4.5 Wachgerufene Zusatzgedanken (Implikationen)

Aus Alternativ-Grammatik
Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

Aus dem Inhalt

Das Sprichwort sagt: "Alles hat zwei Seiten". - o.k., in dem, was wir sprechen, aussagen, beschreiben, formulieren wir aber höchst selten beide Seiten. Sondern nur die eine, die uns eben gerade besonders interessiert, mit der wir jetzt weiterarbeiten wollen. Die andere Seite bleibt ungesagt - entweder weil sie aktuell uninteressant, unwichtig ist bzw. so eingeschätzt wird. Oder im Gegenteil: weil sie höchst brisant und gefährlich ist. Daher übergeht man sie lieber, versucht sie zu verdrängen, zu vertuschen.

Auch Implikation (wie das vorige Stichwort) ist ein Mechanismus, der das erzeugt, sichtbar macht, was nicht explizit im Text steht, was man sich aber - laut Autor oder laut allgemeinen Weltwissen - offenbar allgemein und leicht hinzudenken muss / kann. Das Ungesagte, vom Leser aber Hinzuzudenkende, wird sprachlich vorbereitet, angelegt, so dass Leser nur dieser Spur folgen müssen/können.

Wohlgemerkt: Nicht allgemeines Welt- und Sachwissen
ist jetzt das Thema. Sondern eine vom Autor entworfene
Gedankenspur. Die kann abstrus, fantastisch usw. sein,
zugleich aber eine Einladung an die Hörer/Leser, auch
mal dieser kuriosen Gedankenkonstruktion zu folgen - und
sich überraschen zu lassen, wo man dabei letztlich landet.
Vielleicht wird das Ergebnis sein: 'Alles nur witziges
sprachliches Spiel gewesen! Vielleicht wird man aber
auch auf anregende neue gedankliche Strategien verwiesen.

Die Leser/Hörer sollten also wach und aufmerksam sein, der vom Autor ausgelegten Spur zu folgen - nur so lässt sich Missverständnis oder gar manche Schädigung abwenden. - Es handelt sich hier (noch) nicht um freie Assoziationen, von denen jeder seine eigenen, privaten hat, haben darf - sie darf man nur nicht fraglos zugleich dem Gesprächspartner unterstellen.


Falls Sie sich für das Thema interessieren, klicken Sie bitte hier:


Praxis - Bitte Ihren Eintrag!

0. Allgemein

0.1 Dialekt Schwäbisch

"Jede Sprache und jeder Dialekt spiegeln eigene
Weltsicht, eigenes Wertesystem, eigene Philo-
sophie und eigenen kulturellen Reichtum wider.
Verlorene Sprachen bedeuten untergegangenes
Wissen, denn nicht alles kann niedergeschrieben
werden. Viel Kultur ereignet sich just im Moment
der sprachlichen Kommunikation. So sei hier
zum Schutz der alemannisch-schwäbischen und
fränkischen Dialekte in Baden-Württemberg auf-
gerufen. Rettet die schwäbischen Mundartfär-
bungen und die Dialekte Badens und des Fran-
kenlands!
      Wie wäre es, wenn unsere Landespolitiker
in Zukunft nur noch in wirklichem Dialekt
Interviews gäben? Und nicht mehr nur mit Akzent?
Auswirkungen würde dies nicht haben, denn ver-
standen hat man sie auch bislang nicht - oder
man ist bei ihren Antworten weggenickt.
      Auch der schwäbisch-alemannische Dialekt
hat seine Eigenarten und Feinheiten in Wortschatz
und Grammatik. Die Art und Weise, Themen anzu-
schlagen und ein Gespräch zu beginnen oder zu
führen, ist von der Struktur eines Dialekts
abhängig, der einen Spiegel der Menschen in
einem Landstrich darstellt. ...
      Gleichwohl kann man im schwäbischen
Dialekt die Verkleinerungsform '-le' (im
alemannischen '-li') auch an Wörter hängen,
bei denen es in anderen Sprachen nicht geht. 
Zum Beispiel: Adele, Tschüssle, Tschaueli, Grüß
Gottle, Ach du liabs Herrgöttle, des  Mädele/
Maideli.
      Es sei hier auf die Feinheit hingewiesen,
dass es im Schwäbischen mehrere Verkleinerungs-
formen gibt, nämlich '-le', '-la', und '-ele'.
Beispiel: des Häusle, dia Häusla - das Häuschen,
die Häuschen. Aber auch Verben können verklei-
nert werden, wie zum Beispiel beim Lob eines
Kindes am Tisch: Dua duasch abr guhd essala -
du isst mit großem Appetit.
      Das '-le' ist zwar der Form nach eine
Verkleinerung, gemeint ist es aber in den
meisten Fällen als Amativ, das heißt als Liebes-
form. Ein Häusle kann ein kleines oder ein
großes Gebäude sein - es ist auf jeden Fall
ein Ort der Zuneigung. 'Weib' oder 'Wiib'
sagt man zur Frau, 'Weible' oder 'Wiibli'
schließt die Umarmung mit ein. Und wie schlimm
wäre es, wenn Spätzle wirklich kleine Spatzen
wären!"
      aus: Chr. Sonntag, Deutschland deine SchwaBadener. Tübingen 2010. S.151-153.

0.2 Verkrachte poetische Bilder

Sprachliche Bilder verfremden zunächst, was der Autor 'eigentlich' sagen wollte, zwingen zu einer Entschlüsselungsstrategie beim Leser. Das unterstreicht, akzentuiert, verdichtet das, was der Autor mitteilen will. Wir behandeln diese Art des Sprechens unter 4.113 Übertragener Sprachgebrauch - Übergang zur gemeinten Bedeutung und Unterpunkten.

Anstatt poetisch zu faszinieren kann eine solche Redeweise aber auch Anlass zu unfreiwilligem Humor sein, dann nämlich, wenn Bildelemente nicht passen, oder wenn nach der ersten Entschlüsselung eine weitere folgen müsste usw. Dann wird die vermeintlich kreative Sprache lästig und kurios, fällt als "verkracht" auf den Schreiber zurück. - Hier könnte man - im Sinn einer offenen Liste - Beispiele nennen und kurz besprechen.

Per Kugelschreiber ins Gehör der Bahn
Unterschriftenaktion in Gilching ...  
(Starnberger Kreisboten)

(Hohlspiegel 45/2011) "Kugelschreiber" weckt die Erwartung (Implikation), es werde um schriftliche Kommunikation gehen. Es folgt aber "Gehör" - folglich muss man umschalten auf akustische Kommunikation - was schon mal schlecht passt. Das Schreibwerkzeug könnte man durchaus in den Gehörgang stecken - ist medizinisch allerdings nicht empfehlenswert. "Gehör" soll man wohl als "Aufmerksamkeit" verstehen. "Bahn" ist auch nicht als Eisenbahn gemeint, sondern als Verwaltungspitze eines Konzerns. - Das sind denn doch einige Pirouetten zuviel. Die Implikationen müssen zuoft korrigiert werden.

Gastarbeiter Deutschland ist eine Gesell-
schaft geworden, in der 15 Millionen Menschen mit
Wurzeln im Ausland leben (Leonberger Kreiszeitung)

(Hohlspiegel 45/2011) Dass Menschen "verwurzelt" sind, ist ein nicht mehr originelles, geläufiges Bild. Das aktuelle Beispiel gehört zu denen, wo die Wortstellung mehrdeutig ist. Der Schreiber hat nur an eine Deutung gedacht, die zweite Lesart allerdings übersehen:

  1. Ist "im Ausland" eine Ortsangabe für den Gesamtsatz, vgl. 4.071 Raum / Ort / Topologie? Leben also Menschen im Ausland? Durch die Bedeutungsgruppe wären es aber "Menschen mit Wurzeln" und diese leben im Ausland. Eine solche Menschenart gibt es nicht, aber sprachlich ist sie aktuell möglich. - Gemeint ist stattdessen:
  2. "im Ausland" ist keine Topologie für den Gesamtsatz, sondern eine Näherbeschreibung von "Wurzeln" vgl. 4.032 Näherbeschreibung – Deskription / Explikation. "Wurzeln" selber ist aber auch schon Näherbeschreibung. Durch einleitendes "in der" ist der elementare Wunsch nach einer Topologie schon befriedigt. Man weiß schon, "wo" diese "Menschen+mit Wurzeln++im Ausland" leben.

Der entscheidende Punkt ist somit nicht, ob man alleine auf die "richtige" Deutung kommt. Das tut man im aktuellen Fall. Die Kritik lautet: Es werden zuviele Umwege abverlangt, man muss sich erst den Weg durch verschiedene mögliche Implikationen bahnen.

Frau in der Oper zur Nachbarin: "Der Tenor hat ein
fantastisches Organ." Die Nachbarin bestätigt:
"Ja, und singen kann er auch!" 
  1. Die erste Sprecherin reagierte wertend auf die erlebte Musikdarbietung.
  2. Die Nachbarin war mit ihren Gedanken wohl irgendwo anders - und verstand die Musik als zusätzlichen Aspekt.

0.2.1 Wortbedeutung <=> Implikation

Natürlich drängt sich die Wortbedeutung einer Äußerung dem Hörer/Leser zunächst auf - sie ist ja auch leicht zugänglich.

  • Was damit impliziert mitschwingen mag, ist immer abgeleitet, muss erst mit etwas Aufwand recherchiert werden.
  • Diese Zweistufigkeit im Verstehen einer Äußerung nicht beim Formulieren in Rechnung zu stellen, kann zu sprachlichen Unfällen führen.

Überschrift eines Artikels der "Walsroder Zeitung" (laut Hohlspiegel 2/2017):

Neuwagen rollt beim Pinkeln in den Fluss 

0.2.2 Eigenname

... aus Martin Walser, Tod eines Kritikers. Frankfurt/M 2002. vgl. [1], darin S. 12



0.3 Das "wahre Gesicht"

Im privaten Konfliktfall oder im Bereich "Enthüllungsjournalismus" kann der Satz/die Überschrift gebraucht sein: XY "zeigt (nun) sein wahres Gesicht". Man kann/sollte sich klarmachen, was an Implikationen bei solch einer Aussage mitschwingt:

  • Es wird unterstellt, dass bislang die Figur XY das "falsche Gesicht" gezeigt hat.
  • Der Sprecher/Schreiber fühlt sich über lange Zeit hinters Licht geführt, übel getäuscht.
  • Daraus resultiert das große Maß an Aggressivität, die mitschwingt.
  • XY wird zur Unperson gestempelt, kann nicht mehr der akzeptierte Gesprächspartner sein, der XY bislang war.
  • Wer so spricht, gibt kund, dass die jetzige Sicht von XY die definitiv richtige, also unverrückbare ist. Die Kommunikationsbrücke ist abgerissen.
  • Das EGO des/der Urteilenden ist überdimensional aufgeblasen.

Man muss im Einzelfall prüfen, was vorliegt. Vielleicht hat XY tatsächlich übel getrickst. Es könnte aber auch der Fall vorliegen, dass der/die Urteilende die Figur XY bislang auf ein bestimmtes Bild festgenagelt, Zusatzaspekte übersehen/überhört hat. Nun folgt eine Äußerung von XY, die dieses Bild zerbrechen lässt. Für XY hat sich dann nichts Wesentliches geändert. Aber für den/die Urteilende bricht ein Bild = eine Welt zusammen, so dass er/sie deswegen aus allen Wolken fällt. In einem solchen Fall ist der/die Urteilende das Problem: Warum wurden über längere Zeit andere Aspekte/Signale verdrängt? - Im Journalismus ist genau zu prüfen, ob das Sprachbild eine billige Masche ist, um Aufmerksamkeit zu erregen (um damit die Auflage zu steigern, sich selbst als wichtig hervorzutun). Oder ob sogar der/die Journalist/in ertappt und deswegen beleidigt ist - und sich verbal rächt?

0.4 Versteckte Aggression

Von der Kinderseite der SWP 17.8.2013:

ERKANNT
Im Wirtshaus "Georg und der Drache" taucht ein
Bettler auf und bittet um ein Stück Brot. Die
Wirtin schnauzt ihn an: "Hier gibt es nichts
umsonst. Sieh zu, dass du weiterkommst!"
Der Bettler überlegt kurz und meint dann: "Könnte
ich vielleicht noch mal ganz kurz mit Georg
sprechen?"

0.4.1 Kollision der Wissenstypen

Für Kinder ist das Erzählen von Witzen ein Training, sich Grundkategorien, Denkmuster, die auch hier in der Alternativ-Grammatik wichtig sind, einzuprägen.

"Zwei Kamele laufen durch die Wüste. Da sagt
das eine Kamel zum anderen: 'Hier muss es ganz
schön glatt sein!' 'Wieso?', fragt das andere.
'Na, weil sie hier soviel gestreut haben!'  "
 (Klasse 4a Grund- und Hauptschule Kiebingen, 10 Jahre, in: 100 witzigste Witze. Tübingen 2008)

Der Sand impliziert aus Sicht des ersten Kamels, - (a) - dass es dort sehr kalt sein muss, und sich - (b) - daher Glatteis bildet. - Die Schlussfolgerung ist korrekt aus Sicht des Bewohners der Tübinger Gegend (= seine Präsupposition, vgl. [2]). Er übersieht nur, dass <<WÜSTE>> anders definiert ist, vgl. [3]. Insofern kann man - in übertragenem Sinn - fragen, wer eigentlich das "Kamel" ist, vgl. [4]. Aber auch via Nonsens kann man die grammatischen Zusammenhänge lernen.

0.4.2 "Publikumsbeschimpfung"

In Handkes Stück wird bewusst gemacht, was die Theaterbesucher als innere Vorbereitung für das Theater mitbringen. Vgl. den Abschnitt "Implikation" in: [5]

0.5 Die Frage nach dem Ursprung

Ihr haftet die Aura des Seriösen und Gründlichen an, entsprechend dem Sprichwort: "Den Dingen auf den Grund gehen." Aber jene salopp genannten "Dinge" sind keine Dinge, also sollte man sie genauer betrachten. Analog zu unserem früheren Modul - vgl. 4.0613 Prädikat - kann es sich handeln um

  1. "Prozesse": Forscher können natürlich die Entstehung des Lebens, gar des Kosmos untersuchen. Im Alltag fragt man sich, "warum, aufgrund welcher Umstände" eine Pflanze am neuen Standort nicht gedeiht. Immer interessierten sowohl Anfang einer Entwicklung - vgl. 4.086 Modalitäten – »Register« ASPEKTE - wie auch Verursachung, Auslöser - vgl. 4.083 Modalitäten – »Register« INITIATIVE.
  2. "Handlungen": Eine von Menschen veranlasste Entwicklung, Veränderung, erlaubt natürlich die Rückfrage nach der persönlichen Motivation: "Warum hast du das getan?" - nämlich dem Opa die Pfeife zu klauen u.ä. - Kriminalisten sind ihr Berufsleben lang damit beschäftigt, zu einer verbrecherischen Tat zu erkunden, in welchem Ausmaß die Beschuldigten verantwortlich sind.

So weit, so problemlos. Die Frage nach dem Ursprung kann auch in Dialogsituationen - vgl. 4.12 Dialoge - aufgeworfen werden. Zwei Gesprächspartner kennen sich noch nicht so gut und stellen sich vor - jeder geschriebene "Lebenslauf" enthält knapp die nötigen Daten. Geht gegenüber einem Gesprächspartner die 'Frage nach dem Ursprung' - biologisch / genetisch und in punkto geistiger Orientierung - über das Normalmaß hinaus, liegt darin die Implikation: "Ich komme mit dir in deiner jetzigen Verfassung nicht klar." Das ist zunächst ein Signal der Hilflosigkeit und der Enttäuschung. Auch dafür, dass - trotz aller zur Schau gestellten Freundlichkeit, womöglich einer überschwänglichen - eben doch keine Gesprächsbeziehung - vgl. 4.122 Gesprächskontakt - phatisch - besteht - technisch wohl schon, auch gestützt durch Höflichkeit, aber ohne eigene, größere innere Beteiligung. - Wie damit umgehen?

  1. Im Rahmen eines privaten Gesprächs wird eine solche 'Frage nach dem Ursprung' als aufdringlich und abwertend empfunden. - Die Chance, dass eine dauerhafte persönliche Beziehung entsteht, ist dann wohl nicht allzu groß.
  2. Liegt ein psychologisch-therapeutisches Gespräch vor, so hat es wohl als Auslöser, dass der Klient im Kontakt mit sich und anderen häufig scheitert. Da kann ein geschultes Ausgreifen in die biografischen Ursprünge helfen. Zum "Geschultsein" gehört auch, dass die therapeutische Seite daran arbeitet, dass eben doch eine Gesprächsbeziehung erhalten bleibt.

0.6 Verhaspeln und Verheddern - die Kunst des Dieter Hildebrandt

Anlässlich des Todes des Kabarettisten beschreibt SPIEGEL-online (20.11.2013) dessen sprachliche Technik. Diese hätte überhaupt nicht funktioniert, gäbe es nicht den Mechanismus der Implikationen, d.h. die Hörer spinnen angefangene Gedanken fort, ahnen - manchmal zurecht, manchmal werden sie dabei gefoppt -, was nun gleich kommen wird:

"Intelligent war seine Kunst, weil sie vor
allem darin bestand, auch den Zuschauer intel-
ligent erscheinen zu lassen. Seine Versprecher
dienten stets dazu, seinem Publikum den Genuss
zu verschaffen, selbst das richtige Wort einzu-
setzen. Seine scheinbar verstolperten Satzenden
luden dazu ein, Gedanken selbst zu Ende zu
denken. 'Die Abschweifungen sind das eigentlich
Wahre, sie kommen zur Sache', sagte Hildebrandt
einmal der 'Sächsischen Zeitung'."

0.7 Thema "Erziehung" - die Kunst des Karl Valentin

Ein Satz des Komikers, der aber viele Implikationen auslöst - von uns in einer zweiten Spalte angedeutet.

Wir brauchen unsere Kinder nicht zu erziehen, 
               Verwunderung. "Erziehung" ist nun
               mal ein wichtiges Thema für Eltern.
               Ist K.V. verantwortungslos? Kinder
               brauchen doch ein inneres Gerüst,
               so dass sie verantwortungsvoll ihr
               Leben meistern!
               "E." ist eine wichtige Aufgabe -
               wozu gibt es Erziehungswissen-
               schaftler, dickleibige "E.-Ratgeber",
               wenn man darauf locker verzichten
               könnte? Spricht K.V. der Verwahrlosung
               das Wort?
sie machen uns sowieso alles nach. 
               Uff - ein mehrfacher Tiefschlag,
               wenn "E." verstanden wird -
               und das dürfte verbreitet sein -
               als: - Aufpropfen einer von außen,
               von Autoritäten, übernommenen Moral,
               - Weisheiten, die man selbst nicht
               befolgt - akzeptierte Trennung von
               Wort/geistiger Orientierung und
               praktischem Verhalten

In anderen Worten ist also nur ausgedrückt, was die alten Römer auch schon wussten: exempla trahunt - es ist das Beispiel, das zieht und überzeugt. Wer erziehen will, muss primär an sich selbst arbeiten.

0.8 Implikation <=> Beweisgang

"Implikation" ergibt sich spontan und klar. Etwas anderes ist es, wenn eine Erkenntnis mit aufwändiger Recherchearbeit und logischen Schlussfolgerungen gewonnen wird.- Daher wirkt komisch, was sich im HOHLSPIEGEL 27/2014 fand:

"Aus der Rhein-Zeitung: Nach wochenlanger
Suche hat die italienische Polizei auf dem
Seegrund die zerstückelte Leiche einer Porno-
Darstellerin entdeckt ... Die Polizei geht
von einer Gewalttat aus."

Inhaltlich verwandt aus HOHLSPIEGEL 32/2014:

Schild von einem Bekleidungsgeschäft in Tegernsee:
"Damenteile   1/2 Preis"

Die spontan ablaufende Entzifferungsstrategie durchläuft folgende Etappen:

  1. Im semantischen Wortsinn beschreibt die Bedeutung <<DAMEN>> das zweite Element näher: <<TEILE>>. Anders umschrieben: Es werden Teile von Damen angeboten. Zuständig dafür: [6]
  2. Pragmatisch regt sich Widerspruch: Der unmittelbare Wortsinn hat keinen Bestand, ist Unsinn: vgl. [7]
  3. Die kritische Analyse der Wortbedeutungen zeigt, dass <<TEILE>> keine eigenständige Bedeutung repräsentiert, sondern nur die Teilangabe von irgendetwas, das noch nicht genannt ist, das man sich hinzudenken muss. Zuständig: [8]
  4. Lösung im aktuellen Modul: gemeint kann nur sein, dass man sich die Bedeutung <<KLEIDUNG>> hinzudenkt

0.8.1 Heinrich Heine: Juden - Nicht-Juden

aus: Tilch, Kruse, Heine für Boshafte, insel-tb 2008:

(53) "Es ist freylich, sowohl durch das Gesetz
wie durch die öffentliche Meinung, hier in
Frankreich längst der Grundsatz anerkannt worden
daß Juden, die sich durch Talent oder Hochsinn
auszeichnen, alle Staatsämter ohne Ausnahme
zugänglich sein müssen. Wie tolerant dieses
auch klingt, so finde ich hier doch noch den
säuerlichen Beygschmack des verjährten Vor-
urteils. Ja, solange die Juden nicht auch ohne
Talent und ohne Hochsinn zu jenen Ämtern zu-
gelassen werden, so gut wie Tausende von
Christen, die weder denken noch fühlen sondern
nur rechnen können, so lange ist noch immer das
Vorurtheil nicht radikal entwurzelt, und es
herrscht noch immer der alte Druck!"

0.8.2 Heinrich Heine: logische Ergänzung - oder?

aus: Tilch, Kruse, Heine für Boshafte, insel-tb 2008:

(60) De mortuis nil nisi bene - man soll von den
Lebenden nur Böses reden."

0.8.3 Verneinung von Zusatzgedanken

P. Handke geht in "Publikumsbeschimpfung" (edition suhrkamp 177) davon aus, dass von Theaterbesuchern oft verlangt wird, auch unausgesprochene Zusatzbedeutungen zu erkennen. Die Besucher - so werden sie von den Sprechern belehrt - sollen im aktuellen Fall aber genau auf solche Zusatzdechiffrierung verzichten - (Auszug):

(24) "Das Schweigen sagt nichts aus. Es gibt
keine schreiende Stille. Es gibt keine stille
Stille. Es gibt keine Totenstille. Hier wird
durch das Sprechen kein Schweigen erzeugt.
In dem Stück steht keine Anweisung, die uns
zu schweigen heißt. Wir machen keine Kunstpausen.
Unsere Pausen sind natürlich Pausen. Unsere
Pausen sind nicht beredt wie das Schweigen.
Wir sagen nichts durch das Schweigen. Zwischen
unseren Worten tut sich kein Abgrund auf.
Es gibt keine Ritzen zwischen unseren Worten. Sie
können nicht zwischen den Punkten lesen. Sie
können nichts von unseren Gesichtern ablesen.
Unsere Gesten sagen nichts aus, was zur Sache
gehört. Hier wird nicht das Unsagbare durch
das Schweigen gesagt. Hier gibt es keine bered-
ten Blicke und Gesten. Hier ist das Verstummen
und das Stummsein kein Kunstmittel. Hier gibt
es keine stummen Buchstaben. Hier gibt es nur
das stumme H. Das ist eine Pointe." 

0.8.4 "Nafris" - Vorurteile als Entlastung des Denkens

Vgl. [9]

0.9 Grieshaber-Palme

Sie gehört zum Logo der Universität Tübingen: [10] Die Baumdarstellung eignet sich schön, um auch die Wichtigkeit von Implikationen anzuzeigen: das Wurzelwerk wird geradezu genauso umfangreich und detailliert dargestellt wie die Baumkrone. - Im Alltag sehen wir nur Stamm und Baumkrone. Aufgabe reflektierter Analyse ist es aber, auch die Basis sichtbar zu machen, ohne die es den sichtbaren Teil gar nicht gäbe.

0.10 "Rückseite" des Formulierten

Was ausgeprochen wird, hat immer einen Hintergrund, einen gedanklich-geschichtlichen Rahmen. Häufig wird der 'Sprecher' diesen implizierten Rahmen gar nicht kennen, stattdessen sich über seine Motivation falsche Vorstellungen machen, bis dahin, dass er eine Ideologie zu stützen meint. - Es lohnt sich, mit etwas Abstand über die Antriebskräfte für eine Äußerung nachzudenken.

0.10.1 Sprache des Terrorismus

... werde sie durch Pamphlete realisiert oder durch Attentate. - Im SPIEGEL 23/2017 S.120ff ein Interview mit dem Philosophen Mishra. Einige Gedanken/Passagen daraus:

SPIEGEL: Immer wieder sind es junge Männer,
die diese spezielle Wut in sich tragen, die in
Gewalt umschlägt. Deutsche Befreiungskämpfer,
russische und italienische Anarchisten, japanische
Nationalisten, militante Hindus, radikale Iraner,
Islamisten verschiedenster Couleur. Was treibt sie
an?
Mishra: Die Last der Befreiung. In der Moderne
ist die Befreiung ja zu einer Art Pflicht des Indi-
viduums geworden. Junge Männer müssen die Vergangen-
heit hinter sich lassen und sich aufmachen in ein
neues Zeitalter, um neue Möglichkeiten der Selbst-
entfaltung und Ausdehnung zu erschließen. Das birgt
viele Möglichkeiten der Enttäuschung. Wenn die
Gesellschaft etwa noch nicht weit genug entwickelt ist,
diese Bedürfnisse aufzufangen.
SPIEGEL: Und aus der Frustration ergeben sich
politische Fantasien?
Mishra: Häufig. Wer einmal von einem Weltreich träumt,
ist nur schwer mit dem Wahlrecht zufriedenzustellen.
SPIEGEL: Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie der Anarchist
Michael Bakunin und der Komponist Richard Wagner 1849
gemeinsam in einer Kutsche aus Dresden fliehen, als
die deutsche Revolution scheitert. Zwei junge Männer,
die sehr unterschiedliche Wege gehen werden.
Mishra: Wo ein Wagner ist, da findet sich immer auch
ein Bakunin. Es sind zwei Wege in die Moderne. Der
eine steht für kulturellen Nationalismus. Der andere
ist anarchistisch, militant, glaubt an die Kraft von
Gewalt und Zerstörung. Wagner entspricht einem Land,
das sich schnell aufschwingt in der Welt. Bakunin
fehlt ein Land. Er wird der Vordenker eines interna-
tionalen Netzwerks von Anarchisten und Militanten;
er führt einen neuen Politikmodus ein, der gelenkt
wird von kleinen Gruppen und verstreuten Individuen
und die Vergangenheit mythisch verklärt, etwas Ver-
lorengeglaubtes wiederaufbauen will. Daraus ent-
wickelt sich eine Politik, die wir heute Terrorismus
nennen. 
SPIEGEL: Die Anarchisten sind nicht religiös.
Mishra: Die Geschichte des Terrorismus beginnt im
späten 19. Jahrhundert mit anarchistischer Gewalt,
etwa mit Attentaten auf die Pariser Börse oder auf
die französische Nationalversammlung. Terroristen waren
immer schon Menschen mit den unterschiedlichsten ethni-
schen und weltanschaulichen Hintergründen - es gibt
keine religiöse Tradition, die Terror begünstigt.
SPIEGEL: Sie sehen den Terrorismus als Symptom
der Moderne?
Mishra: Absolut. Mit der Aufklärung startete Europa
einen Prozess, der jetzt universell ist. Sich vorzu-
stellen, dass Menschen heute irgendwo auf der Welt so
religiös sein könnten wie im Mittelalter - das ist
eine Fantasie. Wir mögen unsere Loyalitäten haben,
unsere Neigungen. Aber in der Art, wie wir die Welt
interpretieren, wie wir um uns schauen, sind wir
heute unentrinnbar säkularisiert, ob wir wollen
oder nicht. 
SPIEGEL: Sie zeichnen ein sehr düsteres Bild der
Gegenwart. Sind die Möglichkeiten der modernen Welt
nicht auch Errungenschaften? Nie hatten die Menschen
soviel Freiheit, sich auszusuchen, wie sie leben wollen.
Mishra: Das kann man so sehen. Trotzdem ist es wichtig,
sich die Wurzeln dieser Freiheitsidee genau anzugucken.
Die Idee der individuellen Freiheit wird im 18. Jahr-
hundert zum ersten Mal von einer kleinen Gruppe von
Männern formuliert, die längst Macht hatten. Es sind
Ideen einer Minderheit, die im 19. Jahrhundert durch
den globalen Kapitalismus, die Industrialisierung und
Urbanisierung universell wurden.  
SPIEGEL: Daran ist doch nichts Schlimmes.
Mishra: Es sind Ideale, die trügerisch sind. Im 19.
Jahrhundert verloren Menschen ihre Berufe, weil die
Massenproduktion auftauchte - gleichzeitig tauchten
die wütenden Massen auf, viele wurden empfänglich für
die einfachen Parolen von Demagogen, die bestimmte
Gruppen zu Sündenböcken machten. Hier zeigt sich, wie
unabsehbar die Folgen der Aufklärung waren. Ich will
den Aufklärern gar nicht die Schuld dafür geben, sie
wussten ja damals auch nicht, was sie lostraten - wie
hätten sie auch? Aber die Wahl Trumps oder die Ent-
scheidung für den Brexit sind auch Folgen dieses
Prozesses.

0.10.2 Weiterwirkender Nazi-Jargon

Vgl. [11]

0.11 Walter Habdank, "Franziskus, den Vögeln predigend"

... das Bild hängt in meinem Arbeitszimmer und fasziniert immer neu.

Der mittelalterliche Ordensgründer - umrisshaft gezeichnet -
wendet sich einer Baumkrone zu, in der Vögel sitzen, die
offenbar interessiert zuhören. Die Szene vor einem konturlosen
Hintergrund, der aber in erregend tiefes Rot getaucht ist. (HS)

Implikationen sind auf doppeltem Weg im Spiel:

  • Als Rückseite der sichtbaren Szenerie: Menschen als Adressaten der Ansprache sind nicht im Spiel. Was idyllisch und anrührend erscheint, entpuppt sich als großes Scheitern - Franziskus erreicht die eigentlich wichtigen Adressaten nicht.
  • Großflächiger Hintergrund: F. als Vertreter der Armutsbewegungen im Mittelalter, die dem Papst und der Kurie in Rom den Spiegel vorhielten: der Botschaft Jesu werde man nicht gerecht, wenn man als Kirche Kaiser imitiere und sich in Prunk und Hofzeremoniell ergehe.

Allein Parteinahme für die Armen überzeuge. - Das tiefe Hintergrund-Rot unterstreicht die Orientierung - trotz der Ablehnungen - des Franziskus. Vgl. [12]


1. Einzelsprache: Deutsch

1.1 Journalisten und Kirche

Aus einem journalistischen Kommentar (Südwestpresse, 13.4.2010) anlässlich des Missbrauchsskandals in der kath. Kirche, Bezugnahme auf Richtlinien, die schon seit 2003 existierten:

"Im Vatikan fehlte nicht die Einsicht in die Schwere
der Verbrechen, es mangelte am Mut, die Erkenntnisse
umzusetzen."

Einsicht, Schwere, Verbrechen, Mut, Erkenntnisse - 5 Abstrakta (vgl. [13]). Sie repräsentieren Modalitäten (vgl. die REGISTER unter ID 4.08: [14]): Schwere legt Emphase (Register ASPEKTE: [15]) auf Verbrechen = Register AXIOLOGIE: [16]. Hierfür hatte man die Erkenntnis = Register EPISTEMOLOGIE: [17], später auch für Erkenntnisse. Nur der Mut fehlte. Was ist Mut? Wohl eine Mischung aus Register IMAGINATION (= Handlungsperspektive):[18] + Register INITIATIVE (= Wille zur Tat)[19]: Wer schon keine Idee für zukünftiges Handeln entwickelt, wird auch den Willen dazu nicht aufbringen.

Ein bisschen einfacher gesagt: die Kommentatorin meint, die Kirchenleitung sei nah dran am Handeln gewesen, nur habe es leider nicht ganz gereicht. Und damit wird der Gedankengang in Ratlosigkeit gehüllt und beendet.

Nach unserer Grammatikauffassung sieht es etwas anders aus: Die Kirchenleitung hat ja gehandelt. Denn auch Nicht-Handeln basiert auf einem Entschluss. Dazu waren also IMAGINATION und INITIATIVE vorhanden. Die strategische Überlegung: was geschieht, wenn wir nichts machen?, darf dem Vatikan unterstellt werden. (Es gibt genügend vergleichbare Einzelbeispiele, wo sich die Kirchenleitung genauso ausbremsend verhalten hat.) Und jedes praktische Verhalten, auch wenn es nach außen nach Nichtstun aussieht, schließt die übrigen Modalitäten ein. Die implizierten Modalitäten muß man nun aber erschließen, weil sie im expliziten Text natürlich nicht stehen.

Handlungsleitend war demnach nicht die ausgesprochene Wertung, die sich auf die Seite der Opfer stellt ("Schwere der Verbrechen"), sondern entgegen dem offiziellen Papier ließ man sich vom Täterschutz bzw. vom Wohl der Institution leiten (Ansehens- und Einflussverlust, sowie finanzielle Einbußen will man sich ersparen). Nur so wird handlungstheoretisch die sonst rätselhaft bleibende Inaktivität plausibel.

Es flossen also methodisch zusammen: Kenntnis der Modalitäten, ihre Funktion für das Prädikat (vgl. ID 4.10 - [20]), die Frage, was man unter "Prädikat" nach kritischer Prüfung verstehen könne, die Aufdeckung sprachlicher Künstlichkeiten (Abstrakta), der Zusammenhang von Wortbedeutung und implizierter Botschaft. - Für jeden dieser Aspekte bietet die Alternativ-Grammatik eigene Module an.

Ein Musterbeispiel dafür, wie man offizielle politische Äußerungen durchleuchten und sprachkritisch auf ihren eigentlichen = gegenteiligen Kern zurückführen kann. Ein Musterbeispiel auch dafür, dass Sprachkritik schnell politisch relevant wird.

1.1.1 Katholische Sexualmoral: "andere Sprache"

In der ersten Märzausgabe 2014 der FAS langes Interview mit Erzbischof Woelki zur - per Umfrage nachgewiesenenen - Abkehr auch der Mehrzahl der Katholiken von den Anschauungen zur Sexualität/voreheliches Verhalten/Ehe/Abtreibung/Pille usw. ihrer Kirche. Dazu am Ende des Interviews sinngemäß die Aussage, die Kirche 'müsse eine andere Sprache finden', um ihre Auffassung den Katholiken besser verständlich zu machen. - Was lässt diese Aussage argumentativ erkennen?

  1. Im Wortsinn wird vorausgesetzt - betroffen also [21] -, diese Sprache gebe es.
  2. Verwunderung: Nun hatte der Erzbischof lang und breit die Gelegenheit gehabt, sich zum Thema zu äußern - er bot aber nichts als die sattsam bekannten Anschauungen/Argumente seiner Kirche. D.h. Woelki selbst hat offenbar keine Ahnung, wie jene neue Sprache aussehen könnte, sucht auch nicht danach. - Folgerung: Es ist die Bedingung erfüllt - vgl. [22] - zu sagen: es liegt "Übertragene Bedeutung" vor. Es wird - entgegen der wörtlichen Beteuerung - keine "andere Sprache" gesucht, sondern ... - nun kommen die Implikationen ins Spiel:
  3. Der Verweis auf Sprache schließt eine Wertung ein: Es geht nur um Sprache, also um ein oberflächliches Phänomen, flatus vocis, gemeint: die puren Wortketten, die die Kirchenmitglieder, die Öffentlichkeit als neue Sprachregelung erreichen sollen. Anders gesagt = impliziert: die inhaltlichen Kernauffassungen werden nicht geändert werden. Alles ist nur eine Frage der Vermittlung, der verwendeten Wörter.
  4. Da der Erzbischof nichts als Positionen wiedergibt, die seit langem offizielle katholische Doktrin sind, zeigt er, dass die geforderte "neue Sprache" für ihn von einer anderen Welt ist. Der ohnehin bestehende Graben zum Kirchenvolk wird weiter verbreitert.
  5. Woelki dokumentiert, dass er sich als Mitglied einer Hierarchie versteht, die jedes eigenständige Denken und Suchen verbietet. Der Einzelne - und sei er Erzbischof - degeneriert zum Sprachrohr/Lautsprecher der Zentrale in Rom. Der reale, leibhaftige Mensch lässt es zu, nur noch als Schablone zu agieren. Seine Individualität ist ausgelöscht.

Das gesamte Verhalten Woelkis dokumentiert somit Vereinheitlichung, Normierung, Auslöschung eigenständigen Nachdenkens. Hierbei eine neue Sprache zu fordern, wirkt wie Hohn oder Verzweiflung, mindestens mal als Augenwischerei.

Fazit: Die anscheinend ausgesprochene Änderungsbereitschaft ("neue Sprache") ist von einem Schuldeingeständnis der Institution (breit aufgedeckter "sexueller Missbrauch") weit entfernt, will aber Impulse der öffentlichen Meinung aufgreifen, sie damit neutralisieren. Zugleich wird aber klar = ist impliziert, dass die Institution der Kirche an ihren Auffassungen zur Selbstbestimmung des Menschen, auch in Sachen Sexualität, keinen Deut ändern wird. Eine "neue Sprache" wäre nichts als das Streuen von Sand in die Augen der Menschen.

1.1.2 Verklemmter Missionierungsimpuls

Jürgen Jonas in STB 31.1.2015:

Wenn länger nichts zu lachen war, schalte ich
mir manchmal Bibel TV ein. So wie am zweiten
Weihnachtsfeiertag. Siehe da: Ein Herr Wilfried
Schulte von einem 'Missionswerk Neues Leben'
sprach gerade frohgemut über die Rolle des
Gebetes im Alltag und an Feiertagen.
'Weihnachten ist auch Rohr frei! für die
Seele,' sagte treudeutsch der Sauber-Mann.
Hör ich recht? Die Geburt des Herrn Jesus
steht mit einem WC-Reiniger auf gleicher
Stufe? Musste der Prediger an Martin Luther
denken, der so unsagbar unter Verstopfung
litt? Hat er einen Produktplatzierungsvertrag
mit dem Rohr frei!-Hersteller? Muss man
sich die Seele wie ein unterirdisches Kanal-
system vorstellen?
   Das Lachen blieb mir zwar nicht im Halsrohr
stecken, aber ich musste doch denken: Wenn ich
welche hätte, würde das vermutlich meine
religiösen Gefühle verletzen.


1.1.3 Was "endlich" verrät

Vgl. [23]


1.2 Gestammel

aus: Wolf Haas, Der Brenner und der liebe Gott. Hamburg 2009

(114) Also da könnte ich wirklich die Leute
teilweise.
(125) Obwohl die Leiche noch komplett bedeckt
war mit mit mit.
(185) Da gibt es ja tausend Möglichkeiten, vom
Kinderporno bis zum zum zum.

Durch Auslassung oder Stotterbremse wird das Peinliche oder Tabuisierte zwar nicht ausgesprochen, aber dem Unausgesprochenen ist der Weg bereitet. Alle verstehen, dass es im ersten Fall um Aggression geht, im zweiten - laut Kontext - um Jauche, im dritten um sexuelle Perversionen.


1.3 political correctness

Aus R. Griesbeck, Der Turm von Schwafel S. 288f:

Es gibt Wörter und Formulierungen, die "besetzt"
sind, manche sind auch "verbrannt", das heißt
komplett tabuisiert. Niemand, der nicht in den
Geruch von Bösartigkeit kommen will, kann mehr
ein Wort wie "Endlösung" in seinem Sprachschatz
dulden. Auch nicht Formulierungen wie "Heim
ins Reich", "Bis zur Vergasung", "Arbeit macht
frei" oder "Jedem das Seine". Eben all die
Wörter und Formulierungen, die die hysterischen
Demagogen des Dritten Reichs in Händen hatten
und die noch deutlich deren Abdruck erkennen
lassen. Lesen Sie einmal diese geballte Ansamm-
lung von Reizwörtern und kontrollieren Sie dabei
Ihren Blutdruck: "Gesundes Volksempfinden",
"Rassenschande", "sexuelle Verwahrlosung",
"Feindsender", "Herrenrasse", "Volksschädling",
"Kulturbolschewismus", "entartete Kunst",
"lebensunwertes Leben", "Arisierung", "Block-
wart", "Gröfaz", "Heimatfront", "Sonderbehand-
lung", "Mutterkreuz"  ...

1.4 Politische Parolen

In 4.012 Feste Wortketten / Zitate / Anspielungen / Kollokationen / Idiome konnte man - noch ohne Bedeutungswissen! - feststellen, welche Wortketten in Texten einer bestimmten Zeit offenbar besonders fest geprägt sind und häufig bei unterschiedlichsten Sprechern vorkommen. Nun kann man erleben, dass solche Parolen - es braucht explizit gar nichts weiter gesagt zu sein - selbst schon gedankliche Zusammenhänge aktivieren, Zusammenhänge, die die Hörer zuvor schon gelernt und häufig bestätigt gefunden hatten. - Implikation heißt also: es bedarf nur eines kleinen, expliziten sprachlichen Impulses - z.B. einer fest geprägten Wendung - und schon fließt beim Hörer ein, was er aus anderem Kontext kennt. Der Leser meint, dabei den vor ihm liegenden Text zu lesen. In Wirklichkeit liest er seine bei ihm schon längst gespeicherten Assoziationen aufs Neue. Dieser Mechanismus kann von Textproduzenten (z.B. Kabarettisten) gezielt ausgenützt werden.

Der nachfolgende Autor bietet für jedes Jahr aus 60 Jahren Bundesrepublik eine damals typische Parole. Die Leser können selbst testen, ob sie durch die jeweilige Wortkette sicher den zeitgeschichtlichen Kontext erkennen. Auszüge:

Aus R. Griesbeck, Der Turm von Schwafel S. 105ff:

Die Stunde Null
Wir haben nichts gewusst
Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen
Die rote Gefahr
Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!
...
Keine Experimente!
Der Ball ist rund und ein Spiel dauert neunzig Minuten
Der Duft der großen weiten Welt
Neckermann macht's möglich    
...
Gib Aids keine Chance!    
Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!    
Das Boot ist voll    
Real existierender Sozialismus
...
Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben
Wir sind das Volk!
...
Einstieg in den Ausstieg
Wir haben die Kraft

1.4.1 Russlandfeldzug: Vormarsch - Rückzug

Laut Erzählungen in unserer Familie ging es im Russlandfeldzug zunächst gut voran, bis man sogar die Silhouette von Moskau sehen konnte. Dann, aufgrund von Gegenwehr, brutalem Winter, schlechter Winterausrüstung musste der Rückzug angetreten werden. Krieg war hauptsächlich sprachlich als überdimensionierte, natürlich anstrengende Wanderung erwähnt worden. Dass die Wanderung Morde, Dörferzerstörung usw. einschloss, war kein Thema. Diese Informationen waren allenfalls impliziert, wenn nicht gar verdrängt.

Der Wechsel im Familienalbum spricht eine andere Sprache: Der anfangs schmucke Leutnant, der - wie viele bezeugen - liebenswürdig, kommunikativ und sympathisch war - zeigt sich auf Fotos von 1944 glatt, ausgelaugt, verwechselbar mit vielen anderen, mit leerem Blick. Er scheint seelisch schon tot zu sein, bevor er dann tatsächlich umkommt. Die Fotos bewahren, was sprachlich umgangen wird.--Hs 08:59, 7. Aug. 2011 (UTC)

1.4.2 Russlandfeldzug

Ein 4-seitiger Feldpostbrief der Braut, der nicht mehr ankam, später vom DRK-Suchdienst zurückgegeben werden konnte, ist einerseits ein Liebesbrief mit verständlicher Sehnsucht nach dem Partner. Andererseits enthält er - außerhalb dieses Kontextes - nur noch mehrfache Hinweise auf das "Radio" und den Aufenthaltsort des Partners "im Osten". Mit geschichtlichem Wissen lässt sich rekonstruieren, was die Braut nicht aussprach, aber mit den beiden Substantiven meinte: "Radio" verweist auf die 1939-45 hochgespannt entgegengenommenen "Sondermeldungen", möglichst in Form von Siegesmeldungen. Damit war immer auch das Schicksal des Liebsten verbunden. "Osten" übernimmt den Nazi-Jargon, der sogar die Identität der angegriffenen Länder auslöscht; hinter der allgemeinen Ortsangabe bleibt das dort ausgeübte Kriegshandwerk mit all seinen Gräueln unausgesprochen. Liebe macht in diesem Fall nicht für den Partner blind, aber für dessen militärisch erzwungenes Tun, für die politisch-ideologischen Zwänge, in denen man steckte. Und sicher wirkte auch ein anderes Geschlechterverhältnis mit: die Tätigkeitsbereiche von Männern und Frauen waren stärker getrennt als heute. Man mischte sich gegenseitig nicht ein. - Viel an Implikationen, angestoßen durch zwei Substantive.

1.4.3 Russlandfeldzug - Belagerung Leningrads

Zum 70. Jahrestag der Befreiung der Stadt von der 2-jährigen Belagerung/Aushungerung durch die Deutschen, schrieb BP Gauck Ende Jan. 2014 an den russischen Präsidenten, er erinnere sich mit den Bürgerinnen und Bürgern St. Petersburgs "des Martyriums so vieler Unschuldiger, so vieler Frauen, Männer und Kinder, die bewusst dem Hungertod ausgesetzt wurden", schrieb Gauck weiter. "Das ungeheure Ausmaß des menschlichen Leids macht uns immer noch fassungslos."

Inhaltlich sicher in Ordnung. Wann aber hört endlich sprachlich auf, das Klischee von den Unschuldigen zu verbreiten? Soll per Implikation wirklich gesagt werden, Schuldige - wer immer das sei, und wie immer man das festgestellt hätte -, die hätte man sehr wohl inhuman und brutal behandeln dürfen? - Als hätten die keine Menschenwürde und keine Menschenrechte? - Das hat BP Gauck sicher nicht gemeint. Dann sollte er aber dieses sprachliche Klischee ersatzlos streichen.

1.4.4 Nazi-Vergangenheit

Was sind die Auswirkungen auf Kinder und Enkel, wenn die Eltern, Großeltern im Nationalsozialismus verbrecherisch aktiv gewesen waren? - Aus dem Artikel von C. Schnibben, SPIEGEL 16/2014:

Viele der Täterkinder sind zu Erben des Schwei-
gens geworden. Weil über den Krieg nicht
geredet wurde, wurde über nichts von Belang
mehr geredet zwischen Eltern und Kindern,
jedes Treffen war ein ritualisierter Austausch
von nichts, bei uns war es so, bei vielen
meiner Freunde ist es auch so. ...
    Es blieb aber immer die Diskrepanz zwischen
verordneter, öffentlicher Reue und privater
Verdrängung. Ich selbst habe ja zehn Jahre
gebraucht, um den Hinweisen auf die Schuld
meiner Eltern entschlossen nachzugehen. Bei
mir war es die ZDF-Serie, in der ich überzeugte
Durchschnitts-Nazis wie meinen Vater vermisste,
die den Ausschlag gab, die Schweigespirale in
unserer Familie zu beenden. Und das Bekenntnis
Sigmar Gabriels in der "Zeit", unter seinem
Nazi-Vater ein Leben lang gelitten zu haben.

Auch bereits 2 Wörter in Folge können eine wohlbekannte Formel darstellen, vgl. [24], die - das ist das aktuelle Thema der Implikationen - einen gezielten Verweis auf damit zusammenhängende Ideologien, historische Situationen liefern. Sind solche geistigen Hintergründe in der Gegenwart geächtet, stellt sich die Frage, ob der Sprecher bewusst eine gewaltige Provokation bieten wollte - oder ob er nur strohdumm war. Letzteres kann im folgenden Fall aber ausgeschlossen werden. Eher ist es so, dass der Trainer - obwohl nicht mehr in der Nazizeit gelebt habend - geistig in jener Ideologie stehengeblieben, von ihr weiterhin fasziniert ist:

"Entlassung nach Nazi-Ruf
Fußball. Der Hamburger Fußball-Oberligist
FC Teutonia 05 hat seinen Sportchef Bert Ehm beurlaubt.
Der 70 Jahre alte langjährige Trainer hatte nach dem
Punktspiel seines Klubs bei Spitzenreiter TuS Dassendorf
(1:2) 'Sieg Heil' gerufen."


1.4.5 Frauenquote

... von 30% in Aufsichtsräten großer Firmen. So beschloss es die Regierung im Nov. 2014, auf Drängen der SPD, gegen den Widerstand der CDU. Die Konstellation verwundert nicht. Der Beschluss löste Stellungnahmen aus. u.a.

Ablehnend äußerte sich auch der Präsident des
CDU-Wirtschaftsrates: "Das Geschlecht" könne
"kein Ersatz für Qualifikation sein", sagte
Kurt Lauk im Deutschlandfunk. (laut SPIEGEL-online)

Impliziert sind also die Aussagen:

  • bei männlichen Aufsichtsräten ist das Geschlecht gleichbedeutend mit hoher Qualifikation,
  • bei Frauen entfällt diese Gleichsetzung: Frauen beschädigen die Kompetenz des Gremiums.

So sehen konservative Macho-Sprüche aus.

1.4.6 Riegel vor das Verdrängen: Günter Grass

Seine Dankesrede zur Verleihung des Literatur-Nobelpreises 1999 eröffnete der Poet mit dem Satz:

"Ich komme aus dem Land der Bücherverbrennung."

1.4.7 Ziel des Verkehrsministers

... ist es - laut Pressemitteilung -, die "Verkehrstoten zu halbieren". - Was dem Wortsinn folgend nach übler Leichenfledderei klingt, kann mit Hilfe der Implikationen saniert werden. Er meinte wohl "die Zahl der..."

1.5 Medizin - Narkose

Laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung (8./9. Jan. 2011) kommt es immer wieder vor, dass Patienten während der Narkose Wahrnehmungen machen. Dies zu wissen muss Rückwirkungen auf das Verhalten des Medizinpersonals haben. Sprachlich heißt das, den Patienten auch nicht indirekt, via Implikation, negativ zu beeinflussen. Es gilt also im Register AXIOLOGIE - vgl. 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE - die negative Orientierung zu meiden: auf sprachlich direktem Weg, oder indirekt über Nomina, vgl. 4.13 Abstrakta

"Um unangenehme Erlebnisse und Erinnerungen der
Patienten zu vermeiden, ist auch eine erhebliche
Selbstdisziplin der Ärzte und Pflegekräfte im
Operationssaal nötig. Laute Gespräche oder gar
der berüchtigte Kasernenton mancher Chirurgen
können bis zu den narkotisierten Patienten
vordringen und sie dauerhaft verschrecken. 
Für den praktischen Umgang im OP empfehlen
Bischoff und Rundshagen zudem, auf die Wortwahl
zu achten. Einzelne Wörter kommen in der Narkose
offenbar eher an als ausformulierte Sätze.
Wenn der Patient in den Dämmerzustand entgleitet,
ist der Satz 'Sie werden keine Schmerzen haben'
ungünstig, weil das negative Reizwort 'Schmerz'
zu dem Kranken vordringen könnte. 'Gleich werden
Sie nichts mehr spüren' vermittelt - neutraler
ausgedrückt - die gleiche Botschaft.
'Negative Begriffe wie Schmerz, Krebs, inoperabel
oder zwecklos können daher als Negativsuggestion
auf  die anästhetisierten Patienten wirken.'
Genau weiß man das nicht, doch Forscher haben
erkannt, dass implizite Erinnerungen auch bei
fehlendem Bewusstsein im Gedächtnis  platziert
werden können."

1.6 Medizin - Burnout vs. Depression

Wann soll/kann man von "Burnout", wann von "Depression" sprechen? Die Begriffe wecken unterschiedliche Assoziationen = Implikationen. Häufig sind es die unerwünschten oder modischen Begleiteffekte, die die Wortwahl bestimmen. Der Interviewte plädiert dafür, nur noch von "Depression" zu sprechen. - Einstieg in den Ausschnitt über die Frage, ob mehr Schlaf den Erschöpfungszustand beheben könne. Aus einem Interview in SPIEGEL-Online (29.11.2011):

Hegerl: Wenn mit Burnout nur das alltägliche
Gefühl der Erschöpfung gemeint ist, dann viel-
leicht schon. Wenn sich dahinter aber eine De-
pression versteckt, wären solche Maßnahmen meist
eher nachteilig oder sogar gefährlich. Das mag
überraschend klingen, weil Menschen mit Depression
sich ja auch erschöpft fühlen. Aber längerer
Schlaf führt bei ihnen eher zu einer Verstärkung
der Symptome. Sie fühlen sich nicht fitter,
sondern nur noch erschöpfter.
Schlafentzug hat dagegen eindeutig antide-
pressive Wirkung und wird in vielen Fachkliniken
praktiziert. Den Patienten wird dann empfohlen,
die zweite Nachthälfte wach zu bleiben. Am näch-
sten Tag geht es ihnen dann meistens deutlich
besser. Auch einen Urlaub würde ich einem depres-
siv Erkrankten auf keinen Fall empfehlen. Die
Depression reist mit und wird im Urlaub oft
sogar noch schmerzhafter erlebt.
KarriereSPIEGEL: Sie meinen also, der Begriff
Burnout verschleiert, ob jemand nur urlaubsreif
oder schon krank ist?
Hegerl: Genau. Von Burnout zu sprechen, ist
alles andere als hilfreich, weil man damit
alltägliche Erschöpfungen genauso meinen kann
wie schwere, lebensbedrohliche Depressionen.
Letztlich verharmlost der Begriff Burnout
damit eine Depression. Und auch wenn vielleicht
das Gegenteil beabsichtigt ist, trägt er
auf Dauer sogar dazu bei, Depression zu stig-
matisieren. Depressiv Erkrankte treffen dann
auf das Vorurteil, dass sie ihr Leben nicht
richtig im Griff haben, sich selbst aus Ehrgeiz
überfordern oder sich einfach nicht zusammen-
reißen.
KarriereSPIEGEL: Aber drückt Burnout nicht viel
besser aus, wo die eigentlichen, die gesellschaft-
lichen Ursachen liegen: Die moderne Arbeitswelt
verheizt die Seelen vieler Menschen?
Hegerl: Die Vorstellung teile ich eben nicht.
Menschen mit Depressionen fühlen sich zwar aus-
nahmslos erschöpft. Das liegt bei den meisten
Betroffenen aber nicht daran, dass der Beruf
sie überfordert hätte - auch wenn die Vermutung
vielleicht nahe liegt. So einfach kann man oft
nicht von Symptomen auf die Ursachen schließen.
Bei vielen Menschen sind die Auslöser Kränkungen,
Verlusterlebnisse oder ganz allgemein Verände-
rungen im Lebensgefüge.
Und auch, wenn es paradox klingt: Manchmal
führen sogar positive Ereignisse zu einer Depres-
sion, zum Beispiel ein Umzug, eine Beförderung
oder eine bestandene Prüfung. Bei vielen Menschen
mit Depressionen ist auch gar kein Auslöser iden-
tifizierbar. Bei der Mehrzahl der Betroffenen ist
schlicht nicht gerechtfertigt, was der Begriff
Burnout postuliert: nämlich dass Überforderung
und Verausgabung in der Arbeit die Ursache wären. 

1.7 Tabus in der Literatur

aus einem Interview mit dem Kinderbuchautor Paul Maar (SPIEGEL-Online 28.11.2011):

Maar: Ich hatte keine Kinderbücher. Hemingway
und Faulkner habe ich mir ausgeliehen, und es
gab vieles, das ich als Kind nicht verstanden
habe. In den Fünfzigern war die amerikanische
Literatur ziemlich prüde. Es hieß da nicht
"Sie hatten Sex", sondern "Sie gingen zusammen
ins Bett, und als sie aufwachte, hatte sie
völlig wirre Haare". 
Wieso erzählen sie mir das von den Haaren der
Frau?, dachte ich. Viele Leerstellen musste
ich mit meiner Phantasie füllen. 

1.8 Unwort des Jahres: "Döner-Morde"

Die Kommission, die jeweils im Januar für das vergangene Jahr das "Unwort" auswählt, rechnet damit und kann damit rechnen, dass ein einzelnes Wort schlagartig bei den meisten Menschen ein komplexes Wissen aktiviert. An diesem, meist auf Nachrichten basierendem Wissen ist nicht zu rütteln; es wird aber durch "Un-Wort" zugleich ausgesagt, dass dieses eine Wort ungeeignet ist, die gemeinten Zusammenhänge sinnvoll zu bezeichnen. - Stefan Kuzmany in SPIEGEL-Online (17.1.2012) dazu:

Der Begriff "Döner-Morde" ist ein trauriger
Beweis für den latenten Rassismus der deutschen
Gesellschaft - auf drei Ebenen. Zunächst bedeu-
ten "Döner-Morde" eine herablassende Gleichsetzung
und Entmenschlichung: Die Opfer werden allesamt
zum "Döner" gemacht, als hätten sie keine Namen,
als hätten sie keine Berufe. Man stelle sich
eine ähnliche Mordserie mit vornehmlich italie-
nischen Opfern vor - würden wir sie dann
"Spaghetti-Morde" nennen? Und welch Aufschrei
ginge durch Politik und Presse, würden in der
Türkei serienmäßig deutsche Staatsbürger ermor-
det und man spräche dort von "Kartoffel-" oder
"Sauerkraut-Morden"? Kaum auszudenken.
Zum Zweiten bedient der Begriff das Klischee
der Ausländerkriminalität. Mit der Aufklärung
der Mordserie beschäftigt war eine Polizeikommis-
sion unter dem bezeichnenden Namen "Bosporus",
und deren lange gehegte Täter-Theorie, wie auch
die der Presse, war vermeintlich naheliegend:
Irgendwelche organisierten Kriminellen aus der
Türkei oder sonst woher hätten da wohl ihre
Schutzgeld- und/oder Drogenstreitigkeiten blutig
ausgetragen. Die Opfer seien irgendwie in
finstere Machenschaften verwickelt gewesen, und
dass man dieses Netz finsterer Machenschaften
nicht zu identifizieren vermochte, sprach allzu
lange nicht gegen dessen Existenz, sondern eher
für die heimtückische Tarnung dieses phanta-
sierten Netzwerks von kriminellen Zuwanderern.
Die dritte Ebene des Begriffs "Döner-Morde" ist
die damit zusammenhängende, aber noch viel tiefer
reichende Ausgrenzung von Zuwanderern: Den deut-
schen Zeitungsleser konnte es wohlig gruseln,
las er im Sonntagsblatt von der Mordserie, so
wie die beiden Bürger, die Johann Wolfgang von
Goethe in seinem "Faust" über ihre liebste
Wochenendbeschäftigung sprechen lässt: "Wenn
hinten, weit, in der Türkei/ Die Völker auf-
einander schlagen/ Man steht am Fenster, trinkt
sein Gläschen aus/ Und sieht den Fluss hinab
die bunten Schiffe gleiten;/ Dann kehrt man
abends froh nach Haus,/ Und segnet Fried' und
Friedenszeiten." Alles so schön weit weg. Das
war ungemein beruhigend für die deutsche Mehr-
heitsgesellschaft. Sollen sich die doch gegen-
seitig umbringen, sie gehören ja sowieso nicht
zu uns, also ist uns das Morden eigentlich
egal. Wir haben nichts damit zu tun: "Sie mögen
sich die Köpfe spalten,/ Mag alles durcheinander
gehn;/ Doch nur zu Hause bleib's beim alten."


1.8.1 Unworte: "Neger - Mohrenköpfle - Zigeuner" ?

Anfang 2013 tobte in der Tübinger Lokalpresse eine Debatte, ob man das Schaumgebäck "Mohrenköpfle" weiterhin so bezeichnen darf, oder ob die Benennung diskriminierend, rassistisch sei - und ob z.B. solche Wörter in Kinderbüchern verwendet werden dürfen. z.T. laufen Ersetzungen: der "Negerkönig" von Astrid Lindgren mutierte zum "Südseekönig".

Daraus entwickelte sich ein sinnvolles Nachdenken, auch über "Sprache" - daneben über praktisches Verhalten, über die Anerkennung von Gefühlen (wenn sich jemand diskriminiert fühlt) usw. Am 13.4.2013 wurden bündelnd einige Beiträge dazu veröffentlicht (Schwäb. Tagblatt). Darunter folgende Übersicht über die eingeschlossenen Argumente: [25] (bei Schwierigkeiten der Anzeige: herunterladen und lokal öffnen!)

Bei denen, die die Debatte verfolgt haben, ist es kaum vorstellbar, dass sie in eigenen Texten in Zukunft noch "Neger" u.ä. verwenden ... Allein das Nachdenken, das Sichtbarmachen der Implikationen, dürfte die Lust daran zum Verschwinden gebracht haben. Beim "Mohrenköpfle" ist es möglicherweise anders: die typisch-schwäbische Verniedlichung "-le" zeigt - neben dem Verwendungszusammenhang ("Konditorei") -, dass eine "übertragene Bedeutung" angestrebt wird. Keineswegs eine Diskriminierung mit kolonialistischem Hintergrund. Und es gibt auch Berichte darüber, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe darüber lachen konnten. Wenn es so ablaufen kann, dann transportiert "Mohrenköpfle" - durchaus sinnvoll - alte historische Einschlüsse, lässt über die "Mauren" früherer Zeiten und das jeweilige gesellschaftliche Umfeld nachdenken.

1.8.2 Zum Rassismus der Rechts-Parteien

Vgl. [26] - klar, dass angesichts heftiger Gegenwehr der Öffentlichkeit der AfD-Vize nun mit den Journalisten darüber streitet, was er genau gesagt habe - sieht nach Abwiegelungsversuch aus.

1.9 Strafvollzug - Kommentar

aus ST: 11.4.2012, Kommentar von C. Faisst:

"Sprache kann verräterisch sein: Schwerverbrecher
dürfen nicht schon nach fünf Jahren auf die Bevöl-
kerung losgelassen werden, tönt es, kaum dass Über-
legungen zu einer Reform des Strafvollzugs bekannt
werden. 'Loslassen', das ist die Wortwahl derer,
die im Zusammenhang mit Menschen, die gegen Gesetze
verstoßen haben, Assoziationen zu Bestien wecken:
Eine gefährliche Polemik, die nicht der sachlichen
Auseinandersetzung dient, sondern Ängste schürt,
hilflose Bürger würden unkalkulierbaren Risiken
ausgesetzt. ...  Es geht lediglich darum, eine
vollständige Isolation der Insassen zu verhindern,
die ein späteres Leben in der Gesellschaft umso
schwerer macht, je länger sie dauert. Der jüngste
Vorstoß einiger Justizminister zum Langzeitausgang
verdient eine Chance, zumindest auf eine faire
Diskussion. Alles andere weist in eine bekannte und
unheilvolle Richtung: Wegsperren, am besten für
immer."


2. Grammatikkategorien

2.1 Adjektiv vs. Partizip Präsens

In sehr vielen (allen?) Sprachen kann man einem Nomen auf zweifache Weise eine Eigenschaft zuschreiben: ein trauernder Mensch oder ein trauriger Mensch. Häufig wird im Alltag beides als gleichwertig empfunden. Schaut man die beiden Realisierungen genauer an, lösen sie unterschiedliche Zusatzgedanken = Implikationen aus. Laut Alternativ-Grammatik wäre die Analyse mehrstufig. Zunächst sind die Ergebnisse gleich:

In der Semantik, bei 4.032 Näherbeschreibung – Deskription / Explikation, 
wird noch grob analysiert, dass in beiden Fällen
dem Nomen Mensch eine Eigenschaft (=qualitativ)
zugeschrieben wird. Es liegt eine Deskription vor.
Am Beginn der Pragmatik - vgl. 4.1111 Text als »Textil« – auf dem Weg zum Kontext 
- wird notiert, dass die vermeintliche äußerlich
wahrnehmbare Eigenschaft eigentlich zu einem
inneren Modal-Register gehört: 
vgl. 4.085  Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE.

Da es aber zwei Möglichkeiten einer solch komplexen Eigenschaftszuschreibung gibt, muss man auch eine bedeutungsmäßige Differenz unterstellen. Dabei hilft die Erkenntnis, dass trauern-d im Rahmen von Konjugationen gebildet wird, die Bildung traur-ig dagegen auch bei Ableitungen von Nomina vorkommt (eck-ig). Die eine Variante bezieht sich auf eine Bedeutung, die einen Vorgang bezeichnet, die andere auf etwas von Hause aus eher Statisches.

Folglich kann bei den Implikationen erschlossen
werden:
   ein trauernder Mensch ist einer, der aktuell
   trauert.
Diese innere Befindlichkeit dürfte sich auch
wieder verlieren und ändern.
   ein trauriger Mensch dagegen ist jemand,
   der Trauer als Habitus, als Grundstimmung hat. 

Ausgesagt ist der Unterschied nicht, aber er kann erschlossen werden (daher: Einordnung bei den Implikationen).


2.2 Eigennamen

Sofern es um allgemein zugängliche, bekannte Personen / Objekte geht, war dazu schon in 4.4 Vorausgesetztes Weltwissen (Präsuppositionen) einiges gesagt worden. Eigennamen in fiktionalem Kontext (z.B. Roman) können Lesern nicht bekannt sein. Sie nehmen dadurch, dass Worte verwendet werden, die üblicherweise für Namen stehen, allenfalls den Anspruch wahr, dass es sich um eine klar umrissene Person bzw. um ein Objekt handeln müsse.

Ein Mittel, wie ein Autor dieses Defizit beheben kann, ist, dass die Namen, die er erfindet, selbst schon Hinweise - via Assoziation - auf die benannte Figur geben. Der Sprachwissenschaftler E. Gramer hat dazu bezogen auf den Roman "Muttersohn" von Martin Walser einiges zusammengetragen (aus: Schwäb. Tagblatt 16.7.2011):

"Die Namen für sein hundertfaches Romanpersonal
erfindet Walser. Namen geben einer Person ein
Gesicht, das der Leser studieren kann. Mit dem
Namensschlüssel lässt sich ein Charakter aufschließen,
mittels Namensdetektor Verstecktes aufspüren. 
Hätte man die Wahl zwischen einem Dr. Schluderhose
und einem Dr. Augustin Feinlein - zu welchem ginge
man in die Praxis? Heißt ein Paar Silvi Schall und
Berti von Rauch - traut man beiden über den Weg?
Wenn eine Klinik in Scherblingen ihren Sitz hat -
was ist da zu kitten? Und was kommt bei den Namen
Kainz in Bewegung? Einer denkt an den berühmten Wiener
Schauspieler und Rezitator Josef Kainz - ein Gegenbild
zu dem Stotterer Ewald Kainz. Oder steckt in Kainz das
Kains-Zeichen, das den damit Gezeichneten von der
Gemeinschaft ausschließt? Und was für Romane gibt
einem wohl ein Dichter namens Habermuß zu verkosten?
Eher Biogereimtes oder Kunstkost? Und wer verbirgt
sich hinter dem Code the Jollynecks, mit dem Walser
eine radikal destruktive Motorradrockergruppe
verschlüsselt hat? 
Kleiner Hinweis: Jollyneck lebt nobel in Austria."

2.2.1 Kosenamen

(aus SPIEGEL 2/2017) - zur Hamburger "Elbphilharmonie":

"(...) Doch warum, zum Himmel, heißt das Gebäude
dann überall 'Elphi'? Der Kosename klingt nicht
nach Hochkultur in einer Metropole, sondern nach
Singkreis in Pinneberg, nicht nach bürgerlicher
Klassik, sondern nach Inklusion: nach Kultur für
wirklich jeden. Als wäre die Elbphilharmonie kein
Palast, sondern eine Villa Kunterbunt für Kultur-
pädagogen. (...)
   Wer 'Tiger' sagt, sehnt sich nach einem wilden,
starken, entschlossenen Partner, wer 'Mäuschen'
oder 'Kleines' sagt, sucht genau das: eine liebe,
unterwürfige Partnerin. Wenn der protestantische
Hamburger nun 'Elphi' statt Elbphilharmonie sagt,
dann, weil er sich geniert angesichts der großen
Architekturgeste, des Glanzes und Protzes, der fast
800 Millionen Euro Baukosten. Er hätte das Ding
gern niedlicher, weniger einschüchternd auch, um es
lieb haben zu können - und stutzt es sich mit dem
Namen zurecht." 

2.2.2 Geschichtlich vergifteter Eigenname: Adolf

vgl. [27]

2.3 "Machtergreifung" - Prädikat+Aktanten

Aus einem Interview mit der Germanistin H. Kämper zur NS-Sprache (SWP 30.1.2013). Was sie erläutert, entspricht exakt unserer Denkweise in der Semantik: Prädikat samt den von der Prädikat-Bedeutung geforderten Aktanten. Von Implikation zu reden heißt hier: die zwingend notwendigen Aktanten wieder sichtbar machen. Zu beachten: die Nazis selbst verwendeten das Wort.

... Zum anderen legt dieses Wort aber auch bestimm-
tes Szenario nahe: Da ist eine entschlossen han-
delnde Person, die nach der Macht greift. Andere
Akteure sind nicht beteiligt. Anders als bei der
Machtübergabe, wo es jemanden geben muss, der
die Macht übergibt, und jemanden, der die Macht
übernimmt. ...
Es wurde immer gesagt, die Nationalsozialisten
hätten die Macht an sich gerissen, die Menschen
konnten sich quasi nicht dagegen wehren. Diese
Sichtweise stellt vor allem die Deutschen als
Opfer dar; sie war bis in die frühen sechziger
Jahre noch stark verbreitet. Erst die Forschung
hat dann gezeigt, dass es sehr viele Beteiligte
gab, dass der vormalige Reichskanzler Franz von
Papen Hitler die Macht tatsächlich übergeben hat.
Die Nationalsozialisten wurden offiziell gewählt,
und die Deutschen haben dem auch begeistert zu-
gestimmt. Es war also eine Machtübergabe. 

2.31 Prädikat+1.Aktant

Nach der Fußball-WM 2014 Thomas Müller auf die Frage, warum er seine Frau nicht mitgenommen habe: "Sie ist doch keine Handtasche! Sie führt ihr selbstbestimmtes Leben." - Ein korrektes und bewundernswert spontan eingesetztes kritisches Sprachbewusstsein:

  • die Frage behandelt "Frau" als 2.AKTANT, vgl. [28]
  • impliziert ist damit, dass die Frau eine Rolle im Rahmen dessen spielt, was der Mann beabsichtigt, also der 1.AKTANT, vgl. [29]. "Frau" ist sprachlich behandelt wie ein Objekt, über das verfügt wird.

Der Fußballspieler wehrt sich also gegen die sprachliche Nachlässigkeit. Die Frage hätte besser gelautet - wenn das schon ein Thema sein sollte: "Wollte Ihre Frau nicht mitkommen?"


2.4 "Reichskristallnacht" - Spezifikation: Teil - Ganzes

Aus einem Interview mit der Germanistin H. Kämper zur NS-Sprache (SWP 30.1.2013). Die Teil-Ganzes-Logik ist schon bei den Näherbeschreibungen/Adjunktionen in der Semantik gefordert, dann bei den Prädikationen - und auf höherer Ebene noch öfters. Praktische Anwendung auf "Reichskristallnacht":

"Reichskristallnacht" ist eine Verharmlosung
dessen, was geschehen ist - die Vorstellung,
da liegen Kristalle und kaputte Fensterschei-
ben auf der Straße. Dabei wird verschwiegen,
wie viele Menschen dabei umgebracht wurden.
Der Ausdruck, der sich mittlerweile eher
durchsetzt, ist Pogrom. Reichspogromnacht
oder Novemberpogrom, die sollten dann eher
verwendet werden. 

2.5 Ortsangaben - NSA-Affäre

Nach vielen sonstigen Details zum Wirken der US-Abhörinstitution kam 2013 auch heraus, dass täglich Milliarden von Handy-Ortungen gespeichert werden. Die umfassende telefonische Erreichbarkeit kommt dadurch zustande, dass jedes eingeschaltete Handy sich bei der nächsten Funkzelle automatisch anmeldet. Dadurch ist im System bekannt, in welcher Gegend der Nutzer sich gerade befindet.

In einer zweiten Stufe ist es nicht schwierig festzustellen, welche andere Nutzer immer wieder in die Nähe des ersten kommen, und zwar an verschiedenen Orten. (Damit sind Handys innerhalb einer Familie weitgehend ausgefiltert.)

3. Stufe: Liegen gegen einen oder gegen beide Nutzer aus anderen Quellen Anfragen, Zweifel vor, sieht man als impliziert an, dass es sich um konspirative Treffs handelt - Anlass, diesen Schurken besser auf den Zahn zu fühlen...

Das alles setzt voraus, dass die Staatsschnüffler sich irgendwo illegal Zugang zu den Daten der Netzbetreiber verschafft hatten.

2.6 Selbstwahrnehmung - Fremdwahrnehmung

... - Aspekte im Anschluss an das Register EPISTEMOLOGIE, vgl. [30]. Die Begriffe werden in der Psychologie natürlich vielfältig verhandelt. Vgl. dazu unter diesen Stichwörtern - wikipedia - wir müssen uns darauf nicht einlassen.

Für die literarische Ebene genügt zunächst - möglicherweise können dazu noch weitere Aspekte entfaltet werden -, dass "Wahrnehmung" impliziert, dass es eine Distanz zwischen Wahrnehmendem und Wahrgenommenem gibt. Wie die Distanz zu verstehen ist, muss jeweils geklärt werden.

  • nahe liegt das räumliche Verständnis - das passt aber nicht im Fall von Selbstwahrnehmung; ist es nicht ein 'Zirkel', wenn ich mit meinen Fähigkeiten mich erkennen will? Ist die Gefahr der Selbsttäuschung nicht vorprogrammiert? Wie kann man damit umgehen?
  • Oft liegt eine Differenz in der geistigen Struktur vor: wer ein Rindvieh wiegt, vollzieht eine Wahrnehmung, zu der das Rindvieh auf der Waage nicht in der Lage ist.
  • Die Distanz kann in unterschiedlichen Kompetenzbereichen liegen: in einer hierarchischen Amtsstruktur darf die untere Ebene oft nicht wissen, was die übergeordnete erkennt/an Wissensimpulsen verarbeitet; in Staaten geht es um Fragen der Geheimhaltung, im Gegenzug um solche der Spionage.

Vgl. für ein Beispiel dieses Zusammenhangs die Berufsbezeichnung "Hirte" [31]

2.7 "Frage" => "Prognose"

Wer eine Frage stellt, bekundet sein Nicht-Wissen - im Wortsinn - und wünscht sich eine erhellende Auskunft vom Gegenüber. Also ist ein Dialog im Gange - [32] - und darin ist das Modalregister EPISTEMOLOGIE aktiviert: [33]

Aber über diese so einfache Struktur kann sich eine zweite Bedeutungsebene legen - vgl. [34] -, so dass mit der 'scheinbaren' Frage pragmatisch etwas anderes gemeint ist. Im folgenden Beispiel zwei andere Modalregister:

  • [35], um die Vorstellung von zukünftigen schlimmen Zuständen wachzurufen,
  • [36] - sogar doppelt:
    • Ausdruck des Wunsches, es möge nicht so kommen; dadurch
    • beabsichtigter Beitrag zur Verhinderung weiteren Zuzugs jetzt

Aus SPIEGEL 42/2015, Interview mit Integrationsforscherin N. Foroutan:

SPIEGEL: Frau Foroutan, in Deutschland werden in
diesem Jahr etwa eine Million Flüchtlinge erwartet.
Schaffen wir das, wie Angela Merkel verspricht?
Foroutan: Die Frage hat mittlerweile die
Wirkung einer sich  selbst erfüllenden Prophe-
zeiung. Politiker und Medien warnen so lange
davor, dass die Stimmung kippt, bis diese
tatsächlich kippt. 

2.8 "x, aber nicht y" = "adversativ": "Globalisierung, D. Trump"

Als Grammatikbegriff ist "adversativ" wohlbekannt, bei uns in [37] eingeführt.

Die gleiche Denkoperation kann nun hoch in der PRAGMATIK erneut eingesetzt werden: Man sollte bei Zauberwörtern wie "Globalisierung" auch die - gedanklich zwangsläufig mitgegebene - Kehrseite - eben die Implikation - beachten. Es gibt nicht nur Chancen und Gewinner, sondern auch sehr viele Verlierer. Das bringt dann auch entsprechende Wahlergebnisse hervor: [38]

3. Was der "Ton" verrät

"Ton" ist in doppelter Bedeutung gemeint: Tatsächlich als Wort-/Sprachklang. Dann aber auch - parallel ablaufend - die Entschlüsselung übertragenen Sprachgebrauchs. Beides zusammen kann eine weitere Botschaft ergeben, die explizit in Worten nicht ausgesprochen ist.

3.1 Tolstoj "Anna Karenina"

Es ist natürlich der Poet, der den Dialog darbietet. Die Entschlüsselungsprozedur bei "Implikationen" ist ihm dabei wichtig. Ausgangspunkt: Anna hatte Dolly geraten, ihm zu verzeihen. Bis dahin war Dolly überzeugt, dass die Ehe wegen eines Nebenverhältnisses des Mannes Stepan als gescheitert anzusehen sei.

aus: Lew Tolstoj, Anna Karenina. Hg.v. G. Drohla.insel 2010. S.114:
"Ach, ich bitte dich, macht euch keine Sorgen
um mich", antwortete Anna und sah Dolly ins
Gesicht, bemüht, zu erraten, ob eine Versöhnung
stattgefunden hatte oder nicht.
"Es wird dir hier zu hell sein", sagte Dolly.
"Ich sage dir doch, ich schlafe überall wie ein
Murmeltier."
"Wovon ist die Rede?" fragte Stepan Arkadjitsch,
der aus dem Arbeitszimmer kam, seine Frau.
An seinem Ton merkten Kitty und Anna sofort,
daß sich die beiden versöhnt hatten.
"Ich möchte Anna hier unten einquartieren, aber
dann müssen erst andere Gardinen aufgehängt
werden. Das kann keiner richtig machen, ich
muß es selbst tun", antwortete ihm Dolly.
>Ob sie sich ganz ausgesöhnt haben?< dachte
Anna, als sie Dollys kalten, ruhigen Ton hörte.
"Ach, laß doch, Dolly, du machst dir immer so
viel Mühe", sagte ihr Mann. 
"Wenn du willst, mache ich alles ..."
>Ja, sie haben sich wohl doch ausgesöhnt.< dachte
Anna.
"Ich weiß, wie du das machst", antwortete Dolly,
"du gibst Matwei ganz unmögliche Anweisungen,
fährst selber weg, und er bringt alles durcheinander!" 
Und das gewohnte spöttische Lächeln zuckte bei
diesen Worten um Dollys Mundwinkel.
>Vollkommen versöhnt<, dachte Anna, >Gott sei Dank!<
Und erfreut, daß sie das zustande gebracht hatte,
ging sie auf Dolly zu und küßte sie.

Noch ein Beispiel (S.194f): Mit Implikationen kann man auch eine neckische Unterhaltung pflegen:

"Die Geschichte ist zwar ein bißchen frech, aber
so nett, daß ich sie Ihnen schrecklich gern
erzählen möchte", sagte Wronskij und sah sie mit
lachenden Augen an. "Ich werde keine Namen nennen."
"Um so besser, dann werde ich sie erraten."
"Nun, dann hören Sie zu. Zwei lustige junge Männer
fahren ..."
"Natürlich Offiziere von Ihrem Regiment?"
"Ich habe nicht gesagt Offiziere, sondern einfach
zwei junge Männer. Sie fahren nach einem Frühstück
..."
"Also betrunken?"
"Kann schon sein. Sie fahren in heiterster Stim-
mung zu einem Kameraden zum Diner."

Es kommt oft vor, dass man bei einem Gesprächspartner nicht auf das hört, was er sagt, sondern auf das, was er dabei nicht sagt, wie S.508:

Eine zweite Schwierigkeit war das unüberwindliche
Mißtrauen der Bauern, die einfach nicht glauben
wollten, daß der Gutsherr ein anderes Ziel im Auge
haben könne, als sie so viel wie möglich auszu-
beuten. Sie waren fest überzeugt, daß seine wirkli-
che Absicht (er mochte reden, was er wollte) immer
in dem stecke, was er ihnen nicht sage. Und auch
sie redeten viel über das Projekt, sagten aber nie,
was ihre wahre Absicht war.

S. 525:

Erst unmittelbar vor der Abreise küßte Nikolaj
seinen Bruder, sah ihn plötzlich seltsam ernst
an und sagte: 
"Behalte mich trotzdem in gutem Andenken, Kostja!"
Seine Stimme zitterte.
Das waren die einzigen Worte, die aufrichtig waren.
Lewin verstand, daß sie bedeuteten:
>Du siehst und weißt, daß es schlecht um mich steht;
wir sehen uns vielleicht nicht wieder.< Lewin
verstand das, und Tränen traten ihm in die Augen.

3.2 Theaterprogramm

Bezugnehmend auf den Stil von Künstlerproträts wie in [39] angedeutet: Was ist die Wirkung und die versteckte Botschaft solcher Texte?

  1. Impliziert ist, dass der betr. Künstler offenbar noch so unbekannt ist, dass er in dieser Weise vorgestellt werden muss.
  2. Für Kunstinteressierte ist im Wortsinn eine solch konzentrierte Rundreise durch Städte, Jahreszahlen, Projekte eine Zumutung und weitgehend sinnlos. Eine derart geballte Liste von Daten wird sofort wieder vergessen.
  3. Implizierter Zweck: Nicht die Information ist das Ziel, sondern die Anpreisung des Porträtierten: was hat er nicht schon alles gemacht, war in bedeutenden Gremien tätig, war verschiedentlich für Preise nominiert - was allerdings auch die Frage aufwirft, ob aus der Nominierung dann doch nichts geworden war?
  4. Die Leser sollen also beschwichtigt und beruhigt werden: Der Künstler ist ihnen zwar unbekannt, aber nein, sie haben es nicht mit einem Dilettanten zu tun, sondern ...
  5. Hinter aller Information der Appell, doch bitteschön in die Veranstaltung zu kommen. Vielleicht lassen sich doch einige durch diesen Typ von Werbebotschaft ansprechen, beeindrucken. - Den aktuellen Schreiber stößt sie eher ab ...
  6. Anzunehmender Nebeneffekt: Sollte die Regieleistung, die Musikdarbietung usw. dem interessierten Besucher nicht gefallen haben, wird er sich - häufig - nicht getrauen, dies auch so zu sagen. Er wird die Gefahr sehen, als Banause dazustehen angesichts des werbetechnischen Bedeutsamkeitsgetrommels.


3.3 Filmmusik

Aus einem Interview mit dem Filmkomponisten Ennio Morricone (SWP 22.11.2014)):

Was kann denn eine gute Filmmusik wirklich
leisten?
MORRICONE: Filmmusik erzählt uns das, was weder
Worte noch Bilder sagen können. Das kann sie,
weil sie von einem anderen Ort kommt, eine ab-
strakte Natur hat. Eigentlich braucht ein Film
nicht unbedingt Musik, aber wenn man sie einsetzt,
muss sie ihren Raum haben, nicht zu sehr mit
Worten und Geräuschen konkurrieren müssen.


3.4 Ladidel

Worte sind nicht alles in der Kommunikation ...

aus: H. Hesse, Meister-Erzählungen. Frankfurt 1973. S.259

"Herr Ladidel bat sich die Ehre aus, Fräulein
Marthas Kavalier sein zu dürfen, und wurde ein-
geladen, sich nun auch wieder fleißiger im
Hause zu zeigen. Beide sprachen miteinander
nur höfliche und unbedeutende Worte, sahen
einander aber heimlich an, und jedes fand
das andre auf eine nicht auszudrückende,
doch reizende Art verändert. Ohne es
einander zu sagen, wußten und spürten sie
jedes, daß auch das andre in dieser Zeit
gelitten habe, und beschlossen heimlich,
einander nicht wieder ohne Grund weh zu
tun. Zugleich merkten sie auch beide mit
Verwunderung, daß die lange Trennung und
das Trotzen sie einander nicht entfremdet,
sondern näher gebracht habe, und es wollte
scheinen, nun sei die Hauptsache zwischen
ihnen in Ordnung." 

3.5 Luther - "Reichtum"

aus: E. Drewermann, "Luther wollte mehr". Der Reformator und sein Glaube. Im Gespräch mit Jürgen Hoeren. Freiburg i.B. 2016.

(285) "In Luthers Absicht hätte liegen müssen,
zu tun, was Jesus versucht hat: sich die Frage
zu stellen, wie man die Reichen von ihrem
Reichtum erlöst. Das wäre ein psychologische
Frage im Sinn all dessen, was wir über die
Durcharbeitung von Gnade im menschlichen Leben
gesagt haben. Warum hängen Menschen am Geldbe-
sitz? Man kann Geld einsetzen, um sich persön-
lich Ruhm, Ansehen, Autorität, Berechtigung zu
sichern. Man fühlt sich als ein Nichts, aber
wenn man viel besitzt, gilt man in den Augen
der Welt sehr viel. Und dieser Umstand kann
nach Geld süchtig machen. Solche Überlegungen
hätte Luther ohne weiteres verstanden, - die
Kompensation von Minderwertigkeitsgefühlen
durch eine gefüllte Geldbörse! Er hätte
gesehen wie gefährlich ein solches Lebenskon-
zept ist, und er hätte diese Gefahr christlich
artikulieren können. (...)
(286) Sehen Sie da eine Leerstelle bei Martin Luther?
Gewiss, Müntzer hat das gesellschaftliche
Problem von Ausbeutung und Entrechtung der
Bauern ohne Zweifel weit klarer und richtiger
gesehen als Luther, und zwar auf dem Hintergrund
der christlichen Lehre. Er ist mit seinen Mahn-
reden gescheitert und dann zurückgekehrt zu
der Wut und der Empörung, die er von Anfang an
schon in sich trug. Luther hat sich von der
Unterstützung der Fürsten nie wirklich getrennt,
selbst wenn er am Ende des Bauernkrieges 1525,
erschrocken über das Ausmaß an Menschenschläch-
terei, der Willkür der Landesherren mit mora-
lischen Vermahnungen Einhalt zu tun versucht hat." 

4. Austricksen mit antiquierter Grammatik

4.1 Enzensberger-Gedicht

Der Autor nimmt den gängigen, aber sinnlosen Brauch auf, Nomina nach dem "Geschlecht" zu klassifizieren. Vgl. 4.0241 Genus – grammatisches »Geschlecht«. Dann nimmt er noch gängige Klischees über Frauen hinzu - und haut beides den Lesern um die Ohren, vgl. [40].


4.2 Werbung - Aufforderung zum Weiterlesen

In traditioneller Grammatik sind 4.085 Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE und 4.13 Abstrakta kein eigenständiges Thema, auch nicht der Unterschied zwischen 4.113 Übertragener Sprachgebrauch - Übergang zur gemeinten Bedeutung. Dieses Rüstzeug braucht man aber, um schnell zu erkennen, dass folgender Textvorspann der doppelten Werbung dient:

  • (a) Primär, um zu animieren, den ganzen Artikel zu lesen,
  • (b) der unverhohlenen Werbung für das Automodell.


SPIEGEL ONLINE
19. Juli 2013, 06:22 Uhr
Autogramm BMW 435i
                                   Tief gesunken
Von Tom Grünweg
BMW ist so überzeugt vom 4er, dass der Autobauer
ihn als sein wichtigstes Modell des Jahres ankün-
digt. Dabei ist der Wagen eigentlich nur der
Nachfolger des 3er Coupés. Der Namensschwindel
ist ihm aber verziehen - er sorgt nämlich für
eine Einzigartigkeit in der BMW-Geschichte.


5. Trauer

5.1 Deutschland <-> Frankreich ?

Natürlich sollen hier keine Klischees errichtet werden. Es geht um Beobachtungen angesichts eines konkreten Trauerfalles - und auch dabei interessiert nur die sprachliche Seite:

- Es war unerwartet, wie häufig bei Beileids-
  bekundungen deutscher Absender Karten mit dem
  Aufdruck verwendet wurden:
  "Aufrichtiges Beileid".
  Solche Zusendungen sind zweifellos aufrichtig
  gemeint - es gibt keine Gründe, daran zu
  zweifeln. Aber sprachlich sind diese Bot-
  schaften plump und missverständlich. 
      = Was man in Worte fasst, ist normalerweise
        nicht selbstverständlich. Wer also "auf-
        richtig" betont, gibt - das ist die
        Implikation - zu erkennen, dass er
        eigentlich "unaufrichtig" handelt und
        spricht.
        - Da das Unsinn ist, hat die sprachliche
        Formulierung völlig falsche Blickrichtungen
        geöffnet und das Gegenteil von dem bewirkt,
        was eigentlich beabsichtigt war: Trost und
        spürbare Anteilnahme.
      = Überhaupt das Verwenden solcher Vordrucke -
        auch wenn sie aufwändig gestaltet sind:
        per Implikation machen sie dem Empfänger
        klar, dass sich eine Person hinter dem
        grafischen Aufwand versteckt, allenfalls
        einen kurzen Gruß und eine Unterschrift
        beisteuert.
      = Gern werden auch tiefschürfende Zitate
        großer Geister eingestreut - auch das
        ein Weg, die eigene Befindlichkeit, viel-
        leicht auch Nicht-Betroffenheit zu
        verbergen.
      = Die Zahl der Formeln - vgl. 
        4.012 Feste Wortketten / Zitate / Anspielungen / Kollokationen / Idiome -
        ist in solchem Kontext hoch.
   Derartige Äußerungen erreichen die Adressaten
   als "gut gemeint", aber auch als Ausdruck einer
   gewissen Hilflosigkeit.
- Im konkreten Einzelfall ging es anders: eine
  mail aus Frankreich erinnerte an Erlebnisse mit
  der Verstorbenen, an positive und unvergessliche
  Erlebnisse mit ihr, und drückte - wenn auch
  elektronisch vermittelt - aus, dass die Adressa-
  ten umarmt werden sollen. Eine insgesamt sehr
  persönliche und warmherzige Rückmeldung - das
  Medium email konnte diesen Eindruck nicht
  schmälern.
  Durch das, was nachvollziehbar explizit gesagt
  wurde, geriet man als Empfänger gar nicht erst
  auf die Schiene der Implikationen, d.h.
  ins Grübeln, was da wohl noch alles mitschwinge.

5.2 "Warum"-Frage

... bekundet im Wortsinn (SEMANTIK) ein Doppeltes:

  • Das Nicht-Wissen - deswegen wird ja gefragt. Vgl. [41]
  • Abgefragt/gesucht wird eine Ursache - die Antwort könnte also mit weil beginnen. Das ist die Domäne von [42]

5.3 Dumme Schlagzeile

... - in diesem Fall von BILD - eignet sich dazu, satirisch ausgeschlachtet zu werden - aktuell durch SPAM: die Wortbedeutung wird genommen, anscheinend tief ernst; im Gefolge davon werden die daraus sich ergebenden Implikationen sichtbar gemacht, ausgemalt - wodurch dann der Nonsens der Titelzeile vollends sichtbar wird: [43] - Man hatte kreativ sein und an einen Liedtext von U. Jürgens anknüpfen wollen - 'Ein ehrenwertes Haus'.


6. Politik / Gesellschaft

In Pressestatements sollte genau beachtet werden, was explizit gesagt ist, was dagegen nicht. Und mit der Rekonstruktion des Nicht-Gesagten, der Implikationen sollte man vorsichtig sein - dabei kann man auf die Nase fallen.

6.1 Ministerin Schavan

Nach dem Entzug des Doktorgrades durch die Universität Düsseldorf berichtete SPIEGEL-Online:

Äußerlich gefasst trug sie vor Fernsehkameras zwei
vorbereitete Sätze vor: "Die Entscheidung der
Universität Düsseldorf werde ich nicht akzeptieren
und dagegen Klage einreichen. Mit Blick auf die
juristische Auseinandersetzung bitte ich um Ihr
Verständnis, dass ich heute keine weitere Stellung-
nahme abgeben werde."
Manche Nachrichtenagenturen verbreiteten darauf
per Eilmeldung, Schavan wolle nicht zurücktreten.
Tatsächlich aber verlor die CDU-Politikerin über
ihr Ministeramt kein Wort. Einen Rücktritt ließ
sie offen.

6.2 Arm <-> Reich

Implikation heißt auch: sich nicht mit dem explizit formulierten Thema zufrieden zu geben, sondern auch nach dem dazugehörigen, aber vielleich absichtsvoll nicht ausgesprochenen Gegenbegriff zu suchen/zu fragen. Sich - mitleidvoll - mit den Lebensbedingungen der Armen zu beschäftigen, ist gut. Per Implikation hängen damit aber die Reichen zusammen. Wie ist die Verbindung zu sehen? - Aus einem Interview mit Prof. Chr. Butterwegge (SWP 17.4.2013):

Warum gibt es überhaupt Armut in einer wirtschaftlich
hoch entwickelten Gesellschaft? Ein so reiches
Land wie die Bundesrepublik könnte die Entstehungs-
ursachen in der Tat beseitigen, wenn der politische
Wille dazu vorhanden wäre.
Weshalb existiert sie trotzdem?
Armut entsteht nicht trotz, sondern durch Reichtum.
So wie es in Bertolt Brechts berühmtem, im Zweiten
Weltkrieg entstandenen Vierzeiler heißt: "Armer Mann
und reicher Mann, standen da und sahn'n sich an, und
der Arme sagte bleich: Wär' ich nicht arm, wärst Du
nicht reich."
Das heißt, dass sich Armut und Reichtum gegenseitig
bedingen?
Ja. Armut kann in der bestehenden Gesellschaftsord-
nung nicht durch zunehmendem Reichtum beseitigt
werden. Beide sind systembedingt und für den
Kapitalismus bis zu einem bestimmten Grad
funktional. 
Geht es den Armen nicht besser, wenn eine Gesellschaft
insgesamt reicher wird?
Nicht unbedingt, wenn die ungerechte Verteilung
des zusätzlichen Reichtums für mehr soziale
Ungleichheit sorgt. Nach der mehr oder weniger
verdeckten "Pferdeäpfel-Theorie" einiger neo-
liberaler Ökonomen müsste man die Vierbeiner
mit dem besten Hafer füttern, damit die Spatzen
die Körner aus dem Kot herauspicken können.
Reichtumsvermehrung statt Armutsbekämpfung -
das war auch das heimliche Regierungsprogramm
der rot-grünen, der Großen und der amtierenden
Koalition von CDU/CSU und FDP. Dabei wäre es
besser, die Spatzen direkt zu unterstützen,
die Armen also nicht als Faulpelze und Sozial-
schmarotzer abzustempeln, sondern sie durch
eine Politik der Umverteilung besserzustellen. ...
     Armut dient als Drohkulisse und Disziplinie-
rungsinstrument, das Belegschaften, Betriebsräte
und Gewerkschaften veranlasst, sich mit geringen
Löhnen zufriedenzugeben. Warum sonst stünde wohl
jemand mitten in der Nacht auf, um als Minijob-
ber Zeitungen auszutragen?

In diesem letzten Abschnitt kommt gut zum Ausdruck, dass Implikation zugleich mit einer zweiten, indirekten Bedeutung verbunden ist ("Drohkulisse") - beides genuine Themen der PRAGMATIK.

6.2.1 CDU im Bundestagswahlkampf 2017

In den 1950er Jahren hatte die CDU mit dem Slogan "Keine Experimente!" geworben. Jetzt, 2017, wird plakatiert und in Reden verbreitet: Deutschland sei ein Land, "in dem wir gut und gerne leben". - Während somit - sprachlich betrachtet - früher eine Warnung und ein Abstraktum benutzt worden waren, wird jetzt vereinnahmendes "wir" und doppelt eine positive Wertung - vgl. [44] - eingesetzt. Dazu zwei Zitate aus der Kolumne von J. Augstein, SPIEGEL 38/2017 S.10:

"Aber wer ist 'uns', wer ist 'wir'? Zwischen 1995
und 2015 mussten die unteren 40 Prozent der Lohn-
empfänger einen Verlust ihrer Kaufkraft hinnehmen.
Das klingt ein bisschen technisch. Also anders:
die unteren 40 Prozent verdienten 1995 mehr Geld als
2015. Oder noch anders: Beinahe die Hälfte der
Deutschen ist verarscht worden. Das wirklich
Befremdliche daran ist, dass die Menschen es einfach
hingenommen haben (...)
Wer also sagt, dass es uns 'gut' gehe, der lügt.
Aber nicht nur das. Er legt auch Zeugnis seiner
eigenen Fantasielosigkeit ab. Denn in diesem Satz
steckt immer: Besser wird's nicht. Für viele
Menschen im Land ist das keine gute Nachricht."

Impliziert in solchen Wahlkampfparolen ist somit das genaue Gegenteil der ausgesprochenen Wertung: "schlecht". Die Kunst bei solchen Wahlkämpfen ist es, die "Wahrnehmung der gesicherten Wirtschafts- und Einkommensdaten zu verhindern", vgl. [45] - ein Kampf auf Modalebene. Anders gesagt: der Slogan "Keine Experimente!" in neuer Form. Die implizierte Interessenlage: "Reich-Sein" muss weiter möglich sein und gefördert werden, auch um den Preis, dass "Arm-Sein" für große Bevölkerungsteile die wirtschaftliche Voraussetzung dafür ist. Nur sollen die "Armen" dies nicht bemerken.

6.3 Frage nach der Gerechtigkeit = Frage nach dem Subjekt-Sein

Im Gespräch mit dem Philosophen Forst - vgl. SPIEGEL 34/2013 S.107 - wird deutlich, dass der wichtige Begriff für die Satzanalyse: 1.Aktant = Subjekt, vgl. [46], auch jetzt noch, weit in der PRAGMATIK, wichtige Dienste leistet:

SPIEGEL: Ihrem Verständnis nach entfaltet die
Forderung nach Gerechtigkeit fast zwangsläufig eine
revolutionäre Treibkraft.
Forst: Das belegt die historische Erfahrung. Wenn
ein aufgeklärter Monarch soziale Reformen in Gang
gesetzt und den Lebensstandard der Massen
substantiell verbessert hat, erlischt dadurch
nicht das Bestreben, Subjekt statt nur Objekt
der Politik zu sein. Der Impuls des Aufbegehrens
gegen Ungerechtigkeit ist nicht so sehr das
Verlangen, mehr hiervon und mehr davon zu haben,
sondern der Anspruch, als Rechtfertigungssubjekt
wahr und ernst genommen zu werden.
SPIEGEL: Es geht der Gerechtigkeit zwar auch
um das Haben, aber mehr noch um das Sein?
Forst: Um das gesellschaftliche Sein, ja.
Darum, nicht nur Gegenstand der Entscheidungen
anderer zu sein.

6.4 Läppische Themen im Vordergrund, wichtige ungesagt

... so sieht eine schlechte Wahlkampfstrategie aus. Die Wähler verstehen nicht nur, was explizit proklamiert wird, sondern auch dessen Rückseite. Der Grüne R. Schlauch über die Wahlschlappe im Sept. 2013 (SWP 28.9.2013):

"Wenn ich will, habe ich zwei oder mehr Veggie-Days
in der Woche. Aber wann und ob ich die nehme, das
soll man schon mir überlassen. Dass die Bundespartei
dieses Thema so ins Schaufenster gestellt hat, war
fatal. Die Botschaft, ob gewollt oder nicht, war
doch: Es gibt zwar ernsthafte Themen wie Europa,
Syrien oder NSA, aber wir propagieren den Veggie-
Day. Wir haben damit signalisiert: Wir sind mit
10 Prozent minus X zufrieden. Wir kuscheln lieber
gemütlich, als dass wir wie eine Partei mit dem
Anspruch auf 15 Prozent die echten Probleme
angehen."

6.5 Jährlicher Rummel an Weihnachten

Am Jahresende entkommt man all den Hirten, Engeln, dem Gesang aus Himmelshöhen, Maria+Josef+Kind in der Krippe, Stern, 3 Könige usw. nicht. Eine Religionszugehörigkeit ist unwichtig dabei. Die Werbekampagnen der Wirtschaft sorgen selbst schon für dieses Flair. Natürlich stützt es sich letztlich auf neutestamentliche Texte, entnimmt denen aber aus großer Distanz die genannten Klischees, Symbole.

Diese unter dem Stichwort Implikationen aufgreifend - und noch ohne die einzelnen Texte genauer analysierend - kann man folgern: die himmlische Botschaft kam also nicht zu den professionellen Theologen, die am prunkvollen Tempel in Jerusalem Dienst taten, und dadurch auch das staatliche System stützten. Diese staatlich und religiös Mächtigen wurden ausgespart. Adressaten sind die Armen, die nicht offiziell Bestallten und 'Zuständigen'. Bei denen war es umgekehrt als sonst: die Weisheit Gottes kam persönlich in Gestalt der 'Weisen aus dem Morgenland', zuvor schon via Engel (= Himmelsboten) zu denen im Abseits, zu denen in Armut unter freiem Himmel. Die Implikation: nicht kalte Deduktionen, trockenes Bücherstudium, Spezialisten-(=Herrschafts)Wissen zählt. Vgl. [47]

Unter Einbeziehung der Implikationen sind die Weihnachtstexte, -symbole, zwar eine frohe Botschaft für die genannten Adressaten. Zugleich aber eine geistige Revolution, weil eine Ablehnung der etablierten Religion. Nichts ists mit Zuckerguss, Überhäufen mit Geschenken und allgemeiner Lieblichkeit. Revolutionäre Umkehr der Perspektive ist angesagt, sich Wappnen für die damit anstehenden Konflikte! Diese werden bald auch konkret und enden mit Verurteilung und Kreuzigung.

Betrachtet man die Bilderwelt der Texte im Wortsinn, auch mit der Frage nach der gemeinten Bedeutung - nach dem Muster von [48] - und berücksichtigt die Implikationen, so macht auch das starke Bild von der Jungfrauengeburt keine Probleme. Man muss es nicht verschämt umgehen (das muss nur, wer von der Wortbedeutung = der Gynäkologie nicht loskommt): Es ist ein sprachlich heftiger Aufstand gegen "Macht/Terror des Gewohnten". Die implizierte Botschaft: "Es geht auch anders! Es muss vieles vollkommen anders angegangen werden, wenn schalom gelten soll. Fundamentaler Wandel zum Guten ist möglich."

6.6 "Zigeuner"

Bei manchen Wörtern, z.B. Volksbezeichnungen, glaubte man in jüngerer Vergangenheit, implizite negative Wertungen zu erkennen. Folglich war es 'politisch korrekt', sie nicht mehr zu benutzen. Möglicherweise ist man dabei gelegentlich übereifrig, folgt nur einem Trend, den jemand ins Leben gerufen hat - ist aber uninformiert über die geschichtlichen Hintergründe und gesellschaftlichen Verhältnisse. Aus SPIEGEL 4/2014:

SPIEGEL: Herr Bauerdick, Sie sprechen in ihrem
Buch von "Zigeunern" anstatt von "Sinti" und "Roma".
Warum politisch so unkorrekt?
Bauerdick: Ich habe in 20 Jahren über hundert Reisen
zu Zigeunern in Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Tsche-
chien und der Slowakei unternommen, und die Mehrheit
der Menschen dort bezeichnet sich selbst als Zigeuner.
Sie sind stolz auf ihre Kultur, sie grenzen sich ab
von den "Gadsche", den Nichtzigeunern. Auch in ande-
ren Ländern Europas sprechen die Leute ganz selbst-
verständlich von Zigeunern. Nur wir Deutschen haben
damit ein Problem.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das?
Bauerdick: Das hat natürlich mit der Vergangenheit
zu tun. Die Nazis haben nicht nur die Zigeuner
vernichtet, sondern auch ihren Namen als rassisti-
sches Schmähwort beschmutzt. Doch anstatt sich das
Wort selbstbewusst wieder anzueignen und rassisti-
schen Tendenzen entgegenzusteuern, haben sich viele
Zigeunerverbände und Menschenrechtsorganisationen
von dem Begriff distanziert. 
SPIEGEL: Ist das nicht ein Zeichen von Respekt? 
Bauerdick: Wir verhalten uns scheinheilig. Der Respekt
gegenüber diesen Menschen ist nicht gewachsen, seitdem
wir das Wort ausgetauscht haben. Auch ihre Lebens-
situation verbessert sich nicht.
SPIEGEL: Warum ist ihre Situation so schwierig? 
Bauerdick: Die meisten Zigeuner haben ihren Platz
verloren. Nicht nur, dass sie in ihren Heimatländern
von jeher diskriminiert werden. Auch die Nischen,
in denen sie lange Zeit gearbeitet haben, sind ver-
schwunden. Schauen wir uns die traditionellen Bezeich-
nungen der Roma an: die Kalderasch haben als Kupfer-
schmiede und Kesselflicker gearbeitet, die Lovara
waren Pferdehändler, und die Ursari hielten Tanz-
bären. Diese Berufe sind heute ausgestorben. Und
Zugang zur Bildungswelt gibt es kaum.
SPIEGEL: Was folgt daraus?
Bauerdick: Ein fataler Prozess: Durch die jahrhun-
dertelange Diskriminierung haben viele Zigeuner sich
daran gewöhnt, sich ein Leben in Nischen einzurichten.
Viele sichern ihr Leben durch Bettelei oder Prostitu-
tion, das kann man nicht leugnen. Aber all das sind
Mechanismen der Selbstausbeutung und Armut. Mir geht
es so, dass ich mehr Angst um die Zigeuner habe als
vor ihnen.

6.7 Griechenland und Euro: Verhandlungen Juni 2015

Die Frage auf SPIEGEL-online (25.6.2015) ist, ob die 'ewigen' Verhandlungen als unausgesprochenen Hintergrund = 'Implikation haben, Griechenland solle die Euro-Zone verlassen?

"Der Blick in die Presse zeigt, dass der Druck auf
Tsipras groß ist, in der Frage der Entlastung bei
den Schulden einen Erfolg mit nach Hause zu bringen.
Sein Koalitionspartner sieht dies sogar als
Voraussetzung um überhaupt einer Vereinbarung mit
den Geldgebern zuzustimmen. Auch in seiner eigenen
Partei steht Tsipras unter Druck. Ein Sprecher der
Parlamentsfraktion von Syriza bezeichnete die Vor-
schläge der Gläubiger als 'vernichtend'. Die Geld-
geber setzten ihre 'Erpressung' damit fort.
Selbst Politiker der Konservativen und Liberalen
sagen in Gesprächen, dass sie angesichts der der-
zeitigen Verhandlungen den Eindruck haben, dass es
in Europa entweder die Strategie gebe, die grie-
chische Regierung zu demütigen - oder das Land
gleich aus der Währungsunion zu drängen." 

6.8 Amerikanisches Geschlechterverständnis

SPIEGEL 9/2016 S.92: Interview mit Anne-Marie Slaughter. Thema Vereinbarkeit von Kindern und Beruf.

Slaughter: Ja, und die Leute lieben das, weil
wir alle die Idee mögen, der Kapitän an Bord zu
sein. Wir sind eine Nation, die grundsätzlich
daran glaubt, dass alles möglich ist. 'You can
make it happen', das ist eine zutiefst amerika-
nische Überzeugung. Ich schätze Sheryl Sandberg
sehr und bewundere sie für das, was sie erreicht
hat. Aber ihr Narrativ impliziert auch: Es ist
deine Schuld, wenn du es nicht schaffst, es ist
dein persönliches Versagen. Und das ist ungerecht.
Die amerikanische Arbeitswelt muss sich ändern,
nicht die Frauen. ...
Das Problem ist in meinen Augen, dass von dem
Moment an, in dem eine Frau in Deutschland ein
Kind bekommt, die professionelle Identität der
Identität als Mutter untergeordnet wird. Die
Frau ist von da an hauptberuflich für das Kind
da, und dafür bekommt sie genügend Zeit. Das
deutsche System kümmert sich um Mütter, aber es
ist nicht mehr zeitgemäß. Letztendlich geht es
um eine Geschlechterrevolution. Das biologische
Geschlecht darf keine Rolle dabei spielen, was
wir im Leben machen, was wir erreichen können.

6.9 Flüchtlingskrise (2015/16) - und wie man davon redet

... das thematisiert der Gastkommentar auf SPIEGEL-online: [49]. Je nachdem, was ich explizit formuliere, sind unterschiedliche Neben-/Zusatzbedeutungen = Implikationen wachgerufen. Sie gilt es 'mitzuhören'.

6.10 (Über-)Fülle von Nachrichten, Bsp. Trump

Vgl. [50] Als Nachrichtenempfänger - heutzutage auf vielerlei Kanälen - muss man auf sich selbst achten. Nicht dass unerkannt/unbewusst Frustreaktionen (z.B. bei Wahlen) das eigene politische Verhalten bestimmen. - Diese Möglichkeit zu erkennen und ggf. gegenzusteuern ist auch Aufgabe der Analyse der Implikationen, die mit einem Kommunikationskontext verbunden sind.

6.11 "Urlaub" - 10 Standardauskünfte und ihre übersehenen Implikationen

Das sollte also Anlass für Korrekturen sein, statt weiter den Standardauskünften anzuhängen. - Via Implikationen - ob beachtet oder nicht - gerät man direkt in den Bereich praktischer Lebensgestaltung hinein. Vgl. [51]

6.12 Gewalt bei Demonstrationen

vgl. [52]

7. Geheimcode

Jede Gruppierung kann so tun, als werde in ihr so geredet, wie in der umgebenden Alltagssprache. Es können mit den einzelnen Aussagen / Wortgruppen Sonderbedeutungen verbunden werden, die Angehörige außerhalb der Gruppe nicht erkennen. - Gute Illustration: an einer Wortbedeutung hängt eine zweite, übertragene - und in diesem Fall nicht von allen erkannte - Bedeutung.

7.1 Immobilien / Makler

SPIEGEL 15/2013 nennt Beispiele für Maklersprech:

"Ruhige Lage"                -  meint: Schlechte Verkehrsanbindung,
                                       am Ende der Welt.
"Großzügiger Empfangsbereich" - meint: Der Flur nimmt die halbe
                                       Wohnung ein.
"Wohnanlage mit Zukunft"      - meint: Neubaugebiet. Noch jahrelang
                                       Lärm durch Bauarbeiten.
"Für Sportler"                - meint: 5. Stock ohne Aufzug.
"Für Schnellentschlossene"    - meint: Seit langem unverkäuflich.
"Luxuriöse Ausstattung"       - meint: Überhöhter Preis.
"Für Handwerker"              - meint: Totale Ruine.
"Für Liebhaber"               - meint: Bruchbude für Ahnungslose.
"Für Individualisten"         - meint: Küche und Bad aus den
                                       Fünfzigern.
"Idyllische Hanglage"         - meint: Feuchtigkeit und Schimmel.

Gut, diesen Geheimcode vor Anmietung oder Kauf zu kennen. Die Überschrift lautet: "Maklersprech und Wirklichkeit" - der allerdings ist zu kritisieren. Denn das Allerweltswort Wirklichkeit soll für 'objektive Tatsachen' stehen. Das tut es aber nicht. Denn - als Beispiel - könnte die "Totale Ruine", die oben geschrieben steht, ein Fehler, eine Lüge sein, und sich bei der Besichtigung als properer Neubau entpuppen. Mit Wirklichkeit wird zunächst auf die Wortbedeutung verwiesen, auf einen Anschein von sicheren Sachverhalten. Damit beschäftigt sich bei uns: 4.02 Bedeutung / SEMANTIK - samt vielen Unterabteilungen.

Ob der semantische Klartext in der Realität auch zutrifft, steht auf einem ganz anderen Blatt.

7.2 Ärzte

Aus einem Interview mit dem Historiker Götz Aly (SPIEGEL 17/2013), dessen Tochter kurz nach der Geburt durch eine Infektion schwer erkrankte.

Aly: Der Oberarzt auf der Intensivstation der
Universitätsklinik hat mich nach drei Tagen zur
Seite genommen und gesagt: "Wenn Ihre Tochter
die kommende Nacht überlebt, wird sie sehr schwer
behindert sein." Ich habe das als codierte Frage
aufgefasst und erinnere mich daran, als wäre es
gestern gewesen.
SPIEGEL: Als Frage, ob die Ärzte dafür sorgen
sollen, dass Karline die Nacht nicht überlebt?
Was haben Sie gesagt?
Aly: Er solle alles tun, damit sie überlebt.

Anderes Beispiel: Wer nach einer Untersuchung gesagt bekommt, da sei eine Raumforderung festzustellen, sollte hellhörig sein.

  1. Das Abstraktum, vgl. [53], benennt ein Etwas, das an dieser Stelle nicht erwartet worden war.
  2. Im medizinisch-strengen Sinn ist ein Nicht-Wissen impliziert, vgl. [54], mit eingeschlossenem Handlungsauftrag, vgl. [55]: es müssen sich weitere Analysen anschließen.
  3. Das Nomen klingt verharmlosend, beschönigend, beruhigend, vgl. [56].

Im Klartext wird die "Raumforderung" i.d.R. sich als "Krebsgeschwulst" erweisen.

7.3 Reiseprospekte

SWP (20.6.2014) nennt Beispiele. Auszüge:

"Touristisch gut erschlossen"     -  meint: Es steht Riesenhotel
                                     neben Riesenhotel und es
                                     sind Massen an
                                     Touristen zu erwarten.
"Direkt am Meer"                  -  meint: Statt am erhofften
                                     Badestrand liegt das Hotel
                                     an einer Steil-
                                     küste oder am Hafen.
"Meerseite"                       -  meint: Den Blick aufs Meer
                                     garantiert das nicht,
                                     vermutlich ist er
                                     durch andere Häuser versperrt.
"Naturbelassener Strand"          -  meint: Wahrscheinlich ein
                                     ungepflegter Strand. Mit feinem
                                     Sand kann der Urlauber nicht
                                     rechnen, eher mit Kieselsteinen,
                                     manchmal sogar mit Müll. Eventuell
                                     liegt der Strand auch im
                                     Abwasserbereich.
"Aufstrebende Gegend"             -  meint: Oft unterentwickelte
                                     Urlaubsorte, zudem mit zahlreichen
                                     Baustellen.
"Verkehrsgünstige Lage"           -  meint: Das Hotel liegt wahrscheinlich
                                     an der Hauptverkehrsstraße. Das heißt
                                     Autolärm rund um die Uhr.
"Relativ ruhig im Zentrum der Altstadt"
                                  -  meint: Die Gäste sollten am besten ein
                                     Mittagsschläfchen halten, um nachts
                                     wieder fit zu sein, wenn Leben in die
                                     Gegend kommt.
"Internationale Atmosphäre"       -  meint: Alkoholisierte aus aller Welt
                                     möchten sich lautstark amüsieren.
"Familiäre Atmosphäre"            -  meint: Die Tischnachbarn kommen im
                                     Bikini oder im Jogginganzug zum
                                     Abendessen.
"Kinderfreundliches Haus"         -  meint: Ruhebedürftige sollten sich
                                     hier nicht einquartieren.
"Neues Hotel"                     -  meint: Die Hotelanlage ist noch nicht
                                     ganz fertig, Garten oder Terrasse sind
                                     noch eine Baustelle.
"Zweckmäßig eingerichtete Unterkunft"
                                  -  meint: Das bedeutet Minimalausstattung
                                     ohne jeglichen Komfort.
"Unaufdringlicher Service"        -  meint: Die Kellner sind so unaufdringlich,
                                     dass es mit dem Essen länger 
                                     dauern kann.
"Kontinentales Frühstück"         -  meint: Auf den Tisch kommen nur Brot,
                                     Marmelade, Butter, Kaffee und Tee.
                                     Spricht der Katalog von einem "verstärkten
                                     Frühstück", dann gibt es vielleicht auch
                                     Wurst oder Käse und ein Ei.
"Beheizbarer Swimmingpool"        -  meint: Das garantiert noch lange kein
                                     warmes Wasser.

Solche Sprachregelungen sind ein gutes Trainingsfeld für Implikationen. Falsches dürfen sie nicht enthalten, denn solche Prospekttexte müssen gerichtsfest sein. Aber sie haften nicht für das, was ein Interessent über die Wortbedeutung hinaus sich unkontrolliert - und häufig falsch -zusätzlich darunter vorstellt / erträumt. - In solchen Fällen lohnt es sich ganz direkt, mit dem Unterschied zwischen "Wortbedeutung" und "übertragener / implizierter Bedeutung" arbeiten zu können.

7.4 Sport-Journalismus

Auszug aus einem Bericht über einen Bundesligaspieltag (Feb. 2016). Was jetzt gilt, interessiert in erster Linie. Aber die Zeit zuvor ist allen präsent und bildet den Hintergrund, den man kennt und vor dem sich die Gegenwart abhebt.

"Rein fußballerisch laufe es gerade bestens: 'Wir
haben jetzt mehr Ballbesitzphasen und können den
Ball auch mal länger laufen lassen', sagte der
Verteidiger. Auch atmosphärisch sei gerade alles
bestens. 'Es macht im Moment sehr viel Spaß, und
der Trainer ist da keiner, der dann die Spaßbremse
spielt.'
Damit hatte er natürlich nicht das Geringste über
die Zeit unter xyz gesagt. Oder doch?"

Hinter "oder doch?" verstecken sich die Implikationen, d.h. wie es der Mannschaft unter dem letzten, inzwischen entlassenen Trainer ging.

8. Preisverleihungen

So ist das nun mal: was man betont in der Öffentlichkeit herausstellt, hat als Kehr- und Rückseite das, was damit eben übergangen wird. Affirmation hat als Zwilling eben die Negation. Wäre nicht schlecht, dies zu bedenken, wenn man einen Sachverhalt besonders herausstellen will.

8.1 Nobelpreis

Da beklagt sich ein Jurist, warum es die Nobelpreise nur für einige wenige Sparten gibt: (SPIEGEL-online 14.10.2013):

Aber hinter der rechtlichen Abstinenz des Preis-
wesens im Allgemeinen und des Nobelpreises im
Besonderen verbirgt sich eine schwere ideelle
Kränkung: Die Existenz des Nobelpreises an sich
enthält eine Geringschätzung, geradezu eine
Schmähung rechtswissenschaftlicher Arbeit,
die jeden braven Rechtsarbeiter erbittern muss.
Einen Nobelpreis für Juristen gibt es nicht.
Nobel hatte für Juristen nicht viel übrig
Das hat im Wesentlichen zwei Ursachen. Die vorder-
gründige liegt in der Person des Stifters selbst.
Alfred Nobel hasste wenig so sehr wie Juristen,
empfand ihnen gegenüber "tiefen Ekel" und resümier-
te angewidert: "Die beste Entschuldigung für
Prostituierte ist, dass Frau Justitia eine der
Ihren ist."
Ein Nobelpreis für Juristen? Ausgeschlossen! Statt-
dessen eben Physik, Chemie, Medizin, Literatur und
Völkerverständigung. 

Weitergreifend wird kritisiert, dass mit einer Preisverleihung öfters ein Kette begonnen wird: weitere Preise werden an die selben Kandidaten verliehen. Überprüfbar und juristisch einklagbar ist ohnehin nichts. Und häufig werden 'die Falschen' ausgezeichnet. - Wozu also dieser Zirkus?

9. Poetische Einzelbeispiele

9.1 Josefsgeschichte

Wer will, kann anhand unterschiedlicher Übersetzungen in [57] anschauen: Gen 45,26d, hier wiedergegeben mit: und erkaltete sein Herz

Mit dem 'Besteck' der Alternativ-Grammatik könnte/sollte man den kurzen Satz in verschiedener Hinsicht untersuchen:

  1. offenkundig liegt übertragener Sprachgebrauch vor. Eine Arbeitsverweigerung zwischen "Er/sein" und dazugehörigem "Herzen". Vgl. [58]
  2. das Nomen /HERZ/ sollte kritisch betrachtet werden: Was wie eine selbstständig handelnde Figur genannt wird, ist genau betrachtet nur ein lebenswichtiger Teil eines lebendigen Organismus.
  3. Offenkundig eine Metapher für "Sterben".

Situation: Vater ISRAEL, seit langem überzeugt, dass sein Lieblingssohn JOSEF tot ist, erfährt, dass dieser lebt und sogar Herrscher in Ägypten ist. Diese gedankliche Wende überfordert ihn emotional.

Effekt: Gesprochen wird von körperlichem Tod, dies aber als Bild, dass die bisherige innere Einstellung zusammenbricht. Dazu gehören auch die Gefühle der Trauer, des Schmerzes. Das wird durch den sehr kurzen Satz im Text angesprochen.

Implikation: Der Minimalismus der Formulierung lässt ahnen, dass damit ein Maximalismus an Gefühlen freigesetzt werden wird: Wiederbegegnung und Freude. Das bestätigt der Text denn auch (bitte nur freigelegte Ursprungsversion verwenden!). Die dürre Formulierung wird genau das Gegenteil freisetzen: Vitalität, aber auch biografisch den nächsten Schritt (in Richtung Tod und Begräbnis).

9.1.1 Josefsgeschichte - Verführung

In Gen 39 - nachschlagbar in jeder Bibel = offizieller "Endtext" oder in [59] = gereinigte Urfassung - wird es prickelnd: der als Sklave arbeitende Diener Josef sah offenbar gut aus, was der Hausherrin gefiel. Also pirschte sie sich wiederholt an ihn heran und wollte mit ihm schlafen. Jedesmal blitzte sie aber ab - was ihren Zorn, dann auch den des Ehemanns gegen Josef entfachte; außerdem brauchte sie eine Ausrede gegenüber dem Ehemann. Mehrfache Wahrheitsverdrehungen sind im Spiel - und Josef landet im Gefängnis.

Außer der genannten Begründung - Attraktivität Josefs - bietet der Text keine. Vielleicht braucht es ja keine? Oder doch? - Besteht eine Informationslücke, die per Implikation geschlossen werden sollte? Ist die sexuelle Begierde der Frau erklärungsbedürftig? - So dachte man bald in der Textüberlieferung und verfiel auf zwei Lösungen, die sich lange gehalten haben:

  1. Der ägyptische Ehemann sei ein Eunuch gewesen. Er war also zeugungsunfähig, auch zum Geschlechtsakt unfähig. Das frustrierte natürlich die Frau auf Dauer - daher ihr gesteigertes Interesse an Josef. - Wieso der Mann als Eunuch eine Frau hatte, bleibt dabei aber unerklärt. - Der biblische Text redet von all dem nicht.
  2. Die Frau sei ein Ausbund von Vornehmheit und Bildung gewesen. Die lebenslange Beschäftigung mit geistig-religiösen Themen hatte aber den Nebeneffekt, dass elementare körperliche Bedürfnisse allzusehr unterdrückt = sublimiert wurden. Angesichts des Josef ging das nun aber nicht mehr ...
Ein späterer, 'frommer' Bearbeiter des Textes
hielt es für notwendig, dass Josef in solchen
Situationen einen Beistand erhält. Der Be-
arbeiter war überzeugt: Aus eigener Kraft heraus
hätte Josef der Frau nicht widerstehen können.
Also fügte er 3x die "Beistandsformel" ein:
"Jahwe war mit ihm". Es sind die einzigen Stellen
in der Josefsgeschichte, bei denen der spezifisch
jüdische Gottesname zum Einsatz kommt. Das zeigt
via Implikation, dass der Bearbeiter Josefs
Widerstand als übermenschlich betrachtet hatte
(war also nur mit Gottes Beistand zu leisten).
- Der originale Text, also bevor er durch Besser-
wisser entstellt wurde, kann auf derartiges
geistiges Hintergrundgetöse mit 'frommem'
Beistand verzichten.

Beide Lösungen realisierte auch Thomas Mann in seinem voluminösen Roman "Joseph und seine Brüder" - das ist ihm aber nicht vorzuhalten, es wäre vielmehr Sache der zeitgenössischen Bibelwissenschaftler gewesen, solche Zusätze sichtbar zu machen.


9.2 Ernst Jünger, "In Stahlgewittern"

Stuttgart 2014. S. 229f. - Kampfsituation aus dem Ersten Weltkrieg. Wer möchte, kann zu dem, was im Klartext erzählt wird, hinzunotieren, was mit hoher Wahrscheinlichkeit mitschwingt, aber vom Schriftsteller nicht in Worte gefasst wurde.

Die Gruppen setzten die Gewehre zusammen und
drängten sich in einen gewaltigen Trichter,
während ich mit dem Leutnant Sprenger auf dem
Rande eines kleineren saß. Schon seit einiger
Zeit waren ungefähr 100 Meter vor uns einzelne
Einschläge aufgeflammt. Ein neues Projektil
schlug in geringerer Entfernung ein; Splitter
klatschten in die Lehmwände des Trichters. Ein
Mann schrie auf und behauptete, am Fuße
getroffen zu sein. Ich rief den Leuten zu, sich
in die umliegenden Löcher zu verteilen, während
ich mit den Händen den schlammigen Stiefel des
Getroffenen nach einem Einschuß untersuchte.
Da pfiff es wieder hoch in der Luft; jeder hatte
das zusammenschnürende Gefühl: die kommt
hierher! Dann schmetterte ein betäubender, unge-
heurer Krach; -- die Granate war mitten zwischen
uns geschlagen. . . .
Halb ohnmächtig richtete ich mich auf. Aus dem
großen Trichter strahlte unsere in Brand ge-
setzte Maschinengewehrmunition ein intensives
rosa Licht. Es beleuchtete den schwelenden Qualm
des Einschlages, in dem sich schwarze Körper
wälzten und die Schatten der nach allen Seiten
auseinanderstiebenden Überlebenden. Gleich-
zeitig ertönte ein vielfaches, grauenhaftes
Gebrüll und Hilfegeschrei.
Ich will nicht verheimlichen, daß ich zunächst,
wie alle anderen, nach einem Augenblick starren
Entsetzens aufsprang und planlos in die Nacht
rannte. Erst in einem kleinen Granatloch, in
das ich kopfüber gestürzt war, wurde mir der
Vorgang klar. Nichts mehr hören und sehen! Fort,
weit weg, verkriechen! Und doch meldete sich
sofort die andere Stimme: »Mensch, du bist doch
der Kompagnieführer!« Genau so. Ich sage es
nicht, um mich zu rühmen; ich möchte eher sagen:
wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den
Verstand dazu. Ich habe an mir und anderen oft
erfahren, daß das Verantwortlichkeitsgefühl
des Führers die persönliche Angst übertäubte.
Man hatte einen Halt, etwas, an das man denken
mußte. Ich zwang mich also an den schrecklichen
Ort zurück; unterwegs stieß ich auf den Füsilier
Haller, der während meiner November-Patrouille
das Maschinengewehr erbeutet hatte, und nahm ihn
mit.
Die Verwundeten stießen noch immer ihre furcht-
baren Schreie aus. Einige kamen auf mich
zugekrochen und winselten, meine Stimme
erkennend: »Herr Leutnant! Herr Leutnant!«
Einer meiner liebsten Rekruten, dem ein Splitter
den Schenkel zerknickt hatte, klammerte sich
an meinen Beinen fest. Meinem Unvermögen zu
helfen, fluchend, klopfte ich ihm ratlos auf
die Schulter. Solche Augenblicke vergißt man
nie.
Ich mußte die Unglücklichen dem einzig über-
lebenden Krankenträger überlassen, um das
Häuflein Getreuer, das sich um mich gesammelt
hatte, aus dem gefährdeten Bereich zu führen.
Vor einer halben Stunde noch an der Spitze einer
kriegsstarken, ausgezeichneten Kompagnie, irrte
ich nun mit wenigen, seelisch vollkommen
deprimierten Leuten durch das Grabengewirre.
Ein blutjunges Milchgesicht, das vor einigen
Tagen noch, von seinen Kameraden verspottet,
beim Exerzieren der schweren Munitionskästen
wegen geweint hatte, schleppte nun diese Last,
die es aus der furchtbaren Szene gerettet hatte,
getreulich auf unserem mühsamen Wege mit. Diese
Beobachtung gab mir den Rest. Ich warf mich zu
Boden und brach in ein krampfhaftes Schluchzen
aus, während die Leute düster um mich
herumstanden.
Nachdem wir einige Stunden lang erfolglos, oft
von einschlagenden Granaten bedroht, durch
Gräben gehastet waren, in denen Schlamm und
Wasser fußhoch standen, verkrochen wir uns, zu
Tode erschöpft, in einige in die Wände
eingebaute Munitionsnischen. Mein Bursche
breitete seine Decke über mich; trotzdem konnte
ich infolge der furchtbaren Nervenerregung kein
Auge schließen und erwartete, Zigarren rauchend,
die Dämmerung.

Zur Editionsgeschichte des Werks vgl. [60]. Man kann an dem Textausschnitt auch schon ganz gut die Irritation überprüfen/nachvollziehen, die der Stil Jüngers ausgelöst hat. Eine wichtige Rolle spielt, was nicht ausgesprochen wird, und dann die Frage, warum es wohl unerwähnt bleibt.

9.3 Nagib Machfus, "Echnaton"

Zürich. 1999. S.62 - Implikationen können auch erst in Frageform vor dem geistigen Auge stehen. Im Zitat macht sich Haremhab, der Oberste der Wache des Pharao Echnaton, der - revolutionär - im polytheistischen Ägypten den Monotheismus hatte einführen wollen - um 1400 v.Chr. - seine Gedanken - erfolglos. Er nimmt einen starken Einfluss von Frau Nofretete an:

"Manchmal hielt ich sie für aufrichtig, aber
dann hatte ich auch wieder meine Zweifel. Schützte
sie den Glauben nur vor, um ihre Macht zu behaup-
ten? Ermutigte sie etwa ihren Gatten, sich ganz
und gar seiner Religion zu widmen, damit sie
allein über Land und Leute herrschen konnte?
Und welche Rolle spielte ihr Vater dabei? War
sie vielleicht nur sein Werkzeug? Die Priester
versuchten, sie vor den Folgen zu warnen, aber
sie schlug alles in den Wind. Von da an war
klar, dass die Priester sie hassten, was sich
bis auf den heutigen Tag nicht geändert hat.
In Echnaton hatten sie sich auch sehr getäuscht.
Sie glaubten, dass er schwach sei und nicht
die Kraft besitze, sich zu behaupten, Gegner
zu bekämpfen und Neues zu erschaffen. Deshalb
hielten sie seine Mutter, die Königin Teje,
für die geistige Anstifterin und Nofretete für
diejenige, die ihn in seiner Hartnäckigkeit und
Sturheit bestärkte. Aber das stimmt nicht, das
ist ganz falsch. Zweifelsohne hat sich Echnaton
all diese Spinnereien ganz allein ausgedacht." 
(65f) "Die Flamme seines gläubigen Rauschs war
nicht zu ersticken, und seine feststehende Rede-
wendung lautete: 'Mein Gott wird mich nicht
verlassen, ihr Kleingläubigen!'
Wann immer ich in dieses siegesgewisse, strah-
lende Gesicht schaute, wuchs meine Überzeugung,
dass er verrückt war. O nein, das war keine
Glaubensschlacht, wie es vielleicht nach außen
hin aussah, da tobte sich der blanke Wahnsinn
im Kopf eines Mannes aus, der bereits mit der
Aura von Abartigkeit geboren worden war."

Toto, der Minister für Korrespondenzen, schildert, wie eine Audienz beim Pharao ablief:

(87) "Ein Mann nach dem andern stellte sich
vor den Ketzer hin und erklärte, an seine
Religion zu glauben, und alles nur, um sich
im neuen Staat eine Stellung zu verschaffen.
Würdelos fielen sie vor ihm nieder und ermög-
lichten damit, dass Tücke und Arglist ihr Gift
verspritzen und das Land ruinieren konnten.
Für den Verrat dieser Männer gibt es keine
Entschuldigung, sie alle sind für die Zerstörung
verantwortlich, die über uns gekommen ist."

10. Höflichkeit

Wenn das Sprichwort sagt, im Deutschen lüge man, wenn man höflich ist, so ist - grammatisch - das Thema der "Implikationen" aufgeworfen: Was wird in einer Äusserung mitgemeint, aber nicht ausgesprochen?

10.1 Schein-Verständnis

Ein Student wird auf einer Familienfeier von
einem Bekannten gefragt, was denn seine Fach-
richtung sei. Antwort: "Behinderten-Pädagogik".
Reaktion des Fragestellers: "Solche Leute
braucht man auch!"

Noch 1 Jahr später erinnert sich der Student gekränkt an diesen Dialog - mit Recht:

  • "Solche Leute" - distanzierend wird eine ungewisse Menge von Menschen ins Spiel gebracht. Eigentlich hatte es der Sprecher mit einem konkreten Gegenüber, eben dem Studenten, zu tun. Der wird in der Replik übergangen, er wird nicht etwa gefragt nach seinem individuellen Werdegang, seinen Erfahrungen.
  • "auch" - verweist die Berufsgruppe in eine Zusatznische. Impliziert: 'Eigentlich' wichtig sind andere Berufe. Aber es wurde in den letzten Jahrzehnten eben erkannt, dass die Behinderten auch besser betreut werden sollten.

Hochnäsigkeit des Fragestellers - wohlbestallter Theologie-Prof. - und implizite Verachtung von Behinderten kommen in der Antwort zum Vorschein. Die explizite Antwort erweist sich als bemüht und scheinbar zustimmend. - Der Student hat zurecht die mitschwingende eigentliche Aussage erkannt - und war verletzt.

11. Lebensziele

Im Wortsinn und Klartext - klingt nach SEMANTIK - kann man erklären, was man im Leben erreichen will. Also wäre [61] aktiviert. Aber - die Position des jetzigen Moduls gegen Ende der PRAGMATIK zeigt es deutlich genug - es folgen noch reichlich sprachkritische Beobachtungen, Einbettungen in Kontexte, Lebensumstände. Die lockere Proklamierung eines 'Lebensziels' muss sich also mehrfach erst noch bewähren. Dann erst wird erkennbar, wie ernsthaft jene Zielformulierung gemeint gewesen war. Bisweilen täuscht man sich bzw. macht sich was vor.

11.1 Möglichkeit der Täuschung

Traum von einer Karriere als Rockstar, vgl.[62]

11.2 Ewiges Leben ?

Nichts ist so sicher wie die biologische Grenze des eigenen Lebens - möge sie allzu früh erreicht sein, oder durch medizinische Kunst noch weit hinausgeschoben werden können. - Gleichgültig, was hierzu zu sagen ist: Das Wissen um die eigene Begrenztheit hat eminente Implikationen für die eigene Lebensgestaltung, -einstellung. So erläutert es plausibel Nils Minkmar in seinem Essay in SPIEGEL 16/2017 22f. Ausschnitte:

"Jeder stirbt - diese Erkenntnis ist nicht nur der
Beginn aller Philosophie, sie steht auch am Ursprung
von Familie, Gesellschaft und der Kultur. Dass wir
auf eine gewisse Art zu leben haben, dass es wichtig
ist für Kinder und Partner zu sorgen, Vorsorge zu
treffen, Schutz zu organisieren, dass wir Werte ent-
wickeln und uns nach ihnen richten werden - all diese
Überlegungen werden nur im Wissen um den stets mögli-
chen eigenen Tod zu Verbindlichkeiten. Erst die Mög-
lichkeit des Todes, der Schrecken, der uns in die
Glieder fährt, wenn jemand plötzlich stirbt, verwan-
delt unsere vagen Tagträume darüber, wie man leben
soll, in eine To-Do-Liste. Die Brutalität und Anarchie
des Todes führt dialektisch zur Erfindung von Insti-
tutionen, zur Formulierung von Werten - so werden
wir zu sozialen Wesen, die vorsorgen, die Geschichten
erzählen und Rituale erfinden, um zu trauern, sich zu
erinnern. (...)

Was mache ich hier? - die existenzialistische Grundfrage
- wird auch dann nicht weniger drängend, wenn man die
Lebensdauer einer Riesenschildkröte erwarten darf. Daran,
dass wir Mängelwesen sind und auf Erden irgendwie nur
halb zu Hause, dass wir Kleidung, Nahrung, Wasser und
Gesellschaft brauchen, dass wir immer nur die Hälfte
verstehen und mindestens soviel zerstören, wie wir er-
richten, wird nichts besser, wenn wir open end leben.
Nach wie vor werden Menschen die Haare raufen wegen der
Zumutungen dieses seltsamen Lebens. Genau in der Ver-
zweiflung über erneutes Misslingen - wieder entlassen,
wieder verlassen, wieder verloren - sind wir nah an der
Ewigkeit: Der Ärger über die irdische Beschränktheit
und unsere ganz private Bescheuertheit vereint uns
Menschen durch alle Zeiten.
Es ist mitnichten so, dass der Tod die einzige Grenze
wäre, die wir vor uns haben. Dafür gibt es genug zu
forschen, zu organisieren, zu verbessern, denn Kinder
sterben noch an Hunger, an längst bekannten, nur unzu-
länglich behandelten Infektionen und ganz gewöhnlichen
Kriegen und Verbrechen. Und auch wenn die medizinische
Spitzenforschung, die sich einer effizienteren Erfor-
schung von Krebs und anderen lobenswerten Zielen widmet,
im Namen eines fortschrittsoptimistischen Humanismus
unbedingt zu unterstützen ist, bleibt ein Ziel ebenso
wichtig: das Leben, in das man ohne danach verlangen zu
können, geboren wurde, zu seinem eigenen zu machen.
Es wirklich zu leben und sich - so gut es geht - daran
zu freuen. Denn in solcher Lebensfreude, in Euphorie
und Zufriedenheit findet wiederum der Tod seine Grenze." 

12. Religiöse Sprache

... hat - wie alles andere auch - eine Rückseite. Zur Vorderseite hatten wir uns schon Gedanken gemacht, vgl. [63]

12.1 Roman "Leider bin ich tot"

Aus einer Besprechung de Romans "Leider bin ich tot" von D. Dath: Literatur SPIEGEL April 2016 S.14 (H. Hegemann):

"An dem Punkt, an dem sich Menschen so weit von
nicht belegbaren Dogmen und Glaubenssätzen
emanzipiert haben, dass sie allein mit sich
und der Verantwortung für ihre Existenz sind,
an dem Punkt also, an dem Gott wirklich keine
Rolle mehr für sie spielt, wollen sie logischer-
weise zurück und irgendwas Unerklärliches,
Spirituelles erfahren, das ihnen die Verant-
wortung wieder ein Stück weit abnimmt."

12.2 Festes Weltbild => Selbstisolierung

Vgl. [64] - darin das Zitat von Buchseite 425.