4.382 "Glaube" (im Nationalsozialismus)

Aus Alternativ-Grammatik
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In 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE war von einer Form der Erkenntnis die Rede gewesen, die man mit "Glaube" wiedergibt (= creditiv). Sie unterscheidet sich vom rationalen "Wissen", insofern es darin keine nachrechenbare, auf Logik basierende Gewissheit gibt (wäre: cognitiv). "Glaube" hat viel mit "Vertrauen" zu tun und einer daraus sich ergebenden "persönlichen Gewissheit und Überzeugung".

Nun weiß man, dass "Glaube" in religiösen Gemeinschaften eine zentrale Rolle spielt. Aber eben auch in profanen Ideologien. In Ergänzung zum vorigen Modul wird der "Glaube an den Führer" hier thematisiert.

Die Praxisbeiträge können dies vertiefen, können aber auch andere Beispiele - aus anderen Weltanschauungsgemeinschaften - solcher tiefgreifenden Grundüberzeugungen, die meist die Kritikfähigkeit behindern oder ausschalten, darlegen. Wobei die letzten Bemerkungen teilweise eine Verharmlosung sind: bisweilen geht es um Leben und Tod bei abweichenden Meinungen.


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1. Literatur

1.1 "Blechtrommel"

Im 42. Kapitel ("Im Zwiebelkeller") des Romans von G. Grass wird ein eigenartiges Lokal beschrieben: Zu ihm geht man, um durch das Schneiden von Zwiebeln endlich einmal zu einem "erlösenden Weinen" zu kommen. Ohne diese technische Unterstützung ist das Weinen für die Besucher in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht möglich. Gründe gäbe es zwar genug, aber die zurückliegende Zeit hat derart verhärtet, oder man ging schon mit einer gewissen Härte in sie hinein, und verstört, dass echte Gefühle kaum noch ausgedrückt werden können. Der Wirt jenes Kellerlokals findet seinerseits nicht über Zwiebelschneiden zu eigenen Gefühlen, sondern dadurch, dass er in den Rheinauen immer wieder Spatzen schießt... Offen oder versteckt bildet somit das Thema der Gewalt, des Tötens, der Brutalität den Hintergrund der aktuellen Schwierigkeit, Zugang zu eigenen Gefühlen zu bekommen.

Unter anderem kommen zum Lokal Damen:

"Die beiden, im Karbidlicht immer noch vorteilhaft
wirkenden Damen im Nerz wollen den Glauben verloren
haben; noch bleibt offen: den Glauben an was verloren.
Noch wissen wir nichts von der Vergangenheit des Herrn
mit dem massigen Kopf, auch welche Schwierigkeiten der
Sohn dem Vater, der Vergangenheit wegen, bereitet,
kommt nicht zur Sprache; es ist - man verzeihe Oskar
den Vergleich - wie vor dem Eierlegen: man drückt und
drückt ..."


2. Religionsgemeinschaften

Religionen, die immer auch die allein gültige Wahrheit für sich beanspruchen, taten sich immer schwer mit Dissidenten, Abtrünnigen, Ketzern, Andersgläubigen usw. - und wie die abwertenden Etiketten sonst noch lauteten. Reagiert wurde darauf entweder mit Folter und Ermordung bei überschaubaren Einzelfällen, oder mit Glaubenskriegen.

2.1 Wechsel vom Islam zum Christentum = Tod

Grundannahme des Islam ist von Anfang an, dass man sich vom Islam nicht abwenden kann. Wer dies dennoch versuche, sei des Todes würdig. Noch heute gilt diese Maxime in einigen Regionen - laut SPIEGEL-Online vom 3.3.2012:

Er wurde vom Muslim zum Christen - dafür will ihn
das Regime in Iran am Galgen sehen. Seit Jahren
sitzt Yucef Nadarchani in der Todeszelle, trotz
Protesten aus Berlin und Washington. Doch nun gibt
es eine letzte Hoffnung für den evangelischen Pastor:
die Milde von Ajatollah Ali Chamenei.
Teheran - Vier Mal hatte Yucef Nadarchani die
Chance, mit wenigen Worten sein Leben zu retten.
Vier Mal blieb der Iraner stumm. Seine Peiniger
im Zentralgefängnis in Rasht warten vergeblich auf
eine Abkehr des 35-Jährigen vom Christentum.
Nadarchani, so scheint es, geht lieber in den
Tod, als zurück in den Islam. "Ich bin unbeirrbar
in meinem Glauben an das Christentum und habe nicht
den Wunsch, meinem Glauben abzuschwören", zitiert
ihn die britische "Times".
Dabei hat Nadarchani eine Leidenszeit hinter sich,
die selbst einen gefestigten Glauben auf eine harte
Probe stellt. Seit 2009 sitzt der evangelische
Pastor in Haft, zunächst in ständiger Furcht vor dem
Todesurteil - später in Angst vor der Vollstreckung.
Sein Vergehen: Ihm werden "Abfall vom islamischen
Glauben" und "Verbreitung nicht-islamischer Lehren"
vorgeworfen. Dafür will ihn das Regime in Teheran
am Galgen sehen. ...
Doch Nadarchani bleibt noch eine Hoffnung: Nach
Informationen von Amnesty International liegt die
Entscheidung über sein Schicksal inzwischen beim
höchsten geistlichen Führer des Landes: Ajatollah
Ali Chamenei.
"Im Rahmen des Prozesses sind drei religiöse Gut-
achter unabhängig zu dem gleichen Ergebnis gekommen,
dass eine Verurteilung wegen Übertritt zu einem
anderen Glauben 'theologische Probleme' aufwirft",
sagte Drewery Dyke, Iran-Experte bei Amnesty Inter-
national zu SPIEGEL ONLINE. Der Menschenrechtler
steht in regelmäßigem Kontakt zum Anwalt des
Angeklagten. ...
Nadarchani, Vater von zwei Kindern, ist Mitglied der
protestantischen Kirche Irans. 2009 war er erstmals
festgenommen worden, weil er gegen ein Gesetz pro-
testiert hatte, das Schulkinder auch nicht-musli-
mischen Glaubens zum Koranunterricht zwingt.
Christen werden in Iran verfolgt, sie können ihren
Glauben meist nur im Untergrund praktizieren.
Der Fall war danach jahrelang durch die Gerichts-
instanzen gewandert. Dabei ging es unter anderem
um die Art und Weise, in der sich Nadarchanis dem
christlichen Glauben zugewandt hatte. Nach seinen
eigenen Angaben entschied sich dieser mit 19
Jahren für das Christentum. Vorher, so betont er
jedoch, habe er keinerlei religiöse Präferenz
gehabt - sich also auch von keinem Glauben
abwenden können. Die Gerichte argumentierten dage-
gen, als Sohn muslimischer Eltern sei ihm deren
Glaube quasi angeboren.


3. Philosophien

3.1 Ideale verlorengegangen?

Vgl. [1] S.62f. 176

4. Politische Parteien

4.1 Hitler

SPIEGEL 19/2016 - sich auf den Historiker Thomas Weber beziehend:

"Eigentlich, sagt Weber, ist alles zum Thema Hitler
wichtig. Er erwähnt eine Studie zu dessen psychischen
Dispositionen, auch das Buch von Norman Ohler über
den  Drogenkonsum des 'Führers'. Weber macht zudem
deutlich, dass Hitler in den Jahren seines politi-
schen Aufstiegs keine einzige adäquate Lösung für
bestehende Probleme formulierte. Seine beiden wesent-
lichen Themen, die Judenfrage und der Lebensraum,
waren Phantasmen des Hasses, mit denen keine wirk-
lichen Probleme korrespondierten - aber prägten
dann, immenses Leid verursachend, ihre Zeit und die
deutsche Geschichte. ...
   Das ist das größte Geheimnis, das Hitler zu
hüten hat: Er war ein kleines Licht. Es waren die
anderen, nicht alle - nicht die Juden und Kommuni-
sten, nicht die Sozialdemokraten, die Katholiken,
nicht Alfred Kerr und Thomas Mann -, aber doch viel
zu viele, fast alle Deutschen, die sich damals, so
für sich und insgeheim, selbst zur Zeitbombe machten.
Und es waren die Eliten des großen Landes, die ost-
elbischen Großgrundbesitzer, die Militärs, Wissen-
schaftler, Mediziner, Juristen, Industriellen, Banker
und Ingenieure, die eifrig besorgten, was Hitler
nicht zu Ende geplant hatte."