4.32 Denkmuster - Beispiele

Aus Alternativ-Grammatik
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Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

Wer plant, sich etwas erträumt, baut Erwartungen auf: ein zukünftiges Ereignis wird als denkbar, wünschbar vorgestellt. Das behandelt das Register IMAGINATION (vgl. [1]). Diese geistige Möglichkeit lässt sich ausbauen. Davon sprach bereits das vorige Modul. Nun geht es um konkrete Beispiele, wie durch Denkmodelle, -raster, -schemata Erwartungen gelenkt werden können. Zugleich geht es darum, wie wir uns kleine gedankliche Systeme zurechtlegen. Sie versprechen Sicherheit, Berechenbarkeit. - Und öfters werden solche schön überschaubaren Gedankenstrukturen falsch eingesetzt. Die neu entstehenden Probleme muss man erst einmal als solche durchschauen. - Klischees vereinfachen die eigene Denkarbeit - sind somit Ausdruck innerer Trägheit, betonieren die geistige Beweglichkeit und Offenheit ein.


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0. Zur Theorie bzw. ÜBUNGEN

0.1 Mark Twain

ÜBUNGEN anhand von Erzähltexten: Vgl. [2] bzw. Vgl. [3]

0.2 Übung

Bezogen auf diverse Alltagsbereiche kann man über stereotype/standardisierte Abläufe/Einstellungen nachdenken: Vgl. [4]

0.3 Konfliktreiche neutestamentliche Gleichnisse - als Denktraining

Vgl. [5]

0.4 Geschlechterklischees schon im Kindesalter

vgl. [6]

1. Ursache und Wirkung

1.1 Nacheinander = Ursache

aus: Wolf Haas, Der Brenner und der liebe Gott. Hamburg 2009 .

(154) Jeder kennt heute die regulären Zusammenhänge
zwischen dem Sexuellen und dem menschlichen Leben,
wo man im Allgemeinen sagt, das eine entsteht, weil
man das andere getan hat, quasi ursächlicher
Zusammenhang. Aber nicht nur ursächlicher, sondern
auch zeitlicher Zusammenhang, weil immer das eine
neun Monate vor dem anderen, oder können auch einmal
acht oder sieben Monate sein ... Keiner wird behaupten,
es kann ausnahmsweise auch einmal umgekehrt sein,
quasi Kredit bei der Samenbank, und du hast schon zwei,
drei Jahre dein Kind, und hinterher, wenn du im
Terminkalender einmal ein fünfminütiges Zeitfenster
findest, dann machst du schnell das Sexuelle für deinen
Erben, der im Kindergarten schon schönere Zeichnungen
als die anderen Kinder macht. ...
(155) Nur damit du die Erschütterung vom Brenner
verstehst, wie es auf einmal umgekehrt war. Weil das,
was er in der nächsten Nacht erlebt hat, das hat noch
kein Mensch vor ihm erlebt, dafür lege ich meine Hand
ins Feuer.

Na, dann kann man ja gespannt sein, wenn ein derart solides Denkmuster umgedreht worden sein soll ...


2. Liebeslyrik

2.1 - Troubadoure

Aus: A. Hauser, Sozialgeschichte der Mittelalterlichen Kunst. 1957. S.87:

Die Ausdrucksweise der ritterlichen Liebesdichtung
erscheint allerdings von Anfang an, ob sie nun auf
wirkliche oder bloß fingierte Verhältnisse Bezug
genommen hatte, als eine feste literarische Konven-
tion. Die Troubadourlyrik ist eine 'Gesellschafts-
dichtung', in der auch die realen Erlebnisse sich
in die festen Formen der herrschenden Mode zu klei-
den haben. In allen Gedichten wird die geliebte Frau
auf dieselbe Art besungen, mit denselben Eigenschaf-
ten ausgestattet, als die Verkörperung derselben
Tugend und derselben Schönheit dargestellt; alle
Gedichte setzen sich aus denselben rhetorischen
Formeln zusammen, als ob sie alle das Werk eines
Dichters wären. Die Macht dieser literarischen Mode
ist so groß, die höfische Konvention so unentrinn-
bar, daß man oft den Eindruck hat, als ob die
Dichter gar keine bestimmte, individuell bezeichen-
bare Frau vor den Augen hätten, sondern ein
abstraktes Idealbild, und daß ihr Gefühl eher
durch ein literarisches Vorbild als einen
lebendigen Menschen veranlaßt worden wäre. ...
Die Damen wollten besungen und auch ihrer Schönheit
wegen gepriesen werden; auf die Glaubwürdigkeit
der durch diese Schönheit inspirierten Liebe kam
es niemandem an. Das Gefühlsmäßige an der Liebes-
werbung war 'bewußte Selbsttäuschung', verabre-
detes Gesellschaftsspiel, leere Konvention.
(nach Wechssler)

Was sprachliche Formeln betrifft, ist der Bezug zu ID 4.012 [Vgl.http://www.alternativ-grammatik.de/index.php?title=4.012_Feste_Wortketten_/_Zitate_/_Anspielungen_/_Kollokationen_/_Idiome] zu beachten.


3. Mythische Erzählungen, Gründungslegenden

3.1 Politische Parteien

aus einem Beitrag des Politologen Franz Walther für SPIEGEL-Online (16.7.2011):

"Erinnern wir uns kurz an die Überlegungen von
George Lakoff und Elisabeth Wehling, die vor
zwei, drei Jahren die Polit-Strategen hierzu-
lande geradezu elektrisiert hatten: Im Lern-
prozess des Menschen bilden sich neuronale
Verschaltungen, in denen sich Erfahrungen
unterschiedlicher Art vereinen und so etwas
wie einen Deutungsfilter herausbilden, von dem
ausgehend fortan alle weiteren Eindrücke
geordnet und bewertet werden. Der Mensch 
verfügt so über einen haltbaren Interpreta-
tionszugang, der unterbewusst Bildern, Meta-
phern und Effekten binnen Sekundenbruchteilen
eine bestimmte Bedeutung verschafft.
Ein weiterer Aspekt: Menschen neigen dazu, die
eigene (oder auch fremde) Lebensgeschichte in
einen Sinnzusammenhang zu bringen, ihr so einen
roten Faden zu geben. Das Leben als Fortsetzungs-
roman: Entstehung, Werden, Kampf, schließlich
Erfüllung. Auch die großen politischen Bewegungen
sind durchweg mit solchen Narrativen entstanden.
Sie funktionieren ähnlich wie die Geschichten der
Missions- und Erlösungsreligionen, auch die Tradi-
tion des dramatischen Theaters folgt diesem
Schema. Es sind immer dieselben Motive in
verschiedenen Variationen, etwa: Aufgrund der
Sündhaftigkeit einiger aus dem Paradies vertrieben,
sammeln sich die Berufenen, aber zugleich
Geächteten, ziehen unter Entbehrungen durch karge
Gegenden, kämpfen sich, da ihnen Sterne und
Offenbarungsbotschaft die Richtung weisen, bis
ins gelobte Land.
Mit den Grünen wurde die deutsche Gesellschaft
offener und toleranter
Die katholische Zentrumspartei hatte im späten 19.
und frühen 20. Jahrhundert eine solche Erzählung.
Sozialdemokraten verfügten etliche Jahrzehnte
lang über so ein Epos. Aber sie schrieben es
nicht fort, gerieten in Begründungs- und
Sinnkrisen. Anders bei den Grünen. Ob bewusst
oder nicht: Sie boten Anhängern und Wählern
eine Geschichte ihrer selbst, die nach den
biblischen Motiven verlief und zunehmend als
Geschichte auch der gesamten Republik erzählt
wurde. Der Sündenfall: die Atomenergie.
Die Propheten, die zur Umkehr aufriefen: Petra
Kelly und ihre Mitstreiter. Die vielen Apostel:
Bürgerinitiativen und Bunte Listen. Das Volk,
das die Reise durch die Wüste der naturzer-
störenden Profitwirtschaft antrat: 
die Grünen selbst. Das gelobte Land: die
Energiewende in einer Gesellschaft des
"New Green Deal".  ...
Kurz: Mit den Grünen wurde die deutsche
Gesellschaft diskursiver, offener, toleranter,
mit einem großen Herz für Minderheiten, mit
frischer Neugierde auf fremde Kulturen,
mit unverkrampfter Großzügigkeit gegenüber
Lebensformen verschiedenster Art. Am Ende
hatte man gar die anfänglichen, erbitterten
Gegner zumindest halbwegs auf den Pfad der
Bekehrung geführt, da auch die Christdemo-
kraten ihr Frauen- und Familienbild
korrigierten, Ganztagsschulen nicht mehr
obstruierten, Krippen akzeptierten und -
nicht zuletzt - eine geschiedene Frau an
der Spitze ihrer Partei und Zentralre-
gierung ertrugen.
Wer eine solche Erzählung selbstbewusst in
Umlauf bringen kann, massenhaft Gehör und
Zustimmung dafür findet, hat politisch so gut
wie gewonnen. Denn die Botschaft ist eingängig,
sie verknüpft Stationen und selbst die Umwege
des (politischen) Lebens zu einem stimmigen Plan
der Weiterentwicklung. Und diese Mythen bean-
spruchen Allgemeingültigkeit. Im Vergleich zur
grünen Geschichte jedenfalls wirkte das über
vier Jahrzehnte so zugkräftige Epos der CDU -
Partei des christlichen Glaubens, des
mittelständischen Fleißes, der Treue zur Heimat
und Nation, der lebenslangen Ehe und redlichen
Sparsamkeit - zuletzt wie die Verfallsbotschaft
einer rapide schwindenden Sozialkultur. ...
Wenn diese Geschichten allerdings im Wesent-
lichen auf Machterwerb und Wählerzuwachs ausge-
richtet sind, bergen sie für Parteien eine
Gefahr. Erzählungen, die das Publikum beein-
drucken und fesseln sollen, brauchen das
unbefleckt Gute, den reinen Mythos und verlangen
nach Orten, die sich als heiliger Boden, als
Weihestätte erfolgreicher Schlachten und er-
bitterten Ringens gegen das Böse eignen -
und an die man sich auch so erinnern kann.
Auch die grünen Erzählungen funktionierten nach
diesem Muster. Die tapferen Bürger von Wyhl, die
mutigen Bauern im Wendland, schließlich die
empörten Winzer an der Mosel, die sich zäh gegen
die monströse Hochbrücke wehrten. Ist aber erst
einmal ein solcher Mythos beschädigt,  dann ist
er nicht mehr zu reparieren und nicht mehr als
Element einer Heils- und Heldengeschichte zu
vermitteln. Wenn die "Autoren" des Mythos sich
selbst an ihm durch Verrat vergehen, dann kann
gar die Liebe der Anhänger in Hass umschlagen.
Dergleichen war in den letzten Wochen an der
Mosel gut zu beobachten. Auch im Wendland fiel die
Enttäuschung über die Parlamentarier der grünen
Partei groß aus, als diese den schwarz-gelben
Ausstiegsplänen zustimmten. Schließlich schmoll-
ten seit Wochen bereits die guten Krieger des
Mythos, die Aktivisten von Robin Wood, BUND,
Greenpeace.
Erzählungen strukturieren, stiften Sinn,
verleihen Zuversicht und Selbstbewusstsein,
sie haben das Zeug zur langen Tradierung und
Verstetigung von sozialen Bewegungen und politi-
schen Organisationen. Aber wirkt die Story, das
Narrativ nicht mehr, ist die Glaubwürdigkeit
erst einmal dahin. Dann kann sich die Enttäu-
schung mit Vehemenz gegen die ursprünglichen
Macher richten."

4. Poesie

4.1 Gedicht

Sehr viele (alle?) Gedichte sind inhaltlich (die Ausdrucksseite bleibe hier unberücksichtigt) wie folgt strukturiert:

  • in auffallend konkreter, anschaulicher Sprache wird ein Detail der Lebenswelt beschrieben. Beim ersten Lesen kann man sich als Leser befremdet fragen, was dieses Detail einen selbst angehe. G. Grass beschäftigt sich im Gedicht "Prophetenkost" damit, dass Propheten, die normalerweise im Kerker gehalten werden, Heuschrecken essen und damit eine Plage beseitigen. Via Präsupposition, vgl.4.4 Vorausgesetztes Weltwissen (Präsuppositionen), kann man sich daran erinnern, dass diese "Prophetenkost" von Johannes dem Täufer berichtet wird. - Das mag pittoresk sein, wirft aber - erst recht bei so ekliger Kost (für mitteleuropäische Gaumen) - die Frage auf, wozu diese Wortbedeutungs-Ebene dient?
  • Der These zweiter Teil: Hinter der provokanten Anschaulichkeit wird ein Denkmuster allgemeiner Art sichtbar, das sich auf sehr unterschiedliche Lebenssituationen übertragen lässt, wo man dann den Eindruck hat: es passt. - Eine Besprechung jenes Gedichts stieß z.B. auf Nelson Mandela, den man als modernen Propheten bezeichnen könnte, der fast 3 Jahrzehnte im Kerker war, der dann freigelassen wurde, als die gescheiterte Apartheid (= Plage) überwunden werden musste, und der - dies im Gegensatz zum Gedicht - nach getaner Arbeit glücklicherweise nicht wieder im südafrikanischen Kerker zu verschwinden hatte.

Es sollte also Bestandteil von Gedichtbeschreibung, -interpretation sein, dass man versucht, explizit diesen Wechsel von Wortbedeutung und gemeinter Bedeutung (speziell mit dem Akzent Denkmuster) nachzuzeichnen und dann für letzteres Beispiele zu finden (die dann natürlich im expliziten Wortlaut des Gedichts überhaupt nicht vorkommen).

5. Geistige Kämpfe

5.1 Leserbriefe im SPIEGEL

War in einer vorausgegangenen Ausgabe ein pointierter, gut recherchierter und meinungsstarker Artikel publiziert worden, so kann mit Leserbriefreaktionen gerechnet werden. Öfters werden diese von der Redaktion nach dem Muster angeordnet = wiedergegeben:

An erster Stelle liest man einen konträren,
entweder gut argumentierenden oder aber heftig, auch
mit Sprachbildern sich wehrenden Meinungsbeitrag.
- Als Leser ist man erstaunt, weil es so aussieht,
als werde der Ursprungsartikel in der Luft
zerrissen.
An zweiter Position folgt dann aber ein Leserbrief,
der jenem Artikel entweder hymnisch oder mit weite-
ren Argumenten/Fakten zustimmt. - Allein durch die
Anordnung der Briefe ist damit die Gegenmeinung
zuvor neutralisiert.
Dieses Wechselbad kann noch mehrfach wiederholt
werden. Das Fazit für den Leser in aller Regel:
das Thema bleibt kontrovers; aber den Ausgangs-
artikel zurückzunehmen besteht kein Grund.

5.2 Fantasieloser Kapitalismus vs. utopisches Christentum

"Konservativ" sind die, die nur rechnen können, die "alternativlos" denken, auf die "Realität" pochen. Mit "utopisch" sind die gemeint, die über Fantasie verfügen, vgl. 4.082 Modalitäten – »Register« IMAGINATION und zugleich Sprachbilder als solche erkennen (eben nicht platt mit "Realität" gleichsetzen), vgl. 4.113 Übertragener Sprachgebrauch - Übergang zur gemeinten Bedeutung und - inzwischen - vielen Folgeseiten. So gesehen bekommt sogar die christliche Rede von der "Auferstehung" einen guten, gesellschaftlich relevanten Sinn. Vgl. die Kolumne von Jakob Augstein: [7]

5.3 Detektiv - Jagdtrieb

H. Fallada, Jeder stirbt für sich allein. 5. Aufl. Berlin 2012. S. 227:

Er war interessiert, oh, er war stark interes-
siert. Im Grunde war es ihm ganz egal, ob er
hier einem Verbrecher das Handwerk legte oder
nicht. Escherich, es ist schon gesagt worden,
Escherich jagte. Nicht um des Bratens willen,
sondern weil das Jagen eine Lust ist. Er
wusste, im gleichen Augenblick, wo das Wild
zur Strecke gebracht, der Verbrecher gefangen
und ihm seine Verbrechen hinreichend bewiesen
waren - in dem gleichen Moment würde Esche-
richs Interesse an diesem Falle aufhören. Das
Wild war erlegt, der Mann saß in Untersu-
chungshaft - die Jagd war zu Ende. Auf ein
Neues!

[NB. Hängt mit dieser weit verbreiteten Lust heutzutage das unglaublich dichte Angebot an TV-Krimis zusammen? Meinen die Fernsehmacher, diese Lust müsse ständig aufs Neue befriedigt werden? - Und: Ist das so?]

5.4 Krimiflut

... anknüpfend an das Ende von 5.3: SPIEGEL 28/2013:

"Der deutsche Fernsehzuschauer muss ein
Scheusal sein. Sonntag für Sonntag fordert
er ein Menschenopfer: erschossen, stranguliert,
ertränkt, vergiftet, die Treppe hinunterge-
schubst, in den Selbstmord getrieben, erfroren
oder verbrannt. Vor einigen Wochen, im
'Tatort' aus Frankfurt am Main, wurden dem
Mordopfer sogar die Zehennägel ausgerissen.
Neun Millionen Menschen sahen zu; womöglich
schauten manche im entscheidenden Moment aber
weg.
    Weil ein Verbrechen pro Woche den Zuschauer
aber offenbar nicht befriedigt, wird auch an
allen anderen Tagen fröhlich getötet, wengistens
aber entführt oder erpresst. Cops von Rosenheim
bis Hamburg ermitteln, und in irgendeinem dritten
Programm wird immer ein alter 'Tatort' oder
'Polizeiruf 110' wiederholt. Das Fernsehprogramm
liest sich wie der Gegenentwurf zur im Mai veröf-
fentlichten Kriminalstatistik, die bundesweit
einen Rückgang der Morde und Körperverletzungen
verzeichnet. 
    Vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender
planen mit Wollust ständig neue Straftaten ...
ist der Erfolg von Krimis auf das primitive
Angstsystem des Menschen zurückzuführen:
'Dieses System unterscheidet nicht zwischen
echter Bedrohung und Fernsehen. Es denkt
wirklich, dass da etwas Schlimmes passiert
... Krimi schauen ist wie Achterbahnfahren'
... Vor jeder Kurve habe man Angst, rausge-
schleudert zu werden. Nach überstandenem
Schreckensmoment werden eine Menge Glückshormone
ausgeschüttet. ...
    Am Ende ist natürlich immer alles gut, so
verlangt es die Serienlogik. Während laut poli-
zeilicher Kriminalstatistik rund 54 Prozent der
Fälle gelöst werden, liegt die Aufklärungsquote
der TV-Ermittler bei mindestens 99 Prozent.
    'Die Welt zerfällt zunehmend in ihre Einzel-
teile. Politiker, Konzerne und Krankenkassen
gehen nicht unbedingt wahrhaftig mit uns um.
Die Kommissare sind die Helden, die für den
Einzelnen kämpfen und den zerbrochenen Spiegel
zusammensetzen. Ist der Fall gelöst, wird man
mit dem guten Gefühl in die Woche entlassen,
dass es noch so etwas gibt wie Gerechtigkeit.'"

5.5 "Aufstieg - Tragik - Untergang - Weiterwirken"

... immer die gleiche Erzählstruktur setzte Richard Wagner in seinen verschiedenen Opern um. Die einzelnen Figuren, die vordergründige Handlung, waren verschieden. Aber das Muster im Hintergrund durchweg vergleichbar - meint J. Köhler, Der letzte der Titanen. München 2001. S.343f:

"Schon im Sommer 1847, als er am 'Lohengrin'
komponierte, hatte Wagner die Tragödien des
Aischylos studiert. Das 'berauschende Bild der
athenischen Tragödienaufführungen' trat ihm dabei
so deutlich vor Augen, dass er aus dem 'Zustand
der Entrücktheit' eigentlich nie wieder 'zur
Versöhnung mit der modernen Literatur' zurückkehr-
te. Als er zwei Jahre später über 'Kunst und
Revolution' philosophierte, lag ihm der athenische
Tragödientag immer noch als ideales 'Gottesfest'
im Sinn. Hier erlebte das Volk sich selbst in
seiner höchsten Möglichkeit. 'Hier sprach der Gott
sich deutlich und vernehmbar aus.'
Seine Geschichte aber, die er in den wechselnden
Masken der tragischen Helden erzählte, blieb
immer die altvertraute. Vom strahlenden Aufgang
führte sie, weil das Schicksals(!) es so bestimm-
te, in die tragische Verstrickung, die den Unter-
gang brachte. Dann verblutete der Held, dann
brach, zur weihevollen Erschütterung des Volkes,
die Götternacht herein. Der angebetete Gott
starb, aber sein Tod war das 'Liebesopfer', das
sein Volk einte. Indem es sein eigenes Wesen
begriff, wusste es sich im Gott aufgehoben." 

Es ist gut, dieses (und andere) Denkmuster zu erkennen und sich nicht blenden zu lassen durch die jeweils erzählte Geschichte. Keine Frage, dass dieses Muster auch der christlichen Theologie zugrunde liegt, der Abendmahls-/Eucharistiefeier.

5.6 Terror und menschliche Würde

Ein Theaterstück der Antike kann auch heute noch Halt geben, indem es gegenwärtige Bedingungen bewusst macht: strukturell können die Situationen, und damit die Anforderungen an die menschliche Seele, über die Zeiten hinweg vergleichbar sein: Nelson Mandela, der Kämpfer gegen die Apartheid in Südafrika, war 27 Jahre auf der Gefängnisinsel Robben Island inhaftiert. Wie überlebt man dort, ohne innerlich zu zerbrechen? z.B. durch Theaterspielen. (aus SPIEGEL 50/2013):

Irgendwann in den Kerkerjahren führten die Gefan-
genen die "Antigone" des Sophokles auf. Ein Lehr-
stück über den Aufstand des Individuums gegen den
ungerechten Staat: Der weise König Kreon wird im
Ringen um Thebens Thron zum Tyrannen.
Antigone lehnt sich gegen den Herrscher auf.

"Antigone widersetzt sich, weil es ein höheres
Gesetz als das des Staates gibt", schrieb Mandela,
"sie war das Symbol für unseren Kampf." Die
ungebildeten Wärter auf Robben Island begriffen
nicht, dass die Häftlinge hinter dem Paravent der
griechischen Tragödie über das System der Apart-
heid richteten. Mandela spielte den Kreon - eine
Rolle über die Fehlbarkeit der Macht.

5.7 Islam - reformbedürftig

Der Muslim Ahmad Mansour reagiert in SPIEGEL 37/2014 auf all die Konflikte, in die Muslime derzeit verwickelt sind: Gaza/Israel, Syrien, Peschmerga - Irak/Kurden, Hinrichtungen von Journalisten - per Video verbreitet. Er meint, auch im Islam sei ein neues Denken notwendig. Auszug:

Wir Muslime müssen damit beginnen, die Ursachen
auch bei uns zu suchen. Welche Denkfiguren und
Glaubensinhalte werden denn von den Radikalen
aufgegriffen und fundamentalistisch überspitzt?
Leider kennen wir sie doch fast alle. Auch mode-
rate Imame zelebriefen die Opferrolle von Musli-
men, pflegen drastisch und erbarmungslos Feind-
bilder - böse sind der Westen, die Demokratie,
die Schiiten, die nicht praktizierenden Muslime,
die Islamkritiker und so fort. Gut sind die eige-
nen Anhänger, der wahre Islam, die reine Lehre,
das blinde Befolgen aller Gebote und Tabus und so
fort. Alles, was anders ist, wird abgewertet.
    Mit der Behauptung, die absolute und einzige
Wahrheit zu besitzen - andere Religionsanhänger,
etwa evangelikale Fundamentalisten sind da nicht
anders -, geht das Verbot einher, Aussagen zu
hinterfragen, kritisch zu denken. Neue, zeitge-
mäßere Deutungen des Koran, wissenschaftliche
Erkenntnisse zur Geschichte des Islam dürfen weder
gelesen noch diskutiert werden. Hinzu kommt das
Unterdrücken, Tabuisieren und Schlechtmachen von
Sexualität, das besonders bei jungen Männern zu
zielloser Aggression führen kann. Das alles ist
Teil einer einschüchternden Pädagogik, die mit
der Angst vor der Hölle arbeitet und eine Heroi-
sierung des Todes herbeiführt.
    Reinheit, Ehre, Todesverachtung - das sind
Aspekte, die bei vielen Jugendlichen in der
pubertären Phase der Verwirrung sehr ankommen.
Radikale Islamisten bieten ihnen die "wahre"
Sache, die "echte" Sache, das Opfer kann zum
Triumphator werden, bildlich, konkretistisch
vorgeführt von dem Täter, der neben dem Ent-
haupteten posiert. Bei Salafisten und ähnlichen
Radikalen in Europa erhalten junge Männer und
auch Frauen die Illusion totaler Sicherheit und
totalen Rechthabens durch ein vermeintlich glas-
klares System der Unterscheidung zwischen Rich-
tig und Falsch, Gut und Böse.
    Noch einmal: Ihre Gefährlichkeit verdanken
die radikalen Strömungen nicht so sehr der
Differenz zum "normalen" Islam als vielmehr der
Ähnlichkeit. Bereits muslimischen Kindern wird
von "unreinen Frauen" und "sündhaften Ungläubi-
gen" erzählt, dem Jugendlichen sind dann solche
Begriffe vollkommen vertraut. Sie werden meist
in einem Klima von Kontrolle, Angst und Strafe
erzogen. Ihr "Respekt" soll dem Clan, dem Kol-
lektiv und den Autoritäten gelten. Fundamen-
talisten verstehen sich als purifizierende
Verstärker solchen Denkens. Darin liegt ein
Grund für die Anfälligkeit von Jugendlichen
für die Argumentation der radikalen Islamisten.
Wenn ich als Jugendlicher diese Radikalität
annehme und praktiziere, zeige ich in einem
Gestus der pubertären Überlegenheit, der
eigenen Gruppe, dass ich "der bessere Muslim"
bin - ich überführe die eigene Gruppe der
Heuchelei. So lässt sich indirekt Aggression
gegen die Eltern, die Familie ausagieren,
ohne dass man den mutigen Schritt tun müsste,
deren antiquierte Denkweisen kritisch zu
sehen. Und so lässt sich die Aggression gegen
die Mehrheitsgesellschaft ausagieren, indem
ich gefährlich für sie scheine oder werde und
endlich den "Respekt" erhalte, den sie mir
vermeintlich verweigert. (...)
    Auf traurige Weise fehlt noch immer das
Wesentliche: das tiefe emotionale Entsetzen
der Mehrheit der Muslime angesichts der Mord-
taten radikaler Muslime wie jetzt im Irak
und in Syrien. 

Eindrucksvoll und schlüssig werden die geistigen Klischees dargelegt, die zu Gräueltaten führen können. Diese Mechanismen sind allgemeingültig, hier nur exemplarisch am Islam dargestellt. Pädagogische, psychische, dogmatische - letzlich sprachliche Komponenten führen zu dieser explosiven Mischung.

5.8 Publizistische Kriegsvorbereitung: Beispiel Iraq

Der militärischen Bekämpfung eines Gegners geht die mediale voraus - es muss ja auch die Bereitschaft von Bevölkerung und Parlament eingeholt werden. Ein wesentliches Mittel ist die Verbreitung von Lügen. Dadurch kann das benötigte Feindbild aufgebaut und dem Gegner das Existenzrecht abgesprochen werden. Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Iraq-Krieg: [8]

5.9 Kirche der Armen - reiche Papstkirche

Diesen Gegensatz hat um 1200 Franz von Assissi mit seinen Anhängern (und weiteren Elementen der 'Armutsbewegung') seiner Kirche 'eingebrockt'.

aus: H: Wolf, Krypta. Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte. München 2015

(179f) "In der Person des Franz von Assissi und im
Streit um die sachgemäße Auslegung seiner Vorstel-
lungen prallten zwei grundsätzliche Modelle von
Kirche aufeinander, die einander unversöhnlich
gegenüberstehen: Das erste Konzept beharrt auf einer
buchstabengetreuen Umsetzung der biblischen Vorgaben
im Hinblick auf eine radikal gelebte Armut der Kirche
und ihrer Amtsträger und den Verzicht auf alle welt-
lichen Güter. Das zweite Modell hingegen sieht in der
Kirche eine Institution, die auf Prunk nicht verzich-
ten muss, insbesondere wenn es um die Verherrlichung
Christi geht. Um auf Dauer in der Welt bestehen und
ihren Auftrag der Verkündigung des Evangeliums gerecht
werden zu können, muss sich die Kirche demnach der
Güter der Welt bedienen. Außerdem könne nur eine
reiche Kirche den Armen wirklich dauerhaft helfen. Das
erste Kirchenkonzept kann sich auf eindeutige Aussagen
des Neuen Testaments berufen (...) Die Vertreter des
zweiten Konzepts mussten daher einen großen argumen-
tativen Aufwand betreiben, um ihr Kirchenmodell
plausibel zu machen."  


6. Klischees in Wirtschaft und Politik

6.1 Schwul / Lesbisch

Aus SZ 25./26. Aug. 2008:
"Wer führen will, muss stark sein, ins Bild
passen, verheiratet sein, Kinder haben, ein
Eigenheim besitzen," erklärt Behr: "All das."
Mit diesen tradierten Rollenklischees haben
es die Chefs der großen Konzerne zu tun. Kein
Wunder, dass vermeintlich keiner der 200
Dax-Vorstände homosexuell ist. "Keiner sagt,
ich bin schwul oder lesbisch - so wie das
Wowereit gemacht hat", - sagt Behr. Dabei gibt
es sie, die schwulen Dax-Vorstände. Behr kennt
den einen oder anderen persönlich. "Aber
keiner traut es sich offen zu sagen. Der
Karriere wegen." Für Lesben gilt das umso
mehr, da es in der Männerwelt schon als
heterosexuelle Frau schwierig ist, beruflich
aufzusteigen.

6.2 links - rechts // liberal - konservativ

Wo immer auf der Welt Parlamentswahlen stattfinden - das Parteienspektrum wird durch die genannten Oppositionen charakterisiert. Sie scheinen so weitverbreitet zu sein, dass sich in ihnen Grundverständnisse des Menschen und seines Verhaltens in der Welt widerspiegeln. Wie kann man die standardisierten Denkweisen charakterisieren. Der Harvard-Evolutionspsychologie Steven Pinker versucht es folgendermaßen (SPIEGEL 4/2013):

"Die Rechte hat 'traditionell eine tragische
Perspektive auf den Menschen, derzufolge er
stets beschränkt ist in Moral, Wissen und
Vernunft'. Weil seine Aggressionen den Menschen
stets in Versuchung führen, braucht es ein
starkes Militär, die Möglichkeit zur Selbst-
verteidigung und ethisch-religiöse Verbind-
lichkeiten. Weil der Staat aber nur von Men-
schenhand geschaffen ist, wird ihm nicht
zugetraut, klug genug zu sein, um Sozial-
und Wirtschaftssysteme zu kontrollieren.
Übersetzt in ein politisches Programm heißt das:
aggressives Militär, mehr Religion, laxe
Wirtschaftsregulierung, Recht auf Waffen,
niedrige Steuern. Das ist (in USA) exakt das
Programm der Republikaner.
Die Linke hingegen  sieht den Menschen aus
einer 'utopischen Perspektive': Er ist
lernfähig, er stellt rationale Überlegungen
für ein besseres Zusammenleben an, die er
durch öffentliche Institutionen verwirk-
lichen will. Politisch heißt das: interna-
tionale Anbindung, Wissenschaft über Reli-
gion, Waffengesetze, Freiheit in Lebensweise
und Sexualität, Kontrolle der Regierung über
soziale Gleichheit."

6.3 Industrieländer <=> Entwicklungsländer

Die Klimakonferenz in Lima (Ende 2014) schien keinen überzeugenden Erfolg erbracht zu haben. In einer Hinsicht anscheinend aber doch: die überkommene und allzu bequeme Aufteilung der Länder nach den beiden Begriffen wurde aufgeweicht. Das ist Voraussetzung dafür, dass auch die bislang sogenannten "Entwicklungsländer" ihren Beitrag zum Klimaschutz werden leisten müssen. Sie können sich nicht mehr so leicht hinter diesem Etikett verstecken und nur Wohltaten einfordern. Besonders deutlich wird dies bei der inzwischen gewaltigen Wirtschaftsmacht China, das bislang immer noch als 'Entwicklungsland' galt. Vgl. [9]

= Überwindung allzu schlichten binären Denkens, nur so ist Weiterentwicklung möglich

7. Wie gewinnt man "Sicherheit für Entscheidungen?"

7.1 Bauchgefühl (emotional) <=> Statistik (rational)

Psychologe Gigerenzer (Spiegel 12/2013) warnt vor dem "statistischen Analphabetismus" - z.B. bei Ärzten, Juristen, Bankern, sogar bei der Partnerwahl -, also dem Vertrauen auf sehr viele Daten und deren Aufbereitung. In der "Alternativ-Grammatik" wäre dabei ein Vorherrschen der EPISTEMOLOGIE 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE festzustellen: Die Jagd nach einer breiten Datenbasis, die zu sicherem Wissen verhilft.

Stattdessen habe eine viel höhere Trefferquote das "Bauchgefühl" - bei uns 4.082 Modalitäten – »Register« IMAGINATION ("Erwartung") und 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE("Wertung"). Die heutzutage vorherrschende allzu rationale Orientierung nennt er die "Truthahn-Illusion" - wie folgt beschrieben:

"Die Truthahn-Illusion ist die Illusion, dass man
unbekannte Risiken berechnen könnte. Warum sie
so heißt? Nun, nehmen Sie an, Sie wären ein Trut-
hahn. Am ersten Tag Ihres Lebens kommt ein Mann
zu ihnen, und Sie fürchten, er könnte Sie um-
bringen. Aber er füttert Sie. Am nächsten Tag
kommt er wieder, und er füttert Sie wieder.
Jetzt fangen Sie an zu rechnen und kommen zum
Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit, dass er
Sie umbringen wird, mit jedem Tag sinkt. Am
hundertsten Tag sind Sie sich fast sicher, dass
der Mann Sie wieder füttern wird. Was der Trut-
hahn nicht weiß: Dies ist der Tag vor Thanks-
giving, wo der Truthahnbraten auf den Tisch
kommt."

Entscheidungen - 4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE - schließen häufig Existenzfragen - vgl. 4.0612 Existenzsätze – Streit ums Thema / Subjekt - direkt oder metaforisch ein. Nicht das Schicksal des bedauernswerten Truthahns interessiert uns, sondern was alles an Grammatik'schubladen' bei der Entscheidungsfindung aktiviert wird. - Folgerung: Schon in der Schule sollte man den "richtigen Umgang mit Risiken lernen" = statistische Kompetenz (statt der Statistik kritiklos zu vertrauen).

"Bisher lehren wir immer noch die Mathematik
der Sicherheit: Trigonometrie, Algebra und
andere Dinge, die wir meist nie mehr brauchen
werden im Leben. Stattdessen sollten wir zuerst
den wichtigsten Teil der Mathematik lehren,
nämlich mit Unsicherheiten zu denken. ...
Sechs- und Siebenjährige können weit mehr lernen,
als wir lange dachten. Wir haben gezeigt, dass
derselbe Typ Aufgabe, an dem die meisten Ärzte
scheitern, sogar von einigen Zweitklässlern
bewältigt wird - wenn man nur die richtigen
Lehrmethoden anwendet. Hier könnte man wirklich
eine andere Gesellschaft schaffen. Wir würden
eine Generation heranziehen, die das Denken lernt."

7.2 So nicht - sich selbst was vormachen

Sprachkritische Beobachtung kann aufdecken, wo keine erhöhte Sicherheit des Wissens geboten wird, vgl. [10]


8. Täter - Opfer

In der SEMANTIK hatten wir gesagt, bei der Sprechhandlung "Satz, Urteil, Prädikation" - wie immer man diese benennt - brauche man zwei selbstständige Bedeutungen. Die erste: 4.0611 Subjekt / 1.Aktant [11]. Die zweite läuft als 4.0613 Prädikat. Und die angepeilte Verbindung beider wurde behandelt unter: 4.0614 Prädikation – Akzent: Verbindung der beiden Bedeutungen[12]

Bleiben wir bei der Verbindung: Drei Typen waren dabei denkbar

  1. 1.Aktant verbindet sich mit einer Handlung. Also ist der 1.Aktant ein Täter
  2. 1.Aktant verbindet sich mit einem Prozess - also unterliegt der 1.Aktant einer Veränderung, kann selber aber nichts machen. Er ist also Opfer, Erleidender.
  3. Die gleiche Wirkung liegt dann vor, wenn ein anderer der Täter ist, der bisherige 1.Aktant aber nun 2.Aktant = der, an dem gehandelt wird. = Opfer
  4. 1.Aktant wird statisch beschrieben - nichts verändert sich, man erfährt nur eine Zustandsaussage, eine Beschreibung des 1.Aktanten.

Hier interessieren die ersten beiden Formen. Wie gesagt: Sie waren schon bei der Satzbeschreibung im Rahmen der SEMANTIK zentral. Nun sind wir am Ende der PRAGMATIK - die gleichen Begriffe können auch dabei argumentativ eine beachtliche Rolle spielen. Wer stilisiert sich als Opfer? Wer ist dann der Täter?

  • Wer sich als Opfer darstellen kann, hat Aussicht, Verständnis, Mitleid, Hilfe von anderen zu erfahren. Natürlich wird er als unschuldig gelten, als gut (= Register AXIOLOGIE, vgl. [13])

8.1 Islam und strategisch wichtige 'Opferrolle'

Zur öffentlichen Debatte 2014 angesichts der Terrorakte von IS - vgl. auch dazu oben den Ausschnitt in [14]. Zusätzlich daraus:

Auf traurige Weise fehlt noch immer das
Wesentliche: das tiefe emotionale Entsetzen
der Mehrheit der Muslime angesichts der
Mordtaten radikaler Muslime wie jetzt im Irak
und in Syrien. Erinnert man sich an die
Gaza-Proteste der vergangenen Wochen, den Hass,
den Antisemitismus, die Verblendung, dann wird
klar, wie viel noch zu tun ist. Da war Ent-
setzen bei muslimischen Demonstranten, aber vor
allem für das Leid, das Nichtmuslime verursacht
hatten. Geht es aber um die Glaubensbrüder als
Täter, fällt solche Leidenschaft häufig aus.
Die Doppelmoral ist den blinden Flecken musli-
mischer Konstruktion von Identität geschuldet -
wir sind doch die Opfer, es kann und darf nicht
sein, dass es bei uns auch Täter gibt. Es kann
und darf nicht sein, dass das etwas mit 'uns'
zu tun hat.

Mit anderen Worten: Hinter der "Täter - Opfer" Problematik spielen noch verschiedene seelische Mechanismen eine Rolle: Verdrängung, Projektion.

9. Rechtfertigung von Krieg

... funktioniert nur, wenn bezüglich des anvisierten Gegners politisch ein scharfes Feindbild aufgebaut wird. Dann verliert jenes andere Volk seine Menschenwürde - wird also negativ bewertet, vgl. [15] -, hat keine Existenzberechtigung mehr - folglich ist Krieg gerechtfertigt, vgl. [16] und [17].

9.1 Einige Zitate (aus einem Vortrag von E. Woit, NRZ 12.1.2015

Sybil Wagner definiert: "Im Unterschied zum
real existierenden Feind ist das Feindbild Teil
der 'virtuellen' Welt der Wörter und Vorstellungen.
... Wirkungsmächtig wird es durch die komplexen
Emotionen, die es auslöst. Der Hintergrund ist
Angst, die nicht dem realen Gegner anhaftet, denn
dieser ist auf jeden Fall ein Mensch, sondern vom
Feindbild auf ihn gelenkt wird, wie ein hartes,
die menschlichen Züge entstellendes Licht ...
Gleichzeitig - das ist scheinbar ein Widerspruch,
denn nur das Überlegene ist gefährlich - wertet
das Feindbild den Gegner ab: Er ist schlechter
als wir, taugt nichts. Diese Abwertung ist
insofern Teil der Konditionierung zum Angriff,
als sie moralisch entlastet ... Gleichzeitig
wurde die Unterscheidung zwischen legalem und
illegalem Töten eingeführt."
J. William Fulbright zur kriegs-ideologischen
Wirkung des Feindbildes. Es bewirkt, "dass
brave anständige Amerikaner, die ihren
Nachbarn bei Krankheit und Unglück beistehen
würden, den Russen die Zugehörigkeit zur
Menschheit absprechen, die Zahl der pro Woche
getöteten Vietkong feiern oder - in den Tagen
vor der Annäherung - von den Chinesen nicht als
Menschen, sondern als Horden von blauen Ameisen
sprechen konnten. Wir hegen nicht eigentlich
grausame Absichten gegenüber denen, die unsere 
Überzeugungen nicht teilen, sondern wir können
sie vielmehr gar nicht als richtige Menschen
betrachten."
Bundeskanzler Schröder 1999, bei Kriegsbeginn
auf dem Balkan:
"Heute Abend hat die NATO mit Luftschlägen gegen
militärische Ziele in Jugoslawien begonnen. Damit
will das Bündnis weitere schwere und systematische
Verletzungen der Menschenrechte unterbinden und eine
humanitäre Katastrophe im Kosovo verhindern. Der
jugoslawische Präsident Milosevic führt dort einen
erbarmungslosen Krieg. Die jugoslawischen Sicher-
heitskräfte haben ihren Terror gegen die albanische
Bevölkerungsmehrheit im Kosovo allen Warnungen zum
Trotz verschärft. Die internationale Staatenge-
meinschaft kann der dadurch verursachten mensch-
lichen Tragödie in diesem Teil Europas nicht taten-
los zusehen. Wir führen keinen Krieg. Aber wir sind
aufgerufen, eine friedliche Lösung im Kosovo auch
mit militärischen Mitteln durchzusetzen."
(Aus anderer Quelle wurde damals klar, dass keine
humanitäre Katastrophe drohte. Und die publizisti-
sche Marschroute war: es durfte nicht von
Kriegshandlungen gesprochen werden, weil es ja
auch keine Kriegserklärung von Seiten der NATO
gegeben hatte.)

9.2 'Westliches' gegen 'östliches' Denken

"Warum der Westen Probleme lösen will - und der Osten nicht", Essay von Martin Doerry in Spiegel 31/2015. Ein sehr bedenkenswerter Beitrag, der erläutert, warum manche politischen Konflikte sich ewig hinziehen - woran man in westlicher Denkungsart beinahe verzweifelt, in östlichen = traditionellen Gesellschaften gar nicht, zwar leidet, aber nichts beiträgt, dass der Konflikt überwunden wird. Auszüge:

"Traditionelle Gesellschaften wehren sich konsequent
gegen die Strategien des Westens zu Lösung von
Konflikten.
   Das gilt für die Russen in der östlichen Ukraine.
Wladimir Putin verfolgt das Ziel einer Destabili-
sierung des Nachbarlandes, ungeachtet aller Sank-
tionen des Westens. Wenn die Ukraine ihre europäi-
schen Ambitionen mäßigen sollte, könnte zwar der
Druck auf die Regierung in Kiew nachlassen. Der
fundamentale Gegensatz zwischen dem auf Unabhän-
gigkeit bedachten Land und dem Hegemon im Kreml
bleibt aber bestehen.
   Das gilt für die Afghanen, die das mit militä-
rischer Gewalt betriebene Erziehungsprogramm der
Nato erfolgreich abgeschüttelt haben; die Demo-
kratisierung dieser Stammesgesellschaft, die von
sich befehdenden Clans beherrscht wird, ist
krachend gescheitert.
   Und das gilt für die Bürgerkriege im Irak und
Syrien. Dank der Invasion alliierter Truppen
wurde Saddam Hussein zwar gestürzt, aber der vom
Diktator über Jahrzehnte unterdrückte Konflikt
zwischen Sunniten und Schiiten brach umso
heftiger aus. Nun verwandeln die Radikalisla-
misten des IS die Region in ein Chaos von Gewalt
und Rechtlosigkeit.
   Diese Konflikte haben tatsächlich eines
gemein: Sie dauern seit Jahrzehnten oder gar
Jahrhunderten an, mal flammen sie auf, mal
verlöschen sie scheinbar. Jeder Versuch, sie
von außen dauerhaft zu befrieden, war bislang
zum Scheitern verurteilt. Und von innen - das
allein müsste den Westen schon irritieren -
werden solche Befriedungsversuche gar nicht
erst unternommen.
   Den Menschen in diesen Krisenregionen geht
es zunächst um das alltägliche Überleben, also
darum, dass ihre Familien geschützt sind und,
wenn möglich, auch noch ein paar materielle Vor-
teile erwirtschaften. Die große Lösung liegt
ihnen fern, entweder weil sie unerreichbar
zu sein scheint oder weil sie auch religiös-
ideologisch undenkbar ist. Der blutige Konflikt
zwischen Sunniten und Schiiten etwa lässt sich
nicht mal eben mit Kompromissen nach westlicher
Denkungsart aus dem Wege räumen. Das sunnitische
Saudi-Arabien und das schiitische Iran, zum
Beispiel werden ihren im Jemen ausgetragenen
Konflikt nicht einfach deswegen einstellen, weil
er - aus europäischer Sicht - völlig sinnfrei ist.
   Dass man sich mehr schlecht als recht in einer
Welt der Widersprüche einrichten kann, beweisen
seit Jahrzehnten schon Israelis und Palästinenser.
Generationen von amerikanischen und europäischen
Diplomaten haben sich bei dem Versuch verschlissen,
diesen im Kern unlösbaren Konflikt zu beenden. Der
Friedenswille palästinensischer und israelischer
Politiker hingegen blieb stets überschaubar, zu
groß war die Angst vor einem die eigenen Interessen
verletzenden Kompromiss."

Da es hier um Denkmuster geht, kann man grammatisch feststellen, dass bei der Denkweise, die als östlich oder traditionell charakterisiert ist, das Modalfeld IMAGINATION, vgl. [18], beschnitten ist: die Vorstellungskraft, wie die Zukunft verändert und besser aussehen könnte ist unterentwickelt. Über die Gründe für diese beharrende Einstellung müsste man eigens nachdenken. Ein Aspekt in diesem Zusammenhang: überall, wo Religionen im Spiel sind und die Politik beeinflussen, wird die Entwicklung einer neuen Denkweise blockiert. Vgl. [19]

9.3 Kriegsbegeistert - aber ohne geistigen Durchblick: Thomas Mann

Aus einer Besprechung der "Tagebücher" von Manns Schwiegermutter Hedwig Pringsheim: Literatur SPIEGEL April 2016 S.12 (V. Weidermann):

"Der Erste Weltkrieg hatte begonnen, nur wenige
hatten ihn kommen sehen und schon gar nicht er,
der später seinen größten Helden, Hans Castorp,
vom Zauberberg hinab, ahnungslos ins Kampfgetümmel
taumeln lassen sollte. Thomas Mann hatte, wie so
viele, die eigene Ahnungslosigkeit schnell in
patriotische Entschlossenheit umgewandelt und gut
gelaunte Kriegslobpreisungen geschrieben. Die
deutschen Siege, so schrieb er, trieben ihm
'Tränen in die Augen' und ließen ihn nachts
'vor Glück nicht schlafen'. Er feierte den Krieg als
'Reinigung, Befreiung' und 'ungeheure Hoffnung',
und er jubelte:
'Eine Utopie des Unglücks stieg auf.' Ein Land auf
dem Gipfel seiner dichterischen Bestimmung:
'Deutschlands ganze Tugend und Schönheit entfaltet
sich erst im Krieg.' "

Grammatisch gesprochen - nun auf der Ebene der PRAGMATIK: Bei Ausfall von WAHRNEHMUNG und deren Verarbeitung, also des Modalregisters EPISTEMOLOGIE - vgl. [20] - lässt es sich besonders ungehindert werten = jubeln: Modalregister AXIOLOGIE - vgl. [21].

An die Stelle des Sprechakts INFORMIEREN, zugleich rationales Verabeiten, tritt der des ERWÄGENS, unter den alle modalen, gefühlsmäßigen Reaktionen gefasst sind, vgl. [22]

10. Beliebt-bequeme Verallgemeinerungen

... erleichtern das 'gedankliche' Leben, können zwar Massen mobilisieren - die genausowenig denken -, laufen aber Gefahr, relativ schnell widerlegt, weggewischt zu werden. Der bestimmte Artikel im Plural ist ein geeignetes Mittel dafür, vgl. [23] - mit Unterpunkten; achten sollte man auch auf Abstrakta, vgl. [24].

10.1 Im gesellschaftlich-politischen Bereich

aus: E. C. Hirsch, Gnadenlos gut. Ausflüge in das neue Deutsch. München 2005, 2.Aufl.

(87f) "Wir wissen alle: man darf nicht sagen
' die Franzosen'. Streng verboten.
'Die Franzosen lieben Atomstrom.' Grauenhaft. Und
doch wird überall so geschrieben, selbst von
Journalisten. In besten Blättern.
   Eine Lokalposse aus Dachau, die bundesweit
Aufsehen erregte. Von Edelfedern liest man dann:
' Die Dachauer rebellierten und kippten eine
Fuhre Mist vors Rathaus.' Wenn ich so etwas
lese, glaube ich zu wissen, wo die Autorin
oder der Autor innerlich steht. Offenbar auf
Seiten derer, die so kollektiv zur Allgemein-
heit erweitert werden. 'Die Dachauer ...' Das
Unbewusste des Verfassers wünschte es sich so,
dass es alle waren, die den Mist abkippten.
   Der allseits beliebte Joschka Fischer äußerte
sich einmal etwas anstößig, und einige Partei-
freunde murrten laut; prompt musste man die
Schlagzeile lesen: 'Fischer empört die Grünen',
obwohl es wirklich nur um ein paar Grüne ging.
So differenziert mag es aber die Presse nicht,
vielleicht auch nicht die Leserschaft, dass
nun eine Schlagzeile lauten könnte: 'Fischer
empört einige Grüne'.
   Kollektive allenthalben. Ein großer deutscher
Fußballer ist gestorben. In manchem Nachruf hieß
es über seine beste Zeit: 'Die englische Presse
schrieb damals über ihn ...' Und so weiter. Es
war aber nur das Massenblatt 'Sun', in dem dieses
Bonmot stand. Die englische Presse. Nicht
anders ergeht es der Bundeswehr oder den
Gewerkschaften. Eine stille Professorin saß mir
beim Essen gegenüber und sagte: ' Die Kirche
hat ja die Menschen immer mit der Angst gegängelt'.
Daraus lerne ich: Je mehr wir außerhalb einer
Einrichtung stehen, desto eher empfinden wir sie
als geschlossenen Block. Die Bundeswehr.
Die PDS. Und ich muss zugeben, es ist wohl
einfacher so, wir ersparen uns dabei manche
Differenzierung."
(156) "Verändert hat sich noch eine weitere Rede-
wendung: Bislang sagte man: 'Wir haben über Gott
und die Welt geredet.' Also über alles
Mögliche. Nun gibt es aber Zeitgenossen, die
sagen: 'Sie kennt Gott und die Welt.' Schön
eigentlich, wenn heute wieder jemand Gott zu
seinen Bekannten zählt. Das lässt doch hoffen.
Gemeint jedoch sind weder Gott noch die Welt,
sondern: sie kennt viele Leute."

10.2 Fußball - sprachkritisch betrachtet

Alltags- und praxisnah angewandte PRAGMATIK: [25]#

10.3 Niemand gefeit vor Stereotypen

Interview mit Ökonomin Iris Bohnet in SPIEGEL 34/2017 56:

SPIEGEL: Frau Bohnet, als Sie Ihren Sohn zum
ersten Mal in eine Kinderkrippe brachten, sollten Sie
ihn dort einem Erzieher übergeben - einem Mann. Sie
wären, so schreiben Sie in Ihrem Buch, damals mitsamt
Ihrem Kind am liebsten wieder weggelaufen. Was hat
Sie so entsetzt?
Bohnet: Dieser Mensch entsprach nicht dem Bild,
das ich mir von einer typischen Vertrauensperson
gemacht hatte. Er war total nett und offen, aber er
hatte für mich in dieser Situation das falsche
Geschlecht. Obwohl ich genau wusste, dass ich einem
vorgestanzten Denkmuster erlag, habe ich mich in
der Stereotypenfalle verfangen. Niemand ist vor
Voreingenommenheit gefeit: Das ist eine der
schwierigen Wahrheiten beim Thema Gleichberechtigung.
SPIEGEL: Welche anderen Wahrheiten zählen Sie dazu?
Bohnet: Dass die Macht dieser Stereotype nur schwer
zu brechen ist. Wir brauchen solche Kategorien; sie
dienen uns gewissermaßen als Faustregeln, mit denen
wir uns im komplexen Dschungel unserer Welt
zurechtfinden. Aber sie sind eben auch tückisch.
(...)


11. Psychische (Krankheits-)Muster

11.1 Depression

aus: S.Bode, Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation. Stuttgart 2009, S.242f

"Ich wuchs heran mit der Vorstellung: Alles, was schön
und gut ist, wird zerstört. Es kam mir so vor wie ein
Naturgesetz. Die Geschichten aus Mutters Vergangenheit,
als die Welt noch heil war, enden alle mit den Sätzen:
'Das gibt es auch nicht mehr. Den gibt es auch nicht
mehr. Von diesem Dorf ist nichts mehr übrig.' Seit ich
denken kann, ist für mich der Beginn von etwas neuem
Schönen immer auch etwas Schreckliches. Man darf sich
nicht uneingeschränkt an Schönem freuen, denn es trägt
immer schon die Zerstörung in sich. Es zieht sich durch
mein ganzes Leben, dass ich nie etwas richtig gut
finden konnte. Das gab es nicht. Was ich gut fand, das
fand ich gleichzeitig auch doof. ...
 (Mutter) hatte sich ihre Sicht der Dinge selber
gezimmert. Damals entstand wohl auch das Aschenputtel-
Syndrom. Es ist eine typisch weibliche Überlebensbio-
grafie. Das Muster zieht sich durch ihr ganzes Dasein.
Ihre rigiden Sichtweisen dienen ihr als Korsett, denn
sie ist eigentlich zutiefst verunsichert. Mein Mann hat
mich darauf aufmerksam gemacht, dass sie es nicht aus-
hält, wenn jemand, der zum erstenmal von ihrem schwe-
ren Schicksal hört, ihr gegenüber Mitgefühl zeigt.
Dann kommt von ihrer Seite sofort eine lustige Anek-
dote - oder sie doziert. Sie hat einen Erklärzwang.
Stets muss sie sich und dem ganzen Umfeld erklären,
wie die Welt funktioniert. 
 Sie braucht ein schlüssiges Weltbild, sie hält offene
Systeme nicht aus."