4.384 Denkmuster "Rassismus"

Aus Alternativ-Grammatik
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Die deutsche Geschichte ist durch den Rassismus der Nationalsozialisten natürlich auf Dauer befleckt. Aber: Es wäre geradezu eine Erleichterung, wenn man sagen könnte, diese Geisteshaltung gehört seit 1945 der Vergangenheit an.

Als Denkmuster gab es den Rassismus lange vor den Nationalsozialisten und es gibt ihn danach immer noch. Der jahrhundertelange Kolonialismus der europäischen Mächte, die Sklaventhematik in den USA - vieles könnte man dabei nennen. Aber nicht historische Forschung ist unsere Aufgabe. Sondern der Umgang mit Sprache, Denken, Argumentation.

Dem Aspekt Denkmuster "Rassimus" soll dieses Modul dienen. Es sieht ganz danach aus, dass es dazu schon vor sehr langer Zeit, nämlich um 400 v. Chr., zutreffende Einsichten gab.

Die Module ab ID 4.381 bis zum jetzigen ergänzen sich.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Sprachliche Anzeichen

Interview mit Verbandschef Aiman Mazyek, der einen antimuslimischen Rassismus in Deutschland beklagt, aus: SPIEGEL 19/2016:

Mazyek: Wir haben die frühen Zeichen nicht gesehen:
wie sich die Sprache in den sozialen Netzwerken radi-
kalisiert hat, auf Plattformen wie 'Politically
Incorrect', die sagen, proisraelisch und proameri-
kanisch zu sein und dann auf Schwarze und Muslime
eindreschen. Dahinter steckt nackter Rassismus.
'Das muss man doch endlich einmal sagen dürfen',
heißt es da, 'da wird doch was verschleiert' -
diese hochgefährliche Denke ist salonfähig
geworden und versucht gerade, in die Mitte 
der Gesellschaft zu drängen.
SPIEGEL: Kräftig befördert von den Rechts-
populisten der AFD ...

0.2 Beispiel AfD

Dazu bietet die Alternativ-Grammatik ja schon einige Beiträge - vgl. [1] - und von dort aus weitere Referenzen. Hier, unter dem Stichwort "Theorie", soll es nur darum gehen zu zeigen, dass in diesem Denkmuster verschiedene auch grammatisch wichtige Weichenstellungen aktiviert werden. Vgl. [2] - als journalistischen Bezugspunkt.

Angesprochen ist aus Sicht der Alternativ-Grammatik, ob

  • bei sprachlichen Äußerungen mit zwei Bedeutungsebenen gerechnet werden muss/kann - was eigentlich das Normale ist. Der Journalist deckt auf, dass in den AfD-Äußerungen die zweite Bedeutungsebene möglichst unterdrückt werden soll - vgl. [3].
  • die Frage, wodurch man denn "Deutscher" sei/werde, also - anscheinend - welcher geistige Rahmen/Hintergrund einen zu bestimmen habe, würde [4] ins Spiel bringen; z.B. sollte man 'christlich' sein, 'muslimisch' jedoch wäre nicht zu tolerieren? Das bleibt jedoch diffus, schlagwortartig, unkonkret.
  • Daher bleibt die AfD-Argumentation - vgl. [5] - unschlüssig, diffus; es schält sich stattdessen das alte "völkisch" heraus, bzw. der Verweis auf körperliche Merkmale - Hautfarbe, "Blut" -, alle weiteren 'Kriterien, Merkmale' sind irrelevant.
  • Differenziertes Denken wird gerade nicht gewünscht, es genügt die binäre Frontstellung, vgl. [6] samt elementarer Wertung, vgl. [7]: "wir" sind "gut", die "anderen" sind "schlecht", d.h. haben keine Existenzberechtigung bei uns, vgl. [8].

Anders gesagt: Laut AfD gilt - wieder einmal - die Biologie; dagegen wird alles, was einen Menschen erst prägt und formt, Sprache, seine Geistigkeit, sein Verhalten, seine Kommunikationen, für irrelevant erklärt. Eine solche Position ist der Inbegriff dumpfer, ja menschenverachtender Verbohrtheit und Ideologie, letztlich auch die Keimzelle daraus entstehender Gewaltbereitschaft. Trotz des Versuchs der argumentativen Gegenwehr: es bleibt nichts als dumpfer Rassismus übrig.

Man kann in gleichem Sinn die Analyse auch journalistisch knackiger formulieren - vgl. U. Becker in SWP 7.6.2016 - ein Tag nach obigem Eintrag:

"Die Rechtspopulisten folgen seit Monaten dem glei-
chen Schema, mit dem sie die Öffentlichkeit gleich-
sam am Nasenring durch die mediale Manege treiben.
Tabubruch, Abschwächung desselben, Einnehmen der
Opferrolle, weil man entweder falsch verstanden oder
zitiert worden ist. Damit ist die Aussage relati-
viert, die AfD hat sich wieder einmal aus der
Verantwortung gestohlen und bewiesen, dass es nur
die Lügenpresse ist, die ihre wohlgemeinten, gar
nicht rassistischen Aussagen ins Gegenteil verkehrt. 
   Aber: Die Aussage ist in der Welt, sie fällt
immer noch auf fruchtbaren Boden, breitet sich wie
ein lähmendes Nervengift in den Köpfen derer aus,
die eigentlich schon immer so gedacht haben und
sich nicht trauten, es auszusprechen. Und die AfD?
Die begibt sich wieder - souverän lächelnd - auf
den Boden des Grundgesetzes. So hatten wir es doch
gar nicht gesagt, geschweige denn gemeint..."

NB. Der journalistische Beitrag ist ein gutes Beispiel für Sprachbewusstsein, Durchleuchtung öffentlicher Diskurse, insofern wichtig für die politische Meinungsbildung. Neben dem, was jemand inhaltlich vertritt, ist immer auch wichtig, wie jemand argumentiert, wie er die Adressaten einwickelt und zu Folgerungen veranlasst, die diese zunächst gar nicht durchschauen, wie die Sprecher sich aus nicht-haltbaren Positionen herauswinden. - Allenfalls hat man zunächst das Gefühl, als Gelackmeierter dazustehen, wobei der andere fein heraus ist. Die kommunikative Strategie, die das veranlasst, sollte durchleuchtet werden können.

0.3 Rassenrhetorik der türkischen Regierung

Vgl. [9]

0.4 Worte haben Wirkungen

Vor dem Hintergrund zweier Attentate - auf Homosexuelle (USA) und eine britische Politikerin - wird über abgrenzende Sprache nachgedacht, den darin zum Ausdruck kommenden Hass: [10]

1. "Ich habe nichts gegen Ausländer, ABER ..."

1.1 Volkes Meinung

Die "heute-show" hat Ende 2014 korrekt Antworten auf die Frage nach der Einstellung zu Ausländern/Asylbewerbern gesammelt und jeweils das "ABER" in den Antworten ausgeschnitten und hintereinander geschaltet. Es ist in der Tat formelhaft, dass im ersten Satz beschwichtigend, scheinbar positiv geantwortet wird, dann aber das "ABER" folgt. Jedoch:

  • Auch der erste Satz ist schon verräterisch: "nichts" und "gegen" sind zwei abgrenzende, negative Stellungnahmen. Wenn damit eine positive Einstellung vorgetäuscht werden soll, so klappt das nicht: sprachlich kann der Sprecher sich zu einer einfach-positiven, freundlich-offenen Stellungnahme nicht durchringen;
  • "Aber" bestätigt nur: In [11] eingeführt, hat es die Bedeutung "adversativ", "aber nicht" usw., kann auch auf späteren Ebenen zu einer beabsichtigten "Negation" verwendet werden.

Fazit: Nicht erst der zweite Satz "lässt die Katze aus dem Sack". Sondern schon der erste war Augenwischerei.

1.2 CSU und Sprachkenntnisse

Die Forderung aus CSU-Kreisen (Ende 2014), die Asylanten sollten zuhause Deutsch sprechen, hat für Aufsehen gesorgt, vgl. [12]. Aber genaueres Nachdenken lohnt:

Die CSU unterstellt doch sicher, dass ihre Mitglieder geistig nicht schwächer ausgestattet sind, als die nach Deutschland kommenden Flüchtlinge. Also könnte man der CSU-Forderung zustimmen, falls nachgewiesen ist, dass in jeder bayerischen CSU-Familie eine fließende Konversation in einer frei gewählten Fremdsprache - z.B. Arabisch oder eine afrikanische Sprache - möglich und Praxis ist. Was für einen selbst gilt, wird man ja wohl auch von anderen erwarten können! ;-)

1.3 AfD

Vgl. [13] und [14] Ein Mehrfaches fällt bei derartigen Äußerungen auf:

  • Die Erstäußerungen wenden häufig direkt rechtsradikale Argumentationsmuster an.
  • Hinterher zur Rede gestellt - z.B. in nachträglichem Interview - wird öfters abgewiegelt, zurückgewiesen, uminterpretiert.
  • Der kommunikative Effekt: Das rechtsradikale Gedankengut ist als Thema in der Welt, durch die ausgelöste Erregung sogar besonders deutlich. Und zum Zweiten wird abgewiegelt, übertüncht, verharmlost. Aber: Entscheidend ist, dass das rechtsradikale Gedankengut in Umlauf gesetzt worden war. Das Ziel ist erreicht: "Man" ist im Gespräch, kann nicht ignoriert werden.

1.4 Rechter Politikbewerber und arabische Zahlen

Vgl. [15]

2. Heinrich Heine

aus: Tilch, Kruse, Heine für Boshafte, insel-tb :

(53) "Es ist freylich, sowohl durch das Gesetz
wie durch die öffentliche Meinung, hier in Frank-
reich längst der Grundsatz anerkannt worden daß
den Juden, die sich durch Talent oder Hochsinn
auszeichnen, alle Staatsämter ohne Ausnahme zu-
gänglich seyn müssen. Wie tolerant dieses auch
klingt, so finde ich hier doch noch den säuerli-
chen Beygeschmack des verjährten Vorurtheils. Ja,
solange die Juden nicht auch ohne Talent und ohne
Hochsinn zu jenen Ämtern zugelassen werden, so
gut wie Tausende von Christen, die weder denken
noch fühlen sondern nur rechnen können, so lange
ist noch immer das Vorurtheil nicht radikal ent-
wurzelt, und es herrscht noch immer der alte
Druck!"

3. Nazi-Verharmlosung - Präsident Trump

... im Gefolge der Aufmärsche, Demos mit Todesfolge in Charlottesville, August 2017. vgl. [16]