4.43 Kultureller Rahmen

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Was im Wortsinn und damit verbundener gemeinter Bedeutung gesagt wird, ist immer eingebettet in einen spezifischen kulturellen Rahmen. Von ihm her erst wird ein sprachlicher Beitrag (im Dialog) verstehbar. Dieser Rahmen bestimmt die gültigen Wissensvoraussetzungen (Weltwissen) und die Art, wie man das Zusammenleben gestaltet.

Also gilt es nach Wegen zu suchen, diesen "Kulturellen Rahmen" erst wieder sichtbar zu machen, - über typische, damals geltende Redeweisen, über Wissensformen, die man für die Entstehungszeit des Textes unterstellen darf, etc.


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0. Zur Theorie

0.1 Jenseits des Gesagten

Es ist banal, sollte dennoch immer wieder ins Bewusstsein rücken, dass alles sprachlich Codierte aus einem Meer von Ungesagtem auftaucht. Der Komponist John Cage machte dies in einem dreisätzigen Stück "4'33" bewusst: Musiker und Dirigent sind bereit zu spielen. Aber 4 Minuten und 33 Sekunden erklingt nichts. Aber diese Aussage ist falsch: Es erklingt nichts von den Musikinstrumenten her. Jedoch gibt es im Raum, von der Außenwelt her, aber auch von meinem Körper her genügend Geräusche, die in jener Zeit bewusst wahrgenommen werden können. Genau das wollte Cage ermöglichen.

In Gedichtform sagt das gleiche T. Tranströmer: [1]

0.2 Sprichwörter und ihre Herkunft

Wurde unter 4.012 Feste Wortketten / Zitate / Anspielungen / Kollokationen / Idiome festgestellt, eine Wortfolge sei ein "Sprichwort", ist ein erster Schritt gemacht. Zum inhaltlichen Verständnis fehlen noch einige weitere. Selbst wenn - 'ordnungsgemäß' - die Wortbedeutung = SEMANTIK - analysierend durchgeführt worden war, kann es sein, dass das Verstehen immer noch schwierig ist.

Meist sieht man, dass eine bildhafte, übertragene Bedeutung vorliegt - also die PRAGMATIK gefragt ist -, jedoch selbst dann will sich durch rein sprachliche Analyse das richtige Verstehen nicht einstellen. Das kann daran liegen, dass man 'spezifische historische Kenntnisse einbringen sollte. Fehlen diese, so 'weiß' man zwar, was das Sprichwort 'meint' - denn man benützt es ja ständig. Aber man kann nicht erklären, wie diese Wortbedeutung mit dieser übertragenen Bedeutung zusammenhängt.

Für einige Sprichwörter ist es gut zu wissen,
dass man sich den "Immerwährenden Reichstag"
zu Regensburg hinzudenken muss, wo zwischen
1663 und 1806 Politik gemacht wurde. Den
Tagungsort, ein schöner Saal aus dem 15.
Jahrhundert, gibt es noch. - Aus einem Arti-
kel von A. Jahnke  (SWP 18.5.2013):
"Erhalten sind neben dem Saal aber vor allem
die vielen Redewendungen. 'Das Geld zum Fenster
hinauswerfen', heißt es, seit Kaiser und die
Fürsten aus dem Erkerfenster des Alten Rathauses
Münzen auf das wartende Volk warfen. Von den
langen Bänken, auf denen die Gesandten saßen
und diskutierten, kommt der Ausdruck: 'Etwas
auf die lange Bank schieben'. Und die Wendung
'Etwas am grünen Tisch entscheiden' soll ihren
Ursprung in dem grünen Tuch haben, mit dem der
runde Tisch bezogen war, an dem Kompromisse
ausgehandelt wurden."


1. Geltende Werte

1.1 Individuelle Schuld - gesellschaftliche Konventionen

Am Thema "Ehrenmorde" kam immer wieder die Frage hoch, wie die individuelle Schuld der Täter zu bewerten sei. Zweifellos - wenn der Tatnachweis korrekt war - waren sie als Individuen für die Tat verantwortlich und damit zu verurteilen.

Die Frage im Hintergrund war aber: Physisch waren diese Einwanderer aus anderen Kulturen in der bundesdeutschen Gesellschaft präsent. Geistig-emotional blieben sie aber überstark noch ihrer Herkunftskultur, dem dort geltenden Clan-Denken und den daraus sich ergebenden Zwängen verhaftet. Das schloss rigide Vorschriften für die Frauen, vor allem zum Thema Sexualität ein. Ein daraus abgeleiteter "Ehr"-Begriff führte zu Handlungen, die mit den Werten in der deutschen Gesellschaft kollidierten. Das reichte von der Unterdrückung von Unabhängigkeitsbestrebungen der Frauen bis letztlich zum Mord. Patriarchal-autoritäres Denken konnte sich auf die neuen Bedingungen (definiert im Grundgesetz) nicht einstellen, hatte womöglich noch gar nicht registriert, dass es da Konflikte und sich ausschließende Einstellungen gibt.

Die Spaltung im einzelnen Menschen - physisch hier, teilweise (z.B. bei Berufsausübung) auch geistig, in wesentlichen seelischen Orientierungen aber noch der Herkunftskultur verhaftet - ist schwer für die Justiz zu beurteilen. Die geistig-emotionale Prägung bleibt auch beim Grenzübertritt, wird auch nicht bei der Einbürgerung ausgetauscht. Ein Wechsel auch hierbei kann Generationen dauern.


2. Gesellschaft und Erzählungen

2.1 Mythen / kabarettistisch

Aus: D. Nuhr, Der ultimative Ratgeber für alles. Köln 2011. S.78f:

"Geschichten verändern die Welt. Sie haben
insofern magischen Charakter. Deshalb war der
Erzähler in grauer Vorzeit oft auch Heiler und
Priester. Heute haben es die Ärzte leichter.
Sie müssen nicht reden, zumindest nicht mit
Kassenpatienten. Sie füllen einfach ein Rezept
aus und sagen: 'Das hilft!' Zum Sprechen bleibt
da wenig Zeit. Da wird kurz gefragt: 'Wie geht's
uns denn?' Und schon ist Feierabend. Schon des-
halb sind unsere Ärzte als Religionsgründer
nicht geeignet. Sie haben ihre Fantasie gegen
einen Kernspintomografen eingetauscht. Das ist
für unsere Gesundheit nicht immer von  Nachteil.
       Jedes Dorf hatte früher seine eigene
Welterzählung, das wissen wir aus den heute
noch existierenden 'wilden' Kulturen. Mit den
zunehmenden Kontakten zwischen den Stämmen
wuchsen auch die Geschichten zusammen. Daraus
entstanden große, komplexe Mythen, die sich so
lange veränderten, bis sie aufgeschrieben
wurden. Mit der Niederschrift standen sie fest
und wurden zur Wahrheit erklärt.
       Da es keine Argumente für ihre Wahr-
haftigkeit gab, mussten Zweifler nicht argumen-
tativ, sondern mit der Zungenzange zum Schweigen
gebracht werden. So ist er, der Mensch. Nicht
zimperlich.
       So wird die gemeinsame Schöpfungssaga
zum  Verbindenden einer Kultur. Dann wird ein
Religionsoberhaupt ausgerufen. Der Mann behaup-
tet dann, direkten Kontakt zum großen Erschaffer
zu haben, und leitet daher seine Autorität ab.
Er spricht mit dem Schöpfer, auch über intime
Zusammenhänge, trinkt mit ihm Kaffee und geht
mit ihm einkaufen. Er kennt sogar seine Schuh-
größe! So verkündet er es jedenfalls."

2.2 Zwei Sorten von Menschen

aus Tolstoj, "Anna Karenina" (insel 2010, 171)

Wronskij hörte sich mit Vergnügen das Geplapper
der hübschen Frau an, sagte ihr Schmeicheleien,
gar ihr halb scherzhafte Ratschläge und schlug
überhaupt sofort den Ton an, der ihm im Umgang
mit solchen Damen geläufig war. Nach den Begriffen
der Petersburger Gesellschaft, zu der er gehörte,
zerfielen die Menschen in zwei Gruppen, die einan-
der völlig entgegengesetzt waren. Erstens eine
niedere: dazu gehörten geschmacklose, dumme und vor
allem lächerliche Menschen, die meinten, ein Mann
dürfe nur mit der einen Frau leben, mit der er
getraut sei, ein junges Mädchen müsse unschuldig
sein, eine Frau züchtig, ein Mann gesetzt, enthalt-
sam und solide, man müsse Kinder aufziehen, sich
durch Arbeit sein Brot erwerben, seine Schulden
bezahlen und ähnliche Dummheiten. Das waren die
altmodischen, komischen Leute. Aber es gab noch
eine andere Gruppe von Menschen: die wirklichen
Menschen, zu denen die Vertreter von Wronskijs
Kreisen gehörten; in dieser Gruppe mußte man vor
allem elegant, schön, großzügig, keck und heiter
sein, sich ohne zu erröten jeder Leidenschaft hin-
geben und über alles andere spotten.


3. Ritueller Rahmen

3.1 Gottesdienst

Im Jahresschlussgottesdienst einer Gemeinde ist es üblich, die Namen derer zu verlesen, die gegangen, d.h. die gestorben sind. Sinn und Zweck ist das ehrende Gedenken. Der Schlusspunkt des Lebens wird in Worte gefasst und in Gebete eingebettet.

Im Schuljahresschlussgottesdienst eines konfessionellen Gymnasiums wurden auch die Namen derer verlesen, die gegangen sind, d.h. die sich abgemeldet haben, weil sie im selben Ort zur Konkurrenz, zum städtischen Gymnasium wechseln. Das Verlesen der Namen - auch gegen den ausdrücklichen Wunsch der Betroffenen - klingt hier nach: An-den-Pranger-stellen, als Warnung an die Bleibenden, den gleichen Schritt zu tun.

Handlung also die gleiche, die unterschiedliche Lebenssituation als "Rahmen" färbt die Handlung jedoch vollkommen verschieden.

3.2 Kirchliche Trauung - "Wort zum Sonntag"

Punktuelle Erfahrungen, und es interessiert nur die kommunikativ-sprachliche Seite, also nicht weitergreifend die weltanschauliche.

Das Brautpaar lebt schon einige Jahre zusammen,
außerdem ist es verheiratet (tags zuvor auf
dem Standesamt). Es kommt in die Kirche und wird
vom stattlichen, wohlgenährten, grauhaarigen,
durchweg freundlich dreinblickenden Pfarrer
begrüßt. Die Frage ist, was in einem solchen
Rahmen die kirchliche Zeremonie an Spezi-
fischem beitragen kann.
Zusammengefasst:
    - die Worte - obwohl reichlich eingebracht
      - sind wertlos.
      Auf die Lebensgeschichte der beiden wird
      kaum eingegangen. Ein zusammenhängender
      (Bibel-)Text kommt nicht vor - stattdessen
      Versatzstücke, Zitate. Ansprache, Gebete
      strotzen vor Abstrakta und Gemeinplätzen.
      Wahrheitswidrig wird der Fiktion gefolgt,
      das gemeinsame Leben der beiden beginne
      jetzt erst. Intellektuell gibt es keine
      Anregung - da keine Erzählung zugrundeliegt,
      kann die Ansprache darauf nicht Bezug
      nehmen, keine Problemstellung heraus-
      arbeiten, über die nachzudenken sich
      lohnen würde. Es bleibt in all den
      vielen Worten, dem biblischen Potpourri,
      der Versuch, allgemeine Freundlichkeit zu
      verbreiten. Aber ein undifferenziert
      freundlich jeden geistigen Impuls
      weglächelnder Pfarrer-Bär wirkt letztlich
      langweilig. 
      Vgl. auch 4.128 Selbstwiderspruch, geistig-körperliche Stimmigkeit
    - einen Kontrast bilden die Musikbeiträge.
      Sie waren in diesem Fall qualifiziert, z.B.
      ein spät-romantisches Orgelwerk von Karg-Elert
      oder ein biblisches Lied von Dvorak,
      auch Werke für Querflöte und Orgel. 
    - einen Kontrast bildete für die Haupt-
      beteiligten sicher auch die Ausdrucks-
      handlung: gemeinsames Knien, Segen empfangen.
Die Frage bleibt - wenn die Veranstaltung nicht
ganz gestrichen werden soll -, ob all die unqua-
lifizierten, aber gut gemeinten ;-) Worte ersetzt
und stattdessen ein meditativer Zeit-Raum besser
ausgebaut werden sollte: Musik (eben nicht nur
als Zäsur und Pausenfüller, zudem besser inte-
griert - das Lied hatte immerhin einen Text,
den man hätte aufgreifen können); Ausdrucks-
handlung nicht nur als solche und durch die
begleitenden Handlungen formelhaft starr ablau-
fend, mehr die Kreativität der Hauptbeteiligten
einbeziehend, u.U. auch behutsam der weiteren
Festversammlung. 
Dann käme so langsam Lebendigkeit in die Veran-
staltung, die von der Atmosphäre her nicht so
wesentlich unterschieden von einem Trauergottes-
dienst war.

Am selben Wochenende eine "Wort zum Sonntag"-Kolumne, von der evangelischen Kirche verantwortet, geschrieben von einer Mitarbeiterin einer psychologischen Beratungsstelle.

Thema war "burn out". u.a. darin die Empfehlung,
wer sich in einer solchen Situation befinde oder
sich ihr zu nähern drohe, möge doch versuchen,
einfache, einzelne sinnliche Erfahrungen zu
machen: geduldig Vögeln zuschauen, ein schönes
Musikwerk aufmerksam anhören, barfuß laufen, die
Geschmacksnerven animieren, unterschiedliche
Düfte wahrnehmen (dazu wäre natürlich der Gang
durch einen orientalischen Suk eine hervorra-
gende Therapie... - Leider haben wir den hier-
zulande nicht.) usw.
Dem Ton nach war die Kolumne praxisnah, verbun-
den mit umsetzbaren Hinweisen, wie man sich
verhalten könnte. - Interessant: von "Gott" und
seiner dazugehörigen Dogmatik war nirgends die
Rede. Es ging auch ohne. Die Sprache benötigte
keine religiös-theologische Fachsprache.

3.3 Johannes Brahms, Ein deutsches Requiem - kunstvolle Opposition

Vgl. [2] - vorwiegend in den 1860er Jahren hat der Komponist den von ihm eigenständig zusammengestellten Text musikalisch gestaltet. Auf beiden Schienen - Text und Musik - ist Brahms ein Meisterwerk gelungen. Dabei hat er explizit einen Kontrast zur vorgegebenen katholischen "Requiem"-Tradition geschaffen, sowohl was die textliche Grundlage betrifft, vgl. [3], wie auch die Freiheit von kirchlicher Beauftragung.

Das Ergebnis wurde ein auch heute noch begeisterndes Werk. Nach der Uraufführung im Wiener Musikvereinssaal war sogar der generell gefürchtete Kritiker Eduard Hanslick voll des Lobes. Brahms verwendet zwar biblische Texte/Zitate. Aber er setzt sie äußerst einfühlsam in Musik um, die angesprochenen Gefühlsreaktionen - Trauer, Bangen, Hoffnung, Freude, Liebe usw. - werden berührend und überzeugend durch Musik gestaltet. Menschen in solchen Lebenssituationen werden in eine erlebende Bewegung hineingezogen, in eine tröstende innere Entwicklung.

Die antikirchliche, antikultische Stoßrichtung wurde denn auch schnell erkannt. Aber eben auch der dadurch ermöglichte Gewinn: das erlebende Subjekt konnte sich hochdifferenziert wiedererkennen, verstanden fühlen, wurde gestärkt - einen bevormundenden institutionellen Rahmen braucht es dazu nicht. Explizit und bewusst hat Brahms die Figur, die hinter der kirchlichen 'Requiem'-Tradition steht, Jesus Christus, im gesamten Werk unerwähnt gelassen.

4. Wissenschaft

4.1 kabarettistisch

(Aus: D. Nuhr, Der ultimative Ratgeber für alles. Köln 2011. S. 222)

"Was uns vom Tier unterscheidet, ist aber nicht
nur, wie bereits mehrfach stolz erwähnt, die
fehlende Behaarung, sondern auch unsere Geschichte,
unsere Kultur und unsere Fähgikeit, komplexe
Zusammenhänge soweit zu verdrehen und zu verein-
fachen, dass sie zwar nichts mehr mit der Reali-
tät zu tun haben, aber den Eindruck vermitteln,
wir wüssten Bescheid. Diesen Vorgang nennt man
'Wissenschaft' oder, wenn die Realität zudem
noch gefälscht, fehlinterpretiert und wild fan-
tasierend verdreht wird, 'Religion'. Tiere sind
zu solchen Dingen nicht in der Lage."

4.2 ... und Politik: Friedrich der Große

Nimmt man - gestützt auf den SPIEGEL-Artikel in der Ausgabe 45/2011 - zur Kenntnis, was man von Friedrichs II. Kriegsaktivitäten im 18. Jhd. weiß, wird einem einerseits schlecht, andererseits stellen sich Folgefragen.

"Insgesamt kostet dieser Krieg bis zu einer
Million Menschen das Leben. Das Ausmaß der
Gewalt erinnert dabei 'eher an einen totalen
als einen begrenzten Krieg', wie der Historiker
Marian Füssel schreibt. Preußische und andere
Freikorps ziehen mordend und marodierend durch
die Lande; Städte wie Wittenberg, Dresden oder
Zittau werden verwüstet; britische, franzö-
sische und vor allem russische Soldaten plündern
die Zivilbevölkerung aus.
    Von den 230 000 Soldaten, die St. Petersburg
1756 in Marsch setzt, verendet die Hälfte an
Sumpf- oder Fleckfieber. Und auf dem Schlacht-
feld sterben an manchen Tagen Zehntausende
Soldaten.
    'Wie sausten da die Eisenbrocken ob unsern
Köpfen hinweg, fuhren bald vor, bald hinter uns
in die Erde, bald mitten ein und spickten uns
die Leute weg, als wenn's Strohhalme wären,
notiert Ulrich Bräker, ein Schweizer in preußi-
schen Diensten, 'da mussten wir über Hügel von
Toten und Verwundeten hinstolpern. Preußen
und Panduren lagen überall durcheinander; und
wo sich einer von diesen letzten noch regte,
wurde er mit dem Kolben auf den Kopf geschlagen
oder ihm ein Bajonett in den Leib gestoßen.'
    In Relation zur Gesamtbevölkerung hat
Preußen in diesem Inferno mehr Opfer zu beklagen
als Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Jeder
zehnte Untertan Friedrichs stirbt."

Derartige Fakten werfen natürlich viele Fragen und Überlegungen auf. Hier soll nur angerissen werden: Die Geisteshaltung, die 'totalen Krieg' als Mittel der Politik ansieht, gab es nicht erst seit Hitler/Göbbels, sondern schon im 18. Jahrhundert (und vielleicht noch früher - man denke an den dreißigjährigen Krieg). Was im Dritten Reich anders war - deswegen die Einordnung in die Rubrik "Wissenschaft" -, das waren die vielfältigen technischen Möglichkeiten der Kommunikation, Verkehrs-/Transportmöglichkeiten und der Zerstörungs-/Vernichtungstechnik. Die Konstanz des Vernichtungsdenkens aber ist es, die primär betroffen macht. Die Vergabe des Prädikats "der Große" zeigt zudem, wie blind das gesamte Volk über lange Zeit gewesen ist. Selbst massivste eigene Verluste konnten der Kriegsverherrlichung und Obrigkeitshörigkeit nichts anhaben. - Dieser geistig-kulturelle Rahmen macht erst die Kriegstaten durchgeknallter oder unfähiger Staatenlenker möglich.

5. Dogmatik

Das Stichwort verweist üblicherweise auf starre religiöse oder philosophische Denksysteme. Man kann es aber allgemeiner fassen: es geht um feste Denkweisen, die nicht mehr in der Lage sind, aktuelle Lebensentwicklungen zu bewältigen. Die starren Denkformen verselbständigen sich - man fragt sich zunehmend, wozu sie noch nützen. Anzutreffen sind sie in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen. "Dogmatik" so betrachtet schließt eine Blindheit gegenüber neuen Entwicklungen/Erfahrungen/Bedürfnissen ein. Motiv dennoch an den alten Denkstrukturen festzuhalten, kann die Angst sein, bisherigen Einfluss, bisherige Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu verlieren.

5.1 "Grüne"

aus einem SPIEGEL-Kommentar nach der Volksabstimmung in Baden-Württemberg, die zugunsten des Bahnhofsprojekts "Stuttgart 21" ausgegangen war. Wie können die "Grünen" als Regierungspartei nun mit ihren Anhängern umgehen?

Und so wie ein dogmatischer Liberaler niemals
einsehen wird, warum die Erhöhung von Steuern
notwendig sein könnte, dürfte es sich mit einem
Teil der Grünen-Klientel in Baden-Württemberg
verhalten. Der Kampf gegen S21 ist für diese
Leute längst zu einer Glaubensfrage geworden.
Die grünen Dogmatiker werden sich nun verraten
fühlen von ihrem Regierungschef und ihrer
Partei - auch wenn diese nur dem Votum der Be-
völkerung nachkommen. Der Bau von S21 ist nach
der Volksabstimmung alternativlos. Doch schon
jetzt kündigen die sogenannten Parkschützer in
Stuttgart an, dass sie ihren Widerstand gegen
das Projekt fortsetzen werden.

5.2 Islam 2014/2015

Wenn schon die gedanklich-geistigen Rahmen, auch die religiösen, nicht einfach abgestreift werden können, wenn man sich möglicherweise explizit bekennt dazu, dann sollte die jeweilige geistige Konstruktion nicht extrem widersprüchlich sein. Genau das aber kennzeichnet den islamischen Nahen Osten zu Zeiten des Wütens von IS = 'Islamischer Staat'. (aus "Kernschmelze im Orient", SWP 5.1.2015:)

"Stattdessen hat das Wüten der Kalifatskrieger
auch den Islam als Quelle von Ethos und Staats-
denken in die schwerste Legitimationskrise sei-
ner modernen Geschichte gestürzt. Denn der
Islam, so wie er sich heute als Religion orga-
nisiert, kann seine Kernbotschaft nicht mehr
kohärent formulieren, vermitteln und begründen.
Gilt das Tötungsverbot oder gilt es nicht? Sind
Selbstmordattentäter Massenmörder oder Aspiran-
ten für das Paradies? Ist das Abschlagen von
Kopf und Gliedmaßen, das Auspeitschen bei reli-
giösen Verstößen Lehre des Islam oder nicht?
Warum ist der Eintritt in den Islam frei, der
Austritt dagegen nach der Scharia mit dem Tode
bedroht? Warum werden Frauen im islamischen
Personenstandsrecht bis heute diskriminiert?
Warum dürfen Nicht-Muslime nicht nach Mekka
und Medina? Warum dürfen Christen auf dem Boden
von Saudi-Arabien, dem Ursprungsland des Islam,
keine Kirchen bauen und noch nicht einmal Got-
tesdienst feiern?
    "Die Islamisten haben im Prinzip nichts
Neues erfunden. Sie haben schlicht die Inhalte
des gängigen Islamverständnisses überspitzt
und radikalisiert", urteilte der Palästinenser
Ahmad Mansour, Mitglied der Islamkonferenz in
Deutschland ...
Und so verdankten die radikalen Strömungen
ihre Gefährlichkeit nicht so sehr der Differenz
zum 'normalen' Islam als vielmehr der Ähnlichkeit."


6. Politik

6.1 Nahost - Kriege, Aufstände, Vertreibungen

2014 ist ein besonders schlimmes Jahr für die Region. Natürlich haben Konflikte immer auch historische, wirtschaftliche Ursachen. Aber in besonders starkem Maß bekommen sie ihre Zuspitzung und Motivation, die Definition, wer der 'Feind' sei, von religiöser Begründung her. Nur als Beispiel vgl. [4].

In Palästina wurde - nach dem Holocaust in
Europa - 1948 der Staat Israel gegründet. Aber
schon seit Ende des 19. Jahrhunderts hatte es
dorthin jüdisch-zionistische Einwanderungswellen
gegeben. Ergebnis von beidem: den ortsansässigen
Arabern wurde zielstrebig immer mehr Land wegge-
nommen, ihre Lebensmöglichkeiten wurden zunehmend
eingeschränkt.
Das ist auch durch siedlungsgeografische Unter-
suchungen nachgewiesen. Hinter allen Details
bleibt, dass eben Angehörige der jüdischen und
solche der islamischen Religion einander gegen-
überstehen.
Belege des Brückenbaus, die es auch gibt, können
diesen Gesamteindruck nicht korrigieren. Also
sorgt der gedanklich-ideologische Rahmen in
den Köpfen für die aggressive Konstellation;
die Aufwiegelung, lässt im Gefolge extrem viele
Grausamkeiten als gerechtfertigt erscheinen -
Hauptsache, "die Anderen" wurden mal wieder
besiegt, vertrieben, zurückgedrängt usw. -
Diese Denkweise gilt für die tonangebenden
Hardliner beider Seiten.

Weil meist nicht ein - in der Regel lösbares - Einzelproblem die Ursache des Konflikts ist, sondern die ideologisch verankerte Konfrontation, die auf "Alles oder Nichts, Wir oder die Andern" ausgerichtet ist, erscheint die Prognose auf einen dauerhaften Frieden und ein für alle Seiten ersprießliches Zusammenleben in solchen Fällen als extrem schlecht. In Wellen werden sich derartige Kämpfe wiederholen.

6.1.1 Nahost - Symbolik der Führer von Aufständischen

(aus Interview vom 29.11.2015)

SPIEGEL ONLINE: An der Spitze des IS steht der
selbst ernannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi.
Was für eine Art Führer ist er?
Flynn: Ich halte es für entscheidend, die
Unterschiede zu Osama Bin Laden oder Aiman
al-Sawahiri zu verstehen. Bin Laden und Sawahiri
saßen in ihren Videos stets im Schneidersitz vor
einer Flagge, mit einer AK-47 im Schoß. Sie prä-
sentierten sich als Krieger. Baghdadi hingegen
inszeniert sich in einer großen Moschee in Mossul,
auf dem Balkon, wie der Papst. Er trat in einer
schwarze Robe auf, als heiliger Gelehrter und
deklarierte das Kalifat. Das war ein sehr, sehr
symbolischer Auftritt, der den Kampf auf eine
neue Ebene gehoben hat, von einer militärischen,
taktischen und lokalen Auseinandersetzung zu
einem religiösen und globalen Krieg.

6.2 Gedenktag: "8. Mai 1945" - Weizsäcker-Rede

Die Worte allein genügen nicht. Im aktuellen Fall ist die entscheidende Aussage - "Tag der Befreiung" - zuvor schon von BK Kohl ausgesprochen worden. Es musste hinzukommen, dass mit eigener Veranstaltung, mit Gästen, in konzentrierter, unpathetischer Gedankenführung vom obersten Repräsentanten des Staates auf den geschichtlichen Wendepunkt eingegangen wurde: Ende des 2.Weltkriegs. Vgl. [5]

6.3 US-Präsident Trump

aus einer Kolumne von Sascha Lobo auf SPIEGEL-online am 9.11.2016. - Demnach dürfte man den unerwarteten Wahlsieg nicht betrachten, ohne zugleich unser eigenes mediales Verhalten einzubeziehen, konkret die Ausklammerung/Verdrängung von Emotionen aus dem politischen Diskurs. Die Trump-Wahl öffnete die Schleusen, was lange weggedrückt war, brach sich Bahn.

"Trumps Sieg ist auf sozialen Medien aufgebaut.
Es ist Unfug, hier von 'Schuld' zu sprechen.
Erst recht nicht in monokausaler Weise. Aber
ohne Twitter, ohne Facebook, ohne Blogs wäre
Trumps Sieg kaum denkbar gewesen. Die Welt
wendet sich von der bürgerlichen Medienwelt
des 20. Jahrhunderts und ihrem journalisti-
schen Prinzip der Mäßigung ab. Von dem Prinzip,
Nachrichten als Berichterstattung zu betrachten,
objektiv und ausgewogen.
Auch wenn dieser Grundsatz nicht immer einge-
halten wurde, wurde er doch zumindest als
Anspruch formuliert. Die Welt wendet sich den
sozialen Medien, deren Ziel und Treibstoff
Emotionen sind, zu. Es ist ein Abschied von
den Rationalmedien und ein Übergang zu den
Gefühlsmedien. Wir haben noch nicht herausge-
funden, wie dieser Übergang politisch zu gestal-
ten ist - die Rechtsextremen dagegen schon."

Zum selben Thema Jakob Augstein, 10.11.2016:

"Angela Merkel hat am Mittwoch die Werte aufgezählt,
für die der Westen stehe: Demokratie, Freiheit, den
Respekt vor dem Recht und der Würde des Menschen,
unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion,
Geschlecht, sexueller Orientierung oder politi-
scher Einstellung.
'Auf der Basis dieser Werte', sagte Merkel,
'biete ich dem künftigen Präsidenten der Verei-
nigten Staaten von Amerika Donald Trump eine
enge Zusammenarbeit an.' So hat noch kein deut-
scher Kanzler mit einem amerikanischen Präsi-
denten geredet. Aber so einen Präsidenten wie
Trump gab es auch noch nicht. Denn Trump ist
kein Demokrat. Er ist ein Faschist. 
Trumps Sieg ist der letzte Beweis dafür, dass
die liberale Demokratie in einer existenziellen
Krise ist. Sie droht den Kampf mit dem Kapita-
lismus zu verlieren. (...)
Wie kann es sein, dass kluge Kommentatoren die
dunkle Kraft vergessen haben, die im Faschismus
steckt? Trumps Sprache, seine Frisur, seine
Gesten, der ganze Mann - eine lächerliche Figur.
Aber wer sich Aufnahmen von Benito Mussolini
ansieht, wird auch ihn für eine lächerliche Figur
halten. Vom 'Führer' nicht zu sprechen. Die Arro-
ganz der Etablierten ist selber ein Symptom.
Viel zu viele Journalisten und Politiker haben
ihren Frieden damit gemacht, dass die Kräfte des
Kapitalismus die Demokratie in den vergangenen
dreißig Jahren beständig erodiert haben. Viel
zu viele haben Partei bezogen und sich auf die
Seite der Gewinner geschlagen. Das anschwellen-
de Murren der Verlierer haben sie nicht gehört.
(...)
Nach dem Versagen der liberalen Demokratie blüht
uns nun ein autoritäres Zeitalter 
Seit über zwanzig Jahren nimmt in den westlichen
Staaten die soziale Ungleichheit trotz freier
Wahlen immer weiter zu. Jetzt erleben wir eine
rechte Revolution. Wer sich ihr hingibt wartet
auf Antworten, die er bei den Liberalen nicht
fand und die er den Linken nicht zutraut. Man
sollte von den Machtlosen keine Verantwortung
erwarten, wenn sich die Mächtigen verantwor-
tungslos verhalten. Nach dem Versagen der libe-
ralen Demokratie blüht uns nun ein autoritäres
Zeitalter. Trump, Putin, Erdogan, Netanyahu,
bald Le Pen - diese Leute werden sich alle
gut verstehen."

6.4 "Neger"

Aus dem Interview mit dem Philosophen A. Mbembe - SPIEGEL (11/2017) 94-96.

SPIEGEL:  Ein zentraler Topos ihrer Philosophie ist
die 'conditio nigra'. Was genau ist darunter zu
verstehen?
Mbembe: Ich beschreibe damit die Bedingungen, die
heutzutage die Existenz von Millionen Menschen
bestimmen. Es ist das wachsende Heer der Armen,
Abgehängten, Ausgegrenzten, die gegenwärtig er-
leiden, was die Afrikaner während der Zeit des
Sklavenhandels erlitten haben. Die Universali-
sierung der 'conditio nigra' ist ein konstitu-
tives Moment der Moderne. Man könnte auch sagen:
Die Welt wird schwarz.
SPIEGEL:  Sie verwenden den Begriff 'Neger' in
Ihren Werken, eine zutiefst rassistische Bezeichnung.
Warum?
Mbembe: Das Wort Neger bezeichnet ursprünglich ein
Objekt, das verkauft werden kann. Neger ist also
ein anderes Wort für Ware. Ich verwende es als
analytische Kategorie. Neger ist ein Synonym
für die Unterdrückten dieser Erde.
SPIEGEL:  Marx würde vermutlich vom globa-
lisierten Lumpenproletariat sprechen.
Mbembe: Lumpenproletarier konnten noch die Hoffnung
haben, im System der Ausbeutung aufzusteigen.
Hier sprechen wir von Menschen, die zu Müll
erklärt werden. Der Kapitalismus braucht sie
nicht mehr, nicht mal als Konsumenten. Die
Figur des Negers wird gleichsam auf die gesamte
subalterne Menschheit ausgeweitet. Es gibt immer
einen Neger, und überall herrscht die Furcht,
ein Neger zu werden. Auch Flüchtlinge und Migran-
ten fallen unter diese Kategorie.  [...]
SPIEGEL:  Sie verwenden die Metapher der 'langen Nacht',
um die derzeitige globale Misere zu beschreiben.
Mbembe: Ja, und um diese Nacht zu überwinden, müssen
wir stärken, was uns verbindet: die universelle
Idee der Humanität. Ich weiß nicht, wer du bist.
Wir kommen nicht aus demselben Land. Wir sprechen
nicht dieselbe Sprache. Wir beten nicht zum
selben Gott. Aber wenn ich in dein Gesicht schaue,
sehe ich mich selbst.


7. Pressefreiheit

7.1 K. Brinkbäumer in Literatur-SPIEGEL. Okt. 2015

"Schon George Orwell sagte: Wenn Freiheit, die
ganz allgemeine Freiheit, überhaupt etwas bedeute,
dann das Recht, anderen Leuten das zu sagen, was
sie nicht hören wollen. Die Idee der Pressefrei-
heit setzte sich mit der Aufklärung gegen Kirche
oder Regierungen durch. Pressefreiheit war lange
ein Privileg, nämlich an Geld und Status gekoppelt:
Man brauchte Kapital oder mindestens reiche Ver-
leger, wenn man gelesen werden wollte. Und gelesen
werden musste, wer Wirkung erzielen wollte: Erst
das Schriftliche und massenhaft Verbreitete
wirkte dauerhaft.
Heute, durch die digitale Revolution, lässt sich
Journalismus ohne finanzielle Mittel betreiben.
Ein Blogger braucht kaum mehr als einen Laptop
oder sein Smartphone. Und all das, was einst die
Aura der Medien garantierte - staatliche Geneh-
migungen, die Exklusivität des Gedruckten, Geld
und Tradition -, ist für die Erzeugung von Nach-
richten nicht länger notwendig. Die Verbreitung
der Wahrheit ist nicht mehr daran gebunden, die
Verbreitung der Unwahrheit aber auch nicht. Deshalb
hat die Verantwortung der Medien nicht ab-, son-
dern zugenommen. Es bleibt ja wichtig, die
weltweit und rasend rasant entstehenden Gerüchte
einzuordnen und zu beantworten: mit einer Autori-
tät, die durch Recherche, Dokumentation, Urteils-
kraft entsteht."

7.2 Zensur <-> Privatsphäre, Meinungsfreiheit

Vgl. [6] - darin die Zitate von den Buchseiten 430-441

8. Ökonomie

8.1 Humor = Sarkasmus zum Überdecken von Hilflosigkeit?

Kapituliert der Sprecher vor

  • allgemeiner Veränderungs-Unlust?
  • dem breitflächigen Zurückdrängen ökonomischer Regeln / Gesetze?
  • der Präferenz für Schlendrian auf der einen, Jammern/Klagen/Erregung auf der anderen Seite?

Vgl. [7] -