4.33 Denkschema: Quantität = Qualität

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Sich in der Welt zurecht zu finden, ist wahrlich nicht leicht. Bevor man Entscheidungen trifft, müsste man sehr vieles bedenken und überprüfen. Oft - bei Fragen der Qualität - liegen die Ergebnisse nicht schnell und eindeutig auf dem Tisch. Kein Wunder, dass geistige Abkürzungen willkommen sind. Das ist denn auch der Trick, den unseriöse Werbung nutzt: das äußere Erscheinungsbild wird attraktiv gestaltet. Oder statt der Qualität wird die Quantität thematisiert.

Fokussierung des Außen (anstelle der inneren Zusammenhänge) hat den Vorteil, dass mit leicht wahrnehmbaren Befunden operiert werden kann. Visuelle Reize, bloßes Zählen suggerieren, die dahinter stehende Qualität sei genauso attraktiv. - Qualität - man sollte überlegen, was für einen selber die Merkmale von Qualität sind.


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1. Einzelne Anwendungsfelder

1.1 Anwendungsfeld: Medien

Ein Unglücksfall mit einer verletzten oder getöteten Person wird in der Lokalpresse erwähnt, nicht aber in der Tagesschau. Um dort als erwähnenswert zu erscheinen, muss quantitativ die Dimension größer sein. Das gilt auch, je weiter das Unglück von den Medienkonsumenten entfernt geschah. Wenn durch einen Verkehrsunfall in Pakistan 5 Menschen ihr Leben verloren, findet das in Deutschland keine Erwähnung. Um hier erwähnt zu werden, muss dort dann schon ein ganzer Bus in eine Schlucht gestürzt sein. - Das jeweils erwähnte Leid ist etwas Qualitatives. Aber die Berichterstattung darüber ist beherrscht von quantitativen Abwägungen.

Das Gleiche gilt für die Finanzkrise. Ein Konzern mit schlechtem Management, aber 50.000 Mitarbeitern, kann die Politik auf Trab halten. Ein innovatives mittelständisches Unternehmen mit 100 Mitarbeitern kann sich bei einem Kreditantrag schwer tun: die (qualitative) Kreativität lässt sich schwerer beurteilen als der Blick allein auf tausende von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen (wobei man das qualitativ schlechte Geschäftsmodell in Kauf zu nehmen geneigt ist).

Das Gleiche gilt dazu, wie Forschung in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Die Ausmaße eines neuen Teilchenbeschleunigers (ca. 30 km Durchmesser), inklusive der horrenden Kosten (Milliarden Euro), beeindruckt allein wegen dieser Quantitäten und wird deswegen zig-fach in den Medien erwähnt. Ob damit auch qualitativ Sinnvolles durchgeführt werden kann, ist damit noch nicht geklärt. Für Normalsterbliche wird es dabei schnell esoterisch. - Umgekehrt gibt es genügend Beispiele für Einzelforscher, die wesentliche neue Einsichten zum Verständnis des Lebens gefunden haben (= qualitativ), die aber quantitativ zunächst wenig Resonanz in der Gesellschaft gefunden haben, so dass die neuen Einsichten erst verspätet zur Geltung kamen.

Künstler gibt es genügend, die substanziell neue Darstellungsformen entwickelt haben, zunächst aber abgelehnt wurden. van Gogh hat während seines Lebens kein Bild verkauft. quantitativ / finanziell wurde damit ausgedrückt, dass diese Malweise keinen Wert hatte. Richard Wagner war zeit seines Lebens zwar clever im Beschaffen von Geldmitteln. Im Prinzip war er aber ständig überschuldet. - Beide genannten Beispiele sind heute Millionen wert - einerseits die Bilder, andererseits Musikaufnahmen, Inszenierungen und Festivals, zu denen die Menschen strömen. Da kommt wieder der quantitative Aspekt ins Spiel.

Es ist also die Frage, was in den Medien Beachtung findet. Aufreger müssen es sein. Entweder solche, die unmittelbar in der Gegenwart schon quantitativ aufgeladen sind. Wobei die qualitativ viel weitertragenden, aktuell aber von den meisten noch unverstandenen oder zurückgewiesenen neuen Ideen zurückgewiesen werden. Erst wenn letztere allmählich von einem größeren Teil der Gesellschaft aufgenommen und verstanden worden sind, also nachträglich quantitativ unterstützt werden, kommen die von Anfang an qualitativ-revolutionären Ideen doch noch zur Geltung.

Qualität, die sich vom Üblichen, von der allgemeinen Erwartung (= Quantität), von der Mehrheitsmeinung (Register IMAGINATION ist im Spiel: [1]) wagt abzukoppeln, hat einen schweren Stand. Ravels "Bolero" und Strawinskys "Sacre du printemps" hatten zunächst nur Aufstände im Theater ausgelöst. Die Quantität der Konzertbesucher hatte sich diese neuen Töne nicht bieten lassen wollen. Heute kann man darüber nur den Kopf schütteln. Die Qualität der Musikwerke hat sich im Lauf der Zeit gegen die Quantität der - damaligen - Kritiker durchgesetzt.


1.2 Anwendungsfeld: Industriepolitik

Viele Firmen schmücken sich mit Lob über technische Innovationen, welche sie geschaffen haben. Wie die Bahn in Deutschland. Sie hat ihr Flagschiff, den "ICE", als innovativen Zug gebaut bzw. bauen lassen. Technisch sehr gut, auch vom Preis / Leistungsverhältnis her. Quantitativ werden diese Züge in hohen Stückzahlen verkauft. Qualitativ reicht ein warmer Sommertag mit 32 Grad Celsius, um die Klimaanlagen ausfallen zu lassen. Warum? Weil billige Bauteile genutzt wurden.


Schaut man ein paar Jahre in die Vergangenheit, kann man sich an das Unglück von Eschede erinnern. Die größte deutsche Zugkatastrophe. Wieso? Weil in den ICE Zügen der ersten Generation Räder verwendet wurden, welche nicht für diese Geschwindigkeiten ausgelegt gewesen sind. Diese wurden aber billig in Massen hergestellt. Quantitativ gut, Qualitativ schlecht.


2. 'Dagobert-Duck-Syndrom'

Unter dieser Ziff.2 könnte man Beispiele versammeln (2.1 ...), bei denen der Irrglaube wirkt, die pure Quantität mache glücklich (=Qualität).

2.1 F. Kafka, "Der Prozeß"

In Kapitel 8: [2] treffen die Angeklagten Block und K. aufeinander - in der Wohnung des Advokaten. Beide wollen natürlich heil aus ihrem Prozess herauskommen. Die Strategien sind jedoch unterschiedlich:

  • Block - Ziff. 121.51ff - hat außer dem aktuellen Advokaten noch weitere 5, verhandelt derzeit sogar noch mit einem sechsten. Außerdem setzt er - vgl. 127.78ff - sein ganzes Vermögen und seine ganze Arbeitskraft für die Bewältigung des Prozesses ein.
  • Ganz anders K.: Er hatte sich von seinem Onkel die Einbeziehung des einen Advokaten aufschwatzen lassen. Aber K. erkennt bald, dass der untätig ist. Also kündigt er ihm nun. K. will seinen Rechtsfall selbst in die Hand nehmen.

Beide allerdings werden mit ihrer Strategie scheitern, da das Gerichtssystem korrupt und faul ist, ohne Verstand, allenfalls mit Aberglauben arbeitet (vgl. 121.125 - und noch häufig im Roman).


3. Ideologische Grabenkämpfe

3.1 Pietismus vs. liberal

4.7 Lesen lernen enthält unter Ziff. 3.1 ein Beispiel, wie verkappt quantitativ ("große rechtgläubige Glaubensgemeinschaft") gegen einen einzelnen vermeintlichen Abweichler Stellung bezogen wird. Qualitativ diskutiert wird dabei nicht.