4.22 Vernetzung der Akteure: Wer mit wem?

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Die Akteure eines Textes stehen in vielfältiger Interaktion. Sollten welche gerade nicht einbezogen sein, ist auch das ein interpretierbarer Befund. Es geht darum, textgestützt solche Beziehungs-Indizien zu erheben. Man kann sie zusätzlich grafisch sichtbar machen.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Facebook

Der heutigen facebook-Generation muss man nicht lang und breit erläutern, was mit dem gegenwärtigen Modul gemeint sein könnte. Aber die vielen schon vorliegenden Erfahrungen könnten im Unterricht aufgegriffen und strukturiert werden. Vorteile / Nachteile dieser Art von Kommunikation? - Wer will, kann gern hier davon berichten!

0.11 Freundschaft - soziale Netzwerke

aus Interview mit Susanne Lang (KulturSPIEGEL 7/2014):

In dem Sachbuch-Bestseller "Digitale Demenz" hat
der Psychiater Manfred Spitzer 2012 behauptet,
unsere soziale Kompetenz leide unter der inten-
siven Nutzung sozialer Netzwerke. Was bedeuten
Facebook und Co. für unsere Freundschaften?
Ach, ich mag solch einen Pessimismus nicht. Zunächst
einmal ist es doch so, dass Facebook uns die Pflege
unserer Freundschaften erleichtert: Wir vergessen
keinen Geburtstag mehr. Was ich kritischer sehe, ist
die steigende Selbstinszenierung. Manche Mädchen und
jüngere Frauen kultivieren ihre Freundschaften über
Facebook auf eine extreme Art. Sie posten permanent
Fotos, auf denen sie sich umarmen oder küssen, nur um
zu zeigen: Das ist meine allerallerbeste Freundin.
Facebook ist eine Bühne, auf der Freunde zum Status-
symbol werden. Zumal es dort auch auf die Anzahl der
Freunde ankommt: Je mehr ich habe, desto angesehener
bin ich.
Aber ist das Problem nicht im Kern nur ein Problem 
des Namings? Wenn Facebook das nicht Freunde nennen
würde, sondern Kontakte, würde niemand darüber
diskutieren.
Stimmt, das glaube ich auch. Interessant ist: In den
USA heißt es Friends, und das ist so unpassend nicht.
Das kommt der Realität dessen, was auf Facebook
geschieht, schon recht nahe. Problematisch ist erst
die Übersetzung ins Deutsche: Der Begriff Freund
bezeichnet eine etwas innigere Beziehung als der
amerikanische Begriff Friend.

0.2 Systemische Familientherapie

Uns geht es um Texte, nicht um Therapie. Aber natürlich können Fragestellung und Blickrichtung vergleichbar sein. Hier: Kann/darf man eine - problematische - Zweierbeziehung isoliert vom unmittelbaren Umfeld betrachten? Antwort der systemischen Familientherapie: nein! - Aus einem Bericht auf SPIEGEL-online (5.5.2013).

Der eine Sohn verprügelt Mitschüler, der älteste
sitzt in Haft, der jüngste hat Diabetes und die
zwei Schwestern helfen kaum im Haushalt: Bei der
sieben-köpfigen Familie Born* stapelten sich die
Probleme, die Eltern waren überfordert. Die
Mutter wähnte sich machtlos, drohte oft mit dem
Vater. Der reagierte mit Gewalt gegen den Sohn,
oder mit einem "Mach doch was du willst".
Familie Born brauchte eine Familientherapie. In
einer Erziehungsberatungsstelle fand sie Hilfe
durch systemische Therapeuten und Berater. Diese
beziehen in eine Therapie nicht nur ein Problem-
kind oder den gewalttätigen Elternteil ein.
Vielmehr therapieren sie das gesamte Umfeld, das
System also, in dem die Menschen leben, und in
dem die Probleme entstehen. ...
Beziehungsgeflechte lösen
Systemische Therapeuten werfen weniger einen
Blick in die Vergangenheit und versuchen nicht
durch gezieltes Verhaltenstraining, die seelischen
Nöte der Patienten zu lindern. Vielmehr betrachten
sie den Menschen in seinem sozialen Gefüge. Die
Annahme: Erkrankt ein Familienmitglied psychisch,
kommt es auch zu Problemen im Miteinander.
Um die Beziehungsverstrickungen und eingeschliffene
Verhaltensmuster zu lösen, stellt ein systemischer
Therapeut oft provokante Fragen.
Zum Beispiel: "Was würden Sie am meisten in Ihrem
Leben vermissen, wenn Ihr Problem morgen plötzlich
verschwunden wäre?" Oder er fordert zu einem
Perspektivwechsel auf. Statt sich etwa bei der
Ehefrau zu erkundigen, warum sie weine, fragt er: 
"Was glauben Sie, was es bei Ihrem Mann auslöst,
wenn sie weinen?"
Die Antwort darauf soll etwas über das Verhältnis
zwischen den Beteiligten offenbaren - und im besten
Fall an den Kern des Problems führen.
Wie etwa bei dem Vater, der sich über die vielen
Streitereien seiner Töchter aufregte. In seinem
Elternhaus habe es sowas nicht gegeben. Die
Eltern waren sehr streng, deshalb habe er sich
mit seinen Schwestern verbündet. Die systemische
Deutung des Konflikts: Die Streitereien der
Töchter kann man auch als Kompliment für den
Erziehungsstil des Vaters sehen - seine Kinder
müssen sich nicht verbünden. Stattdessen dürfen
sie lernen, wie man Auseinandersetzungen führt.
Den Konflikt bei neuem Licht zu betrachten,
half dem Vater schließlich, seine Sorgen auszu-
bremsen.
Lösungen suchen, statt Probleme wälzen
Als die Eltern der Familie Born in die Erzie-
hungsberatungsstelle kamen, wollten sie eigentlich
nur bestätigt wissen, dass ihr aggressiver Sohn
das Problem ist, und über ihn reden. Doch die
Berater fragten unerwartet bei den Eltern nach:
"Wann hat sich der Junge das letzte Mal positiv
verhalten, obwohl Sie gerade dann Probleme
erwartet haben?" Situationen, in denen es zwischen
allen Beteiligten gut lief, sollen Anhaltspunkte
für die Lösung geben.

0.3 Ergänzung des PDF: Auch Objekte einbeziehen!

Im Laufe eines Textes bleiben auch Objekte nicht isolierte Gegenstände. Sondern sie sind u.U. charakteristisch mit Akteuren verbunden, repräsentieren diese. Folglich wird aus bloßer Gegenstandsbenennung eine Stilfigur (z.B. Metonymie), die eben die ganze etablierte Beziehung zu jenem Akteur repräsentiert. Vgl. [1]; zuvor ist im Sinn von [2] zu erheben, in welchem Beziehungsgeflecht die betreffenden Gegenstände genannt worden waren.

Nachwort von P. Dettmering zur Ausgabe der
Urfassung von Grimms Märchen (Antiqua-Verlag):
(XIV) "Allerleihrauh nimmt also der Urfassung
zufolge in ihr Exil nicht nur die ihrem Vater
abgelisteten Geschenke, sondern auch Ring, Spinn-
rad und Haspel als Unterpfand einer unverändert
guten, jederzeit wieder belebbaren Beziehung zum
Manne mit sich. 
    ... Die Prinzessin sagte nun, sie wolle sich
    morgen (...) trauen lassen, in der Nacht aber
    suchte sie die Geschenke, die sie von ihrem
    Bräutigam hatte, zusammen, das war ein golde-
    ner Ring, ein golden Spinnrädchen und ein gol-
    denes Häspelchen, die drei Kleider aber that
    sie in eine Nuß, dann machte sie sich Gesicht
    und Hände mit Ruß schwarz, zog den Mantel von
    allerlei Pelz an, und  ging fort.
Die Geschenke des Bräutigams sind aber nicht nur
Ausdruck einer guten, unversehrten Beziehung zu
einer männlichen Imago, sondern auch integraler
Bestandteil von Allerleihrauhs Identität.


1. Russisch: Lew N. Tolstoj, "Anna Karenina"

1.1 Personenkonstellation

Vgl. aus Wikipedia die Personenkonstellation des Romans: [3]

1.2 "Begleiter" / komitativ / mit

Detail aus der Ausgabe von 2010 (insel): Wronskij definiert sich als Begleiter von S.K. - und als nichts sonst. Damit wird begrifflich reaktiviert, was schon auf Satzebene eine mögliche Bestimmung gewesen war, vgl. 4.0611 Subjekt / 1.Aktant: ein 1.Aktant bekommt eine Begleitung (=komitativ):

"Ich wußte gar nicht, daß Sie mitfahren. Warum
fahren Sie denn?" sagte sie und ließ die Hand,
die nach dem Griff fassen wollte, wieder sinken.
Unbändige Freude und lebhaft Erregung strahlten
aus ihrem Gesicht. "Warum ich fahre? sagte er und
blickte ihr gerade in die Augen. "Sie wissen doch,
ich fahre mit, um dort zu sein, wo Sie sind. Ich
kann nicht anders."


2. Formen gegenseitiger Bindung/Verpflichtung

2.1 Einende Figur im Hintergrund: Vereidigung

Personen, Amts-, Funktionsträger weisen untereinander möglicherweise keine besonders dichten Beziehungen/Interaktionen auf. Dennoch fühlen sie sich eng verbunden und gegenseitig verpflichtet, weil sie alle einen persönlichen Eid auf eine abwesende Figur geschworen haben, mit der sie nie in direkten Kontakt getreten sind. Diese abwesende Figur wirkt als archimedischer Punkt, der Einzelne verknüpft und zusammenschweißt. Ohne diesen gedanklichen, emotionalen, verpflichtenden Fluchtpunkt würden jene Einzelne eben Einzelne bleiben, ziemlich wirkungslos. Mit Hilfe des Eids aber gewinnen sie große Schlag- und Durchsetzungskraft. Im Zweiten Weltkrieg war die Vereidigung auf die Person des 'Führers Adolf Hitler' für viele ein innerer Konflikt; das selbe Muster sagt man den Angehörigen von Al Qaida nach. Nach dem Tod von Osama Bin Laden wurde öffentlich, dass auch sie auf den fernen Anführer eingeschworen waren. - Das heißt natürlich, dass nach Auslöschung des personalen Fluchtpunkts die Chance besteht, dass die Binnenstruktur der Gruppe zerfällt.

3. Kafka, "Der Prozeß"

3.1 Hauptfigur in Kapitel 6 ?

Auch in diesem Kapitel - vgl. Kapitel 6: [4] - ist die Hauptfigur Josef K., der Angeklagte, - so sollte man meinen.

Allerdings kommt K.'s Onkel zu Besuch. Dieser ist von sehr cholerischem Gemüt. Vom Prozess weiß er, Genaueres weiß er aber nicht, fragt auch nicht genügend nach. K. könnte aber ohnehin nichts zur Art der Anklage sagen. Auf der Basis des Nicht-Wissens macht der Onkel Hilfsangebote (83.131-159), kann seine Vorschläge aber nicht konkretisieren (84.18-23).

Er schlägt vor, seinen Freund, "Advokat Huld" einzubeziehen. Der ist zwar krank (84.60-98), aber vorinformiert (84.179-190). Überraschender- und unheimlicherweise befindet sich im Dunkel des Krankenzimmers ein weiterer Gast: Kanzleidirektor (84.204-218).

Durch das Dreiergespann: Onkel - Huld - Kanzleidirektor wird K. zunehmend zur Randfigur (84.229). Er lehnt am Bettpfosten. Die Beobachterrolle wird übrigens durch einen der längsten Sätze des Romans beschrieben. Es wird nicht nur gesagt, dass K. "ruhig" alles beobachten konnte. Der Leser selbst wird durch die Satzlänge zur Ruhe gezwungen. Ein starker Kontrast zur Hyperaktivität des Onkels.

Es kommt gelegen - er ist ja ohnehin Randfigur -, wenn K. sich wg. eines zersprungenen Tellers in die Küche zur Angestellten Leni zurückziehen kann. Sie weiß vom Prozess, kennt den Richter (ein Bild hängt in der Wohnung), weiß dass er eitel ist, viel kleiner als gemalt (85.44ff). Sie rät K., sich nicht zu wehren, sondern zu gestehen (85.81). - Es fragt sich nur: was er gestehen soll? K.s Freundin Elsa ist ihm denn doch lieber: 85.132, denn sie weiß nichts vom Prozeß und ggf. würde sie ihm nicht zu Nachgiebigkeit raten.

Die Akteursstruktur des Kapitels könnte so aussehen:

  Onkel                                  vs.                      K. + Elsa <=> Leni
                             +Advokat + Kanzleidirektor

Am Schluss jedoch drehen sich die Gewichte wieder um, weil K., den Onkel wegen des Plauschs mit Leni hatte im Regen stehen lassen. Nun gewinnt K. wieder die Gestaltungsmacht.

4. Fußball

... und weitere Mannschaftssportarten. Jede/r SpielerIn braucht nicht nur die nötige Fitness, sondern eine spezifische Rollen-/Aufgabenzuteilung im Spiel. Typische Spielzüge werden vorab trainiert und ins Spiel als eingeübte 'Bewegungsmuster' eingebracht. - Es geht hier nicht um Buchstaben, Wörter, Text, aber um Einzelspieler, Rolle, Gesamtstrategie.

4.1 Trainer

... sprechen vor wichtigen Begegnungen davon, sie versuchten im Vorfeld - mit Hilfe von Videos - die Spielweise der gegnerischen Mannschaft "zu lesen". Mit dem Wissen um eigene Stärken könne man dann eine Strategie entwickeln: Welche Dreierkette beim Gegner solle gestört werden, welcher Spielmacher ausgeschaltet, wie der Torwart überlistet, die Abwehr über außen durchbrochen usw.

Eine solche Denkweise ist vergleichbar mit der Akteursanalyse und des Zusammenspiels der Akteure in einem literarischen Werk. - Dieser Hinweis müsste für nicht wenige SchülerInnen ein Türöffner zur aktuellen Fragestellung sein ...

5. Ausgrenzung

Ein Soziogramm kann zweierlei sichtbar machen:

  1. Wer hat mit wem Kontakt - und mit wem offenkundig nicht?
  2. Wenn es zwischen zwei Akteuren Kontakte gibt: Wie häufig = intensiv sind sie im Vergleich zu den Kontakten zu anderen Figuren?

Dadurch kann schon via Grafik abgelesen werden, ob eine oder mehrere Figuren ausgegrenzt oder zumindest vernachlässigt sind - guter Anlass, über die Gründe nachzudenken.

5.1 Nationalsozialismus: Umgang mit Behinderten

"Euthanasie" - war sie im Dritten Reich lediglich Praxis von Partei-Ideologie und Partei-Schergen? - Oder gab es hie und da ein stilles Einverständnis der Angehörigen? - Letzteres konnte man - zumindest der Tendenz nach - überprüfen. = Ähnliche Fragestellung, wie wir sie gerade behandeln. - Aus einem Interview mit dem Historiker Götz Aly (SPIEGEL 17/2013).

Aly: ... Wie haben sich Angehörige verhalten
und Nachbarn? Da stößt man auf Reaktionsweisen,
die allgemeinmenschlich sind: Chronisch Kranke
und Behinderte können für die Familie zur Last
werden. Diese Erfahrung ist niemandem fremd.
SPIEGEL: ... Sie weisen nach, dass die
massenhafte Ermordung nicht ohne die stillschwei-
gende Zustimmung der Angehörigen möglich gewesen
wäre.
Aly: Ich spreche nicht von Zustimmung. Die Orga-
nisatoren der Euthanasie-Morde fragen systematisch,
wie oft ein Patient von wem besucht wurde. Hatten
sie den Eindruck, die familiäre Bindung sei nicht
eng, wurde der Kranke sehr viel eher abtranspor-
tiert als ein Leidensgenosse, der regelmäßigen
Besuch erhielt. Nach der Ermordung bekamen die
Verwandten eine amtliche Sterbeurkunde mit fingier-
ter Todesursache. Die meisten fanden sich damit ab,
sie akzeptierten das staatliche Angebot, die wirk-
liche Todesursache nicht wissen zu müssen. Auf der-
selben gesellschaftlichen Grundlage - im Halbdunkel,
unter der Voraussetzung des Wegsehens - konnte
später auch der Holocaust ins Werk gesetzt werden.
Die Mörder, die 1939 mit der Euthanasie begannen,
waren überrascht, wie gering der Widerstand blieb.
Das hatte mit der Scham vieler Angehöriger zu tun.
[Über die Existenz des Behinderten in der Familie.]

6. Drama / Bühne

6.1 ... auch in Romanform

Aus SPIEGEL-Interview mit Schriftstellerin/Dramatikerin YASMINA REZA (5/2014):

Reza: Man kann die Schwierigkeit des Zusammenle-
bens in einer Paarbeziehung auf tausenderlei Weise
beschreiben; man kann die allmähliche Veränderung
und Entwicklung mit den analytischen Mitteln der
Psychologie im Fluss der Zeit untersuchen; oder
man kann, wie ich es tue, den Augenblick der Ent-
ladung schildern.
SPIEGEL: Kommen Sie deshalb auch in Ihrer
Prosa immer wieder auf die Mittel des Theaters
zurück? Sie beschreiben die Welt als Bühne, auf
der die Menschen ihre Rolle spielen. Die Paare
dieses Buchs kennen sich untereinander.
Reza: Man verlässt das Theater nie. In
Wahrheit spielt jeder Theater, versucht in seiner
Rolle zu brillieren. Sie haben recht, die Figuren
meines Buchs ähneln den Personen eines Bühnenensemb-
les. Sie bilden eine Konstellation. Die Szenen erge-
ben eine Geschichte, sie fügen sich zusammen und 
bleiben doch parzelliert. Ich wollte gern eine neue
Form finden, um von Beziehungen zu erzählen.