4.12 Dialoge

Aus Alternativ-Grammatik
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Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

Dialoge lernt man vom Mutterleib an. Für die geistige Entwicklung ist diese Form des Sprachgebrauchs fundamental wichtig. Ungezählt sind die Dialoge, in die jeder Einzelne schon eingebunden war.

Folglich müsste sich jede Grammatik vornehmen, sich nicht lediglich mit sprachlichem "Kleinzeug" zu beschäftigen ("Konjunktionen, Artikel, Adverbien" usw. - so wichtig all das natürlich ist, um das Funktionieren von Sprache zu verstehen), sondern auch mit der persönlichkeits- und gesellschaftsbildenden Kommunikationsform "Dialog". - "müsste" - vielleicht kennt jemand eine solche Grammatik ...

Das Thema "Dialog" hatte vorbereitende Module, vgl.:

4.02421 (Numerus /) Determination

4.02422 Numerus (/ Determination )

Dort auch schon manche Aussagen zum jetzigen Thema.


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Praxis - Bitte Ihren Eintrag!

0. Nachträge zur Theorie

Meinungsverschiedenheiten, Interessenkonflikte usw. gehören nun mal zum menschlichen Dasein. Es wäre albern zu hoffen, es könne irgendwann eine Lebensform gefunden werden, in der solche Auseinandersetzungen nicht mehr vorkommen.

Folglich braucht es ein Mittel, solche Gegensätze sichtbar zu machen und zu bearbeiten, zu überwinden: Sprache, Dialog, Verhandlung. Sich hierbei zivilisiert, transparent, regelkonform zu verhalten, ist Thema dieser Ziff. 4.12.

Die Geschichte hat allzu häufig das - unzivilisierte - Gegenteil vorgeführt: Auflösung von Meinungsverschiedenheiten, Interessenkonflikten via Gewalt, Verbrechen, Krieg, anders gesagt: durch den Versuch, den Partner/Kontrahenten in seiner physischen Existenz auszulöschen. Dieses 'Lösungsmodell' war und ist - leider immer noch - im privaten wie im öffentlich-politischen Raum in Kraft. Je handelt es sich um einen Offenbarungseid, was die eigene geistig-kommunikative Entwicklung angeht - man befasst sich nur noch mit der physischen Existenz des Anderen, löscht sie am liebsten aus.

Den potentiellen Partner kann man auch psychisch eliminieren: 'Der ist fortan für mich Luft'. "Verdrängung" ist das Stichwort. Das ist Gewalt nicht nur dem Andern gegenüber, sondern auch gegenüber sich selbst. Zwar gibt es Situationen, wo ein Weiterführen des Gesprächs nicht möglich erscheint. Aber das sollte man ausloten - z.B. mit professioneller psychologischer Hilfe. Zu wünschen ist, dass beide Seiten der Dialogbeendigung zustimmen können.

Die schulische Förderung des Sprachbewusstseins kam sehr lange ohne die Thematisierung des "Dialogs" aus - in welcher Standard-Schulgrammatik kam/kommt er differenziert vor? Was im aktuellen Punkt (samt Unterpunkten) genannt wird, ist allenfalls ein Einstieg und kann vielfältig verbreitert und ergänzt werden.


0.1 Werbung - dreifach gemoppelt

... nicht nur doppelt. Eine Werbesendung der örtlichen Bank - Anlass: ein Sparvertrag war ausgelaufen - enthält mit Konterfei des Zweigstellenleiters dessen Aussage:

"Ich freue mich auf ein gemeinsames Gespräch mit Ihnen."

Etwas genauer grammatisch nachgehakt:

- "Gespräch" setzt schon mal mindestens 2 Teilnehmende
  voraus. Also müsste der Briefempfänger mitgemeint sein. 
- "mit Ihnen" - nun ja, mit wem denn sonst? Also
  nochmals Verweis auf den Briefempfänger. Einschlägig:
  4.0611 Subjekt / 1.Aktant Das "mit" besagt aber
  auch: Wer so eingeführt wird, ist kein
  gleichberechtigter Partner, sondern eben eine
  "Begleit"figur. Richtig spitzfindig ausgeleuchtet:
  Reden wird primär der Bankvertreter, ich als
  Adressat bin nur Beiwerk in diesem Dialog,
  komitativ nennt das die seriöse Grammatiktradition.
- "gemeinsames" = Attribut zum "Gespräch" mit der
  Betonung, dass man nur 'miteinander'
  reden könne - leicht überflüssig ein solcher
  Hinweis...

Sprachlich etwas plump geraten, soll damit indirekt = pragmatisch, mit großer Emphase - vgl. 4.086 Modalitäten – »Register« ASPEKTE - der Briefempfänger animiert werden, sich endlich in der Zweigstelle einzufinden ... Und wenn die Sprache schon so verquirlt ist, dürfte eine versteckte Zusatzbotschaft mitgemeint, aber eben nicht ausgesprochen sein - vgl. 4.5 Wachgerufene Zusatzgedanken (Implikationen): Wir wollen, dass Sie gefälligst weiterhin unser Kunde sind und ihr Geld nicht anderswo unterbringen!

0.11 Art der Gesprächsbeteiligung => Selbstbewusstsein

Dass ab Geburt sich die Biologie des Menschen gut entwickeln kann, ist jedem zu wünschen - und heute noch in vielen Regionen der Welt keine Selbstverständlichkeit - Thema: Nahrung, sauberes Wasser, Medizin, Medikamente.

Die geistige, gefühlsmäßige Formung des Menschen bildet sich durch die Art der Dialoge, in die er ab Geburt eingebunden ist. Wie wird auf ihn eingegangen - nicht nur durch Worte, sondern auch durch Begleithandlungen, Blickkontakte? Später: Was wird ihm als wichtig im Leben vorgestellt? Und in diesen allmählich immer differenzierter möglichen Dialogen: Welche Art an Gesprächsbeteiligung wird ihm zugestanden? Kann er gleichberechtigt erwidern? Wird er durch Wortschwall zugedröhnt? - Durch diese breite dialogische Erfahrungsschiene ab frühester Kindheit bildet sich ein Selbstbild des Kindes heraus, wodurch es erkennt: Ich werde mit meinen Ideen akzeptiert. Und wo nicht: Es werden verstehbar die Gründe diskutiert. - Oder: Impulse von mir werden ständig und argumentfrei niedergebügelt.

Der Wunsch, als eigenständige Person von anderen respektiert zu werden, ist zentral in jedem Leben - und lässt erst im Vollsinn, d.h. jenseits bloßer Biologie - leben.

Hat jemand das Gefühl, ein zu geringes Selbstbewusstsein
entwickelt zu haben, kann dies - wie erläutert - auf
Dialog-Defizite, u.U. Missbrauch einschließend, in Kindheit
und Jugend zurückzuführen sein = Aufgabenstellung für Psycho-
therapie.
   Gesellschaftspolitisch wird zur Zeit von IS-Attentaten
(2015/6) diskutiert, dass solche Aktionen nicht primär/allein 
auf ideologische Vorgaben anderer zurückgehen. Sondern die
Ausführenden sind bereit aufgrund der Aussicht, nun endlich
'von aller Welt' wahrgenommen und erkannt zu werden. Zwar wird
das eigene biologische Leben i.d.R. dabei verloren. Aber die 
Genugtuung, endlich eine gewaltige Tat zugeschrieben zu bekom-
men, überwiegt.
   Allenfalls ahnen kann man von außen, welches Maß an Enttäu-
schungen im Kontext kommunikativer Erfahrungen sich bei 
den Attentats-Willigen angesammelt hat. Die 'Lösung' dieses
Knotens scheint ihnen - unbewusst - nur noch durch Gewalt 
möglich zu sein.
   Sowohl bezogen auf sich selbst wie auf die einkalkulierten
Opfer wird - radikal - mit dem Thema der "Existenz" gespielt,
vgl. [1]
Auch wenn es beckmesserisch klingen mag, lassen sich im Sinn
der Alternativ-Grammatik zwei Standards hinzufügen:
(a) Mit dieser Satzform ("Existenzsatz, negiert") wird
im Wortsinn - Semantik - nichts gesagt, es wird nur
das Subjekt zurückgewiesen. Eine Satzaussage folgt 
bei dieser Sonderform von Prädikation gerade nicht.
(b) Bleibt nur: Pragmatisch soll dann eben der Sprecher
(= Attentäter) in ein überdimensioniert helles Licht
getaucht werden. 
Wohlgemerkt: diese sprachkritische Logik/Folgerung hat
noch nichts mit Psychologie zu tun, scheint aber mit deren
Weiterführungen vereinbar zu sein.
   N.B.(1) Es bewährt sich, dass wir Ausdrucksmittel
grundsätzlich eigenständig behandeln, vgl. [2],
d.h. nicht schon verquickt mit daran haftenden Bedeutungen.
Folglich kann alles aus der Welt der Sinne zum Ausdrucks-
mittel werden - was jede/r längst weiß. Letztlich kann auch ein
Attentat sprechen. Wichtig ist nur, dass die Gegenseite 
diese Art Sprache versteht. (Im Fall von Gewalttaten können 
zukünftige Täter dies an jeweiligen Pressereaktionen ablesen
und somit auch für ihre eigene, erst geplante Tat für wahr-
scheinlich halten.)
   N.B.(2): Potenzierung - Schädigungen aufgrund von
Dialogerfahrungen in der Kindheit werden später von
Dialogpartnern intuitiv erkannt - und öfters - via
Mobbing verstärkt. Der Sprecher bekommt 'zurück-
gespiegelt', was während seiner Kindheit den ihn
prägenden Figuren hätte gelten müssen: sie hätten auf
die notwendige Korrektur damals schon hingewiesen werden
müssen.
Durch Mobbing wird vollends verhindert, dass sich -
wenigstens nachträglich - ein Selbstbewusstsein ent-
wickelt. Indirekt sorgt damit die Umwelt für die
weitere Isolierung des Einzelnen - und verstärkt den
Wunsch nach einer dramatisch-spektakulären Kehrt-
wende. Ohne den Einzelfall zu beurteilen: diesen letzten
Gedanken rief wach: [3], vgl. auch [4]
  

0.12 Empathie, Beziehung der Gesprächspartner

Erica Jong in SPIEGEL 48/2018 im Kontext der Trump-Wahl in USA:

"Wir brauchen Besonnenheit von unserer Regierung.
Aber wie es aussieht, könnte es jetzt auf lange
Sicht vorbei sein mit der Besonnenheit. Ich kann nur
hoffen, dass unsere Demokratie das überlebt.
   Es ist Zeit aufzuwachen. Wir müssen bei klarem
Verstand bleiben, wenn wir in dieser neuen Welt
überleben wollen. Für Tränen ist jetzt nicht die
Zeit. Es ist auch nicht die Zeit, sich die Trump-
Familie normalzureden. Es ist Zeit, Pläne zu
schmieden, wie wir unser Land zurückerobern.
   Und damit fangen wir an, indem wir an das Böse
glauben, das da entfesselt wurde. Woher kommt
dieses Böse? Aus einem Mangel an Empathie, aus dem
Vergessen, wie ähnlich wir uns jenseits unserer
unterschiedlichen Hautfarbe eigentlich sind. Wenn
wir die Zivilisation bewahren wollen, müssen wir
uns mehr auf unsere Ähnlichkeiten als auf unsere
Unterschiede besinnen. Wir müssen uns darauf be-
sinnen, dass uns die Fähigkeit, uns in andere
hineinzudenken, erst zu Menschen macht. Unsere
Menschlichkeit liegt in der Erinnerung an die
Furcht und die Fantasien unserer Kindheit. Nie
haben wir diese Erinnerungen mehr gebraucht.
   Der Prozess der Zivilisation ist keine einfache
Angelegenheit. Er erfordert die Vorstellungskraft,
über die eigene Furcht hinauszublicken, das
eigene Denken so weit auszudehnen, bis es auch
den anderen mit umfasst. Dafür braucht man Demut
- etwas, das Trump völlig fehlt. Mit der Demut
beginnt das Verständnis."

0.13 Via Dialog entsteht erst das "Ich"

Vgl. [5] - darin die Zitate von den Buchseiten 113-131

0.14 Nützliche Tipps zum Verhalten im Dialog

vgl. [6]

0.15 8 Regeln für Paar-Konflikt

Der Spur nach kann man versuchen, diese Weichenstellungen zu beachten: [7]

0.2 Früh kompetent im Dialog

Für Kinder ist das Erzählen von Witzen ein Training, sich Grundkategorien, Denkmuster, die auch hier in der Alternativ-Grammatik wichtig sind, einzuprägen.

"Mit Tränen in den Augen steht eine Schülerin vor
ihrem Lehrer: 'Ich finde auch nicht alles gut,
was Sie machen - aber renne ich deswegen immer
gleich zu Ihren Eltern?' "
 (Emma Kläger, 9 Jahre, in: 100 witzigste Witze. Tübingen 2008)

Mehrere der nachfolgenden Dialog-Unterpunkte sind einschlägig. Schön, wie die Schülerin sich eben nicht nur beklagt, dass der Lehrer sich an die Eltern gewandt hatte. Sondern sie führt aktuell und praktisch vor, wie ein Dialog stattzufinden habe: von Gleich zu Gleich...

0.3 Notwendig: vergleichbare Wissensvoraussetzungen

Allgemein angesprochen sind also die Präsuppositionen, vgl. [8]. Liegen die nicht vor, - wie 2014 im Verhältnis des Westens zu Russland -, so wird ein (politischer) Dialog schwierig, vgl. [9]

0.4 Störer in der Kommunikation

Wie damit umgehen? Vgl.[10]

0.5 Platons Dialoge

In einer Oberstufe kann mal angesprochen werden, dass der athenische Philosoph Platon (4. Jhd. v.Chr.) das Dialogische in die Philosophie einführte. Er schilderte - meist - seinen Lehrer Sokrates, wie er in Gesprächen mit seinen Partnern das anstehende Thema entwickelte. Auch wenn die Dialoge keine Mitschriften sind, sondern künstlich-literarisch entworfene - häufig sind die Gesprächspartner nicht wirklich gleichwertig -, so ist die Idee doch folgenreich und spektakulär: Die Suche nach der Wahrheit hat im Austausch zu erfolgen, muss von den verschiedenen Beteiligten vollzogen werden. Exemplarischer Einblick in den Dialog "Gorgias": [11] Maieutik - wörtlich: "Hebammenkunst" - nennt sich diese Erkenntnisform via "Diskurs", "Dialektik". Effekte der Dialog-Form (aus wikipedia):

  • Sie spricht den Leser durch die künstlerische Ausführung an.
  • Sie befreit von der Erwartung systematischer Vollständigkeit; Ungeklärtes darf offen bleiben.
  • Sie bildet einen Prozess der Erkenntnisgewinnung ab, der auch zur Revision von Positionen führt, und regt damit stärker als eine Lehrschrift zum aktiven Mitdenken an.
  • Der Autor nimmt nicht zu den vorgetragenen Thesen Stellung; er tritt hinter seine Figuren zurück und überlässt die Urteilsbildung dem Leser.
  • Das Denken stellt sich der argumentativen Kontrolle durch die Gesprächspartner.
  • Eine starre Terminologie, wie Platon sie generell scheut, kann vermieden werden.

0.6 Gleichnisse Jesu nach Lukas

"Gleichnisse" - der Name deutet es an - sind keine "Berichte". Die geschilderten Situationen sind so undeutlich gezeichnet, dass Leser/Hörer gezwungen sind, auf das zu achten, was sprachlich, kommunikativ vorgeführt wird. Irgendwelche 'Tatsachen' jenseits des Textes sind belanglos bzw. ungreifbar.

Für das Thema "Dialoge" sind Gleichnisse oft sehr ergiebig, dicht und verblüffend. Zwei davon werden hier: [12] näher beschrieben: Samariter-Gleichnis, Gleichnis vom Verlorenen Sohn.

0.7 Loriot

Von ihm könnte man natürlich lange Dialoge analysieren - mit großem Genuss. Es geht aber auch knapp und präzis. Es passt, dass wir in Ziff. 4.113, vgl. [13], uns mit "Übertragenem Sprachgebrauch" beschäftigt hatten:

Er:  "Ich möchte hier sitzen."
Sie: "Und jetzt möchtest du plötzlich da sitzen."
Er:  "Gar nicht plötzlich ..."

"Er" reagiert vollkommen korrekt mit seiner Negation. Sein "Wille" besteht offenbar schon länger - also stimmt das "plötzlich" nicht. Und aus der Antwort von "Sie" hat er herausgehört, dass "Sie" aggressiv spricht. Dem setzt der "Er" seine geduldige Langmut entgegen.

0.71 Mark Twain

... protokolliert in "Adams Tagebuch", wie es dem bis dato zwangsläufig monologischen Adam erging, als es nun Eva, das neue Geschöpf, gab (aus: M.T., Meistererzählungen. Diogenes Taschenbuch 1990. Zürich. S. 53)

"Montag. Dieses neue Geschöpf mit dem langen Haar ist
mir überall im Weg. Es ist immer hinter mir her und
streicht beständig um mich herum. Ich mag das nicht.
Ich bin nicht an Gesellschaft gewöhnt. Ich wünschte,
es bliebe bei den übrigen Tieren ... Es ist heut
bewölkt und ich denke wir werden Regen bekommen. Wir?
Wer ist wir? Woher habe ich nur das Wort? Ich
erinnere mich jetzt - das neue Geschöpf braucht
es immer."  

0.8 Politiker im Interview

Gespräch mit Journalistin B. Schausten (SWP 15.8.2015), Auszug:

Was tun Sie gegen Floskeln, Plattitüden und anderes
Politiker-"Blabla"?
SCHAUSTEN: Nachfragen. Die gute alte Methode des
Nachhakens, es noch einmal aus einer anderen
Richtung versuchen, nicht lockerlassen. Ein
guter Trick ist auch, erwartbare Antworten
vorwegzunehmen, um gleich zum Kern zu kommen.
Das A und O ist aber, in der Sache gut vor-
bereitet zu sein. Das zwingt den Gesprächs-
partner zur Argumentation, das beste Rezept
gegen Floskeln.
Frage: Was halten Sie davon, den Gesprächspartner
zu unterbrechen?
SCHAUSTEN: Das ist eine zweischneidige Geschichte,
weil das Unterbrechen vom Zuschauer sehr schnell
als Unhöflichkeit wahrgenommen wird. Dennoch muss
man manchmal unterbrechen, wenn jemand nicht zum
Ende kommt. Gerade in den 'Sommerinterviews' soll
ein Politiker aber auch die Möglichkeit haben,
einen Gedanken länger zu entwickeln.
Welche Fehler muss man als Journalist mit
Politikern vermeiden?
SCHAUSTEN: Kumpanei. Man muss sich als poli-
tischer Journalist immer bewusst machen, dass
man sich zwar mit den gleichen Dingen wie die
Politiker beschäftigt, aber nicht auf der
gleichen Seite steht. Die Rollenverteilung muss
einem bewusst sein.
(N.B. Erfahrungen aus dem 1.Weltkrieg zum
Zusammenhang von ZENSUR/PROPAGANDA zeigen,
dass die Distanz zwischen Politik und Presse
oft nicht gewahrt worden war, 'Kumpanei' also
praktiziert worden war:
vgl. [14] samt eingebundenem PDF-Text.)
0.81 Politik = Dialog: Interview mit Justizminister Maas

Auszüge aus Spiegel 32/2016

Maas: (...) Niemand sollte Menschen unterscheiden
nach Religion, Herkunft oder Hautfarbe. Wir müssen un-
terscheiden zwischen den Millionen Menschen, die die
Freiheit lieben, und einzelnen Terroristen, die unsere
Freiheit bedrohen.
SPIEGEL: Es gibt weltweit eine große Sehnsucht nach
einfachen Antworten und nach Populisten. Donald Trump,
Alexander Gauland oder Marine le Pen leben alle von dem
Eindruck: endlich sagt mal einer, was Sache ist.
Maas: Es gibt in einer immer komplexeren Welt keine
einfachen Antworten mehr - aber es gibt in bestimmten
Teilen der Gesellschaft eine umso stärkere Sehnsucht
danach. Für die Politik heißt das: Wir müssen anders mit
den Menschen umgehen, die für Populismus empfänglich
sind. Das heißt nicht, ihnen nach dem Mund zu reden. Wir
müssen sie zum Dialog herausfordern. Dann können sie
ihre Sorgen, Nöte und Wut offen aussprechen - und wir
haben vielleicht die Chance, sie zu überzeugen. Das ist
anstrengend, aber es geht nicht anders. [...) 
SPIEGEL: Sie haben vor einiger Zeit eine andere
Debattenkultur angemahnt. Was bemängeln Sie?
Maas: Es muss wieder Debatten über die großen Fragen
unserer Gesellschaft geben und nicht nur Diskussionen
über die Kommasetzung in Gesetzesentwürfen. Ich denke an
Fragen wie: Nach welchen Werten wollen wir zusammenleben?
Wie verändert die Digitalisierung unser Leben? Was bedeu-
ten Grundfreiheiten im 21. Jahrhundert?
SPIEGEL: Früher fanden solche Diskussionen im Parlament
oder in den Medien statt. Heute ist vieles in die Foren
des Internets abgewandert. Wer kann solche Debatte über-
haupt noch anstoßen?
Maas: Jeder in der Zivilgesellschaft und in der
Politik. Die Zukunft unseres Parteiensystems hängt davon
ab, inwieweit wir noch in der Lage sind, Debatten offen
auszutragen. Wir hatten in den vergangenen Jahren eine
Art diskursives Wachkoma in unserer Gesellschaft.
SPIEGEL: Wie bitte?
Maas: Ja, es ging zu lange Zeit nur noch darum, wie
wir unseren Wohlstand verteidigen, aber nicht mehr um die
Werte, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. (...)
Ich glaube nicht, dass man mir fehlende Haltung vorwerfen
kann. Politik muss immer auch schauen, dass sie kompro-
missfähig bleibt. Das schließt Korrekturen nicht aus.
Aber mit dem Kopf gegen die Wand zu laufen hilft niemandem
(...) 
Eine Gesellschaft braucht Auseinandersetzung, auch zur
Selbstvergewisserung. Es ist die Voraussetzung dafür,
sich überhaupt weiterzuentwickeln, sich selbst zu hinter-
fragen. Wenn eine Gesellschaft das nicht mehr aushält,
ist das kein gutes Zeichen für ihren Zustand.
SPIEGEL: Und wenn daraus Hass wird?
Maas: Hass ist kein Beitrag zur Debatte, sondern
ihr Ende. Wir brauchen mehr Politisierung, aber weniger
Polarisierung.
0.82 Demokratie = Dialog? - Interview mit Autor van Reybrouk

Aus den Antworten des Autors (Spiegel 31/2016):

"Wir töten die Demokratie, wenn wir sie auf diese archaischen
Verfahren (N.B. gemeint: Wahlen) reduzieren. Schauen Sie
sich den Brexit an. In dieser Entscheidung bündelt sich
alles, was mit unserem demokratischen System nicht
stimmt. Das Referendum gab es überhaupt nur, weil
es ein Wahlversprechen David Camerons war- der insgeheim
davon ausging, die Briten würden mit Nein stimmen. Dann
hat Boris Johnson das Referendum gekapert, in der
Hoffnung, sich so in Stellung für die nächste Wahl zum
Premierminister bringen zu können. Auch er ging davon
aus, die Briten würden mit Nein stimmen. Und dann 
haben sie mit Ja gestimmt. Dabei war das Thema denkbar
komplex: Wie stellen wir uns die zukünfigten Bezie-
hungen zur EU vor? Aber es gab nur zwei mögliche
Antworten: Ja oder Nein. Remain oder Leave. Zwei
Wahlen, ein Referendum, persönliche Eitelkeiten,
Medien, die nicht gut genug informiert haben - kein
Wunder, dass alles schiefgegangen ist. 
Stellen Sie sich vor, es wären per Losverfahren tausend
Briten ausgewählt worden. Diesen Menschen hätte man ein
halbes Jahr Zeit gegeben, sich über die Zukunft der
europäisch-britischen Beziehungen Gedanken zu machen.
Sie hätten alle Informationen bekommen, die sie brauchen
und wünschen. Sie hätten das Recht und die Möglichkeit
gehabt, jeden Experten einzuladen, den sie hören wollen.
Jeden Politiker, dessen Meinung sie wichtig finden.
Hätte man diese Leute am Ende dieses Prozesses abstimmen
lassen - es hätte wahrscheinlich eine viel vernünftigere
Entscheidung gegeben, und die tiefe Spaltung des Landes
wäre vermieden worden.
Das interessanteste Beispiel dürfte Irland sein. Dort
wurde 2013 eine Versammlung einberufen, um Änderungen der
Verfassung zu beraten. Sie bestand aus 100 Mitgliedern,
darunter 66 irische Bürger, die durch das Losverfahren
bestimmt wurden. Diese Leute sollten über acht Artikel
der irischen Verfassung diskuteren. Am kompliziertesten:
der über die Ehe, die gleichgeschlechtliche Ehe sollte
eingeführt werden. Alle, die nicht ausgelost worden waren,
konnten über das Internet Einfluss nehmen, sagen, was sie
denken. Es war eine lange Debatte. Am Ende sprachen sich
80 Prozent der Versammlungsmitglieder dafür aus, den
Verfassungsartikel über die Ehe zu öffnen. Dann gab es ein
Referendum. Bei dem es beinahe eine Zweidrittelmehrheit
für die gleichgeschlechtliche Ehe gab (SPIEGEL:
Im katholischen Irland.) Ohne dieses Verfahren wäre es
nicht dazu gekommen. Es hat der Entscheidung ihre
Legitimität verliehen.
Das gesamte politische System heute ist im höchsten Maße
theatralisch. Die meisten Parlamente sind Halbrunde. Wer
immer spricht, spricht in Kameras. Jeder Politiker ist
Schauspieler, muss es sein. Als ich durch das belgische
Parlament geführt wurde, weil wir für unseren Konvent
Räume suchten, schaute ich mich immer wieder um und
dachte: schön, aber nutzlos. Für fruchtbare Diskussionen
braucht man einfache Räume und runde Tische. Die großen
Halbrunde machen Politik zum Theater - und die Wahlkabi-
nen machen Politik zu einem klandestinen Akt."
0.83 Politik: LINKS <=> RECHTS - Gesprächsunfähigkeit ?

Zur BRD-Situation nach der Bundestagswahl 2017 Vgl.[15]

0.9 Verhinderung von Dialog

Es ist eine Grundsatzentscheidung, ob man das Leben in kleinen (z.B. Familie) oder großen (z.B. Staat) sozialen Zusammenhängen auf der Basis von Dialog gestaltet, oder eben autoritär, mit hierarchischen Befehlsstrukturen von 'oben nach unten'. Im letzteren Fall, in Diktaturen, extrem konservativen Rahmenbedingungen, werden Versuche, das Dialog-Prinzip einzuführen, rabiat verfolgt.

0.901 Smartphones

Zwei Texte aus SWP 7.1.2017:

"Smartphones haben den Alltag erobert. Einige Erkenntnisse aus dem digitalen Leben, beruhend auf Studien und Umfragen:

  • 80 Prozent der Deutschen verwenden die Endgeräte, in der Altersgruppe bis 30 Jahre sind es 100 Prozent.
  • Zwei Drittel der Nutzer verlassen ohne Smartphone nicht mehr das Haus. Jeder Zweite schaut vor dem Einschlafen noch einmal in den Nachrichteneingang.
  • 92 Prozent können sich den Alltag ohne Handy nicht mehr vorstellen. 14 Prozent besitzen mehr als ein mobiles Endgerät.
  • Fünf von sechs Anwendern nutzen die Geräte, um sich zu verabreden. Fast die Hälfte fühlt sich allerdings bei persönlichen Treffen irritiert, weil sich der Gesprächspartner während der Unterhaltung mit seinem Smartphone beschäftigt.
  • 3,6 SMS pro Tag werden im Schnitt von Handy-Nutzern getippt. Dagegen stehen laut Statistik 2,8 Anrufe. 18-24-Jährige verschicken täglich sogar sechs Kurzmitteilungen.
  • Mehr als die Hälfte der Frauen täuscht ein Gespräch am Smartphone vor, um nicht ungewollt von Fremden angesprochen zu werden.
  • Rund 40 Prozent der Berufstätigen fühlen sich durch den Besitz eines Firmenhandys unter Druck gesetzt, ständig erreichbar sein zu müssen. Knapp die Hälfte davon schaltet deshalb das Gerät niemals aus."

---

"Junge Menschen im Café. Man kennt sich, könnte Gespräche führen über Gott und die Welt. Stattdessen starren alle auf ihre Smartphones, auf lärmende Videos, hastig geschossene Fotos und eilig hingehackte Satzfetzen. Gesprochen wird wenig, obwohl man sich austauscht - über Chats im Netz, nicht in wörtlicher Rede mit dem Nebenmann. ...

Das Interesse am lebendigen Gegenüber scheint zu sinken, es fällt offenbar immer schwerer, ihm mehr als ein paar Minuten Aufmerksamkeit zu schenken. Es wäre undenkbar, Zeitung zu lesen, während man zu zweit beim Dinner sitzt - der Gebrauch des Smartphones bei Tisch indes ist nicht nur üblich, sondern bei vielen Zeitgenossen selbstverständlich bis zwanghaft.

Umgebung wird reduziert auf eine Begleiterscheinung der virtuellen Welt, deren Nabel das Endgerät ist. Aber wehe, wir sind gerade im Funkloch, haben kein W-Lan, der Akku entlädt sich oder der Strom fällt aus: Dann offenbaren selbst erwachsene Menschen beunruhigende Anzeichen von Panik und Hysterie, die darauf schließen lassen, dass sie von der digitalen Dauerinfusion abhängiger sind, als sie zugeben."

0.902 Durch Programme=Roboter vorgetäuschte Diskurse

.. vornehmlich, um Wertungen (Hass...) breit gestreut unters Volk zu bringen. Vgl. [16]

0.903 Politik: Krieg mit der Presse

Man beachte die pauschale Frontstellung in den Vorwürfen: einer allein - Trump - beansprucht, die wahre Einschätzung zu haben. Für eine Demokratie ist solch eine Einstellung verheerend. Vgl. [17]

0.91 Tausend Peitschenhiebe

aus SWP 30.11.2015:

"Für seinen Blog wurde Raed Badawi in Saudi-
Arabien zu 1000 Peitschenhieben verurteilt.
Das EU-Parlament hat ihm nun den Sacharow-Preis
für Meinungsfreiheit zuerkannt...
Die europäische Volksvertretung würdigte das
mutige Eintreten des Wirtschaftswissenschaft-
lers für religiöse Toleranz und eine libera-
lere Gesellschaft in Saudi-Arabien.
   Badawi hatte 2008 gemeinsam mit einer
saudi-arabischen Aktivistin für Frauenrechte
den Blog 'Free Saudi Liberals' gegründet -
eine Plattform zum Austausch von Ideen zu
Politik, Religion und Gesellschaft. Den
Behörden des ultra-konservativen König-
reichs war dieses Forum ein Dorn im Auge.
Im Mai 2014 wurde er in zweiter Instanz zu
zehn Jahren Haft, 1000 Peitschenhieben und
einer Geldstrafe von umgerechnet 200 000
Euro verurteilt."

Man halte sich vor Augen, welch panischer Schrecken in der dortigen Gesellschaft wachgerufen wird, wenn jemand dialogische Meinungsbildung propagiert!

0.92 Allerweltsdialoge

aus: H-J- Ortheil, Der Stift und das Papier. Roman einer Passion. München 2015. S.64f:

Papa sagt, es gebe bei den Dialogen ein kleines
Problem, Dialoge seien oft
'haarsträubend oder beleidigend uninteressant'.
Zum Beispiel:
Bäcker S.: Haben Sie noch einen Wunsch? 
Mama: Ja, drei Mohnbrötchen. 
Bäcker S.: Gern. Die Mohnbrötchen sind noch warm. 
Mama: Sehr gut, die warmen schmecken einfach besser.
Bäcker S.: Das sage ich auch immer.
Ich verstehe nicht recht. Warum ist dieser Dialog
uninteressant? "Weil er nicht vorankommt, und weil
er nichts von den Menschen erzählt, nichts
Besonderes, was sie auszeichnet oder womit sie zu
tun haben", antwortet Papa.
Solche Dialoge nenne man Allerweltsdialoge, weil
sie nicht von etwas Besonderem handelten, sondern
weil 'alle Welt' (also jedermann) einen solchen
Dialog dann und wann spreche. Um die Zeit totzu-
schlagen. Damit es in einem Raum nicht so still
ist. Oder auch, um freundlich zu sein.
Aha. Allerweltsdialoge sind in Papas Augen also
nichts Schlimmes, sondern nur etwas, das man
nicht unbedingt aufschreiben muss. In richtigen
Dialogen dagegen erzählen oder sagen die
Menschen etwas Besonderes, Seltenes und meist
auch etwas über sich selbst, das sie
eben nicht dauernd oder jeden zweiten Tag sagen. 

0.93 Autoritärer Dialog

Die zwei Bedeutungen sind eigentlich ein Widerspruch: Ein guter Dialog funktioniert nur bei Gleichberechtigung der Partner. Aber man kann ja so tun als ob - z.B. im Verhältnis: Trainer - Kicker. Aus: H-J- Ortheil, Der Stift und das Papier. Roman einer Passion. München 2015. S.279f:

Jaja, ist schon gut, ich habe verstanden.
Ich nicke wieder und sage nichts mehr, sonst
wird er zornig. Er braust leicht auf, und wenn
die Jungs ein Spiel verloren haben, steht er
schnaufend in der Kabine, mit hochrotem
Kopf, und sagt:
"Das war heute gar nichts, verstanden?! Das war
peinlich, ihr habt euch blamiert, verstanden?!
Und, schlimmer noch: Ihr habt mich blamiert,
mich, Euren Trainer! Verstanden?!"
Nach jedem "Verstanden?!" müssen die Jungs
"Jawohl, Trainer!" sagen.
Wenn sie es zu leise sagen, müssen sie es
lauter wiederholen. Und wenn sie es immer noch
zu leise sagen, müssen sie es ein weiteres Mal
wiederholen.
   Dreimal hintereinander "Jawohl, Trainer!" zu
sagen, ist eindeutig Unsinn, aber auch das sage
ich lieber nicht, weil der Trainer dann viel-
leicht "das Vertrauen zu mir verliert" (Diese
Formel ist die schlimmste, die er gebraucht.
Alle paar Tage verliert er zu einem der Jungs
"das Vertrauen". Sie müssen sich im Training
besonders anstrengen, dann können sie "das
Vertrauen wiedergewinnen".

0.931 ... schon die alten Ägypter ...

... dachten über das Verhalten im Dialog nach, gerade auch bei Rangunterschieden, vgl. [18]

0.932 Kleriker vs Laien // Hirten vs Schafe (in der kath. Kirche)

aus: H: Wolf, Krypta. Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte. München 2015

(94f) "'Kleriker und Laien sind in der römisch-
katholischen Kirche scharf voneinander geschieden 
und in ein Verhältnis der Über- und Unterordnung
gestellt. Geweihten Männern als solchen gebührt
Ehrfurcht, das heißt achtungsvolle Scheu und Re-
spekt vor ihrer geistlichen Erhabenheit, sowie
als Trägern von Jurisdiktion Gehorsam. Die ver-
pflichtende Klerikertracht ist sozialstützende
visuelle Standesmarkierung. Rechtlich begründet
die Ordination der einen die Subordination der
anderen. Was die Logik der ständischen Gliede-
rung an rechtlicher Ungleichheit fordert, kann
mit noch so wohlgeformter konziliarer oder
nachkonziliarer theologischer Gleichheitsrheto-
rik nicht überbrückt werden. Die Kleriker bilden
den Leitungs- und Führungsstand, Laien den
Gefolgschaftsstand' ...
   Mit diesen klaren Worten bringt der Bonner
Kirchenrechtler ... die strikte Trennung von
Klerus und Laien im derzeit geltenden katholi-
schen Kirchenrecht auf den Punkt. ... Und in
der Tat: Die katholische Kirche ist eine Kleri-
kerkirche, nur die Geweihten sind Rechtssubjekte,
die Laien sind allenfalls Objekte der Seelsorge,
unmündige Schafe, die stets der Anleitung der
Hirten bedürfen. Eigenständige Initiativen der
Laien in der Kirche und für die Kirche in der
Welt sind nicht vorgesehen."

Mit anderen Worten: die Amtskirche hat keinerlei substanziellen Gesprächsbedarf mit den sog. 'Laien'. Zementiert ist diese Sicht seit dem 1. Vatikanischen Konzil, durch die Feststellung der "Unfehlbarkeit" des Papstes, und festgehalten im Dokument namens "Pastor aeternus = "Ewiger Hirte"

(77)" 'Unfehlbarkeit im Lehramt besitzt kraft
seines Amtes der Papst, wann immer er als
oberster Hirt und Lehrer aller Gläubigen,
dessen Aufgabe es ist, seine Brüder im Glauben
zu stärken, eine Glaubens- und Sittenlehre
definitiv als verpflichtend verkündet.' Das
Zweite Vatikanische Konzil und das kirchliche
Gesetzbuch von 1983 bestätigten hier im Grunde
lediglich die Bestimmungen, die in der Konsti-
tution 'Pastor aeternus' am 18. Juli 1870 erst-
mals definiert worden waren."  

Nachdrücklicher lässt sich unsere Kategorie NI = ich will und brauche nicht zu reden, will nicht in einen Dialog eintreten nicht unterstreichen. Aber auch innerhalb der "Kleriker"-Gruppe ist Dialog extrem erschwert

  • durch extrem ausdifferenzierte Hierarchie, d.h. Weihegrade
  • dadurch, dass die Kirche ein monarchisches System ist: dem entspricht nicht eine Kommunikation unter Gleichen, sondern vertikal: als Empfang von Weisungen, Befehlen.
(58) "Das Konzil von Trient sprach 1563 in seinem
Dekret über 'Die wahre und katholische Lehre über
das Sakrament des Ordo' ausdrücklich von sieben
Stufen des Weihesakraments. Neben den fünf niede-
ren Weihen des Ostiariers, also des für das Kir-
chengebäude zuständigen 'Türhüters', des Lektors,
des Exorzisten, des Akolyten - was wörtlich
übersetzt 'dem Diakon folgend' bedeutet und sich
auf liturgische Hilfsdienste wie die Bereitung
des Altars und die Kommunionausteilung bezieht -
und des Subdiakons nennt es als höhere Weihestu-
fen nur Diakone und Priester. Die Bischofsweihe
sucht man hier noch vergebens.
   Die vom Zweiten Vatikanischen Konzil ange-
strebte Aufwertung des Bischofsamtes gegenüber
dem Primat des Papstes führte - absichtlich oder
unabsichtlich - zu einer Abwertung aller anderen
Glieder der Kirche, denn nach dem derzeit gel-
tenden Kirchenrecht kann der Papst nur noch Män-
ner zu Kardinälen ernennen, die zumindest bereits
die Priesterweihe empfangen haben." 
(66) "Wozu dieses absolutistische Konzept führen
kann, haben die Vorgänge in Limburg drastisch
vor Augen geführt: ausufernde Kosten beim Bau des
neuen Bischofshauses, Verschleierungstaktik und
Falschaussagen, Spaltungen unter den Gläubigen.
Niemand in der Diözese war in der Lage, dem Ge-
baren des Bischofs Einhalt zu gebieten. Das liegt
nicht nur an den handelnden Personen, sondern ist
eine Folge des monarchischen Systems, nach dem
der Bischof allein verantwortlich ist."

Die nicht-kirchliche Öffentlichkeit musste somit ersetzen, was als geordneter innerkirchlicher, problemlösender Dialog nicht möglich war. Hie und da braucht(e) der Papst aber doch Beratung - wenigstens auf Kardinalsebene. Das lief denn aber doch sehr formalisiert und kompliziert ab - ein Dialog war dies nicht:

(102) "Der Kongregation für die außerordentlichen
kirchlichen Angelegenheiten gehörten die einfluss-
reichsten Kurienkardinäle an, die meistens auch Prä-
fekten oder profilierte Mitglieder anderer wich-
tiger Kongregationen waren. Sie wurde vom Papst
immer dann hinzugezogen, wenn er beziehungsweise
sein Kardinalstaatssekretär Beratung für den Umgang
mit einer heiklen Frage brauchten. Dazu wurden den
Kardinälen in den sogenannten Dubia Fragen vor-
gelegt, die wiederum von Konsultoren, die als Fach-
leute für die betreffende Thematik galten, schrift-
lich zu bearbeiten waren. Diese Antworten wurden im
Geheimdruck vervielfältigt und dienten den Kardinä-
len als Grundlage für ihre Entscheidungen, die sie
in regelmäßigen Sessiones fällten, in Sitzungen,
die sie gemeinsam mit dem Kardinalstaatssekretär
abhielten." 

= gültiger Ausdruck für Kommunikation in einem hierarchischen System. - Vgl. [19], wo letztlich Dialogdefizite als Hintergrund von Attentaten bestimmt werden.

0.933 Drohende Eskalation - wie verhalten?

Ein Dialog kann in der Lautstärke eskalieren, womöglich gar durch die Androhung von körperlicher Gewalt. - 'Rezepte' dafür gibt es nicht - aber manches Nützliche kann man sich vorher und mit Abstand durch den Kopf gehen lassen: Vgl. [20]

0.934 Sozial-engagiertes Chaos

Drei Ehepaare im Dialog, alle Teilnehmer - unstrittig - sozial-engagiert, sprachlich versiert. Beobachtungen:

  • Raum: hallig, d.h. durch Reflektierungen kann es unangenehm laut und unübersichtlich werden. Doppeleffekt: Atmosphäre ermüdend; man wird animiert, lauter als gewohnt zu sprechen;
  • Gesprächsbeteiligung: ständig fällt jemand dem jeweiligen Redner ins Wort, versucht, ihn zu übertrumpfen = in seiner Sprecherrolle abzulösen; sehr häufig: in diesem Stil sprechen mehrere gleichzeitig;
  • Themen - werden häufig ohne Überleitung gewechselt; immer neu werden soziale Problemsituationen in die Debatte geworfen, ohne dass die vorige ausreichend besprochen wäre bzw. Erkenntnisse daraus abgeleitet worden wären.
  • Beteiligte GymnasiallehrerInnen waren offenbar unfähig, unter dem Aspekt "Dialog" für mehr Strukturierung zu sorgen.

Die GesprächsteilnehmerInnen haben zweifellos ihr inneres Engagement bei den angesprochenen Fragestellungen gezeigt, unter Beweis gestellt. Aber nach 2 Std. Dialog in diesem Stil ist keines der Probleme gelöst, jedoch die physisch-psychische Erschöpfung unübersehbar. Zweck der Veranstaltung anscheinend: allgemeines Abreagieren von Frust.

0.935 Sich über-, den Partner unterschätzen

... ist ungünstig für einen Dialog, erst recht in der Erziehung. - Amüsante Illustration: [21]

0.936 Dialog - zum Davonlaufen

Spektakuläres Scheitern der Diskussionsrunde - nach den Krawallen zum G20-Gipfel in Hamburg, Juni 2017. [22]

0.94 Tierisch

... laut S. Lenz, "Deutschstunde", (45. Aufl. 2014, S.383f)

... das Vieh begann wie immer um diese Zeit zu
brüllen: da kam zunächst ein dunkles, aufragendes
Muhen von weit her, von einem unsichtbaren Tier
unter dem Horizont, und drüben, unter unserer
Stellung, brachten die schwarzweißgefleckten
Tiere ihren Bug in die entsprechende Richtung,
ließen die behaarten Ohren spielen und drehen,
antworteten aber noch nicht; erst als sich das
ferne Muhen wiederholte, krümmte sich eins der
Tiere, und mühselig den Kopf hochwerfend, unter
weißlichen Atemstößen, rief es zurück, worauf
es jedoch keine direkte Antwort erhielt, vielmehr
mischte sich nun ein Tier mit einem röhrenden Ton
ein, der ein anderes Tier in Richtung Riepen
nicht still sein ließ, einen unerhörten Brummbaß,
den das ferne Tier mit seiner Anfrage möglicher-
weise gerufen hatte, denn es antwortete jetzt
dringend, aber bevor der Brummbaß sich zurück-
meldete, mußte das Tier unter uns dazwischen-
muhen.

0.95 Dialog autoritär inszeniert

... laut S. Lenz, "Deutschstunde", (45. Aufl. 2014, S.489f)

Mein Vater trat auf den Flur, rief Hilke, lauschte,
rief noch einmal, und als die Tür von Hilkes
Zimmer ging, kam er schnell wieder in die Küche,
suchte nach einem eindrucksvollen, am liebsten
wohl erhöhten Platz, entschied sich, da nichts
Erhöhtes zu finden war, für die Stirnseite des
Küchentisches: hochaufgerichtet, spreizbeinig,
das trockene Gesicht angestrengt erhoben, so
erwartete er sie. Gibt's was? fragte Hilke, und
als sie unsere Gesichter sah, etwas leiser:
Was ist denn hier los?
  Mit zögernden Bewegungen kam sie herein,
unsicher, auch ängstlich, forschte in unseren
Augen und konnte sich nichts bestätigen lassen.
Sie faltete die Hände und rieb ihre Handflächen
gegeneinander. Was habt ihr denn alle zusammen?
Was hab ich euch denn getan? Sie sammelte ihr
Haar im Nacken, band es zusammen. Sie befeuchtete
ihre Lippen. Der Polizeiposten Rugbüll ließ sie
zappeln, so wie er jeden zuerst zappeln ließ, er
ließ sich wie immer Zeit mit der Eröffnung, die
Ungewissheit genießend, die er mit seinem
berechneten Schweigen hervorrief, ja, manchmal
dachte ich - oder denke wenigstens heute so -,
daß sein berechnetes Schweigen schon einen Teil
der Strafe darstellte, einfach weil er mit der
Beschuldigung hinterm Berg hielt und keine
Gelegenheit zur Verteidigung gab.
   Hilke ging auf ihn zu, breitete bittend die
Arme aus; er schwieg. Sagt doch schon! Endlich
nahm sie meinen Blick auf, folgte ihm, und ich
lenkte ihre Aufmerksamkeit auf den Küchentisch,
auf den Brief. 

0.951 Pompös inszeniert

... aus Martin Walser, Tod eines Kritikers. Frankfurt/M 2002. vgl. [23], darin S. 34f


0.96 "Wortreiche Sprachlosigkeit"

Zu Beginn 2016 der Versuch der Parteien, mit der AfD in ein Gespräch zu kommen - offenkundig gescheitert. [24] Ein solch resümierender Artikel ist auch eine Art "Dekonstruktion", eine Analyse der gemeinten Bedeutung aus pragmatischer Perspektive. "Wortreich" stünde dann für "Semantik" vgl. [25], "Sprachlosigkeit" für das pragmatische - vgl. [26] - Resümee: Es heißt im konkreten Fall: Zwischen euch und uns gibt es keine Gesprächsgrundlage - weder inhaltlich noch im kommunikativen Verhalten.

0.97 Brauchen Parteien "Jugendquote"?

Interview mit Jugendforscher Hurrelmann, SWP 15.7.2016:

Laut der jüngsten Shellstudie steigt das Interesse der
15- bis 24-Jährigen an Politik wieder. Fast die Hälfte
interessiert sich für das Weltgeschehen. Aber nur drei
Prozent können sich der Friedrich-Ebert-Stiftung zu- 
folge vorstellen, Mitglied in einer Partei zu sein. 
Woher diese Diskrepanz? 
KLAUS HURRELMANN: Die Parteien sind für die meisten
jungen Leute in sich geschlossene, nach eigenartigen,
bürokratischen Regeln arbeitende Apparate, in denen
mühsame Auseinandersetzungen vonstatten gehen und
anstrengende Aufstiegsrituale absolviert werden müssen,
wenn die eigene Stimme Gewicht haben soll. Kurzum:
Parteien vom heutigen Zuschnitt wirken auf junge Leute
in erster Linie abschreckend. 
Mancher meint, das gehe einher mit einer Abkehr von 
der Demokratie. 
HURRELMANN: Nein, weder schaut der Großteil der Jugend
mit Verachtung auf die Parteien, noch mangelt es am
Interesse für politische Fragen. Es gibt durchaus den
Wunsch, sich zu beteiligen.
Was machen die Parteien falsch?
HURRELMANN: In den Parteien haben vor allem die Vertre-
ter der Babyboomer-Generation und noch ältere Leute das
Sagen. Sie alle zusammen nehmen die Art und Weise, wie
junge Leute denken und was ihnen für die Zukunft wich-
tig ist, nicht wirklich auf und bekommen deshalb keinen
Kontakt zu ihnen. Dadurch entgehen ihnen wichtige Ent-
wicklungen. Wenn sich daran nichts ändert, wird sich
der Mitgliederschwund in den Parteien fortsetzen.
Seit 1990 haben die Parteien zusammen die Hälfte ihrer
Basis verloren. Wie können sie gegensteuern?
HURRELMANN: Die Parteien brauchen Druck, um sich auf die
jungen Leute zuzubewegen. Man sollte daher überlegen, ob
es nach der erfolgreichen Selbstverpflichtung zu einer
Frauenquote nicht auch eine Jugendquote geben muss - für
Amtsträger in der Partei ebenso wie für Listenplätze.
Warum etwa sollen nicht 30 Prozent aller Kandidaten
unter 35 Jahren sein?

Was versprechen Sie sich davon?
HURRELMANN: Eine solche Quote würde zwangsläufig dazu
führen, dass die Parteien um Junge werben, nach ihnen
suchen und sie an sich binden müssten. Das wird nur
gelingen, wenn sie auch den Zwang zur Mitgliedschaft
aufheben, wenn sie sich öffnen für Anhänger, die zwar
mitarbeiten, aber frei bleiben wollen. Junge Leute
wollen sich nicht auf Linie bringen lassen, sie wollen
mit ihren Ideen gehört werden, ohne dass man ihnen so-
fort Grenzen aufzeigt. Für sie zählen Freiheit, Indivi-
dualität und eine eigene Meinung. Das haben die Par-
teien alten Zuschnitts noch nicht begriffen.
Suchen junge Leute andere Beteiligungsformen etwa
Protestaktionen, Demonstrationen, Kampagnen? 
HURRELMANN: Das sind einfache politische Formen, meist
nimmt man damit Positionen für oder gegen etwas ein.
Man bindet sich nicht, kann am nächsten Tag schon an-
derer Meinung sein, das allein bringt uns nicht weiter.
Gestalten geht anders - und führt meist über die Par-
teien und letztlich auch über das Wählen. Der Gang ins
Wahllokal, das am Sonntag von 8 bis 18 Uhr geöffnet
hat, ist eine altbackene Veranstaltung, die der
Reform bedarf, ob man nun an mehreren Tagen, an ver-
schiedenen Orten oder Online wählen kann. Auch hier
muss sich etwas ändern, wenn sich junge Leute stärker
an politischen Prozessen beteiligen sollen.

1. Keiner weiß alles

Klar, dass bei "Dialog" der Hintergrund immer die Frage des WISSENs ist - wie auch immer dann konkret ausgeprägt, vgl. [27]

1.1 Nicht-Wissen + Dialog

Wer fraglos zu Aussagen, statements, sich in der Lage fühlt, braucht keinen Dialog. Was gewusst werden kann, scheint klar zu sein, damit auch abgeschlossen. Umgekehrt sind es Frage/Dialog, die einen Raum von Möglichkeiten öffnen. Ob und wo dieser Raum eine Grenze hat, ist zunächst unklar. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der, der sich in einen Dialog begibt, hinterher verändert sein wird. Wer in einen Dialog einsteigt, lässt einen Schwebezustand zu, eine Unsicherheit. Das Ahnen und Suchen werden zugelassen. Eine solche dialogische Einstellung kann im Alltag schon Beziehungen lebendig machen. Letztlich ist damit die Grenze hin zu religiös-mystischen Erfahrungen fließend (weil es darin auch um Offenheit und Nicht-Zementieren geht).

1.2 Hierarchische Firmenstruktur + Dialog: FEEDBACK

Beides scheint sich eigentlich auszuschließen, weil "Hierarchie" die Kommunikation von oben nach unten meint. Die Empfänger "unten" haben auszuführen, was "oben" beschlossen worden war. Firmen in wirtschaftlichen Schwierigkeit besinnen sich bisweilen eines Besseren. Auszug aus dem Interview mit dem Air-Berlin-Chef (aus: SZ 16./17.5. 2015):

...Dazu kam die Frage, was sind wir eigentlich?
Tour-Operator, Charter, Liniencarrier? Es gab
viele Diskussionen. Jetzt haben wir ein neues
System, an dem wir seit zwei Monaten lernen.
Wir haben gerade erst die Abteilung umorgani-
siert. Und hier macht sich das Mitarbeiter-
Feedback-System bezahlt, das ich eingeführt habe.
Ich bekomme täglich sehr viele Mails mit Verän-
derungsvorschlägen, unter anderem auch aus dem
Bereich Preissteigerung. Ich bin in vielen
Bereichen hautnah dabei.
Aber die Abteilungsleiter finden das sicher nicht
witzig, wenn ihre Mitarbeiter sie umgehen und direkt
zum Chef marschieren.
Wir haben hier eine offene Kultur geschaffen,
in der man angstfrei miteinander reden kann.
Es geht bei uns nicht um Konzernraison, sondern
darum, dass sich jeder Einzelne zum Wohle des
Unternehmens einbringen kann. Jeder bekommt am
gleichen Tag eine Antwort auf seine Anregungen,
innerhalb von zwei oder drei Stunden. Die Mit-
arbeiter kommen mit ihren Ideen, ich kopiere in
die Antworten oft gleich die Manager oder
Vorstände ein, die zur Lösung beitragen können.
Dann wissen die auch, dass ich Bescheid weiß
und müssen was tun.

(Die - attraktiv klingende - Neubesinnung kam offenbar zu spät und sollte ohnehin nicht lediglich - kurzatmig - als Notnagel eingesetzt werden. Jedenfalls war 2 Jahre später die Fa. am Ende.)

1.2.1 Hierarchische Firmenstruktur: Aggressivität in der Wirtschaft

Interview mit Management-Trainer: [28]

1.3 Tyrannis / Diktatur - Aristoteles, 4. Jhd.v.Chr.

Anknüpfend an [29] und aus gleichem Buch von Flashar die Zitate übernehmend:

(126) "Die Erniedrigung überragender und die Beseitigung
selbstbewusster Menschen; keine Tischgenossenschaften,
keinerlei politische Gruppierung, keine Bildung oder
anderes Derartiges zu dulden, sondern alles zu verhindern,
wodurch Selbstbewusstsein und Vertrauen entstehen könnte,
ferner keine Zusammenkünfte zu erlauben, die der Bildung
oder der Geselligkeit dienen, vielmehr alles zu tun, dass
die Menschen sich möglichst nicht näher kennenlernen; denn
Bekanntschaft bewirkt, dass sie eher zueinander Zutrauen
fassen; ferner, dass sie sich stets in der Öffentlichkeit
und vor den Türen aufhalten. So können sie ihr Tun am we-
nigsten verheimlichen und gewöhnen sich langsam daran,
stets unterwürfig zu sein ... Ferner gehört es hierher,
dafür zu sorgen, dass nichts verborgen bleibt, was ein
Untertan sagt oder tut, sondern dass es Spitzel und Lau-
scher gibt, wo immer eine Versammlung stattfindet. Denn
aus Angst vor ihnen reden die Menschen weniger frei, und
wenn sie es tun, dann bleibt es weniger verborgen... Es
ist auch typisch für einen Tyrannen, dass er keinen Ge-
fallen finden kann an Männern, die Würde und Freiheit
bewahren; denn der Tyrann beansprucht diese Qualität al-
lein für sich. Wer aber ihm gegenüber Würde und Freiheit
zeigt, der mindert den überlegenen Rang und den absolu-
ten Ansprich der Tyrannis. Solche Leute werden von Ty-
rannen mit Hass verfolgt, als wollten sie sein Regime
stürzen."

(139f) "Eine gewaltige Steigerung erfuhr die kunstgerecht
geformte Rede im Austragen der Interessen und Konflikte
der Bürger unter der politischen Konstellation der atti-
schen Demokratie des 5. Jahrhunderts. Die unmittelbare
Beteiligung des Bürgers an den politischen Entscheidungen
verlangte eine neue, geschliffenere Art des Redens im
Hinblick auf die Institutionen der Polis, der Volksversamm-
lung, die Gerichtshöfe mit ihren verschiedenen Zuständig-
keiten und den Rat der Fünfhundert. Das Fehlen eines
Berufsbeamtentums und von Berufsrichtern, die Bestellung der
Amtsinhaber zum Teil durch das Los, die Zusammensetzung der
Gerichte aus Laien, das Fehlen von Anwälten, die den
prozessierenden Bürger vertraten, der Umstand, dass das
Gericht sich nicht nach den Plädoyers zur Beratung zurück-
zog, sondern sein Votum unter dem unmittelbaren Eindruck
der vorangegangenen Reden abgab - das alles gab der öffent-
lich gesprochenen Rede ein ganz neues Gewicht. Damit ergab
sich auch die Notwendigkeit einer stärkeren Differenzierung
in einzelne Redetypen (Gerichtsrede, Staatsrede, Gelegen-
heitsrede) und einer Beachtung von Redetechniken (der
richtige Beginn, Wecken von Aufmerksamkeit und Wohlwollen,
Redeschmuck)"

1.4 ... deshalb ist das Verhandeln wichtig

"Dialog" ist natürlich die Fortführung = praktische Umsetzung des Registers EPISTEMOLOGIE, vgl. [30]. Liest man folgenden Text - aus SPIEGEL-online anlässlich des G20-Gipfels in Hamburg (2.7.2017), findet man nahezu alle Einzelaspekte der beiden Module wieder.

"Alles Fragen, die auf dem G20-Gipfel eine Rolle spielen
werden, weil jeder einzelne Nationalstaat mit ihrer Bear-
beitung überfordert ist. Und die auch die G20 nicht so
einfach beantworten wird, über die sich aber dennoch zu
debattieren lohnt - in der Hoffnung, allmählich die
Sichtweisen anzunähern und Lösungen zu erarbeiten.
Doch soviel Unschärfe ist schwer erträglich. Die Versu-
chung, Nichtwissen durch Glauben zu ersetzen, ist deshalb
groß. Glauben lässt sich nicht beweisen, aber leicht
verabsolutieren. Zweifel stören nur, obwohl sie doch
eigentlich Anstoß für neue Erkenntnisse sein könnten -
und für tragfähige Lösungen."

N.B. Die Anmerkung im Zitat, "Glauben" lasse sich "verabsolutieren", ist in unserer 'Grammatikdenke' richtig und in ihren gesellschaftlichen Auswirkungen vielfältig beobachtbar. Konkret:

  • Im Rahmen des Registers EPISTEMOLOGIE ist "Glauben" das Gegenteil von ERKENNEN/WAHRNEHMEN - da Letzteres immer begrenzt, lückenhaft ist, kann/muss es jeweils verfeinert werden - durch eigene Anstrengung und durch Einbeziehung des Wissens Anderer via Dialog (direkt mündlich oder schriftlich z.B. in der Wissenschaft). "Glauben" dagegen ist eine solitäre Überzeugung als erratischer Block, klar umrissen und sicher. Andere interessieren dann nur als Gleichgesinnte - man ist 'eines Sinnes'.
  • "Glauben" hat somit eine direkte Verbindung zu IDEOLOGIE, vgl. [31]. Damit ist jede geistige Position gemeint, die sich als unverrückbar, als die Wahrheit ausgibt, die absolute, nicht als eine unter vielen.
  • Dialogisches Ringen um das, was gelten soll, wird im Fall von ERKENNEN/WAHRNEHMEN benötigt. "Glauben" dagegen kann darauf verzichten. Kommunikation wird allenfalls verstanden als Einbahnbewegung: Es wird akzeptiert, was die Autoritäten vorgeben. Das ist Befehlsempfang, aber kein Dialog. - So äußert sich das "verabsolutiert".
  • "Glaubensgemeinschaften" werden durch ein gedankliches System im Hintergrund, eine Dogmatik, zusammengehalten. Allenfalls bruchstückhaft kann unsere Fähigkeit zu ERKENNEN/WAHRNEHMEN hierbei überprüfend tätig werden. Im Kern scheitert diese Modalfunktion aber - was regelmäßig von dogmatischer Seite quittiert wird: dieser und jener Glaubenssatz sei und bleibe ein Geheimnis, das man - unverstanden - hinnehmen müsse. = Verweigerung eines weiteren Dialogs.
  • Die geistige Zementierung durch die Dogmatik sorgt für konstante Gegnerschaft. Deswegen kam/kommt es zu Mord und Totschlag in Glaubenskriegen. In mitteleuropäischer Gegenwart werden - zivilisierter - folgenlose Scheingespräche geführt, also Dialoge, "Ökumene" genannt, die auf keinen Fall eine Veränderung der Dogmatiken im Hintergrund zum Ziel haben. V.a. die Amtsverständnisse der Glaubensgemeinschaften - am Beispiel des Christentums - werden sich nie harmonisieren lassen.

2. Politik

Diplomatie hat ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten und Förmlichkeiten, völkerrechtliche Standards. Aber im Kern sollen Probleme per Dialog und nicht durch Krieg gelöst werden. Auch auf dieser Ebene gelten Standards, wie sie anschließend in der Alternativ-Grammatik beschrieben werden.

2.1 Europa und Afrika

Aus einem Bericht des Schwäbischen Tagblatts Tübingen (16.7.2011)

"Dialog und Respekt: Das sind für den ehemaligen
Bundespräsidenten Horst Köhler und den Schriftsteller
Henning Mankell Schlüsselwörter. Beides vermissen
sie im Verhältnis zu Afrika. Europa müsse eine
bessere Partnerschaft ohne Dominanz anbieten - so
ihr Fazit beim Werte-Symposium am Donnerstagabend. ...
(Mankells) Rat, dass die westliche Welt nicht nur
reden, sondern auch zuhören solle, war leicht zu
verstehen. Ebenso der Appell 'nicht mit Koffern voller
Lösungen' aufzutauchen, wenn man um Hilfe gebeten wird'."
  • "Dialog" - damit ist die Reihe von Unterpunkten in dieser Ziff. 4.12 angesprochen: [32] ...
  • "Respekt" betrifft den FACE-Aspekt: [33]
  • "Koffer voller Lösungen" ist eine Metapher für WI im Rahmen des Themas "Sprecherwechsel": [34] - einer der potenziellen Gesprächspartner - hier: Europa - tritt als jemand auf, der nur sich selbst gerne reden hört, Beiträge des Partners nicht zu benötigen scheint.

2.2 Iran und die Bombe

Anfang November 2011 - vielleicht wird das Datum im Rückblick einmal noch wichtig - spitzt sich der Konflikt zwischen der IAEO/Wien (Atomenergiebehörde) und dem Iran zu, damit auch zwischen der Völkergemeinschaft (an vorderster Front: Israel) und Iran.

Laut einem Spiegel-ONLINE-Bericht (7.11.11) sind unter dem Aspekt Dialog/Diplomatie eine Reihe von Faktoren erfüllt, die ein Scheitern anzeigen. Auszüge:

"Voller Ungeduld blicken die Regierungen der
westlichen Staaten nach Wien. In dieser Woche
will die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) 
ihren jüngsten Bericht über die nuklearen
Aktivitäten Irans veröffentlichen."

Man blickt nach Wien und geht nicht nach Teheran, weil es in den letzten Jahren nicht gelungen ist, eine solide diplomatische Gesprächsbeziehung zu schaffen. Vgl. 4.122 Gesprächskontakt - phatisch

"Laut "Washington Post" hat das iranische
Nuklearprogramm die schwierigsten Hürden
auf dem Weg zu einer Nuklearwaffe gemeistert." 

Das bedeutet: Alle Anstrengungen der Vergangenheit/Gegenwart konzentrieren sich auf ein Instrument zur physischen Vernichtung dessen, der bei anderer Denkweise Verhandlungspartner sein könnte. vgl. 4.0612 Existenzsätze – Streit ums Thema / Subjekt Aber zu kommunikativer Problembehebung ist man nicht willens und nicht in der Lage.

"Der Westen vermutet seit langem, dass Iran
unter dem Deckmantel eines zivilen Atomprogramms
auch Atombomben entwickelt. Der iranische
Außenminister Ali Akbar Salehi hatte bereits am
Wochenende erklärt, der IAEA-Bericht beruhe auf 
"falschen Dokumenten"."

Hier geht es nicht darum, quasi richterlich die Behauptung der "falschen Dokumente" zu prüfen. Aber man kann nennen, dass der Iran seit Jahren einer offenen Diskussion und Offenlegung von Industrieanlagen ausweicht. Der unspezifische Verweis auf "falsche Dokumente" wirkt auf diesem Hintergrund wie eine Schutzbehauptung, anders gesagt eine "Lüge", womit ebenfalls unterstrichen wird: "Wir wollen mit euch keine Gesprächs-/Verhandlungsbeziehung".

"Kurz vor der für Dienstag oder Mittwoch
erwarteten Veröffentlichung der IAEA-Analyse
nimmt der diplomatische Druck zu. Russland
warnt nun erneut vor einem möglichen
Militärschlag. 'Ein Angriff wäre ein sehr ernster 
Fehler, dessen Folgen unabsehbar wären',
sagte Außenminister Sergej Lawrow am Montag
nach Angaben der Agentur Interfax in Moskau. 
'Militärschläge bringen keine Lösungen, sondern
nur viele Opfer', so Lawrow."

Darin hat der Außenminister sicher recht. Noch besser wäre es, ihm würde ein Mittel einfallen, mit dem der Konflikt auf die politische Tagesordnung gebracht werden könnte, unter Einbeziehung Irans. Solange das nicht geschieht, nimmt die Bedrohung zu. Nicht-Verhandeln ist nur die Ruhe vor dem Sturm.

"Der israelische Präsident Schimon Peres hatte
am Wochenende einen Militärschlag Israels und
anderer Staaten gegen das iranische Atomprogramm
für immer wahrscheinlicher erklärt. 'Ein Angriff
ist näher als eine diplomatische Lösung',
zitierte die Zeitung 'Israel Hajom' Peres am 
Sonntag in ihrer Online-Ausgabe. 'Die
Geheimdienste aller Länder wissen, dass die Zeit
abläuft', sagte Peres nach Angaben der Zeitung 
'Haaretz' vom Samstag auch in einem
Fernsehinterview. Iran könne schon in sechs
Monaten eine Atombombe haben, warnte der 
Friedensnobelpreisträger von 1994."

Was die iranische Gesprächsunwilligkeit betrifft - permanentes NI in unserer Terminologie, vgl. 4.123 Sprecherwechsel -, so dürften zwei Faktoren eine Rolle spielen.

  1. Iran hat in den vergangenen Jahren immer wieder sein Recht auf Entwicklung einer Atomindustrie betont. Das klang danach, dass auf diese Weise das eigene Selbstbewusstsein demonstriert werden sollte und zugleich der Anspruch, dass man gefälligst nicht mehr als Entwicklungsland von andern angesehen, auch nicht bevormundet werden wolle. Das sieht so aus, als sei der Faktor 4.126 FACE-Konzept, "Gesicht wahren" angesprochen. Und möglicherweise mussten und müssen die Großmächte in der Tat hierbei früheres Verhalten ändern.
  2. Nahe liegt seit der iranischen Revolution 1980 aber auch der Gesichtspunkt der ideologischen Verblendung. Vgl. 4.54 Addition von Klischees = festes Weltbild. D.h. der Islam in dieser rigiden Form dürfte genausowenig gesprächsfähig mit Vertretern anderer kultureller/religiöser Hintergründe sein wie jede sonstige rigide Ideologie.

Beide Faktoren sind ein eminentes Hindernis, zu einer politischen Lösung zu kommen. Solange dieses nicht überwunden wird, droht eine andere Lösung, die nämlich, die die Ausradierung eines möglichen politischen Partners anstrebt, die Frage der Existenz: 4.1137 Existenz, Ort - indirekte Wertungen--Hs 19:36, 7. Nov. 2011 (UTC)

2.3 Jauch-Runde - auch mal Lob

SPIEGEL-online geht am 24.11.2014 auf die tags zuvor gesendete Talk-Runde zum Thema Putin/Russland ein. Unter Dialog-Gesichtspunkten scheint der Talk ganz akzeptabel abgelaufen zu sein. Auszug:

"Für die Qualität der Diskussion mussten derweil
die anderen Teilnehmer sorgen, und das gelang
ihnen auch recht gut. Die Politiker Matthias
Platzeck (SPD) und Alexander Graf Lambsdorff
(FDP) sowie die Journalistin Gabriele
Krone-Schmalz taten nämlich etwas, das für
politische Talkshows nicht unbedingt typisch
ist: Sie äußerten sich zwar hart zur Sache,
doch sie hörten einander auch zu, gingen auf
Argumente ein, sprachen und stritten so ergiebig
kontrovers und zugleich konstruktiv, dass man
sich als Zuschauer bei dem Gedanken ertappen
konnte, es möge doch auch zwischen dem Westen
und Russland in solch einem Stil verhandelt
werden.
Leidenschaftliche Sachlichkeit
Es wurde, wenn man so will, eine Stunde der
Realpolitik - des Versuchs also, mit durchaus
leidenschaftlicher Sachlichkeit ein Stück
wegzukommen von den Klischees der
Dämonisierung ebenso wie der dubiosen
Bewunderung der polarisierenden Zentralfigur
Putin. Stattdessen rückten, auch in
Erinnerung an Brandts Ostpolitik, die
klassischen Verhandlungstugenden wie jene der
Einfühlung in die Befindlichkeiten der
Gegenseite in den Vordergrund. Vor allem
müsse der Westen eingestehen, dass er
gegenüber Russland Fehler gemacht, die
West-Signale während Putins erster Amtszeit
nicht hinreichend beachtet habe, mahnten
Platzeck und Krone-Schmalz immer wieder an."

2.4 Koalitionen

Um eine regierungsfähige Mehrheit zu erreichen, sind in aller Regel - außer eine Partei gewann die absolute Mehrheit - Koalitionen nötig. Man kann sie guten Gewissens dialogbasierte Kooperationen nennen, gewiss, nach den ersten Verhandlungen per Koalitionsvertrag zementiert. Bis es zu einem solchen kommt - und auch in der Zeit der gemeinsamen Arbeit - sind sehr viele Dialoge / Verhandlungen nötig.

Die Frage ist auch auf dieser hohen Ebene, wie die Partner miteinander umgehen, wie deren Face längerfristig geachtet wird. Wie in einer kleinen Gesprächsrunde kann es auf der politischen Ebene sein, dass - strategisch gewollt oder aus Unfähigkeit unterlaufen - das Face einer beteiligten Gruppierung konstant strapaziert und missachtet wird, vielleicht sogar gewollt im Blick auf die nächsten Wahlen. Dialog in diesem Sinn auf der politischen Ebene kann ähnlich strapaziös sein wie - manchmal - im privaten Bereich. Die Mechanismen sind jedoch durchaus vergleichbar. - Und letztlich führt auch kein Weg an einer solchen dialogischen Kooperation vorbei. - Aus einem Kommentar in SPIEGEL-online (23.9.2013):

"Der Deutsche hat die Angewohnheit, politischen
Streit zu verachten und den Konsens zu verehren.
Das ist etwas unambitioniert, doch hat es sich
in der Vergangenheit ausgezahlt. Unser Wahlrecht,
der Föderalismus, die Mitbestimmung in der
Wirtschaft, fast alle gesellschaftlichen Bereiche
sind auf Konsens ausgerichtet - und sie
funktionieren meist erfolgreich.
Andere Länder wie Frankreich blicken mit einer
Mischung aus Skepsis und Bewunderung auf die
Runde-Tisch-Kultur der Deutschen. Die Franzosen
leiden in der Euro-Krise darunter, dass bei ihnen
die politischen Fronten so sehr verhärtet
sind, Reformen werden praktisch unmöglich. So ist
die Große Koalition etwas typisch deutsches, sie
ist langweilig, aber solide. Kein Wunder, dass
sich die Mehrheit der Deutschen ein solches Bündnis
wünscht, fast vor jeder Wahl seit vielen Jahren."
2.4.1 Parlament - dröge Langeweile oder lebendige Debattenkultur?

2017: Plädoyer, es im Bund mal mit einer Minderheitsregierung zu versuchen: [35]

2.5 TV-Duell: Gabriel vs. Slomka

Auszug aus der Kolumne von Jakob Augstein (SPIEGEL, 2.12.2013) zum weiteren Verfahren nach den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/CSU und SPD. Vor Regierungseintritt befragt die SPD die Parteimitglieder. - Einiges von dem, was hier zum Verlauf des Dialogs referiert wird, zum Verhalten der beiden Beteiligten, kann mit den weiteren Unterpunkten zum "Dialog" hier in der Alternativ-Grammatik gut beschrieben werden. In Standardschulgrammatiken wird man dazu nichts finden.

Slomka fragt Gabriel, ob sich so ein Mitglieder-
Entscheid mit der repräsentativen Demokratie
vertrage und ob er sich "verfassungsrechtliche
Gedanken" gemacht habe. Gabriel antwortet:
"Nee, weil es ja auch Blödsinn ist." Warum solle
direkte Demokratie in einer Partei verboten sein?
Slomka erwidert, die Abgeordneten seien nach dem
Grundgesetz frei in ihrer Entscheidung, aber
die SPD-Basis schreibe ihnen jetzt vor, wie sie
abzustimmen haben. "Nee, das ist völlig falsch,
was Sie sagen", sagt Gabriel. "Sie schreibt dem
SPD-Parteivorstand vor, ob er einen Koalitions-
vertrag am Ende mit der Union eingehen soll oder
nicht." ...
An diesem Punkt dauerte das Gespräch knapp drei
Minuten, und Marietta Slomka wäre gut beraten
gewesen, es hier zu beenden. Denn Gabriel hat
recht, und sie hat es nicht begriffen. Statt-
dessen aber wirft sie Gabriel vor, dass seine
Parteimitglieder jetzt viel mehr Einfluss auf
die Bildung der Bundesregierung hätten als
andere Bürger: "Ist das wirklich so ganz
einwandfrei demokratisch, und jeder, der das in
Zweifel zieht, redet Blödsinn?"
Slomka sagte das im scharfen "Ha! Erwischt!"-Ton.
Und spätestens jetzt erinnert sie an Susanne
Klickerklacker, das Mädchen aus der "Sesamstraße",
das uns den Unterschied zwischen nass und trocken
erklärt. Gabriel übernimmt die Rolle des freund-
lichen Monsters, das ihr den Eimer Wasser über den
Kopf kippt. Er erklärt ihr nämlich, dass bei CDU
und CSU noch viel weniger Menschen über die Koali-
tion befinden und sagt: "Es ist keine bessere
Demokratie in einer Partei, wenn nur der Vorstand
entscheidet oder nur der Parteitag."
Zu diesem Zeitpunkt steht die Gesprächsuhr bei
4.28 Minuten - und wenn Slomka jetzt einfach
gesagt hätte: "Vielen Dank, Herr Gabriel", wäre
sie gerade noch mal so aus der Sache herausge-
kommen. Stattdessen legt sie nach: "Ich dachte,
alle Staatsgewalt geht vom Volke aus."
Da war Gabriel echt genervt. Er erteilte der
Journalistin noch ein bisschen Gemeinschaftskunde-
Unterricht und bat dann beinahe flehend: "Lassen
Sie uns diesen Quatsch beenden." Aber sie ließ
einfach nicht locker. Es war schrecklich.
Noch schrecklicher war, dass Slomka nachher dafür
gelobt wurde. "Bild am Sonntag" sprach für viele
Medien, als sie die Kollegin bejubelte:
"Bohrende Fragen sind ihre Spezialität." Zuhören
offenbar nicht.

2.5.1 TV-Duell: Macron vs. Le Pen

2017 - Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich. Nicht um Sachthemen ringen die Kandidaten, sondern sie versuchen, sich als Personen zu elimineren. Es kommt also schon keine Gesprächsbasis zustande ("phatisch"): [36] Schreien und Verunglimpfen bleiben dann nur noch.

2.6 Türkei: Politik durch Gesprächsverweigerung ?

[37] - das wird nicht gehen. Welches ist der innenpolitische Zweck? Einschüchterung? Machtprotzerei / Wahlkampfgetöse?

2.7 Nachfolgefrage im Landesparlament - Interview

Text mit Einladung zur Analyse:[38] - zur Verfügung gestellt von J.Germann. Die einzelnen Frage-Antwort-Züge kann man zunächst je für sich durchgehen, und am Schluss eine Gesamtbeurteilung des Interviews versuchen.

* der Aspekt Sprecherwechsel ist bei der Interviewform
  festgelegt, die Rollen sind verteilt - es ist klar, wer
  frägt, wer Auskunft geben soll. Dennoch gibt es in
  diesem Rahmen doch immer wieder Bemerkungen, die die
  Art der Sprechbeteiligung thematisieren.
* der Aspekt Thematik sollte auf jeden Fall unter-
  sucht werden: wie passen die Antworten auf die Frage?
  Gar nicht - teilweise - exakt - oder wird mehr beant-
  wortet, als gefragt worden war?
* enthalten die Antworten übertragenen Sprachgebrauch?
  Wenn ja, was soll jeweils damit erreicht, indirekt
  ausgesagt werden?
* Wie ist die Beziehung des Gefragten zum Frager? -
  Keine Hinweise? Herablassend? Kooperativ? usw.
* Gibt es Indizien für Implikationen - so dass un-
  ausgesprochen manches in den Antworten mitgemeint ist?
* Gehen die Partner von den gleichen Wissensvoraussetzungen
  = Präsuppositionen aus? Oder sieht sich der Antwortende
  gezwungen, manche Annahme des Fragenden zu korrigieren,
  zurechtzurücken?
...

Nach Abarbeitung dieser Punkte kann man insgesamt fragen, welche Strategien die beiden Partner verfolgen - und wie erfolgreich / überzeugend sie dabei sind.

2.8 Attraktivität von Terrorismus - Dialog als Gegenmittel

... allerdings ohne die Verheißung schneller und billiger Erfolge. Dialog als geduldiges Ernstnehmen der Partner. Zugleich als Gegenkonzept zur platten Übernahme einiger "heiliger" ideologischer Parolen und Orientierungen - vgl. [39].

Interview mit einem Terrorismusexperten. Vgl. [40]

2.9 TV-Debatte zum "Brexit"

Der folgende Bericht interessiert uns v.a. wegen der Schilderung, wie die Debatte ablief. Nicht allein die inhaltliche Position interessiert (GB in der EU oder außerhalb?), sondern wie die Gesprächspartner aufeinander reagieren: Wer bringt welche Themen ein? Akzeptiert der Andere ein neues Thema? Wird das vorige Thema des Diskussionspartners abrupt abgebrochen, ignoriert? Sind Reflexionen zum Verlauf der Debatte, zum Verhalten des Partners eingebaut? Wie sind die körpersprachlichen Reaktionen? Wird der Gesprächspartner anstelle des Themas angegangen? usw. Vgl. [41]

2.10 Neu im Amt: Präsident Trump ...

... und hat sich gleich verzockt, vgl. [42]. Anders gesagt: Der Präsident handelte egoman, diskursunfähig. Eine solche Politik scheitert früher oder später.

2.11 Gesprächsverweigerung von seiten der Regierung Israels

Disziplinierung des auf Besuch weilenden Außenministers? - Unter Dialoggesichtspunkten eine verheerende Position. [43]

3. Steuerungen

3.1 Moderatoren

Ein "Dialog" ist ein komplexes Gebilde. Damit er gelingt, muss einiges geleistet werden. Davon handeln die weiteren Unterpunkte von Ziff. 4.12. Normalerweise organisieren die Gesprächspartner selbst, über welches Thema, mit welcher Gesprächsbeteiligung gesprochen werden soll, wie die Schlussbewertung aussieht.

In offiziellerem, auch größerem Rahmen ist die Mitwirkung von Moderatoren sinnvoll/notwendig, die genau diese Funktionen im Blick haben und mit der Gruppe zu realisieren versuchen. Vgl. [44]

3.2 Schüchternheit überwinden

'Kontakt aufbauen = phatisch, womöglich zu fremden Menschen? - Im folgenden Ausschnitt befragt der Junge zunächst seinen Vater, - und dann ...? Aus: H-J- Ortheil, Der Stift und das Papier. Roman einer Passion. München 2015. S.297f:

Wenn er selbst das Fremde nicht erklären könne, müsse
ich Menschen in unserer Umgebung befragen. Aber wen?
Menschen am Wegrand, Menschen, denen wir begegneten.
   Ich soll mit Menschen am Wegrand sprechen? Einfach
so? Ich soll 'wildfremde' (wie Mama sagen würde)
Menschen anhalten und befragen? Papa sagt, genau das
solle ich während unserer Reise tun und üben. Zuerst
müsse ich die Angst vor fremden Menschen verlieren.
Keiner von ihnen wolle mir etwas tun oder sei ungehalten,
wenn er von einem Jungen in meinem Alter angesprochen
werde. Fast alle Menschen würden sich vielmehr darüber
freuen. Sie würden gerne und bereitwillig antworten.
Einige würden mich sogar mitnehmen und mir etwas von
ihrem Leben zeigen. Keine Angst also und keine
Schüchternheit!

3.21 Verklemmte Gesprächseröffnung

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973.

"Heumond"

(127) "Diese führte mit dem Hauslehrer, der sich seiner
albernen Rolle von gestern schämte, ein lebhaftes Gespräch
über Sportsachen. Es ging Herrn Homburger dabei wie vie-
len Leuten; er sprach über Dinge, von denen er nichts
verstand, viel gefälliger und glatter als über solche,
die ihm vertraut und wichtig waren. Meistens hatte die
Dame das Wort, und er begnügte sich mit Fragen, Nicken,
Zustimmen und pausenfüllenden Redensarten. Die etwas ko-
kette Plauderkunst der jungen Dame enthob ihn seiner ge-
wohnten dickblütigen Art; es gelang ihm sogar, als er
beim Weineinschenken daneben goß, selber zu lachen und
die Sache leicht und komisch zu nehmen. Seine mit Schlau-
heit eingefädelte Bitte jedoch, dem Fräulein nach Tisch
ein Kapitel aus einem seiner Lieblingsbücher vorlesen zu
dürfen, wurde zierlich abgelehnt."

3.3 Gespannte Aufmerksamkeit erzeugen

Aus: H-J- Ortheil, Der Stift und das Papier. Roman einer Passion. München 2015. S.308f:

Ich habe darüber nachgedacht, warum Andrea sich mit
mir nicht in der Umgebung zeigen will. Und ich bin
zu dem Ergebnis gekommen, dass sie etwas Heimlich-
tuerisches hat. Häufig sagt sie: "Psst! Sag das
nicht zu laut!" oder auch: "Das sage ich nur Dir!"
oder sogar: "Das wissen nur wir zwei." In all diesen
Fällen geht es aber um nichts Besonderes oder
Wichtiges oder Geheimes, sondern um alltägliche
Dinge. Andrea aber tut so, als verriete sie mir
lauter Geheimnisse. Sie beginnt zu flüstern, streckt
den Kopf zu mir hin, legt den Zeigefinger auf ihre
Lippen und spricht plötzlich ganz langsam. Manchmal
verstehe ich wegen der geringen Lautstärke und des
langsamen Sprechens nicht, was sie sagt, aber ich
frage nicht nach. Ich nicke nur, und ich merke, dass
mir wirklich der Mund offen steht, sondern sogar meine
gespannte, angestrengte Aufmerksamkeit schenke. Sie
möchte mich auf ihre Worte und Sätze fixieren, so dass
ich mich ganz und gar auf sie konzentriere. Flüstern
tun sonst nur die Priester am Altar, während des
Gottesdienstes. Sie flüstern in besonders wichtigen
Momenten, und während sie flüstern, wird es in der
Kirche sehr still. Die Gläubigen beten und denken an
nichts anderes mehr als den Herrgott und das, was
der Priester gerade flüstert. Andrea will, dass ich
ähnlich intensiv auf ihre Worte achte und dass ich an
sie denke.

3.4 Verhör (Polizei)

Vgl. DER SPIEGEL 1/2016 14ff - längerer Artikel darüber,

  • dass es sogar sein kann, dass im Rahmen eines Verhörs ein Beschuldigter sogar glaubt und bestätigt, Handlungen begangen zu haben, bei denen man auf anderen Wegen - im günstigen Fall, ansonsten droht eine Falsch-Verurteilung - erkennt, dass er sie nicht vollzogen hat;
  • die Strategie des Fragens kann die Ergebnisse stark beeinflussen. Dazu einige Zitate (21):
"Jede Frage leitet", sagt auch der Stuttgarter
Vernehmungsexperte Wendler. Deshalb beginnt die
wissenschaftlich korrekte Vernehmung mit einem
"freien Bericht". Der Zeuge soll einfach alles
erzählen, was ihm rückblickend einfällt. Nebensäch-
liches inklusive. Unterbrechen ist nicht erlaubt;
Zeit für Fragen bleibt anschließend.
   Es ist vielfach belegt, dass Zeugen auf diese
Weise am meisten zutage fördern. Versuche zeigen
freilich auch, dass Polizeianfänger dem Befragten
in der Regel schon nach kaum zehn Sekunden ins Wort
fallen. Selbst erfahrene Kräfte verlieren zu früh die
Geduld, etwa wenn ihr Gegenüber allzu sprunghaft
erzählt. "Jetzt aber bitte der Reihe nach", heißt
es dann gern - ein kapitaler Fehler", sagt Wendler.
"Er kommt leider sehr häufig vor."
   Soll ein Zeuge der Reihe nach erzählen, fällt ihm
weniger ein. Das Gedächtnis funktioniert nun einmal
nicht chronologisch. Wer sich erinnert, springt von
Punkt zu Punkt. Er folgt seinen Assoziationen, wie
sie sich im Kopf gerade zusammensetzen. Sprunghaf-
tigkeit ist geradezu ein Kennzeichen für Selbst-
erlebtes, für die Wahrheit einer Aussage. Ein Zeuge,
der seine Erinnerungen herunterschnurren kann,
sollte Verdacht erregen: Hat er sich vielleicht nur
eine Lügengeschichte eingeprägt? ...
   Für die Praxis hat Hermanutz einen Satz
"Vernehmungskarten" mit knappen Anleitungen
entwickelt. ...
   Nicht alle erschließén sich auf Anhieb: Bringt
es wirklich etwas, dass der Zeuge nach dem freien,
ungestörten Bericht seine Geschichte noch einmal
rückwärts erzählt? Tatsächlich fördert die besondere
Anstrengung zusätzliche Details zutage, wie Studien
zeigten. Die britische Polizei wendet die Methode
bereits mit Erfolg an. ...
   So sind die meisten Polizisten überzeugt davon,
dass Erinnerungen rasch verblassen. Deshalb erregt
ein Zeuge eher Argwohn, wenn ihm nach der ersten
Vernehmung noch weitere Details einfallen:
Warum hat er das nicht gleich gesagt? "Aber so
arbeitet eben das Gedächtnis", sagt die Forscherin.
"Manches kommt erst später zutage."
   Man muss freilich ausschließen, dass dabei
Suggestion im Spiel war. Dann aber erweisen sich
auch nachträglich erinnerte Details als erstaunlich
häufig als richtig.   

3.5 "Das ist eine andere Baustelle"

Der Satz - mitten in einem Gesprächsbeitrag eines laufenden Dialogs geäußert - ruft schlagartig mehrere weitere Querverbindungen (vgl. [45]) wach. Einige seien angedeutet. Die Liste ist vermutlich aber noch nicht vollständig:

  • Seit einigen Jahren handelt es sich um eine Formel, mit allen Effekten, die dieser Sprachform anhaften, vgl. [46]
  • Meist ist ja nicht eine 'echte' Baustelle im Spiel; folglich handelt es sich um übertragenen Sprachgebrauch, vgl. [47]
  • Der Zweck ist einerseits, ein neu in den Blick kommendes Thema zu stoppen, nicht im aktuellen Dialog zuzulassen, vgl. [48]
  • Andererseits stilisiert sich der Sprecher hoch: er ist der, der den großen Überblick hat, 'Themenkompetenz'; und es kann auch sein, dass er andeutet: falls man seinem Einwand nicht folgt, werde er die Gesprächsbeteiligung aufkündigen, vgl. [49]

4. Krieg

4.1 Nicht-Kommunikation

"Man kann nicht nicht-kommunizieren" - so der häufig zitierte Satz des Kommunikationstheoretikers Marshall MacLuhan. - Stimmt das überhaupt? Man kann den potenziellen Partner ignorieren: "Der ist für mich Luft", "Der interessiert mich nicht mehr", "Der ist für mich gestorben". Unter diesen Voraussetzungen kommt es tatsächlich zu keinem Dialog. Auf kommunikativer Ebene ist die Existenzfrage negativ beantwortet worden - vgl. [50] - d.h. der andere wird nicht als Gesprächspartner, als Subjekt anerkannt. Mit der Folge: Mit einem Nichts kann man nicht reden.

Die Vermeidung, Unterdrückung eines Dialogs bedarf in solchen Fällen einer beachtlichen Anstrengung. Zu dem abgelehnten Partner besteht sehr wohl eine Beziehung, wenn auch eine negative. Zwischen beiden Kontrahenten besteht kein Vakuum, keine Nicht-Kenntnis von einander, keine Gleichgültigkeit (auch wenn mancher sich das so einreden mag). Also ist auch die Vermeidung von Dialog sprechend. Zunächst auf emotionaler Ebene herrscht zwischen den potenziellen Partnern "Krieg", in einem metaphorischen Sinn.

Häufig genug - jede Zeitung liefert täglich dutzende von Beispielen - wird aus dem metaphorischen Sinn ein realer: Einzelpersonen oder Staaten, die unfähig sind, ersprießlich miteinander zu kommunizieren, attackieren sich real. Wenn man Streitfragen kommunikativ nicht klären kann, geht man dazu über, den Gegner real = physisch auszulöschen.

Das ist - leider - ein weites Feld, bei dem die Betrachtung, wer wie mit wem (nicht) redet, ergänzt werden sollte durch Beiträge/Beispiele von Historikern, der Gemeinschaftskunde, Beispielen aus der Literatur u.ä. - Anlass für diesen Beitrag war die Einweihung des "Militärhistorischen Museums Dresden", das schon architektonisch (Daniel Libeskind) atemberaubend sichtbar macht - vgl. [51] -, worum es geht: Auslöschung des Partners.--Hs 06:49, 28. Sep. 2011 (UTC)

S. Bode, Die vergessene Generation. Kriegskinder
brechen ihr Schweigen. Stuttgart 2004 lässt ein
inzwischen erwachsenes "Kriegskind" zu Wort kommen,
das sich an seine Mutter richtet.

(164f) "Du hast von mir absoluten Gehorsam erwartet.
Gab ich Widerworte, schlugst Du mir ins Gesicht.
Weigerte ich mich, Lebertran zu schlucken, schlugst
Du mir ins Gesicht. War ich nicht leise genug, so daß
Dein Mittagsschlaf gestört wurde, schlugst Du mir ins
Gesicht. Es war auch gefährlich, in Deiner Gegenwart
zu weinen, jedenfalls aus Verzweiflung oder Angst: das
war für Dich kein Grund. Du sagtest immer: 'Wer weint
ohne Grund, der kriegt eine Ohrfeige, damit er weiß,
warum er weint.'
   Ging mir etwas kaputt, oder hatte ich Dir einmal
nicht gehorcht, setzte ich alles daran, Deine Wut zu
mildern: mit Schmeichelei, mit Beschwichtigung, mit
Selbstbezichtigung, mit Verschweigen, mit Lügen.
Aber wehe, Du hast mich beim Lügen erwischt: Dann
hast Du erst recht auf mich eingeprügelt. Wenn Du
einen Erziehungsauftrag mit solcher Deutlichkeit
spürtest (nämlich: man muss dem Kind das Lügen
austreiben), gab es keinen Funken Gnade mehr. Dann
hieß es: 'Hol den Rohrstock, Renate - wir gehen in
den Keller!'
   Es gab Pausen. Du hast mich nicht ständig
geschlagen. Aber die Bedrohung blieb. Mit einer
Ohrfeige war stets zu rechnen. Als ich erwachsen
war, habe ich Dich einmal gefragt: 'War ich ein
aufmüpfiges Kind, schwer erziehbar, mißraten?
'Keineswegs,' sagtest Du. 'Ich habe nicht in
Erinnerung, daß Du schwierig warst.'
'Aber warum hast du mich dann so viel geschlagen?'
'Renate, du übertreibst.' " 
Aber manchmal klappt körperliche Gewalt anstelle
sprachlicher Verständigung dann doch nicht:
Kriegserlebnis des späteren Architekten P. Busmann.
(166f) "Ich möchte Ihnen eine kleine Geschichte
erzählen, die ich 1943 als Kind in Kiel erlebt habe:
Stellen Sie sich ein häßliches kasernenartiges
Schulgebäude vor und da den Schulhof während der
Pause. Ich prügle mich mit einem Klassenkameraden,
und wie das Schicksal es will, liege ich gerade in
dem Moment über meinem Gegner, als wir beide in
eines der Souterrain-Fenster fallen, dessen Glas
-scheiben mit lautem Klirren zu Bruch gehen. 
   Kaum bin ich wieder auf den Beinen, werde ich
von einer schadenfroh grölenden Horde zum aufsicht-
führenden Lehrer gestoßen. Der nimmt mich wortlos
mit in das Klassenzimmer, entnimmt dem Schrank einen
Rohrstock, schlägt mich aber nicht, fährt nur mit
dem Daumen fast liebevoll über das Marterinstrument
und sagt: 'Morgen, Freundchen...'
   Wieder losgelassen, bin ich allein mit meiner
Angst und den jagenden herzklopfenden Gedanken,
deren Mittelpunkt nicht so sehr die bevorstehende
Züchtigung ist wie die Scham, 'es' zu Hause
erzählen zu müssen.
   Zu Hause bringe ich kein Wort heraus.
   In der Nacht werden wir von heulenden Sirenen
aus dem Schlaf gerissen. Fliegeralarm jagt uns
alle in den Keller, fragwürdiger Schutz im Getöse
von FLAK- und Bombentreffern.
   Unser Block bleibt dieses Mal noch verschont, und
ich muß mich am nächsten Morgen mit bleischwerem
Herzen auf den Weg zur Schule machen. Von der letzten
Straßenbiegung sind es noch wenige Schritte bis zur
Schule, als ich aufblicke, kann ich es nicht fassen:
Die Schule ist weg. Anstelle des gewohnten Backstein-
massivs nur ein Haufen rauchender Trümmer. Ich kann
mich nicht erinnern, je wieder ein solches Glücks-
gefühl gehabt zu haben wie in diesem Moment." 

4.11 Hiroshima - Nagasaki

SWP am 5.8.2015.

"Vor 70 Jahren, am 6. August 1945, warfen die USA mit
'Little Boy' um 8.16 morgens die erste in einem Krieg
eingesetzte Atombombe auf Hiroshima ab. Zwei Drittel
der Stadt wurden vernichtet, 80 000 Menschen verloren
sofort ihr Leben. Bis Jahresende belief sich die Zahl
der Toten auf 140 000. Am 9. August wurde die zweite
Bombe über Nagasaki gezündet. Der damalige US-Präsident
Harry S. Truman sagte, die Bomben seien abgeworfen
worden, um den Pazifikkrieg zu beenden und noch mehr
Tote zu verhindern. Japans Kaiser Hirohito erklärte
am 15. August 1945 die Kapitulation seines Landes."

Bei diesem Thema ziehen natürlich die Opferzahl und das Ausmaß an Zerstörungen, die jahrzentelange radioaktive Strahlung mit Folgeschäden die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Die Truman-Äußerung mag vor diesem Hintergrund als zynisch und inhuman erscheinen.

Von unserem aktuellen Modul "Dialog" her ist aber ein zweiter Aspekt - unserem Eindruck nach - nie in die Betrachtung eingeschlossen:

Wenn eine Woche nach diesen Abwürfen der japanische
Kaiser durch eine bloße Unterschrift unter die
Kapitulationsurkunde weitere Hunderttausende an Toten
auf beiden Seiten und ohnehin sinnlose Zerstörungsorgien,
Materialschlachten, verhindert hat, also durch einen
Minimalbeitrag auf der Ebene politischer Kommunikation,
so kann man annehmen: diesen Schritt hätte er auch viel
früher schon tun können. Es fehlte aber die Einsicht,
der Wille, dies zu tun, es fehlte, dass man mit dem
Kriegsgegner sprach, nach einer politischen Lösung
suchte. Stattdessen wurde weiterhin der Kriegsgegner
als Inbegriff alles Negativen aufgebaut, der folglich zu
zerstören, zu besiegen ist, mit dem man auf keinen Fall
reden werde. All die Opfer an Menschenleben wären unter-
blieben, all die weiteren Schäden wären vermieden worden,
hätte diese kommunikative Blockade frühzeitig
durchbrochen werden können.

Insofern kann man die Miniaktion einer Unterschrift als Verhöhnung der tatsächlichen Opfer verstehen - und zwar dieses Mal nicht durch den Kriegsgegner, sondern durch die eigene, verblendete Regierung. Das Umdenken binnen einer Woche hat einerseits die Hunderttausenden an Opfern förmlich besiegelt, andererseits weitere Hunderttausende vor dem selben Schicksal bewahrt. Knackpunkt dieser unvorstellbaren Dramatik waren nicht die Waffen, sondern einige Schaltungen im Hirn von Kaiser Hirohito.

Solche Anmerkungen dienen nicht der Kommentierung, gar Rechtfertigung politischer Entscheidungen. Aber es soll die Fixierung des Blicks auf die monströsen Opferzahlen und Zerstörungen, die Waffentechnik, durchbrochen werden: es gilt zusätzlich, die Rahmenbedingungen zu betrachten, die Implikationen, vgl. [52].


Vgl. [53] - an solchen Gedenktagen die Abschaffung aller Atomwaffen zu fordern, ist verständlich - und zugleich ein geistiges Armutszeugnis. Einige Aspekte:

  • Der Blick dieser Forderung zielt auf die Waffentechnik und fördert die Illusion, mit einem veränderten Waffenarsenal (eben ohne Atomwaffen) sei man dem Frieden näher;
  • Die beiden Weltkriege - neben all den tausenden weiteren bewaffneten Konflikten in der Geschichte - zeigen: flächendeckend Töten kann man auch ohne Atomwaffen.
  • Auf die Waffentechnik ausgerichtete Petitionen hinterlassen ein Vakuum - und bieten keine Perspektive an, es zu füllen:
    • Formuliert wird das Problem der Existenz/Nicht-Existenz von Atomwaffen. Vgl. [54]. Grammatisch gesprochen ist so noch keine vernünftig, verstehbare Aussage realisierbar.
    • Vorausgesetzt ist - vgl. [55] -, dass es all die konventionellen Waffen weiterhin gibt: Der Nachweis, dass man damit umfassend töten kann, ist zur Genüge erbracht. Die eingeschränkte Fokussierung auf 'Atomwaffen' wirkt als Verharmlosung der konventionellen Waffen.
  • Das Vakuum müsste abgebaut werden, indem der Blick vom Thema "Waffentechnik, -arsenal" weg und auf "politischer Dialog" hingelenkt würde. vgl. [56]. Eine Umthematisierung hat stattzufinden.
  • Für "politischen Dialog" kann/sollte man weiter lernen, Erfahrungen sammeln und auswerten. Foren wie die UNO sind seit Jahrzehnten hilfreich, dass Gesprächsfäden nicht abreißen, vgl. [57]
  • Eine große Herausforderung stellt der Umgang mit religiös-ideologisch geprägten Staaten dar. Vgl. [58]. Durch gegensätzliche ideologische Verhärtungen hindurch gesprächsfähig zu bleiben, sich gegenseitig zu respektieren, zu einvernehmlichen Lösungen zu finden - das kann durchaus als Kunst bezeichnet werden. Die entscheidende Notwendigkeit ist es allemal.
  • Im Fall ideologisch bedingter Kommunikationsverweigerung zeigt sich,
    • wie hartnäckig in den Köpfen derartige Blockaden sein können - mit Waffen, gleich welchen Typs, richtet man dabei nichts aus;
    • wenn Sprache mit Worten und Vernunft nicht möglich ist, helfen bisweilen andere Sprechweisen - das wird ja auch immer wieder praktiziert: Wirtschaftssanktionen, Verkehrsbeschränkungen, politische, kulturelle Isolierung. Es kann sein, dass dabei in langen Zeiträumen zu denken ist. Bisweilen begehrt das Volk gegen die bisherige Regierung auf, so dass durch einen Umsturz eine gesprächswilligere Staatsführung an die Macht kommt.
    • Gut ist, wenn Kontakte auf höchster formeller Ebene unterfüttert werden können durch Kontakte auf breiter, allgemeiner Ebene. Man denke an die deutsch-französische Verständigung nach dem 2. Weltkrieg; wo die oberste Ebene abblockt, prescht bisweilen das breite Volk vor: vgl. 9. Nov. 1989 in Berlin.
    • Das Stichwort "ideologisch" wird oft einseitig eingesetzt: die Anderen seien so orientiert, deren Verhärtungen seien aufzubrechen. Man täusche sich nicht: auch von solchen Sprechern wird Veränderungsbereitschaft abverlangt. Kompromiss heißt, dass beide Seiten 'Kröten zu schlucken haben'.
  • Zum politischen Dialog gehören natürlich "Vertrauensbildung, Offenheit", d.h. das Einhalten von Verträgen muss überprüfbar sein, aber es gehört dazu auch der Respekt vor dem Gegenüber - (das Ausspionieren des gegnerischen Spitzenpersonals passt zweifellos nicht dazu).
  • Wenn soviel von "Existenz" die Rede ist - von Waffen, politischem Gesprächspartner, physischem Leben -, sollte angestrebt werden, dass gegenseitig mehr Fantasie ins Spiel kommt, wie das kommunikative Zueinander gestaltet werden kann - wirtschaftlich, aber auch kulturell; die Sprache der "Kunst" kann dabei helfen, vgl. [59]


4.2 Macht - Gewalt

Vgl. flankierend: 4.391 Ich-Stärke/Selbstbewusstsein - Dominanz - Macht

4.3 Zerbröselt die Fähigkeit zur Kommunikation?

Aus dem Debattenbeitrag von J. Schindler in SPIEGEL 34/2012:

Menschen aller Schichten, jeden Alters, jeden
Bildungsgrads sind von einer merkwürdigen
antisozialen Seuche befallen. "Es sind
Millionen. Alte und Junge, Frauen und Männer,
Westler wie Ostler haben sich im 'Verein zur
Verwahrlosung der Sitten und Gebräuche'
in die Mitte der Gesellschaft gepöbelt",
schreibt der Publizist Michael Jürgs.
"Vereinszweck: Kante statt Kant." Sozial-
forscher sehen den Kitt der Gemeinschaft
bröckeln. Verhaltensforscher sprechen von
einer bemerkenswerten Unfähigkeit, auf
andere zu- und einzugehen. Hirnforscher
warnen, dass die sozialen Zentren in unserem
Hirn allmählich verkrüppeln.
    Lehrer können ein Lied davon singen. Der
Zustand, in dem sie ihre 17- und 18-Jährigen
antreffen, sei erschütternd, sagt eine Darm-
städter Berufsschullehrerin:
"Die wissen nicht, wie man sich in Gesprächen
verhält. Die wissen nicht, wie man jemanden
ausreden lässt. Die wissen nicht, dass man in
Bewerbungsgesprächen Jacke und Mütze ablegt.
Und wenn man es ihnen sagt, machen sie es
trotzdem nicht, weil das wahnsinnig uncool
ist."
Ihre Schüler, so die Lehrerin, beachteten
Regeln vor allem deshalb nicht, "weil sie
die Regeln schlicht nicht kennen." 
...   Von den 15 wichtigsten Freizeitakti-
vitäten der Deutschen erfordern nur noch
zwei den leibhaftigen Kontakt mit einem
Gegenüber. Man beschäftigt sich mit seinem
Partner oder der Familie, wenn man denn hat.
Ansonsten bleibt der Einzelne lieber mit sich
allein. Von "Cocooning 4.0" sprechen Sozial-
forscher - Isolation in der eigenen kleinen
Welt.
   Da hilft auch kein Internet. Die Sozial-
forscherin Sherry Turkle hat für ihr Buch
"Verloren unter 100 Freunden" Menschen
befragt, was das Netz mit ihnen macht.
Sie stieß auf ein Heer von Verunsicherten.
Im virtuellen Raum grassiere Misstrauen und
die Angst davor, was andere mit den Informa-
tionen aus dem eigenen Intimleben anstellen.
Ein vor lauter Netzwerkerei erschöpfter
Student stöhnte: "Es muss schön gewesen sein,
als man Menschen einfach kennenlernen konnte,
indem man mit ihnen sprach."
   Vertrauen, das wichtigste Schmiermittel
für soziales Miteinander, kann so nicht
wachsen. In einer aufsehenerregenden Studie
kamen die Epidemiologen Richard Wilkinson und
Kate Pickett 2009 zu dem Schluss, dass in den
reichsten Nationen der Erde Argwohn und Zwie-
tracht die Gesellschaft prägen. 
... Die Deutschen sind es eigentlich selber
leid. In Umfragen beschweren sich immer mehr
Bürger über soziale Kälte. Fragt man sie,
wonach sie lechzen, antworten sie: Hilfs-
bereitschaft (64 Prozent), Freundschaft (66
Prozent) und vor allem soziale Gerechtigkeit
(74 Prozent). 
... haben sie nachgewiesen, dass in Gesell-
schaften mit dem größten Maß an Einkommens-
ungleichheit so gut wie jede soziale und
gesundheitliche Heimsuchung signifikant weiter
verbreitet ist als in gleicheren Nationen.
Überall dort, wo die Pole auseinanderdriften,
nehmen Aggression und Gewalt zu, steigt die
Zahl der Bildungsversager, sinkt die Lebens-
erwartung, werden mehr Menschen depressiv.
Und die Probleme treffen nicht nur die Ab-
gehängten, sie treffen auch diejenigen,
die sich alles leisten können. Dazu passt,
dass inzwischen 90 Prozent der Deutschen den
sozialen Abstieg fürchten. Im Statuswett-
kampf, der daraus folgt, muss jeder sehen,
wo er bleibt. Von der Gemeinschaft bleibt
dann oft nur noch das Gemeine übrig.

4.4 Syrien/Irak/Kurden/IS-Krieg 2015

- mit der Folge unermesslicher Flüchtlingsströme. Aus Interview mit Politik-Prof. Th. Jäger, Köln, SWP/15.9.2015:

Was ist in dieser Situation überhaupt noch möglich?  
JÄGER: Möglich muss sein, das zu machen, was
scheinbar nicht geht. Eine paradoxe Antwort,
ich weiß. Aber so sind die meisten Konflikte
dieser Art gelöst worden. Es geht darum, dass
alle, die nicht miteinander reden wollen, an
einen Tisch kommen und erst einmal feststellen,
worin sie sich nicht einig sind.
Wer kann das am ehesten initiieren?  
JÄGER: Das gelingt nur, wenn sich USA und Russ-
land vorab einig sind, zu verhandeln. Die EU
ist sowieso dabei. Nur die USA und Russland
können die regionalen Mächte an den Tisch bringen.
Was passiert dann im besten Fall?  
JÄGER: Wenn jeder seine Interessen offen benennt,
wäre das schon ein Fortschritt: Die Europäer
könnten sagen, dass ihnen daran gelegen ist, die
Flüchtlingsbewegung zu stoppen; Russland könnte
Interesse daran haben, dass die westlichen Sank-
tionen gelockert werden; Saudi-Arabien daran,
Sicherheitsgarantien der USA zu erhalten; der
Iran daran, wirtschaftlich wieder möglichst
schnell Fuß zu fassen; die Türkei daran, dass
es keinen kurdischen Staat gibt. Nur wenn über
diese Bedürfnisse ernsthaft verhandelt wird,
besteht die Chance, die vielen Stellvertreter-
kriege, die zurzeit in Syrien geführt werden,
auf Dauer zu beenden. Dann gäbe es keinen mili-
tärischen Nachschub mehr für die Konfliktpar-
teien in diesem Bürgerkrieg.
Das klingt nach Großmachtpolitik, die am grünen
Tisch über das Schicksal anderer Staaten entscheidet.
JÄGER: Ja, das wird auch so sein. Da darf man
sich keinen Illusionen hingeben. Anders wäre es,
wenn im syrischen Bürgerkrieg, der durch den
IS-Terror in seinen Folgen noch verschärft wird,
ein Sieger in Sicht wäre. Doch das Gegenteil
ist Realität. In Syrien hat bereits der Staats-
zerfall eingesetzt. Wenn die genannten Akteure
es in absehbarer Zeit nicht schaffen, sich
zusammenzusetzen, werden die Menschen weiterhin
aus Syrien fliehen - und wir werden auch in
Zukunft jedes Jahr einer sechsstelligen Zahl an
Flüchtlingen Zuflucht gewähren müssen. 

5. Texte - ÜBUNG

Es werden Texte zur Verfügung gestellt, die man mit den in diesem Kapitel angebotenen Begriffen beschreiben kann.

5.1 Biblische Texte

Interessantes Feilschen von Abraham und Jahwe = Gott: [60]

Verfängliche Frage an Jesus, wem man Steuern bezahlen soll: [61]

Eigentlich werden ja nur Dialoge berichtet, obwohl es ein Wunderbericht sein soll ?! Vgl. [62] und [63]. Ist es die Art des Dialogs, die so wirkmächtig ist?

5.2 Fallada, Kleiner Mann - was nun?

Der hier zugängliche Verkaufsdialog ist wahrlich ein Härtetest für alle Dialog-Analysegesichtspunkte: [64]


6. Kulturelle Unterschiede im Dialogverhalten

6.1 China

Aus einem Interview mit Prof. G. Klotz, Ulm (SWP 30.6.2012):

Tun sich Asiaten wirklich so schwer, nein zu sagen?
KLOTZ: Im Chinesischen gibt es natürlich das Wort
nein. Man sollte aber nie eine Frage stellen, die
nur mit ja oder nein zu beantworten ist. Chinesen
werden nicht mit nein antworten, auch wenn die
Sache schon negativ entschieden ist.
Wir bilden uns etwas auf unsere "Streitkultur" ein.
KLOTZ: Weil wir vom Bibel-Wort geprägt sind:
"Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber
ist, das ist vom Übel." Wir sind so stolz auf
unsere Aufrichtigkeit. Streitkultur ist für
Chinesen etwas ganz Ungeheures: Was kann Streit
mit Kultur zu tun haben?

6.2 Geschäftskontakte - interkulturell / Quiz

Beachtlich, was in anderen Kulturen verschieden ist gemessen an unseren Dialogstandards: [65]

7. Dialogunfähigkeit

7.1 Ratzingers Regensburger Rede

Man kann ausführlich über die Wichtigkeit von Dialog - zwischen Wissenschaften, zwischen Kulturen (gemeint wohl: Religionen) sprechen - und gleichzeitig verhindern, dass ein solcher zustandekommt: [66]

7.2 Konventionelle=Schulmedizin - alternative Medizin/Homöopathie

Interview mit der Expertin für Komplementärmedizin Jutta Hübner: SPIEGEL-online 19.4.2013:

...
Hübner: Als Patient hat man schnell das Gefühl,
der Medizin einfach ausgeliefert zu sein. Man hat
wenige Freiheiten, wenig eigene Entscheidungsmög-
lichkeiten. Mit solchen Mitteln hat der Patient
das Gefühl, selbst aktiv zu werden.
SPIEGEL-online: Die alternative Medizin boomt.
Ist das Versagen der Schulmedizin der Grund?
Hübner: ... Komplementärmedizin. Würde man
menschliche Medizin in der Schulmedizin finden,
bestünde gar kein Verlangen danach. ... Ich fange
also als Arzt an Globuli zu verordnen, obwohl ich
eigentlich verstanden habe, dass das biochemisch
gar nicht funktionieren kann.
SPIEGEL-online: Wieso handelt die Schulmedizin nicht
ganzheitlich?
Hübner: Der finanzielle Anreiz fehlt. Nehmen Sie
als Beispiel das Gespräch zwischen Patient und Arzt.
Es ist für den Patienten absolut wichtig, weil er so
vom Arzt verstanden und Empathie erleben kann. Von
den Krankenkassen wird das Reden aber kaum bezahlt.
Der Arzt muss für seinen Umsatz schnell möglichst
viele Patienten behandeln. Es gibt gesetzliche Kran-
kenkassen, die Patientengespräche im Bereich der
komplementären oder alternativen Medizin bezahlen,
nicht aber im konventionellen Bereich. Das ist absurd.
... Viel sinnvoller wäre es, sich darüber klar zu
werden, dass auch in der Schulmedizin das Reden
die wesentliche ärztliche Tätigkeit ist. 
SPIEGEL-online: Würde mehr Zeit mit den Patienten
nicht die Kosten weiter in die Höhe treiben?
Hübner: Aus meiner Sicht würden wir sehr viel
weniger Geld brauchen, weil wir uns viele Unter-
suchungen sparen könnten. Wir sind in den letzten
Jahrzehnten in unserer Gesellschaft den Irrweg
gegangen, dass wir uns zu sehr auf Technik und
Medikamente konzentriert haben. Dabei wissen wir
aus der Wissenschaft, dass viele psychologische
Faktoren für die Gesundheit wichtig sind. Dazu
brauchen wir keine Esoterik. ...
Evidenzbasierte Medizin in einer fortschritt-
lichen Definition bedeutet, dass wir den Menschen
als Ganzes betrachten und seine Bedürfnisse wahr-
nehmen müssen, nicht nur seine Krankheit. Davon
ausgehend überlegen wir, welche Therapie optimal
wäre. Das ist die fortschrittlichste Medizin, die
wir möglich machen können. Dann gibt es keinen
Grund, etwas anderes daneben zu setzen.

7.3 Dialog-Unwilligkeit in Großinstitution

Laut SPIEGEL 38/2013 hat der ehemalige Vize des Verfassungsschutzes - wenn auch zu spät - einige Erkenntnisse zu Papier gebracht, nach seinem Ausscheiden. Einzelne Sätze des Berichts bzw. des Abschiedsbriefs betrachten wir näher:

"Ich hielt mich für einen ganz Großen."

Überdrehte Selbsteinschätzung ist das Gegenteil von "Dialogbedarf", da man zu allem schon die 'Wahrheit' kennt. Hierarchische Überordnung = Dialogvernachlässigung.

Jahrelang habe der damalige Präsident ... eine "Führung
an der langen Leine" praktiziert. Diesem als
"alternativlos" empfundenen Stil habe er,..., sich
angepasst.

"lange Leine" - die Stilfigur klingt nach Freiheit, Selbstbestimmung der Untergebenen. Die Rückseite: die Behörde hat kein Konzept, lässt die Einzelnen vor sich hinwurschteln, mit dem Effekt, dass der eine nicht weiß, was der andere macht - geordnete Kommunikation gibt es nicht.

[Die Chefs] widmeten sich demnach "völlig" den
"zahllosen, ach so wichtigen Terminen in Berlin
und im Ausland". Das Bundesamt für Verfassungs-
schutz mit seinen insgesamt 2700 Mitarbeitern sei
nicht von der Amtsleitung, sondern von den
Abteilungsleitern geführt worden.

Die Chefs haben ihre Position missverstanden: Eitel repräsentieren und die eigene Wichtigkeit zelebrieren, statt im Amt für Effizienz und Kommunikation zu sorgen.

"Wir waren der Auffassung, dass sie schließlich
jederzeit um einen Termin bitten konnten. Das
musste reichen."

- so im Abschiedsbrief an die früheren Mitarbeiter. "konnten" - das verweist - simpel grammatisch betrachtet - auf unser 4.084 Modalitäten – »Register« ERMÖGLICHUNG, ja, der Dialog war möglich, erlaubt usw. Mit keiner Silbe geht daraus ein "Wille" zur Kommunikation hervor - vgl. 4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE, wobei die Spannbreite von "erwünscht" bis zum "Befehl" (z.B. turnusmäßige Rückmeldung und Information anderer) reichen würde. - Das pragmatische Signal in dieser Laxheit, wohl auch von den meisten Mitarbeitern per Implikation, vgl.4.5 Wachgerufene Zusatzgedanken (Implikationen), so verstanden: Ich wünsche, brauche, die Rücksprache mit Euch nicht! - Und entsprechend war auch gehandelt worden.

"Dass im Laufe der Jahre immer weniger zu uns kamen,
fiel uns, fiel mir eigentlich kaum auf."

Eben!

Mit dieser Kritik trifft der ehemalige Vize einen
sensiblen Punkt. Denn es waren vor allem schwere
Kommunikationsmängel, die dem Verfassungsschutz
seine wohl größte Identitätskrise der vergangenen
Jahrzehnte bescherten.

7.3.1 D-Unwilligkeit im Roman

... aus Martin Walser, Tod eines Kritikers. Frankfurt/M 2002. vgl. [67], darin S. 31


7.4 Kein Dialog: Christentum <=> Islam

Aus: S. Gouguenheim, Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel. Darmstadt 2011 - die Zeitspanne des Mittelalters charakterisierend:

"Im Übrigen wirkte sich die lange Dauer der Konflikte,
in denen Islam und Christentum einander gegenüber-
standen - von den ersten arabischen Raubzügen gegen
das Byzantinische Reich im 7. Jahrhundert bis zu dem
beeindruckenden Arabersturm im 8./9. Jahrhundert
gegen Spanien oder Italien, der bis ins 10. Jahrhun-
dert dauerte -, nicht günstig auf einen wissenschaft-
lichen Dialog aus. Die Gegenoffensive, die durch die
spanische Reconquista eingeleitet und durch die
Kreuzzüge des Papsttums weitergeführt wurde, machte
die Dinge nicht besser.
   Es ist also weder zu erkennen, dass der Islam dem
Abendland sein Wissen angeboten hätte, noch dass er
ihm seine Mathematiker oder seine Ulamas schickte,
die den Ungläubigen ihre Wissenschaft beigebracht
hätten."(152)
"Die beiden Welten konnten sich, weil an ihre
universalistischen Religionen gekettet, nur als
Rivalen sehen". (157) 
"Ein Dialog setzt unter anderem die Gleichberechti-
gung des Gesprächspartners und dessen Bereitschaft
voraus, dem anderen die gleichen geistigen Fähig-
keiten und das gleiche Recht auf freie Rede einzu-
räumen wie sich selbst; außerdem verlangt der Dialog
auch eine gemeinsame Grundlage - und da schon wurde
es schwierig. Die Christen betrachteten den Islam
als Häresie oder eine Art Heidentum, wohingegen der
Islam seinen Gläubigen das Gefühl seiner klaren
Überlegenheit vermittelte. Im Koran heißt es:
'Die an Gott [...] und im Guten eifrig sind, diese
sind die Rechtschaffenen." Man konnte sich bekämpfen
- auch militärisch -, ohne sich wirklich zu kennen,
noch sich kennen zu wollen. Der Nachbar war
unsichtbar.
   Der Graben zwischen Islam und Christentum vertiefte
sich im Mittelalter immer mehr. Er bestand seit den
Anfängen des Islam, und schon lange vor den Kreuzzügen
erhob sich heftige Kritik an den Christen, haupt-
sächlich, weil man sie aufgrund dessen, was der Koran
Jesus in den Mund legt, als Polytheisten wahrnahm, die
drei Göttern dienten, dem Vater, dem Sohn und Maria."
(158)

7.5 Talkshow

Aus SPIEGEL-online (22.1.2014):

Hamburg - Er begrüßte sie als "schönste Linke aller
Zeiten", doch was sie zu sagen hatte, wollte er eher
nicht hören: In seiner Talkshow fiel Markus Lanz der
Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht immer wieder ins
Wort, assistiert vom "Stern"-Redakteur Hans-Ulrich
Jörges, der ebenfalls zu Gast war. "Da muss ich einmal
einhaken" wurde zum Refrain der Sendung, wie der
Blogger Stefan Niggemeier sehr anschaulich beschreibt.
Nicht nur Niggemeier, auch einer Zuschauerin aus
Leipzig platzte der Kragen.
Bei der Online-Plattform "Open Petition" startete Maren
Müller eine Unterschriftenaktion unter der Überschrift
"Raus mit Markus Lanz aus meiner Rundfunkgebühr!" In
dem Petitionstext beschreibt Müller ihren Eindruck,
dass der Moderator offenbar große Probleme damit habe,
"dem politischen Spektrum links von der Mitte mit einem
Mindestmaß an Höflichkeit zu begegnen".

7.6 Pressekonferenz: Obama - R. Castro

[68] - zu ca. 80% schildert der Bericht die Rahmenbedingungen, Körpersprache des Dialogs (der Präsidenten, bzw. im Kontakt mit Journalisten), nur zu geringem Anteil die inhaltlichen Ergebnisse. Auch Steuerungen - wer sich wie mit Redebeitrag beteiligen will/soll, oder es zurückweist - sind angesprochen. Insofern öffnet der Bericht gut den Blick für derartige Begleitumstände eines Dialogs. Gerade in der Politik sind oft auch Kleinigkeiten hierbei wichtig.

7.7 Verweigerung von Dialog

Vgl. [69] S.157


7.8 Ehemals Beherrschte (Kolonien) und damalige Beherrscher - kein Dialog heute

aus SPIEGEL 35/2017 110ff

"Immer noch verliert sich jede ernsthafte Beschäftigung mit dem kolonialen Erbe
in einem öffentlichen Nebel aus Vorurteilen und Klischees. Entweder wird der
Vorzug der kolonialen Zivilisierung gepriesen oder die ehemaligen Kolonien und
deren Bewohner werden zu einem einzigen Opferland, in dem es keine Namen,
Interessen und Geschichte gibt. So reden wir, wenn wie (!) über die Zeit des
Kolonialismus reden, schließlich allein von uns selbst: Was sind wir doch für
Schurken, oder: Was haben wir nicht alles für die Armen getan, und wo bleibt
die Dankbarkeit? Aber wer fragt die, über die da geredet wird? Wie blicken
wir gemeinsam nach vorn? Abstrakt leuchtet uns ein, dass jeder Mensch Rechte
hat- aber auch eine Stimme? Auch Ansprüche und eine Geschichte? Die
Flüchtlingsbewegungen nach Europa wirkten wie ein Schock: Migranten bringen
auch Vergangenheit mit, ihre und unsere. Oft genug sind das Horrorgeschichten,
die wir gern verdrängen und die gerade darum immer wieder auftauchen. (...)

[Angesichts von Objekten aus den ehem. Kolonien:] Dann muss die Frage der
kriminellen Vergangenheit mancher Objekte im Zentrum behandelt werden. Die
Folge davon ist, dass man die Objekte nicht als Besitz behandeln darf. Schon
der Begriff 'Preussischer Kulturbesitz' ist, wie Savoy im Gespräch bekräftigt,
'vollkommen widersinnig'. Diese Objekte gehören der ganzen Welt, und vor
einer weltweiten Öffentlichkeit muss auch die Aufarbeitung ihrer Geschichte
versucht werden. (...) 

Im Herzen der kolonialen Unternehmung wohnte der Wunsch, die Ressourcen der
fremden Länder ohne Gegenleistung zu nutzen. Arbeitskraft, Anbauflächen,
Kulturgüter, Bodenschätze und Edelmetalle - das allein interessierte.
'Die Räume der Kolonien wurden ausschließlich unter der Perspektive der
Marktökonomie gesehen.'
  Auch heute ist diese Sicht der Welt übermächtig: Wer kauft wen, das ist
eine Frage, die uns bis in die Abendnachrichten beschäftigt. (...)
Ohne daran erinnert zu werden, dass die Grundlage von Europas Aufstieg
nicht allein die protestantischen Ethik, Bildung und Aufklärung waren,
sondern eben auch die brutale gewalttägige Plünderung ganzer Weltregionen.
Und dass die Strukturen dieser Ungleichheit bis heute nicht überwunden
sind. Zwischen Afrika und der EU ist in vielen Bereichen der Freihandel
strittig.
   Um aus diesem Albtraum herauszufinden, die Angst vor der Rache der
Mumie zu überwinden, die kleinliche Furcht vor der wirtschaftlichen,
politischen und kulturellen Irrelevanz nicht übermächtig werden zu lassen,
haben wir nur eine Möglichkeit: den offenen Diskurs. Und der beginn mit
einer Zustandsbeschreibung, einer Identifizierung jener Strukturen, die
wir aus dem Kolonialismus fortführen, weil sie uns nutzen."


8. Öffentliche Rede

Das Stichwort "Rede" erwartet man nicht unter der Überschrift "Dialog". Diese Einordnung ist dennoch vertretbar. Unmittelbar dialogisch ist eine öffentliche Rede nicht - denn es redet ja nur eine(r). Daher wäre man geneigt von Monolog zu sprechen. Andererseits ist eine öffentliche Rede ausgesprochen schlecht, wenn sie sich nicht um die Zuhörer bemüht, sie anzusprechen und - wenigstens gedanklich - einzubeziehen versucht. Gute Reden sind also differenziert zu beurteilen:

  • von der Sprecherbeteiligung her sind es Monologe mit Zuhörerschaft
  • Hinsichtlich der Gedankenführung sind die Zuhörer einbezogen, mitgenommen, sie fühlen sich angesprochen, erkennen sich in ihren Bedürfnissen wieder, sind vielleicht gedanklich mitgerissen. In solchen Fällen ist die Zuhörerschaft alles andere als passiv, gar unbeteiligt.

In solcher abgeleiteten Form kann eine Rede sehr wohl dialogisch angelegt sein - auch wenn nur eine Person redet.

8.1 Überblick über Redekultur

Vgl. [70]

8.2 Referat

... und dabei die Verwendung von Medien, z.B. Powerpoint-Folien. Die Frage ist also, Wie verhält sich die gesprochene Sprache zu den gezeigten optischen Illustrationen?

Gefahr: Wer vorträgt glaubt, durch sehr viele
Illustrationen das, was er sagen will, unterfüttern
zu sollen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die
Zuhörer in der Kürze der Zeit durch die optischen
Reize überfordert sind. Der Redner hat dann zwar die
Genugtuung, 'viel Stoff' in seinen Beitrag gestopft
zu haben. Aber dessen Verstehen und Verdauen hat er
verhindert: die vernünftige Durchdringung all der
Schemata und grafischen Impulse kam zu kurz.
Sprachlich-vernünftige Darlegung: Liegt hierauf
der Schwerpunkt, mit nur gelegentlichen optischen Illust-
rationen, haben die Adressaten viel stärker die Chance,
gedanklich in die Argumentation einzusteigen, sich die
Fragestellung anzueignen, mitzudenken. 

Vgl. [71]

8.3 "Genug geplappert" - Internet

(aus gleichnamigem Artikel in SWP 23.12.2015 von L. Tolks)

Nach dem Motto, "Es ist zwar alles gesagt, aber noch
nicht von jedem" fühlen sich viele Zeitgenossen
gedrängt, ihre Meinung in Kommentaren Blogs und
Foren loszuwerden, und zwar am liebsten sofort und
immer. Sie halten damit einen Palaverbetrieb in
Gang, der vor allem ein Ziel hat: Aufregung zu
produzieren. Es lebe die Provokation - je rüder die
verbale Attacke, desto größer die Aufmerksamkeit.
   Wer nicht mitmacht, gilt als schwach, inkompe-
tent oder langweilig. Zeit für durchdachte Reak-
tionen oder weiterführende Gedanken ist nicht
vorgesehen. "Stellen die technischen Möglichkeiten
wirklich nur den Raum bereit für etwas, das sich
als Meinung oder Inhalt gebildet hat und nun einen
Übertragungskanal braucht?", fragt Promka.
"Oder wird die Apparatur zu einer Maschinerie,
deren Taktung wir uns hingeben und gehorsam, so
wie es ihr Rhythmus will, Äußerung nach Äußerung
tun?"
   Problematisch ist nicht die Menge an Wortmel-
dungen, sondern der immer rauere Ton, der viele
Debatten begleitet. Die oft ätzenden bis beleidi-
genden Beiträge vor allem in Online-Foren haben
bereits dazu geführt, dass Kommentarfunktionen
eingeschränkt oder gar geschlossen wurden und
die Inhalte streng überwacht werden. "Man muss
damit leben, sich mit diesen Quälgeistern rumzu-
streiten", sagt Jörg Heidrich, der Justiziar der
Computerzeitschrift "c't", oder auf das Angebot
zu verzichten.
   Was darauf hinausläuft, Meinungen bisweilen
zu unterdrücken - und Vielfalt zu verlieren. Die
Verfasser bösartiger Kritik wird man damit nicht
los: Was sie an der einen Stelle nicht absondern
dürfen, werfen sie anderswo ab. "Durch Anonymität
geschützt, kann im Internet jeder alles sagen",
meint Byung-Chui Han, Professor für Philosophie
und Kulturwissenschaft an der Universität der
Künste in Berlin, und spricht von "Kulturverfall".
Der Konfliktforscher Andreas Zick von der
Universität Bielefeld warnt vor dem Irrglauben,
Hassabbau im Internet könne zu weniger Aggression
im täglichen Umgang führen. "Es macht die
Menschen eher radikaler."
  "Dieses Land muss streiten lernen!", fordert
Dirk von Gehlen, Leiter des Ressorts "Social
Media/Innovation" bei der Süddeutschen Zeitung.
"Es fehlen Vorbilder, die zeigen, dass man in
der Sache hart, aber dennoch nie persönlich
ringen kann." Von Gehlen nimmt bei seiner Kritik
vor allem die Talkshows im Fernsehen ins Visier.
Tatsächlich geht es bei den Plasbergs, Jauchs
oder Illners oft eher um Zuspitzung als um
sachlichen Austausch von Argumenten. Wie man es
nicht macht, ist aber auch auf Sportplätzen zu
besichtigen. Der häufig aggressive Umgang von
Spielern, Trainern und Zuschauern untereinander
und mit Schiedsrichtern spricht nicht für eine
gesittete Streitkultur.
   Diskutieren lernen beginnt in der Familie.
"Der klassische Ort der Kommunikation zwischen
Kindern und Eltern ist der Esstisch", schreibt
das Mütterportal netmoms.de. Ernsthaftigkeit,
klare Aussagen, Blickkontakt werden dort als
Grundvoraussetzungen für fruchtbare Gespräche
genannt. Und Zuhören können. Damit ist mehr
gemeint, als den Gegenüber ausreden zu lassen:
"Aktives Zuhören heißt: Man versucht zu
verstehen, was der andere sagt", heißt es auf
netmom. Wer am heimischen Esstisch gelernt hat,
sich in Gesprächen sachlich statt herabsetzend
oder beleidigend zu verhalten, dürfte kaum zum
"Troll" werden. "Trolle" sind Menschen, die
stets anonym bleiben und das Ziel haben, mit
aggressiven Kommentaren im Internet Unfrieden
zu stiften. "Trolle sind kindisch, egoistisch
und oft auch narzisstisch veranlagt", stellt
die Medienjournalistin Ulrike Langer fest. Sie
suchen nach Aufmerksamkeit, nicht nach Argu-
menten. Dass sich Meinungsaustausch um einen
Sachverhalt und nicht um Personen drehen sollte
- schon gar nicht um die eigene -, könnte in der
Familie ebenfalls geübt werden.
   Dazu gehört, sich bisweilen zurückzulehnen,
Dinge in Ruhe zu betrachten und später mit dem
nötigen Abstand zu argumentieren. Es könnte ein
erster Schritt sein, die Freiheit des Denkens
und Sprechens zu bewahren, die im Stakkato der
facebook-, Twitter und Whatsapp-Botschaften
unterzugehen droht. Dazu zählt, nicht an jeder
Debatte teilzunehmen, nicht jede Einlassung
kommentieren zu müssen. Und auch mal - zu
schweigen.

8.4 Freie Rede

(aus Interview mit dem US-Historiker Garton Ash: SPIEGEL 45/2016)

SPIEGEL: "In Ihrem Buch schreiben Sie: Wer fragt:
Wie frei sollte die Rede sein?, muss auch fragen:
Wie sollte die freie Rede sein?
Garton Ash: Genau darum geht es mir in meinem
Projekt: herauszufinden, was wir, die Staats- und
Netzbürger, als legitime Grenzen erkennen sollten,
und zwar international über alle kulturellen Gräben
und Differenzen hinweg. Wir müssen versuchen, einen
normativen, Länder und Kulturen übergreifenden Kon-
sens für den gewaltfreien Dialog zu finden. Das Ziel
besteht nicht darin, dass wir über alles einig sind -
das wäre eine ausgebleichte und verdorrte Geisteswelt
-, sondern dass wir uns darüber einigen, wie wir mit-
einander streiten. Wenn wir alle Tabus aller Religio-
nen, Kulturen, Klassen, ethnischen Gruppen, sexuellen
Orientierungen zusammenrechnen und sagen, darüber
können wir nicht reden, dann bleibt herzlich wenig
übrig, worüber wir reden können."


9. Verhandlungen

9.1 Wie verhandeln Deutsche?

Interview mit Coach Schranner (SPIEGEL 13/2015 86ff)

Schranner: Wir haben in unserer Kultur einen
riesigen Nachteil. Wir Deutschen nehmen Verhand-
lungen persönlich. Da werden wir emotional, und
wir wollen es heimzahlen. Wenn deutsche Manager
etwa Verhandlungen abbrechen, dann gehen sie
hinterher nicht mehr mit dem Gegenüber essen.
So verhalten sich andere Nationen nicht.
SPIEGEL: Warum ist das so?
Schranner: Die alten Handelsnationen Spanien, England,
Niederlande, China haben von Grund auf
gelernt zu handeln. Das gehört zum Spaß dazu.
Die Deutschen sind keine Händler, sie sind
Produzenten. Das Verhandeln kommt als unge-
liebte Pflicht zur eigentlichen Arbeit hinzu.
 SPIEGEL: Sind die Deutschen besonders aggressiv?
Schranner: Unserer Verhandlungskultur fehlt
das Elegante, Spielerische. Deutsche sind gern
Rechthaber. Unsere Manager denken stark kausal.
Wenn A so ist, muss B so sein. Mit diesem Ansatz
gehen viele in Verhandlungen, und wenn die
Gegenseite nicht versteht, warum B aus A folge,
dann kommen emotionale Überreaktionen. Dann
wird der Chef eben laut.
SPIEGEL: Ist das peinlich?
Schranner: Ich finde laut werden an sich
nicht schlimm, weil es zeigt, dass man sich
dem Grenzbereich der Verhandlungen nähert.
Aber oft wird einfach nur Druck gemacht, weil
einer nicht mehr weiterweiß. Schlimm finde ich
Unhöflichkeiten.

9.2 Sklavinnen-Markt

Aus E. Oeser, Die Angst vor dem Fremden. Die Wurzeln der Xenophobie. Darmstadt 2015: 462:

"Über die Sklavenmärkte im Mahdi-Reich gibt es
einen authentischen Bericht des zum Islam
übergetretenen österreichischen Gefangenen
Slatin Pascha, der von der erniedrigenden
Behandlung der feilgebotenen Sklavinnen erzählt,
die von den Käufern wie zum Markt gebrachte
Tiere auf das Gründlichste untersucht werden:
'Man öffnet ihnen den Mund, um zu sehen, ob
die Zähne sich in gutem Zustande befinden,
entkleidet den Oberkörper, besieht und prüft
den Rücken, Brust und Arme, untersucht die
Füße und lässt sie einige Schritte gehen,
um den Körper auch in Bewegung beobachten
zu können.' Hat man sich endlich über den
Preis geeinigt, so wird gleichzeitig mit
der Bezahlung das übliche Verkaufspapier
ausgestellt, und damit ist die Sklavin in
das Eigentum ihres neuen Herrn übergegangen.
'Der Verkäufer aber haftet für gewisse
Gewährsmängel, besonders für geheime
Krankheiten, wozu auch das Schnarchen gezählt
wird, außerdem für üble Charaktereigen-
schaften, wie etwa Hang zum Stehlen.' "

Sprache, Dialog wird flankiert durch ausführliche Begleithandlungen. Und all dies auf Basis einer kulturell-bedingten Versachlichung der Personen = Frauen. Die Verdrängung, dass es sich bei ihnen um gleichberechtigte Kommunikationspartner handelt, impliziert - pragmatisch - eine heftige negative Wertung = Verachtung. Vgl. auch [72] + [73]

9.3 "Killerphrasen" im Geschäftsleben

... und wie man darauf reagieren kann. [74]

Nicht zu vergessen: es spielen Klischees herein, vgl. [75]; und zuvor liegen stereotype Wortabfolgen auf Ausdrucksebene vor, vgl. [76].

10. Einzelsprache: Schwäbisch

10.1 Petershagen

aus W.-H. Petershagen, Wir Schwaben. Band 3 So sprechen wir. Darmstadt 2015.

(70f) "Eine der effektivsten Methoden, Probleme
zu lösen oder gar nicht erst aufkommen zu lassen,
ist das Miteinander-Schwätzen. Auch die
modernste Kommunikationstechnik und die perfek-
teste Videokonferenz können das nicht ersetzen. 
   Das aber bedeutet, dass miteinander schwätzen
mehr ist als der reine Informationsaustausch. Es
bedeutet das Erfassen der Persönlichkeit des
Gegenübers nicht nur mit dem Ohr, sondern auch mit
dem Auge und vielleicht der Nase (Tast- und
Geschmackssinn sollte man besser nicht bemühen).
Es bedeutet, Grenzen auszuloten, auf den Anderen
einzugehen, ihm nötigenfalls entgegenzukommen.
Das heißt miteinander schwätzen ist ein ganz-
heitlicher Verständigungsprozess und daher ungleich
erfolgreicher als der Austausch von Aktennotizen.
Das Ende dieses Prozesses quittiert der Schwabe mit
der zufriedenen Feststellung:
'Mâ kââ ja schwätza mitanander.'"

10.2 Hochzeitstag

(aus: Sebastian Blau, "So isch noh au wieder..." Seine schönsten schwäbischen Gedichte. Hg. von Eckhart Frahm, Tübingen 2012. S.61)

Am Haohzigstag

"Was ist en di nei' gfahre', sag:
am helle' Weatig Kuache' bache'!" -
"Ja, därf i denn am Haohzigstag
meim Ma' koa' Freud maih mache'?" -
"Was, Haohzigstag? I taube Nuß
hett könne' selber ao dra' de'ke' ..." -
"Gang, gib mr wenigstens en Kuß,
noh muaßt nonz anders sche'ke'."
r geit re' oan, dear macht re' hoaß,
se spitzt es Maul wia noch Zibebe',
ganz selig ist se, weil se woaß:
dear muaß e' Johr lang hebe'...