4.61 Juristerei und Psychologie - die Frage nach "Wahrheit und Lüge"

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

In Gerichtsprozessen wird - gesprochen; beigezogene psychologische Gutachter können sich auch nur auf Aussagen beziehen. Also sind Sprache und Kommunikation die Grundlage all dieser Klärungsprozesse. - Man kann nur hoffen, dass die jeweiligen Fachvertreter ausreichend spachanalytisch geschult sind, über das übliche Alltagswissen hinaus. Üblich heißt: übliche gymnasiale Ausbildung; üblich heißt auch, dass in den einzelnen Fächern oft keine explizite sprachliche Weiterbildung betrieben wird. Üblich heißt folglich auch, dass in den Einzelfächern häufig zu wenig deutlich bzw. zu wenig qualifiziert die sprachliche Seite von Äußerungen beschrieben wird - weil man es nicht gelernt hat.


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1. Wahrheit - Lüge

1.1 Lügner in Chefetagen

Im Oktober 2010 ging durch die Presse, dass Wissenschaftler der Stanford-Universität sprachliche Muster aufgedeckt hätten, mit denen Firmenchefs lügnerisch den Zustand ihrer Unternehmen präsentieren (z.B. bei der Vorlage der Quartalszahlen). Folgende sprachlichen Indizien gehören dazu - wir konfrontieren sie mit Abschnitten der Alternativ-Grammatik:

  • "Wir" statt "Ich": Wer es nicht wagt, die eigene Verantwortung zu betonen, also "ich" zu sagen, versteckt sich bzw. den eigentlich Verantwortlichen, hat folglich auch etwas zu verbergen. Dies weiß man bereits aus dem Kontext des "non-direktiven Gesprächs", kann aber anscheinend ganz praktisch auch auf Verlautbarungen im ökonomischen Bereich angewendet werden.
In der Alternativ-Grammatik geht es darum, sich über
den "Numerus"  (4.02422 Numerus (/ Determination ))
und seinen Zusammenhang mit dem im klaren zu sein,
was man unter "Prädikat" verstehen soll:
4.0613 Prädikat: Im Vollsinn ist ein "Prädikat" 
eine "Handlung", die einem identifizierten Subjekt
zugerechnet werden kann. Es trägt die Verantwortung
für die Handlung. Durch Eintauchen in eine unüber-
schaubare Menge - "Wir" - soll genau diese Zurechen-
barkeit verwischt werden.
  • Wertung statt Beschreibung. Zwar kann man in der Semantik, beim Wortsinn, alle möglichen Attribute einem Nomen beigeben - vgl.

"Deskription/Explikation" im Modul 4.032 Näherbeschreibung – Deskription / Explikation. Eine beliebte Masche in verschleiernden Texten ist es, anstelle von Eigenschaften Wertungen zu liefern und damit zu beeindrucken. Wird ein Befund / Nomen als "großartig, stark, unglaublich" charakterisiert, dann ist ein Leser vielleicht beeindruckt, zum Gegenstand, um den es geht, hat er aber nichts substanziell Neues erfahren.

Man sollte also auch sensibilisiert sein für das
Register AXIOLOGIE, vgl. Modul [1].
Wertungen sind keine Eigenschaften von Objekten,
sondern Einstellungen des Sprechers zu einem
Sachverhalt. Folglich sollte man sich nicht un-
nötig beeindrucken lassen, wenn es um Analyse
und Aufklärung gehen sollte.
  • (All)Gemeinplätze, wie "Jeder von uns weiß", benutzen einen distributiven Plural: eine große Menge wird erwähnt und zugleich jeder einzelne davon hervorgehoben. Dadurch werden Leser sowohl beeindruckt als auch vereinnahmt. Man kann nur wünschen, dass sie das bemerken. Neben diesem Quantitätsproblem ist auf Zahl und Art von Abstrakta zu achten.
Das Thema Numerus (vgl. 4.02421 (Numerus /) Determination und 
4.02422 Numerus (/ Determination )) war schon erwähnt worden.
Für Abstrakta sensibilisiert Modul 4.13 Abstrakta.

1.2 Sept. 2015: VW-Diesel-Skandal

Einige Impressionen eines Presse-Nutzers. Es interessiert - Thema der 'Alternativ-Grammatik' -, was kommunikativ ablief, auf das Publikum einströmte. Nach Rücktritt von Chef Winterkorn

  • wurde dessen hohe Kompetenz und Effizienz bei seinen bisherigen beruflichen Stationen gerühmt. - Dazu passt schlecht, wenn er selbst betont, dass er von der eingebauten Verschleierungs-software nichts gewusst habe;
    • das Thema "Diesel und Abgase" musste Winterkorn schon mal auf den Tisch gekommen sein, nicht nur bezüglich der USA;
    • ebenso das Durchspielen verschiedener technischer Lösungsvarianten;
    • die Zahl von 11 Mio. betroffener Fahrzeuge ist mehr als eine vernachlässigbare Nische.
  • Es erstaunt, wie nach dem Rücktritt Vertreter des Kapitals, der Gewerkschaften höchst betroffen beteuerten, dass der VW-Chef von der Motor-Manipulation nichts gewusst habe. Hatten sie so klaren Zugang zu dessen geistiger Struktur? Oder versuchen sie nichts anderes als einen letzten 'Freundschaftsdienst'? - Was als Ehrenerklärung gemeint war, hat die Rückseite, dass dem Chef Inkompetenz für seinen Betrieb, fehlendes Informiert-Sein unterstellt wurden. Die beabsichtigte Schutzerklärung entpuppt sich somit als unfreiwillige Falle. Als Außenstehender folgert man: dann war der Rücktritt allein wegen diesem 'über allem Schweben' schon überfällig.
  • Seit längerem bestehende staatliche/internationale Vorschriften zeigen, dass die Existenz solcher Programme bekannt war, auch dem VW-Chef hatte bekannt sein müssen. Die software lässt das Abgasverhalten des Motors in besserem Licht erscheinen, vgl. [2]. - Wurden etwa aus wirtschafts- und konjunkturpolitischen Interessen heraus fällige Kontrollen unterlassen? Wäre es demnach heuchlerisch, wenn hiesige Politiker sich jetzt bestürzt und überrascht zeigen? Wieviele Mitwisser der bisherigen Praxis gab es?
  • Es ist seit längerem im Gange, dass das "Lügen" vordergründig in software ausgelagert wird. Sie ist es, die die Verschleierung produziert. - Aber ein juristisch-moralischer Ausweg ist dies für niemanden: verantwortlich bleiben die Personen, die Entwicklung und Einbau der software in Auftrag gegeben hatten. Vgl. [3]
  • In überdimensionaler Form wird in solchen Beispielen verhandelt, wie das Register EPISTEMOLOGIE (vgl. [4]) aktiviert war: Wer wusste wann was? Das Modalregister der SEMANTIK - so wie die anderen auch - findet auch hoch in der PRAGMATIK sein Betätigungsfeld.

Wie auch immer: All die Einzeläußerungen ergeben kein überzeugendes Bild des Gesamtkomplexes. Vielmehr sind sie durch Schock, Emotionen und inneres Chaos diktiert. Ohne viel zu debattieren ist dabei der Rücktritt das einzig vernünftige Zeichen. Wenn der bisherige Chef Anspruch auf 28 Mio. hat - laut Presse -, ist allzugroßes Mitgefühl nicht angebracht. All das Übrige verlangt eine geduldige juristische Aufarbeitung.


2. Sprache und Psyche

2.1 Trauma und (heilende) Erzählung

aus SPIEGEL-online (11.9.2011): Terroranschläge vom 11. September 2001

"Die US-Gesellschaft hat das Trauma von 9/11 bis
heute nicht verarbeitet. Noch immer benutzt die
extreme Rechte die Attentate, um Angst zu schüren
und  ihre Agenda durchzusetzen, meint US-Schrift-
steller Adam Haslett. Amerika lebt mit einer
gigantischen Lüge. ...
Kurz gesagt, um den 11. September 2001 herum hatten
parteiische Bösartigkeit und Kraftmeierei - vor
allem seitens der Rechten - längst begonnen, wie
ein Brunnenvergifter in der amerikanischen Politik
zu wirken.
In einer anderen Epoche oder einer anderen poli-
tischen Atmosphäre hätten die Zerstörungen vom 
11. September zu rechter Zeit überwunden werden
können: Man hätte die Toten betrauert, neue Struk-
turen geschaffen und ein Denkmal errichtet. Es
hätte trotzdem eine begrenzte Invasion in Afgha-
nistan und eine fokussierte internationale
Allianz gegen al-Qaida und ihre Verbündeten geben
können. Stattdessen hat man die Ereignisse schnell
in eine bestehende politische Auseinandersetzung
integriert. ...
Die schlüssigste Weise, den 11. September zu ver-
stehen, besteht also darin, ihn nicht als Ursache
der Katastrophen zu betrachten, die folgten - zwei
Kriege, staatlich geförderte Folter, eine massive
Rezession - sondern als einen mächtigen Beschleu-
niger. Er war die Lunte am Pulverfass eines
bereits aufgeheizten innenpolitischen Konflikts.
Das Ventil einer kohärenten Geschichte
In ihrem wegweisenden Buch "Die Narben der Gewalt -
Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden"
führt die Psychiaterin Judith Herman aus, dass eine
der wenigen Möglichkeiten, wie Opfer traumatisie-
render Gewalterfahrungen ihre seelische Ausgegli-
chenheit wiederherstellen können, darin besteht,
in einer Erzählung auszuführen, was mit ihnen
passiert ist. 
Ohne das Ventil einer kohärenten Geschichte lebt
das Grauen der Gewalt fort, 
von der Psyche unverarbeitet.
Dies gilt für kollektive Gewalt ebenfalls. Herman
stellte fest, dass Soldaten nach der Rückkehr aus
dem Zweiten Weltkrieg sich in viel höherem Maße
von den Auswirkungen ihrer Erlebnisse erholen
konnten, weil sie mit einer Erfolgsgeschichte
des Sieges über die Gräuel des Nationalsozialismus
willkommen geheißen wurden. Die Soldaten, die
aus Vietnam zurückkehrten, hatten es dagegen
viel schwerer, weil die Story ihres Krieges
von einer Niederlage und von US-Gräueltaten
handelte...
Doch anstatt mit einer Erzählung aufzuwarten,
die den Zweck der Angriffe erklärte und den
Grund, warum sich die meisten US-Bürger nicht
in unmittelbarer Gefahr befanden,
verstärkte die Bush-Regierung ihre terrori-
sierende Wirkung noch, indem sie sie dazu
nutzte, noch mehr Ängste zu schüren. Man
unterstellte, dass Saddam Hussein beteiligt
war. Man behauptete, er besäße chemische und
vielleicht sogar nukleare Waffen. Die
damalige Außenministerin Condoleezza Rice
sagte im Vorfeld des Irak-Krieges, "Wir
wollen nicht, dass der rauchende Colt zu
einer pilzförmigen Wolke wird."

Wer auf die fehlende Verknüpfungslogik
hinwies, wurde als unpatriotischer
Schwächling diffamiert. Schließlich griffen
die politischen Strategien Bushs und Osama
Bin Ladens auf geradezu perverse Weise
ineinander. Die Ersatz-Cowboy-Rhetorik des
Präsidenten schürte Unmut im potentiellen
Rekrutierungsbasar der al-Qaida, während die
Drohvideos Bin Ladens Bush dabei halfen, im
Jahr 2004 seine Wahl zur zweiten Amtszeit zu
gewinnen."


2.2 Unzurechnungsfähig=psychisch krank oder Schuldfähig ?

Gerichte stehen immer wieder vor dieser Fragestellung. Im ersten Fall müssten sie ihre Tätigkeit beenden und den Angeklagten in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung überweisen, im zweiten Fall kann ein reguläres Gerichtsverfahren mit Urteil folgen, weil der Angeklagte soweit seiner Sinne mächtig ist, dass er die Verantwortung für die Taten tragen kann/muss.

Es kann aber schwierig sein, sicher nachzuweisen, dass ein Angeklagter unter Wahnvorstellungen leidet, schizophren oder paranoid ist, v.a. wenn er nicht kooperiert, vielleicht, weil er durchaus klar sieht, was die Konsequenz im einen oder anderen Fall ist. Aus einem Bericht von G. Friedrichsen (SPIEGEL 17/2012) zum Breivik-Prozess:

"Hans-Ludwig Kröber, der Berliner Forensiker, sagt
dazu: 'Nicht selten verschweigen psychotische Täter
ihre Wahnvorstellungen oder mildern sie ab, weil sie
durchaus ein Bewusstsein dafür haben, dass andere
sie für verrückt halten. Es gibt geordnete Wahnkranke,
die beim Bäcker ihre Brötchen holen, zu Hause ein
stilles Leben führen und dabei auf Hunderten von
Seiten eine Neuordnung der Welt ausarbeiten.' Wie
Breivik. Auch er hat auf 1518 Seiten, im sogenannten
Manifest, seine wirren Ideen ausgebreitet. ...
Unter anderem stellten die Psychiater fest: Breivik
glaubte zur Tatzeit, sein Leben sei in Gefahr.
Norwegische Frauen würden von Muslimen vergewaltigt,
das Volk werde angegriffen. Eine ethnische Säuberung,
ein Genozid, drohe. Und er, Breivik, sei Kommandeur
in einem Bürgerkrieg gegen die Überfremdung. Es
gelang den Gutachtern nicht herauszufinden, ob er
Stimmen hört. Er weigerte sich zu sagen, wie er mit
seinen Verbündeten kommuniziere.  Dies sei 'geheim'."

Aus Sicht der Alternativ-Grammatik kann man einiges anmerken. Das sprachlich-kognitive Interpretationssystem kann auf Problemstellen in solchen Fällen aufmerksam machen:

  1. Es liegt das Denkmuster: "Einer gegen den Rest der Welt" vor, vgl. dazu Ziff. 1.1 in 4.332 Einer gegen den Rest der Welt
  2. Andere müssen zur Entscheidung kommen, ob Fantasien, die hier eine Rolle spielen, einen nachvollziehbaren kreativ-poetischen Sinn ergeben, oder nicht. Vgl. 4.113 Übertragener Sprachgebrauch - Übergang zur gemeinten Bedeutung samt Unterpunkten.
  3. Um zu einer Entscheidung zu kommen - krank oder schuldfähig? - müssen die Inhalte = Bildwelten, die der Angeklagte argumentativ einbringt, der Wahrnehmung und vernünftigen Verarbeitung durch andere ausgesetzt werden. Anders gesagt: diese Inhalte müssen einer vernünftigen Überprüfung standhalten, also von anderen nachvollzogen werden können. Die Überprüfung wird also das Feld der Modalitäten aktivieren (allen voran: das Register EPISTEMOLOGIE, vgl. 4.08 Modalitäten – sprachliche Filter 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE und weitere) und den Weg des Dialogs (vgl. 4.12 Dialoge und Unterpunkte). Ergeben sich hierbei Blockaden, Verweigerung, sieht es danach aus, dass der Angeklagte von einer Privatwelt ausgeht, die anderen verschlossen ist und bleiben soll. Das scheint dann eine wahnhafte, krankhafte Bildwelt zu sein, die die Motivation für die Taten liefert.

Psychiater/Psychologen können in einem überwiegenden Maß nur das verwerten, was sprachlich vom Angeklagten vorliegt. Folglich sollten sie über ein ausreichend umfassendes Interpretationskonzept für Texte neben ihrer psychologischen Kompetenz verfügen. Das ist nicht sprachwissenschaftlich-spezialisiert gemeint. Aber doch wenigstens in dem Umfang, den die Alternativ-Grammatik anbietet, - und der ja noch keineswegs allgemeiner Standard ist (wie auch eine frühere Durchsicht psychologischer Fachliteratur gezeigt hat).

2.3 Verdrängtes zur Sprache bringen

S. Bode, Die vergessene Generation. Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Stuttgart 2004. S.192

"In seinem Roman 'Der menschliche Makel' zeigt Philip
Roth kenntnisreich einen traumatisierten Vietnam-
veteranen namens Les, der mit seiner Selbsthilfe-
gruppe in ein chinesisches Restaurant einkehrt:
Hier soll er lernen, sich an die Nähe von
schlitzäugigen Asiaten zu gewöhnen, ohne gewalttätig
zu werden.
   'Atmen, sagt Louie. Genau. Atmen, Les. Wenn du
nach der Suppe nicht weitermachen kannst,
gehen wir wieder. Aber die Suppe musst du
schaffen. Es ist völlig in Ordnung, wenn du das
gebratene Schweinefleisch nicht schaffst. Aber
die Suppe musst du schaffen.' Jedesmal wenn der
Kellner am Tisch Wasser nachschenkt, wird Les
von einem Grauen gepackt, für das er keine Worte
hat. Dennoch löffelt er tapfer die Suppe, ja
er nimmt sogar das Hauptgericht in Angriff. Aber 
dann passiert es. Als sich der Kellner erneut
der Gruppe nähert, wird Les von einem starken
Zittern überfallen, er springt auf, geht dem
Mann an die Gurgel. Er ist wieder im vietnamesi-
schen Dschungel..."
(214) "Fünf Jahre nach Kriegsende unternahm die
Philosophin Hannah Arendt, die den Holocaus über-
lebte, weil ihr frühzeitig die Emigration gelang,
eine Rundreise im zerstörten Deutschland. Es 
entstand ein Reisebericht, aus dem seitdem häufig
zitiert wurde. Die Bewohner der Städte beschrieb
sie wie Gestalten ohne Innenleben, wie Schatten
oder Roboter.
   Nirgends wird dieser Alptraum von Zerstörung und
   Schrecken weniger verspürt und nirgends wird
   weniger darüber gesprochen als in Deutschland.
   Überall fällt einem auf, daß es keine Reaktion
   auf das Geschehene gibt, aber es ist schwer zu
   sagen, ob es sich dabei um eine irgendwie
   absichtliche Weigerung zu trauern oder um den
   Ausdruck einer echten Gesprächsunfähigkeit handelt.
   Inmitten der Ruinen schreiben die Deutschen
   einander Ansichtskarten von den Kirchen und
   Marktplätzen, den öffentlichen Gebäuden und
   Brücken, die es gar nicht mehr gibt. Und die
   Gleichgültigkeit, mit der sie sich durch die
   Trümmer bewegen, findet ihre genaue Entsprechung
   darin, daß niemand um die Toten trauert; sie
   spiegelt sich in der Apathie wider, mit der sie
   auf das Schicksal der Flüchtlinge in ihrer Mitte
   reagieren oder  vielmehr nicht reagieren. Dieser
   allgemeine Gefühlsmangel, auf jeden Fall aber die
   offensichtliche Herzlosigkeit, die manchmal mit
   billiger Rührseligkeit kaschiert wird, ist
   jedoch nur das auffälligste äußerliche Symptom
   einer tief verwurzelten, hartnäckigen 
   und gelegentlich brutalen Weigerung, sich dem
   tatsächlichen Geschehen zu stellen und sich
   damit abzufinden.
Hannah Arendt drückte ihre Empörung, ihr Entsetzen
über die Gleichgültigkeit der Deutschen aus. Sie
sah ein Verleugnen der Zerstörung im eigenen Land,
aber auch ein Verleugnen der ungeheuren Verbrechen
der Nationalsozialisten. Es muss für die Philosophin
äußerst schmerzhaft gewesen sein, dass die Deutschen
offenbar nur sich selbst als Opfer im Blick hatten.
Wenn Hannah Arendt im Gespräch mit ehemaligen akade-
mischen Kollegen die Verbrechen von Hitler-Deutsch-
land berührte, das soviel Tod, Gewalt und Elend über
Europa gebracht hatte, wurde ihr bedeutet, dass 'die
Leidensbilanz ausgeglichen sei' - mit dem Ergebnis,
dass sie von niemandem so etwas wie ein Schuld-
bekenntnis hörte. Dass sie ihre Eindrücke in bitterem,
vorwurfsvollem Tonfall niederschrieb, ist nachvoll-
ziehbar."


3. Sprache und "Wahrheit" / "Wirklichkeit"

Weit verbreitet ist die Gleichsetzung beider Pole: Was jemand sagt, hat zu stimmen, ist so. Auf der weitgehenden Gleichsetzung von Sprache und Wirklichkeit beruhen ganz wesentlich Verlässlichkeit und Sicherheit in alltäglichen Kommunikationen, bis hin zu Vertragsabschlüssen: für die Worte des Vertragstextes, die jemand mit seinem Namen unterschreibt, bürgt der Unterzeichner mit seiner Person.

Aber: Allein der Unterschrift = Sprache traut ein Vertragspartner nicht. Die Unterschrift könnte gefälscht sein. Was tun? Absicherungen werden verlangt: Ein Ausweis, beglaubigt von der Behörde, nicht allein durch weitere Worte und Stempel, sondern auch durch ein genormtes Passbild. Vielleicht zusätzlich Kontrollfragen - 'Wann und wo sind Sie geboren?' -, oder Fingerabdrücke - die man nun wirklich nicht fälschen kann.

Das zeigt: streng genommen ist es naiv, "Sprache" und "Wahrheit/Wirklichkeit" gleichzusetzen. In Alltag und Geschäftsleben ist es bekannt, dass beides auseinanderfällt. Daher die intensive Suche nach weiteren Absicherungen.

Nur bei Humor, Ironie u.ä. merkt jeder, dass Sprache und Wirklichkeit gedanklich und praktisch zu trennen sind. Aber es merkt doch nicht jeder: manche haben keinen Sinn für Humor, sind grundsätzlich ernst, nehmen alles für bare Münze = Wirklichkeit.

3.1 Sprache = Spiel mit der Wirklichkeit

An Primaten kann man sehen, wie sie körperlich wahrnehmbar spielen. Das ist nicht einfach nur lustig und Zeitvertreib, sondern dient auch praktischen Zwecken im Überlebenskampf, den jeder zu bestehen hat:

  1. Das Spiel ist nur möglich als gemeinschaftliche Erfahrung. Indem man spielt, erlebt man sich als Teil der Gruppe - daher fühlt man sich aufgehoben, geborgen. Das dient dem Angstabbau.
  2. Im Spiel werden Fähigkeiten trainiert: man wird fitter ("survival of the fittest") - rumrennen, klettern, Haken schlagen usw. trainiert das Bewegungsrepertoire, die Reaktionsgeschwindigkeit, und gleichzeitig werden Raffinesse, Täuschungstricks entwickelt. In Fluchtsituationen kann dies überlebenswichtig sein.

Aber: Bei aller biologischen Nähe trennt die Primaten ein 'eiserner Vorhang' vom Menschen, nämlich die Sprache. Mit der Sprache hat der Mensch eine weitere Spielwiese. Darauf kann er seine Imagination sich ausbilden lassen, kann im Gegensatz zur jeweiligen Gegenwart ganz andere Welten, Szenen erschaffen - in Vergangenheit oder Zukunft. Und das Vehikel Sprache erlaubt es, diese geistigen Gebilde auch anderen mitzuteilen. Ein Effekt: Was sich ein einzelner ausgedacht und zu Papier gebracht hat, hält 900 Leute 4 Stunden lang in Spannung, veranlasst sie, sich auf diese ausgedachte Wirklichkeit einzulassen, mit den Akteuren mitzufiebern, widersprüchliche Meinungen im Konflikt aufeinanderprallen zu lassen usw. - Und anschließend gehen die 900 Theaterbesucher in ihre eigene Lebenswirklichkeit zurück.

Sprache ist nicht das einzige Medium, in dem die typisch menschliche Befähigung sich ausdrücken kann. Leonardo da Vinci hat vor gut 500 Jahren schon darauf hingewiesen, dass die Malerei eine weitere Ausdrucksform ist. Auch da wäre es genauso naiv, das, was gemalt ist, platt für die Wirklichkeit zu nehmen. Stattdessen handelt es sich immer um die Sichtweise des Malers. Objektivität gibt es in keinem Medium. Leonardo (1498), zitiert nach Umberto Eco:

"Wenn der Maler Schönheiten sehen will, die ims-
tande sind, ihn verliebt zu machen, ist er fähig
solche zu schaffen, und wenn er unheimliche Dinge
sehen will, die ihn erschrecken, oder komische
oder lächerliche oder wahrhaft mitleid-erregende,
so kann er dies als Herr und Gott tun. Und wenn
er Landschaften und Wüsteneien, schattige oder
dunkle Orte bei der Hitze schaffen will, dann
stellt er sie dar, und ebenso warme Orte in kalter
Jahreszeit. Wenn er Täler will, wenn er will, daß
sich von den Gipfeln der hohen Berge aus das weite
Land hinstreckt, und wenn er dahinter das Meer am
Horizont sehen will, dann liegt all das in
seiner Macht, und ebenso, wenn er von den tiefen
Tälern aus die hohen Berge und von den hohen Bergen
aus die tiefen Täler und Strände sehen will. Alles,
was als Wesen, als Dasein oder als Vorstellung im
Weltall da ist, hat er zuerst in seinem Kopf und
dann in seinen Händen, die sich so vor allem anderen
auszeichnen, daß sie eine ebenmäßige Harmonie, die
ein einziger Blick gleichzeitig erfassen kann so
wie die Dinge selbst"

Das Thema "Wirklichkeit und Sprache" geht somit direkt über in den Punkt: 4.66 Kunstwissenschaft, Ästhetik

3.2 Journalismus: "Knast, wenn du lügst!"

Mit dem Zitat ist in SPIEGEL 10/2015 ein langer Artikel von C. Schnibben überschrieben. Er behandelt einerseits, welche Leserreaktionen zu den Journalisten zurückkommen. Andererseits die Veränderungen, die das Verhältnis von Print- und elektronischen Medien verschieben.

Eine Passage erläutert aus der Praxis heraus schön, was wir hier theoretisch ohnehin vertreten: Wahrheit, Wirklichkeit - keiner hat direkten Zugang dazu, sondern nur einen sprachlich-geistig vermittelten. Sicher gibt es schlampig recherchierende Journalisten. Aber selbst solche, die sich große Mühe geben, können nicht abschütteln, dass sie "Wahrheit, Wirklichkeit" immer nur sprachlich gefasst weitergeben können. Das wiederum übersehen erboste, rabiate Lesermeinungen allzuoft.

"Auch wenn via Internet Journalisten und Leser oft
die gleichen Quellen haben: Trotzdem haben wir einen
Informationsvorsprung, eben weil wir - oft in großen
Teams, mit großem Aufwand - vor Ort gehen und mit
Augenzeugen reden. Wir bekommen Zugang zu Verantwort-
lichen, haben Zeit für Recherchen, können Beteiligte
sprechen, Opfer hören, Täter zur Rede stellen, um der
Wirklichkeit am Ende so nah wie möglich zu kommen.
Und: Beim SPIEGEL wird jeder Text - bevor er in Druck
geht - von der Dokumentationsabteilung auf Richtigkeit
geprüft, da sitzen 60 Experten: Mediziner, Biologen,
Historiker, Militärexperten und andere Fachleute.
   Es hilft aber nichts: Ein Teil von Ihnen hält
uns dennoch einen "Journalismus ohne Fakten" vor. ...
   Die Kritik an Journalisten der Print-Medien und der
öffentlich-rechtlichen Sender nimmt im Netz kontinu-
ierlich zu, der Zugang zu Informationsquellen, die
früher Journalisten vorbehalten waren, macht aus
Lesern Korrektoren und Nervensägen, Informanten und
Intriganten. Zusammen bilden sie eine Gegenöffentlich-
keit, die jede Redaktion ernst nehmen sollte.
   Aber wenn mir ein Leserbriefschreiber empfiehlt,
ich hätte meine Kindheit besser in einem Waisenheim
verbracht, bekommt er natürlich keine Antwort. Auch
die Unterstellung, ich hätte bewusst gefälschte Fotos
benutzt, macht keine große Lust auf einen
Meinungsaustausch. Sie verstehen sicherlich, liebe
Leserinnen und Leser, dass man als Journalist in
seiner Arbeit respektiert werden will."

3.3 "Lügenpresse", Medienmacht

Aus Interview mit Bundesrichter Thomas Fischer, STERN (25.2.2016):

Medien sollen zur Aufklärung beitragen. Aber auch sie
geraten unter Druck, verlieren Glaubwürdigkeit.
"Lügenpresse", heißt es.
Hinter dem Vorwurf der "Lügenpresse" steht ja die Behaup-
tung einer angeblich verschwiegenen Wahrheit. Und zwar
immer derselben: Es gibt zu viele Ausländer, und sie
sind an allem schuld. Der Vorwurf hat keine Substanz.
Aber auch Sie üben gern wortgewaltig Medien- und Jour-
nalistenkritik. Das Niveau, das die deutsche Presse-
landschaft biete, sei ziemlich niedrig - das ist noch
eines Ihrer netteren Urteile.
Es geht dabei um Medienmacht. Über Massenmedien
machen sich die Menschen ein Bild von der Welt.
In Zeiten des Internets aber scheint es nur noch
darum zu gehen, Sensationen zu produzieren, noch
schneller, noch lauter zu sein. Das führt nicht
zu mehr Verständnis. Was bleibt, ist Geschrei.
Welches Thema hält noch länger als zwei Tage,
manchmal zwei Stunden? Alles ist nur noch beliebig.
Jeder kommentiert, aber niemand gibt sich die
Mühe, etwas wirklich zu erklären. So verstehen
wir immer weniger, werden desorientierter, wenden
uns schließlich ab. Auch diese Entwicklung ist
demokratie-gefährdend.
Wie lautet Ihr Rat?
Vielleicht hilft es, ab und zu einfach den Schna-
bel zu halten, sich nicht im Halbstundentakt
'upzudaten', Distanz zu wahren. Das gilt für uns
alle, ganz gewiss aber für diejenigen, die als
Berufsbezeichnung 'Journalist' angeben.

4. Kunst, Meinungs- und Pressefreiheit

4.1 Frühjahr 2016: Affäre Böhmermann - Erdogan

Die Regierung gab der Staatsanwaltschaft grünes Licht, gestützt auf einen alten Strafrechtsparagrafen ("Majestätsbeleidigung"), der aber bald abgeschafft werden soll, die Ermittlungen gegen den Kabarettisten B. fortzuführen; der türkische Präsident hatte sich beleidigt gefühlt. Vgl. zu den einzelnen juristischen Etappen [5]

Nun müssten Juristen nicht nur ihres Amtes walten, sondern sozusagen zunächst eine seriöse 'Gedichtinterpretation' durchführen - das wäre nach Struktur und Kategorien durchaus ein Thema für die Alternativ-Grammatik... Daher folgendes Angebot:

Hier zunächst der beanstandete Text: [6]

Es folgt ein Entwurf, wie und mit welchen Kategorien aus Sicht der ALTERNATIV-GRAMMATIK ein solcher Text beschrieben und interpretiert werden könnte. Es bleibt Raum für eigene Versuche: von den 3 Strofen wird nur die erste genauer analysiert. Die folgenden können von LeserInnen selbst - vergleichbar oder alternativ - gesichtet werden. Vgl. [7]

Die im soeben erwähnten pdf-Text genannten Stichwörter "Sprache als Spiel", "grundsätzlich fehlende Objektivität" waren schon weiter oben behandelt worden, vgl. [8]

Was ist Satire? - Sehr gute Charakterisierung in: [9]

Mitte Mai 2016: Das Landgericht Hamburg erließ
eine einstweilige Verfügung gegen den ZDF-Moderator.
B. darf bestimmte Passagen des Gedichts nicht
wiederholen.
Kommentar: Das ist genau der Fehler, auf den
unser Text [10] hinwies:
Der Text des Kabarettisten ist als Ganzer
wahrzunehmen, die Teile haben eine Funktion auf
die gewünschte Gesamtaussage hin. Dagegen ist das
Herauspicken und Isolieren einzelner Sätze
vom Missverständnis bedroht, als enthalten sie
für sich zu beurteilende Sachaussagen,
der restliche Text könne ignoriert werden. Und
diese vermeintlichen Sachaussagen/Behauptungen/
Informationen seien justiziabel. Eine solche
Sicht auf Sprache/Text war von juristischer
Seite her zu erwarten, da sie Ausfluss der
Standardsicht ist, die im gymnasialen Bereich
immer schon den SchülerInnen vermittelt wurde -
also auch späteren JuristInnen.
Um dies zu korrigieren führten wir u.a. eine eigene
methodische Ebene ein, die
PRAGMATIK, vgl. [11],  
besser zu erfassen via Inhaltsverzeichnis, vgl. [12]
- beileibe nicht von uns erfunden, sondern in
Abgleich mit der sprachwissenschaftlichen
Diskussion.
Die PRAGMATIK leistet ein Doppeltes:
   => Weitere kommunikationsrelevante Aspekte der
      Sprache werden integriert. Es handelt
      sich bei diesen nicht um vernachlässigbare
      Spielereien (z.B. Stilfiguren).
      Wer die Unterthemen der PRAGMATIK betrachtet,
      wird schnell verstehen, dass es
      sich weiterhin um wichtige Aspekte von
      Kommunikation handelt - die Beschränkung
      allein auf die Satzebene ("Einzelaussagen")
      ist methodisch 'von gestern'.  
   => Und der Text als Ganzheit kommt in den Blick,
      seine Zielrichtung - über Einzelaussagen im
      Wortsinn hinaus.

Jedenfalls: Zum Urteil, dass der Kabarettistentext juristisch nicht zu beanstanden ist, kamen wir schon einige Monate vor den hohen Gerichten.