpersprache?
Gar keine Körpersprache gibt es nicht. Solange
wir am Leben sind, sprechen wir mit unserem
Körper. Auch wenn ich nichts sage. Das kennt
man eh vom Ehestreit. Das Schlimmste ist nicht
das Brüllen, sondern wenn der Partner nicht
mehr reagiert. Da zerbricht man innerlich. ...
Vielleicht sollten die Deutschen mal ein bisschen mehr aus sich
herausgehen?
Vielleicht. Ich habe als Kind in der Schule
noch gelernt: Beim Referat stillstehen. Und
im Geschäftsleben gilt das Pokerface immer
noch als was Tolles. Man macht es dem Gegenüber
aber einfacher, wenn man zeigt, was in einem
vorgeht. Das Pokerface ist das größte Eigentor.
Also: Ehrlich sein.
Unbedingt. So richtig beliebte Menschen sind
die, die offen mit ihren Ecken und Kanten um- 
gehen. Robbie Williams, Barbara Schöneberger,
Thomas Gottschalk. Das Schlimmste ist, wenn
einer perfekt sein will und nicht mehr authen- 
tisch wirkt. Ich sage also jeder Führungskraft:
Die Leute müssen merken, ob du dir Sorgen machst
oder ob du dich freust. Dann vertrauen sie dir.
Die Menschen vertragen viel mehr Ehrlichkeit,
als wir oft denken.

10.2.1 "Charmant" - wer wird so empfunden?

Jedenfalls ist so eine Einschätzung ein 'Türöffner' für ein Gespräch, ein 'Schmiermittel' für eine laufende Unterhaltung. Vgl. [26]

10.3 Hermann Hesse

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973. 'Eine Fußreise im Herbst'

(60) "Als wir lärmend aus den Klassenzimmern
hervorbrachen, stand sie bescheiden und lächelnd
draußen, und ihre schönen und gütigen Augen
lachten mir schon von weitem entgegen. Mich
aber genierte die Gegenwart meiner Herren
Mitschüler, darum ging ich ihr nur langsam
entgegen, nickte ihr leichthin zu und trat so
auf, daß sie ihre Absicht, mir einen Abschieds- 
kuß und Segen zu geben, aufgeben mußte. Betrübt,
aber tapfer lächelte sie mich an."  

'Heumond'

(134) "Es war wieder ganz still. Paul glaubte
sein Herz schlagen zu hören. Es trieb ihn,
aufzuspringen und irgend etwas Lustiges oder
Dummes zu sagen oder wegzulaufen. Aber er
blieb sitzen, ließ seine Hand liegen und hatte
ein Gefühl, als würde ihm langsam, langsam die
Luft entzogen, bis zum Ersticken. Nur war es
angenehm, auf eine traurige, quälende Art
angenehm.
   Fräulein Thusnelde blickte in Pauls Gesicht,
mit ihrem ruhigen und etwas müden Blick. Sie
sah, daß er unverwandt auf seine Linke schaute,
die dicht neben ihrer Rechten auf der Bank lag. 
   Da hob sie ihre Rechte ein wenig, legte
sie fest auf Pauls Hand und ließ sie da liegen.
   Ihre Hand war weich, doch kräftig und von
trockener Wärme. Paul erschrak wie ein über-
raschter Dieb und fing zu zittern an, zog aber
seine Hand nicht weg. Er konnte kaum noch atmen,
so stark arbeitete sein Herzschlag, und sein
ganzer Leib brannte und fror zugleich. Lang-
sam wurde er blaß und sah das Fräulein flehend
und angstvoll an.
   'Sind Sie erschrocken?' lachte sie leise.
'Ich glaube, Sie waren eingeschlafen?'
   Er konnte nichts sagen. Sie hatte ihre Hand
weggenommen, aber seine lag noch da und fühlte
die Berührung noch immer. Er wünschte sie weg-
zuziehen, aber er war so matt und verwirrt,
daß er keinen Gedanken oder Entschluß fassen
und nichts tun könne, nicht einmal das."

'Taedium vitae'

(212) "Der Maler Zündel stand jetzt abseits und
hatte sich eine Zigarre angezündet. Er beschaute
sich die Gesichter und blickte auch aufmerksam
zu dem Diwan hin. Da hob Maria den Blick, ich
sah es genau, und sah ihm eine kleine Weile in
die Augen. Er lächelte, sie aber blickte ihn
fest und gespannt an, und dann sah ich ihn
ein Auge schließen und den Kopf fragend heben,
sie aber leise nicken.
Da wurde mir schwül und dunkel im Herzen. Ich
wußte ja nichts, und es konnte ein Scherz,
ein Zufall, eine kaum gewollte Gebärde sein.
Allein ich tröstete mich damit nicht. Ich
hatte gesehen, es gab ein Einverständnis zwi-
schen den beiden, die den ganzen Abend kein
Wort miteinander gesprochen und sich fast
auffallend voneinander fern gehalten hatten.
In jenem Augeblick fiel mein Glück und meine
kindische Hoffnung zusammen, es blieb kein
Hauch und kein Glanz davon übrig."

'Knulp' (auf dem Friedhof)

(354) "'Wie es da schön still ist!', sagte ich.
Und er: 'Ja, schon. Und wenn es ncoh ein wenig
stiller wäre, so könnten wir wohl die da
drunten reden hören.'
 'Das nicht. Die haben ausgeredet.'
 'Weiß man's? Man sagt doch immer, der Tod ist
ein Schlaf, und im Schlaf redet man oft und
singt auch mitunter.'
 'Du vielleicht schon.'
 'Ja, warum nicht? Und wenn ich verstorben wär,
da würd ich warten, bis am Sonntag die Mädlein
herüberkommen und herumstehen und sich von
einem Grab ein Blümlein abbrechen, und dann
würde ich ganz leis anfangen zu singen.'
 'So, und was denn?'
 'Was? Irgendein Lied.' 
Er legte sich lang auf den Boden, machte die
Augen zu und fing bald mit einer leisen, kind-
lichen Stimme an zu singen:
     Weil ich früh gestorben bin,
     Drum singet mir, ihr Jüngferlein,
     Ein Abschiedslied.
     Wenn ich wiederkomm,
     Wenn ich wiederkomm,

'Kinderseele'

(390) "Nein, dieser war kein Handwerksbursche
und sah nicht windig, scheu und weinerlich
aus, oder flüchtete in ein verlegen-dummes
Grinsen, wie ich es auch schon gesehen hatte
- dieser war ein echter Verbrecher und trug
den etwas zerbeulten Hut kühn auf einem trotzi-
gen und ungebeugten Schädel, er war bleich und
lächelte still und verachtungsvoll, und das
Volk, das ihn beschimpfte und anspie, wurde
neben ihm zu Pack und Pöbel. Ich hatte damals
selbst mitgeschrien: 'Man hat ihn, der gehört
gehängt!'; aber dann sah ich seinen aufrechten
Gang, wie er die gefesselten Hände vor sich
trug, und wie er auf dem zähen, bösen Kopf
den Melonenhut kühn wie eine phantastische
Krone trug - und wie er lächelte! und da
schwieg ich."

'Klein und Wagner'

(406f) "Er lag unerbittlich seinen Empfin-
dungen ausgeliefert, lauter häßlichen, schmer-
zenden und demütigenden Gefühlen: dem Haß
gegen seine Frau, dem Mitleid mit sich
selber, der Ratlosigkeit, dem Bedürfnis nach
Erklärungen, Entschuldigungen, Trostgründen.
Und da ihm für jetzt keine anderen Trostgründe
einfielen, und da der Weg zum Verständnis so
tief und schonungslos in die heimlichsten
und gefährlichsten Dickichte seiner Erinne-
rungen führte, und der Schlaf nicht wieder-
kommen wollte, lag er den Rest der Nacht in
einem Zustande, den er in diesem häßlichen
Grad noch nicht gekannt hatte. Alle die wider-
lichen Gefühle, die in ihm stritten, vereinigten
sich zu einer furchtbaren, erstickenden,
tödlichen Angst, zu einem teuflischen Alpdruck
auf Herz und Lunge, der sich immer von neuem
bis an die Grenze des Unerträglichen steigerte."

(427f) "Bei diesem Tanz hatte jedermann das

Gefühl, daß die beiden Tanzenden in ihren
Gebärden und Schritten, in Trennung und
Wiedervereinigung, in immer erneutem
Wegwerfen und Wiedergreifen des Gleichgewich-
tes Empfindungen darstellten, die allen Men- 
schen vertraut und zutiefst erwünscht sind,
die aber nur von wenigen Glücklichen so einfach,
stark und unverbogen erlebt werden: die Freude
des gesunden Menschen an sich selber, die
Steigerung dieser Freude in der Liebe zum
andern, das gläubige Einverstandensein mit
der eigenen Natur, die vertrauensvolle Hingabe
an die Wünsche, Träume und Spiele des Herzens.
Viele empfanden für einen Augenblick nachdenk-
liche Trauer darüber, daß zwischen ihrem
Leben und ihren Trieben so viel Zwiespalt
und Streit bestand, daß ihr Leben kein Tanz,
sondern ein mühsames Keuchen unter Lasten
war - Lasten, die schließlich nur sie selber
sich aufgebürdet hatten."

10.4 Achtsamkeit, Meditation - auch im Berufsleben

SPIEGEL 52/2016 70:

"Achtsamkeit heißt das Programm, das die Leute
bei Beiersdorf durchliefen. Achtsamkeit. Es
ist das Wort der Zeit. Und es hat schon als
Wort den Vorteil, dass selbst jemand, der
es zum ersten Mal hört, sofort ahnt, worum
es geht, was dieses Wort verspricht. So wie
in 'Burn-out' alles Bedrohliche einer anstren-
gend gewordenen Welt mitschwingt, so atmet
'Achtsamkeit' bereits alles, was fehlt und doch
ersehnt wird.
   Es geht um Dinge, die lange an allen mögli-
chen Orten eine Rolle spielten, nur nicht im
Job. Um Sinnsuche und Sinnfragen, um Meditation,
Spiritualität und inneres Leid. Dinge, für die
traditionell die Kirchen zuständig waren, Psycho-
therapeuten, Freunde und vielleicht der Bar-
mann im Hotel. Aber bestimmt nicht der Chef.
   Das Wort Achtsamkeit ist eine Übersetzung
aus der buddhistischen Literatur: Satipatthana
oder Smrti-Upasthana. Es geht darum, bewusst
die eigenen Empfindungen wahrzunehmen; das,
was im Körper vorgeht und sich im Bewusstsein
abspielt. Im Zentrum steht die Wahrnehmung des
Einatmens und Ausatmens. Man kann es Meditation
nennen, wenn man mag. 
   Buddhisten suchen den Weg zur Erleuchtung.
Die verwestlichte Variante der Achtsamkeit ist
eine radikal verweltlichte. Transzendenz spielt
keine Rolle, Ziel ist es, besser mit Stress
oder auch Schmerzen und Krankheiten umzugehen. ...
   Die Konzentration auf Atem und Selbstwahr-
nehmung soll helfen, aus Denkmustern und emo-
tionalen Verhaltensrastern auszubrechen. Die
Idee ist: Wenn es den Einzelnen gelingt, wert-
frei wahrzunehmen, wie er auf bestimmte Situa-
tionen reagiert und warum, dann ist er in der
Lage, den emotionalen Autopiloten auszuschalten,
der ihn sonst in die immer gleichen Stress-
schleifen führt."

Vgl. zum letzten Gedanken [27] und viele Unterpunkte zum Stichwort "Denkmuster".

11. Berufe: Schauspieler, Sänger ...

... führen vor, dass körperliche Stimmigkeit auch regelrecht geübt werden kann, oft auch muss. Diese Stimmigkeit, die momentan das Thema ist, sollte nicht verwechselt werden mit spontan, aus der Situation heraus vollkommen echt u.ä.. - Ist also etwas vertrackt. Ein guter Schauspieler, auch wenn er von der persönlichen Situation her ganz anders orientiert ist, kann - wenn gut einstudiert - eine gegenläufige Stimmung überzeugend verkörpern.

11.1 Wolf Biermann

G. Grass, Mein Jahrhundert, S.314, beschreibt für das Jahr 1977 Wolf Biermann vor dessen legendärem Kölner Konzert:

"Etwa im Vorjahr die Ausbürgerung des Liedermachers
Wolf Biermann, dem fortan der festummauerte Arbei-
ter- und Bauern-Staat und - sobald er auf westlicher
Bühne sang - der Resonanzboden fehlte. Bis zum heu-
tigen Tag sehe ich ihn in der Friedenauer Nied-
straße, wo er auf staatlich genehmigtem Durch-
reisebesuch zuerst einmal an unserem Eßtisch
launig von sich, vom wahren Kommunismus und
abermals von sich sprach und dann in meinem
Atelier mit Gitarre vor kleinem Publikum - Ute,
die vielen Kinder und deren Freunde - sein
Programm für den großen, gnädigst erlaubten Auf-
tritt in Köln probte, wie wir ihn tags darauf
im Fernsehen wiederum 'live' erlebten, denn er hat 
alles, jeden Aufschrei gegen die Willkür der
herrschenden Partei, jedes Hohnlachen, das ihm
das volkseigene Spitzelwesen entlockte, jeden
Schluchzer über den verratenen, von den führenden
Genossen verratenen Kommunismus, jeden schrägen
Akkord und schmerzgeborenen Krächzer geübt, bis
hin zum Anflug beginnender Heiserkeit, bis in
den Wortlaut des spontanen Versprechens, jeden
Wimpernschlag, jede Clowns- und jede Leidens-
miene, sag ich, geübt, seit Monaten, Jahren,
solange ihn gestrenges Auftrittsverbot außerhalb
seiner Höhle (gegenüber der 'Ständigen Vertretung')
stumm gemacht hatte, geübt, den großen Auftritt
sich Nummer für Nummer eingeübt: denn all das,
was in Köln die zuhörenden Zuschauermassen
erschütterte, ist ihm tags zuvor bereits vor
kleinem Publikum gelungen. So reich an ein-
studierter Absicht war er. So sehr auf Treff-
sicherheit bedacht. Und so erprobt kam sein
Mut über die Rampe."