4.55 Handlung mit erwünschtem/geplantem Nebeneffekt

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Ohne dass ein poetisches Bild, eine schöne Metapher vorliegt, sondern wenn einfach eine Handlung geschildert wird, kann allen, die den dazugehörigen Kontext kennen, klar sein, dass die Handlung ein bestimmtes, nicht genanntes Ziel hat. Das Ziel ist nicht genannt, aber gut und sicher erschließbar aus der Interessenlage des Handelnden. Nur der Nachweis für Juristen könnte schwierig werden,

Dennoch ist die Schwelle zur Unterstellung immer nahe. Man muss sich also so gut es geht absichern.


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1. (Weitgehend) Sprachlose Kommunikation

1.1 H. Fallada, Kleiner Mann - was nun?

4. Auflage 2012. Berlin.

(63) Unterdes ist man auch bei seinem Brotherrn
Kleinholz aufgestanden. Das Aufstehen dort ist an
keinem Morgen erfreulich, denn direkt aus dem Bett
ist man dort stets (64) besonders schlechter Laune
und geneigt, einander Wahrheiten zu sagen. Aber
der Montagmorgen ist meist besonders schlimm, am
Sonntagabend neigt der Vater zu Eskapaden, und die
rächen sich dann beim Erwachen. Denn Frau Emilie
Kleinholz ist nicht sanft; soweit man einen Mann
zähmen kann, soweit hat sie ihren Emil gezähmt. Und
in der letzten Zeit ist es ein paar Sonntage auch
gut gegangen. Emilie hat einfach die Haustür am
Sonntagabend abgeschlossen, ihrem Mann zum Abendessen
einen Siphon Bier spendiert und ihm späterhin mit
Kognak die nötigen Lichter aufgesetzt. Irgend so
etwas wie ein Familienabend ist dann auch wirklich
zustande gekommen, der Junge hat in einer Ecke
gekauzt und gemauzt (der Junge ist ein Miesling),
die Frauen haben mit Handarbeiten am Tisch
gesessen (für Maries Aussteuer), und Vater hat
die Zeitung gelesen und ab und an gesagt:
"Mutter, laß noch einen sausen."
   Worauf Frau Kleinholz jedesmal sagte: "Vater,
denk an das Kind!", aber dann doch einen aus der
Buddel sausen ließ, oder auch nicht, ganz nach
dem Gemütszustand des Gatten.
   So war auch dieser letzte Sonntagabend
verlaufen, und alles war ins Bett gegangen, um
zehn herum.

1.2 NS-Militär und Partisanen

Auf PHOENIX wurde am 19.10.2013 ein Film über die militärische Situation im 2. Weltkrieg in Weißrussland, also in der Gegend von Minsk, ausgestrahlt. Als die regulären sowjetischen Truppen zurückgedrängt waren, bildete sich im Untergrund Widerstand in Form von Partisanen, z.T. unfreiwillig von den Deutschen selbst gefördert. Denn die Deutschen transportierten Männer ab nach Westen, damit diese als Fremdarbeiter im "Reich" tätig würden. Diesem Schicksal wollten viele entgehen - sie schlossen sich dann lieber den Partisanen im eigenen Land an. Auch Frauen engagierten sich in dieser Form von Widerstand.

Aber wehe, ein/e Partisan/in wurde gefangen. Er/sie
wurde - natürlich - zum Tode verurteilt. Der Film
zeigte denn auch - ungeschnitten - einige
Hinrichtungen. Die Opfer waren ernst und gefasst
und schienen selbst in dieser Extremsituation ihre
Verachtung vor den übermächtigen Militärs und dem
von ihnen repräsentierten System auszudrücken. 
Was zusätzlich zu denken gab, war, dass die
Hinrichtungen inszeniert waren. D.h. in großem
Halbkreis standen geordnet Soldaten und hörten/
schauten zu. Das Urteil wurde förmlich und für alle
hörbar (also nicht lediglich für das 'Opfer') verlesen.
z.T. ließ man die Opfer noch längere Zeit am Galgen
hängen.

Das lässt vermuten, dass solche Akte eine Botschaft sein sollten - nicht mehr allein für das 'Opfer', sondern für die Soldaten. Die Existenzauslöschung eines Einzelnen hatte die Funktion, mit Schrecken die vielen auf ideologischer Linie zu halten, ihnen vorzuführen, was geschieht, wenn sie versucht sein sollten, diese Linie zu verlassen.

Auf hoher pragmatischer Ebene begegnet uns wieder die Frage von

1.3 "Rasieren" als Ausdruckshandlung

In Modul 4.8 [1] wird in verschiedenen Varianten die alttestamentliche Josefsgeschichte angeboten. Für den aktuellen Punkt raten wir zur KURZVERSION1, und darin bitte Gen 41,14 anschauen.

"und er schor" - um diesen kurzen Satz geht es. Josef wird aus dem Kerker zur Traumdeutung beim Pharao geholt - und vorher "schor" und wusch er sich. - Nichts Auffälliges - sollte man meinen. Es entsteht eher die Frage, wieso eine derartige Banalität erwähnt wird. - Nimmt man den literarischen und den anzunehmenden kulturellen Kontext hinzu - also typische Fragestellungen der PRAGMATIK -, sieht es anders aus. Nach unseren 'Grammatik-Schubladen' geordnet:

Es steckt einiges an Präsuppositionen in dem Sätzchen.

- so weiß man, dass Ägypter die Kahlköpfigkeit
  bevorzugten, folglich die Semiten (z.B. aus
  Palästina) als bärtige, unkultivierte
  Zeitgenossen etwa an Tempelfassaden abbildeten,
  die man allenfalls zu Sklavenarbeit heranziehen
  konnte.
- dieses Wissen musste auch Josef haben. Folglich
  musste er bei den zu erwartenden Gesprächspartnern
  eine feindselige, reservierte Einstellung erwarten.

Implikationen lassen sich aus dem kurzen Satz ebenfalls ableiten:

- es fehlt der 2.AKTANT, also die Mitteilung,
  wer/was "geschoren" hatte bzw. wurde. - Das Scheren
  ist Josef nicht fremd - immerhin ist er Hirte von
  Beruf.
- erst über weitere Mutmaßungen - im Kerker wird es
  keine Schafherden gegeben haben; die sind aktuell
  ohnehin nicht das Thema - folgert man: Josef werde
  "sich" geschoren haben.
- die Kürze des Satzes erzeugt somit den Eindruck von
  Irritation
  [2],
  und deswegen auch - aus Josefs Sicht:
  unfreiwilligen Humor [3]

Planvoll/strategisch geht Josef zu Werke. Ziel: seine bescheuerte Lebenssituation soll eine Wende erfahren. Er ...

will bei seinen zu erwartenden Gesprächspartnern erreichen, dass deren eingefleischte

Angst = negative Wertung nicht ein weiteres Mal bestätigt wird, sondern Josef als Ihresgleichen, also positiv aufgenommen wird.

Der sprachlich wachgerufene Eindruck von Hektik/unfreiwilligem Humor heißt, dass Josef mit großer Heftigkeit bestrebt ist, die sich bietende Gelegenheit zu ergreifen.

Als Gesprächspartner will Josef im fremden kulturellen Kontext akzeptiert werden - und so definitiv dem Kerker entkommen. Vielleicht kann er sich in Ägypten selbst nützlich machen; im Hintergrund gärt noch die 'kaputte' Familiensituation, die auch noch einer Bearbeitung bedarf.

2. Handlung im Konflikt mit Rede/Motivation

2.1 Robert Aghion

Der Nachname der titelgebenden Hauptfigur der Erzählung heißt vom Griechischen her: "Heiliges" - wohl eine weitere Unterstreichung des Kontrastes.

aus: H. Hesse, Meister-Erzählungen. Frankfurt 1973. S.263

"Man hatte eine Menge von erschrockenen Eingeborenen
da draußen wie Raubzeug verfolgt und niedergeknallt,
und der gebildete christliche Europäer hatte sich
in Amerika, Afrika und Indien benommen wie der in
den Hühnerstall eingbrochene Marder. Es war, auch
wenn man die Sache ohne besondere Empfindsamkeit
betrachtet, recht scheußlich hergegangen und recht
grob und säuisch geräubert worden, und zu den
Regungen der Scham und Entrüstung im Heimatvolke
gehörte auch die Missionsbewegung, fußend auf dem
schönen Wunsche, es möchte den Heidenvölkern von
Europa her doch etwas anderes, Besseres und Höheres
mitgebracht werden als nur Schießpulver und
Branntwein."

2.2 Kanzlei-Stil

Ebenfalls von H. Hesse, nun aus 'Emil Kolb':

(296f) "Eine besondere Hochachtung jedoch hatte
der junge Streber von der Kunst der Sprache,
worunter er aber nicht die Torheiten der Dichter
verstand, sondern die Pflege des Ausdruckes
zugunsten realer geschäftlicher Handlungen
und Vorteile. Er las alle Dokumente geschäftlicher
oder rechtlicher Natur, von der einfachen
Rechnung oder Quittung bis zum öffentlichen Anschlag
oder Zeitungsaufruf, mit reiner Bewunderung. Denn
er sah gar wohl, daß die Sprache solcher 
Kunsterzeugnisse, von der gemeinen Sprache der
Gasse ebenso weit entfernt wie nur irgendeine
tolle Dichtung, geeignet sei, Eindruck zu
machen, Macht zu üben und über Unverständige Vorteile
zu erlangen. In seinen Schulaufsätzen strebte er
diesen Vorbildern beharrlich nach und brachte 
manche Blüte hervor, die einer Kanzlei kaum
unwürdig gewesen wäre.
   Eben diese Vorliebe für den feinen Kanzleistil
gab den Anlaß und Ankergrund für Emil Kolbs 
einzige Freundschaft. Der Lehrer hatte seine
Klasse einst einen Aufsatz über den Frühling ver-
fassen und mehrere dieser Arbeiten von ihren
Urhebern vorlesen lassen. Da tat mancher zwölfjäh-
rige Schüler seine ersten scheuen Flüge in das
Land der schaffenden Phantasie, und frühe Bücher-
leser schmückten ihre Aufsätze mit begeisterten
Nachbildungen der Frühlingsschilderungen gangba-
rer Dichter. Da war von Amselruf und von Maifesten
die Rede, und ein besonders Belesener hatte
sogar das Wort Philomene gebraucht. Alle diese
Schönheiten aber hatten den zuhörenden Emil nicht
zu rühren vermocht, er fand das alles blöd und
töricht. Da kam, vom Lehrer aufgerufen, der Sohn
des Kannenwirts, Franz Remppis, an die Reihe,
seinen Aufsatz vorzulesen. Und gleich bei den
ersten Worten: 'Es ist nicht zu bestreiten,
daß der Frühling immerhin eine sehr angenehme
Jahreszeit genannt zu werden verdient -' merkte
Kolb mit entzücktem Ohr den Klang einer ihm
verwandten Seele, lauschte scharf und beifällig
und ließ sich kein Wort entgehen. Dies war der
Stil, in welchem das Wochenblatt seine Berichte
aus Stadt und Land abzufassen pflegte und den
Emil selbst schon mit einiger Sicherheit anzu-
wenden wußte.
   Nach dem Schluß der Schule sprach Kolb dem
Mitschüler seine Anerkennung aus, und von der Stunde
ab hatten die beiden Knaben das Gefühl, einander
zu verstehen und zueinander zu gehören."