4.44 Wissendes Schweigen

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

"Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß" - richtig. Aber manches, was ich weiß, macht mich so heiß, dass ich es am liebsten sprachlich umgehe, verdränge, verschweige. Soll man es dabei belassen? Auch im Feld der Politik? - Nein!


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0. Zur Theorie

0.1 Aussprechen, Hören, Wahrnehmen - oder auch nicht

Methodisch sind wir inzwischen hoch in der PRAGMATIK angelangt. Das heißt: es interessieren zunehmend auch die Anteile der Kommunikation, die wichtig, ja das praktische Verhalten steuernd sind, insofern sehr wirksam, die aber nicht physisch - akustisch, schriftlich usw. - für andere als Meinungsäusserungen zuvor fassbar geworden waren. Methodisch: [1] wurde vom Sprecher ausgehebelt, kann von den Kommunikationspartnern nicht aktiviert werden.

Höchstens kann am späteren praktischen Verhalten
des aktuellen Sprechers abgelesen werden, welche
nicht artikulierten erkenntnisleitenden Interessen
ihn bei seinen früheren verschleiernden Äusserungen
bewegt hatten. Per Rückschluss können die früheren
Gesprächspartner nachträglich versuchen, dem Sprecher
das damals Verschwiegene entgegenzuhalten,
die damalige Kommunikation also neu aufzurollen.

Das sorgt nicht nur für Zeitverschwendung - die selbe Debatte unter veränderten Bedingungen ein weiteres Mal -, sondern auch für einen Nebenkriegsschauplatz: der frühere Sprecher ist peinlich berührt, wird oft versuchen, den Vorwurf des Verschweigens zurückzuweisen. Die Kommunikation schaukelt sich bis zur Verärgerung hoch - mit dem Nebenergebnis, dass Verdachtsmomente - so sie nicht zweifelsfrei ausgeräumt hatten werden können - bleiben und sich die Gesprächspartner zunehmend als solche nicht mehr zu akzeptieren bereit sind.

1. Nazivergangenheit

1.1 Politik, Schriftsteller

Herta Müller, SPIEGEL-Essay 4/2013:

Auch Adenauer gebrauchte dieses "Beschweigen",
weil er beim Aufbau der Bundesrepublik ehema-
lige Nazis unentbehrlich fand, als 'Leute, die
von früher was verstehen'. Er meinte damit
leider nicht die Lebenserfahrung der ins Exil
gejagten Wissenschaftler, Künstler, Unternehmer,
Handwerker, Juristen. Diese blieben nach dem
Krieg unerwünscht. Ihre Rückkehr wühlte die
Mittäter und Mitläufer auf. Sie störten das
"Beschweigen".
   Im Bundestagswahlkampf 1961 wurde der Heim-
kehrer Willy Brandt von Konrad Adenauer wegen
seiner Zeit im norwegischen Exil vorgeführt,
und Franz Josef Strauß krakeelte: 'Eines wird
man Herrn Brandt fragen dürfen: Was haben Sie
zwölf Jahre lang draußen gemacht? Wir wissen,
was wir drinnen gemacht haben."
   Das "Beschweigen" stand auch am Neubeginn der
deutschen Literatur, für den die Gruppe 47 steht.
Hans Werner Richter hatte die Gründungsidee, und
wie viele der späteren Mitglieder der Gruppe 47
war auch er ein Wehrmachtssoldat. Die Gruppe 47
wurde zur intellektuellen Börse für literarische
Talente. Und das funktionierte nur, weil über
die soldatische Vergangenheit der Mitglieder
nicht gesprochen wurde, keine 'Grundsatzdebatten'
geführt wurden. Auch hier war das "Beschweigen"
zweckmäßig. Günter Grass verschwieg seine Mit-
gliedschaft in der SS-Division 'Frundsberg' -
in derselben Einheit, in der übrigens auch mein
Vater war. Günter Eich verschwieg, dass er 1940
 mit 'Rebellion in der Goldstadt' ein Hörspiel
geschrieben hatte zur Unterstützung der von
Goebbels geforderten Kampagne gegen England.
Alfred Andersch verschwieg, dass er sich von
seiner jüdischen Frau getrennt hatte, um
Mitglied der Reichsschrifttumskammer zu werden.
Andere wollten sich nicht mehr an ihre Mitglied-
schaft in der NSDAP erinnern. Die ehemaligen
Soldaten sahen sich vielmehr selbst als Opfer,
als Verführte, missbrauchte Generation, die
unschuldig in den Krieg zog und geläutert nach
Hause kam.

2. Kunst: Vorgänger - Plagiat?

2.1 Franz Liszt und Richard Wagner

Opernkomponist Wagner bewunderte nicht nur die Virtuosität seines späteren Schwiegervaters Liszt am Klavier, sondern auch dessen "Tondichtungen".

"Liszts Tondichtungen bildeten die Treppe,
über die er zur Vollkommenheit des Wort-Ton-
Dramas aufsteigen konnte. Geschickt umging er
damit die eigentliche Frage, was er von Liszts
Unvollkommenheiten in seine eigenen Werke über-
nommen hatte. Gab es einen Einfluss des Virtuosen
auf den Schöpfer des Gesamtkunstwerks? Oder
anders gefragt: Hat Wagner von ihm abgeschrieben?
    Er selbst liebte diese Frage nicht. Als ein
befreundeter Kritiker einmal auf Listzs Vorbild-
funktion für ihn hinwies, entgegnete Wagner
scharf, derlei müsse als Geheimnis unter Ein-
geweihten behandelt werden. En famille nahm er
dagegen kein Blatt vor den Mund. Vor Cosima
meinte er, die 'Symphonischen Dichtungen' ihres
Vaters wären eine wahre 'Fundgrube für Diebe'.
Er selbst hätte 'so vieles daraus gestohlen'.
Bei einer 'Walküren'-Probe rief er Liszt sogar
zu: 'Papa, jetzt kommt ein Thema, das ich von
dir habe.' Der erwiderte trocken: 'Dann hört
es wenigstens einmal jemand'."
(J. Köhler, Der letzte der Titanen. München 2001. S. 401)

3. Literarische Beispiele

3.1 Hermann Hesse

aus: Meister-Erzählungen. Frankfurt 1973. 'Klein und Wagner'

(432) " 'Ja, ja. Sie wollen sich darüber unter-
halten. Sie haben etwas erlebt und wollen jetzt
darüber reden. Ach, es hilft nichts. Reden ist
der sichere Weg dazu, alles mißzuverstehen,
alles seicht und öde zu machen. - Sie wollen
mich ja nicht verstehen und auch sich selber
nicht! Sie wollen bloß Ruhe haben vor der Mahnung,
die Sie gespürt haben. Sie wollen mich und die
Mahnung damit abtun, daß Sie die Etikette finden,
unter der Sie mich einreihen können. Sie versuchen
es mit dem Verbrecher und mit dem Geisteskranken.
Sie wollen meinen Stand und Namen wissen. Das
alles führt aber nur weg vom Verstehen, das
alles ist Schwindel, liebes Fräulein, ist
schlechter Ersatz für Verstehen, ist vielmehr
Flucht vor dem Verstehenwollen, vor dem
Verstehenmüssen.' "

4. Rückseite des Textes

... auch sie kann sprechen.

4.1 Beiträge zur US-Wahl 2016

Aus ST vom 17.3.2017:

"Diese zwei Bücher lohnt es sich aus diesen Grün-
den zu lesen:
1.
2.
3.
   Überzeugt? Gemeint ist einmal 'Reasons To Vote
For Democrats: A Comprehensive Guide' von Michael
J. Knowles - ein Bestseller des Online-Händlers
Amazon in den USA. Dabei ist es ein Plagiat. Das
Original ist: 'Why Trump Deserves Trust, Respect
and Admiration' von David King - auch dieses Werk
hat etliche Leser gefunden. Besser gesagt:
Nicht-Leser. 
   Denn in beiden Werken steht fast kein Wort.
Jeweils 206 leere Seiten. King fiel kein Grund
ein, warum man dem republikanischen US-Präsiden-
ten Donald Trump vertrauen, ihn respektieren, ja,
bewundern soll. Und Knowles kam nichts in den
Sinn, was für die Demokraten spricht. Dabei legte
der Yale-Absolvent und Künstler immerhin ein In-
haltsverzeichnis an. Der britische Verlagsange-
stellte King hingegen hat das Buch von der ersten
Seite an für Notizen freigegeben. 
   Witzig? Gute Satire? Finden jedenfalls viele,
die Rezensionsspalten sind voll Lob. Grübler
könnten die Werke aber als Bankrotterklärung des
Pluralismus werten: Denn Demokraten rühmen sich
ja, dass jeder anderer Meinung sein kann - und
dass man diese nicht nur akzeptiert, sondern ver-
sucht zu verstehen... Nun ja: Allen Grüblern sei
zum Trost gesagt: Keines der Bücher enthält
Lügen, Verleumdungen, Fake-News. Heutzutage ist
das ja auch schon was."  (Fabian Ziehe)

Auch die Verweigerung einer inhaltlichen message kann demnach Meinungsbildung und Kommunikation anstacheln ...