4.34 "Sündenbock" - Schuld oder Ursache ?

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Die Rede vom Sündenbock ist in unserem Sprachgebrauch fest verankert. Konflikte sucht man - häufig unbewusst - nach diesem Modell zu lösen. Oder wenn der Mechanismus einem Beteiligten bewusst wird, kann er dem anderen vorwerfen, er suche ja nur einen Sündenbock, sei nicht an einer guten Konfliktlösung interessiert. - Schaut man auf den namengebenden alttestamentlichen Ausgangstext, zeigt sich, dass der durch den gängigen Sprachgebrauch missverstanden wird. - Vgl. auch 4.1135 Personifikation, Projektion


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1. Erläuterung

Beispiele für die fünf im pdf genannten Fehler:

1. "Schuld" vs. "Ursache": Lynchjustiz, welche einen Schuldigen sucht, um die Gemüter zu beruhigen. Im Gegensatz dazu die Rechtsprechung eines Gerichts. Auch wird in der Erziehung und Psychologie die Ursachenfindung der Schuldzuweisung vorgezogen.

2. unzulässige Vereinfachung einer Problemsituation: Bürgerinitiativen, welche den Besitz von Schusswaffen für Privatpersonen verbieten wollen, da sie diesen als einzigen Grund für Amokläufe sehen.

3. Der alleinige Schuldige: Verpetzen unter Geschwistern (allg. innerhalb einer Gruppe), damit die Strafe geteilt wird und der Einzelne nicht alleiniger Sündenbock ist. Es kann auch die Schuld auf einen Einzelnen geschoben werden, damit ist dieser der alleinige Sündenbock.

4. "Sieger-Verlierer-Modell": Kronzeugenregelung. Dabei wird der "Zeuge" von seiner Schuld freigesprochen, wenn nur durch seine Zeugenaussage ein Mittäter verurteilt werden kann, oder einer Person eine andere schwerwiegende Tat zur Last gelegt werden kann. Damit ist der Kronzeuge von jeglicher Pflicht zu Kooperation, zu eigener Veränderung entbunden.

5. Missverstandener Begriff: Ein Manager, der für die Verluste seines Konzerns verantwortlich gemacht wird und zurücktritt. Nach dem Rücktritt wird meistens ohne Reflexion über die Ursache weitergemacht wie bisher.

2. Literarische Beispiele

2.1 Unglück oder Strafe?

Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein. 5. Aufl. 2012. S. 138:

   "Mich haben sie durch die Rolle gedreht",
sagte Enno, verschüchtert unter dem Blick des
andern.
   "Wer, wer hat dich so zugerichtet, ich
will's wissen!", schrie das Braunhemd. Und er
fuchtelte mit der Faust unter der Nase des
andern und stampfte mit dem Fuße auf.
   Hier war der Augenblick gekommen, wo jeder
eigene Gedanke den Schädel Enno Kluges verließ.
Unter der Bedrohung mit neuen Schlägen ent-
liefen ihm Vorsatz wie Vorsicht, er flüsterte
angstvoll: "Melde gehorsamst, die SS hat mich
so zugerichtet."
   In der sinnlosen Angst dieses Mannes lag etwas
so Überzeugendes, dass die drei Männer am Tisch
ihm sofort Glauben schenkten. Ein verständnis-
volles, billigendes Lächeln trat auf ihre Gesich-
ter. Der Braune schrie noch:
"Zugerichtet nennst du das? Gezüchtigt heißt das,
zu Recht bestraft! Wie heißt das?"
   "Melde gehorsamst, es heißt: zu Recht bestraft!"

3. Politik

3.1 Recht - Unrecht - Rache - Moral

... Abstraktbedeutungen, vgl. [1]. Angesichts einer Katastrophe, wie dem Abschuss einer malaysischen Passagiermaschine, werden sie wieder hochgekocht und verhandelt. Mit welcher Perspektive? Vgl. [2]

4. Kirchen, Theologie

4.1 "Jesus um unserer Sünden willen gestorben" ?

"Seit Unzeiten behauptet die Formelsprache der
christlichen Kirchen, dass 'Jesus um unserer
Sünden willen gestorben sei'. Daraus wird: er
sei 'für unsere Sünden gestorben' und dann
'er starb und nahm unsere Sünden auf sich'
bis 'durch seinen Tod sind wir von unseren
Sünden befreit'. Das kommt auf das hinaus:
'er hat uns von unseren Sünden erlöst' und
wir finden Verzeihung für unsere Sünden vor
Gott. Ich halte diese Umwortung für schlichte,
aber wirkungsvolle Verbal-Fälschung. Es ist
ganz widersinnig, dass ein anderer 'unsere'
Sünden auf sich nimmt und sich opfert, damit
wir für unsere Sünden ungestraft bleiben.'"  

Man kann zunächst festhalten, welche praktischen Effekte ein solches 'Erlösungsdenken' hat.

  • In der Zeit des Alten Testaments, des Tempels in Jerusalem, seinem Opferkult, wurden den Menschen im Land hohe und teure Verpflichtungen auferlegt: sie beuteten das einfache Volk aus und unterhielten gleichzeitig ein umfangreiches Kultpersonal (Priester - denen z.B. das Fell der Opfertiere gehörte).
  • In der Zeit des Neuen Testaments gab es die Blutopferpraktiken nicht mehr (vom Judentum spalteten sich die Christen ab, der Tempel war ohnehin zerstört worden). Aber die Denkform wurde übernommen: Jesus als das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt trägt. - Agnus Dei Bestandteil jeder Eucharistiefeier.

Der Effekt: Die Bindung der Gläubigen an das Religionssystem blieb die gleiche. Auch mit der 'Vergeistigung' der Denkform wurden 'alle' - denn wer ist schon schuldfrei? - nun an die Person des neuen Religionsgründers gekettet. Das war aber nicht das Interesse des Letzteren, sondern der neuen Kirche, die sich vom Judentum unterscheiden wollte. 'Ein Kampf um Anhängerschaft' lief ab. Die Christen konnten sagen: im Grund haben wir den gleichen Mechanismus - aber 'billiger', edler. Das war attraktiver. Stattdessen:

  • Nach allem, was man erschließen kann, haben sich viele an Jesus versündigt, insofern seine Verurteilung heraufbeschworen: "Feindschaft der herrschenden Priesterklans, Verrat (Judas' Fraktion), Furor eines Teils der jüdsichen Gemeinde Jerusalems, der ihn nicht zur Begnadigung freibitten wollte, Besatzungs-Strafrecht der Römer".
  • Wenn Jesu Spruch überliefert ist: "Herr (Vater) vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun", heißt dies: Unrecht sind die Menschen dabei zu tun, aber man sollte ihre Wahrnehmung, ihr Gewissen voranbringen, damit sie rechtzeitig umkehren können.
  • Der Tod Jesu zielt nicht auf 'Buße, Sühne, Rache' o.ä. Sondern soll den "Christgläubigen vor Augen stehen als 'freie Erinnerung und Gewissens-Mahnung', sich praktisch, in der Tat, zum Rechttun zu bekehren."

(Anregungen und Zitate aus einem Papier von J. Germann)

Fazit: Das Denkmuster sollte auch auf seine Begleiteffekte und Interessen befragt werden. Was wird bewirkt, wenn den Menschen ein solches Denken aufgedrängt wird? Und wie soll dazu passen, dass

  • von Jesus eine "Tempelaustreibung" berichtet wird? Der 'Tempelbetrieb' war ihm so zuwider, dass er handgreiflich und zornig wurde,
  • Jesus ein Gottesbild im Sinn des "liebenden Vaters" verkündigte? Darin ist kein Platz für ein Denken im Rahmen von "Kult, Opfer, Sühne" usw.
  • Undenkbar, dass Jesus sich selbst in der Rolle des "Agnus Dei" gesehen hat. Diese wurde ihm nachträglich von seinen Anhängern aufgedrängt.