4.3 Argumentation

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Neben sachlichen und gedanklich weiterführenden Argumentationen gibt es Trug- und Fehlschlüsse. Es gibt sprachliche Tricks und Gemeinheiten, die mit gedanklicher Schlüssigkeit nichts zu tun haben. Und schließlich geht es in Texten nicht nur um "Sachlichkeit", sondern es sollen Meinungen, Einstellungen beeinflusst werden. Das Feld ist weit und interessant.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Märchen

... sind in der Regel bildhafte Beschreibungen eines typischen Verhaltens- und Argumentationsmusters. Als Beispiel nehme man "Des Kaisers neue Kleider", vgl. [1]. Das Thema "Argumentation" ist also nicht auf den gegenwärtigen Punkt 4.3 beschränkt.

0.2 "Ideologie"

Der Begriff sollte in der Alternativ-Grammatik nicht verwendet werden als billiger und kurzatmiger Vorwurf = Abgrenzung, sondern als Denkmuster, -system, das als solches beschrieben werden kann (und sollte) und dessen Auswirkungen in Diskussionen, ja in der Gesellschaft, zu beachten sind. Nach Blenkinsopp (1995)

wird "Ideologie" oft als abwertender Begriff ver-
wendet zur Bezeichnung einer Denkweise, mit der
politische oder ökonomische Herrschaft gestützt
werden soll; der Einfluss einer Machtelite soll
damit weiter gesichert werden. Zweifellos bietet
die Geschichte genügend Beispiele für derartige
Herrschaftsstrukturen und ihre Rechtfertigungen.
   "Ideologie" kann aber auch neutraler verstanden
werden: Zunächst geht es um eine typische Denkweise
einer sozialen Klasse. Indem man sie sichtbar macht,
kann man besser verstehen, wie sich diese Klasse
selbst definiert, wie sie ihre Rolle in der Gesell-
schaft sieht.

Interessant wird es, wenn Vertreter unterschiedlicher derartiger "Ideologien" - im zweiten Verständnis - aufeinandertreffen, z.B. ein Machtpolitiker, ein Philosoph, ein Künstler. Was kann daraus entstehen? Werden sie sich überhaupt verständigen können? Oder reden sie letztlich aneinander vorbei?

0.3 "Tradition"

In Religionsgemeinschaften, aber auch in Staaten, Rechtssystemen, Vereinen usw. spielt die "Tradition" eine große Rolle: sie schließt eine Ansammlungen von Prinzipien, Orientierungen, Zielen ein, die sich so verfestigt haben, dass sie für nachwachsende Generationen verpflichtend geworden sind. Oft werden nur leichte Anpassungen an die neue Zeit geduldet, ansonsten bleibt das "Erbe" der Vorväter verpflichtend. Wer das nicht beachtet, wird ausgeschlossen.

Im 4. Jhd. n.Chr. hat für das Christentum
Vinzenz von Lerin eine zwar berühmte, aber nicht
wirklich gut handhabbare Formel dafür gefunden:
"Tradition ist,
was immer, was überall, was von allen" geglaubt
worden war - das eben stelle den Inhalt des
christlichen Glaubens dar.
Auch auf Quantitäten verweist die jüdische Sicht
(Mischna), wonach eine Traditionskette den
verpflichtenden Charakter absichert: Mose erhielt
das Gesetz Gottes am Sinai, gab es an Josua weiter,
Josua an die Ältesten, diese an die Profeten,
letztere schließlich an die Männer der Großen
Versammlung.

Auf diese Weise entstehen geistige Wegmarken, Sicherheiten, an denen man auch in späteren Zeiten diese Gruppe erkennt und misst. Bisweilen gelingt es Jüngeren, die Gründerfiguren neu und kritisch zu betrachten, begründet zu korrigieren, inzwischen entstandene Idealisierungen zu zerstören. Solche Vorgänge sind dann schwer zu bewältigen für die Gruppe, intuitiv versucht die Mehrheit, solche "Netzbeschmutzer" abzuwehren, keinen Traditionsbruch zuzulassen.

Es muss sich dann erweisen, wie abgesichert die neue
gedankliche Position ist, und ob es sich die Gruppe
weiterhin leisten kann/will, von Verdrängung zu
leben, vom NICHT-WISSEN-WOLLEN.  - Vgl. [2]

0.4 "Sekte, Gruppenideologie"

Eine Steigerung von [3] und [4] ist es, wenn man das gedankliche Konzept einer Gruppe als so fest betrachten muss, dass es als Dogmatik, womöglich als die alleinige Wahrheit angesehen werden muss - falls man dazugehören will. Es gibt genügend Beispiele in der Geschichte, wo Abweichler verfolgt, in Irrenhäuser gesperrt oder mit dem Tod bestraft wurden.

Glaubt eine Gruppe, sich auf eine "göttliche Offenbarung" berufen zu können, hat dies - sprachlich-kommunikativ gesehen - verschiedene Effekte:

  1. die Gruppe ist unfähig bzw. unwillig, kritisch das Thema "göttliche Offenbarung" anzugehen, vgl. [5]
  2. generell, nicht nur beim Thema "Weltanschauung / Religion" darf nicht nur bei der Wortbedeutung verharrt werden, sondern sind Indizien zu beachten, die auf eine zweite, gemeinte Bedeutung verweisen, vgl. [6]
  3. Man spricht dann davon, dass die Gruppe sich gegen begründete Einwände, neue Einsichten immunisiert, andere Sichtweisen nicht verarbeitet.
  4. Kurz gesagt: die Gruppe wurde gesprächsunfähig, vgl. [7].

0.5 Hilde Domin: Sarkastische Empfehlungen für konformes Verhalten

Vgl. [8] - das Foto der Tafel muss eben entsprechend vergrößert werden. - Ausschnitt etwas besser lesbar: [9]. Der Text in benutzbarer Form: [10]

0.6 "Dogmen"

... seien - so der katholische Theologe Karl Rahner - wie Straßenlaternen, die den Heimweg nachts erleuchten. Aber nur Besoffene würden sich daran festhalten. - Diesen Hinweis gab der MP von Baden-Württemberg, W. Kretschmann, in einem Interview.

Anders gesagt: Sprachlich, womöglich feierlich vorgegebene
Sätze, sind zu beachten. Aber sie ersetzen nicht
eigenes Denken (und daraus folgendes Handeln).
Insofern entmündigen 'Dogmen' nicht, machen nicht
abhängig, sondern provozieren zu eigener Meinungs-
bildung.
(Nun ja, mögen das Institutionen, die mit solch
feierlich promulgierten Sätzen hantieren, auch so
sehen ...) 

0.7 Statt Argumentation: Verbreitung von Dummheit und Hass?

Auskotzen via social media? Vgl. [11]

0.8 Ausstieg aus Denk-, Verhaltens-, Empfindungsmustern

... ist nicht einfach. Denn, was einem zum selbstverständlichen Habitus geworden ist, will erst als solcher erkannt werden. Aber selbst Firmen erkennen heutzutage die Wichtigkeit einer Verflüssigung der geistig-seelischen Struktur ihrer Mitarbeiter: zur Steigerung des Wohlbefindens = Verringerung von Fehlzeiten, zur Entwicklung von Kreativität. Vgl. [12]

0.8.1 Einstieg in neue Denk-, Verhaltens-, Empfindungsmuster: Funktion von Literatur, Fiktion

Man muss wach bleiben: Mit "Muster" u.ä. wird in der Regel verbunden: abgedroschen, seit ewigen Zeiten in Gebrauch, unkreativ usw. - Häufig werden solche implizierten Charakterisierungen auch zutreffen.

Aber bei solchen 'geistigen Gefängnissen' muss man nicht stehenbleiben. Es müsste möglich sein, ihnen zu entkommen, neue Wege zu beschreiten. Dazu muss aber jemand Ideen entwickeln, wie solche Wege aussehen könnten, und breit erläutern, wie damit unser Leben sich verändern würde.

Fantasie ist gefragt. Und üblicherweise wird es als Funktion von Literatur angesehen, derartige Modelle zu entwickeln und den Lesern anzubieten - mögen sie dann prüfen, ob sie sich auf diese neuen Wege einlassen können und wollen. Vgl. Salman Rushdie im Interview: SPIEGEL 36/2017 S.113:

"Aber ich habe schon immer diese Paradoxie geliebt: dass
Literatur der Ort ist, um Wahrheit zu suchen. Fiktion
ist der Ort, an den du gehst, um Wahrheit zu finden. Es
war so oft schon so in der Geschichte der Literatur. In
der Sowjetunion sind die Menschen zu den Schriftstellern
gegangen, um die Wahrheit zu erfahren, obwohl die Dinge
erfunden haben - und die Leute, die behauptet haben, die
Wahrheit zu sagen, haben in Wahrheit alles erfunden."

= pragmatische Weiterführung des Themas IMAGINATION aus der SEMANTIK, vgl. [13] Kennzeichen dieses Modal-Registers ist es ja, dass es entweder in die Vergangenheit - retrospektiv - oder die Zukunft - prospektiv - ausgreift, die Vorstellungskraft für diese beiden Bereiche aktiviert. Im Gegensatz zur reinen Faktenbeschreibung für die Gegenwart (durch sie sind dem Geist Fesseln angelegt, wegen der nachprüfbaren 'objektiven' Zwänge).

1. Muster, Schemata, Klischees

Denkwege, eingefahrene Gedankengleise beherrschen unseren Geist. Es bedarf einer eigenen Anstrengung, wenn man ihnen nicht verfallen, sondern eigene, der Situation angepasste, neue Wege gehen will. Dazu sollten aber all die Muster erst einmal erkannt sein.

1.1 Auseinandersetzung mit Haken und Ösen

Worum es inhaltlich und innerkirchlich nachfolgend geht, interessiert hier nicht. Es wird aber das Wie der Auseinandersetzung im Interview thematisiert. Allgemein: eine Gruppe österreichischer Theologen hatte gegen die Kirchenzentrale aufgemuckt (und konstruktive Vorschläge geliefert). Die Reaktion von dort setzt - zur Erhöhung des Gewichts - ein: kirchliches Fest, ohnehin die Oben->Unten-Kommunikation, aber auch: (aus einem Interview mit dem Theologen Häring):

Wenn der Papst an einem der heiligsten Tage des
Jahres eine einzelne Initiative in einer feier-
lichen, hochoffiziellen Predigt angreift, dann ist
das ein schwerwiegender Vorgang. Warum macht er
das? Ich glaube, er steht mit dem Rücken zur Wand.
Er sieht, dass er keine Sanktionen aussprechen kann. 
Warum könnte er das nicht? 
Hermann Häring: Er weiß genau, dass die Betroffenen
und engagierte Katholiken aus anderen Ländern eine
Sanktion nicht widerspruchslos hinnehmen werden.
Angesichts des prekären Priestermangels in vielen
Ländern ist ein Einverständnis mit einsatzfähigen
Seelsorgern auch für Rom zu einem kostbaren Gut
geworden. 
Sein Ton in der Predigt bleibt freundlich, ist das
positiv zu sehen?
Hermann Häring: Er verwendet in seiner Predigt
eine der unangenehmsten Methoden, nämlich die der
freundlichen Frage, die Fehlverhalten unterstellt
und so Misstrauen sät. Er redet vom Glauben, der
selbstlos sein solle, sagt, dass man geben und nicht
nehmen müsse. Auf Basis dieser Argumentation kommt
der Zuhörer zu dem Schluss, dass die Initiative nur 
ihre eigenen Vorstellungen durchsetzen will und nicht
im Sinne Jesu handelt. Eine ungeheure Unterstellung,
die da herausklingt, die der Papst aber nicht direkt
ausspricht, sodass sich die Betroffenen nicht wehren
können. Der Hörer geht mit dem Gefühl weg, dass es
sich um eigensinnige Kritiker handelt.
Helmut Schüller war laut Radio Vatikan »angenehm
überrascht« von der Papstpredigt. Sie sei zum Teil
»sehr sanft« gewesen, er freue sich, dass die
Pfarrer-Initiative vom Heiligen Stuhl und in der
Öffentlichkeit wahrgenommen werde. 
Hermann Häring: Das war eine kluge Reaktion,
dadurch hält er den Druck auf Rom aufrecht. Er sagt:
Redet mit uns! Und lässt sich auf keine Automatismen
von Reaktion und Gegenreaktion ein.


1.2 ÜBUNG: Mark Twain hilft, Klischees zu erkennen

Vgl. dazu die beiden Texte: [14] und - schön gegensätzlich - [15]


1.3 ÜBUNG: Vorschläge

.., die kreativ ausgeweitet werden können. Vgl. [16]


1.4 Nicht-Argumentation und positive Wertung: Harmonisierung

Häufig genug gibt es das Nicht-Denken, Nicht-Argumentieren. Es dominiert das Verklären, Bejubeln, Ausblenden von Widerstreitendem. Das gilt auch für die neutestamentlichen Pfingstgeschichten.

  • einerseits wird von einem gewaltigen, faszinierenden Ereignis gesprochen [17]
  • andererseits sind die Ausdeutung durch Petrus (Apg 2,14-36) und die Skizzierung der ersten Gemeinde (Apg 2,37-47) harmoniesüchtig: [18] und [19]

1.5 Nationale Stereotypen

Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit.
Eine Lehrrede. Übersetzt von Anton J. Gail.
Reclam Nr.1907. Stuttgart 2010. 
[Die Torheit spricht:]
(55f) Man kann sogar feststellen, daß die Natur wie
den einzelnen Menschen so auch den einzelnen Na-
tionen, ja fast jedem Staat eine Art kollektiver
Eigenliebe mitgegeben hat. Daher kommt es, daß die
Engländer Gestalt, Musik und leckere Mahlzeiten vor
allem als ihre Eigentümlichkeiten betrachten. Die
Schotten tun sich etwas zugute auf Vornehmheit,
aristokratische Verbindungen und scharfsinnige
Spitzfindigkeiten. Die Franzosen nehmen die Höf-
lichkeit für sich in Anspruch, und in Paris rühmt
man sich mit anmaßlicher Eigenwilligkeit fast
ausschließlich der theologischen Wissenschaft.
Die Italiener paradieren mit den schönen Künsten
und der Beredsamkeit und schmeicheln sich alle mit
der Überzeugung, allein auf Erden von der Barbarei
verschont zu sein. In diesem Glücksgefühl haben es
die Römer am weitesten gebracht, die heute noch
wohlig von ihrem alten Rom träumen. Die Venezianer
sonnen sich im Bewußtsein ihrer Erlauchtheit. Als
Begründer der Wissenschaften gehen die Griechen mit
den Namen ihrer gepriesenen Vorzeitheroen hausieren.
Die Türken, und was sonst noch in der Barbarenwelt
herumkreucht, beanspruchen den Vorzug der Gläubigkeit
für sich und lachen über die Abergläubigkeit der
Christenvölker. Mit noch größerer Verbissenheit er-
warten die Juden bis auf diesen Tag inständig ihren
Messias und halten bis heute nachdrücklich an ihrem
Moses fest. Die Spanier gönnen den Kriegsruhm kei-
nem andern. Die Deutschen sind stolz auf ihre hohen
Wuchs und ihr magisches Wissen. Doch ich will mich
nicht bei Einzelheiten aufhalten.

1.6 "Phraseologie" - Unterschied beachten!

"Phraseologie" kann man so verstehen, wie wir bei der (Ausdrucks-)SYNTAX "feste, geprägte Wortketten" betrachten. Vgl. [20] Ohne Bedeutungseinschlüsse liegt eine feste Wortkette in mehreren Texten, die von mehreren Autoren stammen vor. = ein ausgeprägter Standardsprachgebrauch ist nachgewiesen.

Häufig wird von "Phraseologie" aber weniger präzis gesprochen, eher im Sinn eines inhaltlichen Klischees: Gewisse Bedeutungsfunktionen werden standardmäßig/häufig mit den gleichen Ausdrücken artikuliert.


Standardphrasen bei Lohnverhandlungen - und wie man sich verhalten sollte: [21]


1.6.1 Staatstragende Festlichkeit = nichtssagend?

Zum Tag der deutschen Einheit 2017 die Ansprache des Bundespräsidenten Vgl. [22]

1.7 Griechenland-Klischee

SPIEGEL 29/2015:

"Also schrieb Hölderlin, ein Schwabe, aus der Per-
spektive des Hyperion, eines glücklichen Griechen,
in dessen Rolle er schlüpfte: 'So kam ich unter
die Deutschen ... Barbaren von alters her, durch
Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion
barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttli-
chen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der
heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung
und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgear-
tete Seele, dumpf und harmonielos ... ich kann kein
Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deut-
schen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen,
Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine
Menschen...'"
"Und so kam die erste Nachkriegsgeneration zu ihrem
Bild vom genügsamen, urigen Südländer, der noch
einen Ouzo extra ausgibt und irgendwie besser zu
leben weiß als man selbst. Diese Tramper hatten mit
dem Weltkrieg nichts mehr zu schaffen. Aber ihr
Griechenbild war trotzdem exakt dasselbe wie jenes
ihrer Eltern. Ein Klischee.
   Ein Klischee, das die Wunden überdeckte, die die
deutsche Wehrmacht in Griechenland geschlagen hatte,
Untaten, deren Kenntnis bis heute nicht zur deut-
schen Allgemeinbildung zählt. Wäre das anders,
stünde Griechenland nicht nur mit Pythagoras und
Aristoteles auf den Lehrplänen der Schulen, wäre
die einhellige Empörung über die wiederkehrenden
Reparationsforderungen vermutlich geringer ausge-
fallen."

1.8 Trump-Wahl: Klischees bez. weichgespülte Politiker überwunden?

Hat sich im Ergebnis somit eine Erleichterung gezeigt? Demnach - laut Kolumne - wäre es nicht primär um finanzielle Themen der Umverteilung gegangen. Sondern um die Erleichterung, dass da einer anders redet und sich aufführt als die Standardpolitiker der obersten Ebene. [23]

1.9 Bundesdeutscher Jammerzyklus - und Abhilfe

Vgl. [24]

1.10 Protestanten - Katholiken

SPIEGEL 48/2016:

"Von innen muss man sich diese deutsche Seele vorstellen wie
eine evangelische Kirche: schlicht und aufgeräumt, keine
Extravaganzen, keine überflüssigen Ornamente.
   Der Katholizismus kennt den Karneval und die Fastenzeit,
eine Zeit des Frusts nach übertriebener Freude, der Buße
nach exzessiver Sünde; ein ritualisierter Kater. Er kennt
die Beichte, ein Ritual mit reinigender Kraft, er kannte
den Ablasshandel, also das Freikaufen von Sündenstrafen.
All das hat Luther den Leuten ausgetrieben.
   Regiert seit Luther das schlechte Gewissen? (...)
   Interessanterweise haben sich Protestanten lange schwer-
getan mit dem Genre des Romans. Als er im 18. Jahrhundert
aufkam, beäugten sie ihn kritisch: zu unterhaltsam, zu
wenig mühsam. Ihnen ging es um die Moral von der Geschichte,
nicht so sehr ums Lesevergnügen. Die Romantiker stellen dem
Roman daher die Novelle entgegen, ein Genre mit protestan-
tischen Tugenden: strenge Form, hartnäckige Botschaft.
'Welcher Deutsche lässt sich schon gern sagen, dass er ein
Buch liest, allein um sich zu unterhalten? Der deutsche
Leser liest zwar nicht mit dem Bleistift in der Hand,
aber im Geist macht er sich Notizen' (...)
   Nach allem, was man weiß, war Luther wohl ein Sinnen-
mensch, die anderen Reformatoren des 16. Jahrhunderts
eher nicht. um 1700 trieb der Pietist August Hermann
Francke dem Protestantismus den letzten Rest Lebenslust
aus. Ein offizielles Abendessen in der Reichsstadt
Schwäbisch Hall soll er verlassen haben, weil ihm die
Tafel zu üppig gedeckt erschien."

1.11 Einstieg: Formeln, geprägte Wendungen

Vgl. [25] und umgebende Erläuterungen/Illustrationen dort.

1.11.1 Wissenschafts-Nonsens mit Standardjargon

Vgl. [26]


2. Bilder als Argumente

Ein (Sprach-)Bild beschreibt zunächst nur "was ist", auch wenn das Dargestellte nicht im Außenbereich vorkommt, somit von anderen überprüfbar ist, sondern der privaten Fantasie des Malenden entspringt. Ein Bild ist somit zunächst kein "Argument" im Rahmen einer Debatte. - Es kann aber zu einem solchen werden, wenn sich herausstellt, dass das Bild Aspekte sichtbar macht, die von den anderen bislang übersehen worden waren.

2.1 Gleichnis

Aus dem Neuen Testament werden viele Situationen berichtet, wo in der Auseinandersetzung mit Gegnern von Jesus Gleichnisse, kleine Sprachbilder eingesetzt wurden: Vgl. [27]. - Gut strukturiert, kann solch ein Minitext zum 'schlagenden Argument' werden.

2.2 Keine Bilder bei Bewerbungen - "unconscious bias"

vgl. [28]

3. Abrundung eines Gedankenganges - Nicht-Abrundung = Spannung

Auf vielen Ebenen hat man es mit "sprachlichen Einheiten" zu tun. Auf Satzebene hilft einem die Interpunktion, die Einheiten voneinander zu unterscheiden. Auf Textebene die optische Absatzgliederung. In einer Sammlung gibt es Konventionen, die die Einzeltexte voneinander abgrenzen. - Etwas schwerer zu fassen ist, wann eine Argumentationsfigur zu einem befriedigenden Abschluss gekommen ist. Ein Gefühl dafür entwickelt man meist spontan und zutreffend. Dies noch vollends mit grammatischen Begriffen zu verbinden, könnte Ziel des aktuellen Punktes sein. - Dann nämlich kann man über dieses Gefühl auch vernünftig reden ...

3.1 Spannung - Unterbrechung - Lösung

aus SPIEGEL-online (9.4.2013):

"Wenn ein Song den Versuchspersonen, gleich nach-
dem sie ihn gehört hatten, im Ohr blieb, kehrte
dieser mit hoher Wahrscheinlichkeit innerhalb der
nächsten 24 Stunden zurück. Hyman führt das auf 
den sogenannten Zeigarnik-Effekt zurück. Dieser
besagt, dass man sich an unterbrochene Gedanken
und unvollendete Aufgaben besser erinnert als an
abgeschlossene. Bringt man eine Sache zu Ende,
hakt das Gehirn sie gewissermaßen als erledigt ab.
Wird eine Aufgabe, ein Gedanke oder eine Geschichte
dagegen unterbrochen, bleibt die Spannung erhalten,
das Thema beschäftigt einen weiterhin. Serien-
Süchtige kennen das Phänomen gut: Auch wenn die
Augen schon brennen, brauchen sie noch eine letzte
Folge, und dann noch eine wirklich letzte."