4.51 Humor

Aus Alternativ-Grammatik
(Weitergeleitet von 4.51 Humor/1)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

Grammatik, wie wir sie verstehen, kann sogar helfen, Humor besser zu durchleuchten. Nicht nur, um ihn besser zu verstehen, sondern auch, um ihn mehr zu genießen.

Falls Sie sich für das Thema interessieren, klicken Sie bitte hier:


Praxis - Bitte Ihren Eintrag!

0. Nachträge zur Theorie

0.1 Geistige Lockerung - und ihre Verweigerung

Bei jeder Form von Humor, und gleichgültig in welchem thematischen Feld er sich austobt, läuft ab, dass die Leser/Hörer bei ihren sprachlich-gedanklichen Voreinstellungen ertappt werden - und es wird eine Alternative aufgezeigt. Die ist dann zwar inhaltlich so abseitig, blödsinnig, unbrauchbar usw., dass man als Leser/Hörer darüber lacht, das Lösungsangebot also überlegen, wissend damit zurückweist. Bei der Besprechung von Humor bleibt man häufig bei diesen inhaltlich aberwitzigen Einfällen hängen. - Möglicherweise hat man damit den eigentlichen Effekt von Humor übersehen.

Humor sorgt in jedem Fall für eine überraschende geistige Wendung/Öffnung, ist insofern ein Korrektiv, ein Therapiemittel zur sprachlich-gedanklichen Engführung, die Alltag und Beruf meist verlangen. Geistiger Erstarrung, Verkalkung wird entgegengearbeitet. Humor erinnert daran - und sei es durch inhaltlichen Blödsinn -, dass es geistig-sprachlich immer Alternativen gibt. Und wenn schon das reale Leben oft nur schwer oder gar nicht veränderbar erscheint, dann sollte man sich wenigstens sprachlich-geistig diese Freiräume gönnen.

Das macht es verständlich, dass Humor auch unter
Behinderten sehr wichtig ist, gerade auch wenn sie
selbst Zielscheibe des Humors sind. Angenommen sie
sind an den Rollstuhl gefesselt, so haben sie
wenigstens  auf diese Weise Freiräume, Alternativen,
können lachen usw.
    "Ein Rollstuhlfahrer fährt eine Straße ent- 
    lang. Zwei Kannibalen am Straßenrand sehen
    das. Der eine zum andern: Toll, da kommt
    'Essen auf Rädern'."

Umgekehrt kann man vermuten, dass zu realen Lebensveränderungen (in Wirtschaft, Politik, auch in der Familie) nur humorfähige Menschen in der Lage sind. Sie können sich unkonventionelle Gedankengänge erlauben - ob diese dann auch umsetzbar sind, kann sich anschließend herausstellen. Die Freiheit des Denkens, der Kreativität, steht jedoch am Anfang. - (Die gleiche Funktion hat auch die Kunst - Durchbrechung von Wahrnehmungsgewohnheiten.)

Per Umkehrschluss gilt: Aussichtslos ist es, wenn der Humor einen Bereich einbezieht, der den Adressaten heilig, unantastbar ist, wo also 4.383 Geistige Heimat - Ideologie - Verein, Partei usw. so stark betroffen ist, dass auch keine Selbstkritik mehr möglich ist. Humorlosigkeit, Befremden sind die Antwort.

Mehreren Ehepaaren gegenüber erzählten wir be-
geistert von dem nun schon alten Film von
Monty Python, "Das Leben des Brian" und
konnten nicht aufhören, die darin enthaltenen
Gags aufzuzählen. Für meine Frau und mich
ist der Film Anlass, sich zu kugeln vor Lachen. 
Die Reaktionen der Zuhörenden waren kalt, abwei-
send, befremdet. Der Film habe "Mühe" bereitet,
sei "schwierig zu verstehen" gewesen. Unverständ-
lich, dass wir ihn zum Lachen fanden.
Was war der Grund? - Wohl der: die sonst sehr
umgänglichen Ehepaare stammten alle aus einem
Ort, der bekannt für sein pietistisches Gepräge
ist. Vor diesem Hintergrund kann man nicht lachen
über einen Film, der derart witzig das Leben Jesu
mit vielen Bezugnahmen auf das Neue Testament
nacherzählt.

Abseits von ideologischen Orientierungen: Humor realisiert die Eigenständigkeit der Sprache gegenüber Abläufen der Welt, praktiziert, dass es zu Geschehnissen, die einem widerfahren, immer sprachliche Alternativen zur Beschreibung gibt. Humor trainiert, immer wieder die engführende Koppelung aufzusprengen. Gewohnheiten, Fixierungen, Ängste wegen unaufgearbeiteter Konflikte, geistiger Bequemlichkeit usw. drängen dazu, Lebenserfahrungen mit einer Sprechweise auszudrücken, andere Sprechweisen zu verdrängen. Wird dies nicht immer wieder durch Provokationen, Humor durchbrochen - auch Kunst beteiligt sich schließlich an diesem Training -, drohen geistige Verhärtungen - bis hin zu krankhafter Erstarrung. Daraus kann eine auch für andere unerträgliche Lebenssituation entstehen, psychosomatische Krankheiten - und schließlich der Gang zur Psychotherapie. Institutionen, die die Mitglieder zwingen, bestimmte Ereignisse, Entscheidungen immer mit den gleichen Formeln auszudrücken, fördern die geistige Erstarrung.

0.2 Gaunerei

Humor in dieser Form verlangt einige strategische Potenz. Die hatte - einem Artikel in SWP (28.1.2012, C. Sartorius) zufolge - der 1890 geborene Böhme Viktor Lustig, der sich bald Graf V.L. nannte.

"Der Adelstitel ist natürlich falsch, aber das
muss man beim König der Hochstapler und Betrüger
wohl nicht extra erwähnen. Der geborene Böhme
aus gutem Hause agiert weltweit unter 24 ver-
schiedenen Namen, spricht fünf Sprachen fließend
und wird allein in den USA 48 Mal verhaftet -
kommt allerdings jedes Mal wieder frei. ...
    Lustigs Erfolgsrezept: 'Der Trick ist, dem
Opfer einen Anteil an Geschäften zu versprechen,
die im höchsten Maß illegal sind. Bemerkt der
Geprellte dann später den Betrug, kann er nicht
zur Polizei gehen. Vielfach schämt sich das Opfer
auch ganz einfach und fürchtet zum Spott der
Gesellschaft zu werden.'
    So verhält es sich auch im Falle des neu-
reichen Industriellen Herman Loller, der so gerne
zur High Society gehören möchte, aber von jeder-
mann nur geschnitten wird. Naja, nicht ganz von
jedermann, ausgerechnet ein echter Graf scheint
seine Freundschaft zu suchen, Graf Viktor Lustig.
    Gegen drohende Verarmung wusste der ein
Rezept: eine geniale Maschine, mit deren Hilfe
sich 1000-Dollar-Scheine ganz einfach kopieren
lassen, Das ist zumindest die Geschichte, die
Viktor Lustig dem um seine Zukunft und Anerken-
nung in der Gesellschaft besorgten Loller auf-
tischte. Und der schluckt die Kröte: Für 25 000
Dollar wechselt ein kleines Mahagonikästchen mit
Messingknöpfen den Besitzer - in Ganovenkreisen
auch als 'Rumänischer Kasten' bekannt. Bei der
Testvorführung funktioniert die Maschine auch
offensichtlich einwandfrei: Eine 1000-Dollar-
Note wird hineingeschoben, ein paar Einstellun-
gen an den Knöpfen werden vorgenommen, und nun
muss man nur noch 6 Stunden warten, bis zwei
echte Geldscheine das Gerät wieder verlassen.
    Die sechs Stunden Wartezeit, die der angeb-
liche chemische Kopiervorgang in Anspruch nimmt,
sind von Lustig mit Bedacht gewählt - so bleibt
ihm genügend Zeit das Weite zu suchen, bevor das
Opfer den Betrug bemerkt. Selbst als später Lol-
lers Frau aus Wut über die Dummheit ihres Mannes
den Kasten zertrümmert und lediglich ein paar
Walzen und eine leere Schale zum Vorschein kommen,
will der Industrielle seinen Fehler nicht wahr-
haben: 
'Es scheint so, als sei lediglich die Chemie ein-
getrocknet', entgegnet er seiner erbosten Gattin."

0.3 ÜBUNGEN im sprachlichen Detail

Texte von Karl Valentin sind bekannt dafür, dass in vielen Details eines Textes Frechheiten, Gemeinheiten, verblüffende Wendungen stecken. Dem sollte man akribisch nachgehen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es ständig glitzert und funkelt. Zwei Briefe anlässlich von "Geburtstagen": Vgl. [1] bzw. [2]


0.4 "Lob der Torheit"

Erasmus von Rotterdam nötigt mit seiner Schrift von 1508 uns (Alternativ-)Grammatikern ein hohes Maß an Toleranz und Selbstironie ab: [3] - Es hilft zu wissen, dass Erasmus sich mit dieser Schrift auch selbst auf die Schippe nimmt...


0.5 Guter Ansatz, misslungene Durchführung

Laut "Hohlspiegel" (45/2013) titelte der "Trierische Volksfreund":

Oktoberfest geht in letzte Runde:
- nun ja, warum nicht? Zwei unterschiedliche
Isotopien werden zusammengeführt: "Fest" und
"Boxkampf", vgl. 4.42 Einheitliches Thema (Isotopien).
Das kann anregend und witzig sein. Klar ist aber,
dass über das "Fest" berichtet werden soll und
wird. - Es folgt als Untertitel:
Bislang neun Körperverletzungen
- nichts ists mit dem beabsichtigten Witz,
auch nicht mit der Fest-Berichterstattung:
Das Oktoberfest präsentierte sich tatsächlich
als blutiger Boxkampf.

0.6 Witz/Humor - anarchisch

Aus SPIEGEL-online Kolumne (21.11.2013) von Jan Fleischhauer anlässlich des Todes von Dieter Hildebrandt:

"Der Witz ist von seiner Anlage anarchisch.
Wer ihn in das Gatter der politischen
Kleinkunst sperrt, endet auf der Ebene von
Veranstaltungen wie dem 'Satire-Gipfel'
oder der ZDF-Schunkelsendung "Neues aus
der Anstalt". Mit der Mehrheit gegen die
Minderheit zu lachen, zeugt nicht nur von
schlechtem Geschmack, es ist auch ein
Zeichen zweifelhafter Gesinnung. Umgekehrt
kann es sehr befreiend sein zu hören, was
man so eigentlich nicht sagen dürfte oder
sollte. Erst die Tabuverletzung verleiht
dem Witz seine Sprengkraft. Das aber setzt
voraus, dass es auch ein Tabu gibt, das
man verletzen könnte. Wenn am Ende nur
übrig bleibt, dass man die Kanzlerin für
eine Handlangerin der Wirtschaft hält, die
Amis für Halunken und alle Politiker für
korrupt, ist man mit seiner Kunst ziemlich
bankrott."

0.61 Humor als Überlebensstrategie - Heinrich Heine

Aus Reclam 8988, S.11

Ich lache ob den abgeschmackten Laffen,
Die mich anglotzen mit den Bocksgesichtern;
Ich lache ob den Füchsen, die so nüchtern
Und hämisch mich beschnüffeln und begaffen.

Ich lache ob den hochgelahrten Affen,
Die sich aufblähn zu stolzen Geistesrichtern;
Ich lache ob den feigen Bösewichtern,
Die mich bedrohn mit giftgetränkten Waffen.
Denn wenn des Glückes hübsche sieben Sachen
Uns von des Schicksals Händen sind zerbrochen,
Und so zu unsern Füßen hingeschmissen;
Und wenn das Herz im Leibe ist zerrissen,
Zerrissen, und zerschnitten, und zerstochen, -
Dann bleibt uns doch das schöne geile Lachen. 

0.62 Spott - Heinrich Heine

Aus Reclam 8988, S.32, "Buch der Lieder"

Zu fragmentarisch ist Welt und Leben!
Ich will mich zum deutschen Professor begeben,
Der weiß das Leben zusammenzusetzen,
Und er macht ein verständlich System daraus:
Mit seinen Nachtmützen und Schlafrockfetzen
Stopft er die Lücken des Weltenbaus.

0.63 H. zur geistigen Lockerung

Vgl. [4] - darin die Zitate von den Buchseiten 367f.373

0.64 H. braucht Vorwissen

... von dem dann abgewichen wird. - Manchmal bildet eine sprachliche Fehlleistung den Hintergrund: Vgl. [5]

0.65 "Komik ist immer destruktiv"

aus SPIEGEL-Gespräch mit Humorkritiker Hans Mentz (31/2017).

SPIEGEL: Stimmt das Klischee, dass Linke sich mit dem Humor schwerer tun?
Mentz: Ideologisch festgelegte Menschen sollten generell
nicht versuchen, komisch oder ironisch zu sein, weil sie damit
in Konflikt mit ihren Glaubenssätzen geraten. Was da herauskommt
ist die eher unfreiwillige Komik, so wie man sie auch von Kirchen-
tagen kennt. Wer fest an eine Sache glaubt, kann das zersetzende
Element, das jede Komik hat, nicht gut vertragen. (...)  Vgl. [6] 

SPIEGEL: Zuletzt war öfter die Forderung zu hören, Satire dürfe
nicht immer nur alles herunterziehen. Gerät die Kunst des Lästerns
und der Häme in Verruf?
Mentz: Sie ist immer in Verruf gewesen, ein Minderheitenprogramm.
Was man sich früher als lustigen Kracher oder lustige Sottise
genehmigt hat, wird heute mit hoher Empörungsbereitschaft problema-
tisiert, zumal im studentischen Milieu. Stereotypen über Minderheiten
gehen angeblich gar nicht. Aber natürlich muss der Komiker verkürzen
und Stereotypen nutzen, denn so funktionieren Witze: je schneller,
desto heller. Es ist unmöglich, in einem Einzeiler die Rolle der Frau,
die Rolle des Migranten, des Juden oder des Behinderten durchzu-
deklinieren. Man muss das einfach abfackeln.
SPIEGEL: Ohne Rücksicht auf Gerechtigkeit?
Mentz: Das ist ungerecht in dem vollen Bewusstsein ungerecht
zu sein (...)

SPIEGEL: Das Feuilleton unterscheidet gern zwischen dem kulturell
hochstehenden Lachen und dem rohen Gegacker über den billigen Witz.
Zu Recht?
Mentz: Es gibt kein niveauvolles Lachen, so wie es keinen
niveauvollen Orgasmus gibt. Beides sind unwillkürliche Äußerungen.
Das hochgeschätzte Lachen, das im Halse stecken bleibt, ist eine
Erfindung. Wenn der Witz gut ist, muss er raus.
SPIEGEL: Aber es gibt vielerlei Wege, ans Ziel zu kommen,
platte und raffinierte.
Mentz: In jedem Fall ist es eine Frage der Qualität. Ich kann
es mir leicht machen, auf bloße Lautstärke setzen oder unentwegt
Geschlechtsvorgänge ausbeuten - wenn das funktioniert, ist es eben
meine Methode. Nur führt dieser Weg nicht weit, man stößt schnell
an Grenzen. Und es gibt leider kein Zurück mehr, denn man hat dann
durchaus das Publikum, das man verdient.


0.7 Aus der Lachforschung (Gelotologie)

Aus dem Interview mit dem Psychotherapeuten und Lachforscher Michael Titze (SPIEGEL-online, 17.1.2014):

SPIEGEL ONLINE: Ist denn wissenschaftlich nachge-
wiesen, dass Lachen gesund ist?
Titze: Das ist erwiesen. Lachen ist Herztraining.
Es wirkt sich vor allem positiv auf das Herz-
Kreislaufsystem aus. Stresshormone werden abgebaut,
Verbrennungsprozesse gefördert, das Immunsystem
gestärkt. Durch das vermehrte Einatmen wird
mehr Sauerstoff transportiert, Herzschlag und
Blutdruck sinken. Genauso wie man Joggen geht,
sollte man regelmäßig lachen.
SPIEGEL ONLINE: Kinder lachen angeblich weitaus
häufiger als Erwachsene. Verlernen wir das Lachen
mit dem Alter?
Titze: Wissenschaftlich ist es nicht eindeutig
nachgewiesen, dass Kinder mehr lachen als Erwach-
sene, aber trotzdem ist wohl allen klar, dass
Kinder einen anderen Zugang zur Welt haben. Sie
leben nach dem Lustprinzip. Was ihnen Lust
bereitet, machen sie gerne, was Unlust bedeutet,
wird vermieden. Der Erwachsene lernt, solche
Gefühle zu unterdrücken.
SPIEGEL ONLINE: Man könnte trotzdem als Erwach-
sener mehr lachen. Das ist nicht verboten.
Titze: Das nicht, aber Lachen ist zum Teil sozial
unerwünscht. Wenn sich ein Vorgesetzter etwa
unfreiwillig komisch verhält, wäre es nicht ange-
bracht laut loszulachen. Eventuell würde das
negative Sanktionen nach sich ziehen. Deswegen
kontrollieren erwachsene Menschen spontane Gefühle,
und dazu gehört eben auch das Lachen.
SPIEGEL ONLINE: Lachen ist also nicht nur positiv
besetzt.
Titze: Es symbolisiert Freude, Wohlbefinden, aber
auch Überlegenheit. Kinder machen sich zunächst
überhaupt keine Gedanken, was Lachen bedeutet.
Es ist ein Ausdruck von Freude, aber sie lernen
schnell, dass manche Menschen Lachen als Waffe
einsetzen. Sie verspotten andere oder transpor-
tieren negative Informationen über Gelächter.
So entsteht eine Skepsis gegenüber dem Lachen.
Das Lachen der anderen wird immer bewertet.
SPIEGEL ONLINE: Die Deutschen gelten ja nicht
gerade als große Lach-Typen. Ist das so?
Titze: Deutschland zählt wie etwa Japan zu den
Kontrollgesellschaften. Durch die starken
gesellschaftlichen Zwänge entstehen schneller
Scham und Schuld. In solchen Kulturen gibt es
übrigens relativ viele Suizide.
SPIEGEL ONLINE: In vielen Ländern wirkt herz-
haftes, lautes Lachen als rüde oder beleidigend.
Titze: Es gibt eine weltweite Studie über die
Gelotophobie, die Angst vor dem Lachen. Demnach
leiden rund zwölf Prozent der Deutschen darunter.
In manchen Kulturen in Ostasien oder dem nahen
Osten haben zum Teil um die 60 Prozent der Menschen
einen negativen Bezug zum Lachen. In Skandinavien
oder Südamerika dagegen hat man demgegenüber ein
sehr positives Bild vom Lachen. Man weiß auch,
dass aggressive Jugendliche fast immer traumati-
sche Erlebnisse mit dem Lachen in der Kindheit
erfahren haben. Untersuchungen über Amokläufer
haben gezeigt, dass sie im Vorfeld in der Regel
verspottet, gemobbt oder lächerlich gemacht wurden.
SPIEGEL ONLINE: Woran erkenne ich echtes Lachen?
Titze: Gekünsteltes Lachen dient als soziales
Schmiermittel. Man will Sympathie kommunizieren,
eine Unterhaltung anregen. Beim echten, gesund-
heitsfördernden Lachen ändert sich immer
die Atmung: Man atmet tief ein und atmet stoß-
weise aus. Außerdem erkennt man echtes Lachen
zuverlässig an den "Krähenfüßen", die sich um
die Augenwinkel bilden.

0.8 Liebenswürdiger Nichtsnutz

Donald Duck wurde 80 Jahre alt. Er hat es mit großer Konstanz geschafft, Kinder zum Lachen zu bringen. Also taugt er doch etwas! Das ist ein Geburtstagsschreiben wert: [7]

0.9 Moderator Böhmermann

Interview mit ihm: SZ 110, 15.Mai 2015:

Gibt es einen deutschen Humor?
Das Vorurteil der Deutschen gegenüber dem Humor
ist ja, dass er immer einen Sinn haben muss.
Der Deutsche schiebt Kurt Tucholsky vor sich her
und Goethe oder die spaßigen Momente der Frank-
furter Schule. (...)
Ist das nicht eine sehr bildungsbürgerliche
Kritik am deutschen Humor, es gibt ja auch
noch den Karneval?
Nein, beide - also der Karneval und der zwangs-
geistreiche Humor - treffen sich in ihrer Ernst-
haftigkeit. Der Karneval - als Zwangskölner wie
ich weiß man das ganz genau - kennt ja keine Selbst-
kritik. Ich habe mal im Rahmen einer Fernsehsendung
einen türkischen Karnevalsverein gegründet. Das
wurde sehr, sehr ernst aufgenommen. Sogar noch,
nachdem wir die Sache aufgelöst hatten. Es
wurde gar nicht verstanden, dass man so etwas wie
einen Karnevalsverein auch mal nicht so ernst
nehmen kann. Karneval ist reaktionär. Man kann dem
eigentlich gar nichts Lustiges abgewinnen. (...)
Wie viel hat guter Humor mit Moral zu tun?
Gutem Humor liegt zuerst die Bereitschaft zur Auf-
gabe jeglichen Sinns zugrunde. Aber dann sind
viele Humoristen natürlich immer auch Idealisten.
Tim Wolf, der aktuelle Chefredakteur der Titanic,
hat nach dem Charlie-Hebdo-Attentat geschrieben,
dass Religion Wahnsinn im Gewand der Rationalität
sei und Humor Rationalität im Gewand des Wahnsinns.
So ist es. (...)
Man ist nicht schon moralisch überlegen, weil man über
Dinge lachen kann?
Nein, überhaupt nicht. Dazu gehören dann schon
noch so etwas wie Recherche und journalistisches
Handwerk. Aber anders als ein Journalist oder Po-
litiker muss man sich als Humorist oder besser:
als jemand, der professionell mit Witzen umgeht,
entspannen und der eigenen Lächerlichkeit bewusst
sein. Narrenfreiheit bedeutet eben auch, dass man
ein Narr ist. Man darf nie seinen Platz vergessen.
Die Vehemenz, mit der Kabarettisten Sachen von
der Bühne schleudern, lässt mich fürchten, dass
sie eines Tages wirklich ganz ernsthaft in die
Politik einsteigen wollen.
Sie wollen die Welt also nicht verändern?
Das würde ich jedenfalls niemals öffentlich zugeben.

0.91 Böhmermann-Eklat Frühjahr 2016, zugleich: Was ist 'Satire'?

Vgl. [8] - Sie darf vor allem nicht langweilen ...


1. Einzelsprache: Spanisch

1.1 Beispiel

El joven rey Arturo fue sorprendido y apresado por
el monarca del reino vecino mientras cazaba furti-
vamente en sus bosques. El rey pudo haberlo matado
en el acto, pues tal era el castigo para quienes
violaban las leyes de la propiedad, pero se
conmovió ante la juventud y la simpatía de Arturo
y le ofreció la libertad, siempre y cuando en el
plazo de un año hallara la respuesta a una pregunta
difícil. La pregunta era: ¿Qué quiere realmente la
mujer?
Semejante pregunta dejaría perplejo hasta al hombre
más sabio y al joven Arturo le pareció imposible
contestarla. Con todo, aquello era mejor que morir
ahorcado, de modo que regresó a su reino y empezó a
interrogar a la gente. A la princesa, a la reina, a
las prostitutas, a los monjes, a los sabios y al
bufón de la corte... en suma, a todos, pero nadie
le pudo dar una respuesta convincente. ¡Eso si! ,
todos le aconsejaron que consultara a la vieja
bruja, pues solo ella sabría la respuesta. El precio
sería alto, ya que la vieja bruja era famosa en todo
el reino por el precio exorbitante que cobraba por
sus servicios.
Llegó el último día del año convenido y Arturo no
tuvo más remedio que consultar a la hechicera. Ella
accedió a darle una respuesta satisfactoria, ¡a
condición de que primero aceptara el precio!  Ella
quería  casarse con Gawain, el caballero más noble
de la Mesa Redonda y el más íntimo amigo de Arturo.
El joven Arturo la miró horrorizado: era jorobada
y feísima, tenía un solo diente, despedía un hedor
que daba náuseas, hacia ruidos obscenos. Nunca se
había topado con una criatura tan repugnante. Se
acobardó ante la perspectiva de pedirle a su amigo
de toda la vida que asumiera por él esa carga
terrible. No obstante, al enterarse del pacto
propuesto, Gawain afirmó que no era un sacrificio
excesivo a cambio de la vida de su compañero y la
preservación de la Mesa Redonda. Se anunció la
boda y la vieja bruja, con su sabiduría infernal,
dijo: lo que realmente quiere la mujer es: "Ser
la soberana de su propia vida". Todos supieron al
instante que la hechicera había dicho una gran
verdad y que el joven rey Arturo estaría a salvo.
Y así fue: al oír la  respuesta, el monarca vecino
le devolvió la libertad. Pero menuda boda fue
aquella... asistió la corte en pleno y nadie se
sintió mas desgarrado entre el alivio y la
angustia, que el propio Arturo. Gawain se mostró
cortés, gentil y respetuoso. La vieja bruja hizo
gala de sus peores modales, engulló la comida
directamente del plato sin usar los cubiertos,
emitió ruidos y olores espantosos. Llego la noche
de bodas. Cuando Gawain, ya preparado para ir al
lecho nupcial, aguardaba a que su esposa se
reuniera con él... ella apareció con el aspecto
de la doncella más hermosa que un hombre desearía
ver... Gawain quedó estupefacto y le preguntó qué
había sucedido. La joven respondió que como había
sido cortés con ella, la mitad del tiempo se pre-
sentaría con su aspecto horrible y la otra mitad
con su aspecto atractivo. ¿Cuál prefería para el
día y cuál para la noche? ¡Qué pregunta cruel...!
Gawain se apresuro a hacer cálculos... ¿quería
tener durante el día a una joven adorable para
exhibirla ante sus amigos y por las noches en la
privacidad de su alcoba a una bruja espantosa?
¿o prefería tener de día a una bruja y a una joven
hermosa en los momentos íntimos de su vida
conyugal...?
¿Usted qué hubiera preferido... qué hubiera elegido?
La elección que hizo Gawain está mas abajo, pero
antes de leerla tome su  decisión....
El noble Gawain replicó que la dejaría elegir por
sí misma. Al oír esto, ella le anunció que sería
una hermosa dama de día y de  noche, porque el la
había respetado y le había permitido ser dueña de
su vida.
¿Cuál es la Moraleja? La Moraleja está más abajo,
pero antes de leerla piensa en ello....
LA MORALEJA ES QUE NO IMPORTA SI LA MUJER ES
BONITA O FEA...  EN  EL FONDO SIEMPRE ES UNA BRUJA....


Zusammenfassung auf Deutsch:

Der junge König Arturo wurde vom König des Nachbarherrschaftsgebietes überraschend dabei erwischt, wie er in seinen Wäldern auf der Jagd war. Der König hätte ihn dafür töten können, wie es die normale Strafe für diejenigen, die die Gesetze des Eigentums verletzen, gewesen wäre. Seine Jugend und Sympathie bewegte ihn aber so sehr, dass er ihm die Freiheit anbot, wenn er ihn binnen eines Jahres am selben Ort mit der Antwort auf diese Frage wieder treffen würde: Was wollen die Frauen wirklich? Diese Frage ließ bis jetzt sogar den weisesten und erfahrensten Mann verzweifeln und schien dem jungen Arturo daher unmöglich zu beantworten. Aber alles erschien ihm in diesem Moment besser, als der Tod und so kehrte er in sein Königreich zurück und begann die Menschen dort zu befragen. Die Prinzessin, die Königin, Prostituierte, Mönche, die Weisen und den Clown des Hofes…einfach alle, die er finden konnte. Aber niemand konnte ihm eine zufriedenstellende Antwort auf seine Frage geben. Nur eines erfuhr er von allen gleichermaßen: Er solle die alte Hexe nach ihrem Rat fragen. Wenn ihm jemand eine Antwort geben könne, dann sie! Da die Hexe bereits im ganzen Königreich für ihre Dienste bekannt war, würde der Preis jedoch übertrieben hoch sein. Am letzten Tag des Jahres fand Arturo schließlich den Weg zu ihr, da die Beantwortung der Frage keinen Aufschub mehr gebot. Sie gäbe ihm eine zufriedenstellende Antwort, wenn er im Voraus den Preis für ihre Leistung akzeptieren würde: Sie wollte Gawain, den nobelsten Ritter der Tafelrunde und engsten Freund von Arturo heiraten. Der junge Arturo schaute sie entsetzt an: Sie war unglaublich hässlich, hatte nur einen einzigen Zahn, stank wie die Pest, röchelte und gab sehr seltsame Geräusche von sich. Noch nie zuvor hatte er eine so abstoßende Gestalt getroffen. Es schüttelte ihn bei der Vorstellung, seinen besten Freund um diesen Gefallen bitten zu müssen. Allerdings willigte Gawain ohne zu überlegen in den Pakt ein, da ihm kein Gefallen zu groß erschien, wenn er dafür das Leben seines Freundes und den Erhalt der Tafelrunde gewährleisten konnte. So wurde die Hochzeit der beiden bekannt gegeben und die höllisch kluge Hexe sagte: „Was die Frauen wirklich wollen ist, die Herrin ihres eigenen Lebens zu sein.“ Allen war bewusst, dass die Hexe etwas sehr Kluges gesagt hatte und Arturo gerettet war. Und so geschah es, dass, als der König des Nachbarreiches diese Antwort hörte, Arturo wieder in die Freiheit entließ. Aber was für eine Hochzeit war das…der ganze Adel nahm teil und niemand fühlte sich unwohler als Arturo. Gawain zeigte sich von seiner besten Seite, war überaus freundlich und zuvorkommend. Die alte Hexe jedoch benahm sich furchtbar. Sie aß direkt vom Teller, ohne das Besteck zu benutzen, machte eklige Laute und verbreitete einen schlimmen Gestank. Es brach die Nacht herein und Gawain bereitete sich auf das Schlimmste vor…Aber seine Frau erschien völlig verwandelt: als eine hübsche, vornehme Dame. Gawain war sehr überrascht und fragte sie, was passiert sei. Die schöne Junge antwortete, dass sie sich die Hälfte der Zeit schön und die andere Hälfte hässlich präsentieren würde, da er sehr nett zu ihr gewesen sei. „Welche Seite von mir bevorzugst du für die Nacht und welche für den Tag?“, fragte sie ihn. Die Frage bereitete Gawain Kopfzerbrechen. Wollte er eine hübsche Erscheinung für den Tag, um mit ihr vor seinen Freunden angeben zu können und eine hässliche für die Nacht und die Stunden zu zweit? Oder wollte er eine abstoßende Alte für den Tag und ein attraktive Dame für die Nacht?

Was hättest du gesagt? Welche Wahl hättest du getroffen? Die Antwort von Gawain findest du weiter unten. Bevor du sie aber liest, triff deine eigene.

Gawain sagte, dass sie selbst entscheiden könne. Als sie das hörte, sagte sie ihm, dass sie in Zukunft eine wunderschöne Dame sei – sowohl am Tag, als auch in der Nacht, weil er sie respektieren und Herrin über ihr eigenes Leben sein lassen würde.

Und was ist die Moral von der Geschicht´? Was die Moral ist, kannst du weiter unten lesen…denke aber zuerst selbst darüber nach.


DIE MORAL VON DER GESCHICHTE IST, DASS ES KEINE ROLLE SPIELT, OB DIE FRAU HÄSSLICH IST ODER HÜBSCH. IM GRUNDE IST SIE IMMER EINE HEXE…


Funktion von Humor:

Die Erwartung des Lesers wird 3 Mal nicht erfüllt: 1. Die Hexe lässt Gawain eine Entscheidung treffen. 2. Gawain trifft keine Entscheidung. 3. Die Hexe entscheidet sich, immer hübsch für ihn zu sein.


2. Einzelsprache: Deutsch

2.1 Beispiel

Bahnpreise.jpg

Quelle: "Ich hatte 3000 Frauen", Harald Schmidt, 2009, KiWi-Verlag


Funktion von Humor:

Im Text "Bahnpreise" von Harald Schmidt gibt es unzählige Beispiele für Kritik, die auf humoristische Art geschrieben wurden. An dieser Stelle sollen 2-3 Beispiele mit dem eigentlich Gemeinten erklärt werden.

Gleich im ersten Absatz verbirgt sich eine ironische Anmerkung: "Eine gute und richtige Entscheidung, zu der wir der munteren Truppe rund um Hartmut Mehdorn herzlich gratulieren." Dies steht natürlich im totalen Gegensatz zu dem, was in der Alltagserfahrung geläufig ist, da die Mitarbeiter alles andere als schnell und "munter" sind. Des Weiteren kann man einem Konzernchef zu solchen Mitarbeitern nicht gerade gratulieren.

Im zweiten Absatz kritisiert er u.a., dass die Züge des öfteren in verkehrter Reihenfolge in die Kopfbahnhöfe fahren. Die schon bereits positionierten Fahrgäste (vorher durch Aushang für die Wagenreihenfolge informiert) irren nun aufgescheucht mit ihrem Gepäck und ihrer Reiseverpflegung umher. Dies ist natürlich kein zumutbarer Zustand für den Fahrgast, den kompletten Bahnsteig (im schlimmsten Fall 350 m) in kürzester Zeit zurückzulegen. Hier noch der Auszug aus dem Text: "Vor allem in Kopfbahnhöfen wie Stuttgart und München ist es für die Reisenden ein Mordsspaß, wenn der Zug mal wieder in >>geänderter Reihenfolge<< einfährt. Von Abschnitt A bis E ist es mit zwei Rollköfferchen plus Cappuccino und Croissants to go doch weiter als gedacht."

Im dritten Abschnitt vergleicht H. Schmidt die Preiserhöhung der DB mit den Verlusten der Deutschen Post an der Börse: "Für uns in der 1. Klasse wird es im Schnitt um 4,8 Prozent teurer. Das ist nur halb so viel, wie z.B. die Aktie der Deutschen Post seit Jahresbeginn an Wert eingebüßt hat. Also direkt ein Geschäft." Der Wertverlust der Deutschen Post an der Börse ist doppelt so hoch wie die Preiserhöhung der Deutschen Bahn. Die Abzocke der Bahnreisenden wird als Gewinn dargestellt, was natürlich nicht der Erwartung entspricht. Seit wann kann nämlich eine Preiserhöhung im aktuellen Geschäftsbereich einen Gewinn darstellen, errechnet mittels Zahlen aus einer ganz anderen Sparte?


2.2 Politik / Schlagfertigkeit

Der MP von Baden-Württemberg, Kretschmann, frisch im Amt, hatte auf die Reporterfrage zu antworten: "Wenn Sie für ein Tempolimit auf Autobahnen sind, wie erklären Sie das einem Porsche-Fahrer?"

Argumentativ ist der Gefragte in einer Klemme - das ist die Implikation, 
vgl.4.5 Wachgerufene Zusatzgedanken (Implikationen),  
die sich aus Erwartungen und Präsuppositionen ergibt:
         - das Wissen, dass Porsche in B-W ein erfolgreiches
           Vorzeigeunternehmen ist, 
           das auch ein GRÜNEN-MP nicht schwächen darf.
         - mit "Porsche-Fahrer" ist das Klischee des
           erfolgreichen, gut betuchten, 
           vitalen Menschen wachgerufen,   
         - der überdurchschnittlich häufig allerdings
           sich und andere gefährdet mit 
           seinem Fahrstil (Synonym für Rücksichtslosigkeit), 
         - und der sich um CO2-Ausstoß nicht kümmert
           (Synonym für Verantwortungslosigkeit). 
         - Damit ist ein über lange Zeit geltendes
           Klischee einer konservativen 
           Lebenseinstellung aktiviert. 

Kretschmann würde dem Porsche-Fahrer sagen: "Es gibt keinen Grund, aus unserem schönen Land Baden-Württemberg zu fliehen."

Ein rhetorischer Befreiungsschlag, der zwar nicht
die nötigen politischen Aussagen bietet, 
aber das aktuelle Interview mit einem
Lacherfolg beendet. Darin eingeschlossen diverse 
ernsthafte oder witzige Unterstellungen:
    - Porsche-Fahrer (und solche anderer PS-starker
      Fahrzeuge) stehen unter Zwang, ständig 
      ihre Fluchtreflexe auszuleben. Insofern
      sind sie noch nicht erwachsen geworden.
    - eigentlich bodenständig, d.h. konservativ,
      sind die Politiker, die dafür 
      sorgen, dass die Menschen im Land bleiben
    - die Erwähnung des "schönen Landes" übernimmt
      von den bisherigen Konservativen (CDU) 
      einen Wert und aktiviert ihn unter
      Meinungsführerschaft der GRÜNEN neu.

Das zeigt, dass ein solcher beiläufiger rhetorischer Schlagabtausch nicht nur ein kurzes witziges Feuerwerk darstellt, sondern zugleich ein ernsthaftes Ringen um unterschiedliche Einstellungen zu Welt und Leben.

2.21 Rechtsextremer Politikbewerber ausgekontert

[9]

2.3 Wissenschaft / Sarkasmus

N. Harnoncourt behandelt in: "Musik als Klangrede". 1985. S.102 die Frage, wie man "originale Klangverhältnisse" rekonstruieren könne. Geht das auch "im Studio"?

Dieser Gedanke "desillusioniert völlig; wenn man schon
die Rekonstruktion von Klangverhältnissen sich vorstellt,
denkt man dabei doch wohl an gotische und barocke Kirchen,
in denen mit sogenannten Originalinstrumenten gespielt
und vielleicht sogar mit Originalstimmen gesungen wird, 
wobei man bedauert - vom streng wissenschaftlichen und
vom Standpunkt der Umweltfreundlichkeit sogar mit Recht
-, daß die echte Orgel des 17. Jahrhunderts nicht mit
Originalluft der Zeit geblasen werden kann, obwohl diese
doch völlig andere klangerregende Eigenschaften haben müßte."

Das Heimtückische dieses Stils: er wirkt vollkommen seriös-wissenschaftlich. Schaut man die Aussagen genauer an, merkt man, dass sie Präsuppositionen einschließen, die unmöglich sind, vgl. 4.4 Vorausgesetztes Weltwissen (Präsuppositionen):

  1. Die "Originalstimmen" (Solisten, Chöre) werden sich kaum freuen, wenn ihr Alter auf ca. 300 Jahre angesetzt wird.
  2. Der Verweis auf die "Originalluft" ist völlig abstrus.

Eine vollkommen überzogene Position beim Thema "originale Klangverhältnisse" wird durch extreme Übertreibung karikiert, also lächerlich gemacht und damit zurückgewiesen. Ein kräftiger Ärger des Schreibers (den der lustig überspielt) wird sichtbar. - Man muss ihm dies nicht erst aufwändig nachweisen, sondern er räumt dies selber ein:

"Ich kann ein derartiges Thema nicht objektiv behandeln,
jeder mich herausfordernde Gedanke 
zwingt mich zu persönlicher Stellungnahme."

2.4 Witz

Durchaus beachtlich, was ein einfacher Witz an Entschlüsselungsstrategien aktiviert. Zunächst natürlich spontan. Aber mit Bewusstsein lässt sich einiges aufdröseln.

Der Polizeibeamte kontrolliert einen Straßenmusikanten.
Nachdem sich der Polizist den Personalausweis angesehen
hat, sagt er zu dem Musikanten: "Begleiten Sie mich 
bitte." "Aber gern, Herr Wachtmeister, was wollen Sie
denn singen?"
  • /BEGLEITEN/ - eine Wortform, aber mehrere Bedeutungen. Ausdrucksebene und Bedeutungsebene passen nicht eins-zu-eins zusammen. Vgl. 4.02 Bedeutung / SEMANTIK
  • der "Polizeibeamte" steht - nun pragmatisch - für Kontrolle und Bedrohung. Wahrnehmung 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE und Wertung 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE
  • die erfreute Reaktion des Musikers bietet bei den Wertungen - überraschender Weise - das Gegenteil. Der Grund ist noch unklar.
  • die Vorstellung eines singenden Polizisten im Dienst widerspricht dem gängigen Klischee4.5 Wachgerufene Zusatzgedanken (Implikationen)
  • die polizeiliche Überprüfung verstärkt das andere Klischee, wonach Musikanten zwielichtige Gesellen sind. Davon hat auch Reinhard Mey gesungen: "Erbarmen! Musikanten sind in der Stadt". Die Ordnungsmacht sieht sich herausgefordert.

Genau genommen sind die Effekte noch komplexer. Aber es muss auch den Lesern noch manches zur Dechiffrierung überlassen bleiben...


Öko-Puff
Ein solcher wird bald eröffnet: Sex mit Frauen aus der
Region.

[10] ist in verschiedener Hinsicht einschlägig:

  • das nicht nur berechtigte, sondern bisweilen mantra-artig vorgetragene "aus der Region" wird aufgespießt
  • auf die Art der Ernährung zu achten ist wichtig; dem sollten Verhaltensweisen = Rücksichtslosigkeiten in weiteren Lebensbereichen - z.B. Umgang mit anderen Menschen - nicht widersprechen;

Der Witz ist also eine Kritik an ideologischer Verengung: es genügt nicht, - quasi-religiös - einen Lebensaspekt herauszugreifen, sich darauf zu konzentrieren. Es gibt noch weitere, die insgesamt stimmig die Persönlichkeit prägen sollten.


Vgl. [11] - Flachwitze liegen nicht einfach vor, sondern sind über grammatisch beschreibbare Mechanismen entstanden bzw, konstruiert worden. Ab da werden sie für uns interessant.

  • schon die Buchstabenkombination kann verdreht worden sein, so dass ein anderes als das erwartete Wort entstanden war
  • Spiel mit mehreren Bedeutungen, die mit einem Ausdruck verbunden sind
  • dadurch Weckung unerwarteter Implikationen
  • Zwang an Leser, selbst einen Reim auf das Ausdrucks- und Bedeutungschaos zu finden - was diesem häufig auch möglich ist: ein - wenn auch lachhafter - Hintersinn kann gefunden werden

usw.

2.5 Physik

Laut einem Bericht von SPIEGEL-online (27.9.2011) verstehen Physiker am CERN (Genf) noch nicht, warum Teilchen, die sie zum 730 km entfernten Gran Sasso geschickt haben, dort früher ankamen als sie losgeschickt worden waren. Würde sich das bestätigen, käme Einsteins Relativitätstheorie ins Wanken. Bevor das physikalisch geklärt ist, nehmen sich Witzproduzenten der Sache an:

"Noch weiß freilich niemand, ob die Messdaten tatsächlich
stimmen. Kollegen am Fermilab in den USA wollen das
Experiment schnellstmöglich wiederholen. Sollte sich die
Reise mit Überlichtgeschwindigkeit bestätigen, müsste eine
neue Theorie entwickelt werden. Eine mögliche Erklärung
wäre, dass die Neutrinos in höheren Dimensionen, wie sie in der 
Stringtheorie diskutiert werden, Abkürzungen nehmen.
    Während die Physiker noch rätseln, was bei der Messung
womöglich schiefgelaufen ist, sind Twitter-Nutzer schon
einen Schritt weiter. Sie reißen einen Witz nach dem anderen
über die vorschnellen Neutrinos. Diese würden, so die
Annahme der Witzeschreiber, ja gegen das Kausalitätsprinzip
verstoßen, dass die Wirkung stets auf die Ursache folgt.
Wirkungen können sich laut der Relativitätstheorie nämlich
höchstens mit Lichtgeschwindigkeit im Raum ausbreiten.
Die beiden am häufigsten, in verschiedenen Varianten per
Twitter verbreiteten Witze gehen so:
        Der Barkeeper sagt: "Tut mir leid, wir bedienen
        keine Neutrinos, die schneller sind 
        als das Licht." Ein Neutrino kommt in eine Bar.
        "Neutrino!" - "Wer ist da?" - "Toc, toc."
Das Ganze ist feinster Nerdhumor, der sich wohl nicht
jedem sofort erschließt. Die Surfer jedenfalls sind
begeistert. Neutrinos beantworten eine  Frage, bevor sie
gestellt wird. Und sie sind so schnell unterwegs, dass
sie den klassischen Witzaufbau auf den Kopf stellen: Die
Pointe kommt nicht zum Schluss, sondern gleich zu Beginn."

In 4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE ist das alltägliche Verständnis von "kausal" enthalten, es ist eine Modal-Komponente, die - wie alle anderen auch - erst eine geistige Vorstufe einer Handlung bezeichnet. Die ausgeführte Tat folgt erst danach. Es wäre in der Tat eine nicht nur physikalische Revolution, sondern auch eine kognitive, wenn wir uns an den Gedanken gewöhnen müssten, die Wirkung könne vor der Ursache sichtbar sein... - Mal sehen, was die Überprüfungen erbringen.

[Ergänzung: Einstein - wo immer er sich gerade befindet - kann aufatmen. Es lag ein Messfehler vor.]

2.6 "Dinner for One"

Anscheinend ein Widerspruch: Verweis auf einen englischen Sketch, der seit Jahrzehnten zum Kult beim Jahreswechsel wurde - allerdings nur in Deutschland. In England wird der Sketch als mittelmäßig und keineswegs als 'kult-geeignet' betrachtet. Warum diese Differenz?

Inhaltlich geht es im Sketch um das Verhältnis: Gegenwart vs. Vergangenheit. Mit vielen inzwischen verblichenen herausragenden Größen (militärische vor allem, "Admiral" usw.) will Miss Sophie anstoßen - stellvertretend muss Butler James einspringen, bis er schließlich besoffen ist. - Beides zusammenziehend: Vielleicht machen sich Deutsche daran bewusst, dass sie angesichts verblichener Uniformträger und militärischer Großmachtsfantasien 12 Jahre ebenfalls "besoffen" waren.

Laut Kulturwissenschaftler Stollmann (Zeitungsinterview) ist es speziell den Deutschen damit möglich, ihre Vergangenheit zu thematisieren (Drittes Reich - Verluste, militärisches Denken) und über das lange Verdrängte zu lachen. Es ist auch anzunehmen, dass das Bedürfnis danach immer mehr abnimmt, weil die davon noch betroffene Generation ausstirbt. Es wäre damit erklärbar, warum diese Projektion - vgl. 4.1135 Personifikation, Projektion - so asymmetrisch unterschiedliche Reaktionen in beiden Ländern hervorruft. Zugleich wird deutlich, wie durch die Verkleidung sich unbewusste Inhalte/Motive Bahn brechen können. - Brücke zur Psychoanalyse.

2.7 Presse

Dass der Außenstürmer des FC Bayern im Spiel gegen Werder Bremen das Siegtor erzielte, veranlasst die Tageszeitung zur Überschrift: "Ribéry schlägt wieder zu". Das allein ist nicht witzig/humorvoll, da es sich um eine abgestandene Form von "Übertragenem Sprachgebrauch" handelt, vgl. 4.113 Übertragener Sprachgebrauch - Übergang zur gemeinten Bedeutung.

Wer allerdings weiß, dass der Stürmer eine Woche zuvor seinem Kollegen Robben ins Gesicht geboxt, ihm ein 'Veilchen' verpasst, daraufhin eine Vereinsstrafe von 50.000 Euro kassiert hatte, für den erweist sich die Überschrift als aktuell und doppelbödig süffisant. Das vom Schreiber vorausgesetzte 'Weltwissen' muss bei den Lesern allerdings vorhanden sein - vgl. 4.4 Vorausgesetztes Weltwissen (Präsuppositionen), ansonsten nimmt der eben lediglich eine dröge Überschrift wahr.

2.8 Kessler-Zwillinge

Vgl. G. Grass, Mein Jahrhundert, unter dem Jahr 1958, S.237. Das Erzähler-Ich hat die Funktion des Impresarios der beiden Tänzerinnen. Rahmen: Filmaufnahmen.

"So begehrt sie waren, richtig zum Zuge ist bei ihnen
wohl keiner der brünstigen Hengste gekommen. Selbst bei
den Dreharbeiten für 'Trapez', als Tony Curtis und Burt
Lancaster unermüdlich versuchten, bei der einen, der
anderen zu landen, blieben Erfolge aus, ohne daß ich
den Aufpasser spielen mußte. Man war dennoch gut Freund
und neckte sich. Riefen die Hollywoodstars spöttisch
'Ice-creams!', sobald Ellen und Alice während der Dreh-
pausen aufkreuzten, antworteten meine Geschöpfe: 'Hot
dogs! Hot dogs!' Und selbst wenn Burt Lancaster, was
später behauptet wurde, doch eine von beiden langgelegt
hat, wird er davon nicht viel gehabt und kaum geahnt
haben, welche von beiden." 

2.9 Aus der Literatur

2.91 Sarkasmus

... laut S. Lenz, "Deutschstunde", (45. Aufl. 2014, S.399ff)

Der Krieg, der am Anfang so rentabel verlief, war aus.
Was von Norden kam, was aus dem Osten geflohen war, was
sich aus dem Süden erfolgreich abgesetzt hatte, wurde
von den patroullierenden Panzerspähwagen abgefangen
und in die Sperrzone geschleust, in der man sich nicht
nur frei bewegen konnte: da durften die Soldaten ihren
Zeltplatz selbst bestimmen, da durften Vorträge bei-
spielsweise über das Scheidungsrecht gehalten werden, 
ohne Erlaubnis durfte man sich Sauerampfer und die
bekömmliche Brennessel pflücken, und es war auch nicht
verboten, Liederabende, Leseabende und Theaterauf-
führungen zu veranstalten. An Künstlern fehlte es
nicht. Zu den Theateraufführungen durfte die Bevölkerung
aus angrenzenden Gehöften die Sperrzone betreten; um
die gefangenen Künstler zu unterstützen verlangten sie
von uns allerdings als Eintritt ein halbes Brot. 
...
Auf der trockenen Wiese, im Schneidersitz, lachend,
hier und da aus einem Kochgeschirr löffelnd, hockten
an die zwölftausend Zuschauer, viele von ihnen
schliefen, erstaunlich viele pulten an ihren nackten
Zehen. Immer wieder flog ein Elsterpaar das magere,
dennoch bergende Gehölz an, konnte sich aber nicht
entschließen zu landen und strich ab.  Kiebitze 
hatten sich längst aus der Sperrzone verzogen, ebenso
waren die Fasane ausgewandert und die wilden, auf
Stille angewiesenen Kaninchen.

2.92 "Heine für Boshafte"

= Buch, ausgewählt von M. Tilch, J.A. Kruse. insel tb 3273. Frankfurt/M 2008.

(13) "Wahrlich, es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde,
die nicht bloß unsere Philosophen, sondern sogar die
gewöhnlichsten Dummköpfe nicht begreifen."
(53) "Es ist freylich, sowohl durch das Gesetz wie durch
die öffentliche Meinung, hier in Frankreich längst der
Grundsatz anerkannt worden daß den Juden, die sich durch
Talent und Hochmut auszeichnen, alle Staatsämter ohne
Ausnahme zugänglich seyn müssen. Wie tolerant dieses auch
klingt, so finde ich hier doch noch den säuerlichen Bey-
geschmack des verjährten Vorurtheils. Ja, solange die
Juden nicht auch ohne Talent und ohne Hochsinn zu jenen
Ämtern zugelassen werden, so gut wie Tausende von Christen,
die weder denken noch fühlen sondern nur rechnen können,
so lange ist noch immer das Vorurtheil nicht radikal ent-
wurzelt und es herrscht immer noch der alte Druck!"
(83) "Dieser Maler heißt Heinrich Lehmann und wird gewöhn-
lich der Raphael des Hamburger Ghetto, des alten Dreckwalls,
genannt. Wenn man seine Gemälde sieht, begreift man, warum
Moses den Juden die Malerkunst verbot; als ein Prophet hat
er gewiß vorausgesehen, mit welchen schauderhaften Bildern
besagter Herr Lehmann die Menschheit betrüben werde."
(92) "Es sind in Deutschland die Theologen, die dem lieben
Gott ein Ende machen -
on n'est jamais trahi que pas les siens"   
(96) "Friedliche Gesinnung - Wünsche: bescheidene Hütte,
Strohdach, aber gutes Bett, gutes Essen, Milch und Butter,
sehr frisch, vor dem Fenster Blumen, vor der Türe einige
schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich ganz glücklich
machen will, läßt er mich die Freude erleben, daß an diesen
Bäumen etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden.
- Mit gerührtem Herzen werde ich ihnen vor ihrem Tode 
allerlei Unbill verzeihen, die sie mir im Leben zugefügt -
ja, man muß im Leben seinen Feinden verzeihen, aber nicht
früher, als bis sie gehenkt worden. - Versöhnlichkeit,
Liebe, Barmherzigkeit."

3. Einzelsprache: Schwäbisch

3.1 Ironie

Aus Ch. Sonntag, Deutschland deine SchwaBadener. Tübingen 2010. S.156:

"Vermutlich ist derbe Ironie die Seele des schwäbischen Humors.
Kein Wunder, dass ihn niemand außerhalb Baden-Württembergs
versteht. Da fällt mir noch einer ein:
       Sagt der Schwabe am Tresen gedankenverloren zu seinem
       Kumpel: 'I glaub, mei Frau isch gstorbe!'
       Der Kumpel erschrickt: 'Um Gottes wille, wie kommsch
       denn da drauf?'
       'Ha', seufzt der erste, 'im Bett isch's wie immer -
       aber die Küche sieht aus!'  "

S.157:

"Erzählt der Zweitklässer (!) der Lehrerin: 'Geschtern hemmor
d'Oma in Keller gschickt zum Kartoffle hole, no isch se
ausgrutscht und gstorbe!'
       'Herrje!' sagt die Lehrerin erbleichend, 'was habt
       ihr dann gemacht?'
       'In Gott's Name Reis!' "


3.2 ein Wort / mehrere Bedeutungen

Aus Ch. Sonntag, Deutschland deine SchwaBadener. Tübingen 2010. S.165:

"Dass der Schwabe zur Dichtkunst ein eher einfaches
Verhältnis haben kann, zeigt der nächtliche schwäbische
Dichterwettstreit zweier Weinstubenbesucher auf der
Neckarbrücke in Tübingen.
        Beginnt der eine: 'I stand uff dr Brick, ond
        spuck de Fisch ens Gnick.'
Das war für den anderen schwer zu überbieten. Nach 
einer kurzen Denkpause sagte er: 
        'Ond i stand uff dr Brick ond steck mein
        Fenger en Arsch.'
        'Aber des reimt sich doch gar net', ereiferte
        sich der Frieder.
Karle: 'Aber dichta tuats.' "


3.3 Bescheidenheit oder Größenwahn?

Konstante Irritationen und Selbstwidersprüche: Aus Ch. Sonntag, Deutschland deine SchwaBadener. Tübingen 2010. S.172:

"Das Theaterhaus Stuttgart ist das größte alternative
Drei-Sparten-Haus in Europa! Ach was, der Welt!
         Das sei zum Schluss in aller Bescheidenheit
und zurückhaltender Demut gesagt. Wir wollen ja schließlich
nicht aufschneiden. So soll die Information, dass ich dort
regelmässig mit einem Programm auftrete, ganz unter den Tisch
fallen.  Man will ja nicht angeben, wie stohsch do!"

4. Kritik an "Sakralia"

Mit Sakralia sind zunächst wesentliche, ehrwürdige und eigentlich unantastbare Begriffe, göttliche oder menschliche Figuren, Handlungen in religiösen Systemen gemeint. Es ist dann ein "Sakrileg", sie dennoch kritisch zu betrachten. - Aber derartige Grundpfeiler gibt es auch in profanen Ideologien. Es sind die geistigen Pfeiler, die "man" anständigerweise nicht in Frage stellt, wenn man weiterhin dazugehören will. In früheren Zeiten wurden derartige Kritiker als "Ketzer" verbrannt und auf den Scheiterhaufen gestellt, gevierteilt, gerädert usw. Noch in jüngerer Zeit praktizierte das Dritte Reich genau den selben Rigorismus.

Natürlich ist es immer schon Aufgabe u.a. von Kabarettisten, auf derartige Denkverbote hinzuweisen und mit humorvoller Macht auch die Relativierbarkeit derartiger Sakralia vorzuführen. Sie machen erlebbar, dass alles der Vernunft und Versprachlichung zugänglich sein muss. Tabus, Denkverbote, Sanktionen, geforderte Ergriffenheit usw. passen nicht zu aufgeklärtem Geist.

4.1 "Paradies"

http://www.alternativ-grammatik.de/pdfs/paradies.pdf

4.2 "Arabischer Frühling"

Nach den verschiedenen Revolutionen - 2011/12 - versuchen sich Comic-Zeichner an Humor der westlichen Art. Religion, Gott, Sex, Gewalt sind aber noch weiterhin tabu. Vgl. [12]

4.3 Arabische Hochzeit und künstlerische Veredlung - leicht gestört -

Vgl. das Zitat S.115f aus der Erzählung von Rafik Schami in: [13]

5. Bitterer Humor = Sarkasmus

Humor ist nicht immer nur "lustig". Er kann auch stehen, wenn eigentlich Fassungslosigkeit, Entsetzen, Hilflosigkeit dominieren. "Humor" ist dann die letzte Möglichkeit, sich überhaupt noch sprachlich zu äußern, sozusagen die letzte Etappe vor der Sprachlosigkeit.

5.1 Nazi-Kontext

Aus: H. Fallada, Jeder stirbt für sich allein. Berlin 2012, 5. Auflage, S. 264:

In der Prinz-Albrecht-Straße ließ er sich dann sofort bei
seinem direkten Vorgesetzten, dem SS-Obergruppenführer
Prall, melden. Er musste fast eine Stunde warten; nicht,
dass Herr Prall grade sehr beschäftigt gewesen wäre, oder
doch, er war grade sehr beschäftigt. Escherich hörte
das Klirren von Gläsern, das Schnalzen der Pfropfen, er
hörte Gelächter und Geschrei: eine der häufigen Zusammen-
künfte höherer Führer also. Geselligkeit, Umtrunk, heitere
Zwanglosigkeit, Erholung nach der schweren Mühe,
Mitmenschen zu quälen und an den Galgen zu bringen.

5.2 Schriftsteller

Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit. Eine Lehrrede. Übersetzt von Anton J. Gail. Reclam Nr.1907. Stuttgart 2010. [Die Torheit spricht:]

(67) Seinen trügerischen Lohn sucht er in der
Anerkennung, die er aber nur bei wenigen findet,
und die ihn teuer genug zu stehen kommt. Nacht-
wachen, Schlaflosigkeit - wo doch der Schlaf von
allem das Angenehmste ist -, Schweiß und Qualen
gilt es auf sich zu nehmen. Dazu kommt die Zer-
rüttung der Gesundheit, die äußere Verkümmerung,
Triefäugigkeit oder gar Blindheit, Armut, Neid,
Verzicht auf Vergnügen, vorzeitiges Altern,
früher Tod und was dergleichen "Köstlichkeiten"
sind. Für solche Übel glaubt der Weise sich ent-
schädigt, wenn er bei dem einen oder anderen Depp
in Gnaden aufgenommen wird.

6. Humor und diplomatische Seriosität

... vertragen sich nicht, verhalten sich wie Feuer und Wasser? - Meint man. Beides kann sich bei Menschen, die mit Sprache umgehen können, wunderbar verbinden.

6.1 Loriot und die deutsche Teilung

Wer bereit ist, einen wissenschaftlichen (aber weitgehend lesbaren) Aufsatz zu lesen, wird vom Humoristen Loriot durch ein Wechselbad der Gefühle gejagt: In aller Freundlichkeit wird die eigene Position im gegnerischen Land vorgebracht, zugleich werden verschiedene ideologische Standards erschüttert. - Ein halbes Jahr später fiel die Mauer in Berlin. (Vorgetragen und publiziert an der MSLU - Moskauer staatlich linguistische Universität, publiziert 2011)

SCHWEIZER,H: Phraseologie und Semantik, Pragmatik. Zur
politischen Brisanz eines Loriot-Textes: G. Fadeeva (ed.),
Aktuelle Probleme der modernen Lexikologie und
Phraseologie (FS I. I. Cerniseva). Moskau 2011.
S. 414-442. ISBN 978-5-88983-374-1 

[14]/Folien

[15]/Aufsatz

6.2 "Abhören unter Freunden, das geht gar nicht" (BK Merkel)

Im Zuge der NSA-Affäre (Herbst 2013) sagte BK Merkel diesen Satz, der allgemeine Zustimmung fand. Eine Karikatur zeigte zwei Geheimdienstler, die ihre Geräte betrachteten. Dem einen wurde dieser Merkel-Satz in den Mund gelegt. Textgrammatisch lässt sich dazu manches sagen:

  • Es liegen zwei Äußerungseinheiten vor. Bis zum Komma eine nicht-satzhafte, danach ein Satz. Vgl. 4.0601 Äußerungseinheiten (ÄEen)
  • Funktion der ersten ist, etwas pointiert zu benennen, das anschließend als Subjekt - 4.0611 Subjekt / 1.Aktant - des Satzes dienen kann.
  • Die betonte, nicht-satzhafte Nennung = 1. Teil, informiert die Adressaten, worum es anschließend gehen soll. D.h. eine Isotopie wird eröffnet: Vgl. 4.42 Einheitliches Thema (Isotopien). Nicht nur die erste ÄE leistet dies, sondern zusätzlich das Bild: Schlapphüte mit ihren Geräten.
  • An dieser Stelle werden LeserInnen stutzen: Geheimdienstler erfüllen mit ihrer Technik Dienstaufträge anderer (Politiker). Dass sie von ethischen Skrupeln geplagt wären - vgl. Merkel-Satz -, erwartet man bei ihnen nicht. Diese müssten die politischen Auftraggeber haben. Die Geheimdienstler sind technische Kommunikationsfachleute.
  • Genau wegen dieser Irritation fragt der zweite Abhörer zurück: "Warum?"
  • Die Antwort ist kurz und springt schlagartig in die Isotopie, die man eigentlich erwartet hatte: "Akku leer". Nichts ists also mit Ethik und Freundschaftspflege.

Damit ist schön das "Humor"-Kriterium erfüllt: unerwartetes, schnelles Springen in einen ganz anderen thematischen Bereich. Der Adressat merkt, dass er - freundschaftlich natürlich - auf eine falsche Fährte gesetzt worden war.

6.3 1990: Geheimverhandlungen zur Deutschen Einheit

Verhandlungsführer D. Kastrup im Interview, vgl. SPIEGEL 40/2015 46ff. Immer wieder musste Außenminister Genscher einbezogen werden, wenn die Verhandlungen stockten.

Spiegel: Wie schaffte es Genscher, in so einer
Situation die Wogen zu glätten? Von Kohl weiß man,
dass er gern von seiner Heimat erzählt, seinen
Eltern ...
Kastrup: ... nein, auf die sentimentale Tour
lief das bei Genscher nicht. Er ging als Advokat
an die Sache ran. Er hat versucht, sich in die
Situation des anderen hineinzudenken, wo sind
seine Interessen? Welchen innenpolitischen
Beschränkungen ist mein Gegenüber unterworfen?
Er hat sich auch gern kundig gemacht über die
Lebensumstände des anderen, woher er kam etc.
Spiegel: Kann Genscher etwas, was andere
Verhandler nicht können? 
Kastrup: Von anderen Qualitäten abgesehen:
Genscher ist ein begabter Witzeerzähler. Er konnte
sich kugeln vor Lachen. In den unmöglichsten
Situationen fiel ihm das Richtige ein.

6.4 Staatschef Erdogan als Satire-Mitarbeiter?

Ende März 2016 gab es von Seiten der türkischen Regierung nicht nur Unverständnis, sondern gar diplomatische Verwicklungen - der deutsche Botschafter war mehrfach einbestellt worden. Grund: ein Satire-Beitrag im NDR, vgl. [16] Satire im Quadrat: Erdogan wurde zum Mitarbeiter gewählt. Meinungs- und Pressefreiheit sind noch nicht in allen Ländern garantiert und Praxis.

7. Biblische Texte

7.1 Lk 17,5-6 "Macht des Glaubens"

Mit dieser gravierenden Überschrift (2 Abstrakta) sind die beiden Verse in der 'Einheitsübersetzung' angekündigt.

5 Die Apostel baten den Herrn: Stärke unseren
  Glauben!
6 Der Herr erwiderte: Wenn euer Glaube auch nur so
  groß wäre wie ein Senfkorn, würdet ihr zu dem  
  Maulbeerbaum hier sagen: Heb dich samt deinen
  Wurzeln aus dem Boden und verpflanz dich ins Meer!, 
  und er würde euch gehorchen.

Ein Gesprächskreis - so wurde berichtet - mühte sich quälend und tiefschürfend, aber textfern, damit ab. Ergebnislos. - Versuchen wir es selbst: Was kann man zu dem sehr überschaubaren Text sagen?

  1. Bei der Bitte um 'Stärkung des Glaubens' frierts einen. Die Apostel bringen sich geistig in Kleinstkindposition - aber diese Aussage passt auch nicht, weil Kleinstkinder intuitiv von sich überzeugt sind und wissen, was sie brauchen. Also besser: Wer solch eine Frage stellt, begibt sich in eine lachhafte Position. Auch deswegen, weil er sich selbst passiv macht: das Heil wird von der Tätigkeit des anderen erwartet. Wie man den Glauben, ein Abstraktum, "transferiert" - vom einen zum andern -, das hat noch nie jemand vorgeführt. - Aus all dem: im Wortsinn ist diese Frage lachhaft und sinnlos. Vielleicht meint sie ja was Anderes, Sinnvolles. Was genau - das lässt der Kontext nicht erkennen.
  2. Glaube = Senfkorn (= kleiner gehts nicht) - aber wenn er das nur "wäre", er ists also nicht. D.h. vollkommen richtige Diagnose. Im Klartext: Ihr seid Flaschen, Nichtsnutze, Memmen. Und von Seiten Jesu - gemeinte Bedeutung - die rabiate Auskunft: Ich weise eure Frage zurück - denn nicht mal in Senfkorngröße ist was da, was gestärkt werden könnte.
  3. Aber Jesus sagt nicht einfach und brüsk "nein", sondern liefert dabei ein anschauliches Bild, zwar ein völlig überzeichnetes ("nicht mal Senfkorngröße"). Aber das Bild kann man auf sich wirken lassen, es regt die Vorstellungskraft an, die enthaltene maßlose Übertreibung erzeugt Lachen. Also steckt auch Freundlichkeit in der spontanen Abwehr.
  4. "Maulbeerbaum ins Meer" - es heißt nicht, die Apostel sollten (jemand verpflanzt...), sondern es geht darum, dass auf den Befehl hin der Baum selbst sich hochhebt und sich ins Meer setzt. Beide Aspekte sind dröhnender Unsinn. Das ist im Wortsinn so jenseits alles Vorstellbaren, eine so unglaubliche Überzeichnung, dass jeder blöd ist, der hier weiterhin nur noch - tiefsinnig - am Wortsinn rumtüftelt. Sachverhaltlich, botanisch ist das Bild abstrus. Sprachlich, poetisch bringt Jesus eine unerwartete, völlig neue gedankliche Sichtweise ins Spiel: man darf auch Unmögliches formulieren und gedanklich durchspielen.
  5. Sich einen solchen geistigen Auslauf zu gönnen, macht erfahrungsgemäß Spaß, tut gut, weitet den Horizont. Sich nicht ständig an das zu ketten, was laut vernünftiger Alltagserfahrung möglich ist. z.B. Kunst ist nur so möglich, dass man neue Sichtweisen zulässt, nicht nur das, sondern sie regelrecht sucht. Religion auch. Alle Erstarrung ist des Teufels.
  6. Insofern könnte man sagen: Im Wortsinn haut Jesus den Jüngern ihre Frage links und rechts um die Ohren und lehnt deren Vorstoß ab. Dadurch, wie er antwortet, betreibt er indirekt wohl doch so etwas wie Glaubensstärkung, d.h. ein Training/eine Veränderung der inneren Einstellungen, netterweise nicht durch staatstragend-fromme Belehrung, Dogmatik und Ideologie, sondern durch Provokation, Witz, restlos überzogene Sprachbilder. Hier ists grad nichts mit einer der gefürchteten frommen Belehrungen. Von "Gott" u.ä. ist nicht mal die Rede.
  7. Was poetisches Gespür, Lust am geistigen Experiment betrifft, sind die beiden Verse ausgesprochen anspruchsvoll. Nicht ein bestimmter Bildungsgrad wird vorausgesetzt, sondern eine innere Lockerheit und Freiheit, die mit solchen Bildern umgehen kann. Wer in dieser Hinsicht blockiert ist, abwehrt, dessen Glauben kann nicht geholfen werden. Anders gesagt:
  8. Wer nur Passivität an den Tag legt und andere bittet, sie mögen helfen, der wird provoziert: er muss schon selbst etwas einbringen - und sei es literarisch-gedankliche Experimentierbereitschaft.

Ist doch beachtlich, auf wie kleinem Raum - vergleichbar klein wie das Senfkorn - sprachlich-geistige Raffinesse eine große provokative = stärkende Kraft entfalten kann. - Wer im wesentlichen die angebotene Textbeschreibung akzeptiert, kann sich überlegen, wie eine angemessenere, weniger dröge Überschrift aussehen könnte.

Problem jenes Gesprächskreises waren aber nicht
lediglich literarische Finten, die man aufdecken
könnte. Viel wirkungsvoller die Blockade: In der
Bibel darf/kann doch kein Humor vorkommen! Das
sei doch kein 'Witzbuch'! - Ja, ist sie tatsächlich
nicht. Schlimm, wenn jemand "Humor" lediglich auf
"Witz" reduziert (zudem: als sei ein Witz automatisch
was Schlechtes!). Der kleine Text zeigte, wie viel-
schichtig und anspruchsvoll er angelegt ist.
Für Leute, die vor Ehrfurcht erstarrt sind, keinen
Sinn für geistige Experimente - und dabei Humor -
aufbringen, sind die biblischen Texte ganz gewiss
nicht geschrieben. Das führt zu einem letzten Punkt:
Texte wie der zitierte belassen es nicht bei der
Zweiteilung der Menschen, sondern bieten allen ein
sprachlich-geistiges Trainingsprogramm an. - Nur
sollte man genau lesen/hinhören.

8. Einzelsprache: (amerikanisches) Englisch

8.1 Humor als Therapie?

... um inneren Abstand von einer Wahlenttäuschung zu bekommen - vgl. [17]