4.1291 Das Ganze verdoppelt: Innerer Monolog

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Es ist manchmal klug, vor einem tatsächlichen Gespräch oder einer Prüfung durchzuspielen, wie die Partner sich mutmaßlich verhalten, wie sie argumentieren werden. Dann führt man ein Gespräch vor dem Gespräch.

Aber nicht nur ein solcher 'Probelauf' kann in meinem Inneren ablaufen. Es sind auch alle Erwägungen und Überlegungen gemeint, die im Einzelnen aufsteigen, auch sich widerstreiten können. Der Übergang zur 'Meditation' liegt hierbei nahe: Es regiert nicht mehr die allein logisch und interessengeleitet agierende Vernunft - sondern eben auch all die Empfindungen und Eingebungen, die "wie von außen", in Wirklichkeit aber aus tieferen Schichten der eigenen Seele aufsteigen.

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0. Nachträge zur Theorie

1. Beispiele aus der Literatur

1.1 L. Tolstoj, "Anna Karenina"

Wenn ein Autor für die direkte Rede doppelte Anführungszeichen verwendet - " -, kann er den inneren Monolog durch einfache - ' - markieren. Zusätzlich sind - wie im folgenden Beispiel - explizite Hinweise darauf wichtig, wo die wiedergegebene Rede sich abspielt. Spricht jemand "zu sich selbst", dann ist dies eine erstarrte Metapher dafür, dass er äußerlich wahrnehmbar gar nicht geredet, sondern "gedacht", innerlich formuliert hat. - "in Alexej [] ordnete sich alles ganz klar" - deutlicher kann man den inneren Prozess nicht benennen; ähnlich: "in seinem Kopf". Wirklich äußerlich ist im folgenden Ausschnitt nur das Knacken der Fingergelenke.

aus: Lew Tolstoj, Anna Karenina. Hg.v. G. Drohla.insel 2010.S.216:
>Also<, sagte Alexej Alexandrowitsch zu sich
selbst, >sind die Fragen nach ihren Gefühlen
und so weiter Fragen, die nur ihr eigenes
Gewissen angehen, mit dem ich nicht zu tun habe.
Meine eigene Pflicht ist mir klar vorgeschrieben.
Als Haupt der Familie bin ich verpflichtet,
meine Frau zu leiten, und trage deshalb einen
Teil der Verantwortung; ich muß sie auf die Gefahr
hinweisen, die ich sehe, ich muß sie warnen und
von meiner Macht Gebrauch machen. Es ist meine
Pflicht, mit ihr zu sprechen. Und in Alexej
Alexandrowitsch ordnete sich alles ganz klar,
was er seiner Frau jetzt sagen wollte
...  aber in seinem Kopf bildete sich trotzdem
klar und deutlich wie ein amtlicher Bericht die
Form und der Gedankengang der zu haltenden Rede.
>Ich muß folgendes erwähnen und darlegen:
erstens die hohe Bedeutung der öffentlichen
Meinung und der Sitte, zweitens die religiöse
Bedeutung der Ehe, drittens das Unglück, das für
unseren Sohn möglicherweise daraus entstehen
kann, und viertens, daß sie sich selber unglück-
lich macht.< Und dabei verschränkte Alexej
Alexandrowitsch die Finger und drückte die
Handflächen nach unten, daß die Finger in den
Gelenken knackten.

Weiteres Beispiel (S. 502f):

Lewin fühlte sich schuldig und wußte nicht, wie
er es gutmachen sollte. Er wußte: Wenn sie beide
sich nicht verstellten, sondern offen miteinan-
der redeten, das heißt, nur das sagten, was sie
wirklich dachten und empfanden, dann würden sie
einander immer nur in die Augen sehen, und er,
Konstantin, würde nur sagen:
>Du mußt sterben, du mußt sterben!<
Und Nikolaj würde antworten: >Ich weiß, daß ich
sterben muß, aber ich fürchte mich davor, ich
fürchte mich!< Und weiter würden sie nichts
sagen, wenn sie ganz offen miteinander reden
wollten.