4.52 Textbeschreibung - anspruchsvoll und spannend

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Die Werkzeuge, die die "Alternativ-Grammatik" zur Verfügung stellt, wollen richtig eingesetzt werden. Nicht die Grammatik ist der Endzweck, sondern das bessere Verstehen von Texten. Und "Verstehen" heißt auch: intensiver wahrnehmen, genießen, noch besser die Relevanz des Gesagten bemerken. Oder nochmals anders: Vieles, was sonst allenfalls unbewusst aufgenommen wird, kann nun auch ins Bewusstsein gehoben werden. - Hier dient als Beispiel ein Redetext von Loriot.

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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Raffael, Sixtinische Madonna

Die Deutsche Post hat vor einigen Jahren eine Briefmarke herausgegeben zu dem in Dresden hängenden Bild. Eine Ausstellung lief unter dem Slogan: "Die schönste Frau der Welt wird 500".
Vgl. [1]
Auch ein Gemälde ist eine Art 'Text', der beschrieben sein will. wikipedia liefert dazu mehr Begleit- und Zusatzinformationen als eine Bildanalyse. Der oberflächlich-saloppe Eindruck - "schönste Frau" - könnnte doch wenigstens um folgende, leicht wahrnehmbare Aspekte ergänzt werden:

- Madonna und Kind schauen sich nicht vertraut und
  liebevoll an, sind sich also nicht selbst genug,
  sondern beide schauen parallel aus dem Bild heraus,
  nehmen den Betrachter in den Blick.
- die Augen beider sind offen und zugleich verschat-
  tet: der Ausdruck wirkt ernst, sorgenvoll, wenn
  nicht geängstigt
- der Schleier der Madonna ist - physikalisch be-
  trachtet - 'unmöglich' aufgebauscht, wird nur
  plausibel, wenn man - malerisch nicht direkt dar-
  stellbar - "Gegenwind" unterstellt

Das klischeehafte, sich in Zärtlichkeit erschöpfende "Mutter-Kind"-Idyll wird also gerade nicht bedient. Von beiden dargestellten Figuren geht die Frage aus, was sie von Leuten wie dem Betrachter noch an Bedrohlichem zu erwarten haben. Es wird somit die Bedrohung/Ablehnung Jesu von Anfang an - bis letztlich hin zu Prozess und Hinrichtung - eingefangen, wie sie in den neutestamentlichen Texten enthalten ist. Das Bild auf "schönste Frau" zu reduzieren (Ausstellung), geht an der Intention des Malers komplett vorbei. Die wikipedia Beschreibung erfasst diese Aspekte aber auch nicht.

0.2 Isolierte Wortbedeutung reicht nicht

STB 7.12.2016: "Facebook hat Palmer (= Tübinger OB)
am Donnerstag aus nichtigem Anlass für 24 Stunden
gesperrt - und am Montag noch einmal. Anlass war der
Eintrag 'Was ist aus dem Mohrenkopf geworden? Das
Bild zeigt die Antwort.' In zwei Fotos waren dann
'Chocolinos' genannte Schaumküsse auf der Tübinger
Chocolart (= Markt im Dezember) zu sehen, die vor
drei Jahren noch  'Mohrenköpfe' hießen, eine lange
Debatte anstießen und anschließend umbenannt wurden.
Der Post des Oberbürgermeisters zeigte also gerade
eine positive Veränderung, weg vom als rassistisch
bewerteten Sprachgebrauch. Das Wort 'Mohrenkopf'
war wie ein Zitat verwendet. Wer auch immer die
Sperre angeordnet hat: Er hat jedes Verständnis,
jeden Kontext, jeden Sinn des Beitrags ignoriert
und bloß, wie der pawlowsche Hund auf ein Schlag-
wort reagiert."

0.3 Isoliertes Musikmotiv reicht auch nicht

Vgl. [2] - Wer hat nicht alles schon das "Schicksal an die Tür klopfen hören" bei Beethovens 5. Sinfonie, op. 67, erster Satz? - Nun ja, ein wirklich dramatischer und aufwühlender Einstieg in das Werk. Wegen der Abwärtsbewegung nach den drei gleichbleibenden Orchesterschlägen muss man an 'Drohung', 'Depression', 'Verzweiflung' denken.

Wer hierbei stehen bleibt, hat übersehen, dass der letzte Satz rhythmisch genau gleich beginnt, jedoch die anfängliche Tonhöhe beibehält, die Phrase sackt nicht ab. Das verleiht dem Motiv einen strahlenden, siegreichen Charakter. Man muss also beide Motive über eine weite Strecke in Beziehung setzen - und ganz abgesehen davon - darf man die Symphonie nicht darauf reduzieren, sondern die weiteren Motive, ihre Verarbeitung und zwei weitere ganze Sätze beachten.

So erst entsteht - nun im Bereich Musik - eine akzeptable "Textbeschreibung".


1. Klage als Sprechakt

Wer "klagt", vollzieht einen Sprechakt der Kundgabe = Gefühlsexpression, drückt ein aktuelles, negatives Gefühl aus - als Reaktion auf ein Ereignis, das der Sprecher nicht beeinflussen oder verhindern konnte. Also liegt darin auch - damit sind wir bei Implikationen - die Aussage der eigenen Ohnmacht, der Hilflosigkeit. Weiterer Aspekt: Eine Klage schließt den indirekten Sprechakt der Auslösung ein, nämlich die Bitte um Hilfe, der Appell an den Adressaten der Rede. Das alles aktiviert im Hintergrund die Module: Sprechakte im Wortsinn (4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte) und Indirekte Sprechakte (im weiteren Rahmen: 4.1132 Stilfiguren, "Redeschmuck" - Verschiebungen)

1.1 Ein Papst klagt gern

z.B. zu Beginn des Deutschlandbesuchs von Benedikt xvi. Laut Bericht von t-online:

" 'Der Religion gegenüber erleben wir eine zuneh-
mende Gleichgültigkeit in der Gesellschaft, die (...)
Nützlichkeitserwägungen den Vorrang gibt', 
beklagte Benedikt. Dabei sei die Religion Grundlage
für ein gelingendes Miteinander in der Gesellschaft."

Zu diesem Zitat kann man sprachkritisch einiges sagen:

  1. Von "Religion" wird gesprochen. Ist das so gemeint? Eher nicht, denn der Papst ist Vertreter einer "Konfession", einer einzelnen Kirche. Es ist wahrscheinlicher, dass er für deren Interessen spricht.
  2. Es macht sich aber nicht so gut, als Lobbyist einer Institution aufzutreten. Daher wird ausgeweitet und vereinnahmt: Menschen wenden sich von Religion ab. Genau besehen stimmt das so nicht. Erst recht nicht, wenn man statt Religion, das man immer irgendwie mit Mitgliedschaft assoziiert, von Religiosität spricht: an einer Kultivierung eines solchen inneren Basisgefühls, einer wachsenden Sensibilisierung - z.B. auch auf psychologischen, künstlerischen, meditativen Wegen - sind heute viele interessiert. So gesehen ist die Papstaussage ein Schlag ins Gesicht all dieser Suchenden.
  3. "wir erleben" - die Adressaten der Rede werden vereinnahmt und zugleich - natürlich - von dem Vorwurf wohlwollend ausgenommen. Strategisch versucht der Redner, Verbündete für sein Anliegen zu finden, selbst wenn unter den Hörern welche sein sollten, die soeben beleidigt worden waren.
  4. "Nützlichkeitserwägungen" - erstens ein klischeehafter Standardvorwurf von Theologen an die "säkulare" Welt. Zweitens die Frage, ob nicht ein Popanz aufgebaut wird: z.B. ist es "nützlich", sehr viel in Therapien zu investieren, weil das den Betroffenen gut tut und außerdem in vielen Fällen die Kosten für lebenslange Betreuung spart. Wo ist also das Problem? - Der implizierte Verdacht: solches Verhalten sei seelenlos. Also sind Seelsorger notwendig. Die in vielen Fällen sicher weltfremde Beschuldigung dient nur dazu, die eigene Unverzichtbarkeit zu behaupten. Sie dient der Selbststilisierung. - Schließlich: Die Vorgänge um Vatileaks oder die vatikanische Bank (per le opere religiosi) zeigen, dass in der Kurie auch jenseits der gesetzlichen Grenzen nach Nützlichkeitsgesichtspunkten gehandelt wird.
  5. Wo aber - wenn schon der Papst soviel auf "Vernunft" verweist - bleibt der Qualifikationsnachweis seiner Theologen, der auch im Gespräch mit den säkularen Wissenschaften Bestand hätte? Es gibt ihn nicht. - Dabei sollen hier nicht einmal die unseligen Missbrauchsfälle als Nachweis angeführt werden. Sie sind eher nur die Spitze des Eisbergs. Breitflächig kann gezeigt werden, dass kirchliche Theologie nicht einmal einen reflektierten Umgang mit der Sprache praktiziert (vgl. H. Schweizer, "deine Sprache verrät dich!" Lit-Verlag). Das ist deswegen verhängnisvoll, weil damit alle praktischen Tätigkeitsfelder naiv und ideologisch vergiftet angegangen werden. Wen soll das außerhalb der Institution überzeugen?
  6. Aber mit einer aufgeschlossenen Papstrede wäre es ohnehin nicht getan. Die Entfremdung "Kirche <-> Sprache, Wissenschaften" hat viel tiefere Wurzeln, wie wir sprachkritisch, philosophisch schon gesehen haben: vgl. [3]
  7. Glaubwürdig ist nur, dass das Anliegen des Papstes nicht "Religion" derart allgemein ist, sondern das Gedeihen seiner partikulären Gruppe, der Kirche.
  8. Die grundlegende Wichtigkeit von "Religion" für die Gesellschaft wird behauptet, aber in keiner Weise nachgewiesen. Viel wichtiger für die moderne Gesellschaft waren all die Faktoren, die sämtlich gegen den Widerstand der Kirche durchgesetzt werden mussten - Entwicklung der Menschenrechte, des Völkerrechts, der Demokratie, der Nicht-Diskriminierung von Mann und Frau, Selbstbestimmungsrecht, usw. Dass diese Merkmale binnenkirchlich noch keine Realität sind, weckt die Frage, mit welchem Recht der Kirchenvertreter sich belehrend an die säkulare moderne Gesellschaft wendet?
  9. Der Sprechakt "Klage", der implizit gemeint ist als "Handlungsaufforderung", soll die Zuhörenden = Abgeordneten animieren, nicht die "Religion", sondern die "katholische Kirche" in der BRD-Öffentlichkeit zu schützen, ihre Privilegien zu bewahren.
  10. Atmosphärisch werden die Zuhörer in die Zange genommen: einerseits durch Mitleid (wegen "Klage"), andererseits durch - anscheinend - überlegene Intellektualität (durch hochabstrakte professorale Gedankengänge). Ergebnis: auch vordem kritische Zuhörer klatschen Beifall am Ende der Rede. Wahrscheinlich sind sie froh, dass nun die Zange sich wieder lockert.
  11. Die Themenebene der Grundsatzfragen hat Nebeneffekte:
   = sie steigert das Selbstwertgefühl der Zuhörenden,
     werden sie doch nicht mit alltäglichen
     Detailthemen behelligt, sondern können mal
     einen Schritt zurücktreten, ihr Tun
     grundsätzlich reflektieren - wozu sonst
     zu selten Gelegenheit besteht;
   = damit kommen spezifisch kirchliche Detailfragen,
     die in der öffentlichen Debatte stehen, aber
     auch nicht vor: Missbrauch von Kindern,
     Homosexualität, Diskriminierung der Frauen,
     binnenkirchliche Demokratie, Abbau der Hierarchie,
     Klärung des Verhältnisses zu den nazistischen
     'Pius-Brüdern' usw. 
     Anders gesagt: das Anschneiden der
     Grundsatzfragen hat strategisch 
     Entlastungsfunktion: der Papst muss sich
     dann nicht mit derart lästigen, aber 
     lebensnahen und aktuell wichtigen Fragen
     auseinandersetzen.

Die sprachkritischen Bemerkungen basieren natürlich auf historischen und philosophiegeschichtlichen Erkenntnissen. Diese können auch entsprechend belegt werden. Es handelt sich beileibe nicht um - womöglich affektgeladene, böswillige - Privatmeinungen. Aber Ausgangspunkt war das wörtliche Zitat gewesen mit der kommunikativen = pragmatischen Frage im Gefolge, welche Interessen jemand hat - und weitgehend verbirgt -, der so zu reden wagt. Die kurze Äußerung ließ viel an Implikationen erkennen. Im Verlauf der aktuell gehaltenen Rede werden all diese Aspekte nicht bewusst werden, zumal sie durch allgemeine Freundlichkeit überdeckt werden. Es ist aber niemandem zu verdenken, wenn er - sobald er über derartige Sätze nachgedacht hat - sich mit Grausen abwendet. Man kann solche Sätze schlichtweg als ungehörig und dreist empfinden. --Hs 17:10, 22. Sep. 2011 (UTC)


2. Thematisierungen in der Literatur

2.1 Kafka

Übernommen aus der Diss. von D. Paskoski. "Foucaults Archäologie", S.122f (der sich auf die 1931 von Max Brod herausgegebene Textsammlung "Beim Bau der chinesischen Mauer" bezieht):

"Von den Gleichnissen
Viele beklagen sich, dass die Worte der Weisen immer
wieder nur Gleichnisse seien, aber unverwendbar im
täglichen Leben, und nur dieses allein haben wir.
Wenn der Weise sagt: 'Gehe hinüber', so meint er
nicht, daß man auf die andere Seite hinübergehen
solle, was man immerhin noch leisten könnte, wenn
das Ergebnis des Weges wert wäre, sondern er meint
irgendein sagenhaftes Drüben, etwas, das wir nicht 
kennen, das auch von ihm nicht näher zu bezeichnen
ist und das uns also hier gar nichts helfen kann.
Alle diese Gleichnisse wollen eigentlich nur sagen, 
daß das Unfaßbare unfaßbar ist, und das haben wir
gewußt. Aber das, womit wir uns jeden Tag abmühen,
sind andere Dinge.
   Darauf sagte einer: 'Warum wehrt ihr euch?
Würdet ihr den Gleichnissen folgen, dann wäret ihr
selbst Gleichnisse geworden und damit schon der
täglichen Mühe frei.' 
   Ein anderer sagte: 'Ich wette, daß auch das ein
Gleichnis ist.'
   Der erste sagte: 'Du hast gewonnen.'
   Der zweite sagte: 'Aber leider nur im Gleichnis.'
   Der erste sagte: 'Nein, in Wirklichkeit; im
   Gleichnis hast du verloren.'  "

2.2 Wunder(berichte)

In der Bibel werden viele Wunder berichtet. Sie wurden und werden gern - sprachvergessen - aufgenommen, als direkte Beschreibung von 'objektiven', unerklärlichen, in der Regel aber erwünschten Veränderungen der Welt. Dass es sich dabei zunächst einmal um literarische Produkte handelt, die man als solche erst einmal genau anschauen sollte, um ihre Aussageabsicht zu erkennen - das wird sehr häufig übersehen. Theologen tun sich bei diesem Thema - (a) - oft selbst schwer, (b) sehen sie sich gezwungen, sich so verklausuliert auszudrücken, dass 'einfachen Leuten' - wie es heißt - "der Glaube nicht zerstört wird", wenn eben einer sagt, ein berichtetes Wunder sei eine sprachliche Gestaltung, habe aber nichts mit einer "Durchbrechung von Naturgesetzen" zu tun. - Einen Einblick in die Debatte gibt: [4]

Immerhin gab es - es ist noch nicht allzu lange her
- Zeiten, wo ein deutscher Theologe das Wunder vom
"Wandeln Jesu über das Wasser" als literarisch
verstand und auslegte. Der Protest der Kirchenbe-
hörde war so groß, dass das internationale Konkordat
bemüht wurde und der Wissenschaftler aus der Theo-
logenausbildung entfernt wurde. Für den säkularen
Staat ist das Nichtlesen-Können der Kirchenbehörde
eine teure Angelegenheit über die Jahrzehnte hoch-
gerechnet.

3. Sprachkritische Analyse von Fachbüchern

3.1 Geschichte der Juden in Schulbüchern

Der Artikel berücksichtigt - mindestens - Zweierlei aus Sicht der Alternativ-Grammatik:

  • Überbetonung der "Opferrolle" der Juden - sicher unter dem Eindruck des Holocaust. Aber durch die Geschichte hindurch trifft das so nicht zu. Also zu einseitig die Behauptung, Juden seien "2.Aktant" gewesen, vgl. [5]; übersehen wird, dass sie immer wieder auch aktiv, als Subjekte, für ihre Rechte stritten, vgl. [6]
  • Die Schulbücher seien von allerlei Klischees durchzogen: vgl. [7]

Vgl. [8]

4. Sprachkritik im Alltag

4.1 Reportergeschwafel: Fußball-EM

Nicht nur die herausgepickten Reporterfehlleistungen, Phrasen, Wichtigtuereien sind beachtlich und erhellend. Sondern die gebotene Sprachkritik selbst liest sich gut. [9]

5. Erzählungen

5.1 Arabische Bildwelt

Vgl. das Zitat S.232f und folgende aus der Erzählung von Rafik Schami in: [10]. - Einbezogen unser Register EPISTEMOLOGIE, vgl. [11]: Verweigert sich jemand (zu Lebzeiten) dem Wahrnehmen/Hören?