4.42 Einheitliches Thema (Isotopien)

Aus Alternativ-Grammatik
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Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

Texte können aus entgegensetzten Gründen interessant werden: Sie bieten ein Thema, entfalten - ein thematisch zusammenhängendes Feld - dies aber immer differenzierter und anschaulicher durch allerlei Unterthemen. Auf Video-Ebene entsprächen dem Dokumentationen. Oder aber Texte führen mehrere Themen/thematische Felder zusammen (in sich weiter entfaltet), die nach allgemeinem Urteil weit voneinander entfernt liegen. Das erzeugt Spannung und Konflikte, Überraschung. - In beiden Formen benötigt man einen geschulten Blick - und auch Rückfragen bei Zeitgenossen -, was denn allgemein als "homogene inhaltliche Ebene" aufzufassen ist.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Thema - "durcharbeiten"

Aus der Musik, dem klassischen Sonatensatz, weiß man: er bietet zwei "Themen", d.h. aus wenigen Takten bestehende Einheiten - und damit soll dann eine musikalische Großeinheit - z.B. der Satz einer Symphonie oder einer Sonate - gestaltet werden, Dauer z.B. 20 Minuten. Wie soll das gehen? Das Spielen derartiger Themen ist in wenigen Sekunden erledigt.

Schon rein rechnerisch muss die Antwort lauten: jene wenigen Themen werden vielfältig variiert und miteinander verknüpft. Nur so kann die geringe Quantität des Ausgangsmaterials letztlich eine Einheit von 20 Minuten bilden. Und diese Verarbeitung/Durchführung sollte so geschehen, dass viele interessante Varianten der Themen vorgestellt werden - ansonsten droht nämlich gähnende Langeweile und das Publikum flieht. - Gelingt es jedoch, viele Facetten nur dieser beiden Themen sichtbar zu machen, prägen die Themen sich ein, überzeugen, man kommt zum Urteil: geniale musikalische Gestaltung! Der Komponist hat konzentriert 'durchgearbeitet', sich nicht verfranst. Eine solche Einstellung wollen die Musikhörer erleben.

Das ist auch in anderen Bereichen so: "Themen" sind wichtig. Kommunikativ überzeugend sind sie aber erst, wenn der Sprecher nachweist, dass er detailliert und fundiert damit umgehen, die damit zusammenhängenden Aspekte verarbeiten kann. Erst so können die Adressaten das Thema in ihren Lebensbereich übernehmen. Das Thema für sich genommen ist erst ein Plakat. Ein solches hochzuhalten bewirkt noch nicht viel. Ein Thema muss entwickelt, in seinen Zusammenhängen verdeutlicht, verbreitert werden - das ist das, was wir Isotopie nennen.

Bisweilen gibt es Politiker, die ständig neue Themen in die Debatte werfen und glauben, damit Aufsehen und Gefolgschaft erreichen zu können. 'Aufsehen' ja, 'Gefolgschaft' nein - denn dafür bräuchte es eine seriöse, das heißt oft auch: mühevolle Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema. Zitat aus SPIEGEL 20/2013:

"Das dröhnende Schweigen der ... zeigt, wie viel
Verdruss sich in den vergangenen Monaten über den
Vorsitzenden aufgestaut hat: über sein wahlloses
Themen-Potpourri, die politische Beliebigkeit,
das Tempo, mit dem er die politische Landschaft
durchpflügt ... Was er nicht gemusst hätte:
Themen produzieren wie am Fließband, wichtige, un-
wichtige, taktische, populäre. Immer auf der Suche
nach Angriffspunkten, immer auf der Überholspur.
Bankenrettung, Steuerbetrug, Lebensmittelpolizei,
Zypern-Hilfen - jetzt hat ihn das Tempolimit aus
der Kurve getragen." 

0.2 Supermarkt-Gliederung

Jedes dieser Verkaufsareale macht sich den gegenwärtigen Gesichtspunkt zu eigen, andernfalls wäre die Fülle an Regalen für Kunden vollkommen verwirrend und zeitraubend - und das Personal wäre vollauf beschäftigt, Auskunft zu geben, wo diese oder jene Ware zu finden ist.

Also hängt über einer Regalgruppe - im Fall von Lebensmitteln/Haushaltswaren - das Schild "Milch/Käse", über anderen Regalen "Fleisch/Wurst", wieder über anderen "Getreide/Mehl" usw. Jeweils werden sehr viele Einzelprodukte unter den Hauptkategorien angeboten. Immer auf dem Allgemeinwissen basierend, dass sie von allen unter den Oberbegriffen mitverstanden werden. Auf der Suche nach "Schnürsenkeln" werde ich die genannten Regalbereiche von vornherein meiden.

Wenn in einem Baumarkt eine Regalstraße überschrieben ist mit "Schrauben", wenn ich aber Glühbirnen suche, dann werde ich meine Schritte sofort in eine andere Richtung lenken, nämlich hin zur Überschrift "Elektro".

0.3 Liederbuch-Gliederung

Ein Lied hat und entwickelt seine eigene Bildwelt. Dadurch spricht es schon auf Textebene an - noch losgelöst von der Musik. Es wäre verheerend, wenn der Liedtext vorwiegend Abstrakta böte, vgl. [1]. Die Funktion von Liedtexten, eigene imaginative Welten zu entwickeln, würde verblassen und lediglich einige Lebensweisheiten, im Fall von Kirchenliedern: dogmatische Versatzstücke in Worte fassen.

Auf die imaginativen Welten von Liedern kommt es uns an. Wie bei Gedichten stehen sie bei Liedtexten - als Wortbedeutung zunächst - im Vordergrund und lösen eigene, spezifische Assoziationen aus. Von Lied zu Lied sind solche imaginative Welten natürlich vollkommen verschieden. Jeder Versuch, sie zu harmonisieren, wäre lachhaft und zum Scheitern verurteilt.

Herausgeber von Liederbüchern machen keinen solchen Harmonisierungsversuch, haben aber das Recht, die unterschiedlichen Lieder unter Überbegriffen zusammenzufassen, indem sie all die Einzelaussagen und Sprachbilder einem - notgedrungen abstrakter formulierten - Inhaltsbereich zuordnen. Letzteren meinen wir mit "Isotopie". Nachfolgend selektiv einige Beispiele:

Isotopie                            Lied
Liebe & Freundschaft                Greensleeves
                                    Yesterday
                                    Dat du min Leevsten büst
                                    Kein Feuer, keine Kohle
                                    Mrs. Robinson
                                    Und in dem Schneegebirge
                                    I got rhythm
                                    Wenn ich ein Vöglein wär
                                    Bald gras ich am Neckar
Reise & Natur                       Wohlauf in Gottes schöne Welt
                                    Leise zieht durch mein Gemüt
                                    Es klappert die Mühle am 
                                    rauschenden Bach
                                    Auf de schwäbsche Eisebahne
                                    Rolling home
                                    My Bonnie is over the ocean
                                    Should auld acquaintance
. . .                               . . .

0.4 Themen - suchen/finden

aus: H-J- Ortheil, Der Stift und das Papier. Roman einer Passion. München 2015. S.190f:

Papa möchte Texte über Verwandte nicht unbedingt
lesen. Er sagt, er kenne die meisten seit ihrer
Geburt und wisse fast alles über sie. Das genüge,
und er braucht zu diesem Thema wirklich keine
neuen Texte. Mama antwortet, sie wisse auch fast
alles über ihre Verwandten, in meinen Texten
erschienen sie aber 'in einem anderen Licht'.
Papa schüttelt darauf nur den Kopf und sagt:
'Wahrscheinlich rückt das genaue Auge alles in
ein anderes Licht. Nein danke!' Mama findet
diesen Spott nicht passend und fragt zurück:
'Worüber soll der Junge denn stattdessen
schreiben? Vielleicht über die Kuhfladen auf
den Wiesen bei P.?' Papa lacht nach solchen
Fragen und antwortet: 'Zum Beispiel. Ja. Genau.
Kuhfladen sind ein bedeutender Stoff für einen
neuen Text. Ich kann mich nicht erinnern,
jemals etwas Präzises darüber gelesen zu haben.

0.5 "Stadt - Land - Fluss"

... fortgeführt durch "Name - Tier - Pflanze - berühmte Persönlichkeit". Der Reiz des beliebten Spiels soll hier nicht zerredet werden. Aber man sollte erwähnen, dass es glasklar methodisch mit einer unserer zentralen Unterscheidungen operiert. Und das Hin- und Herschalten zwischen beiden Ebenen führt jeweils in eine komplett andere Betrachtungsweise von Sprache/Wissen, so dass Spielteilnehmer bisweilen überfordert sind, sie empfinden die Anforderung als anstrengend. Das Spiel ist jedenfalls methodisch ein sehr gutes Gehirntraining:

  • Jede Runde wird eröffnet durch die Festlegung eines Anfangsbuchstabens der gesuchten Wörter. Was die Wörter inhaltlich bedeuten, interessiert hier noch nicht: sie müssen allein die Bedingung erfüllen, z.B. mit dem Buchstaben "Z" zu beginnen. Spieler sind also aufgefordert, aus ihrem Wort-Vokabular alles auszusondern, was nicht mit "Z" beginnt. Eine solche Blickrichtung ist nichts anderes als unsere Ebene der "(Ausdrucks-)SYNTAX", vgl. [2].
  • Es schließt sich eine zweite Stufe des (Aus-)Sortierens an: beibehalten werden darf nur eine Wortform, die inhaltlich zur jeweiligen Überschrift passt: "Stadt ..." - die zu findende Einzelbedeutung - z.B. "Zwickau" - muss zur Gesamtgruppe der "Städtenamen" gehören. - Die Spaltenüberschriften - z.B. "Stadt" - sind also genau das, was wir aktuell behandeln: Benennung von "Isotopien" = inhaltlich homogene Bedeutungen. Diese Betrachtungsweise ist Teil der PRAGMATIK.

Wie angedeutet: die klar unterschiedenen Betrachtungsweisen von Sprache/Wissen zwingen unser Gehirn, ständig umzuschalten. Eine heilsame Trainingsmöglichkeit für das Gehirn. Zugleich eine spielerische Umsetzung - insofern willkommen - unserer grammatischen Grundunterscheidung.

0.5.1 Weitere Bedeutungsebene im Spiel

- die bisherigen Beispiele zeigten es schon. Wird ein

  • Stichwort angeschlagen - noch ist das ja nur ein Wort = Ausdruck, vgl. [3] - so
  • fällt kompetenten Spachbenutzern die einmal gelernte dazugehörige Bedeutung ein, vgl. [4]. Oft sind es mehrere, unterschiedene Bedeutungen. Welche soll nun gelten? Das kann die
  • Sprechsituation oder der Textzusammenhang klären, vgl. [5]. Dabei hilft das Wissen, mit welcher Einzelbedeutung welcher 'Hof weiterer Bedeutungen' verbunden zu sein pflegt, welche jedoch nicht, vgl. [6]. Der Blick weitet sich also bei der Bedeutungsfrage.

Schön und gut - grammatisch ist diese Betrachtungsweise ein großer Fortschritt. Da es 'absolute' Sicherheit nirgends gibt, darf man sich auch grammatisch nicht überschätzen. Aber man kann mit unserem Konzept wenigstens Sprachunfälle besser beschreiben und genießen ;-)

"Was hilft bei Fußpilz?
In Knoblauch steckt das natürliche Anti-Pilz-Mittel Ajoene. Es kann
jede Form von Fußpilz bekämpfen. Dafür ein paar Zehen fein hacken,
mit Olivenöl mischen und mit einem (...)"
Aus der Programmzeitschrift "TV 14" (Fund in Hohlspiegel 31/2017)


0.6 Debatte von Präsidentschaftsbewerbern

In der Analyse kann man natürlich die Themenfelder notieren, die behandelt worden waren, vgl. [7] Das ist inhaltlich nützlich. Zugleich wird klar, dass mit dieser Betrachtungsweise die Dynamik einer Live-Debatte gestrichen wird. Auf sie müsste erst noch in einer eigenen Analyse eingegangen werden - erst dann würde sichtbar, wie aggressiv die Bewerber in diesem schmutzigsten US-Wahlkampf aufeinander losgingen...

1. "Die Blechtrommel"

1.1 Kapitel 1

Durchgezählt werden in der linken Spalte die optisch erkennbaren Abschnitte/Paragrafen des Kapitels. Jeder einzelne Abschnitt wird einem oder mehreren inhaltlichen Feld(ern) = Isotopie(en) zugeordnet. Maßgebend ist die Intuition gewesen, welche Einzelbedeutungen üblicherweise einem inhaltlich-gedanklichen Bereich zugehören. Dazu gehört auch die vergewissernde Rückfrage bei anderen, ob sie die vorgeschlagene Bestimmung der Isotopie mittragen. Ziff. 1.1 und 1.2 ist das Ergebnis von Untergruppenarbeit.

Ein anderer Ansatz ist Ziff. 1.3: Die Gruppen von Wörtern, an denen Bedeutungen hängen, wurden von einem Computerprogramm errechnet: Innerhalb des Korpus "Die Blechtrommel" kann von den Wortformen einer Gruppe gesagt werden, dass sie eine erhöhte Wahrscheinlichkeit haben, miteinander aufzutreten. Diese Befunderhebung stützt sich also überhaupt nicht auf intuitives Inhaltswissen, sondern auf Wortstatistik.

Beide Ansätze kann man vergleichen. Die wortstatistische Befunderhebung macht bewusst, welche vielfältigen Daten beim intuitiven Zugang spontan und weitgehend unbewusst verarbeitet werden. In beiden Fällen muss der gemeinsame Nenner solcher Bedeutungsgruppen erst ausformuliert werden.


Textabschnitt Isotopie
001 Farben
002 Heilanstalt
Farben
003 Heilanstalt
Kunst
004 Heilanstalt
Kunst
Farben
005 Heilanstalt/Bett/Heile Welt
Farben
006 Heilanstalt
Besucher/Chaos
Farben
007 Heilanstalt
Besucher/Chaos
Kunst
Farben
008 Heilanstalt
Papier
009 Heilanstalt
Papier
010 Heilanstalt
Papier
011 Heilanstalt
Papier
012 Heilanstalt
Roman
013 Großmutter
Röcke
Kartoffeln
014 Großmutter
Röcke
Kartoffeln
Farbe
015 Großmutter
Röcke
Farbe
016 Großmutter
Röcke
Farbe
017 Großmutter
Röcke
Kartoffeln
Farbe
018 Großmutter
Röcke
Farbe
019 Großmutter
Röcke
Farbe
020 Großmutter
Röcke
Farbe


Das erste Kapitel, bis Abschnitt 20, lässt sich in zwei große Isotopien unterteilen, welche linear im Text angeordnet sind. Innerhalb dieser Isotopien befinden sich weitere Isotopien, welche nicht linear angeordnet sind. Der erste Abschnitt (Heilanstalt) beschäftigt sich mit dem Leben des Insassen Oskar, der Beziehung zu seinem Pfleger (Kunst, Papier) und seiner "heilen Welt" (Bett) die gelegentlich in Unordnung gebracht (Besucher) werden. Im zweiten Abschnitt erzählt der Insasse Oskar vom Leben seiner Großmutter. Der Abschnitt Großmutter ist nochmals in zwei Teile unterteilt, eine Beschreibung ihrer Arbeit (Kartoffeln) und eine Erklärung ihrer Eigenart fünf Röcke übereinander zu tragen (Röcke).

Das Ergebnis lässt sich grafisch verdeutlichen:

Isoblech01.jpeg 


1.2 Kapitel 44

Textabschnitt Isotopie
001 - Dreißig
002 - Flucht
- Großmutter
- Alter
003 - Dreißig
004 - Freundschaft
005 - Verwirrt durch Jesus Vergleich
- die gute Nachricht
006 - der Freispruch
007 - die wahre Schuldige
008 - Eifersucht
- fälschlich Beschuldigt
- die Flucht
009 - Dreißig
010 - Flucht Richtung Westen
011 - Erinnerungen
- Reisevorbereitungen
- Oskars Tour
012 - Filmassoziation
- Koffer Packen
- Fürchtenswerte Flucht ?
013 - Dreißig
- eingeredete Flucht!
014 - Flucht ohne Grund ?
015 - Dreißig
016 - Angst vor der schwarzen Köchin
- abhängigkeit von Oskar
017 - Dreißig und und die Angst vor der schwarzen Köchin
Angstschreck Goethe
018 - Angst vor der schwarzen Köchin
019 - Angst vor der schwarzen Köchin
020 - Flucht und Furcht
- Angst vor der schwarzen Köchin
021 - Oskar und die Flucht
022 - Dreißig
- Maria
023 - Oskar
- Rolltreppe
024 - Angst vor der schwarzen Köchin
- Rolltreppe
025 - Dreißig
- Metallbett
026 - Rolltreppe
- Maria
027 - Dreißig
- Flucht nach Westen
028 - Rolltreppe
029 - Polizei
- Furcht
030 - Dreißig
- Trommel
031 - Rolltreppe
- Polizei
032 - Oskar
033 - Heil-und Pflegeanstalt
- Oskar
034 - Angst vor der schwarzen Köchin
035 - Angst vor der schwarzen Köchin
036 - Schwarz
037 - Schwarz
038 - Angst vor der schwarzen Köchin


Das Ergebnis lässt sich grafisch verdeutlichen:

Isoblech44.jpeg


1.3 Kapitel 1 automatisiert mit manueller Bestimmung der Isotopien

Nachfolgend wird der Text von Kapitel 1 abgedruckt. Mit unterschiedlichen Farben sind die Wortformen markiert, für die im gesamten Roman eine besondere Nachbarschaft nachgewiesen werden kann, eine besondere Affinität zueinander. Solche Verwandtschaftsnetze oder Cluster gelten zunächst nur wortstatistisch. Man kann aber unterstellen, dass damit jeweils auch inhaltlich zusammengehörende Bedeutungen sichtbar gemacht werden, sicher nicht im Sinn von 1:1-Beziehungen, aber doch mit erhöhter Wahrscheinlichkeit. - Bevor diese Zusammenhänge errechnet wurden, waren aus dem Kapitel und dem gesamten Roman die Funktionswörter (Konjunktionen, Präpositionen, Hilfsverben, Partikel usw.) entfernt worden. Es interessieren hier nur die Wortformen, die mit einer eigenständigen Bedeutung verbunden sind.

Das Ergebnis lässt sich grafisch verdeutlichen:

Isoblech1.png

Die folgende Tabelle macht sichtbar, was den obigen Farbmarkierungen an Wortformen zugrunde liegt und fasst zugleich zusammen. Denn Wortpaare mit gleicher Farbe können über das gesamte Kapitel verstreut begegnen. Mehrfachvorkommen wurde auf eine Nennung reduziert.

Die Benennung der Isotopien könnte als Übung manuell vorgenommen werden. Dabei muss man nicht dem Ziel folgen, dass alle Einzelbedeutungen in einer Isotopie erfasst werden. Aber die meisten sollten es schon sein. - Die einzuräumende Unschärfe rührt daher, dass die Befunderhebung über Wortstatistik lief. Man darf nicht unterstellen, dass das, was für die Ausdrücke gilt, exakt Bedingungen der Bedeutungsebene widerspiegelt. Zudem ist es der Normalfall, dass eine Wortform für mehrere Einzelbedeutungen steht.


Gruppe standardmäßig benachbarte Wortformen Isotopie
001 ansaugenden ansprachen ansprechend aufdroeselnd aufseufzen bezogenen breites
002 badezuber hausputzbackwaschundbuegelsonnabend hautwarm
003 buegelbrett fuettern melken metallstaeben bulve bulven krautberg schwelenden
004 abgekaempft friedfertig frischgepfluegte heissduftenden mehligen ausnimmt beteuertindividualisten individualitaet romanhelden ausschreitend entfernungen entwirrt erinnerungsvermogen rueckwarts befuerchtend erkaeltungsgefahren knoepfen kolbens kolonie dazustehn individuelle knueller letztmoeglicher romanschreiber
005 auflebendes hinschickendes holzsoeckelchen huellte huestelndes huestelten
006 beinevertreten dunkelnden eingebuesst eingebungen feldstein feuers segnend bekriechend gewandt gezielt grossgebluemtem gucker suedwest telegrafenstange
007 aufgefrischte eingeweiht einmieten einsame empor gestochenen rockreihenfolge rohen umschlichen auflebte dickfluessige kartoffelkrautfeuers kartoffelmiete keuchend kloehnte angekohlte windtrocknen wippende wischen ziegelbrenner ziegeleischornstein ziegelstreicher zitterndem zuber
008 abkuehlte knolle krautfeuer krustig kuemmere rettungsversuche spitzer sprungbein stammt standard asthmatisch geneigte gerundetem geschenkpackungen geseufzt koerben mehlig schwelte schwereren zusammenstrebenden knieschlagen platzwechsel stochern bauschten erschlafften erzaehlungen farbgebung knatterten rundeten schmelz schoenem schreibwarenhandlung schuldig besuchsstunden gespenstern gewaltakt herbeilocken heruntergekommene kaeufer kartoffelfeuer knotet maulwurfshuegel verknorpelten
009 ausquetschte daemmerung dahingestellt dampfend dampfender davonstiefeln oktoberhimmel pflegerhaende tintige traenendes umsah umzustuerzen benachbarten krauthaufen krautrechen kreationen ploetzlicher raubt reinlichen retten seitengewehren sirup sonntagsrock spiesst
010 anstiften kennenlernt starrem verkunden vermissten versaufende versuesstes vollkommenste vorbeiliefen vorgelogen vorzustellen wachstuch wegstreichen
011 blaustiften fingernagelscheren flaechenmaessig kritzeln kugelschreibern laengeres langgezogene liebgewonnen lueften maessigen sprengt strichmaennchen stuelpt weisslackierten windgerecht
012 ausscheidenden gefaehrliches mitzubringen montaeglich montagnachmittag montags muemmelte naechstenliebe nasloechern neuestes ober oberroecke unablaessig unbeschriebenes unlinierten unterbreiten unterbricht unterroecke verbreiten verkniff


2. Wahrnehmungsformen

2.1 Bewusste / unbewusste Wahrnehmung

aus: Wolf Haas, Der Brenner und der liebe Gott. Hamburg 2009. 
(102) "Das ist überhaupt ein großer Irrtum der
Menschen, dass sie glauben, je wacher, je kon-
zentrierter, je ausgeschlafener, umso besser für
den Kopf. Weil genau so wie das zu helle Licht
für die Augen schädlich ist, ist auch das zu
wache Hirn gar nicht gut für die Gedanken. Und
in Wahrheit ist ein Halbschlafender einem Wachen
immer haushoch überlegen, gar keine Diskussion.
Dem Wachen stehen ja beim Denken viel zu viele
Gedanken im Weg herum, dem Schlafenden aber
flüstert es der liebe Gott direkt ins Hirn. Nur
ganz schlafen darfst du eben nicht, sonst hörst
du ihn womöglich nicht."

2.2 Kunst: Verbindung getrennter Inhaltsbereiche

aus: M. Schuster, Wodurch Bilder wirken. Psychologie der Kunst. Köln 2016. S. 53-5:

"Im Wahrnehmungsvorgang geht es nicht nur um
einzelne Gegenstände, sondern auch um Ähnlich-
keiten und Bedeutungszusammenhänge. Wenn auf
dem Taschentuch der Papst abgebildet ist,
dann passen diese Bedeutungen von Nasenschleim
und Kirchenführer nicht besonders zusammen
und wir finden den Gegenstand kitschig. Genauso
wie das billige Plastik nicht gut zur wertvol-
len venezianischen Gondel passt und nur im
kitschigen Souvenir Verwendung finden kann.
Dagegen passt z.B. die einsame Kapelle gut
auf den schroffen hohen Berg, der dem Himmel
- wie die Kapelle - nahe ist, wie etwa in
romantischen Naturansichten. Wenn Man Ray
Meret Oppenheim nackt vor einem riesigen Zahn-
rad fotografiert, wird die Bedeutung der zarten
Nacktheit durch den Kontrast durch das grobe
harte Industrieteil noch verstärkt. 
   Visuelle Metaphern. Ein Gegenstand, der
einem anderen ähnlich sieht, ruft eine Mischung
der gefühlsmäßigen Reaktionen auf. Ein Murano-
glas ganz in der Form einer Plastik-Waschmittel-
flasche erzeugt diese merkwürdige ganz unerwar-
tete Gefühlsmischung genauso, wie eine mit
Pelz besetzte Tasse und Untertasse (Meret Oppen-
heim). Die unerwartete neue Wahrnehmung ruft
aber auch Aktivierung und Spannung hervor. 
   Mischfiguren. Dem Künstler steht es frei
Bedeutungen ganz neu zusammenzufügen. () Das
nutzten schon die Künstler der Antike für Zen-
tauren und einäugige Riesen. Das sind gewohnte
Bilder, deren Überraschungsmoment sozusagen ver-
braucht ist. Wie die zusammengeschnittenen Be-
deutungen aber zu ungewohnten emotionalen Reak-
tionen führen, kann man gut bei den Bildern
Dalis empfinden, der ganz neue Mischungen
erfunden hat, z.B. die Mischung von Elefant
und Giraffen- bzw. Spinnen-Bein oder von
Schublade und Frauenkörper."

3. Presse - unfreiwillige Mischung inhaltlicher Ebenen

Durch Stress in Redaktionsstuben können säuberlich zu trennende inhaltliche Ebenen aus Versehen zusammenrutschen - was dann komische Effekte erzeugt. Und die sprachlichen "Unfälle" finden sich im "Hohl-Spiegel" oder ähnlichen Rubriken wieder, wo genüsslich die Fehlleistungen aufgespießt werden. Querverbindung somit zum Thema "Humor": 4.51 Humor

3.1 Hohlspiegel (verschiedener SPIEGEL-Ausgaben)

Es ist kein gutes Zeichen, wenn über die Mixtur thematischer Felder beim Lesen die irritierende Frage aufkommt, ob die schreibende Person unfähig ist, völlig unter Stress stand, sich wichtigtuerisch geben will, oder womöglich doch etwas akzeptabel Sinnvolles mitteilen wollte.


Mainzer Allgemeine Zeitung:

"Brüssel beschneidet Bauern". - Das Wort /beschneiden/
gehört inhaltlich zur <<BOTANIK>>, oder aber zu
<<RELIGIÖSEN RITEN>>.
Dass im Zuge der EU-Agrarreform Bauern beschnitten
werden, ist denn doch eine fehlgeleitete Assoziation. 

Ulmer Südwest Presse:

"Die Polizei hat Entwarnung gegeben. Doch dass es an
den Sendener Seen unzüchtig zugehen könnte, treibt
Stadträte um. Als Verhütungsmaßnahme sollen Parkplätze
angelegt werden." -  Das Wort /unzüchtig/ verweist auf
die Isotopien <<Öffentliche Moral>>, <<SEXUALITÄT>>.
Es ist unklar, was die besorgten Stadträte regeln
wollen. Sollen die Parkplätze eine Verkehrsregelung
sein (noch eine Zweideutigkeit)?
Und /Verhütung/ - in welchem inhaltlichen Bereich
soll sie im aktuellen Fall wirksam werden?

Schwetzinger Zeitung:

"Neben den Gärtnerinnen und Gärtnern des Schlosses
sind es jährlich Tausende Besucherinnen und Besucher,
die - kleinen Hummeln gleich - ebenfalls in den
Startlöchern stehen, um die Blütenpracht mitzuerle-
ben." - Dass Hummeln in Startlöchern stehen, hat noch
nie jemand  erlebt. 

Frankfurter Allgemeine:

"Oft wird das weit Ausladende, das man von Madonna
seit 'Ray of Light' (1998) kennt, jetzt in Ver-
schlucktes zerkrümelt wie Zahnstein bei der medizi-
nischen Mundreinigung."

Nordwest-Zeitung:

"Viele Autofahrer kontrollierten die Beamten auf
Alkohol und Drogen."
Wer kontrollierte wen? - Die Frage stellt sich nur,
wenn der Satz aus dem Zusammenhang genommen ist.
Angenommen im Text zuvor war den Lesern klar gewor-
den = eingeführte Isotopie, dass die Beamten
verschiedene Tätigkeiten durchführten, dann konnten
sie bei der zitierten Äußerung nachgestellt
werden. Denn es war klar, wessen Aktivität gerade
geschildert wird. An Erstposition im Satz rückten
dann die, die von der Tätigkeit betroffen = 2.Aktant
waren. Das hatte Neuigkeitswert = neues pragmatisches
Thema, vgl.4.0611 Subjekt / 1.Aktant
(nicht zu verwechseln mit dem semantischen 
1.Aktanten des Satzes!). Semantisch/naiv scheinen
"1.Aktant" und "Thema" noch zusammenfallen.
Pragmatisch/kritisch können beide Kategorien
auseinandertreten - je nachdem, was laut Kontext
neu oder schon bekannt ist.

Süddeutsche Zeitung:

"Wenn Dieter Pfaff spielte, dann sah man auf dem
Bildschirm einen Menschen - keine dieser
DIN-A-nullachtfünfzehn Figuren, wie sie serienmäßig
am Reißbrett entstehen und gulaschartig das
Programm durchwabern."
- Es ist etwas viel, besonders bei einer sonst sprach-
bewussten Zeitung, wenn DIN-Norm, Reißbrett und
Gulasch zusammenkommen und sogar noch "wabern".

Frankfurter Allgemeine:

"Der Mann wird von Sullivan Stapleton mit der
verhalten vibrierenden Intensität eines elektri-
schen Nasenhaarentferners verkörpert, der seinen
Landsleuten weniger mit abgehobener Rhetorik ein-
heizt als damit, dass er ihnen beispielgebend
vorangeht." 

Oder: [8]


4. Nachrichtensendungen

In Unterpunkten - 4.1 ... - können Beispiele aus unterschiedlichsten Medien besprochen werden. Zunächst ausgehend von Radio-Nachrichten: Typisch ist, dass jeweils zunächst eine Ortsangabe genannt wird: "Hamburg. Der Seewetterdienst meldet ..." Die vorangestellte Ortsangabe dient nicht nur der Information, wo sich das Folgende ereignet hat. Sondern es wird damit auch der Gesamttext "Nachrichtensendung" gegliedert, zugleich wird an die Hörer das Signal geliefert: "Vorsicht, jetzt müsst Ihr bereit sein, auf ein völlig neues inhaltliches Feld umzuschalten!"

Nach der Ortsangabe folgen denn auch meist Inhaltskombinationen (via Nomina + Verben), die so in der vorigen oder der nachfolgenden Nachricht nicht vorkommen. Also nicht nur der Ort wechselt, sondern zugleich auch die Kollektion des Bedeutungsrepertoires. Darin unterscheiden sich die Einzelnachrichten. Das kann man übungsweise aufzeichnen und damit sichtbar machen, worin sich die Einzelnachrichten unterscheiden, worin sie sich gleichen. [Lediglich, wenn - als Beispiel - von kriegerischen Auseinandersetzungen an verschiedenen Orten zu berichten ist, wird die Isotopie <<KRIEG>> gleich bleiben, lediglich Ort und Akteure wechseln.]

4.1 ...

5. Weitere Literaturwerke

5.1 Kafka, "Der Prozeß"

In 4.9 Literarische Werke - grammatisch analysiert unter Ziff.1 wird zusammenfassend bzw. weiterverweisend dargestellt, dass Kafka flächendeckend in seinem Roman die Isotopie: Gesetz, Rechtsprechung durchspielt - für die Konsequenz darin hat er auch besondere Anerkennung gefunden. Das wäre noch insgesamt die Ebene der "Wortbedeutung". - Zugleich geht aus den einzelnen Unterpunkten hervor, dass auch massive Irritationen eingebaut sind, die letztlich zwingen, eine andere Isotopie für die dann zufriedenstellende und überzeugende Interpretation zu suchen/zu finden. - Inhaltliche Bereiche, die man zunächst geneigt wäre, als Anzeiger für eine eigene und eigenständige Isotopie zu verstehen - z.B. "der Geistliche" -, erweisen sich als Handlanger und Büttel für die zentrale Rechts-Isotopie. Es findet sich im Text somit kein inhaltlicher Bereich, der auf der Ebene der gemeinten Bedeutung das flächendeckende Rechtsdenken (=Wortbedeutung) überzeugend ersetzen könnte. Das beendet die Interpretation nicht. Nur ist man nun frei, z.B. in andere Fächer überzuwechseln und z.B. zu fragen, ob die überdimensionierte Rechts-Metapher etwa eine psychische Problemstellung (Depression?) verschlüsselt abbildet.

Kapitel 9: [9]: 122,14-26 ist ein Beispiel für eine misslungene Umthematisierung. Von Wachsflecken auf der Hose will K. zurücklenken auf die Rechts-Isotopie, konkret zu den "Winkeladvokaten". Aber er muss lernen, dass er keine Chance hat.

Kapitel 9: [10] breitet zunächst eine einheitliche Isotopie aus - /SAKRALER RAUM-RELIGIÖSE PRAXIS/: Wenn auch unter dem Vorwand /KUNST/ betritt K. den Dom. Der Italiener, den er dorthin geleiten sollte, findet sich nicht ein. K. geht also alleine durch den Dom. Erkältet ist er schon, durch das feuchte Gemäuer droht die Krankheit noch schlimmer zu werden, vgl. 133.4ff.

Es sind Kritikpunkte eingebaut. 134.6: Gut, dass der
Italiener nicht kam. Denn in punkto /KUNST/ wäre in
diesem Dunkel ohnehin nicht viel zu sehen gewesen.
134.3: "Kirchendiener sind berufsmäßige Schleicher"
134.8 "Störend schwebte das ewige Licht davor".
135.18 "sein Verstand reicht nur noch zum Kirchendienst aus"

Aber dann werden doch einige Elemente der Innenausstattung wahrgenommen und beschrieben. u.a. die "Nebenkanzel". Dort trifft K. einen Geistlichen, der zur etwas absurden liturgischen Handlung der Predigt für einen Zuhörer anhebt. Eine Predigt soll die Hörer erreichen. Das tut sie im aktuellen Fall, weil K. mit Namen persönlich angesprochen wird.

Das ist zugleich der Punkt, an dem die Isotopie /SAKRALER RAUM-RELIGIÖSE PRAXIS/ umschlägt bzw. abgelöst wird durch die Isotopie /GERICHT/. Denn der Geistliche gibt sich als "Gefängniskaplan" zu erkennen (140.23), als wohlinformiert über K.'s Prozess. Er weiß auch, dass dieser wohl "schlecht enden" werde (140.57).

5.2 ÜBUNG an Psalm 22

Der Psalm ist in eine leere Tabelle geschrieben. Weitere Spalten animieren, die einzelnen thematischen Felder = Isotopien zu bestimmen und zu verstehen, was sie in ihrer Bildhaftigkeit besagen wollen. - Am Schluss: Fragen zur Gesamtauswertung. Vgl. [11]

5.3 ÜBUNG an Psalm 27

Der Psalm ist in eine leere Tabelle geschrieben. Weitere Spalten animieren, die einzelnen thematischen Felder = Isotopien zu bestimmen und zu verstehen, was sie in ihrer Bildhaftigkeit besagen wollen. - Vgl. [12]

5.4 ÜBUNG an Psalm 38

Der Psalm ist in eine leere Tabelle geschrieben. Eine weitere Spalte animiert, die einzelnen thematischen Felder = Isotopien zu bestimmen und zu verstehen, was sie in ihrer Bildhaftigkeit besagen wollen. - Am Schluss: Fragen zur Gesamtauswertung. Vgl. [13]

5.5 Günter Grass, "Hundejahre"

Im Roman findet sich folgende Passage, die nun gerade den Gedanken an eine einheitliche Isotopie zerstört - auch eine solche Negierung kann ein stilistisches Mittel sein.

"Heilig lächerlicher Moment der Inspiration: Engel
tippt gegen Stirn. Musen mit ausgefranstem Kußmund.
Planeten im Wassermann. Ein Ziegelstein fällt. Das
Ei hat zwei Dotter. Der Aschenbecher ist überfüllt.
Es tropft vom Dach: Zelluloid. Kurzschluß. Hut-
schachteln. Was um die Ecke biegt: Der Lackspangen-
schuh. Was ohne Klopfen eintritt: Die Barbarina,
Eiskönigin, die Schneemänner. Was sich ausstopfen
läßt: Gott, Aale und Vögel. Was aus Bergwerken
gefördert wird: Kohle Erz Kali Vogelscheuchen
Vergangenheit."

5.6 Christian Morgenstern "Der Hecht"

Vgl. [14]

[15] - vertont von Agnes Dorwarth, vorgetragen durch ein Blockflötenensemble, - lautmalerische Effekte eingebaut, Anspielungen auf "Dies irae" (aus Totenmesse) und das "Heilig" von Franz Schubert.

Kann man ja durchspielen - auch wenn es gedanklicher Nonsens ist:
Was frisst ein Hecht? 
ISOTOPIE 1: Hierzu gehören alle Aussagen des Gedichts zum Thema
            NAHRUNG.
Aber der Hecht hatte ein Bekehrungserlebnis gehabt =
ISOTOPIE 2: RELIGIÖSE SPRACHE
Die Nahrungsumstellung zum Vegetarismus wird konsequent praktiziert,
gewaltsam gegen die eigene Natur gerichtet.
ISOTOPIE 3: IDEOLOGIE
Folgeeffekt ist
ISOTOPIE 4: TOD (in Form von Vergiftung, Umweltzerstörung) 

Die hemmungslos überzeichnende Sprache, die vermenschlichte Darstellung des Hechts, die Trottelhaftigkeit des Heiligen - er kommt aus seiner religiösen Sonderwelt nicht heraus -, die Mixtur derart unterschiedlicher ISOTOPiEN - all das erzeugt Lachen, Humor - vgl. folgende Ziff.6.

5.7 Hermann Hesse - Zirkel, keine thematische Fortentwicklung

aus: Hermann Hesse, Meistererzählungen. Stuttgart 1973

"Taedium vitae"

(206) "Während des Abendessens und nachher beim Moselwein
ward ich in die Herrengespräche hineingezogen, und wenn
auch von anderen Dingen die Rede war als bei meinem letzten
Hiersein, schien mir das Gespräch doch wie eine Fortsetzung
des damaligen, und ich nahm mit einer kleinen Genugtuung
wahr, daß diese lebhaften und verwöhnten Stadtleute doch
auch trotz aller Augenlust und Neuigkeiten einen gewissen
Zirkel haben, in dem ihr Geist und Leben sich bewegt, und
daß bei allem Vielerlei und Wechsel doch auch hier der
Zirkel unerbittlich und verhältnismäßig eng ist. Obschon mir
in ihrer Mitte verhältnismäßig wohl war, fühlte ich mich
doch durch meine lange Abwesenheit im Grunde um nichts
betrogen und konnte die Vorstellung nicht ganz unterdrücken,
diese Herrschaften seien noch von damals her sitzen geblieben
und redeten noch am selben Gespräch von damals fort. Dieser
Gedanke war natürlich ungerecht und kam nur daher, daß meine
Aufmerksamkeit und Teilnahme diesmal häufig von der
Unterhaltung abwich."

6. Humor

Viele humoristische Beiträge funktionieren so, dass vom äußeren Eindruck her suggeriert wird: alles, was genannt wird, ist gleichförmig, gehört also - das ist aber schon der Trugschluss - auf eine gleiche inhaltliche Ebene. Erst bei genauerem Nachdenken merkt man: kann eigentlich nicht sein! Ich bin an der Nase herumgeführt worden! Oder es lag ein Versehen des Schreibers vor. - Wie auch immer: Kein stilistischer Effekt - Lachen gehört dazu - fällt vom Himmel. Sondern er beruht auf sprachlichen Mechanismen, die man folglich beschreiben kann, sich bewusstmachen sollte - der Genuss ist dann größer.

6.1 Streichinstrumente

"Zähl mir doch mal einige Streichinstrumente auf,
Robin", fordert die Musiklehrerin ihren Schüler
auf. - Der legt gleich los: "Das Cello, die Geige,
die Bratsche, das Buttermesser und der Pinsel."
(SWP 9/3/13)

6.2 Fußball - Einzelkritik

Aus dem Spielbericht über "Dortmund - Malaga" (SPIEGEL): Der Spieler ...

"Fiel in der ersten Halbzeit dreimal auf: Kurz nach
dem 0:1 zog er sich seine Stutzen über die Knie,
Minuten später reparierte er mit viel Vehemenz seine
Frisur statt Schmelzer gegen Isco zu helfen. 
    => statt Isotopie "FUSSBALL" dominierten Isotopien
       "EITELKEIT", "MODE". "Vehemenz" falsch ausge-
       richtet: wäre besser beim "Fussball" ange-
       bracht gewesen. = implizierte kräftige Kritik
Zauberte in der 40. Minute allerdings einen solchen
Geniestreich aus dem Fuß, das (!) selbst das laute
BVB-Publikum kurz stockte: Reus leitete einen
Götze-Pass per Hacke auf Lewandowski weiter, der zum
1:1 traf. 
    => "Geniestreich" = Überragendes KÖNNEN / hohe
       WERTUNG. Der weitgehend schwache Auftritt in
       der Halbzeit bekommt einen punktuellen Gegen-
       akzent: Torerfolg.
Hätte in der 76. Minute zudem die Entscheidung selbst
erzwingen können, als er am Torwart scheiterte. Sein
2:2 war allerdings der Dosenöffner zum Halbfinale."
    => übliche Reporter-Schnoddrigkeit: der gedank-
       liche Wechsel zur Isotopie "KÜCHENGERÄT" soll
       Lässigkeit und überlegene Beobachtungsgabe
       signalisieren. Die Metapher versteckt aber
       zugleich die eigene Verblüffung und Fassungs-
       losigkeit über die positive Wende im Spiel.

6.2.1 Fußball - Traineräußerungen

nach dem WM2014-Spiel Deutschland - Brasilien (7:1). SPIEGEL 29/2014:

Wie unterschiedlich die beiden Fußballphilosophien
sind, hörte man in den Statements, die die Trainer
nach dem Spiel gaben. Scolari sprach vom brasilia-
nischen Volk, er sprach von Schande, vom Tod und
vom Leben.
Löw sprach von Löchern in der brasilianischen Abwehr,
er sprach von Löchern im brasilianischen Mittelfeld,
er sprach davon, dass dem Gegner im Angriff nichts
anderes einfiel, als hohe Bälle in den Strafraum zu
schlagen.
Der eine redete vom Schicksal, der andere vom Fußball.

Als Verlautbarungen an die Presse, nebeneinander her, sind solche Äußerungen möglich. Wollten die beiden Trainer miteinander sprechen, müssten sie sich zunächst verständigen, worüber = über welche inhaltliche Ebene (Isotopie) sie sich verständigen wollen. Soweit hier wiedergegeben, würden die beiden vollkommen aneinander vorbeireden.


6.3 Predigten - querfeldein

Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit. Eine
Lehrrede. Übersetzt von Anton J. Gail. Reclam Nr.1907.
Stuttgart 2010.  [Die Torheit spricht:]
(80f) [Prediger] Sie hören mit ihrem Gekläff nicht
auf, bis man ihnen das Maul stopft. Gibt es sehens-
wertere Komödianten oder Gaukler als die predigen-
den Bettelmönche mit ihrem lächerlichen Rednerpa-
thos, das sie auf eine possierliche Weise den An-
leitungen der Rhetoriklehrer abgeguckt haben? Gott
im Himmel, wie gestikulieren sie, wie modulieren
sie ihre Stimme, wie schluchzen sie, wie werfen sie
sich in die Brust, welche Grimassen schneiden sie
und wie übertönen sie alles mit Stimmaufwand!
Solche Predigtkunst vertraut ein Bruder dem andern
wie Geheimwissenschaft an. Obwohl mir (als einem
Weib) Wissenschaft nicht ansteht, will ich doch
einige Andeutungen machen. Zuerst bringen sie ein
Zitat aus einem Dichter. Wenn sie dann über die
Liebe sprechen wollen, beginnen sie mit dem Nil,
oder wenn sie über das Geheimnis des Kreuzes spre-
chen wollen, fangen sie glücklich mit dem babylo-
nischen Drachen Bel an. Haben sie sich das Fasten
als Gegenstand gewählt, verbreiten sie sich zuerst
über die zwölf Zeichen des Zodiakus. Eine Ansprache
über den Glauben leiten sie mit der Betrachtung der
Quadratur des Kreises ein. Ich habe selbst einen
Dummkopf - Verzeihung! Gelehrten, wollte ich sagen
- gehört, der in einer gut besuchten Predigt
über das Geheimnis der Dreifaltigkeit einen neuen
Weg einschlug, um seine außergewöhnliche Gelehrsam-
keit zu zeigen und vor den Ohren der Theologen
Gnade zu finden. Er fing bei den Buchstaben, Silben
und Worten an. Dann sprach er von der Übereinstim-
mung zwischen Nomen und Verbum, zwischen Adjektivum
und Substantivum. Die meisten wunderten sich schon
und dachten im stillen an das Horazwort "Wohin soll
das wirre Zeug führen?". Schließlich wollte er be-
weisen, daß in den grammatischen Begriffen ein so
auffallendes Gleichnis der Dreifaltigkeit enthalten
sei, wie es kein Mathematiker deutlicher in den
Sand zeichnen könne. Der glorreiche Theologe hatte
sich acht lange Monate im Schweiß seines Angesich-
tes bei dieser Vorstellung so abgemüht, daß er heute
noch blinder ist als ein Maulwurf, weil die geistige
Anstrengung ihn das Augenlicht kostete.

6.4 Mengenlehre

Wer ganz auf hehre abstrakt-geistige Inhalte fixiert ist, übersieht u.U., dass seine verwendeten Wortketten - vgl.[16] - auf eine ganz andere Isotopie deuten.

Der Mathematiklehrer will die "Mengenlehre"
behandeln.
"Ich mache hier vor euch 3 Häufchen."
Die Klasse beginnt zu kichern. Der Lehrer
erbost:
"Wenn das so weitergeht, setze ich einen vor
die Tür."

Man darf annehmen: voller Erfolg bei der Klasse wegen der übersehenen 2. Isotopie.

6.5 Anzeige

in der Tiroler Tageszeitung (Spiegel 49/2014):

Hutfachgeschäft in der Innenstadt Innsbrucks sucht
ab sofort Verkäufer/in für die Fischereiab-
teilung. Wir ...

6.6 Harald Schmidt

...wird in SWP (29.11.2016) nach einem Stern-Interview zitiert:

Ich bin erstens Katholik
zweitens Fatalist
und drittens Anhänger der Schulmedizin.

Kurze Äußerung - dennoch Kandidat für Humor, vgl. [17], wobei stilistisch mehrere verstärkende Faktoren zusammenkommen:

  1. Zunächst werden inhaltliche Felder = Isotopien zusammengespannt, die Ironie wecken: als sei Schmidt eine seelisch vollkommen inkonsistente Persönlichkeit.
  2. Das Durchzählen impliziert die Behauptung, die drei Inhaltsbereiche seien miteinander kompatibel, könnten in einem Atemzug zusammengefasst werden. Vgl. [18]
  3. Der "Ton" der Äusserung sieht nach klarer Information aus, lässt kein mühseliges Erwägen / Nachdenklichkeit, somit Unsicherheit, erkennen. Vgl. [19]
  4. Darin liegt das Signal an den Gesprächspartner: NII = "halt den Mund, Widerspruch ist unnötig/unmöglich", vgl. [20]
  5. "Katholizismus" und "Fatalismus" zu verknüpfen ist gedanklicher Nonsens.
  6. "Schulmedizin" und weltanschauliche Orientierungen zu verknüpfen, ist ebenfalls eine "katábasis eis allo génos" - wie es vom Griechischen her gebüldet heißt, d.h. ein Überwechseln in ein völlig anderes Feld.

Der Charakter der 'Selbstauskunft' - die genannten Merkmale einschließend - skizziert den Sprecher als hoffnungslos verbohrten Ideologen -, zwingt im Blick auf den realen Harald Schmidt zur kompletten Zurückweisung, entlarvt den Satz als Sprachspielerei, als Humor-Beitrag einerseits, andererseits sind ernsthaft einige Empfehlungen eingeschlossen:

  • Man kann/sollte nicht sich gedankenlos Weltanschauungsetiketten anheften, die bei genauerem Besehen sich als unverträglich erweisen.
  • Die geistige Orientierung des Menschen bezieht man nicht wie von einem Selbstbedienungsladen. Man muss sich Gedanken über das Zusammenpassen der verschiedenen Positionen machen.
  • All das erfordert geistige Anstrengung und Dialogbereitschaft - und die sollte man sich von niemandem (rotzfrech) ausreden lassen.
  • Der Satz kann Kritik/Zurückweisung dessen einschließen, was im öffentlichen Diskurs an Rechthabereien/Missionierungen auf die BürgerInnen einströmt.
  • ...

7. Ordnungsprinzip in Supermärkten

Isotopien finden längst praktische Anwendungen. Wer im Baumarkt "Filzgleiter" für seine Sessel sucht, wird in dem riesigen Gesamtangebot als erstes große Sparten ausschließen. Er wird die Filzgleiter nicht im 'Gartenparadies' suchen, nicht bei den 'Eisenwaren' (Schrauben, Bohrer) usw., nicht bei den 'Reinigungsmitteln'. 'Farben, Tapeten'. Oder im Fall von Lebensmitteln wird der "Essig" nicht in der Nähe von Kühlregalen mit Joghurt, Milch usw. erwartet, Rotwein nicht bei Kaffee oder Toilettenpapier usw.

Anders gesagt: Inhaltliche Vorstellungen, was - mehr oder weniger - zusammengehört (= Isotopien) und was nicht, sind immer schon wichtige Orientierungshilfen - andernfalls würden wir in diesem Warenangebot untergehen. Hinweistafeln alleine reichen nicht. - Danach ist unbewusst unser gesamtes Bedeutungswissen geordnet.

7.1 SEO - Search Engine Optimization

Wie kann ein Unternehmen dafür sorgen, dass es bei Internet-Suchen mit seinen Produkten möglichst weit oben im Ranking genannt wird, also stark im Blickfeld von Interessenten liegt? - Eine Strategie besteht darin, auf der eigenen Web-Seite einschlägige Schlüsselbegriffe, die das Produkt charakterisieren, komprimiert und dicht zu präsentieren. Dadurch entsteht ein begriffliches Netz - jedes Element davon, das ein Interessent als Suchwort eingegeben hatte, führt auf den selben komplexen inhaltlichen Zusammenhang - "Isotopie". - Das - quantitative - Gegenmodell wäre, einen favorisierten Suchbegriff auf der Webseite besonders häufig anzuführen - allerdings mit der Gefahr, dass Besucher der Seite gelangweilt bald weiterklicken. Die Isotopie-Orientierung enthält die Chance, dass Besucher der Seite manche inhaltlichen Zusammenhänge besser verstehen - bzw. mindestens diskutieren können. Das- quantitative - "Herdentrieb"-Modell lässt dies nicht zu.

8. Nochmals "Genus"?

Vgl. 4.0241 Genus – grammatisches »Geschlecht« - dort wehrten wir uns gegen den üblichen Missbrauch des Themas "Geschlecht", um Nomina zu unterscheiden und schlugen vor, neutral von "Markierung A oder B oder C" zu reden - bei manchen Sprachen braucht man weniger davon, bei anderen jedoch mehr.

Nicht um solche Etikettierungen soll es jetzt gehen, sondern um den Eindruck, dass - teilweise zumindest - die Nomina mit ihren Markierungen ähnlich zusammengeordnet sind wie die Artikel in Supermärkten (siehe Ziff. 7).

Köpcke / Zubin haben in einem Artikel gezeigt,
dass dann, wenn ich den Oberbegriff "das Bier" nehme,
alle Einzelexemplare gleich behandelt werden: "das
Jever, das Weizen, das Echte, das Schwaben Bräu usw."
Es kann aber auch anders funktionieren: Oberbegriff
"das Pferd" - und alle Einzelexemplare werden mit
"der" konstruiert: "Holsteiner, Isländer, Rappe,
Araber usw." - Vielleicht liegts am Oberbegriff -
man sollte es mit "der Gaul" versuchen ;-)
Auch bei Farbbezeichnungen läufts anders: "die Farbe"
- aber alle einzelnen Farben mit "das": "Blau, Rot,
Grün, Beige, Ocker, Marine usw."

Interessant sind Einzelwörter, die je nach Zugehörigkeit zu einem inhaltlichen Feld (Isotopie) die Markierung ändern:

Yamaha    "der" als Motorroller, Receiver,
          Synthesizer
          "die" als Motorrad, Firma
          "das" als Klavier
C/Korona  "der" als Toyota-Automodell, Virus, Berg,
          Wein, Kanarienvogel
          "die" als Firma, Zigarre, Schreibmaschine,
          Waage
          "das" als Bier, Kino, Spektrometer, Magazin,
          Zelt, Computerprogramm

"Schiffe" funktionieren mit "die", auch dann, wenn die zugrundeliegenden Nomina anders orientiert sind: Polarstern, Hamburg, Prinz Hamlet usw. "Städte" funktionieren mit "das" - auch dann, wenn die zugrundeliegenden Nomina eine andere Markierung aufweisen: Hamburg, Bremerhaven

9. "Vaterland"

Es ist natürlich spannend zu vergleichen, in welchen Gesellschaften dem Begriff, dem Konzept, der Isotopie "Vaterland" standardmäßig welche weiteren Bedeutungen besonders verbunden sind. Damit können Aussagen zur vorherrschenden Mentalität gemacht werden. So etwas wie der 'Nationalcharakter' lässt sich besser verstehen - was in Kommunikationen hilft.

9.1 In französischer Sicht

Aus Muryn/Mejri/Pazuch u.a., La phraséologie entre langues et cultures. 2013. Beitrag: Belikova, vgl. S.100.

fierté; nation; identité; protexion; guerre 35(!)-45; Pays;
France; honneur; connerie; c'est bon pour les autres;
où?; Etat; sans frontières; "le jour de gloire est arrivé";
drapau bleu blanc rouge; hymne; maison; confort [...]

9.2 In russischer Sicht

Vgl. 100:

Мамь (mère); моя (la mienne); Россия (Russie); пюбумая (bien aimée);
одна (seule);  СССР (URSS); Омчузна (pays natal); больмая (grande)  [...]

10. "Gott"

Gleiche Quelle wie unter 9.1.

10.1 In französischer Sicht

Vgl. 103:

religion, croyance, Paradis, abstrait, nécessaire,
superstition-obscurantisme, lequel?, absences, nuages, église,
peut-être, croyance-peur-se rassurer, "il a quitté les lieux",
or, Jésus, chrétien, Dieu, prétexte pour se
massacrer, histoire" [...]

10.2 In russischer Sicht

Vgl. 103

Боз (Dieu), есмъ (il existe), на небе (aux cieux), моу (le mien),
черковъ (l'église), черм (le diable), Госнодь
(Seigneur), снаем (Il sait), нево (le ciel), нем (il n'existe pas)[...]