4.35 "Krise" und der Zauber des Neuanfangs

Aus Alternativ-Grammatik
Wechseln zu: Navigation, Suche

Aus dem Inhalt

Zu allen Zeiten mussten Menschen innere Um- und Neuorientierungen vornehmen. Sie erfuhren auch, wie schmerzhaft einerseits, wie befreiend andererseits sie sein können. Im Wortsinn völlig unterschiedliche Texte wurden dazu geschaffen. Die Denkfigur im Hintergrund ist jedoch jeweils die gleiche.


Falls Sie sich für das Thema interessieren, klicken Sie bitte hier:



Praxis - Bitte Ihren Eintrag!

1. Ambivalenz von Kriegen/Revolutionen

1.1 Kriege im Irak und in Afghanistan

Problementwicklung: Die Begründung für die Kriege in Afghanistan und Irak - "Krieg gegen den Terrorismus" -, war ein vor allem von der ehemaligen US-Regierung unter George W. Bush verbreitetes politisches Schlagwort. Was einen Schock für die muslimischen Welt ausgelöst hat.

Stadium 1: In den Augen vieler Moslems war dieser Krieg gegen den Terorismus, in dem zwei islamische Länder betroffen waren, ein Krieg gegen den Islam. Deswegen haben sich die Muslime bedroht gefühlt

Stadium 2: Seit dem 11. September 2001 wurde durch die meisten Medien der Islam mit Terror verbunden. Die Muslime haben sich direkt angesprochen/bedroht gefühlt von den genannten manipulierten Medien, und sie trauten sich nicht mehr sich als Muslime zu zeigen.

Stadium 3: Präsident Barack Obama versuchte mit seiner Rede in Kairo einen Neuanfang im Verhältnis der USA zum Islam. Die Rede brachte die Chance auf einen neuen Anfang zwischen dem Islam und dem Westen. Dadurch wird das Wissen langsam durchgesetzt, dass die terroristischen Gruppen nicht mit dem Islam identifiziert werden dürfen.


1.2 "Krise" - Rückschritt oder Fortschritt?

Erläutert am "arabischen Frühling" (2011) äussert sich der Sozialwissenschaftler Todd im Spiegel 20/2011. Eine Revolution bringt für kurze Zeit die alte Lebensform (Stadium 1) und die neue (Stadium 3), vielleicht noch undeutliche, nah zusammen. Das Übergangsstadium (Stadium 2), die Krise, mag konfus erscheinen, ist aber deswegen kein Rückschritt, Rückfall, sondern ein notwendiger Übergang, zeigt also Fortschritt an.

"Die Volksbewegungen des arabischen Frühlings
haben mit mythischen Visionen wie dem Panara-
bismus oder dem Panislamismus nichts im Sinn.
Der Grundirrtum besteht darin, die ideologi-
schen oder religiösen Krisen in den islami-
schen Ländern als Erscheinungen des Rück-
schritts zu sehen. Es handelt sich im Gegenteil
um Krisen einer Modernisierung, die die herr-
schenden Regime destabilisiert. Dass die
Erschütterung der Religion und der Vormarsch
des Fundamentalismus zeitlich zusammen-
fallen, ist ein geradezu klassisches Phänomen.
Zweifel und Eiferertum sind zwei Seiten der-
selben Entwicklung. Beispiele finden Sie auch
in der europäischen Geistesgeschichte. Descartes,
der Begründer des methodischen Zweifels, stellte
sich die vordringliche Aufgabe, die Existenz 
Gottes zu beweisen. Und Pascal, Mathematiker und
Physiker, empfand ein so drängendes religiöses
Bedürfnis, dass er seine ebenso berühmte wie
fragwürdige Wette einging: Mit dem Glauben an Gott
könne man nichts verlieren, aber alles gewinnen.
Er schloss sich dem Jansenismus an, einer funda-
mentalistischen Variante des Christentums seiner
Zeit."

2. Literarische Beispiele

2.1 L. Tolstoj, "Anna Karenina"

aus: Lew Tolstoj, Anna Karenina. Hg.v. G. Drohla.insel 2010. S.675:
Sie konnte an nichts denken, nichts wünschen,
was außerhalb des Lebens mit diesem Menschen
lag; aber dieses neue Leben war noch keine
Wirklichkeit, und sie hatte es sich nicht
klar vorstellen können. Sie hatte nur in
der bangen und freudigen Erwartung von
etwas Neuem und Unbekanntem gelebt. Und
jetzt sollte die Erwartung und die Unge-
wißheit und die Reue über die Abkehr von
ihrem bisherigen Leben ein Ende nehmen,
und etwas Neues sollte beginnen. Dieses
Neue mußte ihr furchtbar erscheinen, denn
es war ihr noch unbekannt; aber mochte es
furchtbar sein oder nicht, in ihrer Seele
hatte sich der Übergang zu dem Neuen schon
vor sechs Wochen vollzogen, und jetzt erhielt
das, was in ihr vorgegangen war, nur seine
Weihe.