4.54 Addition von Klischees = festes Weltbild

Aus Alternativ-Grammatik
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Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

Nimmt man eine religiöse oder politische oder philosophische Gesamtweltanschauung, merkt man, dass im jeweiligen Rahmen immer wieder die gleichen "Versatzstücke" vorkommen. Im christlichen Rahmen muss irgendwann von "Erlösung" und "Trinität" die Rede sein, im kommunistischen Rahmen von den "Werktätigen", von "Marx und Engels", im Freudschen Kontext vom "Unbewussten", von "Übertragung".

Solche Kürzel bilden mit vielen weiteren jeweils das kohärente Denksystem. Ist man mit letzterem einigermaßen vertraut, kann man sich höchst differenziert darin bewegen, argumentieren, letztlich sein ganzes Leben in diesem geistigen Raum = Ideologie einrichten. Man hat eine Art "Heimat" gefunden. Vgl. auch schon [1]

Möglicherweise verliert man dann allmählich das Wissen, dass diese Weltsicht immer nur eine unter anderen möglichen sein kann. Geistig-sprachlich kann niemand einen Alleinvertretungsanspruch erheben. Tut man es dennoch, sind Intoleranz und Gewalttätigkeit die Folge - Kennzeichen für totalitäre Systeme. - Stattdessen ist anzustreben: seinen Denkrahmen ernst nehmen - aber dennoch flexibel bleiben, über die Zäune schauen, Anregungen integrieren.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 "Festes Weltbild" - implizierte Gewalt

"Fest" klingt nach "großer Anstrengung", geht in Richtung "gewalttätig". Ist das Gegenteil von "durchlässig, offen". Damit hängen verschiedene Aspekte/Möglichkeiten zusammen:

  1. "Fest" heißt, jemand zieht sehr deutlich eine Grenze zu Gedanken, Anschauungen, die ausgeschlossen werden sollen, die nicht zu akzeptieren sind. Dies ist zunächst ein geistiges Wegschieben und Abwerten des Ausgeschlossenen. Seine Existenzberechtigung wird geleugnet. - Damit entsteht die Denkfigur: ich hier, andere dort. Die Anderen sind die zu Bekämpfenden. Polarisierendes Denken (ja | nein) macht die Welt übersichtlich, weiß sehr genau, was "gut" und was "böse" ist. Daraus zieht der spätere Attentäter für sich die große Motivation zur Tat ("gut"), gleichzeitig hat er ein sehr klares Ziel ("böse"). Wie Letzteres im Einzelfall benannt wird, ist gar nicht so wichtig, die Etiketten sind austauschbar, der Mechanismus bleibt der selbe (bekämpft werden: Ausländer, Marxisten, Juden, Schwule, usw.). Es spielt also "Projektion" eine große Rolle, vgl. 4.1135 Personifikation, Projektion
  2. Es ist anzunehmen/zu befürchten, dass manche mit dieser Tendenz erstens die Trennung: geistig/physisch nicht durchhalten, so dass sie statt nur geistig zu kämpfen auch mit der Waffe kämpfen (vor allem, wenn sie durch Computerspiele verwirrt sind, "World of Warcraft" u.ä.), also Attentate verüben. Sie glauben zu "retten", indem sie physisch Existenzen auslöschen. Äußerlich gesehen ist das Resultat pervers. Innerlich gesehen ist es schlüssig: Durch äußere Gewalt (auch wenn der Täter entweder dabei selbst umkommt, oder verurteilt und lebenslänglich ins Gefängnis kommt) hat er seine innere Grenzziehung sowohl verteidigt wie auch aller Welt bekannt gemacht. Er hat einen heroischen missionarischen Akt vollzogen - in seiner Selbsteinschätzung.
  3. Die Gewalttat dient somit auch dazu, Allmachtsphantasien zu befriedigen/auszuleben.
  4. Eine Gesellschaft kann derartige Individuen nicht in ihrer Mitte tolerieren, muss sie ausgrenzen. Die Frage ist: Zu welcher Zeit (vor oder nach der Gewalttat)? Und zu welchen Kosten? Oft wird eine derartige seelische Struktur erst nach der Gewalttat erkannt - die Kosten bestehen somit in vielen Menschenleben (wie in Oslo) - von all den weiteren gar nicht zu reden. Ein Erkennen vor der Gewalttat ist wünschenswert, ermittlungstechnisch aber schwierig. Die "Kosten" hierbei: totale Überwachung - was selbst eine Horrorvorstellung ist und zudem keinen Erfolg garantiert.
  5. Ein Mensch mit derart "festem Weltbild" erreicht an sich selbst, was er anderen antun wollte. Sein zwanghafter Plan fällt auf ihn selbst zurück: er wollte andere vertreiben, auslöschen; die Gegenreaktion der Gesellschaft löscht ihn aus oder zieht ihn juristisch aus dem Verkehr. - Das gleiche Muster bei Al Qaida und ähnlichen Bewegungen: penetrant zum Dialog unfähige oder unwillige Menschen/Gruppen ziehen die militante Gegenreaktion der Gesellschaft auf sich, die eigentlich ausgeschlossen werden sollte. Der Omnipotenzwahn wird dadurch äußerlich gestoppt (innerlich womöglich auch dann noch nicht - ein Fall für psychiatrische Behandlung).
  6. Jegliches System, auch das psychische eines Einzelnen, braucht, damit es sich nicht illusionär verselbstständigt und dann omnipotent-zerstörerisch sich austobt, die Beobachtung durch andere, den kommunikativen Austausch, insofern die Verantwortung. Dies ist kein Plädoyer für einen Überwachungsstaat, aber der Hinweis, dass es naiv ist, einem einzelnen Attentäter lediglich die "freundliche, friedliche, offene Gesellschaft" entgegen zu halten. Vielleicht hat diese Gesellschaft durch allzu laxes und unbekümmertes Verhalten den Attentäter erst ermöglicht (indem sie ihn Tonnen von Sprengstoff beschaffen, ein Hochleistungsgewehr benutzen, tausende von ideologischen Seiten im Internet publizieren ließ). "Laissez-faire" als Haltung klingt zu individualistisch und idyllisch, dem gesellschaftlichen Miteinander nicht angemessen.

Die sozialhygienisch/demokratisch entscheidende Frage/Aufgabe ist also, wie die Menschen ein Leben lang die Gelegenheit bekommen und nutzen können, einerseits ihre persönliche Weltsicht aufzubauen, dabei andererseits aber offen zu bleiben, Wandel zuzulassen, seelisch nicht zu verhärten, folglich in der Lage zu sein, Menschen mit anderen Weltsichten zu respektieren, potenziell von denen zu lernen, insgesamt: sich ständig zu verändern, anzupassen.

Es ist explizit ein Alarmsignal, wenn einer (z.B. der Oslo-Attentäter) äußert: "Die Zeit des Dialogs ist zuende" - vgl. 4.12_Dialoge. Dabei ist der Satz durchaus nicht eindeutig. Zunächst scheint er zu implizieren - vgl. 4.5 Wachgerufene Zusatzgedanken (Implikationen) -, dass es bis jetzt einen Dialog gab, der nun aber beendet werden soll. Oder aber - wahrscheinlicher - es handelt sich um einen Euphemismus, gehört also zum übertragenen Sprachgebrauch, vgl. 4.113 Übertragener Sprachgebrauch - Übergang zur gemeinten Bedeutung: Es wird zwar von "Dialog" gesprochen, in Wirklichkeit gab es den aber nicht, vielmehr Monologe (z.B. 1500 S. Pamphlet im Netz) und große Einsamkeit (z.B. seit langem keinen Kontakt zum Vater). Die im Wortsinn scheinbar entschlossene Äußerung würde sich verdeckt als Hilferuf entpuppen.

Das ist dann der Punkt, wo die Sprachbetrachtung endet. Die Gesichtspunkte der Alternativ-Grammatik hätten einiges zur Aufhellung beigetragen. Aber nun, spätestens, sind Psychologen gefragt. Juristen ohnehin.--Hs 19:17, 25. Jul. 2011 (UTC)


0.1.1 Belohnung / Hass als Antriebe

... für die Herausbildung stereotyper Verhaltensweisen. Auf - [2]- erstem Anblick mögen die sehr unterschiedlich aussehen - entspräche unserer SEMANTIK = Wortbedeutung.

Genauer besehen = PRAGMATIK

  • kann damit über viele Details ein einheitliches inhaltliches Feld entwickelt werden, vgl. [3]
  • aber diese - scheinbaren - Unterschiede laufen häufig auf die gleiche Motivation hinaus: Selbststilisierung und Verdammung anderer, somit WERTUNG - vgl. [4] - hoch in der Pragmatik. = gemeinte Bedeutung

Vgl. [5]

0.1.2 Klischees allgegenwärtig

Vgl. [6] - darin die Zitate von den Buchseiten 243.247.338ff

0.1.3 Historische Gräuel => Klischee. Bsp. Türkenbild

Vgl. [7] - darin das Zitat von Buchseite 100

0.1.4 Religion <=> Ideologie

Vgl. [8] - darin das Zitat von Buchseite 454f

Anderes Beispiel (geschrieben im Jahr 2017 - Jubiläum der "Reformation"): Martin Luther hat ohne Zweifel das Verständnis des theologischen Begriffs "Rechtfertigung des Sünders vor Gott" von Grund auf korrigiert, die damals im römisch-katholischen Raum geltende "Werkgerechtigkeit" überwunden - als könne/müsse man sich das Heil = die göttliche Zuwendung durch eigene Leistungen erst erwerben. Diese gedankliche = ideologische Wende führte zu zwei Auswirkungen (mindestens):

  1. Die Anhänger Luthers und die katholische Kirche waren nicht mehr kompatibel. Ein sozialer, politischer Graben tat sich auf - vielfach auch ausgetragen in Glaubenskriegen.
  2. Luther selbst hatte gehofft, mit seiner Lehre nun auch die Juden überzeugen zu können, so dass sie Jesus Christus als Messias bereit waren anzuerkennen. Da dieser Effekt ausblieb, entwickelte sich in Luther ein unbändiger Hass auf die Juden, bis hin zu Aufrufen zu deren Vertreibung, Vernichtung.

= Beispiele dafür, wie geistige Konstruktionen unweigerlich Abgrenzungen zu anderen Ideologien im Gefolge haben. "I." ist hierbei zunächst nüchtern und wertfrei als "Eigenlogik" verstanden. Gestützt auf ein derart "festes Weltbild" grenzt man sich unweigerlich von anderen ab, die diesen 'geistigen Rahmen' - aus welchen Motiven auch immer - nicht übernehmen. - Vielleicht benötigen sie den festen 'geistigen Rahmen' nicht, können es sich leisten, flexibler, wacher und offener auf die Anforderungen des Lebens einzugehen.

Eine Lehre daraus könnte sein: Besondere Vorsicht walten lassen bei Vertretern, womöglich kämpferischen, von solchem 'geistigen Rahmen'! Nicht die Frage der "Wahrheit" steht bei ihnen im Vordergrund, sondern das Einwerben weiterer Gefolgschaft. Damit geht einher eine wachsende Unlust/Unfähigkeit zur Kommunikation, Wahrnehmung von Gesichtspunkten von außerhalb. Anders gesagt: Betriebsblindheit.


0.1.5 "adversativ" und Frage der "Existenz"

Vgl. [9] - darin das Zitat von Buchseite 454f Hoch in der Pragmatik werden früh schon eingeführte semantische Grundkategorien reaktiviert. Bei Näherbeschreibung hatten wir die Figur: "A, aber nicht B" = adversativ behandelt. Und bei Prädikation war die Aussage der Existenz als Sonderaussage behandelt worden. Vgl. [10] und [11].

Anders gesagt: Was anfangs (SEMANTIK) blass-theoretische Unterscheidungen und Begriffe waren, werden nun in der PRAGMATIK das Leben bedrohende Äußerungen.

0.1.6 Klischees als inneres Korsett

aus: S.Bode, Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation. Stuttgart 2009, S.229f

"Meine Eltern sind extrem hilflos, wenn Unerwartetes
geschieht - wenn zum Beispiel wir drei Kinder zu
Besuch kommen und uns nicht mehr so verhalten, wie
sie es gewohnt sind. Ich spreche von Kleinigkeiten,
von einer Stimmungsänderung, einer Meinungsänderung,
einer Änderung der Vorlieben. Das halten sie nicht
aus. Da fällt innerlich der Vorhang. Darum sind die
ganzen Rituale so wichtig, daran können sie sich fest-
halten. Um 12 Uhr Mittagessen, abends um halb elf ins
Bett. Sonntags beim Bäcker Kuchen kaufen. Veränderungen
haben bei meinen Eltern nie stattgefunden. Der Alltag
verläuft in totaler Regelmäßigkeit."
(234f) "Auf Familienfeiern werden nur Klischees produ-
ziert, zuletzt an Vaters 75. Geburtstag. Es gab wieder
dieses oberflächliche Gerede. Was mich traurig macht:
Es würde ihm so gut tun, einfach nur ein Mensch zu
sein, der offen ist und seine Schwächen zugibt; einer,
der Fragezeichen zulässt und nicht auf alles gleich
eine Antwort parat hat. Ich kann mich an keine einzige
Situation erinnern, daß man mal halbwegs entspannt
zusammen saß und sich austauschte. Das habe ich mir
immer gewünscht. Ich bin doch ihr Sohn!
   Als ich sie vor einigen Jahren Weihnachten besuchte,
da hab ich gedacht, ich versuch es noch mal mit einem
richtigen Gespräch. Ich wollte mal ehrlich und diffe-
renziert darstellen, wie ich lebe und was mich bewegt:
Ich suchte einfach etwas Nähe. - Es war ein Desaster!
Vater in seinem Drehsessel drehte sich weg. Von ihm
kam nur: 'Was redest du hier ...' Ich saß dann heulend
auf dem Sofa. Die große Peinlichkeit. Man war wie para-
lysiert. Danach wurde ins Bett gegangen. Aber am näch-
sten Tag war alles ganz normal. Es wurde nie wieder
darüber gesprochen."   

0.1.7 HRDLICKA-Skulptur in Wien

Ausschnitt aus der Installation zum Gedenken an die Nazi-Gräuel (eigenes Bild): [12]

  • Der Mensch ist Teil des umfassenden Quaders, versucht nicht etwa, sich davon zu lösen, sondern strebt noch mehr zu dessen Zentrum.
  • Der Quader ist übersichtlich, grob, weitgehend strukturlos, symbolisiert auf diese Weise gut ein ideologisch-grobschlächtiges Weltbild.
  • Vom Menschen ist nur der Unterkörper sichtbar: der Bereich der Sexualität, der Beinmuskulatur, ist sorgfältig herausgearbeitet.
  • Oberkörper - Sitz von Geist und Gefühlen - verliert sich ganz im Quader. Jede personale Eigenständigkeit dieses Menschen ist somit gelöscht. Der Mann ist 'kopflos'. Das Denken / Wahrnehmen / Werten überlässt er anderen.
  • Diese dumpfe, kräftige Physis - laut weiterem Rahmen der Kunstinstallation - kann von anderen als Werkzeug eingesetzt werden, um Menschen zu quälen und zu töten.

0.1.8 Von Touristen benutzte Klischees

... können schnell als Anbiederung, ja, Beleidigung von Einheimischen verstanden werden. Vgl. [13]

0.2 Gegenbewegung: wie lernt man Durchlässigkeit?

Nachfolgend wären in unterschiedlichen Punkten Beispiele wichtig, die belegen/zeigen, dass einzelne trotz/angesichts von festen Weltbildern, die ihnen vermittelt wurden, bzw. die der/die einzelne sich selbst zusammengebaut hat, Offenheit, Empathie für andere lernen, hinzugewinnen können. Diese Gegenbewegung muss wohl ein Leben lang praktiziert werden. Das "hat" man nicht einfach ab einem bestimmten Zeitpunkt.

Formen für das beständige Offenhalten sind sicher sehr unterschiedlich. Vor der 'Großform' solchen Aufbrechens von geistigen Verhärtungen, der Psychotherapie, gibt es viele alltäglichere, leichter zugängliche, die auch noch nichts mit (psychischen) Krankheitssymptomen zu tun haben, im Gegenteil, die durch beständige Praxis solche zu verhindern helfen. Zu denken ist eine regelmäßige Auseinandersetzung mit Werken der Kunst (in ihren verschiedenen Sparten), oder sogar eigene Ausübung - selbst wenn sie den Hobby- und Amateurcharakter nicht verliert. Ein sorgfältig wahrgenommenes Gedicht (am besten in einem Lektürekreis) kann unglaublich viel in Bewegung bringen. - Konstante Meditation gehört hierher. - Eigentlich läge hier auch die Aufgabe religiöser Gemeinschaften, aber deren Angebote dürften nicht das latente Ziel haben, die Anhängerschaft zusammenzuhalten, dürften auch nicht auf bloße Bestärkung hinauslaufen (und im Grund damit Langeweile auslösen). Eine Öffnung geistiger Räume müsste möglich gemacht werden, neue, bislang unerkannte Sichtweisen ins Spiel kommen. Ob die Standardangebote religiöser Gemeinschaften (Gottesdienste) genau das leisten, mögen am konkreten Beispiel andere beschreiben und beurteilen.

0.2.1 "Reisen" nicht allein Ortsveränderung ...

- damit wäre also im Erstzugang im Wortsinn angesprochen:[14] -

sondern eine Ebene weiter, in der PRAGMATIK, wird "innere Öffnung" (für fremde Kulturen usw.), damit auch die Relativierung der eigenen ideologischen Verfestigungen, angesprochen.

Mehrere Aspekte können virulent werden:

  • für die gesamte Reise kann gelten: [15]
  • Ein u.U. langer Reisebericht gibt Zeugnis davon, ob der/die Reisenden nicht nur - persönlich unberührt - Fremdes kognitiv kennenlernte/n, sondern sich von den neuen Erfahrungen

erreichen, berühren und in ihrer eigenen bisherigen Lebenseinstellung verändern ließen.

  • Reiseberichte geben Einblick, wie auf innerer Ebene das, was äußerlich neu erfahren wurde, aufgenommen und verarbeitet wurde.

Es geht dabei nicht nur um hochgeistige, den Reisenden bislang fremde ideologische Setzungen (etwa im Rahmen von Philosophien und Religionen). Oft viel wirkungsvoller für Öffnung, Veränderung ist die Schilderung des Treibens, der Gerüche und Speisen in orientalischen Basaren - und vergleichbar sinnenhaft Erfahrbares.

Um nicht das Missverständnis zu wecken, Fremdes sei grundsätzlich nachahmenswert, sei betont: das Erkennen anderer Kulturen kann natürlich auch das eigene Weltbild bestärken, weil man sich - begründet - weigert, es den Anderen gleichzutun. Das 'Heil liegt nicht im Fremden', aber die Chance, den eigenen Horizont zu erweitern.


0.3 Innen // Außen

Es gilt zwar generell, dass vielfältig der Zustand des psychischen Systems des einzelnen Menschen äußerlich - meist - durch Handlungen, Worte, Art zu Sprechen, Gesten, die Art sich zu kleiden usw. angezeigt wird, und zwar weitgehend unbewusst: andere haben die Möglichkeit diese 'Botschaften zu lesen', auch wenn ich als Beobachteter daran nicht denke - und auch sie tun es in hohem Maß spontan und unbewusst (ständige bewusste Kontrolle wäre zu anstrengend). Ausnahmen sind begrenzte Situationen expliziter Verstellung oder krankhafte Deformationen: beständiger Kontrollzwang,

Im Fall von "Weltbild//Gewalt" geht nicht außen eine Bombe los, wobei innen für andere mehr oder weniger unklar Desorientierung oder eben eine fremde Ideologie dominiert, beides aber nur locker verbunden ist. Die Analogie zur äußeren Bombe gilt real, durchaus nicht im wolkig-metaphorischen Sinn:

Die äußere Bombe schließt den Sprengstoff durch
einen Metallmantel ein, grenzt ihn damit von der
Umwelt ab, wobei bei der Explosion der Metall-
mantel die Zerstörungswirkung verstärkt. 
Das innere scharfe Ziehen einer Grenze
dämonisiert die, die nicht dazugehören, 
gibt sie zur Zerstörung frei. Die ideologische
Grenze verdichtet erst das eigene geistige Material
zur explosiven Mischung. 

Insofern sind "Innen" und "Außen" eng gekoppelt. - Was die Ursachen dafür sind, dass jemand sich gedrängt fühlt, innerlich derart rigide eine bipolare und damit aggressive Weltsicht zu entwerfen, das zu erforschen gehört in die Domäne der Psychologie. Stichwörter wie Minderwertigkeitsgefühl, Allmachtswahn - beides muss sich nicht widersprechen - werden eine Rolle spielen. Bis hin zu auch körperlich feststellbaren Krankheitssymptomen.

0.4 Reiz- / Signalwörter - beliebig kombinierbar

Auf einer der Documenta-Ausstellungen gab es einmal eine "Phrasen-Dreschmaschine" zu kaufen: In einem Karton waren 3 Scheiben drehbar befestigt. In drei linear angeordneten Fenstern konnte man Phrasen zusammenstellen, denn die Scheiben enthielten "Signalwörter" - und zwar auf der einen Seite für konservativ, drehte man den Karton um für progressiv. - Ein guter Hinweis darauf, dass die unterschiedlichen inneren Einstellungen sich ihres spezifischen Jargons bedienen - bis dahin, dass damit Nonsens produziert wird. Hauptsache, es tauchen keine Signalwörter der anderen Seite auf - denn, man will sich ja abgrenzen. Ca. 8000 Dreierketten lassen sich auf diese Weise bilden. - Beispiele der drei Scheiben:

progressiv
qualifizierte       Innovations-         Flexibilität
systematisierte     Koalitions-          Akzeleration
funktionale         Motivations-         Problematik
   ...                ...                  ...

Durch Drehen lässt sich also auch erzeugen: qualifizierte Koalitions-Problematik oder funktionale Innovations-Akzeleration usw. Klingt gebildet und progressiv ...

konservativ
unerschütterliche   Schicksals-          Verantwortung
erhabene            Vergangenheits-      Bewältigung
innige              Geistes-             Ergriffenheit
  ...                  ...                 ...

Das ergibt also auch: innige Vergangenheits-Verantwortung, oder erhabene Schicksals-Ergriffenheit usw.

0.5 "Blondinen"

... dass diese strohdumm seien, nun ja, damit lässt sich auch ein Fotowitz gestalten: [16] Man versteht den nicht auf Anhieb, weil die Aussage der Kanzlerin und die Antwort der Verteidigungsministerin überhaupt nicht zusammenpassen. Aber genau das ist der Punkt: wieder ein Beleg für non-responsiv, vgl. [17], aber Hauptsache, die eigene Eitelkeit wird herausgestellt. Die Kanzlerin scheint sich auch mit einem Klischee zu begnügen: Wertung im Schwarz-Weiß-Schema, vgl. [18].

0.6 Verfälschung der Wahrnehmungs-, Wissensfähigkeit

Vgl. [19]

0.7 Klischees in Gesprächszirkeln

Dialoge bieten zwar die Chance - vgl. [20] -, eigene Blickverengungen im Austausch mit Gesprächspartnern aufzubrechen. Oft genug wird die Chance aber nicht genützt.

'Taedium vitae' in H.Hesse, Die schönsten Erzählungen. Frankfurt/M 2004.

(206) "Während des Abendessens und nachher beim Moselwein
ward ich in die Herrengespräche hineingezogen, und wenn
auch von anderen Dingen die Rede war als bei meinem letz-
ten Hiersein, schien mir das Gespräch doch wie eine Fort-
setzung des damaligen, und ich nahm mit einer kleinen Ge-
nugtuung wahr, daß diese lebhaften und verwöhnten Stadt-
leute doch auch trotz aller Augenlust und Neuigkeiten
einen gewissen Zirkel haben, in dem ihr Geist und Leben
sich bewegt, und daß bei allem Vielerlei und Wechsel doch
auch hier der Zirkel unerbittlich und verhältnismäßig eng
ist. Obschon mir in ihrer Mitte recht wohl war, fühlte ich
mich doch durch meine lange Abwesenheit im Grunde um
nichts betrogen und konnte die Vorstellung nicht ganz un-
terdrücken, diese Herrschaften seien alle noch von damals
her sitzen geblieben und redeten noch am selben Gespräch
von damals fort. Dieser Gedanke war natürlich ungerecht
und kam nur daher, daß meine Aufmerksamkeit und Teilnahme
diesmal häufig von der Unterhaltung abwich." 

0.8 Contra Klischees bei Stadtführungen

Es gibt "Ugly Tours", die Klischees bei Vorzeigemetropolen zerstören wollen. Aus SWP 5.9.2016:

"Nach Wien, muss nun auch die Schickimicki-Hochburg München
dran glauben und ordentlich Glanz lassen. Denn der Umwelt-
verein 'Green City' hat Quinn engagiert um die hässlich-
sten Ecken der Stadt ins Rampenlicht zu rücken. Dreckige
Hinterhöfe, Architektursünden und Pfusch am Bau statt
aaglattem Viktualienmarkt, Hofbräuhaus und Isarpromenade
- so das unästhetische Programm. Ist Stadtführer Quinn
also schlicht kein Fan der Bayern-Metropole und will ihr
gar ans gute Image? Nein, ihm ginge es darum die Klischees
der Vorzeigemetropole aufzubrechen: 'Hinter diesen Kli-
schees steckt viel mehr, als nur eine Traumstadt aus Bier
und Wurst', ist der sich sicher. Seine Botschaft: 'Du
verstehst das Schöne besser, wenn Du das Hässliche siehst.'"

0.9 Nagib Machfus, Echnaton

Untertitel: Der in der Wahrheit lebt. Zürich 1999. - Nachet, ehemaliger Minister des Pharao blickt zurück:

(130) "Offizielle Angelegenheiten langweilten ihn derart,
dass sie ihn fast krank machten. Über den Alltag seines
Vaters konnte er nur spotten, obwohl gerade die alltäglichen
Gepflogenheiten die feste Grundlage bildeten, auf die sich
die heiligen Traditionen des Throns stützten. Das begann mit
dem morgendlichen Aufstehen zu einer ganz bestimmten Zeit und
setzte sich fort mit einer genauen zeitlichen Abfolge von
Bad, Frühstück, Gebet, Audienz, Tempelbesuch. Der Prinz
murmelte da immer nur leise; 'die reinste Sklaverei!' Er
spielte mit den Traditionen wie ein verwöhntes Kind, dem
es Spaß macht, kostbares Geschirr zu zerschlagen."

1. Begriff: "Mythos"

Einige Funktionen, die mit "Mythen" verbunden sind, sollen benannt werden. Zum Begriff selbst vgl. wikipedia [21] "Mythen" sind nicht allein Erzählungen (so zunächst die wörtliche Bedeutung des griechischen Begriffs), sondern Erzählungen mit spezieller, die jeweilige Gemeinschaft begründender Funktion.

  1. Mythen z.B. die Existenz, Entstehung der Welt, haben insofern auf literarischer Ebene die gleiche Funktion wie Existenzsätze, vgl. Ziff. 4.0612 [22] auf Satzebene. Insofern beantwortet ein Mythos Fragen, die sich zwar stellen, die aber rational niemand beantworten kann (Ist meine Existenz gewollt oder zufällig? Bin ich in allem frei oder einer Instanz gegenüber verantwortlich? Worin ist der Sinn von Welt und Mensch zu sehen? Warum sind Leid und Tod in der Welt?).
  2. Mythen haben auch Abwehrfunktion und kommen den in Ziff. 4.3 [23] behandelten Denkschablonen nahe: Es werden bestimmte Arten von Argumentationen und Problemlösungen eingeführt und damit in der Gesellschaft verankert. Damit werden andere Verhaltensweisen ausgeschlossen, verboten. Gründungsmythen von Parteien, ideologischen Systemen sollen Gegner scheitern lassen. Vorsehung, Schicksal, gottgewollt usw. unterstreichen zusätzlich, wie notwendig und berechtigt die aktuelle Ideologie ist, entmachten somit potentielle Gegner.
  3. Mythen in poetischer Form setzen menschliche Grundsituationen und -konflikte in Erzähl- oder Dramaform um, die mit den großen Abstrakta "Tragik", "Schuld", "Erlösung" usw. Vgl. Ziff. 4.13[24] umschrieben werden.

1.1 "Mythos" [BEISPIEL]

2. Filme

2.1 ZDF "Das Traumschiff"

Ein Doppeltes ist bei der Fernsehserie bemerkenswert:

  1. Im Nov. 2011 kann die Serie auf 30-jährige Produktion zurückblicken, erzielt immer noch beachtliche Einschaltquoten. Der wiederholte Wechsel des realen Schiffes hat dies ebenso wenig verhindert, wie die Tatsache, dass allmählich die Reiseziele der Schiffsreise knapp werden (weil man überall schon mal war).
  2. Über die lange Zeit lag der Serie ein klar formuliertes, konstantes, einfaches Konzept zugrunde, ein Schema, Strickmuster, auch das eine Addition von Klischees, die offenkundig über die lange Zeit von Zuschauern nachgefragt war. Aus einem Zeitungsbericht der Südwestpresse (5.11.2011):
" 'Das Schiff fährt ab, das Schiff kommt an, in
der Mitte sind wir an Land, und am Ende geht
alles gut aus', sagt Rademann. Etwas detail-
lierter: Die Crew versüßt ihren prominenten
Passagieren die Kreuzfahrten zu den schönsten
Urlaubszielen der Welt; derweil laufen an Bord
drei Handlungsstränge nebeneinander: eine
Liebesgeschichte, eine lustige und eine spannen-
de, wie Rademann im SZ-Magazin ausführt. In
zwei Geschichten stehen die Passagiere im
Mittelpunkt, in einer die Besatzung.
40 Prozent spielen an Land, 60 Prozent an Bord.
Sex, Mord und Totschlag finden nicht statt,
so dass sich die Oma die Sendung bedenkenlos
mit dem Enkel anschauen kann. 'Bei mir kann
man sich 90 Minuten sicher sein, dass die
Sonne scheint, und sich alle Probleme lösen',
sagt Rademann."

Die Fernsehserie offeriert somit auch eine Art Weltbild, nicht im traditionell religiösen oder philosophischen Sinn. Aber mit großer praktischer Resonanz: So wünschen sich regelmäßig Millionen von Zuschauern ihr Leben.

2.2 Werbefilm für die neue xyz-Klasse

Natürlich sind generell Werbefilme ergiebig für die Suche nach Klischees. Allein schon deswegen, weil ein möglichst großer Interessentenkreis angesprochen werden soll. Möglichst viele sollen das Produkt kaufen. Also wird die Werbebranche die Meinungen, Hoffnungen, Sehnsüchte umsetzen, die von möglichst vielen geteilt werden = Klischees. Wie sieht dies beim angesprochen Werbetrailer aus? Ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • nacheinander werden in verschiedenen Farben mehrere Exemplare der xyz-Klasse fahrend vorgeführt;
  • der Blick in die Innenräume zeigt jeweils jung-dynamische Paare, neureich gestylt, natürlich lachend, sorgenfrei, voller Spass am Fahren
  • keiner dieser Insassen ist angeschnallt

An dieser Stelle wird die Botschaft des trailers gemein-gefährlich. Umfassende Sicherheit und Freiheit von Sorgen wird suggeriert. Ausgeblendet ist, dass Straßen, Lebens- und Arbeits-/Finanzalltag wesentlich differenzierter und 'durchwachsener' für die meisten Menschen ist. Und animieren, um gegen die StVO zu verstoßen, sollte man auch nicht.



3. Religionsgemeinschaften

Man kann der Meinung sein, dass Religiosität eine Einstellung zum Leben ist, die jedem zu wünschen ist. Gemeint ist: Innere Offenheit, Bereitschaft zur Veränderung. Impulse dazu kann man von vielen Seiten bekommen: Kultur in ihren vielen Realisierungen (bildende Kunst, Musik, Literatur), Meditation, Psychologie. Jeweils ist die Fähigkeit zu genauer Wahrnehmung wichtig, die nie abgeschlossene Entwicklung von Empathie. - Der Gegenbegriff: Religion. Damit ist ein Religionssystem gemeint, eine Größe öffentlichen Rechts, soziologisch betrachtet ein Verein mit Verwaltungsstrukturen, Mittelbewirtschaftung usw. 'Religion' so verstanden muss sich abgrenzen von anderen Religionsgemeinschaften, um die eigene Identität zu betonen, um als Gruppe zu überleben. Sie wird eine Binnen-Ideologie = Dogmatik entwerfen, von der gesagt wird, sie solle der religiösen Orientierung der Mitglieder dienen. Tatsächlich hat sie aber die Funktion, die Geschlossenheit der Gruppe zu sichern. Religiosität im oben beschriebenen Sinn ist dabei nur hinderlich. Vgl. H. Schweizer, "...deine Sprache verrät dich!", Münster 2002.

3.1 Clash of religions

Ende 2011 muss eine evangelische Vikarin im Tübinger Raum ihr Amt aufgeben, weil sie einen muslimischen Ehepartner gewählt hatte. - Ein Beleg dafür, dass die Gruppe "evangelische Kirche" die eigene Identität - im Sinn von "Religion" (s.o.) - als bedroht ansieht, und sie der Vikarin nicht zutraut und nicht zugesteht, die persönliche "Religiosität" in einer solchen ehelichen Verbindung zu entwickeln und dabei ihr Amt zur Zufriedenheit der eigenen Landeskirche auszuüben.

3.1.1 Heinrich Heine

aus: Tilch, Kruse, Heine für Boshafte, insel-tb 2008:

(39) "Verfolgung der Andersdenkenden ist überall das
Monopol der Geistlichkeit, und auch die anglikanische
Kirche behauptet streng ihre Rechte. Freilich, die Zehnten
sind ihr die Hauptsache, sie würde durch die Emanzipation
der Katholiken einen großen Teil ihres Einkommens verlie-
ren, und Aufopferung eigener Interessen ist ein Talent,
das den Priestern der Liebe eben so sehr abgeht, wie den
sündigen Laien,"

3.1.2 "Angst vor dem Fremden"

Zitate aus dem gleichnamigen Buch von E. Oeser: verschiedene Aspekte von Religion / Ideologie im gesellschaftlichen Rahmen werden beleuchtet, vgl. [25]

3.2 "Ökumene"

... ist ein schönes Stichwort, das die "ganze bewohnte Erde" meint. Mitgedacht: schön wäre es, wenn die eigene Religionsgemeinschaft überall das Sagen hätte, denn jede 'Religion' (s.o Ziff.3) pflegt ihren exklusiven Wahrheitsanspruch, folglich können andere Religionen eigentlich nur Vertreter minderer Wahrheitsverständnisse oder gar der indiskutablen Unwahrheit sein. Da es die anderen Religionsgemeinschaften nun einmal gibt, muss man sich arrangieren. Jahrhunderte blutigster Glaubenskriege haben gezeigt, dass auf diesem Weg keine Lösung zu finden ist. Folglich steht "Ökumene" heute für einen Minimalkonsens: man begegnet sich einigermaßen gesittet und zivilisiert, um ein lebbares Miteinander zu ermöglichen - zumal man heute von den Medien beobachtet wird und sich viele Regierungen nicht mehr mit einer Religionsgemeinschaft identifizieren. - "Ökumene" hat somit nichts damit zu tun, dass Religionen ihre dogmatischen Grenzen abbauen und sich gar einander annähern würden.

3.3 Religion, Tradition

Kolumne "Frau Sybille", auf SPIEGEL-online (19.2.2012) Auszug:

Das, was wir beschwichtigend als Tradition bezeich-
nen, ist nichts weiter als Diskriminierung, Sexis-
mus und Rassismus. Statt zu Hause zufrieden an
irgendetwas zu glauben, das keinen angeht,
herrscht auf der Welt wieder zunehmend die Macht
der Muskeln über den Verstand. Die Brutalität
über die Diplomatie. Die Religion, von Männern
erdacht und gemacht, ist die Vorstellung, die sie
von der Welt haben, und fast immer hat sie mit der
Unterlegenheit der Frau, dem Ausschluss von Rand-
gruppen zu tun, und ich verachte sie dafür
aufrichtig.
Der Religion allerdings ist das egal. Es schien
doch, bevor die Elite der Welt deren ungebremste
Globalisierung beschloss, als würde die Religion,
gleich welche, sich langsam aber konstant zu einem
Außenseiterhobby entwickeln. Als fände sie ihren
Platz neben anderen esoterischen Weltbetrachtun-
gen, würde zu etwas, das Menschen hilft, sich im
geschützten Rahmen anderen überlegen zu fühlen.
Doch nun, da die Welt zu voll wird, es zu viele
Menschen mit ähnlicher Bosheit gibt, keiner mehr
weiß, was er mit seinem Leben anstellen soll,
außer viel Geld zu erwerben, um sich irgendeinen
Platz in der Überbevölkerung zu sichern, werden
die jahrtausendealten, überholten Lehren wieder
populär. 
Die Anleitung zur Ausgrenzung eines anderen
Geschlechts und zur Dominanz von Personen mit
Samenleitern funktioniert wieder hervorragend.
Der Verunsicherung der Menschen mit Dummheit
und Brutalität zu begegnen, ist ein neuer starker
Trend. Ordnung muss her, in Europa verarmt man
oder wird konservativ, in Israel beginnen
Religiöse, unzüchtige Frauen mit Steinen zu
bewerfen, in weiten Teilen der Welt werden sie
nach wie vor beschnitten, dann ist da noch die
Todesstrafe für Homosexuelle. Der Drang zur
Abgrenzung wächst und macht das ohnehin schwer
erträgliche Leben unerträglich.


3.4 Wer ist nun eigentlich dumm?

Sind es die, die 'hochgelahrt' die Wahrheit, natürlich die der eigenen Religion, die einzig wahre Wahrheit darlegen und verteidigen? Oder ist der dumm, der - als Simplicissimus - sich von Religionsvertretern nicht vereinnahmen lässt und von außen gute Beobachtungen anstellt? Vgl. [26]

3.4.1 Sehnsucht nach dem "Pastor = Hirten"?

Elke Schmitter in SPIEGEL 42/2016 10 angesichts der Kandidatensuche für die nächste Bundespräsidentenwahl:

"Das Leben ohne göttlichen Beistand ist schlecht
auszuhalten. Kinder missbrauchende Priester, Hass
predigende Imame, reaktionäre Popen: Wer im Ange-
sicht solchen Elends sein Heil nicht im Beten
sucht, ist verloren. Oder auf die Vernunft
angewiesen.
 Als die SPD vor wenigen Tagen Margot Käßmann für
das erste Amt der Republik ins Spiel brachte,
wollte sie drei Treffer auf einmal landen: Eine
Frau wäre, endlich, an die höchste sichtbare
Stelle gerückt. Das Land wäre für eine gewisse
Zeit vor neuen Käßmann-Büchern sicher gewesen.
Und die cremige religiöse Prosa wäre zur stän-
digen Staatsrhetorik erhoben worden. Nun hat
sich Exbischöfin Käßmann zwar selbst aus dem
Rennen genommen, Exbischof Huber hingegen bleibt
weiter im Spiel. Und der zu Recht als Intellek-
tueller gerühmte Navid Kermani ist vor allem als
moderater Muslim im Gespräch. Für viele soll der
Nachfolger von Pastor Gauck wohl jemand werden,
der gern öffentlich betet.
 Wer aber spricht für all diejenigen, die es noch
immer für Privatsache halten, ob man das mystische
Weltbild diverser alter Hirtenvölker teilt? 'Die
Kultur der Achtsamkeit ist ein Stück weit verloren
gegangen', mahnt uns die gute Frau Käßmann.
Bringen wir diese Achtsamkeit doch zurück: mit
einem Menschen im Bundespräsidialamt, der in der
höchsten Not nicht ein höheres Wesen anruft, sondern
die Demokratie. Und, so Gott will, den menschlichen
Verstand."


3.5 Islamistischer Terror

Interview mit der französisch-marrokanischen "Charlie-Hebdo"-Redakteurin Zineb El-Rhazoui über Todesdrohungen durch den IS (SZ 22.5.2015, Auszug):

Man kann diese Art von Terrorismus ökonomisch er-
klären, geopolitisch, psychologisch. Mag alles
sein, aber wir müssen auch der Realität ins Gesicht
sehen. Wenn F. Hollande nach den Anschlägen erklärt,
das habe nichts mit dem Islam zu tun, dann möchte
ich ihn fragen: Mit was denn dann - mit dem Buddhis-
mus?
Sie sagen also, die Religion sei für den Terrorismus
verantwortlich. Inwiefern?
Das Problem liegt in einer gewissen Ideologie, die
innerhalb des Islams stark angewachsen ist. Selbst-
verständlich repräsentiert sie nicht alle Muslime
- aber einen Teil. Und somit gehört diese Ideologie
zweifellos zum Islam. Das Problem in Europa ist,
dass man immer sofort zu hören bekommt: Islamophobie!
Was bitte ist das für ein intellektueller Schwindel,
der uns glauben machen will, die legitime Kritik an
einer Religion sei so etwas wie Rassismus? 
Islamophobie ist in Ihren Augen vor allem ein Kampfbegriff?
Wir leben in einer säkularen Gesellschaft, jeder
hat das Recht, Religionen zu kritisieren. Daher
greifen die Radikalen zum Vorwurf der Islamophobie,
um ihren Kritikern den Mund zu verbieten. In islami-
schen Theokratien haben sie andere Instrumente:
Wer den Islam kritisiert, wird getötet oder ausge-
peitscht wie Raif Badawi in Saudi-Arabien. Hier
haben sie kein anderes Mittel, als von Islamophobie
zu sprechen, wenn Leute wie ich ins Spiel kommen (...)
Der Prophet Muhammed ist doch tot.
Ja, Aber dieser Mann, der vor 15 Jahrhunderten
geboren wurde, regiert bis heute durch sein Gesetz
zahlreiche Staaten auf der Welt. Da wo ich geboren
wurde, erbe ich nur die Hälfte, weil ich eine Frau
bin, ich habe weniger Rechte, weil ich eine Frau
bin. Und selbst 2015 morden Leute in seinem Namen.
Können Sie ermessen, wie mächtig dieser Mann ist?
Es ist gewissermaßen unser Job als satirische Jour-
nalisten, ihn zu kritisieren.

3.5.1 Islamistischer Terror II

Ende 2015 dauert der Krieg in Syrien an. In dieser Situation soll Ali Ahmad Said, der sich "Adonis" nennt, den 'Friedenspreis von Osnabrück' erhalten - eine Entscheidung, die Kontroversen auslöste. Auszug aus SWP 5.9.2015:

"Als ältestes von sechs Kindern wuchs er in einem
ärmlichen Dorf auf. Der Vater, ein alawitischer Imam,
vermittelte dem Sohn eine traditionell arabisch-
islamische Bildung. An der Universität Damaskus
studierte er deutsche und französische Philosophie.
Und er legte sich den Künstlernamen Adonis zu.
'Ich bin ein heidnischer Prophet', sagte er oft
und blieb bei seinem Pseudonym, dem griechischen
Gott der Schönheit. Schon früh entwickelte sich
Adonis zu einem bissigen Gegner institutionali-
sierter Religion. Dem islamischen Klerus warf er
vor, sich stur am Überlieferten festzukrallen.
'Wir leben in einer Kultur, die keinen Raum lässt
für Fragen (...). Selbst für Gott gibt es nichts
mehr hinzuzufügen.'
Die Dominanz dogmatischer Religion und die fehlende
Trennung von Politik und Religion sieht er als
Ursache für 'die unglückliche Lage der muslimischen
Welt'."

3.5.2 IS und Saudi-Arabien

Große Herausforderung: Konflikte gewaltfrei im Dialog lösen zu wollen und gleichzeitig zu wissen, dass der/die Partner Gewalt praktizieren und finanzieren. Wenn die Gesprächspartner wirtschaftlich mächtig sind (z.B. Erdöl) - wie weit ist die Einflussmöglichkeit gegen deren Gewaltausübung? Wo beginnt die Selbstschädigung? Soll man - heroisch - letztere riskieren? Dürfen/müssen das demokratisch gewählte Politiker?

Vgl. [27]

3.5.3 Anlässlich des Attentats in Barcelona

Stellungnahme der Publizistin Lale Akgün in SPIEGEL 34/2017 52 - Beispiel für "adversativ" auf pragmatischer Ebene:

(...) "Schuld sind die Imame, die ihre Gemeinden abschotten und den
Gläubigen eintrichtern, dass alle Nichtmuslime auf dem falschen Weg
seien - sogar jene, die nur einer anderen Strömung ihrer eigenen
Glaubensrichtung angehören. Diesen Imamen müsste doch klar sein,
wie das wirken kann, nicht nur auf psychisch Kranke. Sie sind es,
die den einfachen Gläubigen die Feindbilder einpflanzen und sich
nicht von den problematischen Suren im Koran distanzieren, die zur
Gewalt aufrufen.
   Wenn der sogenannte islamische Staat seine menschenverachtende
Politik mit Koransuren rechtfertigt, dann ist das Terror im Namen
des Islam.



3.5.3 Schweiz: Staatlich geprüfte Ideologiefreiheit

Vgl. [28] Was die Gesprächspartnerin erläutert, gilt beileibe nicht nur für den Islam - das betont sie auch. Was sie an Sprach- und Kommunikationsbewusstsein in ihren Antworten zeigt, ließe sich bestens mit der Struktur der Alternativ-Grammatik erläutern. Nur einige Stichwörter:

  • Es kann nicht darum gehen, dass andere (Missionierte) in die Lage versetzt werden, einige Wortbedeutungen (= SEMANTIK) für sie neuer Texte ab jetzt wiedergeben zu können.
  • Es geht wesentlich um KOMMUNIKATION (= PRAGMATIK); folglich muss eine Einbahnstraße ausgeschlossen sein: einer sagt den anderen, was zu gelten hat.
  • Folglich haben die Gedanken/Gefühle der Angesprochenen ihren Platz in diesem Prozess.

Gut zusammengefasst ist die angestrebte Orientierung - beileibe nicht nur für den Islam geltend - in folgender Äußerung:

"Es geht vielmehr darum, dass die Kandidaten offen
dafür sind, worum es in der Seelsorge geht: nämlich
nicht um Missionierung. Seelsorger müssen Freiräume
schaffen, damit die, die zu ihnen kommen, erkennen
können, was für sie selbst richtig und falsch ist."

Skeptisch bleibt allenfalls anzumerken, dass dieses kommunikative und gute Seelsorgsverständnis (entspricht dem "helfenden Gespräch" in der Psychologie) bei Repräsentanten des Glaubenssystems (Bischöfe, Kardinäle, Päpste u.ä.) auf Zurückhaltung treffen dürfte: es wird das differenzierte ideologische Theoriegebäude relativiert, wenn nicht gar für irrelevant erklärt. Auch Grenzen zwischen Glaubensgemeinschaften sind nun nicht mehr begründbar.

Oder die Gruppenrepräsentanten geraten in eine geistige
Zwickmühle: (a) Was das neue Seelsorgsgespräch anpeilt,
können sie nicht schlecht finden - weil es die Menschen
weiterbringt. (b) Was aber tun, wenn dadurch die Bedeut-
samkeit von Dogmen, Glaubenssätzen ausgehebelt wird?
Früher schlug man sich für diese Form von "Wahrheit" die
Köpfe ein. War somit die oft so hochgehaltene Tradition
fehlorientiert?

3.6 Protestanten - Katholiken

Weichenstellungen bei einigen theologischen Grundannahmen haben oft direkte Auswirkungen in die Ökonomie hinein, in das Verhältnis der Menschen zueinander, ja wie der einzelne Mensch sich selbst wahrnimmt - was er sich zugesteht und was nicht.

3.6.1 Unlust - Lust

Gut zu lesen, dabei aber fundiert, der Beitrag von Egbert Manns: [29]

3.6.2 Katholiken und "Ehe für alle"

Das war absehbar: Vor der Abstimmung im Bundestag zum Thema meldete sich Kardinal Marx zu Wort. Darf er natürlich. Aber die Haltung der kath. Kirche zu "Ehe, Sexualität" ist altbekannt - eine gedankliche Öffnung, auch Bereitschaft zur Veränderung ist unvorstellbar. Stattdessen wird gemauert. Eine solch verkrampfte Nicht-Öffnung ist Kennzeichen von Ideologie. Vgl. [30]

4. Märchen

4.1 Typische Merkmale

... haben nach dem Märchenforscher Lüthi konstante Merkmale (einem Aufsatz von B. Lang folgend):

- es fehlen geografische / ethnische Eingrenzungen,
  daher gelten sie universal, haben nichts mit na-
  tionalen Schranken zu tun
- der Held hat daher auch grenzenlosen Bewegungs-
  spielraum
- der Held ist einsam, zieht von der Heimat weg
  und kehrt nicht dorthin zurück, findet in der
  Fremde einen Lebensraum
- die Entwurzelung ist zwar stark, aber die freund-
  lichen Mächte überwiegen, auch in starken
  Konflikten
- dadurch vermittelt das Märchen Vertrauen und
  Zuversicht 
- übernatürliche Helfer sind möglich; das Überna-
  türliche gehört wie selbstverständlich zur Welt

5. Politik

5.1 Weltkrieg II: 8. Mai 1945

Jeder Jahrestag dieses Datums, erst recht, wenn es ein "runder" ist, erinnert durch Artikel und Dokumentationsfilme an die unermesslichen Zerstörungsorgien, die Großstädte in Gerippe ausgebrannter Häuser verwandelte, an menschliche Katastrophen - und parallel dazu an die Vernichtungsmaschinerie der Konzentrationslager, Verluste der beteiligten Armeen.

Hauptthema dieser geschichtlichen Epoche sind aber nicht: strategische Entscheidungen, Überlegenheit der Waffentechnik, Heeresstärke, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, um die Truppen zu versorgen, Verkehrswege usw.

Hauptthema ist die Frage: Wie konnte eine zunächst relativ kleine Clique von Menschen die Hirne eines ganzen Volkes so verdrehen, dass man "dem Führer" bei allen Nonsensentscheidungen blind folgte? - Es geht also um Weltanschauung, Denkmuster, Ausschaltung eigenen kritischen Denkens, um das Einknicken angesichts hetzerischer Reden (Polternd im Ton, Gesichtsausdruck wild entschlossen, Armbewegungen wie radikale Schläge), das Klischee klaren Gegensatzes: Wir = die Guten sind hier vs. die Anderen = was uns umgibt, sind die Minderwertigen, die man bekämpfen darf, ja muss. Das Volk brachte die lange Erfahrung autoritären Denkens mit (Preußen, Kaiserreich), zudem die Schmach eines verlorenen Kriegs. - Vielleicht müssen noch Aspekte ergänzt werden. Entscheidend für die äußere Katastrophe war also, was in den Köpfen der Menschen vor sich ging, welche Denkweisen sie beherrschten bzw. warum sie sich derart gedankenlos instrumentalisieren ließen für die inhumansten Zwecke.

5.2 Thema "Frau"

Äußerungen von Familienministerin Schwesig: [31]

5.3 Sprachgebrauch von Pegida

Zumindest die Erläuterung einiger Schlüssel-/Reizwörter: Vgl. [32]

5.3.1 Pegida, AfD usw. - KEIN Gespräch

Für DIALOG einzutreten, um Probleme zu lösen - vgl. [33] und Unterpunkte -, ist sinnvoll, stößt bisweilen bei solchen aber auf Ablehnung, die sich geistig abgekapselt haben, nur noch mit Gewaltäußerungen reagieren können, vgl. [34]. Bei ihnen dominiert eine nicht mehr anderen vermittelbare geistige Gegenwelt die innere Orientierung, vgl. [35] bzw. das aktuelle Modul - vgl. [36]


5.4 Kampf der Klischees: Hillary Clinton

... anlässlich ihrer Kür zur Präsidentschaftskandidatin der Demokraten (aus SPIEGEL-online 29.7.2016):

"Doch immer wieder kommt sie zurück zu sich selbst. Denn
trotz der Jahrzehnte im Rampenlicht ist kaum eine Persön-
lichkeit Amerikas bis heute so unbekannt und so - absicht-
lich - missverstanden. Machthungrig, selbstlos, biestig,
liebevoll, korrupt, ehrenwert, verlogen, ehrlich, zu links,
zu rechts: Clinton ist ein Zerrbild, eine Kollektion von
Klischees, auf das Freunde wie Feinde ihre eigenen Träume,
Ängste und Verbitterungen projizieren." 
Vgl. [37]

5.5 CSU und Flüchtlingspolitik: "weltoffenes Land"

Vgl. [38] Mit dem schmeichelnden Klischee vom "weltoffenen Land" - unklar, ob BRD oder enger nur Bayern gemeint war - schmückt man sich gern. Aber gleichzeitig zu betonen,

  • Zuwanderung nur aus abendländisch-christlichen Gebieten
  • Obergrenze pro Jahr werde festgelegt (200.000)
  • die Herausbildung der eigenen Identität müsse gefördert werden, also die Abgrenzung von den Zuwanderern,

u.ä. - mit solcher Botschaft an die Öffentlichkeit tretend wird versucht, die logische Verfassung der Menschen im öffentlichen Leben zu zerstören: Ist man nun weltoffen oder soll weiter gemauert/abgeblockt werden? Zudem wird ein großes Defizit beim Selbstbewusstsein dokumentiert: Die eigene Identität wackelt offenkundig - allen krachledernen Inszenierungen zum Trotz. Auch fehlt die Erkenntnis, dass Zuwandernde auch Chancen bedeuten, die Bereitschaft zur Veränderung = Hinzulernen bei den ansässigen Bürgern herausfordern. - Eine konservative Grundorientierung verträgt sich damit allerdings nicht.

5.6 Faschismus - 14 Kriterien

... entworfen von Umberto Eco, referiert von D. Kurbjuweit in SPIEGEL 47/2016 (Auslöser der Rückbesinnung: überraschende Wahl von D. Trump zum US-Präsidenten):

"'Das erste Merkmal des Urfaschismus ist der
Traditionskult', beginnt Eco. Es gehe um die
'ursprüngliche Wahrheit', um das Quasireligiöse
faschistischer Bewegungen. ...
Punkt zwei ist die 'Ablehnung der Moderne', des
Kapitalismus, vor allem aber der Aufklärung und
der Vernunft, 'des Geistes von 1789', wie Eco
schreibt, der Französischen Revolution also. ...
Eindeutig ist Punkt drei, 'Misstrauen gegenüber
der Welt des Intellekts'. ...
In Punkt vier geht es Eco um das geschlossene Welt-
bild, um 'totale Übereinstimmung'. ...
Punkt fünf: 'Der Urfaschismus sucht Unterstützung,
indem er die natürliche Angst vor Unterschieden
ausbeutet und verschärft. Der erste Appell einer
faschistischen oder vorfaschistischen Bewegung
richtet sich gegen Eindringlinge. So ist der Ur-
faschismus qua Definition rassistisch.' ...
Punkt sechs: 'Der Urfaschismus entstand aus indi-
vidueller oder sozialer Frustration. Deshalb ge-
hörte zu den typischen Merkmalen des historischen
Faschismus der Appell an eine frustrierte Mittel-
klasse, eine Klasse, die unter einer ökonomischen
Krise oder Empfindung politischer Demütigung litt
und sich vor dem Druck sozialer Gruppen von unten
fürchtete.' ...
Nationalismus ist Ecos siebter Punkt ...
Punkt acht: 'Die Anhänger müssen sich vom offen-
sichtlichen Reichtum und der Macht ihrer Feinde
gedemütigt fühlen. ...
Für den Urfaschismus, Punkt neun, ist das Leben
'nur um des Kampfes willen da'. Ewiger Krieg also
...
Punkt zehn: Eco sieht beim Urfaschismus ein 'mas-
senhaftes Elitebewusstsein'. Wer Mitglied der Be-
wegung, der Partei, der Nation ist, schaut auf die
jeweils anderen herab. ...
'Der urfaschistische Held erwartet den Tod mit
Ungeduld' - Punkt elf. Alle würden in diesem Sinne
erzogen ...
Für Eco 'überträgt der Urfaschist seinen Willen
zur Macht auf die Sexualität'. Punkt zwölf ...
Punkt dreizehn: 'Wo immer ein Politiker die Legi-
timität eines Parlaments in Zweifel zieht, weil es
den Willen des Volkes nicht mehr zum Ausdruck
bringe, riecht es nach Urfaschismus'. Das ist die
Grundlage des Rechtspopulismus ...
Zu seinem letzten Punkt schreibt Eco: 'Alle Nazi-
oder faschistischen Schulbücher bedienten sich
eines verarmten Vokabulars und einer elementaren
Syntax, um die Instrumente komplexen und kriti-
schen Denkens im Keim zu ersticken. Aber wir
müssen uns auch auf andere Formen des Newspeak
einstellen, selbst wenn sie in der scheinbar
unschuldigen Form einer populären Talkshow
daherkommen'."

5.7 Wahlverhalten: Muster statt Inhalte/Programme

Anlässlich der Wahl zwischen Donald Trump und Hillary Clinton 2016:

"Der kognitive Linguist George Lakoff schrieb damals
in einem Artikel, dass politische Entscheidungen
selten nach Interessen oder Inhalten, sondern nach
Mustern herausgebildet werden. Mustern, die man
schon in der frühesten sozialen Einheit einstudiert
- der Familie nämlich. Clinton hatte es in dieser
Beziehung schwer, es war nicht klar, auf welche Art
von Muster sie überhaupt verweisen mochte. Bei
Trump hingegen stimmte alles: Wer eine Familie kennt
und schätzt, in der ein starker und strenger Vater
die Ansagen macht, die Seinen schützt und zugleich
fordert, der wurde vom großen Donald angesprochen.
Der musste keinen kohärenten Plan haben, es reichten
einige Schlüsselbegriffe, der Habitus dessen, der
auch anders kann, und eine körperlich imposante
Statur." (SPIEGEL 26/2017 S.127) Vgl. [39]

6. Welt des Theaters

6.1 Klischees in Besprechungen

P. Handke in "Publikumsbeschimpfung" (edition suhrkamp 177) zitiert sie - und setzt je seine Wertung hinzu (Auszug):

(45) "Ihr wart Vollblutschaupieler. Ihr begannet
verheißungsvoll. Ihr wart lebensecht. Ihr wart
wirklichkeitsnah. Ihr zoget alles in euren Bann.
Ihr spieltet alles an die Wand. Ihr zeugtet von
hoher Spielkultur, ihr Gauner, ihr Schrumpfger-
manen, ihr Ohrfeigengesichter.
   Kein falscher Ton kam von euren Lippen. Ihr
beherrschtet jederzeit die Szene. Euer Spiel war
von seltenem Adel. Eure Antlitze waren von selte-
nem Liebreiz. Ihr wart eine Bombenbesetzung. Ihr
wart eine Idealbesetzung. Ihr wart unnachahmlich.
Eure Gesichter waren unvergeßlich. Eure Komik war 
zwerchfellerschütternd. Eure Tragik war von anti-
ker Größe. Ihr habt aus dem vollen geschöpft, ihr
Miesmacher, ihr Nichtsnutze, ihr willenlosen Werk-
zeuge, ihr Auswürfe der Gesellschaft.
   Ihr wart wie aus einem Guß. Ihr hattet heute
einen guten Tag. Ihr wart wunderbar aufeinander
eingespielt. Ihr wart dem Leben abgelauscht, ihr 
Tröpfe, ihr Flegel, ihr Atheisten, ihr Liederjahne,
ihr Strauchritter, ihr Saujuden.
   Ihr habt uns ganz neue Perspektiven gezeigt.
Ihr seid mit diesem Stück gut beraten gewesen. Ihr
seid über euch hinausgewachsen. Ihr habt euch frei-
gespielt. Ihr wart verinnerlicht, ihr Massenmenschen,
ihr Totengräber der abendländischen Kultur, ihr
Asozialen, ihr übertünchten Gräber, ihr Teufels-
brut, ihr Natterngezücht, ihr Genickschußspezialisten."