4.129 Sprechen über das aktuelle Sprechen (Metakommunikation)

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Zugegeben: die Überschrift klingt etwas überdreht. Was sie anspricht, kommt jedoch im Sprachgebrauch regelmäßig vor: Ein Redner denkt laut über seinen aktuellen Redeakt nach. Damit scheint er den Hörern Einblick in seine gegenwärtige Motivation, in seine Hintergrundgedanken zu geben. Aktuelle Rede + Reflexionselemente über die Rede werden vor den Hörern ausgebreitet. Man muss nur aufpassen: Auch dieser nach einem Akt der Redlichkeit klingende Zusatzbeitrag kann taktischem Kalkül unterworfen sein. Erst recht, wenn man substanziell durch die metakommunikativen Elemente außer Emphase und heftigen Wertungen nichts erfährt.


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1. Hohle Emphase

1.1 Politikersprech / Kabarett

Dieter Hildebrandt (Text via Internet zugänglich: [1]) persifliert Metakommunikation auf politischer Ebene - wobei sie in dieser Form nur dazu dient, den eigentlichen Redeinhalt emphatisch aufzuladen. Dass sich das schnell abnutzt, ist klar.

Helmut Kohl spricht Matthias Claudius:
Der Mond,
meine Damen und Herren, und das möchte ich hier
in aller Offenheit sagen,
ist aufgegangen!
Und niemand von Ihnen, liebe Freunde, meine Damen
und Herren, wird mich dran hindern, hier in aller
Entschlossenheit festzustellen:
Die goldnen Sternlein prangen
und wenn Sie mich fragen, meine Freunde, wo, dann
sage ich es Ihnen:
am Himmel!
Und zwar, das sei hier in aller Eindeutigkeit
gesagt, so, wie meine Freunde und ich uns immer zu
allen Problemen geäußert haben:
hell und klar.
Und ich scheue mich auch nicht, hier an dieser
Stelle ganz konkret zu behaupten:
Der Wald steht schwarz und ... 
lassen Sie mich das hinzufügen
und schweiget.
Und hier sind wir doch alle aufgerufen - gemeinsam -,
die uns alle tiefbewegende Frage an uns gemeinsam
zu richten: Wie geht es denn weiter? Und ich habe
den Mut und die tiefe Bereitschaft und die Ent-
schlossenheit, hier in allem Freimut und aller
Entschiedenheit zu bekennen, dass ich es weiß!
Nämlich:
Und aus den Wiesen steiget
das, was meine Reden immer ausgezeichnet hat:
der weiße Nebel wunderbar.

Ergänzend sind darin phatische Elemente enthalten (z.B. Anreden):4.122 Gesprächskontakt - phatisch, sowie Signale, dass der Redner weiter das Wort behalten will:4.123 Sprecherwechsel. Die metakommunikativen Anteile realisieren - pragmatisch - Emphase, also das Merkmal forte aus: 4.086 Modalitäten – »Register« ASPEKTE


2. Abbildung inneren Ringens um Sprache

... aus Taktik oder wegen eines ehrlichen, zwingenden "Muss"? - Das mag von Fall zu Fall verschieden sein.

2.1 G. Grass. "Was gesagt werden muss"

Der vor Ostern 2012 großes Aufsehen erregende Text behandelt inhaltlich das Problem eines atomaren Erstschlags Israels gegen Iran. Aber als zweite Ebene sind viele "metakommunikative Signale" enthalten. Schon die Überschrift gehört hierher. Vgl. als weitere Beispiele:

Warum schweige ich
verschweige zu lange
warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat
empfinde ich
zur Rede gestellt
mit flinker Lippe
als Wiedergutmachung deklariert
sage ich, was gesagt werden muss
Warum aber schwieg ich bislang
Weil ich meinte
Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte
Weil gesagt werden muss
keine der üblichen Ausreden
Und zugegeben: ich schweige nicht mehr
es mögen sich viele vom Schweigen befreien ...
auffordern und gleichfalls darauf bestehen

Diese Teile des Textes machen einen beachtlichen Anteil am Gesamttext aus, dürfen also bei der Gesamtinterpretation nicht übergangen werden. Offensichtlich soll gesagt werden: das genannte Thema durfte für den Sprecher aus Gründen der persönlichen Geschichte, aber auch aus gesellschaftlichen Gründen lange kein Thema sein. Nun ringe er sich gegen all die Widerstände doch zum Artikulieren durch.

Das <<SPRECHEN>> ist das große Problem, folglich beziehen sich viele Modalitäten darauf, also das <<WISSEN>> und ob man davon Gebrauch machen kann - vgl. 4.08 Modalitäten – sprachliche Filter und Unterpunkte -, nicht auf eine äussere Handlung, um deren Realisierung es gehen solle. Es geht um geistiges Ringen, Meinungsbildung.

Fragen                        signalisieren Nicht-Wissen                                                         
offensichtlich                Wissen
unterjochte                                       Negative Wertung
vermutet                      undeutliches Wissen
untersage ()                  verdrängtes  Wissen
geheimgehalten                      "        "
außer Kontrolle / Prüfung           "        "
allgemeines Verschweigen            "        "
belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird:   Blockierung von Rede
Verdikt ist geläufig                                                                       "       "    "         
verbiete ... zuzumuten                                                                     "       "    "
Makel behaftet                                    Negative Wertung
mögen sich vom Schweigen befreien                                                   Redeaktivierung          
vom Wahn okkupierte Region                           "        "
verfeindet                                           "        "

Es wird hier nicht beansprucht, alle - direkten und indirekten - Realisierungen von Modalitäten erfasst zu haben. Aber auch so ist die Liste schon lange. Es dominiert:

4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE - darunter fallen alle Belege, in denen von "Wissen" oder "Rede" gesprochen worden war.

4.084 Modalitäten – »Register« ERMÖGLICHUNG - Das Stichwort "Blockierung" zielt auf die Verhinderung (von Wissensweitergabe)

4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE - "Wertung" vor allem in ihrer negativen Form.

Sehr stark ist also angesprochen, wer was wissen darf bzw. wer Wissen und die Sprache darüber verhindert. In diesen Zwiespalt sieht sich Grass als Einzelperson verwickelt, er erkennt die Sprachlosigkeit aber auch in der 'vom Wahn okkupierten Region'. Die vereinzelte "Aktivierung von Rede" ist im Kontext all der Verhinderungen geradezu ein schwacher Ausdruck von Hoffnung, es möge anders werden.

Nachdem diese Ziff. 2.1 geschrieben war, artikulierte
Jakob Augstein im SPIEGEL: 
"Es ist dieser eine Satz, hinter den wir künftig
nicht mehr zurückkommen: 'Die Atommacht Israel
gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.'
Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil
er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt,
ein Schriftsteller, ein Nobelpreisträger, weil
Günter Grass ihn sagt. Darin liegt ein Einschnitt.
Dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich
genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen.
Ein überfälliges Gespräch hat  begonnen." 

Das ist zwar keine sprachlich-literarische Analyse, schon gar nicht des Gesamttextes. Aber zumindest hat der Autor verstanden, dass es Grass nicht lediglich um politische Einschätzungen geht, sondern um ein zu lange vermiedenes Gespräch zu bisherigen Tabus.

2.2 Dante, "Göttliche Komödie"

"Die Hölle", 32. Gesang (Übers. W. Naumann):

Hätte ich Reime, die schrill und harsch sind,
    wie es dem elenden Loch zukäme,
    auf welchem alle anderen Felsmassen lasten,
dann würde ich aus meiner Schau den Saft reichlicher pressen;
    doch weil ich das nicht habe,
    mache ich mich nicht ohne Furcht daran zu reden;
denn es ist keine Aufgabe, die man zum Scherz unternimmt,
    den Grund des ganzen Weltalls zu beschreiben,
    noch für eine Zunge, die Mama und Papa ruft.
So mögen meinem Lied die Frauen hilfreich sein,
    die dem Amphion halfen, Theben einzuschließen,
    damit die Rede nicht verschieden sei von der Sache! 

"Das Fegefeuer", 33. Gesang (Übers. W. Naumann):

Wenn ich, o Leser, mehr Raum zum Schreiben hätte,
    würde ich nun, so gut es geht, den lieblichen Trunk
    besingen, der mich nie sättigen könnte;
doch weil voll sind alle Blätter, die für dieses zweite Lied
     läßt mich der Zügel der Kunst nicht weitergehen.
Ich kehrte wieder von dem hochheiligen Wasser,
    wiederhergestellt wie junge Pflanzen,
    die wieder verjüngt sind mit jungem Laub,
rein und bereit, aufzusteigen zu den Sternen.

2.3 Thomas Mann

Aus K. Lintz, Thomas Manns, Joseph und seine Brüder, Ffm 2013. S. 157:

"Der junge Pharao mit der dekadenten Verfeinerung
der Nerven erweist sich als scharfer Beobachter
von Josephs Art zu kommunizieren. Im Laufe
desselben Gesprächs über Gott in der kretischen
Laube hält er nach einem längeren Monolog
Josephs außerdem fest:
         Das ist doch wundersam [...] Hast du nun
         gesprochen oder hast Du nicht gesprochen?
         Du hast gesprochen, indem du nicht sprachst
         und uns nur deine Gedanken belauschen ließest,
         nämlich die, die du zuerst zu denken gedenkst.
         Und ist doch so gut, als hättest du gespro-
         chen. Mir scheint, du hast da eine
         Schalks-Erfindung  gemacht und etwas aufgebracht,
         was es noch nicht gab."
   

3. Gesprächsleiter

3.1 Sichtbarmachen unterschiedlicher Perspektiven

Wenn Diskutanten sich bei einem Thema heftig verhaken und bekämpfen, können die Ursachen vielfältig sein. Eine wesentliche kann darin liegen, dass die gegnerischen Parteien beim selben Thema gegensätzliche Blickwinkel, damit auch Wertvorstellungen, kultivieren und verfolgen. Es wäre in einem solchen Fall wünschenswert, dass zwischendurch der Moderator einen Schritt zurücktritt und die Beobachtung ausspricht - dann hätten die Diskutanten nämlich ein neues und vielleicht ergiebigeres Thema.

Im Juni 2012 diskutierten im SWR 3 Kombattanten
das von einem Kölner Landgericht ergangene
Urteil, wonach die an Jungen aus religiösen
Motiven vollzogene "Beschneidung" als Körper-
verletzung, mithin als strafbar einzuordnen sei.
Ein Vertreter des Judentums und ein Pressevertreter
(DIE ZEIT) wetterten heftig gegen das Urteil, weil
es sich anmaße, eine lange kulturelle Tradition
abzuschaffen. Man wies zwar zurück, kam aber doch
in die Nähe der Aussage, ob das nicht eine weitere
Form des Antisemitismus sei, und dann noch aus-
gerechnet von einem deutschen Gericht. Neben dem
Judentum ist auch die Praxis bei den Muslims
betroffen. Ein Schmerzempfinden wurde Säuglingen
weitgehend abgesprochen. Es wurde auch ein Theologe
zitiert, wonach das "Zeichen für Bundestreue"
Schmerz erfordere.

Der Gegenpart wurde von einem Jura-Professor ein-
genommen, der auf medizinische Studien hinwies,
die belegen, dass sehr wohl - es muss ja nicht
"bewusst" ablaufen - ein "Schmerz-Gedächtnis"
wirke, das Spätfolgen auslösen kann. Aber davon
abgesehen: Im Grundgesetz ist von "körperlicher
Unversehrtheit" die Rede - und bei der ange-
sprochenen Praxis geht es um einen nicht
revidierbaren Eingriff. 

Aufgabe und Chance des Moderators hätte sein können - er war aber anscheinend im verbalen Schlagabtausch überfordert -, die diametral verschiedenen Blickwinkel sichtbar zu machen. Diese kann man nicht vereinen. Darüber hätte dann weiter gesprochen werden können und sollen:

Die beiden Kritiker des Kölner Urteils vertei-
digten vehement die jahrtausendealte religiöse
Praxis, waren also
Advokaten der religiösen Gemeinschaft.
Der Jurist war eindeutig
Advokat des einzelnen Kindes.

Ohne sich über die Blickrichtung zu verständigen, nützt alle mit Heftigkeit vorgetragene Argumentation nichts - wobei die rationalste Beteiligung beim Juristen auszumachen war. Es ist zwangsläufig, dass man aneinander vorbeiredet, wenn die unvereinbaren Ausgangspunkte/Blickrichtungen nicht sichtbar gemacht werden.

Nebenbei zwei Aspekte: 
- Im direkten Gespräch hatte ich (HS) einmal
  Schalom Ben Chorin nach dem vernünftigen
  Sinn der "Beschneidung" gefragt. Er wusste
  keine Antwort.
- Kirchen praktizieren die "Kindertaufe", um
  die Erdenbürger als Mitglieder im späteren
  Leben an sich zu binden. Es handelt sich also
  um einen rituell kaschierten Mitgliederfang.
  Aber davon kann man per Verwaltungsakt später
  wieder Abstand gewinnen. - "Beschneidung" hat
  den selben Zweck - nur dass die körperliche
  Veränderung nicht mehr zu korrigieren ist,
  also tatsächlich ein "Erinnerungsmal" ist,
  Erinnerung aber nicht - theologisch
  gesprochen - an den "Bund Gottes mit seinem
  Volk", sondern soziologisch: dass man einmal
  zu einer religiösen Gemeinschaft gehört hatte.
  Vielleicht soll damit den Einzelnen noch ein 
  Schuldgefühl zudiktiert werden.
  --Hs 07:04, 30. Jun. 2012 (UTC)