4.13 Abstrakta

Aus Alternativ-Grammatik
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Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

Die Künstlichkeiten der Sprache müssen weiter durchleuchtet werden. Vieles, was als "Substantiv" den Eindruck des Abgrenzbaren, Festen hervorruft, ist als Abstraktum kein Ding, sondern Ergebnis von geistigen Urteilen. - Schon reichlich Abstrakta allein in diesem einen Satz ...

Es interessiert: Ist einem Wort auf Ausdrucksseite eine klare, wahrnehmbare, von anderen Objekten unterschiedene, von anderen Sprechern somit leicht überprüfbare Einzelbedeutung zugeordnet? Stehen die abgrenzbaren Schriftzeichen bzw. der eigenständige Lautkomplex für etwas sinnenhaft Wahrnehmbares, Unterscheidbares? Oder muss ich zum Verstehen mein inneres Wissen, meine Bildung aktivieren?

Wird in einem Satz auch nur ein Abstraktum entdeckt, muss der gesamte Satz reformuliert werden. Seine Wortbedeutung ist fraglich geworden. Es liegt übertragener Sprachgebrauch vor.

Gleiches gilt für Eigenschaftswörter: Nicht jedes Adjektiv bezeichnet ein leicht erkennbares Merkmal eines Gegenstandes. Häufig bezieht es sich auf Urteile, Einschätzungen des Sprechers. Es wird dann eine Aussage über den Sprecher gemacht, im Wortsinn wird aber dem Gegenstand ein Merkmal angeheftet.

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0. Beiträge zur Theorie

0.1 Abstrakta - Ritual - Sprechakte - Gesellschaft

Im Gefolge der Besprechung eines Buches von John Searle durch W. Hochkeppel in SZ 16/6/2011, S.14:

Substantive sind 'Berg, Fluss, Stern, Baum, Wand', aber auch: 'Regierung, Eigentum, Geld, Hochschule, Gericht, Ehe'. Aufgabe der Pragmatik ist es zu unterscheiden. Die ersteren sind rohe physische Realitäten, leicht wahrnehmbar. Die letzteren sind soziale Tatsachen, man kann sie nicht sehen, vielmehr muss man die dazugehörigen Konventionen kennen, nämlich die Verpflichtungen, Versprechen, Verträge, beglaubigenden Zeremonien usw. Durch sie erst wird bedrucktes Papier zu "Geld", zwei Menschen zu einem "Ehe"paar, ein Objekt zum "Eigentum", eine Gruppe sprechender Menschen zu einem "Gericht" usw.

Riten (Vereidigungen, Ernennungen, Vertragsabschlüsse usw.) mögen als steif, veraltet usw. kritisiert werden. Wo dies auffällt, kann man sie reformieren. Letztlich sind es aber derartige feierlichen Sprechhandlungen, die "Gesellschaft" begründen, das geltende Politik-, Rechts- und Wirtschaftssystem, Formen des Zusammenlebens. Gemeinschaft jeglichen Typs braucht förmliche Sprechakte.

Die hierbei benutzten Substantive = entstehenden Realitäten bezeichnen nichts unmittelbar Wahrnehmbares, sondern Realitäten aus einem geistigen Gefüge, System. Man kann dann sprachlich damit umgehen, als seien sie "objektiv". Genau genommen sehe ich diese Wirklichkeit aber nicht.

Auf dem Bildschirm kann ich eine Frau sehen.
Allein, dass ich ihr einen Namen zuordne, beruht
schon auf Rechtsakten und Riten (Taufe, Ehe-
schließung). Dass diese Frau eine hohe Funktion
ausübt, ist auch nicht erkennbar - man muss wissen,
dass sie mal Bundeskanzlerin durch viele Entschei-
dungsprozesse im politischen System, letztlich
durch Wahl im Bundestag geworden ist. 
Sehen kann man an ihr nur die getönten, geföhnten
Haare, nicht das Amt.

Rohe physische Daten lassen sich durch Sinne wahrnehmen. Fakten, die eine Gesellschaft begründen, beruhen dagegen auf Konventionen, die man kennen und akzeptieren muss. Zu sehen gibt es dabei im Kern nichts.

0.1.1 Krankhaft: Unfähgkeit mit Oberbegriffen

Vgl. [1] - Manche Menschen können mit Oberbegriffen nichts anfangen. Was sie sagen wollen, müssen sie stattdessen mit Beispielen verdeutlichen. = Krankheitsbild in der Psychologie.


0.1.2 <<WELT>> als Letztbegriff

Dieser Auffassung war zumindest der Soziologe Luhmann. Sprachlich kann man dennoch so tun, als könne man diesen Letztbegriff doch noch durchbrechen. Dann kommen Bildungen zustande wie: "Unterwelt", "Nachwelt", "übernatürliche Welt", "Hinterwelt" usw. Aber - das sei die These - damit ist die Wortbedeutung verlassen, und die gemeinte Bedeutung aktiviert. Es sollte dann versucht werden, das Gemeinte in anderen Worten auszusagen, bei denen dann aber Wort und Begriff Welt nicht mehr vorkommt. Erst dann ist verstanden, was mit dieser Ausdrucksweise beabsichtigt worden war. - Dazu ein Leserbrief im "Schwäbischen Tagblatt" - angestoßen durch einen Bericht über eine Tagung des Diözesanrats zu neuen Wegen für die katholische Kirche:

Der Papst bei seinem Besuch betonte "die Distanz
der Kirche zur Welt". Bischof Fürst will "mit
Sympathie und Empathie der Welt gegenüber stehen".
Delegierte Senn-Berger besonders dynamisch:
"Die Kirche muss gut schauen, wie sie in die Welt
rennt". Und nochmals der Bischof: "Wenn der Papst
damit Entweltlichung gemeint hat, dann bin ich auf
seiner Seite". - Merkt in diesem Betrieb eigentlich
niemand, wie ätzend, wörtlich: weltfremd, zugleich
aber entlarvend diese Standardmetapher ist? Die
ständige Wiederholung zeigt, wie die Institution
völlig verunsichert, von der Rolle und ratlos ist.
Mit Loriot könnte man - abgewandelt - fragen:
Wo leben die denn? In der Welt, auf festem Boden
jedenfalls noch nicht. - Etwas nachdenken über die
eigene Sprache ist immer zu empfehlen. Man nervt
dann weniger andere, gewinnt etwas mehr Substanz,
weil man nicht mehr bloß päpstliche Floskeln
nachplappert - und das dann auch noch mit
Nachdenken verwechselt.

Vielleicht drückt diese Redeweise nicht nur Hilflosigkeit aus, sondern stärker: die prinzipielle Verweigerung gegenüber alltäglichem, modernem, auch wissenschaftlichem Leben. Dazu passt, dass im selben Artikel von der Verachtung der Soziologie von seiten des Papstes berichtet worden war. Kirchlicherseits werden eine Sonderrolle und Sonderkonditionen eingefordert. Wer sich geistig derart zwanghaft absetzt, darf sich nicht wundern, dass er "in der Welt" immer weniger verstanden wird. (Aber jährliche hohe staatliche Zuschüsse durch die 'weltliche' Seite der Gesellschaft werden kirchlicherseits nicht verachtet ...). Vgl. ergänzend: [2]

0.1.3 <<RASSE>>

Vgl. [3] - darin das Zitat von Buchseite 409

0.2 Lachen als Rettung vor 'großen Worten'

Aus einem Interview mit der Schriftstellerin, Dramatikerin Yasmina Reza (SPIEGEL 5/2014):

Reza: Ich beschäftige mich nicht mit den großen
Problemen der Gesellschaft, mit sozialer Ungerech-
tigkeit, Armut, Krieg und Massakern. Das sind
bedeutende Themen der Literatur, über die ich gern
etwas bei anderen lese, aber sie stecken nicht
mein Schreibgebiet ab.
SPIEGEL: Ihr Feld ist die menschliche Existenz,
die condition humaine.
Reza: Ich wende mich lieber dem Intimen zu, in
dessen Erforschung gehe ich weiter. Dem Einfachen
entspringt Pathetisches. Ich stelle die Werteskala
gewissermaßen auf den Kopf.
... 
Das Lachen rettet einen. Daran glaube ich. Sie
versuchen ja schon die ganze Zeit, mich auf große
Worte, auf eine allgemein gültige Aussage festzu-
legen (lacht) - nun, hier bekommen Sie eine,
jetzt werde ich kategorisch:
Lachen schützt, entschärft, erleichtert, rettet.
Sinn für Humor zu haben, in der erhabenen Bedeu-
tung des Wortes, also nicht nur über Witze zu
lachen, sondern über sich selbst lachen zu
können, ohne Tabu, und jederzeit von Lachen
geschüttelt zu werden - das ist eine beneidens-
werte Gabe. Wer sie hat, ist vom Schicksal oder
von den Göttern gesegnet. Glücklich die Lachenden.

0.3 Verdinglichung von Wertungen, vgl. 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE

Gleichgültig in welcher Einzelsprache: wo man hinschaut, trifft man auf das sprachliche Bedürfnis, die inneren Einschätzungen: gut vs. schlecht in ein Substantiv zu projizieren, so dass die Wertungen zunächst wie ein 'Ding', eine 'Sache" aussehen.

Ein Stadtrat schreibt: "Da durch [Maßnahme]
das Wohl der Einwohner/innen der Kernstadt
und der übrigen Dörfer nicht berührt wird, ist
das Gesamtwohl der Stadt überhaupt nicht
beeinträchtigt. 
... ich möchte darauf hinweisen, dass es für
den Begriff 'Das Wohl der Stadt' keine exakte
Definition gibt, sondern dieses von Fall zu
Fall in einer intensiven öffentlichen Dis-
kussion gefunden werden muss.
Sicher ist auch, dass der Oberbürgermeister
das Wohl der Stadt nicht in eigener Macht-
vollkommenheit definieren kann. Im Begriff
'Wohl der Stadt' stoßen Wertvorstellungen
gegeneinander ... Die Güterabwägung kann nur
durch einen politischen Diskurs gelingen."

Recht hat der politische Praktiker. - Wohl, Heil, bonum, schalom bzw. Wehe, Unheil, Unglück, malum, usw. sind quer durch die Einzelsprachen Verdinglichungen innerer Einstellungen. Man benutzt sie, um von sich als dem subjektiv Wertenden abzulenken, Eindruck zu schinden usw. Aber die Stabilität und Objektivität, die die Wertungen zu haben scheinen, kommt ihnen nicht zu. Es sind immer Einzelmenschen, die werten. Daher hat der Stadtrat durchaus recht, wenn er solchen Abstrakta abspricht, sie könnten von Einzelnen definiert werden, und wenn er darauf hinweist, dass nur durch 'politischen Diskurs' eine Veränderung der Einstellungen erwartbar ist.

Vgl. auch [4]

0.4 "Gerechtigkeit" - unstabil? vgl. 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE

In Kafkas "Der Prozeß", DTV-Ausgabe 1998:

(179) ... und näherte sich dem Bild, als
wolle er es in Einzelheiten studieren.
Eine große Figur, die in der Mitte über
der Rückenlehne des Thronsessels
stand, konnte er sich nicht erklären und
fragte den Maler nach ihr. Sie müsse noch
ein wenig ausgearbeitet werden, antwortete
der Maler, holte von einem Tischchen einen
Pastellstift und strichelte mit ihm ein
wenig an den Rändern der Figur, ohne sie
aber dadurch für K. deutlicher zu machen.
"Es ist die Gerechtigkeit," sagte der 
Maler schließlich. "Jetzt erkenne ich sie
schon," sagte K., "hier ist die Binde um
die Augen und hier die Wage. Aber sind
nicht an den Fersen Flügel und befindet
sie sich nicht im Lauf?"
"Ja," sagte der Maler, "ich mußte es über
Auftrag so malen, es ist eigentlich die
Gerechtigkeit und die Siegesgöttin in
einem." 
"Das ist keine gute Verbindung," sagte K.
lächelnd, "die Gerechtigkeit muß ruhen,
sonst schwankt die Waage und es ist kein
gerechtes Urteil möglich.

"Gerechtigkeit" muss zu einem Urteil in beiden Richtungen in der Lage sein. "Sieg(esgöttin)" kennt nur eine legitime Realisierung. Ihr Gegenteil wäre eben die "Niederlage". K. hat also recht: beides gleichzeitig, das geht nicht. Das ganze Rechtssystem der den Maler beauftragenden Juristen ist damit entlarvt.

0.5 Denkmal

Wahrscheinlich ist jedes Denkmal, jede Gedenktafel, ein Abstraktum. Denn in der Regel werden mit dieser in Stein oder Metall, lokal sehr begrenzten Gestaltung Lebenszusammenhänge eingefangen bzw. es wird daran erinnert, die äußerst komplex und kompliziert sind.

An der Kreml-Mauer in Moskau liegt u.a. ein
Marmor-Quader, wuchtig, wegen des Steins
schön, aber ohne weitere Gestaltungen.
Lediglich der Schriftzug ist enthalten:
"Leningrad". Das genügt für den,
der ein wenig die geschichtlichen Hinter-
gründe kennt: während des 2. Weltkriegs
haben die Deutschen die Stadt 2 Jahre
lang eingekesselt mit der Absicht, sie
auszuhungern. Bei den Kämpfen, aber auch
bei der Hungersnot sind unsäglich
viele Menschen ums Leben gekommen, unter
grauenhaften Umständen. - Das alles kann
durch die wenigen Buchstaben nicht einge-
fangen werden, wird also 'abstrahiert'.
Dennoch sind solche Denkanstöße, -orte
natürlich wichtig.

0.5.1 Preis / Geld / Wert / Kulturobjekt

Wer an der alttestamentlichen Josefsgeschichte interessiert ist, kann mit wenigen Klicks - beginnend hier: 4.8 Alttestamentliche Josefsgeschichte - sich ganz oder in Teilen ein umfangreiches Manuskript herunterladen. In Vollform aktuell etwa gegen 5000 Seiten. Gedruckt müsste das Manuskript subventioniert werden - und wäre immer noch im Buchladen sehr teuer, würde mehrere Bände umfassen.

Mit der Leichtigkeit von 3-4 Klicks kann man sich die Arbeitsleistung vieler Forscher, auch Künstler beschaffen. "Forscher" meint dabei die Professorenebene bis hinunter zu mehreren Studien-, Diplom-, Bachelorarbeiten. Allein der Zeitaufwand - abgesehen davon, dass er noch gar nicht beendet ist ... - und die Umrechnung anhand eines fiktiven Stundenlohnes kann nicht sinnvoll berechnet werden. Man müsste noch die Infrastruktur der Tübinger Informatikfakultät anteilig hinzunehmen.

Angesichts der gegenwärtigen Urheberrechtsdebatte, und gestützt auf ein neu erschienenes Buch, spricht Elke Schmitter (Spiegel 22 (2012)) die Entmaterialisierung der Werte an. Es ist eine Abstraktion, der das sinnenhafte Erleben abhanden kommt, weil es sich in Bits/Bytes hinein verflüchtigt. Alles, ob Buch, Musik, Bild, ist dann zunächst nur noch eine "Datei".

Als Objekt ist das Kulturobjekt nicht mehr fassbar, nicht mehr sinnlich zu erfahren, insofern eigentlich wertlos. Das Gerät, mit dem man Zugang zum Kulturobjekt bekommt, ist stattdessen nun wichtig.

"Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun
entwickelt in ihrem gerade erschienenen, bemer-
kenswerten Buch 'Der Preis des Geldes
die These, der immaterielle Geldbesitz 
führe zur Gier, weil er unbewusst Angst
erzeuge. Dagobert Duck, der in seinen Talern
badet, vergewissert sich so seines Eigentums.
Wer heute am Bildschirm Zeichen bewegt und damit
Gewinne macht, bewegt sich in den eisigsten
Höhen der Abstraktion. Das sich per 
Mausklick vermehrende Geld, das die EU-
Staaten gerade schöpfen, um Volkswirtschaften
zu stützen, hat keine materielle Erscheinungsform
und längst keinen ' Gegenwert ' mehr -
es sind Zeichen der Hoffnung, die zugleich
Zeichen der Verzweiflung sind. Beglaubigt
wird das System durch das kollektive
Vertrauen.
Das wiederum schwindet mit jedem Mal, da ein 
Banker aus sportlichem Trieb oder aus
Versehen ein paar hundert Millionen
versenkt oder wir uns vorzustellen versuchen,
was eine öffentliche Verschuldung von
2038 Milliarden für die  deutsche
Allgemeinheit - sollen wir das sein?
- bedeutet. Es erodiert außerdem durch die
Erfahrung, dass, während die virtuelle
Geldmenge ständig wächst, die realen
Lebensverhältnisse für sehr viele Men-
schen ständig schlechter geworden sind: 
Gerechtigkeit, der Glaube ans Geld
und der an die Gemeinschaft gehören nicht
nur moralisch, sondern auch funktional zusammen." 

Die Abstrakta wurden zusätzlich markiert, nicht mit der Absicht einer stilistischen Kritik, sondern dass an dem guten Text sichtbar wird, in welchen abgehoben-abstrakten Regionen sich heutige Volkswirtschaft inzwischen bewegt. Die Rückbindung an die Konkreta, die real-sinnenhaft erfahrbare Welt wird nötig.

"Wenn wir heute in einem abstrakten Zeichen-
system, gebildet aus Buchstaben und Zahlen,
Güter tauschen, erwerben oder legal wie
illegal downloaden, bewegen wir uns in einem
vergleichbaren Funktionskreislauf.  So wie
das Geld im Supermarkt beglaubigt werden muss,
indem man wirklich etwas für diese Zeichen
bekommt, so wird auch die Musik der Dateien
immer wieder 'real': in einem Konzert, in
einem Club, bei einer Autofahrt. Diese
Revitalisierung im Atmosphärischen ist
nötig, weil die Sache selbst sonst ihre
Aura verliert. Der Kauf oder die Inbesitz-
nahme aber ist ein blitzschneller Vorgang
ohne lebensweltliche Spuren, und das neu-
tralisiert nicht nur die Prozedur, sondern
entwertet auch die Objekte - möglicherweise
nicht in ihrem Gebrauch, aber sicher in ihrem
Handelswert. ... Der legale Kauf und das
illegale Beschaffen sind Handlungen, die
sich kaum unterscheiden. Am Ende ist alles
eine Datei."

Die Gedanken können sogar mit der Struktur der Alternativ-Grammatik wiedergegeben werden:

  • (Audrucks-)SYNTAX: Damit wird hier die Ebene der materiellen Realisierungen beschrieben, also Laute, Schriftzeichen. Oben war von einem globalen Wandel auf dieser Ebene die Rede - Digitalisierung meint, dass bisher getrennte Medien, Kommunikationskanäle, alle elektronisch durch Bits/Bytes wiedergegeben werden können. Dadurch sind völlig neue und umfassende Formen der Bereitstellung und (schnellen) Verbreitung möglich. Im Fall der Geldwirtschaft merkt das jede/r schon beim Gebrauch der Kreditkarte.
  • SEMANTIK: Darunter kann man weiterhin die fassbare Struktur des jeweiligen 'Objekts' verstehen, kann diese auch analysieren - Melodieführung, Klangfarben (durch unterschiedliche Instrumente), Rhythmik usw. Ähnlich bei anderen digitalen Objekten: Text, Bild. Im Fall der Geldwirtschaft: Es ist Aufgabe von Steuergesetzgebung, Finanzämtern, Banken, natürlich auch betrieblicher/privater Haushaltsführung für Transparenz der Geldtransaktionen zu sorgen. Auf dieser Ebene dominiert das Ideal der rechnerischen Korrektheit.
  • PRAGMATIK: Der lebensweltliche Kontext des Betrachters/Lesers/Hörers wird hinzugenommen und gefragt, wie das Kulturobjekt bei ihm, mit seiner Lebensgeschichte 'reagiert'. Damit wird die persönliche Erfahrung mit diesem Objekt 'geerdet', wird für den Einzelnen bedeutsam. Im Fall der Geldwirtschaft: Mit Gewinn verbinde ich fortan die Möglichkeit, ein neues Auto zu kaufen, an das ich auch Jahrzehnte später noch gern zurückdenke. Mit Verlust einen gravierenden Einschnitt in meinem Leben. Wohl nur selten mit dem fröhlichen Fazit wie bei "Alexis Sorbas": "Ich habe noch nie etwas so schön zusammenstürzen sehen" - und anschließendem Tanz. - Wie auch immer: PRAGMATIK sorgt dafür, dass das, was in der SEMANTIK abläuft, erfahrbar und für den Einzelnen in seiner Lebensgeschichte relevant wird. Dann erst ist die Abstraktion zuvor überwunden.

E. Schmitter in SPIEGEL 14/2015 133:

"Da jede Beziehung von Projektionen lebt, sind
positive allemal vorzuziehen. Vor allem, wenn
das Beziehungsgeschehen sich um die größte
aller Projektionen dreht, das Geld - ein
Medium, das allein aus Vertrauen besteht:
Vertrauen in die Gültigkeit der Währung,
Vertrauen in die Zahlungsmoral, Vertrauen
darauf, dass die Erde sich weiterdreht."

0.5.2 Wissenschaft / Unfug

Beide Einzelbedeutungen betrachten wir natürlich separat...

Nicht beim Wort /Wissenschaft/, sondern bei der damit angezielten Einzelbedeutung <<WISSENSCHAFT>> hört man natürlich sofort heraus, dass offenkundig unser Modalregister EPISTEMOLOGIE zentraler Inhalt ist, vgl. [5]. Also semantisch liegt zwar ein Substantiv / Nomen vor, das wir üblicherweise und allzu vorschnell mit der Erwartung verknüpfen, damit werde auf ein 'Ding', eine abgrenzbare 'Sache' gezeigt. Nun, bei der pragmatischen Präzisierung wird klar: die eigentliche Bedeutung des Substantivs ist ein hochkomplexer gesellschaftlicher Bereich, viele Kommunikationen, Tests usw. einschließend, in dem "Wissen" thematisiert und weiterentwickelt wird. Es geht also nicht um ein 'Ding', eine 'Sache' - unabhängig von einem Menschen, sondern um die Geistesfunktionen und deren Weiterentwicklung sehr vieler Menschen - gerade auch bei den sog. 'Naturwissenschaften'. Richtig der Philosoph Mittelstraß: "Alle Wissenschaft ist Geisteswissenschaft."

Sozusagen das Gegenmodell wird durch das Wort /Unfug/ repräsentiert. <<un->> deutet ja auf eine negative Wertung, vgl. [6]. Und die ist bezogen auf eine Prädikatbedeutung <<(sich) FÜGEN>>. Also liegt auch da kein abgrenzbarer, dinghafter Sachverhalt vor. Sondern ein nicht-genannter Sachverhalt wird wertend charakterisiert: Viele Elemente passen nicht zusammen, überzeugen also nicht - wieder: [7] im Spiel. Mit dem Wort drückt der Sprecher seine innere Einstellung aus, dass das, womit er gerade konfrontiert wird, seinem bisherigen Weltwissen - vgl. [8] - widerspricht.

0.6 Abstraktion

aus Wolf Schneider, NZZ Folio 4/12:

Abstrahieren, eigentlich "abziehen", heisst
verallgemeinern, Oberbegriffe bilden, mit denen
wir die Fülle unserer Eindrücke und der Fakten
sortieren, gruppieren können. Aus Vater und
Mutter machen wir Eltern, aus Eltern und Kindern
die Familie, mit Onkeln und Tanten die Verwandten;
aus Kühen, Schafe, Ziegen die Haustiere, aus
Menschen, Tieren, Pflanzen "das Leben auf der
Erde". Und aus Regen, Schnee und Hagel nebst
Tau und Reif "die Niederschläge". 
    Für Meteorologen ist der Dachbegriff ein
Segen - wie sonst sollten sie addieren, was an
Nassem so alles vom Himmel kommt? Nur dass sie
leider dazu neigen, uns "Niederschläge" auch
im Wetterbericht zu prophezeien, selbst wenn
es sich im Juli im Flachland nur um Regen
handeln kann und bei Frost im Gebirge nur um
Schnee. Und damit machen sie sich lächerlich
- stolz offenbar auf die Abstraktionsleistung
ihrer Wissenschaft und ohne den geringsten
Willen, sich einer lebendigen Sprache zu
bedienen. ...
    Wir lieben das Konkrete, Kinder kennen
nichts anderes - bis sie "das klare Gold der
Anschauung für das Papiergeld der Bücherde-
finitionen mühsam einwechseln", klagte
Heinrich Heine; oft leider mit der Folge,
dass auch Erwachsene im Reden und Schreiben
den Zugang zum Augenfälligen verloren haben - 
und dies, obwohl sie als Leser und Zuhörer
nichts lieber haben als das farbige Detail.  ...
    [Warum dann "Abstraktion"?] Auch ziehen wir
alle sie manchmal vor, wenn sie es uns erspart,
uns festzulegen ("ein ziemlich merkwürdiger
Mensch"). Oder uns zu blamieren: Wer Amsel,
Drossel, Fink  und Star nicht unterscheiden
kann, fühlt sich mit dem Gattungsnahmen
"Vögel" gut bedient. Und bei der Liebe wäre
die konkrete Darstellung nur schwer gegen die
Pornographie abzugrenzen. Nicht jeder hat die
leichte Hand, mit der Gottfried Keller
das Liebesspiel seiner "Romeo und Julia auf
dem Dorfe" schildert: "Ihre junge Brust hob
und senkte sich mutwillig unter sämtlichen
vier Händen, welche sich kunterbunt darauf
streichelten und bekriegten." ...
    Wenn wir "Gewürze" lesen, sagt uns die
linke Gehirnhälfte: Kenne ich! Vielleicht
streift uns noch ein Gedanke an Knoblauch
und Pfeffer. Lesen wir aber "Zimt", so wird
zusätzlich die rechte Gehirnhälfte aktiviert,
und zwar in derselben Region wie beim Geruch
von Zimt. Das ist eine starke Nachricht:
Aufmerksamkeit verdoppelt, Sinneseindruck
provoziert!

aus Wolf Schneider, NZZ Folio 5/12:

Den Unterprivilegierten bliebe auch im
Jenseits eine Involvierung in systemre-
levante Arbeitsprozesse nicht erspart -
heisst es so bei Georg Büchner? Ach
nein: "Ich glaube, wenn wir in Himmel kämen",
klagt Woyzeck, "so müssten wir donnern helfen."
Das ist der Unterschied zwischen schlichtem,
kraftvollem, dichterischem Deutsch und dem
Zunftjargon, wie Zehntausende von Professoren,
Experten, Bürokraten deutscher Muttersprache
ihn zelebrieren. Soziologen plädieren für
"die Unverzichtbarkeit eines Prozesses der
Implementierung einer Wertsystematik". Eine
Kunstzeitschrift lässt uns wissen: 
"Die Negation einer vorgefertigten Bild-
vorstellung löst jeden Anflug von Ikono-
graphie auf." Eine Doktorarbeit erkennt in
Terroristen nicht nur eine "suizidale Kom-
ponente", sondern auch eine "bellizistische
Disposition", natürlich vor dem Hintergrund
"sozioemotionaler Selektivität." ...
    Manchmal ahnt man, dass ein Ringen um
Verständnis sich ohnehin nicht lohnen würde -
so, wenn das "Institut für deutsche Sprache"
den "Stilwandel" definiert: Er ist "der syn-
chronisch oder metachronisch beschreibbare
Verlust oder Gewinn programmatischer, perlo-
kutiver Markiertheit von dem stilistisch
handelnden Subjekt jeweils verfügbaren
semiotischen Instrumentarien."  ...
    "Was sich sagen lässt, lässt sich klar
sagen", sagt der Philosoph Ludwig Wittgen-
stein, "und worüber man nicht sprechen kann,
darüber muss man schweigen."

0.6.1 "Universalienstreit"

In einer Oberstufe ist es mit Seitenblick auf die Philosophie denkbar, wenigstens zu erwähnen und mit Namen samt inhaltlicher Position zu verbinden, was seit der Antike bis heute ein wesentliches Thema des geistigen Lebens darstellt - mit nicht auszulotenden Wirkungen auf die jeweilige Gesellschaft. Auf Schulebene würde es genügen, wenigstens die Fragestellung und die beiden entscheidenden Lösungsmodelle kennengelernt zu haben.

Das Problem, das sehr viele schon in der griechischen Antike umtrieb: Wir haben viele Allgemein-Begriffe, Abstrakta, die ja immer mehrere / viele konkrete Dinge zusammenfassen. Haben nun diese konkreten Dinge selbst diese Gemeinsamkeiten - obwohl sie ja auch verschieden sind -, so dass man sprachlich diese Gemeinsamkeiten nur noch benennt? Oder ist das Zusammenfassen in einem Allgemeinbegriff von vornherein nur ein sprachlicher Akt - die Dinge selbst waren und bleiben jedoch verschieden?

Platon hat die 'Einheit in der Verschiedenheit'
(= Ähnlichkeit, = Analogie) so gelöst, dass er
sagte, die konkreten Dinge seien ohnehin ver-
gänglich. Unvergänglich sei jedoch die Idee
des jeweiligen Dings. Ein einzelner Baum kann
absterben. Aber er hat mit sehr vielen anderen
gemeinsam die Idee *BAUM*. Diese Idee ist
das Unvergängliche, Allgemeine. Und das Einzel-
objekt hat Anteil an jener Idee und existiert
deswegen auch.
Platon hat also die Weltauffassung ver-
doppelt: unsere erfahrbare Welt (die zu-
gleich negativ bewertet wird, sie ist ja auch
vergänglich, unvollkommen) und die
Welt der Ideen (zwar unzugänglich, aber
dennoch die geschaffene Welt begründend - sie
ist ewig und unwandelbar, daher gut).  - Man
kann diese Denkfigur auch in einer Oberstufe
bewusstmachen und - wohl mit Verwunderung -
registrieren, dass diese philosophische
Richtung als real jene unsichtbare Welt
der ewigen Ideen betrachtet(e), nicht etwa das
Ding, das ich umsägen kann. Die Charakteri-
sierung "Realismus" für diese Denkrichtung
meint also gerade nicht die Ausrichtung
auf die Dingwelt, sondern auf die Welt der -
hochabstrakten - Ideen.
  Von dieser Position gab/gibt es viele
Varianten durch die knapp 2 1/2 Jahrtausende
hindurch bis heute, die hier übergangen wer-
den. Es wundert nicht, dass die späteren
christlichen Theologen gern auf diesen Zug
aufsprangen und die 'Welt der Ideen' mit dem
biblischen 'Schöpfergott' in Verbindung
brachten. Der wurde auf diese Weise sogar
vom bedeutenden Platon geadelt.
  Hervorzuheben ist die Gegenposition, um
1300 aufgekommen, namens Nominalismus.
Eigennamen hierbei: Johannes Duns Scotus oder
Wilhelm von Ockham (in München, wo er eine
gewisse Zeit wirkte, gibt es heute noch eine
"Occam-Straße"). Schon der Bezug auf Nomen
gibt die Richtung an. Die Betrachtungsweise
wird gedreht und man betont - eigentlich
wenig verwunderlich: real ist das
konkrete Ding, also der Baum, an dem ich
mir eine Beule holen kann. 
'Allgemeinbegriffe' dagegen sind ein rein
sprachliches Produkt, eine gedankliche
Abstraktion. - Es werden also "Realität =
materielle Wirklichkeit" und "sprachlich-
geistige Ebene" erstmals klar unterschieden.
Was sprachlich-geistig abläuft, bildet eine
eigene Wirklichkeitsebene und ist auf ihre
Weise genauso 'real', also zu beachten. -
Auch dazu gibt es Varianten bis in die heu-
tige Mathematik hinein:
Welchen Status hat z.B. die Zahl "Pi"? 

Beide Ansätze sind auch deswegen interessant, weil

sie ganz unterschiedliche Effekte haben: 
Die erste Position -  im Mittelalter
"via antiqua" genannt - lädt die Abstrakta,
die 'Universalien', derart mit "Wirklichkeit"
auf, dass sie nicht lediglich von 'Interpre-
tation' abhängen, sondern die 'Objekti-
vität' selbst darstellen. Impliziert ist
also eine Verachtung der menschlichen
Interpretation, Deutung
- obwohl jene Philosophen auch nicht anders
als deutend und denkend ihre Gedanken ver-
ewigen konnten.
Anders gesagt: Mit solchem Wegwischen der
menschlichen Geistestätigkeit kann man
andere einschüchtern, damit lassen sich
hierarchische, totalitäre Systeme aufbauen,
eine 'Wissenskaste' verwaltet dann diesen
'Schatz'. (thesaurus ecclesiae hieß das
im Mittelalter, und die Kirche hat auf der
Basis dieses Wissensschatzes die
Inquisition wüten lassen:
hingerichtet wurde, wer die 'objektive
Wahrheit', die die Kirche vorgibt, nicht
akzeptierte, sich eine eigene Meinung
erlaubte). Vgl. auch [9]
Die zweite Position - damals "via
moderna" - stärkt die Eigenständigkeit
von Sprache, Interpretation, Kommunikation,
fördert damit das eigene Denken auf breiter
Front, lässt Beteiligung vieler zu.
Sprache derart aufgewertet lässt Natur-
wissenschaften aufblühen (weil deren
Erkenntnisse nicht ständig der Schöpfungs-
theologie, also der Domäne der Kirche, ins
Gehege kommen). Experimente (gedankliche und
naturwissenschaftliche) waren nur erst Erpro-
bungen - man musste sehen, was sich bewährt
und durchsetzt, d.h. allgemein verifizierbar
war, also auf Konsens stieß. Schriftlich
fixiert und publiziert waren es mehr oder
weniger gut abgesicherte
sprachliche Gedankenspiele - und nicht
schon zugleich Angriffe auf die Schöpfungs-
ordnung. - Letztere zu bewahren, zu defi-
nieren - dafür fühlten sich die Theologen
zuständig. Sie witterten denn auch ständig
solche Angriffe. Man nehme als Exempel
den 'Fall Galileo Galilei'.  Die Theologen
spürten, dass die "via moderna" mit ihrem
neuen Sprachbewusstsein ihnen die Basis
entzog.
Folglich grenzten sie den neuen Denkansatz
aus - mit dem Effekt der fundamentalen
Kluft zwischen heutiger Wissenschaft und
Kirche/Theologie.
(Letztere hat noch bis heute vielfach die
Meinung nicht aufgegeben, sie müsse ein
Oberzensor dessen sein, was in den Wissen-
schaften vor sich geht. Besonders beliebt:
die Kirche will den Wissenschaften vermit-
teln, was "Vernunft" kann und nicht kann
- vgl.  Reden von Papst Ratzinger).
Es war ein langer Weg für die "via moderna".
Aber auf ihm wurden allmählich Demokratie
und Wissenschaften, Philosophien des
Bewusstseins (Descartes, Kant u.a.),
Emanzipation von bevormundenden Institutio-
nen möglich, vgl. Kant mit dem Plädoyer,
sich seines eigenen kritischen Verstandes
zu bedienen und nicht nur entgegenzunehmen,
was Hierarchen vorgedacht hatten.

0.6.2 Übersetzungsprobleme bei Abstrakta

Wie kam die Kenntnis der vorchristlichen, klassischen griechischen Philosophie ins Abendland? - Zeitverzögert und auf zwei verschiedenen Wegen.

- im ersten Jahrtausend n.Chr. durch direkt
  importierte griechische Manuskripte (z.B.
  aus Byzanz = Konstantinopel)
- dadurch, dass syrische Christen im Nahen Osten
  die Texte ins Arabische übersetzten (und so
  gelangten die Texte im 8./9. Jhd. nach Spanien).
  Problem dabei:
  (Aus: S. Gouguenheim, Aristoteles auf dem Mont
  Saint-Michel. Darmstadt 2011, S.71)
  "... dass die arabische Sprache damals keinerlei
  Wissenschaftsbegriffe kannte: Die Eroberer waren
  entweder Krieger, Händler oder Viehzüchter, aber
  keine Gelehrten oder Ingenieure. Deshalb musste
  man sich zuerst um ein wissenschaflich-techni-
  sches Vokabular bemühen.
      Das heißt: Die wissenschaftliche Ausdrucks-
  form im Arabischen stammt von A bis Z von
  Christen! ...
  Diese Art der Übertragung setzte eine unglaub-
  liche Beherrschung der drei Idiome Griechisch,
  Alt-Syrisch und Arabisch voraus."   
  Trennung / Nicht-Trennung von Abstrakta
  " ... entsprechend der Organisation der mus-
  limischen Urgemeinde (Umma) in Medina
  waren die Felder 'Politik', 'Rechtsprechung'
  und 'Religion' nie getrennt, Moschee und
  Richtstuhl des Kadi waren eins" (132). 
  Wie also einen Begriff wie "Rechtsprechung"
  übersetzen, wenn er in der Ausgangssprache
  von "Religion" und "Politik" getrennt wird,
  in der Zielsprache aber alle drei Begriffe
  zusammenfallen?
    => Deshalb kann man die christliche Kirche
       verlassen - zieht dann vielleicht die
       Strafe der Exkommunikation auf sich;
       kann aber auch wieder eintreten.
    => Den Islam jedoch verlässt 'man' nicht.
       Ein Glaubenswechsel ist mit dem Tod
       bedroht (vgl. 162).
  Das sind die praktischen Konsequenzen jenes
  unterschiedlichen Verhältnisses der
  3 Abstrakta.

0.6.3 Innersprachlicher Beweis <=> praktischer Test

Was ist das Besondere an griechischer Begrifflichkeit - die so in der arabischen Sprache kein Gegenstück hatte? Nochmals aus: S. Gouguenheim, Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel. Darmstadt 2011, S.146:

"Das bedeutet nicht, dass nur die Griechen ihren
Verstand nutzten, denn Menschenverstand gibt es
überall! Aber sie konnten ihn zum Instrument
ihres Denkens und ihrer Weltkenntnis formen,
und dieses 'Instrument' produzierte in der
Philosophie, in der Mathematik und schließlich
in der Architektur sichtbare Ergebnisse.
Die konsequente Anwendung ihrer geistigen
Kapazität ist auch in ihren politischen Debatten
zu spüren, die die polis als Ort des freien
Gedankenaustauschs und der Kunst voraussetzt, zu
überreden und zu überzeugen.
   Aus dieser Einstellung entwickelte sich auch
ein anderer Wesenszug des griechischen Denkens,
der heute noch in Europa präsent ist, nämlich der
kritische Geist und die Selbstkritik. Letztere
verlangt das Nachdenken über sich selbst als
Ausgangspunkt für Selbsterkenntnis. Die kritische
Überlegung ist sicher nicht nur in der Politik
von Nutzen, sondern auch in der Wissenschaft
angebracht, denn sie fördert die Nachdenklichkeit
über die Voraussetzungen der Wissensproduktion
und die Glaubwürdigkeit der erreichten Resultate."

Praktisches Beispiel:

"Die Idee der Kausalität, wie sie die antiken
Griechen entwickelt hatte, entsprach nicht der
Idee der Schöpfung im Koran". (123)

Definierte, abstrakte Begriffe konnten somit zu Schlussfolgerungen, Beweisgängen, Berechnungen eingesetzt, insofern instrumentalisiert werden. Erkenntnisse ließen sich so bereits innersprachlich erarbeiten, nicht erst über aufwändiges und kostspieliges 'trial and error'.

0.7 "Mitbürger", z.B. "jüdische"

In 4.0611 Subjekt / 1.Aktant war erläutert worden, dass der "1.Aktant" die Figur ist, über die im Satz primär etwas gesagt sein soll. Quasi als 'Trabanten' können - vorzugweise durch "mit" - noch ergänzende Figuren genannt werden, entweder "in Begleitung" ('Ich gehe mit Eva in die Stadt') oder "als Instrument" ('Ich schlage mit dem Hammer auf den Daumen.').

In diesem semantischen Mechanismus (1.Aktant + Trabanten) liegt somit auch - das zu beachten ist eben Pragmatik - eine Wertung. Zentral wichtig ist der 1.Aktant, aber er kann ergänzt werden.

Werden auf dieser Basis Nomina gebildet, droht die Wertung mitgenommen zu werden. Das muss nicht zwangsläufig so sein, aber man sollte die Gefahr sehen und ggf. gegensteuern. In einem Leserbrief wurde bei der Redewendung "unsere jüdischen Mitbürger" eine fortdauernde latente Diskriminierung beklagt.

Im Wortsinn wäre diese Sprechweise somit bemüht,
positiv - im Kontrast zum Dritten Reich - mit
Menschen jüdischen Glaubens umzugehen. - Latent
- das eben ist die pragmatische 2. Runde -
besagt das Nomen aber das Gegenteil: "Bürger" im
Vollsinn (= 1.Aktant) sind die Deutschen;
Menschen jüdischen Glaubens sind assoziiert,
geduldet, aber zugleich zweiten Ranges.
Nebenbei: Bestätigt wird diese Sichtweise zu-
sätzlich (ist nur nicht unser aktuelles Thema)
durch das "besitzanzeigende Fürwort". Auch
wenn wir terminologisch "beziehungsanzeigend"
vorziehen, so ist der Ankerpunkt das "Wir",
und zu diesem gibt es noch andere, die dazu-
gehören. -  Sprachlich ebenfalls eine
Ungleichbehandlung. 

Bei Licht betrachtet ist ein solcher Nebenakzent unhaltbar. Eine Konsequenz könnte sein, das betuliche "Mit-" genauso zu streichen wie das Pronomen.

0.8 Rechtsprechung - NPD-Verbot

SPIEGEL-Interview mit dem ehem. Verfassungsrichter Hassemer (50/2012):

SPIEGEL: In ihrem Parteiprogramm bekennt
sich die NPD formal zur Gleichheit vor dem
Gesetz und zur Menschenwürde. Gleichzeitig
aber heißt es, Ausländer sollen aus der
Sozialversicherung ausgeschlossen und -
wohin auch immer - zurückgeführt werden.
Und nur Deutsche sollen Grundeigentum 
erwerben können.
Hassemer: Mich beeindruckt das sehr.
Es ist nämlich völlig bedeutungslos, ob
eine Partei abstrakt sagt, sie sei für
Menschenwürde und Gleichbehandlung, wenn
sie das in der konkreten Politik 
konterkariert. Und wenn die NPD sagt,
wir unterscheiden bei Rente,
Aufenthalt und Eigentumsrecht anhand von
Kriterien, die nicht die Maßstäbe der
Verfassung sind, dann finde ich das
außerordentlich bedeutsam. ... nämlich
für die Beweisführung in einem Verfahren
zum Thema: Verbot der politischen Partei.

0.9 "Welt - Kosmos - Chaos" - wer ist zuständig?

Ein Physiker meinte, der Überbegriff für Welt sei der Kosmos, der wiederum sei in das Chaos eingebettet. - In den Wörtern/Begriffen steckt ein Großteil des Erbes der alten Griechen. Aber vom Verständnis her kann man dieser Definition auch heutzutage - zunächst - folgen:

Welt - es gibt hinsichtlich der Oberfläche
wohl kaum noch unentdeckte Gebiete, in punkto Tiefe 
(Meer, Erdinneres) allerdings schon. Jedenfalls
wird auf den Bereich verwiesen, der uns 
(einigermaßen) vertraut und zugänglich ist, unser
Lebensraum.
Kosmos - mit bloßem Auge, aber auch mittels
Teleskopen, wissen wir, dass wir von allerlei 
Trabanten, Planeten, Sonnen, Fixsternen umgeben
sind, wobei die Entfernungen z.T. unvorstellbar 
weit, aber immerhin benennbar sind, in Lichtjahren.
Auch zur Bewegung dieser Himmelskörper
zueinander lässt sich einiges sagen.
Chaos - man ahnt es: dazu lässt sich nicht viel
sagen. Aber sobald das Ende des Kosmos 
anzunehmen ist, stellt sich die Frage:
und dann? Mit der Annahme von Objekten,
Bereichen ohne Grenzen und damit der Frage der
Grenzüberschreitung kommen wir nicht klar.

Hier sei die These vertreten: Die drei Begriffe sind nichts anderes als Umsetzungen des Themas "Wahrnehmung", also: 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE. Die Physiker, mit ihrer 'Welt der harten Fakten', ziehen sich auf das zurück, was in unserer ersten Modalität ausgesagt wird:

Welt steht für alle Formen von Wissen(smöglichkeiten)
- kognitiv und glaubend/vertrauend, für  den Bereich, in
dem uns epistemologisch im Prinzip sämtliche Türen
offenstehen.
Kosmos  steht auch für Erkennbarkeit - nun aber
zunehmend beschränkt auf Spezialisten als wahrnehmende
Subjekte, die zudem mit geeigneten Instrumenten und
Berechnungsmethoden ausgestattet sind. Der Kreis der
Wahrnehmenden ist eingeschränkt. Vom Griechischen her
steckt die Bedeutung "schmücken" drin. Also ist ein
Bereich gemeint, der als wohlgeordnet wahrnehmbar und 
beschreibbar gilt.
Chaos ist das explizite Eingeständnis der
Nicht-(mehr)-Erkennbarkeit, Synonmym für Nicht-
Wissen und Nicht-Verstehen, im Gefolge davon des
Angsterregenden.

Der Durchgang durch die drei Begriffe kommt also einer wechselnden Auswahl im 'Baum' der Epistemologie gleich: 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE. - Eigentlich ein schönes Beispiel, wie eine Naturwissenschaft beim Thema Sprache und Wissen ankommt und dies durch ihre Begriffe auch anzeigt. - Die Abstrakta eignen sich - bis ins Ideologische hinein -, andere Menschen mit gewaltiger Objektivität zu beeindrucken. Genau besehen zeigen sie nur an, was das einzelne Subjekt zu erkennen vermag, und was nicht.

0.10 <<FRIEDEN>>

... in welcher Einzelsprache auch immer diese <<BEDEUTUNG>> ausgesprochen wird, also mit welchen konkreten Wörtern - peace, šalom, mir, paix usw. - , schließt - mindestens - eine sehr hohe positive Wertung ein, ist also Ausdruck von [10]. Abstrakta, die auf Modalregister zurückgehen, sind - wie alle Abstrakta - unanschaulich, beschreiben nichts, benennen aber eine innere Einstellung, Vorstellung, Hoffnung - da ja der umfassende Frieden nur selten erreicht wird. Also ist auch Imagination beteiligt, vgl. [11].

Vgl. G. Diez, SPIEGEL 1/2015:

... zeigt sich, dass "Frieden" kein harmloses
Wort ist - "Frieden" kann auch spalten. Was vor
allem daran liegt, dass "Frieden" ein sehr
unpräzises Wort ist: Man kann nicht direkt sagen,
dass man dagegen ist; es ist aber schwer, ganz
genau zu sagen, wie und warum man dafür ist.
   "Frieden" ist ein sehr elastisches Wort, es
kann alles und nichts bedeuten und lässt sich des-
halb ziemlich leicht verdrehen:
Es ist einer der Gründungsmythen von BRD und DDR,
dieser Slogan "Nie wieder Krieg", der schon kurz
nach 1945 eine gewisse deutsche Rechthaberei
bedeutete. Denn gegen welchen Krieg war man als
Deutscher? Gegen alle Kriege, auch den, den Ame-
rikaner und Russen und die anderen Aliierten
geführt hatten, um Deutschland zu befreien?
   Ambivalent war dieses Wort immer, weil es die
Zusammenhänge eher verschleiert, eine komplizierte
Wirklichkeit vereinfacht, Klarheit schafft, wo es
womöglich keine gibt. "Frieden" ist damit ein Wort,
das Zusammenhalt schafft, einen ins Recht setzt,
unhinterfragbar ist, eher das Ende der Diskus-
sionen als der Anfang. Es ist ein Wort, das erst
mal weder links noch rechts ist, weil nicht gesagt
ist, welche Werte damit verbunden sind, Freiheit,
Demokratie, Menschenrechte etwa. 

0.11 Bedarf an Sammelbegriffen

... ist alt. Dieser Bedarf ist einer auf Bedeutungsebene: Menschen wollen sich das sprachlich-gedankliche Leben vereinfachen. Statt zu einem Gedankengang viele Sätze zu bilden, schufen sie einzelne Wörter, die die Zusammenfassung schon besorgten. Und bisweilen wurden dabei Wortformen geschaffen, die auf Ausdrucksebene schon das Signal geben: Vorsicht, es liegt ein Abstraktum, ein zusammenfassendes Wort vor!

Bitte also nicht die Blickrichtung 
und damit die Argumentation umdrehen!
Dann würde man sagen, dass ein Abstraktum nur
vorliegt, wenn das betr. Wort z.B. eine
bestimmte Endung aufweist! Das wäre falsch.
Denn Abstrakta begegnen auch ohne die sog.
'typischen' Endungen, z.B.
Zeit, Frieden, Krieg usw.
Nirgends darf man die Analyse der
Bedeutungsebene an Beobachtungen zur
Ausdrucksseite ketten.

Beispiel: Einzelsprache Schwäbisch:

"... ist das Wort Hockete. Es zeigt, auf
welche Art spezifisch schwäbische Hauptwörter
entstehen: An ein Verb oder an ein Eigen-
schaftswort wird eine hauptwortbildende
Nachsilbe gehängt, aber nicht das übliche
-ung, -heit, -tum usw., sondern das
Suffix -ete. So entsteht aus hocken
die Hockete und nach demselben
Muster aus kehren die Kehrete
(Stubenkehricht) und aus trielen die
Trielete (verschüttetes Essen bei Kindern).
...
Diese Kollektivbildung lässt sich zurück-
verfolgen bis zum althochdeutschen Kollektiv
-Suffix -ot(i). Es steckt in Wörtern,
die heute noch aktuell sind, denen man ihre
Herkunft aber nicht mehr ansieht:
in der Armut (althochdeutsch armuoti),
der Einöde (einoti), dem Kleinod
(kleinoti), dem Zierat (zierot) -
und der Heimat (heimoti):
Sie ist der Sammelbegriff für alles, was man
mit seinem Zuhause verbindet."
 (H. Petershagen, SWP 24.10.2015)

0.20 Abstraktion und Gewalt

Abstrahierendes Denken und Sprechen löst bei anderen zwar öfters Bewunderung und Erstaunen aus - selbst dann, wenn ein derartiger Vortrag die Grenze zum Nicht-Verstehen schon überschritten hat. Klar ist, dass eine derartige geistige Struktur es darauf anlegt, konkrete Elemente des realen Lebens Einzelner zu verdrängen, zu überwinden, mit anderen Gedanken zusammenzufassen. D.h. was das konkrete Leben, Denken und Fühlen ausmacht, wird für nachrangig erklärt, zugunsten hochgestochener Ideale abgewertet. Obwohl anscheinend weit auseinanderliegend, können sich so hochabstraktes Denken und körperliche Gewalt verbünden. Auf beiden Strängen fehlt der Sinn für leibhaft-konkrete Bedürfnisse, Empathie, gleichberechtigte Kommunikation und Poesie. In autoritären Gemeinschaften, in denen "Gehorsam" der entscheidende Pfeiler ist, verbünden sich "Abstraktion und Gewalt" - auf beiden Ebenen, körperlich und intellektualisierend. - Zusammenhang mit Ideologie [12]

Die Bedeutung <<GOTT>> ist selbst ein Abstraktum. Und der, der diese Bedeutung konkretisieren, erlebbar und damit diese Vorstellung überzeugend machen wollte - Jesus von Nazaret - zog tödliche Gewalt auf sich. - Vgl. durch die Religions-/Kirchengeschichte hindurch: [13]

0.21 Verleugnung des SPRECHER-/SCHREIBER-ICH

Ein weit verbreitetes Mittel, einen Text 'objektiv' erscheinen zu lassen, vgl. [14].

0.22 Handke: Abstrakta sind (über)fordernd

vgl. P. Handke, Publikumsbeschimpfung und andere Sprechstücke. Frankfurt 1979. Hier 30. Aufl. 2012.

(82) "Ich habe die Freiheit mit der Zügellosig-
keit verwechselt. Ich habe die Ehrlichkeit mit
der Selbstentblößung verwechselt. Ich habe die
Obszönität mit der Originaltät  verwechselt. Ich
habe den Traum  mit der Wirklichkeit verwechselt.
Ich habe das Leben mit dem Klischee verwechselt.
Ich habe die Liebe mit dem Trieb verwechselt.
Ich habe die Ursache mit der Wirkung verwech-
selt. Ich habe keine Einheit zwischen Denken
und Handeln beachtet. Ich habe die Dinge nicht
gesehen, wie sie sind. Ich bin dem Zauber des
Augenblicks erlegen. Ich habe das Dasein nicht
als geliehen betrachtet. Ich bin wortbrüchig
geworden. Ich habe die Sprache nicht beherrscht.
Ich habe die Welt nicht verneint. Ich habe
die Obrigkeit nicht bejaht. Ich bin autoritäts-
gläubig gewesen. Ich habe mit meiner Geschlechts-
kraft nicht hausgehalten. Ich habe die Lust am
Selbstzweck gesucht. (...)"

0.23 Sprachramsch / -ung-Wörter

- solche geben ja doch meist Abstrakta wieder. Aus SPIEGEL 33/2017 (C. Hoffmann). "Drei Abgeordnete schreiben an die Kanzlerin"

... Dann brauchte es auch keinen alarmierten Brief
dreier Abgeordneter von CDU, CSU und SPD an die
Frau Bundeskanzlerin, die davor warnen, dass der
Eindruck entstehe, Deutsch werde "zu einer Art
'Restesprache' herabgestuft" ...
Ich finde, wenn selbst ernannte Sprachschützer
vor dem Niedergang der deutschen Sprache warnen,
wäre es nicht falsch, wenn sie selbst ein wenig
auf ihre Sprache achten würden. Leider ist nämlich
ihr Brief eine Art Resterampe für Bürokratendeutsch.
Sie fordern etwa die "Vereinheitlichung der
Regelungen zur Verwendung der deutshen Sprache".
Dabei sollte gelten: höchstens ein "ung"-Wort pro
Satz.

0.24 Vorwiegend durch Abstrakta: sinnloses Imponiergehabe

Vgl. [15]

1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Einzelfunde

Aus dem "Münchner Merkur": "Wer Cremes am
liebsten mit den Fingern aufträgt, sollte
diese nach sechs Wochen wegwerfen."
(Hohl-SPIEGEL)
  1. <<FINGER>> - gleichgültig in welcher Einzelsprache - bezieht sich auf einen "Gegenstand", insofern "Konkretum" (Abstraktionsebene 1), der im Normalfall nur begegnet als "x Teil-von y". inalienabel ist die Verbindung - es sei denn, man wendet Gewalt an. <<FINGER>> ist also eine Spezifikation des Gesamtkörpers, zu dem er gehört.
  2. <<WEGWERFEN>> - seit der kritischen Überprüfung der Prädikatbedeutungen - Vgl. [16] - gehört diese Bedeutung zum Bereich der "Ortsveränderung", bezeichnet ein lokales Trennen, somit das, was bei <<FINGER>> gerade nicht möglich ist.
  3. <<DIESE>> als Pronomen - vgl. [17] - bezieht sich auf das zuletzt genannte passende Substantiv. Um das weiter entfernte zu adressieren, hätte es <<JENE>> heißen müssen.

Damit sind ausreichend die Sprachmechanismen aufgedeckt, die das Zitat im Hohl-SPIEGEL landen ließen.


Aus dem "Regensburger Wochenblatt" (Hohl-SPIEGEL 26/2012):
Tote werden immer dicker

Man kann durchaus erschließen, was gemeint ist. Der Einstieg in das Sprachverstehen geschieht jedoch über die Wortbedeutung, und die ist unsinnig bzw. grauslich. Weckt ein Schreiber auf dieser Ebene schon belustigt/angewiderte/abwehrende Reaktionen, wird sein Text auch weiterhin nicht mehr allzu ernst genommen.


Gleiche Quelle, Zitat aus der "Westdeutschen Allgemeinen":
Unter den Festgenommenen waren unter 
anderem ein pensionierter Rentner, ein Pfad-
finderführer,
ein Schiedsrichter ...

Personen werden also durch ihre Tätigkeit oder ihren Lebensabschnitts-Status charakterisiert. Beim "Rentner" zusätzlich durch ein Adjektiv. Aber dieses besagt auch nichts anderes als das Nomen. Der Redakteur hätte es sich sparen können. Oder wurde der "Rentner" aus seinem Rentnerdasein entlassen = pensioniert? Was macht er dann jetzt?


Versteckte Fette ist bei zunehmendem Ernährungsbewusstsein ein wichtiges Thema, also Fette z.B. in Milchschokolade, Würsten usw. <<FETT>>, das - semantische Substantiv - meint also - jetzt pragmatisch-kritisch beurteilt - nicht ein abgrenzbares einzelnes Objekt, sondern eine Masse, die überall beigemischt sein kann. Es liegt keine Ding-, sondern eine Stoffbezeichnung vor.

Wer über ein solches Sprachbewusstsein verfügt und gut zeichnet, kann sogar einen bundesweiten Preis gewinnen. "Fette" kann nämlich pluralisch auch eine Personbezeichnung sein. [18]


"Der Mensch        Im Wortsinn - scheinbar - auf ein
                   Einzelexemplar verweisend,
                   handelt es sich pragmatisch
                   um eine generelle Charak-
                   terisierung: "alle" Menschen.
                   Substantiv der Hochsprache.              
an sich            Sicherstellung: nicht das Einzel-
                   exemplar interessiert, sondern
                   alle
ist gut,           Aussage zum pauschalen 1.Aktanten  
nur                adversativ, Einschränkung folgt  
d'Leut             Substantiv aus dem Dialekt - Bairisch -,
                   anscheinend ebenfalls 'alle'
                   Menschen bezeichnend.
                   Aber neu ist: Nun enthält
                   schon das Substantiv
                   eine negative Wertung.  
sind a Gsindl"     Erneut, also bestätigend: negative
                   Wertung.

Kabarettist Gerhard Polt serviert zunächst einen Widerspruch, macht aber deutlich, wie die 3 Varianten, mit denen man alle Menschen ansprechen kann, sich unterscheiden bei der Frage, ob eine Wertung mitschwingt.


Aus Bundespräsidentenmund: "Der Islam gehört zu Deutschland." Das war sicher eine politisch gemeinte Äußerung, insofern verständlich und sinnvoll - pragmatisch. Im Wortsinn jedoch - und diesen kritisch befragt - entsteht zunächst Konfusion:

- "Islam" ist - natürlich - ein Substantiv,
  erweckt also den Eindruck einer abgrenz-
  baren, einheitlichen, statischen Größe,
  dinghaft und überschaubar. Genau besehen
  ist dies jedoch Unsinn:
  Ist die vielschichtige Weltreligion gemeint,
  oder nicht doch primär die zugewanderten
  Menschen (dieses Glaubens)?
- "Deutschland" - ebenfalls Substantiv. Die
  damit angesprochene Größe ist ebenfalls
  sehr vielschichtig. Das "Land" wird und
  kann nicht gemeint sein. Darin war der
  Islam noch nie beheimatet.
  Die Bevölkerung bis in jüngere Zeit ist
  auch nicht gemeint. In der gesamten
  geistigen Entwicklung dieser deutschen
  Kultur spielte der Islam - so sehr man
  ihn partiell kannte - auch keine Rolle.

Wenn der BP die beiden Abstrakta im Wortsinn ("gehören zu" = Zuordnung) zusammenpackt - was aber nur mit erkennbaren und klaren Einzeldingen geht, ist somit dreifach unklar, was semantisch der Satz eigentlich sagen will. Da ist das - oben schon angedeutet - Überwechseln auf den pragmatischen Hintersinn wohlmeinend gedacht; es ist jedoch nicht günstig, wenn der semantische Klartext - schaut man genauer hin - vorwiegend Kopfschütteln auslöst.



1.2 Abstraktion und Negation

aus: Wolf Haas, Der Brenner und der liebe Gott. Hamburg 2009.

(185f) "Ich sage sogar, das ist der größte
Fehler an unserer Welt, dass es nicht wenig-
stens ein paar Dinge gibt, die es nicht gibt.
Weil Nichtdinge und Nichtmenschen meistens
weitaus sympathischer sind als die, die sich
mit spitzen Ellenbogen in die Welt gedrängt
haben. Oder wenn du dir anschaust: Nichtideen!
Dann Nichtmeinungen, Nichtgefühle, Nichtliebe,
Nichtgespräche, Nichtgedanken! Da sage ich
sofort zu allen, hereinspaziert, meine Tür
ist weit offen für euch!
   Schwierig wird es immer mit den Existenzen.
Da fangen die Probleme an."

Abstraktionen kombiniert mit Negationen: es entstehen paradoxe Aussagen. Schöne Illustration, wie sich Sprache von der sogenannten Wirklichkeit entfernen kann, ein Eigenleben führt.

1.3 Psalm gerichtet an ein Nichts?

Was Paul Celan in diesem Gedicht realisiert, entspricht eigentlich einer alten religiösen Erkenntnis: es ist zu platt, lediglich von einer göttlichen Person zu reden. Diese Wortbedeutung sollte kritisch beleuchtet werden. Ergebnis wird sein: Das Wissen über "Gott" nähert sich dem Nicht-Wissen an. Folglich kann man sich fragen, wie weit eigentlich Theisten, die etwas denken, und Atheisten auseinanderliegen? Vgl. [19]


1.4 Mystik vs. Bürgerlichkeit

Martin Walser (in: Heimatlob. Ein Bodenseebuch. zus. mit A. Ficus) geht auf den Mystiker Heinrich Seuse ein:

"Die immer alles verpfuschende Unvereinbar-
keit von Zeitlichem und Ewigem, von Materie
und Geist, Menschen und Gott wird mit nichts
als Sprache überwunden, da sie aus nichts
als Sprache entstanden ist. Durch sein rück-
sichtsloses Sprechen, durch sein weitgehendes
Sprachvertrauen entstand die konkrete Süße
seiner mystischen Suada; das geistige Küs-
senkönnen, das er mit vollem Wesensmund
immer wieder vormacht; der hautundhaarhafte
Liebreiz, mit dem ihm die lebenslänglich
umworbene 'ewige Weisheit' erscheint; durch
dieses Sprachvertrauen wird bei ihm diese
'ewige Weisheit' so attraktiv, daß man öfters
schlucken muß, so reizt er von innen Über-
schwemmungen herauf durch sein saftiges
Denken." (81)

Es wird also eine Sprachform beschrieben, die auch bei höchsten und abstrakten Themen die Sinne einbezieht. Möglich wird es durch das Wissen, dass auch die abstraktesten Inhalte sprachvermittelt sind, sie sind nicht - sprachfern - 'die Sache selbst'. Aber:

"Die christliche und dann bürgerliche Entwicklung
ist den entgegengesetzten Weg gegangen: den der
Verfestigung, der Verbarrikadierung, der
Persönlichkeitsaufrüstung, der Ichauszeichnung,
der Konkurrenzwirtschaft. Statt sich selbst
auszulöschen, löscht man den andern aus. Statt
sich zu entgrenzen, definiert man sich unun-
terbrochen. Statt Gelassenheit, gilt Krampf.
Statt Liebe gilt Haß. Wir kauern in den
Ruinen unserer Individualitätsideologie und
lassen uns von staatlich ausgebildeten Fäl-
schern bescheinigen, es seien Paläste." (82)

Hervorhebungen von mir. Es wird nicht nur die Erstarrung beklagt, sondern sie wird durch geballte Verwendung von Abstrakta auch sprachlich abgebildet, damit erfahrbar gemacht.--Hs 09:09, 25. Mai 2011 (UTC)


1.5 Papstrede

im deutschen Bundestag (22.9.2011). Ein Abgeordneter hatte hinterher wohl recht, als er meinte, die Rede hätte gut in die Humboldt-Universität gepasst. Das eine folgende Referat eines der Gedanken (aus SPIEGEL-online) enthält ein Dutzend Abstrakta. Auch ein philosophisch Geschulter muss kämpfen, um die Gesamtaussage zu verstehen.

"Für die Entwicklung des Rechts und für die Ent-
wicklung der Humanität sei es entscheidend ge-
wesen, dass sich die christlichen Theologen gegen
das vom Götterglauben geforderte religiöse Recht
auf die Seite der Philosophie gestellt, Vernunft
und Natur in ihrem Zueinander als die für alle
gültige Rechtsquelle anerkannt haben."

Hat man die Fülle der Abstrakta gebändigt, gehen die Probleme und kritischen Rückfragen erst los: Wieso braucht es Theologen, um die Philosopie zu unterstützen? Wieso trifft die Kirche, die sich so auf die Seite von "Vernunft und Natur" schlägt, Entscheidungen, die widernatürlich und unvernünftig sind? Und wo bleibt der spezifisch theologische Beitrag? Gibts den gar nicht? - Aber das nur nebenbei ...--Hs 16:04, 22. Sep. 2011 (UTC)

1.6 Teil/Ganzes-Beziehung

Aus der Ausgabe 4/2012 des "Hohlspiegels":

Aus der "Oberhessischen Presse": "Damit kommt
sie nicht nur in der SPD gut an, sondern -
viel wichtiger - auch bei den Menschen."

Die SPD als Bezeichnung für eine Gruppe von Menschen wird sich wenig freuen, wenn sie in dem Zitat in Gegensatz zu Menschen gesetzt und zugleich noch abgewertet wird. Der/die Schreiber/in blieb ganz beim semantischen Verständnis hängen: "SPD" bzw. "Menschen" sind separate Sachbezeichnungen, die nichts miteinander zu tun haben. Ein bisschen pragmatisches Weiterdenken wäre generell ganz günstig - nicht nur im Redakteursberuf.

Den gleichen Fehler macht das "Haßfurter Tagblatt" mit der Überschrift:

Von Damaskus nach Syrien

1.7 "Schicksal"

"Schicksal ist nur ein Wort dafür, dass man nicht weiß, warum etwas passiert und wann eigentlich alles bereit ist für die Tragödie" (DER SPIEGEL 13/2012, 59). Diese Definition überzeugt - im Magazin auf die Titanic-Katastrofe angewendet - und heißt grammatisch: Aufgebläht zu einem Abstraktum, einem Nomen, wird nichts anderes ausgesagt, als: "ich weiß nicht", es wird als die erste der Modalitäten realisiert: 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE. Durch Abstrahierung und Nominalisierung wird der Eindruck erweckt, als handle es sich um ein unabwendbares, objektives Geschehen, dem der Einzelne nicht entrinnen könne. Für die damaligen Passagiere mag das zutreffen. Für die Erbauer des Schiffes und dann die Besatzung während der Fahrt trifft es nicht zu. Nur zwei Beispiele: die Erbauer wussten, dass sie teilweise nicht genügend starke Stahlnieten verwendet hatten; der Kapitän war vor der Gefahr von Eisbergen gewarnt worden. - So gesehen werden bei manchem Schicksal - schaut man genauer hin - benennbare menschliche Verantwortlichkeiten sichtbar werden. Das Schicksal mutiert dann zur kriminellen Tat.

1.8 "Wunder"

Es sei versucht, die Analysestrategien sichtbar zu machen, die bei diesem einen deutschen Wort ablaufen (sollten). Dazu werden - auch wenn es zunächst umständlich klingt - die Begriffe bzw. Schubladen der Alternativ-Grammatik genannt. Was in der Semantik eingeführt worden war, soll ja auch in der Pragmatik benutzt werden können bzw. weitergelten.

  1. /Wunder/ als Wortform ist zunächst ein Wort wie jedes andere auch. Nach dieser Abfolge von Schriftzeichen kann in einem Lexikon gesucht werden. Auch elektronisch kann danach gesucht werden - verstehen muss man für diesen Schritt das Wort noch nicht. Die Bedeutung spielt noch keine Rolle.
  2. <<WUNDER>> so geschrieben meint die mit den Schriftzeichen verbundene Bedeutung. Um sie soll es ab jetzt gehen. Im ersten Zugang (= SEMANTIK) sagt man: es ist ein Substantiv. Damit wird der Eindruck erweckt, es werde auf etwas Festes, Sicheres, 'Substanzhaltiges' verwiesen. Man sagt allenfalls noch, dieses 'Ding' werde neutrisch verwendet, und Singular und Plural sähen gleich aus auf Ausdrucksebene. Allenfalls über Beiziehung der Begleiter ('Artikel') kann man Spezifischeres bestimmmen.
  3. Kritische Analyse in der PRAGMATIK. Die erste Auskunft ist negativ: <<WUNDER>> ist kein Ding; vielmehr handelt es sich um ein Abstraktum. Wofür dieses steht, wird oft als undeutlich empfunden - und soll hier etwas durchleuchtet werden.
  4. Anstelle von 'Ding' ist nun zu sagen: <<WUNDER>> ist ein Geschehen. Es hat sich etwas ereignet. Das passt zu dem Begriff Prozess = fientisch den wir aus der Beschäftigung mit Prädikat kennen: 4.0613 Prädikat und 4.0614 Prädikation – Akzent: Verbindung der beiden Bedeutungen.
  5. Das vermeintliche Prädikat klingt semantisch so, als sei - für andere ebenfalls wahrnehmbar - äußerlich etwas geschehen. Das sollte überprüft werden: 4.1115 Prädikat – kritisch nachgefragt. Es hilft dabei die Etymologie: /wunder/ und /sich wundern/ dürften verwandt sein. Letzteres meint keine äußere Veränderung, sondern einen inneren Erkenntnisprozess. Das würde auf Modalitäten verweisen. Gehen wir auf dieser Schiene weiter:
  6. <<WUNDER>> bezeichnet die Wahrnehmung - vgl.4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE - von etwas. Was dieses Etwas ist, lassen wir offen und reden nur von Wahrnehmungs-[Inhalt]. Dass man sich unter dem einen Wort /Wunder/ alles mögliche vorstellen kann, ist selbst schon ein Indiz, dass ein Abstraktum vorliegt, das eben kein 'Ding' bezeichnet. - Wer "Wunder" (Wort und Bedeutung) verwendet, will von einer klaren, verblüffenden Wahrnehmung sprechen.
  7. Gleichzeitig spricht er von NICHT-WISSEN, aktiviert also den gegenteiligen Aspekt des Modalfelds: vgl.4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE. Nun aber bezieht sich das Nicht-Wissen auf die Ursache des Geschehens: 4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE. Die Kausalität des verblüffenden Ergebnisses ist unklar.
  8. Aber das Ergebnis wird als "gut" bewertet. Also schwingt mit: 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE. Was unverstanden ist, wird eindeutig positiv bewertet.
  9. Aus beidem - WISSEN + WERTUNG - folgt, dass ich eine neue Erfahrung in mein bisheriges Weltbild integriere. Ich halte nun etwas für möglich, was bislang als unmöglich galt. Es vollzieht sich also eine Änderung in: 4.084 Modalitäten – »Register« ERMÖGLICHUNG

Wer sich speziell für Wunder(berichte) im Neuen Testament interessiert, kann den Essay S. 295-311 lesen in dem hier angezeigten Buch: [20]]. Die interessierende Passage ist in der Anzeige allerdings nicht enthalten.

In folgenden zwei Texten wird einerseits viel über den Begriff Wunder nachgedacht, aber keine einzige seriöse Textbeschreibung geliefert. Vgl. [21]. Andererseits werden über Einzelzitate Anregungen für Gruppendiskussionen geboten. [22].

1.9 "Geheimnis" in der Diktion von Thomas Mann

... in Joseph und seine Brüder. Auszug:

"Die Strecke hat kein Geheimnis. Das Geheimnis
ist in der Sphäre. Diese aber besteht in
Ergänzung und Entsprechung, sie ist ein
doppelt Halbes, das sich zu Einem schließt,
sie setzt sich zusammen aus einer oberen und
einer unteren, einer himmlischen und einer
irdischen Halbsphäre, welche einander auf
eine Weise zum Ganzen entsprechen, daß, was
oben ist, auch unten ist, was aber im Irdi-
schen vorgehen mag, sich im Himmlischen wie-
derholt, dieses in jenem sich wiederfindet.
Diese Wechselentsprechung nun zweier Hälften,
die zusammen das Ganze bilden und sich zur
Kugelrundheit schließen, kommt einem wirkli-
chen Wechsel gleich, nämlich der Drehung.
Die Sphäre rollt."

Man mag und kann sich das Gesamtbild vorstellen. Man sollte aber auch sprachlich zusammentragen, wie viele Abstrakta versammelt sind und was sie, jedes für sich, leisten. Der Auszug ist übernommen aus: K. Lintz, Thomas Manns Joseph und seine Brüder. Ffm 2013. S.79f. Daraus auch folgende Erläuterung:

"Die Sphäre wird als etwas zeit- und strecken-
loses gekennzeichnet, da sie eine Kugelform
aufweist, die aus zwei Hälften besteht. Da
die Sphäre nicht statisch ist, sondern
permanent rollt, nimmt die eine Hälfte der
Sphäre immer wieder die topographische
Position der anderen ein. Durch diese stete
Bewegung werden feste Kategorien wie Oben
und Unten im übertragenen Sinne ausge-
schaltet.
Natürlich gibt es streng betrachtet immer
ein Oben und Unten; da aber die Hälfte, die
in einem Moment oben war, durch die Drehung
der Sphäre im anderen Moment unten ist,
verlieren solche Trennungen ihren Sinn." 


1.10 "zweckmäßig"

Im Rahmen eines Verhörs bei ihrer Einreise aus Rumänien (1987) musste Herta Müller u.a. die Kleidung rumänischer Geheimdienstler beschreiben. Einige Adjektive waren auf einem Formular vorgegeben und brauchten nur angekreuzt zu werden, vgl. SPIEGEL-Essay 4/2013:

Für die Kleidung gab es die Adjektive:
elegant, schlampig, sportlich und zweck-
mäßig. Und ich sagte immer wieder: so wie
Sie. Und der deutsche Vernehmer sagte jedes
Mal mit Stolz in der Stimme:
Also, dann kreuzen wir zweckmäßig an.
    Unter jedem anderen Adjektiv konnte ich
mir etwas vorstellen. Aber nicht unter
"zweckmäßig". Geht es diesem "zweckmäßig" um
etwas Verstecktes, mit Bedacht ausgewählt,
weil es für den Zweck, den man nicht durch-
schauen soll, gut ist? Meinen Geheimdienste
also mit "zweckmäßig" Hinterhältigkeit? 
Eigentlich war nicht seine Kleidung "zweck-
mäßig", sondern er selbst. Und daher zwang
er auch mich zweckmäßig zu werden, damit die
Gesichtsformulare, die mich an Rassebilder
aus dem alten Brockhaus meines Großvaters
erinnerten, endlich mal ausgefüllt sind.

1.11 "Heimat" - Abstraktion und Klischee

In der selben Quelle wie 1.9 macht Herta Müller bewusst, dass für Begriffe wie Heimatvertriebene auch eine Gegenrichtung zutrifft.

Wer im Exil war, gilt in Deutschland bis
heute nicht als Opfer. Auch nicht im Gedenk-
stättenkonzept des Bundes. Es gibt zwar
Gedenktafeln für einzelne Künstler, aber
keinen großen Ort der Erinnerung an das
Exil, an die schon 1933 vertriebenen Deut-
schen. Diese von Hitler Vertriebenen werden
unter dem Begriff Exil oder Emigration ver-
bucht. Das Wort Vertreibung gehört nur den
Vertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten.
Sie heißen 'Heimatvertriebene'. Und die von
Hitler Vertriebenen heißen 'Emigranten'. Es
ist ein sehr unterschiedliches Wortpaar:
Das Wort 'Heimatvertriebener' hat einen war-
men Hauch, das Wort 'Emigrant' hat nur sich
selbst. Man könnte sagen, einem Herzwort
steht ein Kopfwort gegenüber. Man muss sich
doch fragen, wurden die 'Emigranten' nicht
aus der Heimat vertrieben?

1.12 Kunstwörter: Register EPISTEMOLOGIE + Register AXIOLOGIE

Ein Ehepaar will aus NS-Organisationen ausscheiden. Der Mann hat es schon geschafft:

Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein. 5. Aufl. 2012. S. 164:

"... Ich bin auch meinen Posten bei der Arbeitsfront los."
   "Oh Gott!", rief sie.
   "Wie hast du das denn gemacht, Otto?
    Wieso haben die dich gehen lassen?"
   "Wegen angeborener Körperdoofheit",
hatte Quangel ungewöhnlich aufgeräumt
geantwortet und damit diese Unterhaltung
beendet.
   Sie aber hatte ihre Aufgabe nun vor sich.
Wegen Doofheit würden die sie nie laufenlas-
sen, dafür kannten sie die Quangel zu gut,
ihr musste schon etwas anderes einfallen.
Den Montag und Dienstag grübelte Anna Quangel
darüber, am Mittwoch glaubte sie es schließ-
lich zu haben. Wenn Doofheit bei ihr nicht
verfing, dann vielleicht Überklugheit.
Überklugheit, zu viel wissen, zu schlau sein,
das war denen noch lästiger als ein bisschen
Doofheit. Und Überklugheit, gepaart mit Über-
eifer, ja, so musste es gehen.

1.13 "Die Würde des Menschen ist unantastbar." (Grundgesetz)

Ein inhaltlich wichtiger Satz, sogar - wie Juristen sagen - einer mit "Ewigkeitsgarantie". Daher soll hier nicht die "Würde" angetastet werden, aber der "Satz" näher beleuchtet. Keine sprachliche Äußerung als solche ist so heilig, dass sie nicht näher betrachtet werden dürfte. Ein Beitrag von F. von Schirach (SPIEGEL 38/2013 - daraus Zitate) lässt sich gut mit einzelnen Punkten der ALTERNATIV-GRAMMATIK verknüpfen.

  1. <<WÜRDE>> als Abstraktum muss man nicht erst nachweisen. Zum einen entsteht schnell die Frage, was denn darunter zu verstehen sei - also ist das Substantiv offenkundig unanschaulich genug. Zum andern - so der Eindruck von Beobachtern - eignet sich das Abstraktum für feierliche Proklamationen, wobei aber das konkrete Handeln diesem Ideal widerspricht (z.B. ein Terrorist wird erschossen, aber Politiker "freuen" sich darüber - wo bleibt die Anerkennung von "Würde"?).
  2. Ist die <<WÜRDE>> an bestimmte geistige Fähigkeiten geknüpft - z.B. klar zu denken? Dann aber hätten Kinder, Behinderte, bildungsmäßig unterentwickelte Menschen keine Chance, man dürfte sie in jeder Form misshandeln. Antwort auf die Frage: klares Nein! - Das gilt ebenso für Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt kamen.
  3. Beitrag des Christentums war nicht gewesen, "die Erschaffung eines neuen Gottes. Das Neue war die kompromisslose Achtung des Mitmenschen." - Wir würden sagen: kompromisslose Achtung als Dialogpartner. Vgl. 4.12 Dialoge und Unterpunkte.
  4. Indem der andere als Partner anerkannt wird, ist einschlossen, dass dieser Subjekt seiner eigenen Handlung, seines eigenen Verhaltens ist, nicht Objekt meines Willens und Handelns. - Das ist nichts anderes, als Grundkategorien der Satzanalyse in die Pragmatik zu holen: 4.0611 Subjekt / 1.Aktant ... 4.0614 Prädikation – Akzent: Verbindung der beiden Bedeutungen ... 4.0621 Aktanten – Objekt – weitere Satzglieder. Nicht grammatisch, aber philosophisch haben Philosophen wie I. Kant wesentlich zu diesem Verständnis beigetragen.
  5. Und natürlich ist <<WÜRDE>> Ausdruck höchster positiver Wertung: 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE
  6. Zu beachten ist, dass der Satz negiert ist: un-. So redet man, wenn man beim Partner einen falschen oder unerwünschten Gedanken zu erkennen glaubt: Vgl. 4.4 Vorausgesetztes Weltwissen (Präsuppositionen). Was wären solche im aktuellen Fall? Wahrscheinlich: Rachegelüste, Lynch- und Foltergelüste, auf jeden Fall Gewaltphantasien. Die Geschichte lehrt in erdrückendem Maß, dass solche Handlungsvorstellungen in den Menschen gegeben sind, folglich staatlicherseits kanalisiert werden müssen. Damit ist klar: der GG-Satz hat die pragmatische Funktion eines Warn-/Verbotsschildes.
  7. Ein solcher Kommunikationsakt von Staatsseite her ist einseitig, doktrinär, apodiktisch, undialogisch, vgl. 4.5 Wachgerufene Zusatzgedanken (Implikationen). Das mag bei diesem 'Wert' sinnvoll sein. Dennoch wird durch diesen Satz der Bürger als ungleich, als Befehlsempfänger behandelt, also gerade so, wie es durch das Abstraktum "Würde" verhindert werden sollte.

Damit wäre das Abstraktum sprachbeschreibend ganz gut durchleuchtet. Aber auch hier gilt: Sprache ist eben Sprache. Sprache ist noch nicht die praktische Erfahrung, die 'Wirklichkeit'. Diese Kluft kann auch eine verfassunggebende Versammlung nicht überwinden. Also muss sie diverse Vorsichtsmaßnahmen beschließen, damit der Satz "ewig" gilt und nicht bei nächst bester Gelegenheit über Bord geworfen wird. Zu den flankierenden Absicherungen gehören:

- Zu sagen, die "Würde" sei "unantastbar".
  Sprachkritisch ist dies Unsinn, weil ein
  Abstraktum grundsätzlich "unantastbar" ist.
  Gemeint ist natürlich, dieser im Substantiv
  ausgesprochene Wert dürfe nicht verändert
  werden. In Bezug auf ihn wird ein
  Diskussionsverbot ausgesprochen.
- Absicherung auch durch institutionelle Maß-
  nahmen:
  Das Bundesverfassungsgericht muss diesen
  obersten Wert einhalten - alle untergeord-
  neten Gerichte ohnehin. Bei Staatsakten
  unterschiedlichster Art wird der Satz
  immer wieder als oberster Grundsatz
  des Staates in Erinnerung gebracht, unter-
  stützt durch Pomp und Musik derartiger
  Veranstaltungen.
  - Das sind verständliche, letztlich aber
    hilflose Versuche, den gemeinten Wert
    als unverrückbaren Orientierungspunkt
    in der Gesellschaft zu verankern.

Gesellschaft funktioniert aber nicht über 'objektive Fixpunkte', sondern über mehrheitlichen Konsens, der erfahrbar macht, dass eine solche Orientierung "gut" ist.

1.14 "Preis", "Wert"

Viele kennen von allem nur den Preis, die wenigsten
erkennen auch den Wert.
                                  (Oscar Wilde)

Den Unterschied zwischen beiden Abstrakta kann man wohl so herausarbeiten:

  • <<PREIS>> ist etwas, was man kalkulieren kann. Je nachdem, ob der Preis numerisch hoch oder tief ist, verbinden sich Wertungen damit: zu teuer bzw. sehr günstig. Dieses Bedeutungsverständnis kann man der SEMANTIK zuordnen: berechenbar, übersichtlich.
  • <<WERT>> gehört dann der PRAGMATIK an: ein Objekt, das mir gehört, kann tief in meine Lebenspraxis eingreifen, weil ich damit Aktivitäten ausführen kann, die mir als Mensch vollkommen entsprechen. Von den Kosten her - Preis - mag dieses Objekt nahezu wertlos sein, aber für meine Lebensgestaltung ist das Objekt ein Volltreffer. Ich möchte es nicht mehr missen.

1.14.1 Bestehen auf "Werten"

[23] - Anzeichen für autoritäre politische Rückwärtsgewandtheit.

1.14.2 "Wahrheit" - "Lüge"

praktische Analysen, bereitgestellt von J. Germann. Vgl.

zu "Lüge": [24]

1.14.3 "Gutes" - Erich Kästner

Vgl. [25]

1.15 DDR als "Unrechtsstaat"

Aus einer Debatte mit Anne Will, E. Stoiber, O. Lafontaine u.a. (5.11.2014). Stark bezog man sich auf das eine Abstraktum. Es entwickelte sich zum Maßstab, zu dem man "ja" oder "nein" sagen konnte/sollte/musste. Sprachlich-kommunikativ war diese Debattenphase eine Engführung, ein Armutszeugnis. Undifferenziert wurde gesucht nach einem definitiven Stempel, eine allumfassende Wertung. Je nach Ergebnis sollte daran erkannt werden, ob die Politiker in der heutigen Verfassungswirklichkeit angekommen sind, oder immer noch Vertreter des Unrechtsregimes, also der SED seien. Das eine Kriterium diente dem "Schwarz-weiß-Denken", damit auch dem Versuch, den politischen Gegner als "unmöglich, gestrig, unbelehrbar" darzustellen. Aufklärung/Aufarbeitung historischer Prozesse spielte nur eine geringe Rolle.

Eingespielte Interview-Äußerungen ehemaliger DDR-Bürger waren ablehnend: der Begriffhttp://www.alternativ-grammatik.de/index.php?title=4.085_Modalit%C3%A4ten_%E2%80%93_%C2%BBRegister%C2%AB_AXIOLOGIE#0.9_.22Es_gibt_nichts_Gutes.2C_au.C3.9Fer_man_tut_es.22_.28Erich_K.C3.A4stner.29 "Unrechtsstaat" passe nicht. So pauschal könne man nicht vorgehen, manches sei auch gut oder zumindest akzeptabel gewesen. Mit der umfassenden Negativ-Wertung hätten die Befragten auch große Teile ihrer Biografie verleugnen müssen - offenkundig zuviel verlangt. Richtig die Frage der Moderatorin in die Runde (aus SPIEGEL-online):

"Ob denn das Bekenntnis zu diesem Begriff
mittlerweile zu einem etwas selbstgefällig
markierten 'Prüfstein für demokratische
Gesinnung' geworden sei, wollte die Modera-
torin wissen, und spätestens an dieser
Stelle war dann bei aller sonstigen Hitzig-
keit der Kontroverse ein bisschen seman-
tische Feinarbeit fällig.
Von einer 'unnötigen Debatte um ein einzel-
nes Wort' sprach Anke Domscheit-Berg, Netz-
aktivistin mit Vergangenheit als oppositio-
nelle Studentin in der DDR, Bündnisgrüne
und Piratin. Wichtiger sei es, die Fakten
des strukturellen Unrechts zu benennen, das
niemand leugne."

Anders gesagt: Statt sich sprachlich und intellektuell allzu bequem auf ein einzelnes Etikett zu beschränken, was nur die Polemik fördert, sollte man Punkt für Punkt einzelne Lebensbereiche durchgehen und erheben, wie sie nach Recht/Unrecht damals gestaltet waren.

1.16 "Anästhesie"

... ist zunächst mal ein Fremdwort, hergeleitet aus dem Griechischen:

  • an hat die Rolle einer Verneinung; ästhesie geht auf das Verb aisthanomai = "wahrnehmen" zurück.
  • Folglich geht es um einen Bereich (Fach, Institution, Krankenhausabteilung, Beruf), der sich mit dem "Nicht-Wahrnehmen" beschäftigt.
  • Vorausgesetzt = präsupponiert, vgl. [26], ist, dass es etwas gibt, das man nicht wahrnehmen will, z.B. Schmerzen.
  • Dieses Vorausgesetzte ist gedanklich das Objekt = 2.Aktant, der eben nicht wahrgenommen werden soll, vgl. [27].

Also gründet die Bedeutung des Nomens = Abstraktum voll und ganz in [28]. Das Substantiv bezeichnet nichts Festes, keine 'Substanz', aber viele Tätigkeitsbereiche, Kompetenzen von speziell ausgebildeten Menschen, chemisch-biologische Mittel, die im Zusammenwirken das Nicht-Wahrnehmen(-Können) bewirken.

1.17 "Schuld", "Schande" - Selbstrechtfertigungen

Angesichts der Untaten im Dritten Reich gibt es viele Abwehr-, Verharmlosungsstrategien. Vgl. [29], u.a. 'Wolkenschiebereien mit Abstrakta'. Zusätzlich: Oppositionen ("Deutsche vs. Nazis") vgl. [30], Beteuerungen des (unwahrscheinlichen ) Nicht-Wissens. vgl. [31] [32] u.ä.

1.18 Weichensteller: "an sich", "im Allgemeinen", "grundsätzlich" usw.

... oder vornehm, vom Lateinischen hergeleitet: "per se". Wohl in allen Sprachen gibt es explizite Signale, die anzeigen, wie das jeweilige Nomen zu verstehen sei. Sie stellen die Weiche entweder in Richtung Abstraktum, oder in Richtung Konkretum. Vgl. [33] Und manchmal verstärken sie nur, was - genau betrachtet - im Nomen ohnehin schon angelegt ist.

Die Bedeutung <<LEBEN>> ist als solche schon ein
abstraktes Gebilde. Das Gemeinte kann nicht
besichtigt werden. Sehen kann man nur konkrete
Personen, Tiere, Pflanzen und wie sie sich ent-
wickeln. <<LEBEN>> jedoch, wenn die Bedeutung
nicht noch eingegrenzt wird, auf konkrete=vorstell-
bare Umstände bezogen, bleibt abstrakt.
Der erste und generelle Eindruck lässt sich
unterstreichen, sichern. Dann redet man vom "Leben
an sich". Damit ist doppelt betont, dass man sich
in verstiegenen philosophischen Sphären sprachlich
bewegen will.
Der Eindruck des Festen, Unveränderlichen, eben Grundsätz-
lichen, ist damit impliziert, vgl. [34]
Heißt nun - laut Zeitung - ein Kabarettprogramm:
"Neues vom Leben an sich", so widerspricht schon
der Titel der Implikation der Bedeutung <<LEBEN>>:
also scheint es darin sehr wohl Veränderung zu
geben. Sprachkritisch gesehen: eine gelungene
Überschrift zur Gattung 'Kabarett'.

Es gibt die Gegenbewegung: der Sprecher ahnt, dass seine Worte auf allzu Abstraktes zielen, - das wird ihm und den HörerInnen jedoch selbst zuviel. Mit solcher Sprechweise kann er nur das allgemeine Einschlafen befördern. Folglich setzt er eine Weiche: "Im Konkreten heißt das", "auf uns bezogen", "damit ist gemeint", "im Alltag zeigt sich das Gesagte wie folgt", "genaugenommen" u.ä.

An solchen oft kleinen Sprachelementen wird ablesbar: Das Bewusstsein, dass wir uns sprachlich auf zwei Ebenen bewegen: konkret - abstrakt bzw. wörtlich - übertragen ist durchaus verbreitet. Folglich sollte auch ein grammatisches Konzept damit umgehen können.

1.19 Heinrich Heine: Narren, Dummköpfe

Diese Wertungen in Substantivform lösen - genau besehen, d.h. pragmatisch betrachtet - manche Komplikationen aus - aus: Tilch, Kruse, Heine für Boshafte, insel-tb 2008:

(56f) "Narren und Dummköpfe gibt es genug, und man
erzeigt ihnen oft die Ehre, sie für verrückt zu
halten; aber die wahre Verrücktheit ist so selten
wie die wahre Weisheit, sie ist vielleicht gar
nichts anderes als Weisheit, die sich geärgert
hat, daß sie alles weiß, alle Schändlichkeiten
dieser Welt und die deshalb den weisen Entschluß
gefaßt hat, verrückt zu werden. Die Orientalen
sind ein gescheites Volk, sie verehren einen
Verrückten wie einen Propheten, wir aber halten
jeden Propheten für verrückt."

Oder auf kleinem Raum gemixt mit reichlich "Übertragenem Sprachgebrauch", vgl. [35]

(57) "O die obskuren Wichte, die nicht erleuchtet
werden, bis sie selbst an der Laterne hängen! Mit
den Gedärmen eines Esels möchte ich meine Leier
besaiten, um sie nach Würden zu besingen, die
geschorenen Dummköpfe!"

Abstraktion + Sarkasmus:

(57) "Ihr könnt euch darauf verlassen, die Be-
scheidenheit der Leute hat immer ihre guten Gründe.
Der liebe Gott hat gewöhnlich die Ausübung der
Bescheidenheit und ähnlicher Tugenden den Sei-
nen sehr erleichtert. Es ist z.B. leicht, daß
man seinen Feinden verzeiht, wenn man zufällig
nicht so viel Geist besitzt um ihnen schaden zu
können, so wie es auch leicht ist, keine Weiber
zu verführen, wenn man mit einer allzuschäbigen
Nase gesegnet ist."

1.20 "Lied der Deutschen"

Vgl. [36] Die dritte Strofe als Nationalhymne strotzt vor Abstrakta: Einigkeit, Recht, Freiheit, Glanz, Glück, Unterpfand usw. Die Beobachtung animiert zu einigen Anmerkungen:

  • Sprachlich sind solche Häufungen von Abstrakta schwer erträglich. Sie heben die Hörer/Leser in ein geistiges Nirvana.
  • Immerhin sind auch Andeutungen von Sprachbildern enthalten, z.B. etwas soll blühen, vgl. [37]
  • Beide Beobachtungen zusammen aktivieren heftig - auf pragmatischer Ebene -, als Wunsch/Vorstellung [38] eine positive Gestimmtheit. vgl. [39]. Der Nachdruck für beides muss auch berücksichtigt werden, vgl. [40].

Die Abstrakta allein würden eine kalt-intellektualisierende Atmosphäre entstehen lassen - man denke an sterile Festakte und schlechte Predigten. Die weiteren Sprachmerkmale weisen dagegen in Richtung Sehnsucht/Hoffnung.

Das wird unterstrichen durch die Musik. Die Melodie Joseph Haydns hat etwa folgende Merkmale:

  • sie beginnt unprätentiös, bescheiden, eignet sich zur Selbstexpression, vgl. [41]
  • rhythmisch wird bedächtiges Voranschreiten nahegelegt (im Gegensatz etwa zur französischen Hymne)
  • die Art der Melodieführung verdient die Charakterisierung "liebevoll"
  • im weiteren Verlauf entwickelt sich die musikalische Intensität, so dass schließlich der Text mit großem Nachdruck und mit Inbrunst gesungen werden kann. Die Hörer/Mitsänger fühlen sich 'mitgenommen, eingeladen' durch die Musik.

Es sei vermutet, dass in punkto positiver Wirkung die musikalische Seite beim "Lied der Deutschen" einen größeren Anteil hat als allein die textliche.

1.21 Werte/Moral - und Lebensbedingungen

Zur unmittelbaren Nachkriegszeit: S. Bode, Die vergessene Generation. Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Stuttgart 2004

(173) "Aus einer Gesellschaft mit überwiegend
kleinbürgerlichen Strukturen wurde quasi über
Nacht ein Volk von Zerlumpten und Bettlern, unter
ihnen nicht wenige, die sich an eine bizarre
doppelte Moral klammerten. Werte wie Anständig-
keit und Ehrlichkeit wurden zum Schein hoch-
gehalten, obwohl kaum eine Großstadtfamilie
durchgekommen wäre, hätte sie diese beherzigt.
Es war das große Verdienst des Kölner Kardinals
Frings, dass er von der Kanzel herab Verständ-
nis für das Stehlen von Kohlen zeigte, weshalb
in der Bevölkerung für diese Art von Diebstahl
das Wort 'fringsen' in Umlauf kam." 

1.22 Hermann Hesse

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973. 'Ladidel'

(235) "Einen geringen Trost gewährte ihm der
Gedanke, daß er sich in dieser Sache männlich
stolz gezeigt habe. Zorn und Trauer überwogen
jedoch, grimmig lief er nach Hause, und als am
Abend Fritz Kleuber ihn besuchen wollte, ließ er
ihn an der Tür klopfen und wieder gehen, ohne
sich zu zeigen. Bücher sahen ihn ermahnend an,
die Gitarre hing an der Wand, aber er ließ
alles liegen und hängen, ging aus und trieb sich
den Abend in den Gassen herum, bis er müde war.
Dabei fiel ihm alles ein, was er je Böses über
die Falschheit und Wandelbarkeit der Weiber
hatte sagen hören und was ihm früher als ein
leeres und scheelsüchtiges Geschwätz erschienen
war. Jetzt begriff er alles und fand auch die
bittersten Worte zutreffend."

Reichlich Abstrakta lassen sprachlich den Eindruck einer seelischen Erstarrung entstehen. Konsequenterweise schottet sich die Textfigur von ihrer Umwelt ab. Noch ist das 'Tun der Bücher' - Metafer, vgl. [42] - nicht von Erfolg gekrönt.

"Casanovas Bekehrung"

(154) "Im Sicherheitsgefühl seiner neuesten
Entschlüsse genoß er nun den Rückblick auf
sein bewegtes Vagantenleben wie ein Schau-
spiel, das ihn rührte oder belustigte,
ohne ihn doch in seiner jetzigen Gemütsruhe
zu stören. Sein Leben war gewagt und oft
liederlich gewesen, das gab er sich selber
zu, aber nun er es so im Ganzen über-
blickte, war es doch ohne Zweifel ein hübsch
buntes, flottes und lohnendes Spiel gewesen,
an dem man Freude haben konnte."

1.23 Diskussion zur Flüchtlingskrise

Spiegel-online (16.2.2016) berichtete über eine TV-Talkrunde zum Thema. Einen wesentlichen Anteil am abschreckenden Sprachstil hatten Abstrakta:

"Die Rhetorik: So viel geballte, kalther-
zige Technokratensprache wie an diesem Abend
gab es zum Thema noch nicht allzu oft zu
hören. Der Ungar und die Österreicherin schie-
nen sich einander überbieten zu wollen im
Gebrauch von Begriffen wie "effektiver Schutz",
"Kontrolle der Ströme", "Sicherungsmaßnahmen",
"Abhaltewirkung", "strenges Regime", "Rückstau",
"Druckpunkte". Das gipfelte in dem bemerkenswerten
Satz von Mikl-Leitner: "Wir werden eine tägliche
Obergrenze exekutieren." Es war die Griechin,
die tapfer und unter Applaus dagegenhielt:
"Es sind Menschen, keine Strömungen, und sie
kommen, weil Krieg ist."

1.24 "Wohlgefallen (interesseloses)"

Vgl. [43]; [44]

Es geht um "Wohlgefallen", das - Vorgriff auf die PRAGMATIK - im konkreten Text als "interesselos" charakterisiert wird. Damit wirken in diesem Fall zwei Modal-Register zusammen - wie durch die links deutlich gemacht. Textliche Grundlage ist: P. Handke, Versuch über den Pilznarren. Eine Geschichte für sich. Berlin 2013. - Vgl. daraus S. 48f:

"Die Geschichte seines Lebens, zumindest
seines halben Lebens, die wurde, nachdem er
aus der Gegend aufgebrochen war, bestimmt
von dem, was einmal 'interesseloses Wohlge-
fallen' genannt worden ist; so dachte er
jedenfalls von seinem Leben, so hatte er es
sich in den Kopf, und nicht bloß in den
Kopf, gesetzt, oder so hatte er sich sein
Leben ausersehen, das übertrug sich auch
auf andere, und er kam damit weit, nicht nur
in einer Hinsicht. Jenes interesselose Wohl-
gefallen half ihm, die Gewichte gleichmäßig
zu verteilen, den Abstand nicht nur zu hal-
ten, sondern zu nehmen, als Tat, als Aktivi-
tät, und wenn ein Betonen, Hervorheben, Un-
terscheiden notwendig wurde, auch das zu
unternehmen im Gleichmaß - was zusammen-
wirkte als ein beständiges - nein, nicht
Gerechtsein, vielmehr Gerechtwerden. Und
Wohlgefallen hieß dabei, daß er auch bei
jenen seiner Unternehmungen, Entscheidungen
und Eingriffe, bei denen einiges oder alles
auf dem Spiel stand, auf manche (wenige),
darunter zwischendurch auch auf mich hier,
geradezu höhnisch wirkendes Einverständnis
ausstrahlte, eine Harmonie, welche, kam mir
in solchen Fällen manchmal vor, sich ein-
bildete, mehr und stärker zu sein als seine
höchstpersönliche - sozusagen eine kosmische;
(...)" 

1.25 Zusammensetzungen - Wichtigtuereien

E.C.Hirsch, Gnadenlos gut. Ausflüge in das neue Deutsch. 2. Aufl. München 2005:

(90) "Das Wort 'Drohkulisse' hat es mir
angetan. Ich entsinne mich noch, wie ich es
im Sommer 2002 in den Nachrichten gehört
habe. Der Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose
hatte gegen den Irak eine glaubhafte Droh-
kulisse gefordert. Ob es nicht sprachlich
besser wäre, eine glaubhafte Drohung zu
fordern? Da ich bei dem Wort Kulisse an
diese leicht umfallenden Täuschungsmanöver
im Theater oder bei Filmszenen denken muss, 
scheint mir eine Drohkulisse gerade nicht
glaubhaft. 
Ich höre dann den Ausruf: 'Ist ja nur
Kulisse!'
   Wo ist die gute alte Drohung geblieben?
Die einfachen Wörter kommen uns abhanden,
weil die zusammengesetzten fachmännischer
klingen. Daher kann man kaum mehr sagen:
'Beide verband eine tiefe Liebe', das heißt
heute: 'Beide verband eine tiefe
Liebesbeziehung'.
So lautet wohl der Fachausdruck. Fast sind
wir soweit, dass man sein Glas erhebt und
ausruft: 'Auf Ihren Gesundheitszustand!' Oder
dass man aus den Ferien schreibt:
'Die Wetterverhältnisse sind hier wunderbar.'
Die amtlichen Ausdrücke haben wir leider im
Ohr." 

1.26 Luther: "Gnade"

aus: E. Drewermann, "Luther wollte mehr". Der Reformator und sein Glaube. Im Gespräch mit Jürgen Hoeren. Freiburg i.B. 2016.

(161f) "Wer heute von 'Gnade' redet, sieht vor
sich ein hierarchisches Verhältnis von oben
nach unten, eine Wohltatserweisung und Huld,
die der Mächtige dem am Boden Liegenden
zuteil werden lässt. 
   Was das bedeutet, wird klar, als 1555 im
Augsburger Religionsfrieden die Fürsten sich
das Recht zusprechen, um des lieben Friedens
willen im Streit der Theologen untereinander
bestimmen zu können und zu müssen, wes Glau-
bens ihre Untertanen sind oder zu sein haben.
Man glaubt fortan eigentlich nicht mehr an
Gott, sondern man glaubt daran, dass der
König, der Fürst - wer auch immer - von Gott
in seinem Amte gesetzt ist, und zitiert
dabei der 13. Kapitel im Römerbrief...:
Jetzt haben wir Gnade als Gottes Gnadentum
der Herrschenden da droben. Ein zentrales
Wort, das den Menschen mündig machen sollte,
gerät auf diese Art zu einem Ideologie-
begriff, ihn klein zu halten. Es handelt sich
um eine vollkommene Umkehr des Gemeinten."
(218f) "Zum Abschluss dieses Komplexes 'Gnade' 
noch einmal zugespitzt gefragt: Ist auch in der
Gnadenlehre die protestantische Theologie an
einem Punkt stehen geblieben und hat dazu bei-
getragen, dass dieser Begriff 'Gnade' eben in dieser
Welt nicht mehr wirkt.
Ich glaube ja. Es hat sich zwischen katholi-
schem und protestantischem Dogmatismus dahin
polarisiert, dass die Protestanten in ange-
gebener Weise von natura corrupta sprechen,
von der Natur, die zerstört und verdorben
ist, während die katholische Theologie nur
von der natura lapsa redet, von einer Natur,
die gefallen ist und die man lediglich
wieder aufheben muss. Im Protestantismus
muss man sie wiederherstellen. An solchen
Begriffen kann man sich jahrhundertlang auf-
reiben und wechselseitig sich mit Recht-
habereien überziehen. Am Ende werden dreißig
Jahre Krieg von 1618 bis 1648 unter anderem
darum geführt, wer die richtige Gnadenlehre
vertritt. Es werden Hunderttausende getötet,
es werden zwei Drittel der Menschen Europas
dabei umkommen, aber es geht um die Recht-
fertigung in der Gnadenlehre, worum auch
sonst? Perverser lässt sich Theologie nicht
handhaben. Nur es zeigt sich, was daraus
wird, wenn man intime, persönliche Erfahrun-
gen zwischen der Person des Menschen und der
Person Gottes ins Dogmatische umformt; wenn
man Symbole der Seele in Heilshandlungen der
Kirche umformt, die als Gnadengarantie ver-
waltet werden; wenn man das Innere veräußer-
licht; wenn man das, was der Person des Ein-
zelnen gesagt wird, in den Apparat des
Kirchlichen aufhebt. An diesen Brechungen
reibt sich alles."

Vgl. auch [45]


1.27 Luther: "Gerechtigkeit"

aus: E. Drewermann, "Luther wollte mehr". Der Reformator und sein Glaube. Im Gespräch mit Jürgen Hoeren. Freiburg i.B. 2016.

(287f) "Ich bin zum Beispiel angegriffen
worden, was muss ich dann tun, um mich zu
verteidigen und geschützt zu werden? Ge-
rechtigkeit in diesem Sinne ist die Sum-
mation der Rechtsansprüche aller Einzel-
ner, und es ist im Ergebnis nichts weiter
als der legalisierte Egoismus.
Dann hat Immanuel Kant mal wieder recht:
Gesetze sind nichts weiter als die Begren-
zung der Eigensucht des einzelnen an der
Eigensucht des anderen; das ist dann, was
man Recht nennt. Was dabei entsteht, ist,
augustinisch geredet, ein Reich von dieser
Welt, das mit Christus gar nichts zu tun
hat. Diametral anders wäre es, sich zu
fragen: Wie werde ich der Not des anderen
gerecht? Was braucht der andere, um leben
zu können? Das verschiebt die Frage voll-
kommen. Und so denkt Jesus, etwa erkennbar
in dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter
(Lk 19,25-37).
'Wer ist mein Nächster?' wird er dort ge-
fragt und gibt zur Antwort:
'Derjenige, der in die Not des anderen
hineingeht und das Leid des anderen als An-
spruch an sich heran lässt; ein solcher
macht den Notleidenden sich nahe, er macht
ihn zu seinem Nächsten. Die Frage dreht
sich damit völlig um: Nicht wie wird mir
Gerechtigkeit, sondern wie werde ich dem
anderen in seiner Not gerecht? Das ist
diametral verschieden von der 'Gerechtig-
keit' der Juristen (der Schriftgelehrten),
und es ist nah bei Gott."

Kein Widerspruch, aber eine entscheidende Ergänzung: Das Gleichnis sollte ja die Frage beantworten, wen man lieben soll. Ergebnis: den, der Barmherzigkeit erwiesen hat , also den hilfreich Tätigen. Das zwingt zum Nachdenken: Wer hatte sich mir gegenüber denn schon mal als hilfreich erwiesen? - Wie steht es um meine Dankbarkeit dafür? - Die muss sich nicht genau und nur diesem Menschen gegenüber äußern - möglicherweise ist er gar nicht mehr erreichbar (der Samariter war ja auch weitergezogen). Sondern: Aus dieser positiven Erfahrung heraus, die ich schon gemacht habe und nun wieder ins Bewusstsein hole, erweise ich meine Dankbarkeit dadurch, dass ich vergleichbar Anderen gegenüber in meiner aktuellen Gegenwart handle.

1.28 Anständigkeit, Sünde, Gewalt

Vgl. [46] S.173. 178. 179. 180

1.29 "FORTSCHRITT" - technisch, auch moralisch?

aus Interview mit Philosoph Sloterdijk in SPIEGEL 26/2017 S.120:

Sloterdijk: Man muss den zu kompakten
Begriff des Fortschritts in die Komponenten
auflösen, aus denen er zusammengesetzt war.
Fortschritt ist eine starke Bewegungsmetapher
- und diese hat ihren realen Kern. Seit 300
Jahren leben wir in einem Kontinuum der
Forschung und Wissenschaft, das kumulativ
wirkt. Aus diesem Lernzusammenhang können
und wollen wir nicht austreten. In der
wissenschaftlichen Modernität und ihrer
Ergänzung durch Technik spielt sich ein
riesiges Experiment ab, das der Entlastung
des Lebens gilt. Der technische Fortschritt
setzt sich immer dann durch, wenn die
Menschen mehr Machtmittel in die Hände be-
kommen, die ihren Aktionsradius erweitern und
ihr Dasein erleichtern. Fortschritt in einem
nicht naiven Sinn bedeutet Ermächtigung und
Entlastung.   
SPIEGEL: Der aber den Menschen nicht
unbedingt besser macht. Gibt es auch morali-
schen# Fortschritt, eine Zunahme des morali-
schen Kapitals?
Sloterdijk: Auf dem Gebiet der Moral
brauchen keine Fortschritte gemacht zu werden.
Was die Moral verlangt, ist seit 2500 Jahren
klar: Gerechtigkeit für jedermann und Achtung
vor dem Gebot, niemandem Schaden zuzufügen.
Die ethischen Aussagen von Konfuzius, Aristoteles
und Moses bilden einen Horizont, den man viel-
leicht dehnen, aber nicht überschreiten kann.
Es wäre hingegen naiv, an die moralische Per-
fektionierung des Menschen zu glauben. Eher
müsste man andersherum fragen: Wie kommt
es, dass keine Infamie lange warten muss, bis
sich jemand findet, der sie begeht?

2. Bildende Kunst

2.1 Abstraktion / Epochenwechsel

Abstraktion in der Sprache sollte didaktisch parallelisiert werden mit dem gleichen Phänomen in der bildenden Kunst - dann wird die Fragestellung bewusster. Das 20. Jahrhundert bietet dazu genügend Anschauungsmaterial. Zu fragen ist auch, vor welchem Hintergrund es zur Abstraktion kommt? Die Wagner-Opern Anfang der 1950er Jahre wurden optisch sehr abstrakt geboten - vermutlich um einen sichtbaren Trennstrich zur vorausgegangenen Epoche zu ziehen: Verquickung mit NS-System. - Hier folgt das Zitat zu einer ganz anderen Epoche, der Romanik. Aus: A. Hauser, Sozialgeschichte der Mittelalterlichen Kunst. 1957. S.63f:

Der rhythmische Wechsel der Stile gelangt in
der romanischen Kunst - nach dem Geometris-
mus der frühen und dem Naturalismus der spä-
teren Antike, der Abstraktion des altchrist-
lichen und dem Eklektizismus des karolingi-
schen Zeitalters - wieder in eine Phase der
naturfernen Typik und des Formalismus. Die
feudale Kultur, die wesentlich antiindivi-
dualistisch ist, bevorzugt auch in der Kunst
das Allgemeine und Gleichartige und neigt
zu einem Weltbild, in dem alles typisch ist,
die Physiognomien wie die Draperien, die
großen gebärdenreichen Hände wie die winzi-
gen palmenzweig-förmigen Bäume und die ble-
chernen Berge. Sowohl diese Typik als auch
die Monumentalität der romanischen Kunst
kommen am auffallendsten in der Betonung der
kubischen Form und die Einordnung der Pla-
stik in die Architektur zum Ausdruck.
Die Skulpturen der romanischen Kirchen sind
Bauglieder, Pfeiler und Säulen, Teile der
Wand- oder der Portalkonstruktion. Der
architektonische Rahmen ist für die figu-
ralen Darstellungen konstitutiv. Nicht nur
Tier und Blattwerk, auch die menschliche
Gestalt erfüllt im Gesamtkunstwerk der
Kirche eine ornamentale Funktion; sie biegt
und beugt sich, streckt und verkleinert
sich, je nach dem Platz, den sie einzuneh-
men hat. Die dienende Rolle jeder Einzel-
heit ist so stark betont, daß die Grenze
zwischen freier und angewandter Kunst,
zwischen Bildnerei und Kunstgewerbe durch-
aus fließend bleibt.

Der Gegenpol wird in der Gotik wirksam:

(105) Auch in der Kunst siegt über die Vor-
stellung eines außerhalb der Welt stehenden
Gottes der Gedanke einer in den Dingen selbst
wirkenden göttlichen Macht. Der Gott, der
'von außen stieß', entsprach der autokrati-
schen Weltanschaung des frühen Feudalismus,
der Gott, der in allen Ordnungen der Natur
gegenwärtig und wirksam ist, entspricht der
Einstellung einer liberaleren, die Möglich-
keit des sozialen Aufstiegs nicht mehr voll-
kommen ausschließenden Welt ...
Am auffallendsten äußert sich der Dualismus
der Gotik im Naturgefühl des Zeitalters. Die
Natur ist nicht mehr die stumme, entseelte
materielle Welt, als welche sie dem Früh-
mittelalter im Zusammenhang mit der jüdisch
-christlichen Vorstellung von Gott und in
Übereinstimmung mit der Idee eines unsichtba-
ren, geistigen Herrn und Schöpfers der Welt
erscheinen mußte. Die vollkommene Transzen-
denz Gottes führt damals ebenso notwendig zu
der Entwertung der Natur, wie der Pantheismus
jetzt ihre Rehabilitierung bewirkt. 
Bis zur franziskanischen Bewegung ist nur
der Mensch 'Bruder' des Menschen, seither
ist es aber jede Kreatur. 
... Man sucht in der Natur nicht mehr nach
bloßen Gleichnissen einer übernatürlichen
(106) Wirklichkeit, sondern nach den Spuren
des eigenen Selbst, den Spiegelungen des
eigenen Gefühls. Die blühende Wiese, der
eisbedeckte Fluß, Frühling und Herbst, Mor-
gen und Abend werden zu Stadien der Seele.
Es fehlt aber, trotz dieser Korrespondenz,
noch immer der individuelle Blick für die
Natur; die Naturbilder sind stehende,
starre Tropen, ohne persönliche Variabi-
lität und Intimität. ... 
Bemerkenswert ist aber, daß die Natur
überhaupt ein Gegenstand des Interesses
geworden ist und daß sie an und für sich
als darstellungswürdig erscheint. Das Auge
muß sich erst der Natur öffnen, bevor es
individuelle Züge in ihr zu entdecken
vermag.

2.2 Volkach - "Maria im Weingarten"

... so heißt die Kirche, etwas außerhalb des fränkischen Städtchens. Darin kann man einerseits die Holzschnitzarbeit von Tilmann Riemenschneider aus dem 16. Jhd. bewundern: "Madonna im Rosenkranz", vgl. [47]. Andererseits am Ende der Längsachse des Kirchenschiffs das moderne Hochaltarbild. Beide Werke können in einer Flucht betrachtet werden (die Holzschnitzarbeit hängt im zentralen Bogen, der Schiff und Chorraum trennt).

Das Hochaltarbild (2002, von Jürgen Lenssen)
ist fast ganz weiß, zeigt links unten allenfalls
einige Kleckse, rechts an der Seite schwach die
Silhouette eines gehenden Menschen. Das ist alles.

Im Kiosk neben der Kirche liegt ein Buch aus, in dem Besucher ihre Eindrücke formulieren können. Davon wurde denn auch heftig Gebrauch gemacht: das Nahezu-Nichts-Bild wurde einerseits als gewaltige Provokation empfunden - ausgedrückt mit den erwartbaren deftigen Sprachbildern, andererseits wurde es gelobt und gepriesen. - Was gilt denn nun? - Einige Eindrücke:

- Das Bild ist keine optische Konkurrenz zu der
  in der gleichen Betrachtungslinie positionierten
  Madonna, lenkt zunächst also nicht durch
  ausgearbeitete figürliche Darstellungen ab.
- durch dominierendes Weiß kontrastiert es aber
  auch zur gesamten spätgotischen Umgebung,
  lenkt insofern schon auch Aufmerksamkeit auf sich.
- Weiß symbolisiert immer auch Licht, Leichtigkeit,
  kann insofern die nicht dingfest zu
  machende Sphäre Gottes repräsentieren -
  sein Geheimnis.
- die Kleckse wirken wie gewaltsam hingerotzt -
  in der aktuellen Umgebung: Hinweis auf
  Gewalt, Wunden, Tod.
- die schwache, aber doch klar gezeichnete
  Silhouette verhindert jede Identifizierung/
  Personalisierung. Die Tätigkeit des Gehens,
  der Veränderung - gleichgültig durch 
  wen vollzogen - wird betont.
- im Kontrast zu den Klecksen: Silhouette könnte
  auf den/einen Auferstandenen deuten 
- da eine Identifizierung nicht möglich ist:
  bezüglich jedes Menschen kann/soll der
  Zusammenhang von Wunden/Tod + Veränderung/neuem
  Leben + und das vor dem Hintergrund
  von Geheimnis/Gott/Nicht-Wissen gelten.

Bildnerische Abstraktion in einem derartigen Ambiente kann somit sehr aussagekräftig werden. All die negativen Reaktionen rühren wohl daher:

  1. die Objektwelt, mit klaren Umrissen und Individualitäten, hat eine Sogkraft: wir sind sie aus dem Alltag gewohnt. Widerspricht einer dieser Gewohnheit, erntet er zunächst automatisch Abwehr und Gegenwind.
  2. Standarderwartungen an ein Bild werden durch die Abstraktion enttäuscht: viele wenden sich dann ab, statt dass sie die reichlich vorhandenen Impulse der Gestaltung aufgreifen und auswerten.
  3. Wie bei Sprache - Kurzschluss: "Aussage = Realität" - wird bei darstellender Kunst häufig mit dem Kürzel gearbeitet: "Bild = Abbild". Stattdessen ist in beiden Fällen das Medium - "Sprache" bzw. "bildnerische Elemente" - zunächst Spielmaterial, mit dem neue Gedankenverbindungen geschaffen werden können, die mit "Abbild" nichts zu tun haben.
Nebenbei kann man erwähnen, dass 2002 mit der
vorwiegend weißen Bildfläche sozusagen 'in der
Provinz' der Impuls angekommen ist, den
Robert Rauschenberg, vgl. [48]
schon 1951 mit seinen "white painings" gesetzt hat:
die Negierung jeglicher Form, auch abstrakter,
von Darstellung. Ein Jahr später übertrug John Cage [49]
dies in die Musik: das Stück 4'33" lässt über
die angegebene Zeitdauer überhaupt nichts
erklingen/hören.
Beide Aktionen geben dem Thema "Abstraktion" sozusagen den
letzten Kick.

3. Einzelsprachen:

3.1 Denglisch

... wenn man das als "Einzelsprache" bezeichnen will ... Jedenfalls werden aus R. Griesbeck, "Der Turm von Schwafel", 2010 S.49ff einige ins Deutsche übernommene englische Wörter/Begriffe samt (gekürzter) Beschreibung übernommen. Jeweils werden Kategorien der Alternativ-Grammatik hinzugestellt und kurz erläutert. Der Zweck ist nicht, jene Wörter zu ersetzen, Alternativen anzubieten. Sondern es sollen die wesentlichen Merkmale sichtbar gemacht werden. Dabei zeigt es sich, dass das Instrumentarium dieser Grammatik geeignet ist, sehr unterschiedliche Begriffe in Grundzügen zu beschreiben. In immer neuen Variationen wiederholen sich die selben Grundbegriffe. Immer entpuppt sich ein vermeintliches Substantiv (Wortbedeutung) als Nicht-Sachbezeichnung, als zugehörig zu anderen Basiskategorien (oft in Form eines Konglomerats).

Methodisch ist es eine gute Chance, ganz unterschiedliche Wörter+Bedeutungen vom immer gleichen Set an Grundbegriffen her zu verstehen. Behauptet wird nicht, die unten genannten Bedeutungskomponenten (nach Wichtigkeit stufenweise aufgeführt) würden jeweils alle Nuancen der betreffenden Bedeutung erfassen. Aber es wird angestrebt, zunächst die wichtigsten Komponenten zu nennen. Weitere Verfeinerung ist immer möglich.


Accessibility "bedeutet Verfügbarkeit oder Zugänglichkeit. Das können Clubs ebenso sein wie Internetseiten oder kostenpflichtige Fernsehprogramme."

Für unterschiedlichste Zielbereiche wird die Ermöglichung
eines Kontakts, einer Teilnahme betont. Also gehört das
Abstraktum zu 4.084  Modalitäten – »Register« ERMÖGLICHUNG
-statisch-possibile, d.h. es ist erlaubt, man darf -
was erlaubt ist, muss separat ausgesagt werden. Das ist
so wie in einem Satz, der zwar eine Modalkomponente enthält, aber
kein echtes Prädikat.

Account "heißt Kunde. Deshalb wirkt es schon etwas seltsam,

wenn man einen 'Kunden-Account' hat." "Kunde" setzt eine Figur
voraus, die selbstmächtig handeln kann: 4.0611 Subjekt / 1.Aktant, 
die folglich auch als "Akteur" beschreibbar ist: 4.21 Eigenprofil der Akteure
          "Kunde-Sein" geht nur in einer (Geschäfts-)Beziehung.
          Somit ist die Herstellung einer Beziehung angesprochen: 4.122 Gesprächskontakt - phatisch
                    Im Rahmen der Beziehung geht es um Werte,
                    um Aushandlungen, um Abschätzungen, 
                    welchen Preis eine Leistung, ein Angebot haben darf. 
                    4.085  Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE

After-Work "ist die Zeit nach Geschäftsschluss. Stimmt, dafür gab es früher kein deutsches Wort, weil es noch keine 'After-Work-Partys' gab."

Das Schein-Substantiv entpuppt sich als Zeitangabe: 4.072 Zeit / Tempus / Chronologie 
Von den drei Komponenten sind zwei realisiert:
     R  = Arbeitszeit als Referenz. Gemessen an der ist
     EZ = Zeit des Ereignisses, das bestimmt werden soll.
          Man erfährt, dass es nach R liegt. 
          Worum es sich handelt, bleibt unklar. 
     O  = Standort des Betrachters ist unklar. Daher kann
          man nicht sagen, ob das Ereignis in der 
          Vergangenheit, Gegenwart oder in der Zukunft stattfindet.

Assessment-Center "beschreibt eine Ausbildungs-, Prüf- oder Testabteilung, etwa bei der Auswahl von Bewerbern auf eine Stelle."

Das aufgedonnerte Wort meint eine Einrichtung, an der
man nicht vorbeikommt, die also einen Zwang, 
eine Verpflichtung ausübt: 4.083  Modalitäten – »Register« INITIATIVE - speziell in der Form 
"kausativ = fremder Wille": jemand erlegt einem
anderen die Verpflichtung auf.
          Zweck des Zwangs ist Wahrnehmen, um dann
         zu wissen, wie es mit dem Wissen anderer 
          bestellt ist (perceptiv, cognitiv).
          Also in dreifacher Weise ist 
          4.081  Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE eingeschlossen.

Beauty "ist ein 'Lifestyle'-Wort, unter das Schönheit, Kosmetik und Körperpflege fallen. Es klingt natürlich um einiges charmanter als 'gut aussehen', und es gibt zugegebenermaßen keine Gut-ausseh-Königin."

Jemand gibt also etwas kund, spiegelt anderen etwas vor,
vermittelt ihnen einen Eindruck. 
Das ist - non-verbal - ein  Mitteilungsakt.
Gute Gelegenheit, an das weite Verständnis von dictiv in 
4.081  Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE zu erinnern.
Dort geht es nicht nur um sprachliche Mitteilungen. 
          Die Mitteilung ergeht in Form einer besonders
          herausgeputzten Person. Somit ist eine 
          Verkörperung im Spiel, so etwas wie eine
          Stilfigur (im doppelten Sinn). Vgl. 
          4.1135 Personifikation, Projektion
                    Noch nicht genug der Aspekte:
                    4.085  Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE und 
                    darin der positive Wert (euphorisch) soll
                    natürlich verkörpert werden.

Benchmark "bedeutet Messlatte, klingt aber besser. Mit dieser Messlatte kann man alles vergleichen: ..."

Insofern es wirklich um "Messen" geht, ist genaues
Hinschauen und Vergleichen gefragt: 
4.081  Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE, speziell
mit den Komponenten perceptiv und  cognitiv.
          Gekoppelt damit ist immer auch die Vorstellung
          von einem "Nullpunkt", an dem sich entscheidet, 
          ob ein Wert "schlecht" oder "gut" ist.
          Vgl. 4.085  Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE. Der 
          Nullpunkt entspräche dem indifferent.

Benefit "bedeutet Nutzen. "Wo ist mein Benefit?", fragt der moderne Manager und meint damit seinen Bonus, Vorzugsaktien und Gehaltszulagen."

Wir hatten schon die Kategorie Benefiziat = Nutznießer,
als Zusatzbestimmung zum 1.Aktanten = Subjekt 
- vgl.4.0611 Subjekt /  1.Aktant. Das ist der gleiche
lateinische Wortstamm. Die Bedeutung: eine Handlung des
Subjekts ist beschrieben, zusätzlich wird formuliert,
wer davon profitiert. Oft als Nebeneffekt. In heutigem
Sprachgebrauch macht man den bisherigen Nebeneffekt oft
zum Haupteffekt: 
Wenn der Nutzen klar ist, begibt man sich an die Arbeit. 

Brainstorming "findet statt, wenn sich ein paar Menschen (meist Kreative!) zusammensetzen, um auf eine neue Idee zu kommen. Dabei ist es Pflicht, jeden Blödsinn und völlig abwegige Themen ins Spiel zu bringen, denn nur im Chaos kann eine schlagkräftige Idee entstehen."

Was ist dieses Bild anderes, als die Einladung, sich im
4.082  Modalitäten – »Register« IMAGINATION auszutoben? 

Briefing "bedeutet Einweisung. 'Man hat Sie wohl nicht richtig gebrieft!', sagt die Frau zum Gärtner, nachdem der alle Rosen ausgegraben hat."

X sagt dem Y, was er zu tun und was er zu lassen hat:
4.083  Modalitäten – »Register« INITIATIVE 
- in der Form, dass einer dem anderen sagt, was Sache ist
(nicht so, dass einer für sich selbst zu einem 
Tatentschluss kommt).

Casting "ist die Pest - als Wort und als Realität. Früher nannte man das Vorsprechen, und außer Schauspielern und Musikern musste das niemand. Der Rest war glücklich. Inzwischen will jeder gecastet werden, sogar in aller Öffentlichkeit."

Siehe oben zu Assessment-Center. Nur die
Anwendungsfelder unterscheiden sich. Laut Griesbeck: 
"Probeaufnahmen mit Unbegabten, Vortanzen für Beinamputierte
und Wettsingen für Jungs im Stimmbruch."  - Oder so ähnlich...

Challenge "bedeutet Herausforderung, ist aber um einiges schneidiger. ... Eine Challenge ist etwas ganz Gefährliches."

Wenn das schon so gefährlich ist, spielt die Frage
nach Existenz oder Nicht-Existenz herein: 4.0612 Existenzsätze – Streit ums Thema / Subjekt
          Aber irgendeine Person oder irgendein Umstand
          zwingt einen in dieser Herausforderung: 4.083  Modalitäten – »Register« INITIATIVE
                    Wie immer bei so radikalen Situationen, steht die Grundopposition im Hintergrund: 
                    gut oder schlecht: 4.085  Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE

Chill-Out "oder chillen findet meist 'after-work' statt. Da kann man sich ausruhen, abschalten, erholen, meinetwegen sogar relaxen."

4.083  Modalitäten – »Register« INITIATIVE in
seinen negativen Varianten ist einschlägig: man hat 
selbst keine Lust, keinen Willen, etwas zu tun,
lehnt auch entsprechende Aufträge anderer ab.
          "Initiative" auch in ihrer negierten Form
          bezieht sich auf etwas, auf eine zu 
          vollbringende Handlung. Aber das eben wird
          gerade negiert. Man könnte sich also zum 
          "Prädikat" kostbare Gedanken machen:
          4.1115 Prädikat – kritisch nachgefragt. Die 
          kann man sich  aber sparen, da die Erwartung,
          man werde irgendetwas vollbringen, irrig 
          ist: 4.125 Erwartungen, Negationen. Das zeigt zugleich:
          Es kommt darauf an, wie etwas beschrieben wird.
          Entweder einer schläft - dann schläft 
          er halt. Oder ich betone, dass er im Kontrast
          zur Arbeit gerade abschaltet usw. Dann 
          verbinde ich den äußeren Vorgang zugleich mit
          einer kontrastierenden Rechtfertigung.

Cocooning "bedeutet, dass Menschen das Leben einer Seidenraupe führen, jedenfalls für kurze Zeit. Dabei lässt sich vorzüglich chillen. Der Kokon dieser Raupe steht als Bild für einen neuen Erholungstrend: kuschelige Hotelzimmer ... Noch ein bisschen Wellness dazu, Aussicht aufs Matterhorn, ein Cello-Trio in der Hotelbar, und die Raupe Nimmersatt ist glücklich."

Diverse Faktoren der Umgebung führen dazu, dass
der Einzelne sprachlich oder durch sonstige Ausdrucksmittel
kundgibt, dass seine Gefühle angesprochen sind  4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte
          und das natürlich positiv: 4.085  Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE

Coming-out "bedeutete anfangs nur, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen. Meist tat man das, kurz bevor man von anderen geoutet wurde, also nicht ganz freiwillig. ... Man kann sich inzwischen als alles outen: als Orchideenliebhaber ..."

Es handelt sich um eine Wissensmitteilung: 4.081  Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE - 
wieder das dictiv in seinem weiten Verständnis.  
          Der Mitteilungsakt - 4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte - ist insofern ein 
          besonderer, als nicht über irgend einen
          beliebigen Sachverhalt informiert wird. 
          Es werden auch nicht andere zu etwas
          aufgefordert. Sondern der Sprechende sagt  
          etwas über sich selbst aus. Die
          Selbstauskunft hat keinen Charakter der 
          Beliebigkeit, der Zufälligen.
          "explizit performativ" oder "Koinzidenz"
          - so sprach man in der Linguistik von
          solchen Sprechakten.

Commitment "ist ein längst überfälliges Wort, das die unscharfe Bezeichnung Verpflichtung ersetzt. 'Ich habe es ihm versprochen.' Wie dürftig. 'Ich habe mich committet!' ist dagegen klar und deutlich, und deshalb sagt es auch jeder Werbefuzzy, Anzeigenfifi und Medienheinz, wenn er darauf hinweisen will, dass er jemandem etwas versprochen hat."

Es gilt der gleiche, selbst-verpflichtende Sprechakt
wie soeben:  4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte - "explizit performativ". 
          Wer etwas verspricht, stellt etwas in Aussicht,
          blickt auf zukünftige Realitäten: 
          4.082  Modalitäten – »Register« IMAGINATION in der prospektiven Form.
                    Wer verspricht, wird diesen
                    feierlichen Sprechakt aufgrund der 
                    Umstände, der Lebenssituation,
                    für notwendig und sinnvoll halten. 
                    Es ist also immer auch Nachdruck,
                    Emphase im Spiel:  
                    4.086  Modalitäten – »Register« ASPEKTE, darin forte.

Corporate Identity (CI) "meint ein abgestimmtes Erscheinungsbild einer Firma, einen Auftritt wie aus einem Guss, optimale Wiedererkennung, integriertes Design und so weiter."

Wieder eine Wissensmitteilung: 4.081  Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE - 
dictiv in seinem weiten Verständnis. Es wird
für andere etwas präsentiert.
          Modelliert wird eigentlich ein Produktionssystem;
          da das aber unanschaulich wäre, 
          strebt man eine Einheitlichkeit an,
          wie sie eine Person kennzeichnet. Auch
          das  hatten wir schon mal: Vgl. 4.1135 Personifikation, Projektion
                    Diese fiktive Person kann handeln:4.0611 Subjekt / 1.Aktant
                              Und sie ist natürlich toll: positiv/euphorisch in 
                              4.085  Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE
                                

[In diesem Sinn könnte man das Alphabet vollends durchgehen. - Vielleicht will ja jemand anderes tätig werden...?]


4. Musik

4.1 Volkslied

"Freut euch des Lebens" hat zwar eine beschwingte Melodie, aber im Text stört doch eine allzu große Dichte an Abstrakta.

"Leben (mehrfach), Sorg, Müh, Schöpfung, Redlichkeit,
Treue, Zufriedenheit, Mißgeschick, Freundschaft"

Daher wirkt der Text eher wie eine Predigt.

4.2 Oper "Fidelio" - FREIHEIT

Isoliert, als Abstraktum geäußert, klingt "Freiheit" als Wort zwar bedeutungsschwer und wichtig, zugleich aber als sprachliche Äußerung billig und banal. - Das lässt sich ändern, etwa auf der Bühne, wenn Florestan im Kerker einerseits seine Fassunglosigkeit über sein Schicksal beklagt, dann aber doch seiner Sehnsucht nach "Freiheit" dramatisch 'Stimme gibt' - massiv unterstützt durch Beethovens Musik: [50]


5. Religiöse Sprache

5.1 "Gericht Gottes"

Zwei Abstrakta zusammengespannt ergeben eine abstrakte Metapher. Was besagt sie? - Man sollte nicht gleich eine Antwort auf die Frage anstreben, sondern zunächst die einzelnen Verwendungszusammenhänge = Texte mitberücksichtigen.

Laut einem Zeitungsbeitrag (SWP 26.5.2012) würdigte
E. Eppler - früherer Bundesminister, auch
Kirchentagspräsident - die Ostdenkschrift der EKD
aus dem Jahr 1965. Sie sei an die östlichen Nachbarn
ein Signal gewesen, "dass die Deutschen keine
unverbesserlichen Revanchisten und Militaristen
waren".
Dadurch wurde der Boden für die neue Ostpolitik
unter W. Brandt bereitet. 
   Aber der Text war nicht nur ein außenpoli-
tisches Signal, sondern auch eines nach innen:
"Die westdeutsche Gesellschaft wurde ebenso wie
die Vertriebenen darauf hingewiesen, daß 'nur das
Ja zum Gericht Gottes den Weg zu neuen Aufgaben
frei macht'. 

Was könnte die sprachlich fremde Sprechweise (im Rahmen einer politischen Argumentation) bewirkt haben?

  1. Allein der Fremdheitscharakter war schon wichtig. Er sagte den Adressaten: Liebe Leute, es gibt noch andere Perspektiven als nur Eure bekannten Floskeln (z.B. "Verzicht ist Verrat").
  2. "Fremdheit" gilt nur, was den Kontrast zur politischen Argumentation betrifft. Als religiöse Denkform ist der Ausdruck den Adressaten bekannt. In dieser Hinsicht liegt ein sprachlicher Brückenschlag vor, eine vertrauensbildende Maßnahme: phatisch, vgl. 4.122 Gesprächskontakt - phatisch. Die Abgrenzung unterschiedlicher Themen/Denk- und Sprechweisen erfassen wir unter 4.42 Einheitliches Thema (Isotopien).
  3. Der Verweis auf solch ungreifbare, aber offenkundig überlegene Instanzen ("Gott", "Gericht") erzwingt Einordnung, Unterordnung, Respekt, verhindert egoistisches und gewalttätiges, nur an den eigenen Interessen orientiertes Agieren. Kann man bei 4.5 Wachgerufene Zusatzgedanken (Implikationen) erarbeiten.
  4. Die Nennung "Gottes" aktiviert als rhetorische Figur 4.086 Modalitäten – »Register« ASPEKTE: Mit höchster Emphase = höchstem Wert wird die Aussage unterstrichen. Ein Ausweichen gibt es nicht.
  5. "Gericht Gottes" in dieser Verwendung suggeriert: das Urteil ist schon gefallen. Es ist nicht so, dass das Gericht erst seine Arbeit aufnimmt. Folglich bleibt nur, das ergangene Urteil nun auch anzuerkennen. = rhetorisch wird Kritikern der Wind aus den Segeln genommen.
  6. Ein "Gericht" kann prinzipiell ja auch zum Freispruch führen. Im aktuellen Fall aber wird die auch sonst häufige Assoziation wachgerufen: "Gericht" = "schlimmes, schwer zu tragendes Urteil". Kurz nach dem 2. Weltkrieg konnte man gut verstehen, was mit dieser Assoziation gemeint ist.
  7. Ein "Gerichtsurteil" gilt, ist anzuerkennen, zumal "Gott" damit verbunden ist. Jeder versteht: dazu gibt es nicht noch eine Berufungsinstanz. Es ist ein letztinstanzliches Urteil - jegliches weitere Taktieren ist unterbunden. Die Aufforderung, dazu "Ja" zu sagen, ist eigentlich überflüssig, aber bei besonders hartleibigen Adressaten wohl angebracht. Vgl. nochmals: 4.5 Wachgerufene Zusatzgedanken (Implikationen).
  8. Die Adressaten (Vertriebenenverbände) hätten durchaus reagieren/sich wehren können, etwa mit der Rückfrage: Was maßt Ihr = EKD euch an, "Gott" für eure politische Argumentation zu instrumentalisieren? - Aber die Wucht der Metapher und die Mehrheit des EKD-Gremiums drängten Widerspruch in den Hintergrund.
  9. Die religiöse Metapher baut aber auch eine Brücke, erleichtert das Einlenken, vgl. 4.126 FACE-Konzept, "Gesicht wahren": die religiöse Diktion war vielen vertrauter als die politische. Sie stimmten eher der Metapher "Gericht Gottes" zu, brauchten nicht die Rede vom "status quo" übernehmen.

Fazit: Unter punktuellem Rückgriff auf ein ganz anderes Sprachspiel (Religion) wird rhetorisch mit Macht ein Umdenken in politischen Fragen erzwungen ('Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze', keine Gebietsforderungen an Polen). Auch das lässt sich mit unseren Kategorien beschreiben:

  • 4.082 Modalitäten – »Register« IMAGINATION hat als geistiges 'Register' keinen Gegenwartsbezug. Man kann entweder bezüglich der Vergangenheit orientiert sein, oder bezüglich der Zukunft. Man kann auch bezüglich der Zukunft erträumen, es möge wieder so sein wie einmal in der Vergangenheit. Genau dies schien ja auch das politische Programm der Vertriebenenverbände zu sein.
  • Die EKD-Denkschrift, mit dem geforderten "Ja" zum "Gericht Gottes" will einen Registerwechsel erzwingen: 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE als Wahrnehmung dessen, was gegenwärtig ist. Die religiöse Metapher politisch ausgedrückt: Anerkennt endlich den status quo! Hinter der frommen Rede kann man durchaus auch Ungeduld und Missbilligung der bisherigen Blockade mithören.
  • Ob dann jemand der Rede vom "Gericht Gottes" zustimmte, der Formel "Anerkennung des status quo" zur Gesichtswahrung eine Absage erteilte, war letztlich unerheblich. Das 'Gemeinte' war in beiden Fällen das gleiche.


5.2 ÜBUNG: Paulus - Röm 8

Der Text enthält zweifellos Abstrakta. Daneben aber auch konkret klingende Nomina. Allerdings meldet sich bei ihnen doch auch der Verdacht, dass sie ebenfalls abstrakt gemeint sind. Stimmt das? Wenn ja, läge eine Form übertragenen Sprachgebrauchs vor. Vgl. [51]


5.3 J. S. Bach, Kantate BWV 21

Nicht um die Musik, sondern um den vertonten Text geht es. In Nr. 11 beschließt der Chor das Werk mit folgendem Text:

[Das Lamm, das erwürget ist,] ist würdig zu nehmen
Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke
und Ehre und Preis und Lob. Lob
und Ehre und Preis und Gewalt sei unserm
Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen, Alleluja.

Wer mitzählt, kommt auf 16 Abstrakta in dem kurzen Text - von anderen Stilmerkmalen sei hier abgesehen. Der Schlusschor wird damit zu nichts anderem als einer reinen Machtdemonstration. Man kann den Komponisten nur bedauern, hätte ihm gern bessere Textlieferanten gewünscht: poetischere, anschaulichere, intelligentere. Wenn stattdessen eine derartige Sprache im Schwange war, versteht man, dass im politischen Sektor der Absolutismus nahe war.

5.4 "Glaube" laut Römischem Weltkatechismus

Das Abstraktum verweist natürlich auf 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE, also auf das Thema "Wahrnehmung, Wissen, Ahnen, Vertrauen" - bzw. ihr jeweiliges Gegenteil. So beschrieben hat das Substantiv mit Religion noch nichts zu tun, aber natürlich gibt es Übergänge zu ihr.

  • Einführung in den folgenden Essay: [52]. Teile daraus wurden 2003 im SWR gesendet.
  • Interessierendes Thema: [53] = "Glaube" wird in dogmatischem Denken in ein "Gut", eine "Sache" verwandelt - dabei sollten solche Künstlichkeiten - dem dient der gegenwärtige Schritt der Pragmatik - wieder aufgelöst werden: die Geistesfunktion "glauben" ist ein sehr persönlicher 'Prozess', selten eine bewusste 'Handlung' - die Einmischung einer "Glaubensbehörde" verträgt sich damit schon gar nicht.

5.5 "Pietät"

Es genügt oft nicht, nur die Bedeutung des einen Wortes aufzudröseln, z.B. auch etymologisch, sprachgeschichtlich. Man muss zusätzlich den gedanklichen/ideologischen Rahmen beachten, in dem es gebraucht wird. Das Wort/der Begriff kann dann gleich, das Gesamtverständnis aber dennoch verschieden sein. Aus: S. Gouguenheim, Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel. Darmstadt 2011, S.162:

"Unter 'Pietät' versteht der Christ die stille Andacht,
barmherzige Taten oder den Besuch der Messe in einer
Kirche. Für den Muslim bedeutet die gleiche 'Pietät'
Gehorsam gegenüber dem Gesetz Allahs. Gute Werke wie
Almosen sind Handlung, die genau vorgeschrieben sind
und deshalb von allen befolgt werden. Die muslimische
Spiritualität besteht in erster Linie darin, sich vor
auch der geringsten äußeren Verschmutzung und vor allem
Unreinheit zu bewahren, um die schon ganz zu Anfang
gesetzten Regeln der Umma zu respektieren. Der Islam
ist eine Orthopraxie."

5.6 "Ablass"

... eine Spezialität der katholischen Kirche. Im 11./12. Jahrhundert zu einem Bestandteil des christlichen Bußwesens ausformuliert. Wer nicht ganz der Hölle zuzurechnen war, sondern nur 'zeitliche Sündenstrafen' im Fegefeuer abzusitzen hatte - um dann in den Himmel zu kommen -, der konnte sich durch Bußleistungen, vornehmlich finanzielle, loskaufen. Später für Martin Luther ein wesentlicher Ansatzpunkt, um gegen diese für die Amtskirche einträgliche 'luftige Kontoführung' anzugehen. - Schon 100 Jahre vorher galt:

"In der Praxis verselbständigt sich der Ablass
zudem immer mehr zu einem Instrument der kirch-
lichen Finanzierung: Kirchenbauten wurden häufig
mit Ablässen finanziert, ebenso die Kreuzzüge.
Der Ablaß wurde vielfach zum Geschäft - bald teuer
verkauft, mitunter billig verschleudert.
Die zweckbestimmte Verwendung der Ablassgelder
erwies sich häufig als nicht mehr kontrollierbar.
   Johannes Hus hatte bereits in den frühesten
bekannten Predigten in der Betlehemskapelle seit
1405 erhebliche, ja, fundamentale Einwände gegen
die Ablässe geäußert und diese sukzessiv aus-
geweitet. Im März 1411 äußerte er in einer
Predigt: 'Kein Ablass der Welt kann einen
Menschen gerecht machen, der sich nicht selbst
in seinem Herzen rechtfertigt, indem er die
vergangenen Sünden bereut:'"
     (aus: Th. Krzenck, Johannes Hus. Theologe, Kirchenreformer, Märtyrer. Persönlichkeit und Geschichte 170.
                Gleichen.Zürich 2011. S. 123)

5.7 "Heiliger Krieg"

"Krieg" selbst ist zwar eine brutale Realität, aber als Wort samt Bedeutung ein Abstraktum. Mit einem Wörtchen wird beansprucht, eine unsägliche Flut lebenszerstörender Aktivitäten erfassen zu können. Bei religiösem Hintergrund kann dieses Abstrakt-Substantiv noch gesteigert werden durch die Beifügung des Adjektivs "heilig" - womit die Tür zu Kriegsrechtfertigungen geöffnet wird. Bei solchen Rechtfertigungen darauf achten, welche weiteren volltönenden Abstrakta ebenfalls benutzt werden. Höchste Werte sollen jede Brutalität und Existenzauslöschung in gutem Licht erscheinen lassen. Vgl. [54] oder vergleichbare Darlegungen.

5.8 "Liebe" - allerdings satirisch betrachtet

Vgl. [55] - es wird das Gegenteil von Abstraktion vorgeführt: die Bindung der gemeinten Bedeutung an äußere Objekte. - Auch so kann man zeigen, dass "Abstraktion" gerade das Gegenteil von "Verdinglichung" ist. - Oder noch ein Beitrag dazu: [56] - zufällig und ungeplant steht in beiden Fällen die selbe Theologin im Hintergrund; sie arbeitet daran, dass die innere Verhaltenssteuerung, die viele Quellen hat, auch unbewusste, konkret-dinghafte Gestalt bekommt - und so endlich der Suggestion entspricht, die die grammatische Wortklasse: Substantiv (irreführenderweise) suggeriert.

5.9 "Gott" <=> unerklärbare Genialität

Vgl. SPIEGEL 28/2016, Interview mit dem US-Mathematiker Ken Ono; u.a. wird dabei auf den Inder Srinivasa Ramanujan eingegangen, der 100 Jahre zuvor ohne Studium zu einem der größten Mathematiker seiner Zeit avancierte. - Sprache und die unergründliche Leistungsfähigkeit des menschlichen Geistes sind das entscheidende Thema, - und nicht eine 'objektiv-göttliche Zweit- / Hinterwelt'.

Ono: ... Ich verbringe einen großen Teil meiner Arbeits-
zeit, bestimmt die Hälfte, ausgestreckt auf dem Sofa, die
Augen geschlossen, gerade so, als schliefe ich. Viele
Stunden vergehen so, während ich meine Gedanken wandern
lasse.
SPIEGEL: Woher kommen denn dann die Ideen? In
Ramanujans Notizbüchern finden sich meist nur die nackten
Formeln. Keine Erläuterung, keine Herleitung, kein Beweis.
Waren es Eingebungen, die plötzlich vom Himmel fielen?
Ono: Das ist bis heute ein Mysterium. Nehmen Sie nur
die Seite, deren Faksimile ich hier auf meinem Computer
habe. Sie stammt aus einem Brief, den Ramanujan an Hardy
schrieb, kurz bevor er starb. Er schreibt darin von seiner
Entdeckung der sogenannten Mock-Theta-Funktionen, mit denen
auch ich mich in meiner Arbeit viel beschäftigt habe. Die
Formeln, die Ramanujan hier notiert, können gar nicht das
Ergebnis direkter Berechnungen sein, weil die Methoden,
um diese Berechnungen durchzuführen, erst 70 oder 80 Jahre
nach seinem Tod entwickelt wurden. Er muss also tiefe
Einsichten gehabt haben, Eingebungen, von denen wir wohl
nie verstehen werden, wie er darauf kam. 
SPIEGEL: Er selbst behauptete, eine Göttin habe ihn
inspiriert.
Ono: Ja, nach allem, was wir über ihn wissen - und über
seine Mutter, die ja im Tempel arbeitete -, muss es ihm
völlig natürlich vorgekommen sein, dass die Familiengöt-
tin Namagiri ihm Visionen sandte.
SPIEGEL: Was halten Sie von solchen Erklärungen? Hokus-
pokus?
Ono: Nun, auch in meiner Arbeit gibt es diese Aha-Mo-
mente, diese Augenblicke plötzlicher tiefer Einsichten.
Und wo kommen die her? Ist das jetzt übernatürlich? Rät-
selhaft? Göttlich? Nennen Sie es, wie Sie wollen. Der
menschliche Geist vollbringt vieles, was man göttlich
nennen könnte.

5.9.1 <<GOTT>>

So geschrieben ist bei uns gemeint: Es interessiert die Einzelbedeutung <<GOTT>>. Würde geschrieben: /gott/, wäre nur der wahrnehmbare Ausdruck, die Kette von Buchstaben gemeint. Folglich kann man sagen: Wir interessieren uns für <<GOTT>> - gleichgültig in welcher Einzelsprache, folglich mit welchen Ausdrücken davon gesprochen wird - ob durch /deus/, /dieu/, /god/, /allah/, /elohim/, /theos/, /dio/, usw.

Zur Erinnerung: Im Gegensatz zur Standardgrammatik operiert die Alternativ-Grammatik
mit einer klaren Trennung zwischen 
'Ausdrucksseite, vgl. [57]  und
'Bedeutungsseite vgl. [58]  bzw.  [59]

Damit wird schon klar, worum es hier nicht geht: Es interessiert nicht das persönliche Bekenntnis des Schreibers. Stattdessen soll zusammengetragen werden, welche Inhalts-/Sprachverwendungsaspekte bei dieser Einzelbedeutung zusammenwirken. Abschließend dann auch der Versuch, sich einen 'Reim auf die - sicher erst unvollständig genannten - Aspekte zu machen'.

  1. <<GOTT>>, als Substantiv in der Einzelsprache verwendet, ist ein anscheinend klarer Verweis auf eine, bestimmbare Größe. Von dieser gibt es nur ein 'Exemplar', folglich ist dieses Substantiv zugleich auch schon determiniert, vgl. [60]. - Ausgeklammert ist hier noch eine polytheistische Sprechweise: sie muss eigene sprachliche Anstrengungen machen, um von mehreren Göttern reden zu können; die von uns hier zu nennenden sprachlichen Analysen/Probleme potenzieren sich dort nur durch die anthropomorphe Redeweise.
  2. Diese scheinbar klare, vorstellbare, abgrenzbare Größe - vgl. [61] - erweist sich nun, bei kritischer pragmatischer Überprüfung, als nicht mit den Sinnen fassbar. Mag sein, dass die Einzelbedeutung <<GOTT>> kommunikativ für den Sprecher wichtig ist. Aber sie ist ein Abstraktum, weil sie nicht durch Recherchieren und durch verschiedene Gesprächspartner verifiziert werden kann.
  3. In aller Regel ist die absolut gebrauchte Einzelbedeutung <<GOTT>> wertend positiv aufgeladen, repräsentiert den höchsten Wert, vgl. [62].
  4. In diesem Superlativ ist Verschiedenes eingeschlossen, mitgemeint, vgl. [63]:
    1. Sowohl hohe Emphase, d.h. innere Beteiligung des Sprechenden, wie auch ein Ende-Signal: ein Mehr an Aussagen, Erläuterungen wird nicht möglich sein. Beide Komponenten realisieren - nun pragmatisch - [64]. Es wirkt also auch die Dialog-Steuerung [65] NI = "ich will/kann darüberhinaus nichts sagen".
    2. Bringt ein Sprecher in seiner Argumentation "Gott" ins Spiel, so ist der Partner ausgehebelt. Argumentativ kann er nichts entgegensetzen, er hat den Bekenntnischarakter der Äußerung zu respektieren. Aber der Dialog ist damit beendet - wenn "Gott" argumentativ nicht doch wieder aus dem Spiel genommen wird.
    3. Anders gesagt: <<GOTT>> ist ein Letztbegriff. Die Einzelbedeutung kann nicht nochmals eingeordnet, durch Abgleich mit verwandten, ähnlichen Bedeutungen näher bestimmt werden. Dadurch bräuchte man doch noch eine übergeordnete Bezeichnung für die gesamte Denkfigur - es wäre ein Paradox: der Letztbegriff doch noch relativiert. Folglich sind auch Sprachbilder wie "Gott im Himmel" von vornherein Kandidaten für die Analyse von "Übertragenem Sprachgebrauch" vgl. [66]
  5. Das vorige Beispiel [67] führt zum letzten und wichtigen Punkt weiter: Es genügt schon, auf den allgemeinen Sprachgebrauch zu achten um zu erkennen, dass jede/r längst weiß, dass in uns neben der Vernunft noch eine weitere und mächtigere Wissensinstanz wirkt. z.B.
    1. "Es fiel mir ein" - wer/was, bitte, hat dafür gesorgt? Noch ohne gleich an Freud zu denken: Seit Jahrhunderten redet man so, um einen wichtigen Erkenntnisvorgang zu umschreiben. Grammatisch begnügte man sich allenfalls mit dem Hinweis auf das unpersönliche Subjekt - "es" - und glaubte, damit sei genügend gesagt.
    2. "Ich hatte folgende interessante Eingebung" - "wer/was" hat gegeben? Die Aufdröselung des Substantivs verlangt, in dem Sprachbild nach dem "Täter" zu fragen. Was tun, wenn man keinen findet? - Die Erkenntnis ist dennoch abgelaufen - und klar ist nur: die Vernunft kann sich den Erkenntnisfortschritt nicht ans Revers heften.
    3. "Der Künstler überließ sich seiner Intuition" - wie muss man sich die "I." vorstellen? Wie hat man sich den künstlerischen Schaffensprozess vorzustellen? Mit Logik und Vernunft kommt man dabei nicht weit. Dennoch kommt es dabei zu hochinteressanten und oft verblüffenden Erkenntnissen.
    4. "Er handelte ganz nach seinem Bauchgefühl" - was immer das ist: der Verstand im Kopf ist offenbar nicht gemeint. Die Handlung führte aber zu einem überzeugenden Ergebnis. Die Quelle der Erkenntnis war eine andere als die oberflächliche Alltagslogik.
    5. "Der Vorschlag ist ein Geschenk des Himmels" - "wessen" Geschenk? Bei dieser Personifizierung kann man es nicht belassen. Sie muss versteh- und nachvollziehbar aufgelöst, 'dekonstruiert' werden: [68]
    6. (...)

Die Beispiele könn(t)en vielfältig vermehrt werden. Das Wissen um die zweite Wissensinstanz im Kontrast zur Vernunft beherrscht vielfältig unser Sprechen. Wir machen uns standardmäßig nur keine Gedanken dazu. Freud war es vorbehalten, diese Gedankenlosigkeit zu durchbrechen und auszuwerten, dass es - er nannte es "Unbewusstes" - diese zweite Wissensquelle gibt, dass sie vieles speichert, was wir glaubten vergessen zu haben, dass von dort breit unser aktuelles Handeln gesteuert wird - ohne dass es uns bewusst ist. D.h. es wäre falsch, Fehlformen, unerwünschtes, schädigendes, ja krankmachendes Handeln der Vernunft zuzuschreiben, vielmehr geht es auf jenes zweite Wissensreservoir zurück. Hat man diese Möglichkeit erkannt, gibt es sogar Möglichkeiten, an dieses Wissen wieder heranzukommen, manches davon aufzugreifen und zu 'heilen'.

Die Doppelstruktur des menschlichen Geistes haben wir in [69]
durch "denken, rational verarbeiten" auf der einen, "ahnen, glauben"
auf der anderen Seite berücksichtigt. Dazu kann auch das "Vergessen,
Verdrängen" gehören. Erlebnisse, die letzterem unterliegen, sind für
den Menschen ja nicht inexistent, sondern weiterhin vorhanden und -
in der Regel - verhängnisvoll aus dem Unterbewussten heraus steuernd.
Vgl. [70]
- Der Gedanke spielt heute noch bei der Nobelpreisvergabe eine Rolle ...

Wir operieren also mit der Annahme, dass die Einzelbedeutung <<GOTT>> in religiös-personifizierender Sprechweise und <<UNBEWUSSTES>> in psychologischer Vergleichbares meinen. Eine zweite Wissensinstanz ist im Menschen wirksam und - salopp gesagt - man sollte ihr Rechnung tragen und sich gut mit ihr stellen - dann lassen sich damit nicht nur biografische Schäden reparieren, sondern auch ein großer Fluss an Kreativität kann das gegenwärtige Handeln bereichern.

Nach Ludwig Thoma profitiert davon - aber da handelt es sich ja
auch um eine Institution, nicht um eine leibhaftige Person - die
"bayerische Staatsregierung" nicht. Der Engel Aloisius war nach Mün-
chen mit einem göttlichen Ratschlag losgeschickt worden - versumpfte
aber kurz vor dem Ziel im Hofbräuhaus. Folglich "wartet die bayerische
Staatsregierung immer noch auf die göttliche Eingebung" - laut
'Ein Münchner im Himmel'. Vgl. [71]

Die beiden konträren Aspekte ergänzen sich: <<GOTT>> als Einzelbedeutung ist kein Element der physisch erfahrbaren, also den Sinnen zugänglichen äußeren Welt. Vielmehr setzt die Einzelbedeutung - meist impliziert, sozusagen 'automatisch' - eine Vielzahl geistiger Aktivitäten in Gang. Die Zahl der links = Querverbindungen im aktuellen Punkt spricht bereits. Da diese aus Sicht des Sprechers unter dem Schirm der höchsten positiven Wertung stehen, liegt nahe, <<GOTT>> als Repräsentanten eines Sinnganzen, eines dargelegten Verstehens zu nehmen, das nun aber nicht weiter aufgedröselt werden soll. <<GOTT>> wäre somit eine Projektion, vgl. [72], eine Bekräftigung und Bündelung des momentanten Erkenntnisstandes. So gesehen steht die Einzelbedeutung - nun pragmatisch - für eine hochkomplexe Realisierung von [73].

Auf Basis dieser Dekonstruktion wird für den Verwender der Einzelbedeutung <<GOTT>> klar:

  • Jeder fiktionale Entwurf einer göttlichen Hinter- und Zweitwelt, somit jede Projektion ins Außen, jenseits von ihm als Person, ist zusammengebrochen. Was mit "religiös" gemeint ist, muss sich auf Prozesse im redenden Subjekt beziehen. Da kommt dann nur die Palette der Geistesfunktionen = Modalitäten infrage, vgl. [74].
  • Ein Sprecher mit solchen Einsichten fühlt sich freigesetzt, ist nicht mehr Element einer kosmischen, vielleicht despotischen, zumindest allzu geheimnisvollen (?) Hierarchie, die das Außen des Weltganzen beherrscht.
  • Im Gegenzug wird im Innen des Sprechers massiv aufgewertet, was als Erkenntnis- und Verstehensbemühungen in Gang gekommen war. Das sollte Motivation genug sein, um besser zu durchleuchten, mit welchen sprachlogischen Begriffen und Etappen dabei am besten zu arbeiten ist.
  • Der Sprecher wird einerseits auf seine Erkenntnisgrenzen zurückgeworfen - so zeigt sich das 'geheimnisvoll' von soeben jetzt -, andererseits genau dadurch - weil andere ja genauso davon betroffen sind - zu verstärktem Dialog-Gebrauch angehalten, dadurch sein Selbstbewusstsein und seine Widerstandskraft gegen Bevormundungen gestärkt.
  • Ein Sprecher wird auch verstehen, dass im Rahmen eines problemlösen-wollenden Dialogs das Einbringen von <<GOTT>> gänzlich fehl am Platz ist. Entweder wird dem Partner das Wort abgeschnitten oder die eigene Hilflosigkeit demonstriert. Zielführend ist ein solcher Gesprächsbeitrag im Dialog nicht - es sei denn, man begnügt sich mit dem Austausch von Bekenntnissen.
  • Wichtig ist, vom isolierten Vernunftgebrauch abzukommen und den Leib als Wahrnehmungsorgan - u.a. als Resonanzkörper für Gefühle - hinzuzunehmen. Das schlägt eine Brücke zur Meditation, die ein Mittel sein kann, Zugang zu jenem zweiten Wahrnehmungsorgan zu erhalten und die Verbindung zu pflegen. Vgl. auch [75]
  • Denkbar: der stereotype Ablauf vieler Gottesdienste stößt zwar viele Menschen ab - so dass sie zunehmend fernbleiben. Aber er hat über lange Zeit die Funktion gehabt, die Alltagsvernunft abzuschalten und - möglicherweise unbeholfen - via religiöser Formeln auf die zweite Wahrnehmungsebene im Menschen zu verweisen. - (Nur akzeptieren heutzutage viele nicht mehr diese unvermittelte, oft unverstandene Parallelität, sondern wünschen einen besseren Brückenbau. Fällt er nicht überzeugend oder ganz aus, bleibt man eben weg.)
  • Wer flankierend Aussagen zum hebräischen Gottesnamen "Jahwe" anschauen will: vgl. [76]


6. Berufsbezeichnungen (mit Folgeziffern)

Die Behauptung sei, dass die Reihe der semantischen Grundbegriffe - vgl. 4.02 Bedeutung / SEMANTIK und Unterabteilungen - nun bei der Pragmatik auch dazu dient, Berufe zu charakterisieren / zu analysieren. Zunächst werden die einzelnen Abschnitte zur Verfügung gestellt, in der Hoffnung, dass allmählich praktische Beispiele nachgetragen werden. z.T. werden als Anregung Überschriften mit Vorschlägen bereitgestellt. - Auch bei solchen Substantiven verweist die Bedeutung nicht auf eine Substanz oder ein beobachtbares Ding der Außenwelt. Sondern das, was einfließt, ist die Beschreibung einer Geistesfunktion. Bezeichnet wird damit ein Mensch, der diese ausübt. Eine typische Verschiebung ist im Spiel: vom semantischen Anschein ('eigenständige Person') zum pragmatisch Gemeinten (eingeschränkter Teilaspekt der Person).

Wichtig: Etymologisches Wissen, Herleitung
aus früheren Sprachstufen (z.B. bei "Hebamme"), hilft
für unsere pragmatische Analyse meist nichts oder
wenig. Es ist notwendig, selber zu denken und sich
nicht auf historisch/bildhaft mitgegebene Aspekte zu
verlassen.
   Auch morphologisches Wissen reicht nicht.
Zweifellos deutet im Deutschen die Endsilbe -er
- häufig - auf Berufe. Aber darauf ist in
doppelter Hinsicht kein Verlass: 
* Es gibt genügend Berufsbezeichnungen ohne diese
  Endsilbe, z.B. Arzt;
* Wenn eine derartige Endsilbe vorliegt, muss keine
  Berufsbezeichnung vorliegen, z.B. (Vogel-)bauer
Es führt somit nichts daran vorbei, die kritische
Analyse der Nominalbedeutung mit semantischem Besteck
durchzuführen.
Von Beruf ist nicht immer im arbeitsrechtlichen Sinn
die Rede. Es kann auch um eine Funktion gehen,
die jemand ausführt, und durch die er im aktuellen
Textzusammenhang definiert  wird - auch wenn er
dafür kein Entgelt bekommt/bekommen kann.
Entscheidend: ein Mensch interessiert nicht als gesamtes
Individuum mit all seinen Facetten, sondern ausschnitthaft.

6.1 Berufe/Funktionen zu 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE

6.1.1 "Spion" / "Spitzel"

... ist einer, der WISSEN beschafft und weiterleitet:

Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein. Berlin 2012 5. Auflage. S.17

Jetzt waren die Persickes große Leute geworden,
der Alte hatte alle möglichen Ämter bei der Partei,
und die beiden ältesten Söhne waren bei der SS;
Geld schien bei denen keine Rolle zu spielen.
  Umso mehr Grund, sich bei denen vorzusehen,
denn alle, die so standen, mussten sich
bei der Partei in Beliebtheit halten, und das
konnten sie nur, wenn sie was für die 
Partei taten. Etwas tun, hieß aber, andere
angeben, zum Beispiel melden: der und der hat
einen ausländischen Sender abgehört. Quangel
hätte darum am liebsten schon lange die Radios
aus Ottos Kammer verpackt und in den Keller
gestellt. Man konnte nicht vorsichtig genug sein
in diesen Zeiten, wo jeder der Spion des andern
war, die Gestapo ihre Hand über alle hielt, das
KZ in Sachsenhausen immer größer wurde und das
Fallbeil in der Plötze alle Tage Arbeit hatte.
6.1.2 "Polizist" / "Kontrolleur" / "Supervisor"

Überwachen, beobachten, insofern WISSEN BESCHAFFEN - das tun alle diese Berufe. Aber sie sind ja auch unterscheidbar. Man kann diskutieren, in welchen Punkten sie verschieden sind. "Polizisten" haben z.B. hoheitliche Befugnisse, können Sanktionen verhängen, Freiheit entziehen. Ein "Kontrolleur" hält nur Beobachtungen fest, über deren Relevanz dann andere entscheiden.

6.1.3 "LehrerIn" / "DozentIn" ...

WISSEN WEITERGEBEN - möglichst in didaktisch angemessener Form, in - mehr oder weniger - direkter Kommunikation. Mit Zensurkompetenz, d.h. der Lernerfolg wird geprüft.

6.1.4 "JournalistIn" / "ReporterIn" / "ReferentIn" ...

WISSEN RECHERCHIEREN UND WEITERGEBEN - möglichst in gut lesbarer/präsentierter/komprimierter Form. Freies Angebot, keine Zensur.

6.1.5 "Nerd" - etwas vertrottelter Computerfreak

Vgl. [[77]] - d.h. mit spezialisiertem IT-Wissen ausgestattete, etwas lebensuntüchtige Person - sofern die Bezeichnung nicht augenzwinkernd ironisch gebraucht wird... Eine "Berufs"bezeichnung ist das natürlich nicht, eher die einer Person mit spezieller Lebenseinstellung. Hier aufgenommen, weil gesagt sein soll: da lebt jemand mit allzu einseitiger Konzentration auf ein Spezialwissen. Der Mensch sieht nicht, dass das Leben und seine Bedürfnisse breiter angelegt sind.

6.1.6 "Hirte"

Ein solcher als echter landwirtschaftlicher Beruf hat mehrere praktische Funktionen. Unter anderem die, die Kontrolle über die Herde zu behalten.

"Aufsichtsfunktion" ist primär angesprochen, was auf [78]
verweist. In Form einer Berufsbezeichnung
kommt die Modalfunktion des "Wahrnehmens" ins Spiel.
Dazu gehört - als pragmatische Ergänzung -
die "Distanz", die dabei impliziert ist,
vgl. [79].

Betont man die Wahrnehmungs-Funktion vorrangig und lässt die landwirtschaftlichen Assoziationen nur mitlaufen, hat man eine bildhafte Herrscherbezeichnung - Herrscher im staatlichen Kontext (z.B. König als Hirte) oder im religiösen - z.B. Kultpersonal am Tempel. Die Berufsbezeichnung mit diesen Akzenten hat eine jahrtausendealte Tradition. Vorteil solcher Wortverwendung ist, dass auch Hierarchiedenken mitschwingt: Hirte und eindeutig Untergebene gehören einerseits zusammen, aber - wie angedeutet - impliziert ist, dass zwischen ihnen eine 'seinsmäßige' Differenz/Distanz besteht. Adelsgeschlechter müssen sich nur fortpflanzen - ihr Herrscherstatus ist gesichert - und von Seiten der Untergebenen wird ihnen - meist - gehuldigt. Mit dieser Denkform ist auch der klerikale Stand abgesichert und die Beherrschten wissen, dass sie nicht aufmucken dürfen. Bisweilen stellen im Alten Testament Profeten klar, wer der eigentliche Hirte ist, nämlich Gott, Jahwe. Vgl. auch Psalm 23. Das ist implizit eine Kritik an den Menschen, die sich missbräuchlich mit diesem Titel, Pastor, schmücken, sich womöglich noch als Ober-hirte verstehen - eine Steigerung der nicht-egalitären Sichtweise. Vgl. Joh 10 das Thema vom "Guten Hirten", auch Lk 10,1-7. In der Amtsbezeichnung Pastor wird jenes antike Verständnis bis heute meist fraglos tradiert.

Vor diesem Hintergrund zwingt in Gen 46,34 Josef
seine Brüder, die ihn mal hatten ermorden wollen,
sich dem Pharao als "Kleinviehhirten" vorzustellen.
"Kleinvieh" - Schafe und Ziegen
- sind im ägyptischen Kontext ohnehin schon eine
  Wertminderung
- hatte der Pharao zuvor doch zweimal von Großtieren
  ("Kühe") geträumt.
Aber zusätzlich gibt Josef die Erläuterung:
"Denn das Gräuel schlechthin ist jeglicher Kleinviehhirte"
für die Ägypter. Die Josefsgeschichte ist nicht für
Ägypten geschrieben, sondern für Jerusalem/Kanaan.
Dort sind Hirten ein ehrbarer Beruf - das ist
die unproblematische Präsupposition,
vgl. [80]. 
Wenn eine derart exaltierte Wertung genannt ist,
heißt das: es müssen andere, die sich auch "Hirten"
nennen, sich angesprochen fühlen. z.B. Kultpersonal in
Jerusalem.

Aber der neutestamentliche Sprachgebrauch vom "guten Hirten" begnügt sich nicht mit dem Nomen/Substantiv. Ein Abstraktum vermittelt - wie alle Nomina im ersten Zugang - einen statischen Eindruck. "Hirte" als Berufsbezeichnung heute kann mit Brief und Siegel und Investitur festgestellt werden - statisch, als Lebenszeitstellung. Jener Mensch ist dann eben Pastor, bis ins Besoldungstechnische hinein genau definiertes (Aufgaben, Rechte und Pflichten) Glied einer umfassenden Hierarchie. Der neutestamentliche Sprachgebrauch scheint lediglich eine Wertung hinzuzufügen, vgl. [81] Aber Wertungen dieser Art verstärken den Eindruck der Statik und vor allem: sie erklären nicht, wodurch die Wertung veranlasst ist.

Um hierbei klüger zu werden, muss man in Lk 10/Joh 10
den je umgebenden Text anschauen. 
Schönes Beispiel dafür, warum wir eben auch den
Methodenschritt PRAGMATIK benötigen!
Der Blick nur auf die Substantiv-Bedeutung lässt
die Türen offen für ein unaufregendes Standardver-
ständnis - der restliche Text wird implizit
gestrichen, ignoriert - das methodische Gegenteil
dessen, wofür wir hier werben.
Unter Einbeziehung der beteiligten Texte wird klar:
"guter Hirte" bezieht sich auf ein sehr
dynamisches, Grenzen überschreitendes, risikoreiches
Verhalten jenes Hirten. "Schutz und Rettung" sind nur
durch Missachtung vorgegebener Grenzziehungen möglich. 

Insofern ist "guter Hirte" gerade keine Absegnung einer verwaltungstechnischen Einordnung, auch kein Bestätigen einer starren kirchlich-theologischen Ideologie/Hierarchie. Sondern angesprochen ist ein punktuelles, mutiges Eingreifen zum Wohle anderer - wenn es sein muss unter Missachtung vorgegebener Grenzen (das können heute auch kirchenamtliche Vorgaben, dogmatische essentials sein). Ob man sich am Folgetag erneut die so verstandene Bezeichnung verdient, ist offen, muss sich erst noch erweisen.


6.2 Berufe/Funktionen zu 4.082 Modalitäten – »Register« IMAGINATION

Zunächst allgemein: Jede Berufsbezeichnung ist eine Art Verheißung, Versprechen, Garantie. Meist wird dieser Zukunftsaspekt noch abgesichert: staatlich geprüft, Meisterprüfung, mit Dipl.. BA, MA, Dr., Prof. usw. usw. Zukunftsausblicke sind immer mit Unsicherheit belastet. Daher sind zusätzliche Absicherungen erwünscht. Bisweilen wird sogar noch die Ausbildungsstätte hinzugefügt, z.B. 'renommierte' Uni (was nützt aber das Renommee, wenn der Student lediglich ein betuchter Faulpelz und Trottel war?).

Ich suche einen Arzt, möchte aber keinem Scharlatan
in die Finger geraten. Folglich suggeriert der "Dr."
einer staatlichen Fakultät eine solide Ausbildung,
- dass dann tatsächlich eine sehr gute Behandlung
folgt, ist deswegen doch nicht garantiert... Schon
die mittelalterlichen Zünfte führten Qualitätsstandards
ein; auch da das Ziel: die verbriefte, solide
Standardausbildung soll die Erwartung des Kunden
rechtfertigen, dass er lege artis eine sorgfältige
Gegenleistung erwarten kann/darf.

Überwachte Berufsbezeichnungen somit als abgesicherte Verheißungen, als Ermöglichung einer ernsthaft-ersprießlichen Geschäftsbeziehung. (Entsprechend groß folglich die Aufregung, wenn sich jemand seine Berufsbezeichnung / seinen Titel erschlichen hat. Das ist dann nicht mehr nur das private Problem jener Person, sondern wird als Vertrauensbruch verstanden.)

6.2.1 "Künstler"

vgl. auch 7.1.1. - "Imagination" spricht man einem Menschen dann zu, wenn er/sie in der Lage ist, neue Sichtweisen auf an sich wohlbekannte Objekte/Themen zu entwickeln. Also wird immer ein Bruch mit dem Gewohnten mitspielen, Verblüffungs-, auch provokative Effekte. Das Noch-Nicht ist zunächst wichtig, will dann aber als gestaltetes 'Kunstobjekt' auch der Mitwelt überzeugend präsentiert werden - so dass die Zeitgenossen ebenfalls, durch eigene Wahrnehmung, auf diese bislang übersehenen Aspekte gestoßen werden.

6.2.2 "Historiker"
6.2.3 "Ingenieur"

Ein "I." produziert nichts Nennenswertes - außer einigen Rollen vollgeschriebenen Zeichenpapiers (früher) oder Bits/Bytes (heute). Seine Aufgabe ist es, sich Objekte, Verfahren auszudenken, die in Zukunft realisiert werden könnten. Das realistische Können ist im Gegensatz zum luftig träumerischen Wünschen wichtig. Folglich werden bestimmte Qualifikationen benötigt, bevor man die Idee für das Gesamtkonzept umsetzt: Berechnungen, Material- und Verfahrenskenntnisse. Die Umsetzung, die konkrete Realisierung der Gegenstände besorgen andere. - Ob das entworfene Zukunftsobjekt dann auch hergestellt wird, ob man das will, das entscheiden meist andere.

6.2.4 "Trainer"

Ein solcher hat natürlich auch Kompetenzen, die zu 6.3 gehören: Wer nicht spurt, fliegt aus der Mannschaft. - Primär wird von einem "T." aber auch ein Konzept verlangt: er muss wissen, wie die einzelnen Spieler sich entwickeln sollen/können, und er muss der Mannschaft ein Spielsystem beibringen, mit dem sie möglichst erfolgreich sein wird.

6.2.5 "Staatsmann / Politiker"

Ziemlich genau 2000 Jahre alt ist folgende Aussage des jüdischen Philosophen Philo von Alexandrien. Angestoßen durch die Beschäftigung mit der Josefsgeschichte, vgl. [82], deren Hauptfigur sowohl aufschlussreich träumt, wie auch die Träume anderer zu deuten vermag, wie auch deswegen Herrscher = Krisenbewältiger in Ägypten wird, schreibt Philo in seiner Abhandlung "Über Joseph":

(183) ich will aber doch unverhohlen behaupten,
dass der Staatsmann überhaupt ein Traumdeuter
ist, freilich nicht einer von den Possenreissern
und einer von denen, die um Lohn schwatzen und
klug reden und die Deutung von Traumerscheinungen
zum Vorwand nehmen, um Geld einzuheimsen, sondern
ein solcher, der gewohnt ist den allgemeinen
großen Traum nicht nur der Schlafenden, sondern
auch der Wachenden sorgfältig zu erforschen.
Dieser Traum ist die Wahrheit zu sagen, das
menschliche Leben; denn wie wir bei den
Erscheinungen im Schlaf sehen und doch nicht sehen,
hören und doch nicht hören, kosten oder tasten und
doch nicht kosten oder tasten, sprechen und doch
nicht sprechen, umherwandeln und doch nicht
umherwandeln und überhaupt jede Bewegung zu machen
und jede ruhige Haltung zu haben glauben und in
Wirklichkeit keine haben - denn es sind das nur
leere 'Vorstellungen' der Seele, die ohne dass
etwas wirklich zugrunde liegt, das nicht
Existierende als existierend sich ausmalt und
gestaltet -, ebenso sind unsere Vorstellungen
im wachen Zustande den Träumen ähnlich; sie
kommen und gehen, erscheinen und entschwinden,
sind verflogen, bevor man sie sicher erfasst
hat. Mag ein jeder nur sich selbst prüfen und
er wird von sich aus ohne Gründe von meiner
Seite den Beweis finden, besonders wenn einer
schon in höherem Alter steht. Er war einstmals
ein Kind, dann Knabe, dann Ephebe, dann Jüngling,
dann junger Mann, dann Mann, zuletzt Greis. Aber
wo sind alle diese (Altersstufen) geblieben? Und
ist nicht im Knaben das Kind entschwunden, im
heranreifenden Knaben der Knabe, im Jüngling der
Ephebe, im jungen Mann der Jüngling, im Manne
der junge Mann, im Greis der Mann, und folgt
nicht dem Alter das Ende? Jedes Lebensalter tritt
gewissermassen dem nachfolgenden die Herrschaft
ab und stirbt zuvor; die Natur gibt uns damit
stillschweigend die Lehre, den letzten Tod nicht
zu fürchten, da wir doch die früheren leicht
ertragen haben, den des Kindes, den des Knaben,
den des Epheben, den des Jünglings, den des
jungen Mannes, den des Mannes, von allen diesen
Lebensaltern ist keines mehr vorhanden, wenn
das Greisenalter herankommt.
Die anderen Dinge, die den Körper angehen, sind
sie nicht Träume? Ist die Schönheit nicht von
kurzer Dauer, die dahinschwindet, bevor sie
aufgeblüht ist? Ist die Gesundheit nicht
unbeständig wegen der häufig eintretenden
Schwächezustände? ... Die Unsicherheit der
äusseren Verhältnisse aber, wer kennt sie nicht?
An e i n e m Tage sind oft große Reichtümer
dahingeschwunden, viele, die die ersten und
höchsten Ehren erlangt hatten, sanken zur
Ruhmlosigkeit verachteter und unbedeutender
Menschen herab; die größten Königreiche wurden
in einem kurzen Zeitmoment zerstört. ... alles
erfährt durchweg Verwandlungen und Veränderungen
... wie in tiefem Schlaf irren wir umher und
können mit der Schärfe des Verstandes nichts
durchdringen oder kräftig und fest erfassen,
denn alles gleicht Schatten und Gespenstern.  
... Da nun so das Leben voll ist von Unruhe
und Unordnung und Ungewissheit, muss der
Staatsmann auftreten und wie ein kluger
Traumdeuter die am hellen Tage eintretenden
Träume und Erscheinungen der anscheinend
wachenden Menschen deuten und mit glaubaften
Vermutungen und vernünftigen Gründen über
alles belehren, dass dies schön, jenes
hässlich sei, dies gut, jenes schlecht,
dies gerecht, das Gegenteil ungerecht und
ebenso über alles andere, über die Klugheit,
die Tapferkeit, die Gottesfurcht, die
Frömmigkeit, den Nutzen, den Vorteil, die
Menschenfreundlichkeit, und andererseits
den Unverstand, die Feigheit, die
Gottlosigkeit, den Frevel, den Nachteil, den
Schaden, den Eigennutz. Und ausserdem
noch: dies ist fremdes Eigentum, begehre
es nicht, dies gehört dir, gebrauche es,
aber missbrauche es nicht, du hast
Überfluss, lass andere daran teilnehmen,
denn die Schönheit des Reichtums ruht
nicht in dem Geldbeutel, sondern in der
Hilfeleistung für Bedürftige.
... die irdischen Dinge dagegen sind voll 
von Unordnung und Unruhe, ohne Harmonie
und Übereinstimmung, so dass man eigentlich
sagen kann: die irdischen Dinge umgibt
dichtes Dunkel, die himmlischen dagegen
schweben in weithin strahlendem Licht

"Politiker" somit als solche, die zunächst gedankliche Perspektiven entwickeln sollen ("prospektiv"), wohin sich das Gemeinwesen bewegen soll - und zugleich solche, die mit "ja / nein"-Auskünften in der Praxis dafür sorgen, dass dieser Weg eingehalten wird?


6.3 Berufe/Funktionen zu 4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE

6.3.1 "Befehlshaber" / "Chef, Chefin"

6.4 Berufe/Funktionen zu 4.084 Modalitäten – »Register« ERMÖGLICHUNG

6.4.1 "(Rettungs-)Helfer", "Hebamme" ...

Bei derartigen Berufen geht es nicht darum, selbst etwas herzustellen, sondern es wird der Prozess - auch das "Leben" ist ein solcher -, dem jemand anderes unterliegt, gefördert, weiter ermöglicht.

6.4.2 "Nachrichtentechniker", "IT-Fachmann/frau" / "InformatikerIn" ...

Diese Berufssparte ermöglicht das Fließen-Können von Informationen. Was dann inhaltlich durch die Kanäle und Programme fließt, ist diesen Berufsgruppen weitgehend gleichgültig, liegt weitgehend auch außerhalb ihrer Kompetenz.

6.4.3 "Hausmeister"

Ein solcher sorgt dafür, dass die, die das Haus benützen, günstige, für die eigene Arbeit förderliche Bedingungen vorfinden.

6.4.4 "Disponent", ...

Wer einen Reifenwechsel - Sommer/Winter - durchführen lassen will, wird/muss sich mit der Firma, bei der die aktuell nicht benötigten Reifen eingelagert sind, in doppelter Hinsicht verständigen:

  1. Es ist ein Termin zu vereinbaren;
  2. aufgrund der Protokolle der früheren Wechselmaßnahmen ist zu klären, ob die Profiltiefe noch akzeptabel ist. Wenn nicht, so sind neue Reifen für den Wechseltermin bereitzustellen.

... und vergleichbar in sehr vielen weiteren Branchen: die angestrebte Handlung/Produktion braucht die entsprechenden Materialien/Bedingungen. Die Arbeit des Disponenten - heutzutage unterstützt durch geeignete software - hilft Zeit zu sparen, und damit auch Geld.

6.5 Berufe/Funktionen zu 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE

6.5.1 "Juror,Jury" / "Schiedsrichter"
6.5.2 "Pfarrer"

TheologInnen sind zwar gebildete Leute. Viele ihrer Tätigkeiten haben aber - ganz einfach - mit Wertungen zu tun, mit "Hölle, Gericht, Tod" = "Schlecht" oder "Himmel, Paradies, Gottes Reich" = "Gut".

6.6 Berufe/Funktionen zu 4.086 Modalitäten – »Register« ASPEKTE

6.6.1 "Zerspaner"

Das ist ein Mensch, der ein größeres (Metall-)Stück kontrolliert in Teile zerlegt.

6.6.2 "Veredler"

Darin klingt zwar die "gute" Wertung mit an, vgl. 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE. Zugleich hat diese Tätigkeit ihren Platz am Ende der Produktionskette.

7. Berufe/Funktionen aus dem Bereich: 4.06 Äußerungseinheiten - Satz

Man kann als Vertrauensvorschuss die Grundbegriffe, die zur Satzbeschreibung nötig sind, nennen und unterstellen, dass auch damit Berufsbezeichnungen gebildet werden. Die Fragestellung ist ungewöhnlich - weil in traditioneller Grammatik nicht vorkommend. Aber sie verspricht - wie schon ab Ziff. 6 -, rationell zu sein: Es sind keine neuen Begriffe zu lernen; stattdessen werden die schon erlernten nur nochmals angewendet.

7.1 Berufe/Funktionen mit Verweis auf: 4.0611 Subjekt / 1.Aktant

Im pragmatischen Vollsinn sind damit Figuren gemeint, die weitgehend eigenständig Handlungen konzipieren und dann auch durchführen.

7.1.1 "Künstler"

... war schon unter 6.2.1 genannt worden. Aber die imaginative-kreative Kraft ist erst die halbe Wahrheit. Die zweite Hälfte: ein Künstler ist auch in der Lage, seine eigenen Ideen selbst und einigermaßen angemessen in das reale Kunstobjekt umzusetzen. Insofern hebt ein Künstler die Spaltung auf, die die meisten Berufe kennzeichnet: sie sind arbeitsteilig angelegt, liefern einen Teilbeitrag zu einem größeren Werk, müssen somit kooperieren. Künstler liefern neue Produkte = Kunstgegenstände sozusagen aus einer Hand.

7.2 Berufe/Funktionen mit Verweis auf: 4.0612 Existenzsätze – Streit ums Thema / Subjekt

Ein Lebewesen wird so betrachtet, dass es - positiv - auf das Lebendigsein hin ausgerichtet ist, ihm damit eine Perspektive zugeschrieben wird, oder - negativ -: die Lebensmöglichkeit wird ihm abgesprochen bzw. das bisherige Lebewesen ist schon tot.

7.2.1 "Leiche"

Kaum ein Krimi kommt ohne eine solche aus. Wichtig: Die Kommissare haben es nicht lediglich mit einem immer schon unbelebten Objekt zu tun. In einem solchen Fall müssten sie nicht tätig werden. Sondern: Es sind Erwartungen und Wissen impliziert, dass es sich einmal um eine lebende, ihrer selbst mächtige Person gehandelt hatte. Der Wechsel von jenem Zustand in den jetzigen, der ist das Problem, das aufgeklärt werden muss.

7.3 Berufe/Funktionen mit Verweis auf: 4.0613 Prädikat

7.3.1 "Handwerker"

... den Begriff könnte man nun in die vielen einzelnen Sparten hinein konkretisieren: Schreiner, Maurer, Metzger, Frisör, Elektriker, KFZ-Mechaniker ... - Immer sind Handlungen gemeint, die sichtbar, real in der Außenwelt etwas verändern, etwas hervorbringen. Deswegen ist das Attribut Hand- wichtig. Zwar muss man auch bei diesen Berufen nachdenken und über Wissen verfügen. Was aber letztlich zählt, ist ein Weltausschnitt, der real-materiell verändert worden ist. - Insofern entsprechen derartige Berufe im Vollsinn dem Prädikatsbegriff: unzweifelhaft wird ein Stück Welt verändert.

7.4 Berufe/Funktionen mit Verweis auf: 4.0615 Subjekt / 1.Aktant gesplittet

7.5 Berufe/Funktionen mit Verweis auf: 4.0621 Aktanten – Objekt – weitere Satzglieder

7.5.1 "Opfer"

Im kultischen Kontext - pflanzliche, tierische, gar menschliche 'Opfer' - oder auch in Alltagssprache - 'Verkehrsopfer - geht es immer darum, dass das "Opfer" einer Handlung unterliegt, von ihr betroffen ist - und selbst wenn es einen eigenen Willen äußern könnte, so zählt der nicht. Es wird über die Figur, die die Rolle des 2. Aktanten einnimmt, verfügt.

Die jährlich durch die Presse gehende Übersicht über die in einigen Ländern praktizierte Todesstrafe, benutzt das Partizip Passiv: "Hingerichtete". Auch diese Individuen interessieren in der Statistik nur in ihrer "Opfer"-Funktion. Über sie als Person erfährt man nichts. [Man könnte darüber nachdenken, ob dies eine zweite Form von Hinrichtung = Auslöschung ist - nun auf sprachlich-journalistischer Ebene ...]

7.6 Berufe/Funktionen mit Verweis auf: 4.0622 Objekt/2.Aktant – zweigeteilt

7.7 Berufe/Funktionen mit Verweis auf: 4.0623 3. Aktant / »Dativobjekt« / Adressat vs Defizient

7.7.1 "Absender / Empfänger"

Ein Mensch mit einer dieser Funktionen lässt eine der beiden Varianten des "3.Aktanten" durchscheinen. Das zugrundeliegende 'Übermittlungsdenken' ist so grundlegend - einer gibt etwas ab, ein anderer bekommt es -, dass es problemlos von der Ebene der postalischen Briefpost auch in die elektronische Ebene übernommen werden konnte/musste.

7.8 Berufe/Funktionen statt Menschen

Die SZ (30.4.1.5. 2014) über Fritz Bauer, den Generalstaatsanwalt, der Mitte der 1960er Jahre gegen die Verdrängung der NS-Verbrechen ankämpfte ('Auschwitz-Prozess'):

In den Zeugenstand rief er in leichter Abwandlung,
was Hölderlin den deutschen, wie Bauer sagte, "ins
Stammbuch geschrieben" hatte:
"Handwerker sehe ich, aber keine Menschen, Richter
sehe ich, aber keine Menschen, Denker sehe ich,
aber keine Menschen, Herren und Untertanen, aber
keine Menschen. Mit dem Dichter rufen die Opfer der
furchtbaren Jahre 1933 bis 1945: Seid nicht nur Hand-
werker, nicht nur Herren und Untertanen, seid
Menschen! Menschen! Menschen!"

8. Einzelsprache: FRANZÖSISCH

8.1 Nomina zum Ausdruck von GEFÜHLEN

... gibt es natürlich in allen Sprachen. D.h. durch die Wortart - Substantiv - wird der Eindruck erweckt, es handle sich um ein eigenständiges, objektiv verbürgtes 'Ding'. Kritisch analysiert ist die Korrektur fällig: da ist gar nichts dinghaft, vielmehr handelt es sich um den Seelenzustand eines Menschen. Der ist allenfalls erschließbar, aber nicht direkt wahrnehmbar. Aus Muryn/Mejri/Pazuch u.a., La phraséologie entre langues et cultures. 2013. Beitrag: Bogacki/Pilecka, vgl. S.92.

Die Autoren listen - S.92 - 168 solcher Gefühls-Abstrakta
auf.
Wir begnügen uns zur Illustration mit den ersten
3 Buchstaben des Alphabets: admiration, adoration,
affection, agacement, aise, allégresse, ambition,
amertume, amour, amusement, angoisse, anxiété,
appétit, appréhension, approbation, assurance,
attendrissement, attente, autosatisfaction,
avidité; béatitude, beauté, bêtise, bien-être,
bienveillance, bonheur, bonté, chagrin, chaleur,
charme, chaud, colère, compassion, concupiscence,
confusion, contentement, convoitise, crainte,
culpabilité, curiosité [...]

Der Zusatzpunkt ist, dass solche Abstrakta durch hinzugesetzte Verben intensiviert werden können - womit wir dann vollends beim Übertragenen Sprachgebrauch ankommen:

"Elle met en jeu un verbe (appelons-le
verbe intensifieur) et un substantif relié par
la préposition de:
pleurer de rire, trembler de joie, rayonner de
bonheur, resplendir de beauté
etc. Les verbes intensifieurs indiquent l' intensité
forte de substantifs prédicatifs qui désignent
prototypiquement les affects ..."

Die Dramatisierung funktioniert aber auch in Gegenrichtung. Man muss nur das Verb mourir davorsetzen (vgl. 93):

  • essentiellement causale (p. ex. mourir d'une crise cardiaque, mourir ' overdose), lorsque le prédicat nominal est considéré comme cause directe de l'effet désigné par le verbe;
  • purement intensive (p. ex. mourir d' ennui; mourir d'envie): compte tenu de notre expérience quotidienne, il semble impossible de classer l' ennui ou l' envie parmi les causes directes possibles de la mort);
  • causale ou intensive (mourir de faim, de soif, de froid ...)

Solche Abstrakta können natürlich auf wörtlich zu verstehende, physische Zustände zielen. Sie können aber auch so verwendet werden, dass jede wörtliche Bedeutung ausgeschlossen ist. Sie sind dann eine bildhafte = pragmatische Intensivierung - vgl. Register ASPEKTE-"forte": Vgl. S. 94):

C'est le dernier jour du carnaval, les Boliviens
festoient  comme il se doit jusqu' à
tomber d'ivresse.

Hier mögen noch beide Deutungen möglich sein, aber:

Tu seul es capable de me faire tomber d'ivresse,
seul ton sourire est capable d' éclairer mon coeur
obscur, tu es ma lanterne, la lumière de ma vie.

Pragmatik nimmt ja auch hinzu, was sozial üblich und akzeptiert ist. Wer folglich in der Öffentlichkeit etwas propagiert, was im Wortsinn peinlich oder unerlaubt wäre, der signalisiert damit: Die Wortbedeutung interessiert mich nicht, sondern nur die übertragene Bedeutung. So auch im Fall: J'ai pissé de rire !.

Einige dieser Abstrakta begegnen in Verbindung mit - vgl. S. 95 - Verben wie trembler (z.B. de froid), mourir (z.B. de rire), crier (z.B.de plaisir). Dabei handelt es sich jeweils um Intensitätsaussagen vgl. Register ASPEKTE-"forte"

9. Sprachbarrieren

Mit Abstrakta und zusätzlich komplizierten Satzkonstruktionen lassen sich auch wunderbar Grenzen ziehen - etwa zum ungebildeten Volk, das den Sprecher möglichst als unerreichbare Geistesgröße anerkennen sollte.

9.1 Wissenschaftsjargon

..., der so vielleicht nicht sein müsste: Vgl. [83]

9.2 Belletristik

Eine Ballung von Abstrakta erwartet man in diesem Literaturtyp eher nicht. Sie droht sonst das literarische Produkt zur 'schlechten Predigt' verkommen zu lassen. - Denkbar: mit Verwendung von Abstrakta werden (a) ausgleichende Gegenmaßnahmen ergriffen, und - (b) - es wird die literarische Funktion dieser Häufung verstehbar. Beispiele:

9.21 Nagib Machfus, Echnaton

Im Zitat haben wir die Abstrakta kursiv gesetzt. Öfters werden sie vom Autor in eine Personalisierung/Ortsmetaforik eingebaut - derartiges mildert den ansonsten harten literarischen Effekt, der Abstrakta anhaftet. Und die Häufung ist ein Mittel dem Leser zu signalisieren: das Ende des Romans ist in Sicht. Aus: Nagib Machfus, Echnaton. Der in der Wahrheit lebt. Zürich.

"Ich sah dunkle Gestalten auf mich zukommen, erst
die Niederlage, dann den Tod. Schwäche kroch
mich an, Zweifel schlich sich ein. Eine quälende
Hilflosigkeit lähmte mich - wie sollte ich es
schaffen, meinen Liebsten vor dem Tod zu retten?
Da kam mir ein Gedanke. Wenn ich ihn verlassen
würde, könnte es dann nicht sein, dass seine
Zuversicht erschüttert wird? Würde er sich
vielleicht dann seinen Männern fügen und auf den
Thron verzichten? Sicher, er würde meinen, ich hätte
wie alle anderen Verrat an ihm geübt - aber was
sollte ich sonst tun? Ich wagte den Schritt, ich
verließ meinen geliebten Mann. Schluchzend und mit
blutendem Herzen suchte ich Zuflucht in meinem
Palast im Norden Achetatons.
   Mutnadjmet kam und berichtete mir, dass der
König noch immer Widerstand leistete. Seine
Männer sähen nur eine Lösung, nämlich die Stadt
zu räumen und einem neuen Pharao den Treueschwur
zu leisten. Nur so könne ein Krieg noch verhindert
werden." (181f)
"Und wann immer ich an meinen Liebsten dachte,
konnte und wollte ich nicht glauben, dass dieser
Mensch, den ich besser als jeden anderen kannte,
in seinem Glauben schwach geworden war. Nein,
er würde weder verzweifeln noch die Flucht
antreten oder gar das Vertrauen zu  Gott
verlieren, denn gerade ihn hatte doch Gott mit
dem  Geschenk der Zwiesprache ausgezeichnet.
Er hatte viel verloren - den Thron, seine Gefolgs-
leute, den irdischen Ruhm. Trotzden würde er
immer in der Wahrheit leben, den Blick auf
die Ewigkeit gerichtet, um eines Tags glücklich
vor Gott zu stehen, dort, wo es keine Einsamkeit
gab und keine Verzweiflung, wo einzig
Güte, Versöhnung, Liebe herrschten." (183f)

9.3 Leicht zu verwechseln, misszuverstehen

P. Handke in "Publikumsbeschimpfung" (edition suhrkamp 177) - (Auszug):

(89) "Ich habe die Freiheit mit der
Zügellosigkeit verwechselt. Ich habe die Ehrlichkeit
mit der Selbstentblößung verwechselt. Ich habe den
Traum mit der Wirklichkeit verwechselt. Ich habe das
Leben mit dem Klischee verwechselt. Ich habe den
Zwang mit der notwendigen Führung verwechselt.
Ich habe die Liebe mit dem Trieb verwechselt. Ich
habe die Ursache mit der Wirkung verwechselt.
Ich habe keine Einheit zwischen Denken und Handeln
beachtet. Ich habe die Dinge nicht gesehen, wie
sie sind. Ich bin dem Zauber des Augenblicks
erlegen. Ich habe das Dasein nicht als geliehen
betrachtet. Ich bin wortbrüchig geworden. Ich
habe die Sprache nicht beherrscht. Ich habe die
Welt nicht verneint. Ich habe die Obrigkeit nicht
bejaht. Ich bin autoritätsgläubig gewesen. Ich
habe mit meiner Geschlechtskraft nicht hausgehalten.
Ich habe die Lust als Selbstzweck gesucht. Ich bin
meiner selber nicht sicher gewesen. Ich bin mir
zur Frage geworden. Ich habe meine Zeit vertan.
Ich habe die Zeit verschlafen. Ich habe die Zeit
anhalten wollen. Ich habe die Zeit vorantreiben
wollen. Ich bin mit der Zeit im Widerspruch gestanden."
 

10. Politik

10.1 Journalistische Analyse

aus: Gerd Ruge, Unterwegs. Politische Erinnerungen. Freiburg i.B. 2015.

(315) In Europa haben die Zwänge der Innenpolitik
und die Auswirkungen von Wirtschafts- und Finanz-
krise dem Europa-Idealismus klare Grenzen auf-
gezeigt. Die Auseinandersetzung um die Zukunft
des Kontinents tritt hinter wirtschafts- und
sozialpolitische Erwartungen zurück, und dem
früheren Enthusiamus der neu gegründeten Euro-
päischen Gemeinschaft ist der ärgerliche und
quälende Streit über die Verteilung der
Leistungen von Wirtschafts- und Finanzpolitik
gefolgt.
Die Zeit der großen Hoffnung auf ein neues Europa,
das auf gemeinsame Entschlüsse setzt, scheint
vorüber. Und dabei können doch auch bei unseren
Nachbarn Spannungen und Gegensätze wieder zutage
treten, die gemeinhin als überwunden galten. An
den westlichen und südwestlichen Grenzen Russlands,
aber auch in den Gebieten des ehemaligen Jugo-
slawien entstehen, mehr als zehn Jahre nach den
Kriegen auf dem Balkan, im Streit der nationa-
listischen und wirtschaftlichen Ansprüche neue
politische Strukturen, unter denen alte
Feindseligkeiten rumoren.

Man kann so einen Text durchgehen und die Abstrakta markieren, sich zunächst klarmachen, was sie bedeuten, dann allmählich in eigenen Worten umschreiben, was der Abschnitt besagt. Einschlägig auch bei solchen raffenden Aussagen, welche weiteren Informationen impliziert sind, die man folglich hinzunehmen sollte, vgl. [84], bzw. welche Informationen als bekannt vorausgesetzt werden, vgl. [85]

10.2 "Flüchtling"

Das Abstrakt-Nomen scheint eine klar verstehbare Bedeutung zu haben. Wie immer lohnt es sich, genauer die Rahmenbedingungen dieser Einzelbedeutung anzuschauen. Auch wenn zunächst das Standardverständnis das Ergebnis ist - physisch bedrohter Mensch, dem unsere Unterstützung zu gelten hat (vgl. auch UN-Flüchtlingskonvention, vgl. [86]), so sind andere Rahmenbedingungen möglich, die die Anforderungen an uns vollkommen umdrehen.

Man denke an "(Steuer-)Flüchtling". Dazu vgl. [87]

10.3 "Faktum" / "alternatives Faktum" (Kontext Donald Trump)

"Faktum" für sich genommen ist ein Abstraktum: niemand weiß, worauf diese Wortbedeutung zu beziehen sein soll. Erst via Kontext wird u.U. klarer, was der Sprecher zum Thema erheben will. Warum redet man dann so distanziert? - Aus dem Redezusammenhang muss klar sein, was gerade das Thema, das Problem ist, das verhandelt wird. Dazu zusätzlich "Faktum" ausgesagt ist eine Beteuerung: Was ich als Sprecher Euch dargelegt habe, stimmt voll und ganz mit der Wirklichkeit überein, entspricht der Wahrheit. Das Abstraktum "Faktum" ist somit ein Beteuerungs-/Emphasemittel, basiert auf dem allgemeinen Wissen, dass 'Sprache' und sogenannte 'Wirklichkeit' nicht zwingend gekoppelt sind - schließlich kann man ja auch lügen (ohne mit der Wimper zu zucken). "Faktum" als Sprachmittel will meine Rede mit Wirklichkeit/Wahrheit aufladen, will sicherstellen, dass nur meine Sicht der Dinge gilt. Wer das Abstraktum verwendet, fühlt sich in einem Bestreitungskontext, will sich verteidigen.

"alternatives Faktum" - so vom Umfeld des 2017 neu installierten US-Präsidenten gestreut - ist eine besonders kuriose Wortverbindung. "Faktum" im gängigen Verständnis duldet keine 'andere Wahrheit' neben sich. Das vorangestellte Adjektiv räumt aber ein, es gebe doch eine alternative Sichtweise. Die Wortverbindung ist somit rhetorisch ein Schuss ins eigene Knie: Beansprucht "Faktum" selbst schon, die adäquate Wahrheit wiederzugeben, so hebelt alternativ dieses Verständnis aus, degradiert Faktum zur Meinungskundgabe, zu etwas Subjektivem, bringt wieder - korrekt - Sprache und Kommunikation ins Spiel. Und zu einer Meinungskundgabe gibt es natürlich immer Alternativen. Die alleinige Wahrheit behaupten/beanspruchen, im gleichen Zug aber zuzugestehen, dass es auch eine andere Sicht der Dinge gibt - das ergibt insgesamt einen geistigen Leerlauf, einen Bankrott. - Kein Wunder, dass über diese Wortschöpfung viel gelacht wurde.

10.4 Wahlkämpfe - "Gerechtigkeit"

Erste Hälfte 2017: drei Landtagswahlkämpfe, die allesamt von der SPD verloren wurden, z.T. krachend. Die Suche nach den Gründen führte unter anderem aus, man hätte das Thema "Gerechtigkeit" stärker betonen sollen. - Aber Vorsicht:

  • Wer so denkt, stellt ein Abstraktum als Rettungsring in den Mittelpunkt der Überlegungen. Das bedeutet - sprachlich - eine große Erschwernis im Verstehen: angesprochen sind Intellektuelle, die mit diesem dünnen Verweis - geistige Ebene: Abstraktion - operieren können. Das ist nun gerade nicht die Schicht, die - im Falle des Überzeugtwerdens - nennenswerten Stimmenzugewinn verspricht. Die geeigneten Wähler sind gering an Zahl - und meist gilt auch für sie das, was folgt:
  • Die inhaltliche Leere haben einige bemerkt und - mit Recht - gefordert, das hehre Abstraktum müsse mit Inhalten gefüllt und so dem Wahlvolk präsentiert werden. Die Konkretisierungen, mithin die Anschaulichkeit, der Bezug zum realen Leben - Was soll dort konket verbessert werden? - hätten gefehlt. Richtig ist: Nur eine Wahlwerbung, die aufs praktische Leben bezogen werden kann, vermag in der Breite WahlbürgerInnen zu motivieren.
  • Nur abstrakt Etiketten unters Volk zu streuen fordert zur unverstandenen Solidarisierung auf - jede/r kann/darf/muss sich selbst ausdenken, was damit wohl gemeint ist. Nicht wenige werden darauf mit Ablehnung reagieren: So wollen sie nicht behandelt werden als Wahlbürger.
  • Intuitiv gehört zur Überzeugungskraft eines real konkretisierten und so dann auch attraktiven Wahlprogramms - das muss nicht zwingend jedes Mal explizit ausformuliert sein -, dass die Rahmenbedingungen mitbedacht sind, vgl. [88]. Dazu gehört zu sagen, wie die in Aussicht gestellten Wohltaten finanziert werden sollen. Fehlt derartiges, wird die Werbebotschaft als "hohl" empfunden.
  • Zur 'Rückseite' der angezielten Wählerschicht gehören diejenigen, die durch das Wahlprogramm Einbußen erleiden werden. Das muss ausgesprochen werden. Nur als Wohlfühlonkel/tante "für alle" aufzutreten ist konfliktscheu und überzeugt nicht: Wer Politik gestalten will, muss sich widerstreitenden Interessen stellen. Das gehört zum vorauszusetzenden Allgemeinwissen, vgl. [89].
  • Natürlich spielt eine wichtige Rolle, wie sich die Kandidaten als Figuren präsentieren: locker-geistreich wirkt dabei attraktiver als dauer-kämpferisch-verkrampft.

Für die Wahlniederlagen gibt es sicher noch weitere Gründe. Aber die genannten Punkte bilden für sich ein Paket bezogen auf die Art, wie die Parteien sich den Wahlbürgern präsentieren, ihnen gegenüber argumentieren. Im Hintergrund entsteht zwangsläufig auch ein Eindruck, ob sich der Wahlbürger durch diese Kommunikation/Wahlwerbung als Adressat/Partner ernstgenommen fühlt - oder als Stimmvieh missbraucht. Daraus entsteht dann das praktische Wahlverhalten. Ein Abstraktum allein ist dann allenfalls noch ein billiger Lockvogel - und ist als solcher erkannt worden. N.B. = auf kleinem Raum eine gute Illustration, wie mehrere Gesichtspunkte der PRAGMATIK einzubeziehen sind/zusammenwirken

10.5 Bundestagswahlkampf 2017: Dilemma der GRÜNEN

[90] - der Kommentar erschien, wohlgemerkt, einige Tage vor der Wahl. Auch da die Argumentation im Kern:

"Der Chefredakteur eines großen Magazins erklärte mir unlängst,
es gebe einfach zwei Themen, die sich als Titel ganz schlecht
verkaufen: die Digitalisierung und der Klimawandel. Meine
Vermutung: Beide Themen sind zwar enorm wichtig, aber für die
menschliche Wahrnehmung einfach (noch) zu abstrakt."

Anders gesagt: Zu unanschaulich, intellektualisierend - insofern vielfach abschreckend. Da können sich die Spitzenkandidatinnen noch so sehr mühen und abstrampeln: Wenn zu blass bleibt, wofür die Partei eigentlich steht, sind die Aussichten auf Stimmenzuwachs gleich null.