4.39 Verwechslung von Teil und Ganzem

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Warum kann der Elefant nicht radfahren? - fragt ein alter Kinderwitz. Antwort: weil er keinen Daumen zum Klingeln hat. - Die erdrückende Gesamtrealität <<ELEFANT>> wird ins Spiel gebracht und ins Verhältnis zu einer Miniangabe, die zudem gar nicht vorhanden ist, gesetzt, dem <<DAUMEN>>.

Spezifikation heißt eine solche Teil-Ganzes-Beziehung. Der Mechanismus spielte schon auf unterschiedlichsten Ebenen eine Rolle:

  1. bei den Näherbeschreibungen (vgl. [1]): "der Größte aus der Menge"
  2. bei Sätzen (vgl. [2]): "Das Rennauto stammt aus dem Fuhrpark"
  3. bei Stilfiguren (vgl. [3]): "Er trank die Flasche".
  4. bei der Korrektur von Nominalbedeutungen (vgl. [4]): "Der Mantel (der Geschichte streifte ihn)"

Jetzt geht es darum, dass die gleiche Denkform auch im Rahmen von ausgeführten Argumentationen eingesetzt werden kann - zum Nutzen oder Schaden des Partners. Dadurch dass der Sprecher die Aufmerksamkeit des Partners zunächst auf das Kleine und Überschaubare lenkt, verbirgt er die größeren Zusammenhänge. Das kann eine wirksame Form der Irreführung und Täuschung sein. Oder - bei allzu großer Ängstlichkeit des Partners - des sinnvollen Lockens und Ermutigens. - Es wäre schön, wenn hier nachfolgend bald vielfältige Beispiele genannt würden!


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1. Ebene: Bedeutungsgruppen

1.1 Die Ringstraßen Wiens

Den Straßennamen nach gibt es in Wien viele "Ringstraßen". So schließen die Innenstadt ein: "Schottenring", "Burgring", "Opernring", "Kärtnerring", "Schubertring", "Parkring" - die Liste ist unvollständig. - Es entsteht der Eindruck, die Innenstadt sei durch viele konzentrische Ringstraßen umgeben - oben genannt: sechs.

Semantisch werden also "verschiedene Ringe" durch
vorgeschaltetes Nomen ("Beschreibendes") unterschieden.
Vgl. 4.032 Näherbeschreibung – Deskription / Explikation
Pragmatisch ist der Primäreindruck zu korrigieren:
von einem einzigen Ring werden Teilabschnitte
unterschiedlich benannt, es liegen also Spezifikationen vor.

Das kann man in Wien offenkundig so machen. Für Zugereiste bleibt zunächst die Irritation: Sprachlich weist nichts auf die Umpolung hin. Wahrscheinlich nahm man den Verstoß gegen den semantischen Grundmechanismus (zwei separate Bedeutungen werden aufeinander bezogen) hin, weil man pragmatisch einen Gewinn sah (Sprachökonomie = Sprachfaulheit): Es wäre im Alltag zu umständlich, immer sagen zu müssen: "Innenstadtring, Teilabschnitt Oper (usw.)".

2. Oberbegriff - Unterbegriff

Die Hierarchie von Begriffen sollte erkannt werden - nicht dass zu unterscheidende Begriffe als gleichwertig behandelt werden.

2.1 "Mensch"

Laut "Hohlspiegel" (12/2013):

Aus den "Ruhr Nachrichten": "'Das ist eine
Katastrophe', sagt er
(Bezirksbürgermeister Hans Semmler - Red.).
'Dort sind nicht nur Studenten, da leben auch
etliche Menschen.'"

Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein. Berlin 2012 5. Auflage. S.23

Denn er sah es bei jeder Gelegenheit, wie sie
ständig einen Unterschied zwischen Volksgenossen
und Parteigenossen machten. Auch der schlech-
teste Parteigenosse war denen noch mehr wert
als der beste Volksgenosse. War man einmal in
der Partei, so konnte man sich eigentlich alles
erlauben: so leicht passierte einem nichts.
Das nannten sie Treue um Treue.
Er aber, der Werkmeister Otto Quangel, war für
Gerechtigkeit. Jeder Mensch war ihm ein Mensch,
und ob er in der Partei drin war, das hatte
damit gar nichts zu tun.