4.132 Sogenannte 'Substantive'

Aus Alternativ-Grammatik
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Die im Punkt zuvor durchgeführte Untersuchung, ob die Bedeutung eines Substantivs "konkret" oder "abstrakt" ist, schärft weiter das Sprachbewusstsein. "Wo die Güte und die Liebe wohnt" - hieß es in einem Kirchenlied. Ähnlich wie Loriot könnte man zurückfragen: Na, wo wohnen sie denn? - Abstrakta wohnen nicht, es handelt sich um ein Sprachbild für innere Einstellungen im Menschen.

Damit sind wir schon bei der zweiten Hälfte der genaueren Betrachtung von Substantiv-Bedeutungen. Erst beide zusammen ergeben eine gute kritische Analyse der substantivischen Wortbedeutung.

Jetzt ist - abseits der Frage der Abstraktion - das Thema: In welche unserer schon bekannten 'Analyse-Schubladen' gehört die Substantiv-Bedeutung? Diese Verteilung leisten zu können, reicht für den Moment.

Beispiele:  <<BAUM>>         - direkt benannte Sach-Bezeichnung;
                               da gibts nichts zu analysieren. Es handelt
                               sich um eine selbstständige Bedeutung. Jede/r
                               kann durch Hinschauen und eigene Vorstellung
                               erkennen, was der Sprecher meint. 
            <<TÄTER>>        - aus PRÄDIKATION: = 1.AKTANT + Tätigkeit des
                                                  Handelns. Eine Person -
                                                  welche? - wird dadurch
                                                  charakterisiert, dass sie
                                                  etwas gemacht hat. Also muss
                                                  man auch die Handlung
                                                  in die Betrachtung einbeziehen.
            <<PRODUKT>>                         = etwas ist Element eines
                                                  Verarbeitungsvorgangs; nicht
                                                  klar und direkt benannt = 
                                                  identifiziert. Wer hat wo,
                                                  wie usw. produziert? Entspricht
                                                  dem 2.AKTANTen der Prädikation:
                                                  Was wurde hergestellt?
            <<EMPFÄNGER>>                       = jemand interessiert nur in seiner
                                                  Rolle als 3.AKTANT, als eigenständiges
                                                  Individuum anscheinend nicht. 
            <<LIEBE>>        - aus Modalregister WERTUNG: positiver Wert
            <<BEFEHL>>                  "        INITIATIVE:
                                                 x überträgt seinen Willen auf y;
                                                 zugleich: SPRECHAKT-Appell
            <<GEDANKE>>                 "        EPISTEMOLOGIE: eine Idee, die von
                                                 jemandem innerlich gebildet wird
            <<EDUARD>>       - Eigenname; er ersetzt die Nennung und Beschreibung der
                               individuellen Person, die eigentlich gemeint ist; da man
                               diese geistige Setzung (= Benennung) der realen Person
                               nicht ansieht - der gemeinte Mensch könnte tausenderlei
                               Namen tragen -, muss man sie beim ersten Kontakt nach
                               dem Namen fragen; also ist wieder EPISTEMOLOGIE der Hintergrund; 
            <<JUNI>>         - aus CHRONOLOGIE: Maßeinheit 'Monat'        
            <<BRÜCKE>>       - zwar abgrenzbares reales Objekt, aber wesentlich mit der Funktion,
                               A + B lokal zu verbinden, also gehörend zu TOPOLOGIE

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1. Einzelsprache: Schwäbisch

1.1 "Ding" -> "Dinger(e)"

<<DING>> besagt - mindestens -, dass 'etwas' Substantivisches anvisiert wird. Aber die Bedeutung ist so verdünnt, dass man sich ohne weitere Informationen noch nichts unter der angesprochenen Bedeutung vorstellen kann. Ein Abstraktum liegt eben vor.

W-H Petershagen, Wir Schwaben. So sprechen wir. Bd. 3. Stuttgart 2015. S.132, führt für das Schwäbische aus:

"'So ein dummer Dinger.' Diese Art, Missfallen auszu-
drücken, ist vemutlich die vornehmste, zu der ein Schwabe
fähig ist. Man geht daher nicht fehl, wenn man sie dem
Honoratiorenschwäbisch zuordnet. Vornehm ist sie deswegen,
weil sie, anstatt einen bildhaften und somit konkreten
Kraftausdruck zu wählen, sich mit der abstrakten und
daher wertneutralen Vokabel Dinger begnügt. Dem männli-
chen Dinger entspricht die weibliche Dinge, die,
wenn man das obige Beispiel ins Femininum überträgt,
'so eine dumme Dinge' ist.
   'Grobe, etwas verächtliche, aber nicht geradezu be-
schimpfende Bezeichnung für eine ungeschlachte, grobe,
einfältige, widerliche Mannsperson' hat Fischer im Schwä-
bischen Wörterbuch den Dinger erklärt und dessen weib-
lichen Gegenpart, die Dinge - er schreibt sie Dingin
- als grobe, verächtliche Bezeichnung für eine Weibsperson'.
(...)
(133) ... wenden uns dem Dingeler und der Dingere zu.
Das sind die abgemildeteren, für schwäbische Verhältnisse
geradezu zärtlich klingenden Versionen des Dingers und
der Dinge. Kann der 'dumme Dinger noch als Synonym
für 'Depp' verstanden werden, so beschreibt der 'dumme
Dingeler ' oder die 'dumme Dingere ' ein Dummerle,
das mitleidige Sympathie genießt."

Trockener gesagt: Aus der SEMANTIK wird das Nomen/Substantiv, [1], bemüht, zugleich das Register der WERTUNGEN, vgl. [2] - in der PRAGMATIK mit dem Anstrich des Abstraktums, vgl. [3], und der Personifikation, vgl. [4], versehen - und pragmatisch kommt gar eine freundlich-liebenswürdige WERTUNG ins Spiel ...

1.2 "Mann", "Mensch", "Saumensch"

Im gleichen Stil wie zuvor kann man fortfahren. Erst über die Kenntnis der Sprachentwicklung wird verstehbar, wieso "Mensch" derartig zum Ausdruck einer negativen WERTUNG werden konnte:

W-H Petershagen, Wir Schwaben. So sprechen wir. Bd. 3. Stuttgart 2015. S.134, führt aus:

" 'Des Saumensch, des elende!' Alle Verachtung, zu der
man und erst recht frau fähig ist, zischt aus diesen Worten.
Ist es nicht bemerkenswert, dass die Krone der Schöpfung
für ein Schimpfwort herangezogen wird, das dazu dienen
soll, die Menschenwürde zu untergraben? Andererseits
und angesichts der täglichen Nachrichtenlage, die das
Vertrauen in die Gattung Mensch stets erneut zu er-
schüttern vermag, könnte man durchaus einsehen, dass
Mensch ein schlimmes Schimpfwort ist und dass Schweine
allen Grund hätten, die Kombination Saumensch gericht-
lich verbieten zu lassen ... 
... das Wort Mann stand ursprünglich nicht für die
Herren der Schöpfung, sondern für den Menschen schlecht-
hin. Für das englische man gilt das heute noch - und
ebenso für das deutsche unbestimmte Pronomen man. Das
bedeutet nichts anderes als  Mensch, weshalb die oben
verwendete feministische Neuschöpfung frau im Grunde
unnötig ist. ...
Die Einschränkung von das Mensch auf eine weibliche
Person kam erst im 15. Jahrhundert auf, und zwar in durch-
aus positivem Sinne. So wurde auch die Jungfrau Maria als
' das heilige, edle Mensch ' bezeichnet. Im Lauf
der Zeit sank der Begriff herab aufs weibliche Dienstper-
sonal, wurde schließlich auf Konkubinen und Schlampen
erst ausgweitet und dann allmählich eingeengt. ...