4.332 Einer gegen den Rest der Welt

Aus Alternativ-Grammatik
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Die Konstellation von Akteuren klingt heroisch, übermenschlich, sie macht den einen zum (Halb-)Gott, zum Führer, zum ..., die anderen zu Schwächlingen, Komparsen, Gefolgsleuten. Was so triumphal klingt - selbst wenn der Eine letztlich unterliegt, kann sein Kampf immer noch (auf ewig) verklärt werden -, könnte letztlich nicht Stärke verkörpern, sondern Schwäche: Unfähigkeit zu kommunizieren. Das ist dann schon eher ein Krankheitssymptom. - Mindestens sollten andere - daher hier das Modul - auf solche Inszenierungen nicht hereinfallen.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Je radikaler desto beruhigender

aus Interview vom 19.6.2016. Saimeh ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Offenkundig meint sie, dass z.B. Attentäter geistig überfordert sind von dem, was sie in ihrer Lebenswelt wahrnehmen ("Komplexität"). Deshalb drängen sie nach 'einfachen, klaren' Lösungen, Antworten - auch wenn diese brutal sind. Das verschafft dann - allerdings nur kurzzeitige - Beruhigung.

SPIEGEL ONLINE: Je komplexer die Verhältnisse, umso größer das Bedürfnis
nach Radikalität?
Saimeh: Natürlich, denn alles bedingt stets sein
Gegenteil. Die Welt ist ungeheuer komplex geworden
und durch die weltweite Verfügbarkeit von Informa-
tionen haben wir an dieser Komplexität teil,
überschauen die Dinge aber nicht mehr und können
vielen Problemen selbst nicht einfach abhelfen.
Und je nachdem, wie meine eigene Lebenssituation ist,
fühle ich mich vielleicht als Opfer dieser Komple-
xität. Das macht so anfällig für Radikalisierung
oder Verschwörungstheorien. Radikalisierung reduziert
Komplexität. Je radikaler ein Ansatz, desto mehr
vermeintliche Stabilität und Gewissheit verleiht er.
Aber de facto verschwinden differenzierte Lösungs-
ansätze. So als ob Sie für jede Operation nur ein
einziges Instrument haben. Der Begriff "Lügenpresse"
zeigt ganz anschaulich so ein sensitiv-paranoides
Denkmuster. Es wird vermittelt, dass den Bürgern die
eigentliche Wahrheit durch das Zusammenwirken
irgendwelcher Verschwörungszirkel vorenthalten wird.
Dem muss man entgegenwirken. Polemik ist aber
nicht hilfreich, von keiner Seite.

0.2 Flüchtlingsfrage: CSU-Generalsekretär

"Einer" ist in diesem Fall ein "fußballspielender, ministrierender Senegalese". A. Scheuer bekommt Gegenwind auch aus der eigenen Partei und macht sich lächerlich. [1]

1. Terrorismus

1.1 Oslo-Attentäter Breivik

Aus SPIEGEL-Berichten zum Prozess gegen ihn:

"Kann Norwegen eine Demokratie sein, wenn hundert
Prozent der Nachrichtenagenturen multikulturelle
Werte preisen?", fragte Breivik rhetorisch.
"Die Antwort heißt Nein."  Breivik sagte, er
"habe keine Angst davor, mein ganzes Leben im
Gefängnis zu sitzen". Er sei in einem Gefängnis
geboren worden: "Dieses Gefängnis heißt Norwegen."
   Breivik verglich die Jugendorganisation der
norwegischen Arbeiterpartei - 69 ihrer Mitglieder
hatte er auf der Insel Utøya getötet - mit der
"Hitlerjugend". Laut Breiviks Ansicht griff er
auf Utøya keine unschuldigen jungen Menschen an.
Die Leute auf der Insel seien einer Gehirnwäsche
unterzogen worden." Alle, die er getötet habe, seien 
"nicht unschuldige unpolitische Kinder gewesen;
das waren junge Leute, die gearbeitet haben, um
multikulturelle Werte hochzuhalten".
   Gegen Ende seines Vortrages kam Breivik
erstmals direkt auf Muslime zu sprechen. Diese
wollten sich nicht integrieren, das sei ein Mythos.
Sie wollten unter der Scharia ihre Autonomie und
verachteten westliche Werte. Er schloss mit den
Worten: "Ich kann mich nicht schuldig bekennen,
ich handelte, um mein Land zu verteidigen. Deswegen 
beantrage ich, freigesprochen zu werden."

Tatsächlich verlas Breivik dann aber 75 Minuten
lang in sedierender Monotonie seine Ungeheuer-
lichkeiten. Er verhöhnte seine Opfer: "Wenn wir
die Einwanderungspolitik der Arbeiterpartei stoppen
können, wenn wir 77 Menschen exekutieren, dann wird
das zu einer besseren Gesellschaft führen und
Bürgerkrieg in Norwegen verhindern."
   Breivik zufolge wurde Westeuropa nach dem
Zweiten Weltkrieg nach und nach von "Marxisten und
Multikulturalisten" übernommen, weil es keine "anti-
kommunistischen" Führer wie Joseph McCarthy gehabt
habe. Der US-Senator hatte in seinem Land in den 
fünfziger Jahren Unschuldige mit der Behauptung
verfolgt, sie seien Kommunisten. "Aber sogar
McCarthy war zu gemäßigt."
   Er stilisierte sich als Verteidiger einer
ethnischen Minderheit und verglich sich mit Sitting
Bull, der die Ureinwohner Amerikas gegen die
westlichen Kolonialisten verteidigte. Er sei ein
Krieger, ein Ritter und ein Held. Ein
unerschütterlicher Kämpfer gegen die große
Verschwörung, mit der die islamistischen
Einwanderer Norwegen und ganz Europa erobern
wollen. Doch selbst die Sätze mit dem größten
Pathos trug Breivik in seiner emotionslosen
Stimme vor, fast ohne Betonung.
   Immer wieder betonte Breivik, er sei nicht
verrückt - das treffe vielmehr auf Norwegens
Politiker zu. "Sie erwarten, dass wir bei
unserem ethnischen und kulturellen Untergang
applaudieren… Sie sollten verrückt genannt
werden, nicht ich." Damit spielte er auf eine
zentrale Frage des Verfahrens an, die nach
seiner Zurechnungsfähigkeit. Breivik hat
mehrmals gesagt, er sei zurechnungsfähig.

Radikaler Kämpfer gegen das Fremde, gegen die Übermacht, als Retter des Vaterlandes, der als einziger den wahren Ernst der Lage erkennt. - Wie verhalten sich dazu die geschilderten körpersprachlichen Signale, z.B. die "emotionslose Stimme"?

1.2 Mehrfach-Mord

aus A. M. Schenkel, Tannöd, 2007, 6.Aufl. S. 124

Es war wie ein Zwang, eine innere Stimme, der er
gehorchte. Hörig war er dieser Stimme, wie er der
Barbara hörig gewesen war. Genauso maßlos in
seinem Verlangen, sie alle zu töten, wie er zuvor
in seinem Verlangen nach ihrem Körper gewesen war.
Ja, die gleiche Gier hatte er empfunden, die
gleiche Befriedigung gefunden. Er wollte keinen
zurücklassen, keinen. Die neue Magd in ihrem Zimmer,
beinahe hätte er sie übersehen. Hätte ihr das Leben 
geschenkt, er, der Herr über Leben und Tod, der er
war in jener Nacht. Als der Sturm vorüber war,
versperrte er den Stadel und das Haus.

1.3 Jungs sind in der Schule benachteiligt

Aus einem Interview mit dem niederländischen Schriftsteller Leon de Winter (SPIEGEL 35/2013):

SPIEGEL: Was hat Ihre Suche nach den Motiven von
Terroristen erbracht? Im Roman scheint hinter dem
Überfall auf eine Schule ein persönliches Motiv zu
stecken, Der Anführer will sich und seinem
kriminellen Vater beweisen, dass auch er ein ganzer
Kerl ist. ...
de Winter: Die jungen Männer wollen sich beweisen,
wie jetzt auch die Marokkaner, die nach Syrien
ziehen ... Mein Sohn ging eine Zeitlang in Malibu
zur Schule, und am Ende des Jahres wurden 25 der
besten Schüler ausgezeichnet. Es waren 24 Mäd-
chen und ein Junge. Übrigens nicht unserer. Da
wurde mir plötzlich klar: Die Schulen sind auf
Mädchen zugeschnitten. Was sucht ein Junge im
Alter von 14, 15 Jahren? Action, Abenteuer,
Kräftemessen, Wettstreit mit anderen Jungen. Er
ist fasziniert von Waffen, Krieg, Gewalt. Und dann
soll er den ganzen Tag in der Schule sitzen, schrei-
ben, lesen? Verlockend an der islamistischen
Ideologie könnte genau das sein: Die Jungenträume
finden scheinbar ihre Legitimation. Es ist eine
eigene Welt, ohne Mädchen, die in dem Alter ohnehin
nur verwirren. Wir unterdrücken die Bedürfnisse der
jungen Männer. Wir haben Krankheitsbilder erfunden
wie ADHS.
SPIEGEL: Die wahrscheinlich zu häufig diagnostizierte
Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung.
de Winter: Wir haben bei uns keine Wehrpflicht mehr.
Auch keine Kolonien. Zum Glück. Aber was sollen die
Jungs machen? Sie sitzen hinter ihren Computern,
führen virtuelle Kriege und schauen Gewaltfilme an.
Sie werden zu Zombies. Selbst das Prügeln auf dem
Schulhof gilt heute als ein Skandal. Jungen sollen
sich wie Mädchen benehmen. Inzwischen zweifle ich
sogar am Sinn von Koedukation. Hätte mir das jemand
vor ein paar Jahren vorausgesagt, wäre mir das
absurd vorgekommen.

1.4 Islamistische Geißelnahme

Vgl. [2] - Der/die Attentäter glauben, durch eine hochgehaltene Fahne, einen Satz enthaltend, ausreichend die Motivation für ihren Terrorakt mitgeteilt zu haben:

"Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist
sein Profet."

Wieder ist es die schroffe Entgegensetzung: "Ihr dort - wir hier", die das Denken bewegt. Und diese Denkfigur wird dann auch real-leibhaftig inszeniert, mit wildfremden Menschen als Geißeln, womöglich mit dem Tod bedroht.

Könnte man ihn befragen, würde interessieren, wie
es dieser einzige und mächtige Gott sieht: Wird
seine Bedeutung angemessen herausgestrichen, wenn
mit Terrorgewalt, in einer Stadt in Down-under,
auf ihn hingewiesen wird? Wird dieser Gott dadurch
nicht lächerlich gemacht?

Natürlich werfen derartige Ereignisse/Taten sprachkritisch weitere Fragen auf:

  • Das Abstraktum <<GOTT>> - gleichgültig welcher jeweils gemeint ist - leidet grundsätzlich an der Blässe des Gedankens - daran kann auch der Einsatz von Waffen nichts ändern, vgl. [3]
  • Zweifellos treibt die Attentäter ein ernstzunehmendes Motiv an. Um es zu verstehen, müssten aber noch einige Dekonstruktionen, kritische Befragungen, ablaufen, vgl. [4]
  • Polizei und Justiz müssen in solchen Fällen natürlich eingreifen. Die staatliche Gegenwalt ersetzt aber nicht die soeben angedeutete Verstehensbemühung.
  • Ob letztere zum Erfolg (bei allen Beteiligten) führt, ist offen. Der notwendige Austausch verlangt ausreichende Offenheit, das Vermeiden verschiedener "kommunikativer Todsünden", vgl. [5]. Im aktuellen Fall lässt die plakative Herausstellung eines dürren Glaubenssatzes Skepsis entstehen.

2. Extreme Wertungen

Dieser Denkfigur/dem Handlungsmuster liegt als leitende Unterscheidung das Werten zugrunde, vgl. 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE. Alles Schlechte wird nach außen projiziert und muss dort bekämpft/vernichtet werden, vgl. 4.1135 Personifikation, Projektion.

Vgl. dazu den Hinweis auf die Sportpalastrede von Goebbels: 4.9 Literarische Werke - grammatisch analysiert - An Beispielen können weitere Belege für derartiges Verhalten beschrieben werden:

2.1 Antisemitismus-Vorwurf

Wer kritisch die Politik des Staates Israel gegenüber den Palästinensern betrachtet, handelt sich schnell aus Israel den Vorwurf des "Antisemitismus" ein. Das ist eine gewaltige negative Wertung, die zunächst natürlich an das Dritte Reich erinnert, darüber hinaus aber an viele weitere Pogrome der Geschichte. Reflexion und kritische Analyse - ob im Einzelfall zutreffend oder nicht - werden - nun wird es zweideutig - mit einem Totschlagargument beantwortet: der Kritiker wird zur Unperson gestempelt, als Personifizierung alles denkbar Negativen dargestellt, als Aussätziger usw.

Der Ausdruck "Totschlagargument" hat mehrere Aspekte:

  • Die harsche Gegenreaktion verweigert jegliche geistige Auseinandersetzung zum angeschlagenen Thema. Die jeweilige Position der israelischen Politik wird als unantastbar dargestellt. Das ist die Denkfigur: "Einer gegen alle anderen".
  • Der "Antisemitismus"-Vorwurf, der schon auf seriöse Denkimpulse bezogen wird, wird damit inflationär gebraucht und nutzt sich schnell ab.
  • Damit wird der Aussagegehalt des Begriffs (Nazi-Denken und Vernichtungsaktionen) bagatellisiert. Wenn der Begriff leichtfertig auf alles mögliche bezogen werden kann, was einem gerade nicht passt, dann wird er nur noch 'uneigentlich' eingesetzt. Seine Kernbedeutung ist damit entwertet.

Diesen letzten Punkt betont J. Augstein in seinem SPIEGEL-online Beitrag (26.11.2012). Auszug:

So wie der New Yorker Theatermacher Tuvia Tenenbom,
dessen unwahrscheinliche Geschichte der SPIEGEL
erzählt, der über "Herrenrassen-Mentalität"
schimpft, weil er sich mit seinem deutschen Ver-
leger streitet. Oder die Berliner Menschenrechts-
Aktivistin Anetta Kahane, die achtlos den Vorwurf
des "Herrenmenschen" nutzt, weil sie sich über
linke Israel-Kritiker ärgert. Und bei dem Publi-
zisten Henryk M. Broder sind ohnehin schon seit
langem alle Bremsen defekt, sonst würde er nicht
im tagespolitischen Streit darüber fabulieren,
wer wohl seinerzeit auch "an der Rampe" seinen
Dienst versehen hätte oder wer sich nun gerade
freut, "wenn's Judenblut wieder vom Messer
spritzt".
Hier entgleisen nicht nur die Worte. Das Gedenken
an den Holocaust wird zu niedriger Münze verkauft.
Das Traurige ist: Am Ende bleibt nur ein Achsel-
zucken. Inflationärer Gebrauch führt immer zur
Entwertung. Das ist eine Katastrophe. Denn der
Antisemitismusbericht der Bundesregierung aus dem
Jahr 2011 kommt zu solchen Ergebnissen:
   Jeder sechste Deutsche stimmt der Aussage zu,
   Juden hätten zu viel Einfluss in Deutschland.
   Jeder Achte findet, die Juden trügen eine Mit-
   schuld an ihrer Verfolgung, und vierzig Prozent
   unterstellen ihnen, aus ihrer Verfolgung in der
   Vergangenheit Vorteile in der Gegenwart zu
   ziehen. Insgesamt hat jeder fünfte Deutsche
   etwas gegen Juden.
Aber wenn jede Kritik an israelischer Besatzungs-
politik antisemitisch ist, hört Antisemitismus auf,
etwas Verwerfliches zu sein. Das freut die echten
Rassisten und Antisemiten.

2.2 Demokratie?

Der Wahlsieg von Donald Trump - Nov. 2016 - in den USA gibt zu denken. Das Muster, das hier zugrunde lag, gab es zuvor schon allerdings auch in anderen Ländern und ihren Wahlen:

  • ein alter, reicher Potenzprotz findet bei der Mehrheit der weniger gebildeten Wählerschichten besonderen Anklang, vgl. [6]
  • er zwang der Gegnerin einen Wahlkampf auf nach dem Motto "Einer gegen den Rest der Welt" - eine Schlammschlacht, das exakte Gegenteil einer vernünftigen, problembearbeitenden, vielleicht hie und da auch humorvollen Auseinandersetzung;
  • mit dieser autoritären Einstellung war er bei religiös gebundenen Wählern stärker erfolgreich als die Kontrahentin - kein Wunder: diese Klientel ist stärker mit gewalttätigen Wahrheitsansprüchen und Heilsversprechungen vertraut;
  • ein sprachlich-vernünftiger Diskurs würde Nachdenken verlangen - Trump fand mehr Anklang bei weniger gebildeten Schichten;
  • logisch, dass die Kontrahentin und ihre Anhängerschaft mit extrem heftigen Negativwertungen überzogen wurden - Hass, kriminellen Verdächtigungen usw. D.h. die Vorbedingungen für einen ersprießlichen Dialog - vgl. [7] samt Unterpunkten - waren von vornherein zerstört.
  • die thematisch-inhaltliche Schwäche - auf beiden Seiten - führte dazu - vgl. [8], sich vermehrt damit zu beschäftigen, mit welchen Personen man es als Wähler zu tun hat. Sind sie abgestanden stilisiert, oder trotz aller Ausbrüche sogar authentisch, insofern sogar ansprechend? vgl. [9]
  • der narzisstisch veranlagte spätere Sieger lebte seine Emotionen aus, ließ sich nicht durch Zusammenhänge bei Sachverhalten irritieren. Das hat auf jeden Fall größeren Unterhaltungswert / Attraktivität. Da wird es hingenommen, wenn die Aussagen zu politischen Themen inkohärent oder innerhalb kurzer Zeit widersprüchlich sind. Gegner/Gegnerin können dabei nur blass erscheinen.

Es gibt zu denken:

  1. Basiert somit Demokratie auf derartigem monologisch-gewalttätigem Sprachstil, der Kommunikation zerstört? Reale politische Fragestellungen lassen sich in diesem Stil jedenfalls nicht angehen.
  2. Oder dient solche Sprechweise zunächst erst der Gruppenbildung, der Herausbildung von Interessen-Lagern? Politik wäre dann keine differenzierte Kommunikation zwischen Individuen, sondern zwischen solchen Gruppen - was Druckmittel einschließt, die diesen zur Verfügung stehen (Bsp. Gewerkschaften: Druckmittel Streik). Es wäre dann geradezu falsch - Thema Gemeinte Bedeutung - von solchen Redekontexten und solchen Äußerungen Antworten auf brennende aktuelle politische Themen zu erwarten.
  3. Wahlkampf somit als (nahezu) inhaltsleere Selbststilisierung der Bewerber - unter verbalem Ausschluss der Mitbewerber?
  4. Vielleicht drückt die - deutliche - Zustimmung zu Trump einen Überdruss gegen das politische Standardestablishment der Bushs, Clintons usw. aus: In punkto Emotionen, wirtschaftlichen Nutzen, allzu wohltemperierte Politik fühlten sich breite Kreise bislang unterrepräsentiert. Sie meldeten sich nun per Stimmzettel.

So betrachtet, wäre es konsequent, dass Trump - allen Meinungsforschern zum Trotz - deutlich gewonnen hat. Was er dem Wahlvolk geboten hat,

  • ist Teil einer raffinierten und auch durchgehaltenen Inszenierung und Strategie;
  • für WählerInnen stellt sie die sehr anspruchsvolle Aufgabe, sich nicht blenden zu lassen von (gelegentlichen, z.T. unausgegorenen, noch nicht seriös durchgerechneten) inhaltlich-programmatischen Aussagen, vielmehr bewusst einzubeziehen, ob diese Persönlichkeit, die sich da präsentiert - gleichgültig bei welchen inhaltlichen Themen -, an oberster Staatsspitze vorstellbar / wünschbar ist.
Und nach Feststehen des Wahlsiegs, äußerte der
neu gewählte Präsident klar den Wunsch, es sei
Zeit, dass die US sich als ein Staat verstehen,
dass die Gräben zwischen Demokraten und Republi-
kanern überwunden werden. Anders gesagt: unsere
obigen Aussagen zur strategischen Spaltungsabsicht
im Wahlkampf wurden direkt nach der Stimmenaus-
zählung einerseits bestätigt, andererseits als
Ergebnis einer bewussten Strategie präsentiert,
die nun nicht mehr notwendig sei.  

3. Krimis

... ob gedruckt oder verfilmt oder im Hörspiel aktivieren das aktuelle Denkmuster: das Verbrechen - vgl. 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE: negative Wertung - ist schon geschehen, nun macht sich einer (mit seinem Stab) auf, durch raffinierte, auch unkonventionelle Recherche - vgl. 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE: gezielte Wahrnehmung - den/die Übeltäter zu überführen. - Die Beliebtheit dieses Genres lässt auf ein immenses Bedürfnis in der Gesellschaft schließen: die Psychohygiene kann damit aufrechterhalten werden. - An Beispielen können einzelne 'Strickmuster' beschrieben werden.

3.1 [???]

4. Politik

4.1 Abhöraffäre: USA <=> Rest der Welt

Man kann heutzutage auch mit elektronischen Waffen eine Front aufbauen: "Wir gegen den Rest der Welt".

"Die USA sind krank. Der 11. September 2011 hat
sie verwundet und verstört, das ist seit knapp
zwölf Jahren offensichtlich, aber wie ernsthaft
die Krankheit ist, das verstehen wir erst jetzt.
Die NSA-Affäre legt einiges offen, nicht nur die
Telefongespräche und das digitale Leben vieler
Millionen Menschen. Die Bespitzelung der Welt
zeigt, dass die USA manisch geworden sind, dass
sie pathologisch handeln, übergriffig; was sie
tun, steht in keinem Verhältnis zur Gefahr ...
Eine amerikanische Regierung, die ein Spitzel-
programm wie Prism absegnet, respektiert nichts
und niemanden mehr. Sie lebt Allmacht aus, sie
wähnt sich erhaben über den Rechtsstaat, im eige-
nen Land ohnehin und sogar im Ausland.
Dass nun Obama so handelt, ist trostlos. ... Hat
der einstige Harvard-Jurist Obama seine Reden von
der Rückkehr der Bürgerrechte eigentlich geglaubt?
Kann jemand so zynisch sein, die Heilung der Welt
zu versprechen, dann auf diese Weise zu handeln
und gleichsam xenophob zu erklären, es würden ja
nur Ausländer abgehört?
Martin Luther King und Nelson Mandela sind Obamas
Vorbilder, was würden sie sagen? ... "
(DER SPIEGEL 29/2013, Kommentar von Klaus Brinkbäumer)

4.2 Diktatur - guter Seiteneffekt: Stabilität?

Ganz so einfach ist es nicht, vgl. folgenden Debattenbeitrag: [10] Die "Kosten" einer solchen Staatsform - Opfer an Menschenleben, Entzug der Freiheit, Instabilität bei kleinen Irritationen - dürfen nicht übergangen werden. Knackpunkt im Hintergrund: Fähigkeit/Unfähigkeit zur Kommunikation: [11] / Demokratie.


5. Mythos vom "Helden" (der die Welt erlöst)

In der Vorstellung vom "Helden" ist eingeschlossen, dass diese Figur extrem "einsam" ist. Sie meint ja, von allen Bindungen absehen zu können, genügend Kraft aus sich heraus zu besitzen, um die anstehenden Aufgaben zu bewältigen. Mit dieser Illusion hängt zusammen, dass dann oft auch der tragische Tod des Helden zu vermelden ist, was die Nachfolgenden wiederum verpflichtet - über sein Ende hinaus.

5.1 Richard Wagner

Bei dem Komponisten sollten man zwei Ebenen auseinander halten - auch wenn sie letztlich zusammenhängen:

  • einerseits hat Wagner die Operfigur "Siegfried" erschaffen, zu verkörpern durch einen Heldentenor, den germanischen Helden, der den Drachen tötet usw.
  • andererseits ist die Frage, wie der Komponist sich selber sieht. - Um diesen Aspekt soll es zunächst gehen:

Der Komponist war nachhaltig beeinflusst von den zeitgenössischen Philosophen Hegel und Feuerbach. Dies hatte starke Rückwirkungen darauf, wie er sich selbst sah. Aus der Biografie von J. Köhler, Der letzte der Titanen, München 2001:

(333) "Der Mensch durfte sich nicht nur als
Mittelpunkt der Schöpfung, sondern zugleich
als deren Schöpfer und Vollender begreifen.
Wagners Größenwahn, der schon seinen Zeitge-
nossen aufgestoßen war, entsprach Hegelschem
Selbstverständnis. Seine Überzeugung, den
Höhepunkt und Abschluss einer gewaltigen Mensch-
heitsentwicklung zu verkörpern, entsprach nur
dem Grundgedanken, seines heimlichen Vorbilds.
In  grandioser Selbsteinschätzung sah Wagner
sich als Instrument des Hegelschen Weltgeistes.
Die Größe, diese Abhängigkeit einzugestehen,
brachte er allerdings nicht auf. "
(334f) "Es war die Optik, unter der Wagner auch
seine künstlerische Sendung sah. Die Kunst, in
der sich der Menschheitsfortschritt zeigte, konnte
keine andere neben sich dulden. War der Ausdruck
für das Menschliche gefunden, mussten alle anderen
Ausdrucksformen weichen. Wie Hegel die Aufgabe des
menschlichen Geistes darin sah, die Welt und sich
selbst in ihren Gestalten zu begreifen, so
verstand auch Wagner die Kunst als universale
Selbsterkenntnis. Statt in Begriffen sprach sie in
sinnlich erfassbaren Ideen."

[NB. im Blick auf Schulen: Um die Zwiespältigkeit einer solchen Selbsteinschätzung zu erkennen, muss man sich in Wagners Werken nicht auskennen. Via Kooperation mit dem Musikunterricht könnten allerdings Illustrationen eingespeist werden. Zweierlei Folgen lassen sich aus den Zitaten selbst schon erkennen:

  1. Jemand mit einer solchen Einstellung neigt zu revolutionärem Verhalten. Das traf ja bei Wagner auf politischer Ebene zu. Rücksichtnahmen auf bestehende Konventionen verblassten, sollten das eigene Verhalten möglichst nicht beeinflussen - selbst um den Preis des Verfolgtwerdens, des Exils, ja womöglich der eigenen Verurteilung.
  2. Mit einer solchen Einstellung ist der Held gewillt, ganz allein seinen inneren Antrieben zu folgen. Was nach außen als 'Egoismus' erscheinen mag, kann von ihm er eine neue und sinnvolle Stufe der 'Selbsterkenntnis' sein - der die Umwelt eben noch nicht zu folgen vermag. - Im Falle Wagners war es durchaus so, dass er künstlerisch die Musikentwicklung weiterbrachte - und bald erkannten dies auch Kreise der Gesellschaft - bis hin zum Bayernkönig Ludwig.]

Wagners Frau Cosima unterstrich das Denkmuster "Einer gegen den Rest der Welt":

(656) "Für sie stand Wagners Werk auf der guten
die verständnislose Menschheit auf der bösen
Seite, darüber thronte der Heiland, der nur
aus taktischen Gründen Ludwig hieß, während
unter ihm die Hölle des Verrats gähnte, die
hauptsächlich durch den Stamm des Heilands-
verräters Judas repräsentiert wurde. Dieses
Weltbild, einer Kinderfibel würdig, brachte
bei Wagner verwandte Saiten zum Klingen.
   Auch seine Weltanschauung, wie sie sich in
den 'Wibelungen' oder dem 'Judentum in der
Musik' ausgedrückt hatte, schwelgte in Schwarz-
weißmalerei und blies die Posaune des Welt-
gerichts, fürchtete den großen Widersacher und
ersehnte das Heil, das von oben kam."

6. Umkehrung: Einer von allen missachtet, verfolgt, gemobbt usw.

6.1 "böse bürgerliche Presse"

Die Partei "Die Linke" sieht sich kollektiv missachtet von den Journalisten. Aus einem Bericht von SPIEGEL-online (23.1.14):

Die Linke sieht sich allzu gern als Opfer der
Medien. Sie wittert Zensur, Kampagnen, Tot-
schweigen ihrer Positionen. Und deshalb ist
die Causa Lanz wie geschaffen für die Partei,
in der gar eine eigene Abkürzung für die un-
gerechten Medien kursiert. Von der "bbP" ist
immer dann die Rede, wenn die Genossen zu den
Gemeinheiten der "bösen bürgerlichen Presse"
nicht länger schweigen wollen. Das gilt bei
Teilen der Basis ebenso wie unter Abgeordneten.
Wären doch alle nur so gerecht wie das "Neue
Deutschland"!
"Unsere inhaltlichen Vorschläge werden vielfach
ignoriert oder bösartig karikiert. (…) Tatsache
ist, dass es immer noch eine mediale Phobie
gegen die Linke gibt." (Gregor Gysi im "Neuen
Deutschland", 2009)
"Die großen Medienkonzerne bekämpfen linke
Politik. Gelingt dies nicht, versuchen die
Massenmedien auf die Willensbildung linker
Parteien Einfluss zu nehmen." (Vom Bundesaus-
schuss 2011 beschlossenes Papier "Fair Play")
2012 wetterten die Abgeordneten Wolfgang
Gehrcke und Diether Dehm mal wieder gegen die
"feindseligen Konzernmedien" und deren "Schreib-
agenten".  

Diese Position hat eine Nähe zu Larmoyanz, Selbstmitleid, kaschiert Schwächen in der eigenen Arbeit (möglicherweise liegen darin ja die Gründe für das gesellschaftliche Windschattensegeln). Schuld sind die anderen, Korrekturen bei sich selbst erspart man sich bei dieser Argumentationsfigur.