4.37 Utopie? Gemeinschaft basierend auf "Dankbarkeit"

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Warum nur sind ethische Appelle und Reflexionen oft so richtig und gleichzeitig anödend? - Geht es nicht auch anders? Es geht. Eigentlich weiß man das seit 2000 Jahren - "Gleichnis vom barmherzigen Samariter" im Lukas-Evangelium - falls man den Text, wie üblich, nicht verkehrt herum liest... Immer wieder machen heute Menschen genau die gleiche Erfahrung.


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0. Praktische Erfahrungen

0.1 Eher Anlass zu Wut oder Enttäuschung: Hufschlag durch Pferd

... vielfältig wegen unterlassener Hilfeleistung - wegen Bagatellisierung

oder wegen Wegsehens. Authentischer Bericht einer
damals angehenden Tierärztin:
"Morgens vor der eigentlichen Visite haben eine
andere Praktikantin und ich allen Pferden in der
Klinik die Temperatur gemessen und diese schon
einmal untersucht. Beim letzten Pferd, das noch
zu messen war, ist es dann passiert. Das Tier
hat mich mit beiden Hufen voll in den Bauch
getreten. Ich bin erst einmal zusammengesackt.
Hab keine Luft mehr bekommen und konnte nichts
sagen. Dann hatte ich unglaubliche Schmerzen.
Die andere Praktikantin hat mir aufgeholfen und
mich aus der Box gezogen, damit das Pferd nicht
noch einmal treten konnte. Dann sind wir zu den
Chefs der Klinik und haben erzählt was passiert
ist. Die haben mich daraufhin auf einen Stuhl
in den OP geschoben, während sie dabei waren, ein
Pferd zu behandeln. Einer hat dann noch gesagt:
"Wird schon nichts passiert sein, noch hat sie
Farbe im Gesicht." (!) Anschließend haben sie mich
nach Hause geschickt, ich solle dann morgen wieder
kommen(!). Die Schmerzen waren erst einmal besser,
als wie wenn man eine Magen-Darm-Grippe hat. Ich
bin dann zur S-Bahn gelaufen, langsam halt und hab
mir auf dem Weg dahin den Bauch gehoben. Mit der
S-Bahn ging es dann weiter von abc bis xyz, von
dort weiter mit dem Bus in Richtung meiner WG in
rst. Auf dem Weg dorthin hab ich schon einmal
gespuckt, aber es hat sich niemand interessiert.
(!) Vom Bus aus bin ich dann zu meiner WG gelaufen,
dort noch in den 3. Stock hoch, und dann waren die
Schmerzen schon so schlimm, dass ich mir dachte,
dass es nichts bringt zu einem normalen Hausarzt
zu gehen, sondern gleich ins Krankenhaus. Anstatt
einen Krankenwagen zu rufen, bin ich selbst noch
mit dem Auto ins Klinikum gefahren. Ich war damals
wie in einem Tunnel, das Adrenalin scheint einen
noch soweit zu treiben, bis man sich in Sicherheit
befindet. Vom Parkplatz, wo ich mein Auto abge-
stellt hatte, musste ich noch ca. 500 Meter
Gehweg zu Fuß hinter mich bringen, bevor ich im
Klinikum war. Dort ging es mir dann richtig
schlecht, musste mich auf dem Gehweg ein paar
mal übergeben und bin öfters in die Hocke
gegangen, weil die Schmerzen mittlerweile so
groß waren.(!)
Erst als ich am Empfang des Krankenhauses ange-
langt war und dort sagen konnte, dass ich vor ca.
2 Stunden von einem Pferd in den Bauch geschlagen
wurde, habe ich mich sicher gefühlt. Und bin dann
auch bewusstlos geworden und erst in einem Behand-
lungsraum wieder aufgewacht."

Die Chefs der Tierklinik verhielten sich bagatellisierend, geradezu zynisch. Mehrfaches Spucken in öffentlichen Verkehrsmitteln bzw. im öffentlichen Raum hat auch niemanden gerührt.


1. Missverständnisse

1.1 "Samariter" als Grundlage für Moralphilosophie?

Das stellt R. Erlinger (SZ Magazin 33, Aug. 2012) so dar. Der Samariter habe - (a) - dem am Wegrand liegenden Verletzten spontan geholfen. Dies gehöre zu den moralischen basic rules. - Dann aber - (b) - beauftragte der Samariter den Wirt und versprach, die weitere Pflege zu bezahlen. Lateinisch: "Curam illius habe, et, quodcumque supererogaveris, ego, cum rediero, reddam tibi." Also diese Zusatzleistung - supererogatorisch -, zu der sei man nicht verpflichtet, ein "Held" oder "Heiliger" jedoch, wer es dennoch tue.

Kommentar: Gutes Beispiel, wie man das Gleichnis missverstehen kann, vgl. [1]. Die Philosophen picken sich die zwei Hilfe-Etappen heraus, übersehen aber den Clou des Textes, nämlich dessen Schluss: Der Helfer bleibt für den Verletzten anonym. Wie soll der Wiedergenesene mit diesem Befund umgehen? Ihn achselzuckend abbuchen und verdrängen? Damit auch das entstandene Gefühl der Dankbarkeit ignorieren? - Doppelte Verdrängung als Lösungkonzept? Das ist zunächst der Hauptpunkt. Dann erst die Frage: Was folgt daraus? (Und das führt - in der Rahmenhandlung - zur Beantwortung der Frage: Wer ist mein Nächster?)

Übersieht man den Schluss, kommt heraus, wofür moralische Konzepte generell bekannt und berüchtigt sind: Es werden "Regeln, Appelle, Forderungen" - wie immer man sie vorbringt - aufgestellt, die den Adressaten sagen: "Man sollte ..." Solche von außen diktierten Handlungsaufforderungen sind ebenso richtig wie gefürchtet und häufig nutzlos.

Die moralphilosophische Antwort ist ein Rückfall
hinter das Samaritergleichnis, indem der Blick
auf den Hilfsbedürftigen gerichtet wird: dem sei zu
helfen. Diese Auskunft ist banal. Dazu braucht es
heute keine moralphilosophischen Anstrengungen.
Letztere sind somit auf die hartleibige Minderheit
gerichtet, die auch angesichts unmittelbarer Not
nicht auf den Gedanken des Helfens kommt. - Das
Gleichnis aber fordert dazu auf: Geht das Problem
intelligenter und nachhaltiger, und vor allem um-
fassender an! 

Der Ansatz des biblischen Textes ist grundsätzlich anders: Die Leser, u.z. nicht nur die Verstockten beim Thema "Hilfe", werden animiert darüber nachzudenken, welche anonymen Helfer es in ihrer eigenen Biografie gegeben hat. Das führt zur Frage: Wie gehe ich mit meiner Dankbarkeit um? Daraus folgt ein anderer, stärkerer und vor allem: eigener Handlungsantrieb, der keine Bevormundung von außen benötigt. An der Motivation zu helfen arbeitet das Gleichnis. Dass geholfen werden muss, weiß ein normal empfindender Mensch schon. Aber die Sensibilität für andere lässt sich steigern, via "Dankbarkeit" als Treibsatz.

1.2 Päpstliches Missverständnis

Laut Rückmeldung eines interessierten Lesers erwähne Papst Benedikt xvi in seinem Jesus-Buch (7. Kapitel) die bei uns im PDF-Text:[2] gegebene Deutung des Samaritergleichnisses. - Nachdem dort genauer nachgeschaut wurde, sind einige Anmerkungen notwendig:

Gut wird von Ratzinger die Verbindung hergestellt:
"Es trifft ihn (den Samariter) ins 'Eingeweide', in
seine Seele hinein, diesen Menschen so zu sehen" (237).
Wenig später die notwendige Umkehrung: nicht das
verletzte Opfer ist der "Nächste", sondern: "Ich
muss zum Nächsten werden, dann zählt der andere für
mich 'wie ich selbst'".
Überhaupt nicht reflektiert wird, warum "Kenner des
Gesetzes" (Levit, Priester) versagen, also nicht
helfen. R. begeht den Fehler, textferne Mutmaßungen
anzustellen: die beiden waren doch sicher nicht
"kaltherzig", waren vielleicht in Eile, möglicher-
weise überfordert usw. - Von all dem steht nichts
da. Die Mutmaßungen lassen nur den Wunsch erkennen,
'Levit und Priester', die Religionsbeamten, in gün-
stigerem Licht erscheinen zu lassen - kein Wunder
beim Oberhaupt einer Kirche.
Grundsatz bei der Auslegung muss sein: Aufgreifen,
was der Textpositiv bietet! Folglich wird es
von Bedeutung sein, dass die Nicht-Helfer den Schrift-
gelehrten, dem Kultpersonal angehören. Es ist nicht
von einem Schreiner und einem Schafhirten
die Rede! Und im Gleichnis hat sich Jesus einem
Schriftgelehrten gegenüber zu verteidigen, wird von
diesem getestet.
Also lautet die Frage: Levit, Priester - welche
Merkmale zeichnen sie aus - im Gegensatz zu anderen
Menschen? - Diese Berufe vertreten ein Weltbild,
eine Dogmatik, bestreiten mit diesem Fachwissen
gar ihren Lebensunterhalt, halten sich für beauf-
tragt, andere Menschen zu lenken. Und genau solche
Leute, die zu wissen vorgeben, was richtig bzw.
falsch ist, gestützt gar auf eine Offenbarung,
solche Menschen - das ist die Aussage des Textes -
trifft nichts mehr in ihre Seele hinein (s.o.). Sie
sind aufgrund ihrer Dogmatik immunisiert, eigenen,
spontanen Gefühlen entfremdet. Daher lassen sie
sich auch nicht durch erlebtes Leid anrühren,
folglich  helfen sie nicht.
Das ist die Weiche, ab der die Auslegung des
Papstes hilflos wird, wo er zu moralisieren anfängt
- immer ein Zeichen dafür, dass der Verstand aus-
setzt: "Ich muss ein Liebender werden, einer, dessen
Herz der Erschütterung durch die Not des anderen
offensteht." - 'muss ein Liebender werden' -
gewaltsam, durch Willensentschluss lieben?! Eine
solche Wendung ist eine Bankrotterklärung: "werden"
ist ein Prozess; den kann man nicht befehlen,
ihn nicht erzwingen. Gefühle auch nicht. Theologen
bemühen dann gern den neutestamentliche Begriff
"Agape"; er soll helfen, nicht emotionsgesteuert
zu "lieben" - wie das gehen soll, weiß man wohl
nur im Vatikan. Diese Liebe  sei "übernatürlich"
- heißt es bei R. weiter. Ab hier spätestens reißt
der Kontakt zu heutigen Lesern - es sei denn, sie
seien bewandert in Patristik und Scholastik.
Was vollkommen fehlt, ist der lebensnahe, auch
psychologisch plausible Brückenschlag: Erinnerung an
eigene positive Erfahrungen, die mich motivieren,
in gleicher Weise zu handeln. Dann benötige ich
weder eine vorab gegebene Definition, wer
denn der "Nächste" sei (z.B. Volksgenosse im Judentum;
Samariter waren ausgeschlossen); noch benötige
ich das Moralisieren eines Papstes, dem das
vernünftige, erfahrungsgesättigte Erklären abhanden
gekommen bzw. nicht möglich ist. 
Einen - und sei er unbewusst - Hintergrund für die
Theorieschwäche des Papstes gibt es: Würde er
unserer Deutungslinie folgen, wäre die Moralinsti-
tution Kirche überflüssig. Die Menschen würden
befähigt, selber zu denken und zu handeln. Entschei-
dend: sie haben gelernt, ihren Verstand auf die
eigene Biografie anzuwenden und sich Rechenschaft
zu geben: Wem bin ich dankbar, habe ich dankbar
zu sein?  
Gewiss schleppen viele Menschen seelische Verlet-
zungen mit sich herum - oft von der Art, dass sie
behandelt werden müssen. Das ist die eine Seite
der Lebens-Medaille, die zu beachten ist. Darüber
sollte man aber die andere nicht vergessen und ver-
drängen: Es gab immer auch Anlässe / Gründe für
Dankbarkeit in meiner Biografie. Indem ich mir diese
bewusstmache, wird Energie freigesetzt. Eine solche
profane, nicht-kirchliche Konsequenz liegt nun
sicher nicht im Interesse des Kirchenoberhaupts. 
Man kann somit fragen, worin genau "Levit,
Priester" auf der einen, "Papst" auf der anderen
Seite sich unterscheiden. Institution + Dogmatik
stehen bei beiden im Vordergrund. 

Genau diese Priorität: Institution + Dogmatik ist es, die Jesus im lukanischen Gleichnis scharf geißelt. Dieser Text (samt vielen anderen) taugt nicht als Gründungsmanifest für eine Religionsinstitution. - Das Kirchenoberhaupt darf sich angesprochen fühlen.

1.3 "Nah bei de Leut / den Menschen"

Heutzutage scheinen Politiker und Kirchenhierarchen oft die Gleichnis-Frage zu beantworten: "Wer ist mein Nächster?" Formelhaft wird beteuert, man wolle "Nah bei den Menschen" sein. - Nicht gleich psychologisierend, sondern - wie es sich für eine Grammatik gehört - sprachbewusst kann man als erstes einige Anmerkungen zu dieser Wortkette machen:

  1. "Nah" und "bei" ist im Wortsinn doppelt gemoppelt. Zweimal, also mit Nachdruck = Emphase, positioniert sich der Funktionsträger bei denen, über denen - durch Amtsdefinition - er arbeitet. Sein Amt, das er nun einmal hat, ist per Implikation mit im Spiel, vgl. [3]
  2. Es wirkt also eine Irritation. Will sich der Mensch anbiedern? Seine übergeordnete Funktion verleugnen? Wozu hat er sie dann übernommen? Will er den Menschen Sand in die Augen streuen? Will er zeigen, dass er trotz Amtes "Mensch" geblieben ist? Wieso hat er das nötig? usw. usw.
  3. "den Menschen" ist doppelt merkwürdig:
    • Wer die Floskel verwendet, bringt einen Gattungsbegriff ins Spiel, vgl. [4]. <<MENSCH>> ist jede/r - wem genau will der Funktionsträger nahe sein? Die Blickrichtung ist also sehr luftig und unkonkret.
    • Es sind generell alle Menschen gemeint, vgl. [5] mit Unterpunkten. Eine solche Aussage ist im Wortsinn un - brauchbar, also muss etwas anderes als indirekte Bedeutung gemeint sein.

Unser Fazit: Solche Selbstdefinitionen als "naher Mensch, Nächster" vermitteln schon vom sprachlichen Befund her den Eindruck, dass der sich jovial gebende/geben-wollende Mensch als Amtsträger natürlich auch Entscheidungen trifft, die seine Untergebenen enttäuschen. In solchen Fällen nützt es den Regierten wenig zu wissen, dass der Amtsträger auch unfallfrei mit ihnen eine Bratwurst essen und dabei Scherze äußern kann. Eher soll durch solche Aktionen der Widerstand im Bereich der amtlichen Vorgänge gemildert werden. Also ist Berechnung im Spiel - das Gegenteil einer offen-unbeschwerten Kommunikation.

1.4 2015/16: Hilfe für Flüchtlinge als Umdrehung der Nazi-Gräuel?

... das wird zumindest von einigen erwogen, vgl. [6] und insofern skeptisch bis ablehnend beurteilt. - Aber verändertes Verhalten - warum sollte es aus - später - Einsicht und aus Dankbarkeit für damalige Unterstützung nicht möglich bzw. zu verurteilen sein?


2. Dank

2.1 Übertrieben-ironisch oder . . .?

Vgl. das Gedicht von Enzensberger: [7]


2.2 ... nach Unfallerfahrung

Interview mit dem hessischen MP Bouffier (SPIEGEL 16/2013):

SPIEGEL: In Ihren wilden Jahren wollten Sie einmal
Profibasketballer werden. Sie spielten sogar in der
Jugendnationalmannschaft. Warum haben Sie die
Politik vorgezogen?
BOUFFIER: Na ja, ich hatte es bis zur Bundesliga
geschafft, da träumt man dann schon einmal als
Junge. Aber meine Eltern hatten einen guten Rat:
Stell dir mal vor, wie das ist, wenn du verletzt
wirst.
SPIEGEL: Und dann kam es so. Mit 22 hatten Sie
einen schweren Autounfall, den Sie nur knapp
überlebt haben.
BOUFFIER: Ich habe sehr selten über diesen Unfall
gesprochen. Aber dass er ein Schlüssel für den
Rest des Lebens war, das können Sie glauben. Ich
habe ein Jahr lang im Krankenhaus gelegen und
lange gebraucht, um mich überhaupt wieder bewegen
zu können.
SPIEGEL: Hat dieser Unfall auch Ihre Politik
beeinflusst?
BOUFFIER: Ja, er hat mich verändert. Da lernt man
Dankbarkeit, dass man überhaupt etwas tun kann.
Und Standhaftigkeit, nicht jeder Mode hinterher-
zurennen. Und Zurückhaltung: Nicht immer
ist die schnellste Antwort die richtige.  

2.3 Politik: Euch wurde geholfen ...

... folglich helft nun auch Ihr! vgl. [8] nämlich in der Situation, dass viele Flüchtlinge 2014/2015 aus Nahost nach Mitteleuropa strömen.

Das argumentative Problem: Die Angesprochenen müssten selbst die erwähnte Dankbarkeit spüren und in tätige Hilfe umsetzen. So aber werden sie von außen daran erinnert, was sie tun sollten - das ist ein Appell, ist Moralisierung, hat von vornherein schlechte Karten, verhärtet möglicherweise das Abblocken der Angesprochenen noch weiter.


3. Frage der Perspektive

Im PDF-Text war davon die Rede gewesen, Dank für selbst-erfahrene Unterstützung als Antrieb zu nehmen, in gleicher Weise anderen gegenüber zu handeln. Der hilfreiche Samariter im Gleichnis war ja weitergezogen. Daher war es unmöglich, ihm Dank abzustatten. Und offenkundig hatte der dies auch gar nicht erwartet. Dank somit nicht als Hebel, um eine Verpflichtung, eine Bindung zwischen Helfer und Bedürftigem zu etablieren. Dank auch nicht als etwas, das an die große Glocke zu hängen ist - von beiden Seiten her nicht. Die Folge sollte vielmehr gleichartiges Verhalten sein, nach dem Schneeballprinzip.

3.1 Präsident des FCB

In der Personbeschreibung von Uli Hoeneß (SPIEGEL 6/2013), der anerkannt auch sozial engagiert tätig ist, werden beide Perspektiven nicht klar genug getrennt. Daher wohl auch die Überschrift "Der Patron", d.h. ein sozial zwar wacher, aber eben doch auch Abhängigkeiten schaffen wollender Präsident.

"Ich bin immer dafür, dass man Schwächere unter-
stützt", sagt Hoeneß. "Das tun wir beim FC Bayern
extrem". Er erinnert an das "Retter"-Spiel auf St.
Pauli im Jahr 2003, das dem Verein half, sich vor
der Pleite zu retten. Dem Konkurrenten Borussia
Dortmund lieh der FV Bayern sogar zwei Millionen,
als der Verein in größter Not steckte.
    Von Aachen, St. Pauli und Dortmund ist Hoeneß
im Nu bei Griechenland. Er sei "total dafür", daß
man jetzt den Griechen helfe. Allerdings müssten
sie sich auch helfen lassen.
"Und auch das Wort 'danke' ist etwas, was mir in
dem Zusammenhang fehlt." Hoeneß erwartet Dankbarkeit,
sie ist ihm sehr wichtig. Deshalb klingt er häufig
wie ein Patriarch, wie ein moderner Alfred Krupp,
einen Tick vordemokratisch.
    Zum Wesen des Patrons gehört es, dass Leute
ihm für seine Fürsorge dankbar und folgsam sein
sollen. Solange die Machtverhältnisse klar sind,
kann er sozial und großzügig sein. Wenn nicht ...
    Das Gespräch kommt noch einmal auf die Dank-
barkeit zurück. Er soll erklärten, wie das konkret
funktionieren könnte mit den Griechen und der
Dankbarkeit.
    Ganz einfach, sagt Hoeneß. Der FC Bayern habe
voriges Jahr in der Champions League gegen Mar-
seille gespielt. Die Franzosen seien unfaßbar
gastfreundlich gewesen. Kurz danach habe er im
Namen des FC Bayern eine Anzeige in einer ört-
lichen Tageszeitung schalten lassen. Man bedanke
sich für die Gastfreundschaft. Auf Französisch,
versteht sich.
    "Die Griechen könnten es genauso machen",
sagt Hoeneß. "Einfach 'ne ganzseitige Anzeige
schalten, in der 'FAZ', der 'Welt' oder der
'Süddeutschen': 'Danke, Frau Merkel, danke, Herr
Schäuble.' Oder am besten: 'Danke, alle Deutschen!'"