4.14 Autor und Leser

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Wer einen persönlichen Brief erhält, einen echten, keinen, der fingiert persönlich ist, aber nur eine Massen-Werbesendung darstellt, kann davon ausgehen, dass er auch der primäre Adressat ist, der, der gemeint ist.

Die meisten Texte / Kunstwerke, die man liest, sind zunächst für andere Adressaten geschaffen. Besonders deutlich wird dies bei alten Texten. Dennoch kann ich diese alten Texte oft auch heute mit Gewinn lesen, sozusagen als sekundärer Adressat.

Im Zeitalter der Aufklärung sprach man vom "garstigen Graben" zwischen damals und heute. Es bildete sich die historisch-kritische Betrachtungsweise heraus, die allerdings oft eine sprachbewusste Sichtweise vernachlässigte. Genau diesen Fehler wollen wir nicht begehen.


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1. Dichtung ohne Dichter?

1.1 Volksepos

Aus Arnold Hauser, Sozialgeschichte der mittelalterlichen Kunst. 1957:

(42) Die romantische Theorie von der Helden-
dichtung als Volkskunst war im wesentlichen
nur der Versuch, das historische Element im
Heldenepos zu erklären. Die Romantik war sich
der propagandistischen Funktion der Kunst noch
nicht bewußt; der Gedanke, daß der Kriegsadel 
der großen Heldenzeit an der Dichtung ein prakti-
sches Interesse haben konnte, lag ihr durchaus
fern. Sie hätte es bei ihrem 'Idealismus' nie zu-
gegeben, daß diese Helden sich mit ihrer Dichtung
nur ein Monument zu setzen oder das Prestige ihrer
Sippe zu erhöhen suchten, daß sie also an der
dichterischen Überlieferung der großen Ereignisse
keineswegs nur geistig interessiert waren. Und da
sie andererseits nicht annehmen konnte, daß die
Dichter der Heldenlieder und des Heldenepos aus
Chroniken schöpften - eine Idee, auf die erst
unsere Zeit verfallen ist -, blieb ihr nichts
anderes übrig, als den Ursprung der geschichtlichen
Motive im Epos aus einer Tradition zu erklären,
die vermeintlich unmittelbar von den Ereignissen
ihren (43) Ausgang nahm und von Mund zu Mund, von
Generation zu Generation ging, bis sie sich 
schließlich zu der fertigen Fabel der epischen
Gedichte entwickelt hatte. ...

Jakob Grimm ging in seinem folkloristischen
Mystizismus so weit, daß er es für undenkbar
hielt, daß ein Volksepos überhaupt 'gedichtet'
würde; er meinte, es dichte sich selber, und
stellte sich seine Entstehung wie das Keimen und
Gedeihen einer Pflanze vor. Die ganze Romantik war
darin einig, daß das Heldenepos mit dem indivi-
duellen, überlegten, seine Kunst als erlernte
Fertigkeit ausübenden Dichter nichts zu tun haben
könnte und das Werk des naiv, unbewußt und spontan
schaffenden Volkes sei. ... Das Volksepos 'wachse',
indem die Heldensage von einer Generation der
andern übermittelt wird, und höre erst auf zu
wachsen, wenn sie in die Literatur  eingeht. ... 
Die Vorstellung einer Tradition, die ohne die
Mitwirkung eines bewußt und überlegt schaffenden  
Dichters eine längere, einheitliche epische
Fabel hervorzubringen fähig wäre und einfach
jeden instand setzen würde, eine solche den
Gemeinbesitz eines Volkes bildende Fabel er-
schöpfend und wohlgegliedert zu erzählen, ist
vollkommen widersinnig. Eine fix und fertige,
runde und einheitliche, wenn auch in noch so
roher Form dargebotene Fabel ist keine Sage mehr,
sondern eine Dichtung, und derjenige, der sie zum
erstenmal erzählt, ist ihr Dichter.


2. Realer Dichter und literarischer Erzähler

2.1 Wolf Haas, Der Brenner und der liebe Gott. Hamburg 2009.

  • Das Gesamtbuch stammt, wie das Titelblatt angibt, von einem real existierenden Autor. Sein Name wird mit Wolf Haas angegeben. Es kann sich um den echten Namen handeln, oder um ein Pseudonym. Die Entscheidung muss hier nicht gefällt werden. Ergänzend zum eigentlichen Romantext klärt der Klappentext auf, dass der Mensch Wolf Haas 1960 geboren wurde und schon diverse Preise erhalten hat. Schon ohne weitere Recherchen anzustellen entsteht der Eindruck: diese Autorfigur hat reale Züge.
    • Im Romantext meldet sich immer wieder ein Ich zu Wort, und zwar abseits von handelnden Figuren. Dieses "Ich" schlägt nie eine Brücke zu biografischen Daten, die für den Autor gelten. Außerdem werden für dieses immer wieder kommentierende "Ich" auch keine eigenen Personenmerkmale genannt. Dieses "Ich" scheint zwar den Romanstoff zu erzählen, wird aber als eigenständige Figur außerhalb ihrer Kommentare nicht fassbar. Das "Ich" reflektiert immer wieder, wie es weitergehen könnte. - Eine literarische Funktion ist also erkennbar, als individuelle Figur bleibt das "Ich" blass und ungreifbar. Das berechtigt, das "Ich" vom "Autor" zu unterscheiden. Dieses "Ich" nennen wir den impliziten Erzähler.
    • Im Romantext wird immer wieder ein "Du" angesprochen, das ebenfalls nicht identisch ist mit einer der handelnden Figuren. Über das "Du" kann sich jeder Leser letztlich angesprochen fühlen. Da der implizite Erzähler aber mich als realen Leser nicht kennen kann, meint das "Du" einen vorgestellten = impliziten Leser. Der Romantext richtet sich an eine von ihm entworfene Leserfigur. Ob ich als realer Leser diesem Muster entspreche, ist erst noch zu klären.
      • Als handelnde Figuren / Akteure wirken verschiedene mit Namen und Beschreibungen vorgestellte Personen zusammen, schaffen ein (kriminelles) Problem und lösen es schließlich. Unter diesen wird die Hauptfigur seltsamerweise immer mit Artikel genannt: "der Brenner". Es wäre vorstellbar: Sobald die Hauptfigur eingeführt ist, wird sie mit Namen oder Vornamen oder "Ich" erwähnt. Nicht so hier: der Artikel sorgt für eine Distanz zur Hauptfigur bis zum Ende des Romans. - Das Ausbleiben von Vertrautheit passt dazu, dass immer wieder der implizite Erzähler sich meldet und daran erinnert, dass der reale Leser es immer zunächst mit ihm zu tun hat. Eine direkte Beziehung zu den handelnden Figuren ist somit nicht möglich.

Beispiel, wie sich der implizite Erzähler an den impliziten Leser wendet:

(123) Du wirst sagen, wieso sollen die Mücken den
Brenner unter ihre Fittiche nehmen, haben die
irgendein Motiv? Weil für eine normale Mücke ist
ein menschlicher Mord völlig uninteressant, und
sogar wenn man das alles glaubt, also vor dem
Leben Mücke, nach dem Leben Mücke, dann muss man
erst recht sagen, von so einer Ewigkeitsmücke aus
gesehen ist ein menschlicher Mord das  Uninteres-
santeste, was es gibt.
(136f) Grundsätzlich gilt sowieso noch beim besten
Freund, dass er es wahrscheinlich noch am selben
Abend seiner Frau erzählt, die hoch und heilig
versprechen muss, es niemandem weiterzuerzählen,
und ihre beste Freundin muss es eine halbe Stunde
später wieder versprechen. Je intensiver einer sein
Dichthalten beteuert, umso sicherer kannst du dir
sein, dass es morgen die ganze Welt weiß. Und siehst
du, der Brenner hat es nur so ruhig gesagt, und er
hat als wahrscheinlich erster Mensch auf der Welt
wirklich niemandem ein Sterbenswort erzählt. Das
sind die Sachen, die mir am Brenner gefallen. Aber
wo wir unter uns sind, verrate ich dir ausnahms-
weise, was die Doktorin gesagt hat.
(150) Aber jetzt pass auf.
(207) Jetzt während der Kressdorf so langsam
rückwärts zählt, damit er nicht aus seinem Jähzorn
heraus einen Fehler macht, kann ich dir noch
schnell was anderes verraten. Pass auf.

Wiederholt kreiert der implizite Erzähler eine Komplizenschaft mit dem impliziten Leser in Abhebung von dem. was in der story gerade abläuft.


2.2 "Die Blechtrommel"

Der Roman stammt verbürgt vom realen Autor G. Grass. 1959 wurde der Text veröffentlicht. Im Text erzählt ein "Ich", das sich immer wieder als "Oskar" zu erkennen gibt. Dieser "implizite Erzähler" erzählt aber auch von sich selbst, der Romanfigur "Oskar". Bisweilen erzählt der Erzähler=Oskar durchaus distanziert von der Romanfigur=Oskar. Also ist es ein Stilmittel, dass die Ebenen immer wieder verwischt werden.

Bisweilen enthält der Text Bemerkungen, die an die Leser gerichtet sind - Leser, wie sie sich der implizite Erzähler vorstellt. Der reale Autor Grass konnte sich nicht den realen Leser vorstellen, der 50 Jahre nach Erscheinen des Buches das Werk nocheinmal zur Hand nimmt. Außerdem ist jeder impizite Erzähler frei, sich irgendwelche Leser auszudenken.

"Sie tat es, kam zu Tränen, begann auszupacken,
stellte Schmuh, den Wirt, bloß, erzählte Dinge,
die Oskar Ihnen taktvoll verschweigt, und es
verlangte kräftige Männer ..." 
(aus dem Kapitel: "Im Zwiebelkeller")

Mit Ihnen sind die impliziten Leser angesprochen, bekommen also eine Verankerung im Text des Romans selbst.