4.62 Bezug zur Literaturwissenschaft

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Mit "Literaturwissenschaft" ist die alte Frage nach dem Verhältnis zur "Linguistik" (=Satzgrammatik) aufgeworfen. Auch der Ruf nach einer integrierten Sprachbeschreibung.

Wenn man etwas nachdenkt, stellt sich im Kontext der Alternativ-Grammatik das Problem etwas anders. Denn bisher wurde die Literaturwissenschaft meist auch als Ersatz / Lückenbüßer für fehlende Analyse auf Textebene genommen - und musste häufig scheitern.

Mit einer Grammatik, die auch die Textebene einbezieht, ist die Literaturwissenschaft von dieser Platzhalterfunktion befreit und kann ihre eigenständigen Beiträge leisten zur historisch/kulturellen Platzierung des Einzeltextes.


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1. Einzeltext

1.1 Geschachtelte Dialoge

Das Instrumentarium, das unter 4.12 Dialoge vorgestellt worden war (inkl. Unterpunkte), kann bei jedem einzelnen Text mehrfach in Anschlag gebracht werden. Als Beispiel wird nachfolgend eine Erzählung genommen, aber die folgende Schichtung gilt bei jedem Text. Jede unterscheidbare Ebene kann als Dialog verstanden und beschrieben werden:

1 Ein leibhaftiger Autor, der in konkreten
  Umständen/Raum/Zeit lebt und arbeitet, hat den
  Text verfasst. Im Rahmen seines Lebenshorizonts
  wird der Text in geeignetem Kanal/Medium an
  bestimmte Adressaten gerichtet gewesen sein.
  Von all dem ist im Text meist nicht die Rede.
  Dennoch darf diese selbstverständliche Voraussetzung
  nicht übersehen werden, muss letztlich auch beschrieben
  werden.                              
2     Im Text agiert eine Figur, die den Text
      formuliert. Am leichtesten ist sie erkennbar, wenn im
      fiktionalen Rahmen ein Ich-Erzähler oder eine
      sonstige Erzählerfigur erwähnt wird. Wichtig: die
      Erzählerfigur - ob implizit oder explizit - hat nichts
      mit dem leibhaftigen Autor  zu tun.
      Old Shatterhand und Karl May sind zu unterscheiden
      (Jugendlichen fällt das schwer, folglich sind sie
      enttäuscht, wenn sie hören, Karl May sei nie in
      Amerika gewesen).
      Unter Umständen wird im Text auch eine Adressatfigur
      des gesamten Textes erwähnt. Bei den "Erzählungen
      von 1001 Nacht" ist es der Kalif, der ob der
      schönen Erzählungen vergisst, die Erzählerin
      Scheherazade hinzurichten. -
      Wird eine Adressatfigur nicht erwähnt,
      so ist der Weg frei, dass  ungehindert die
      Textleser die Adressaten sind.
      Wird eine Adressatfigur explizit erwähnt, so
      fühlen sich Textleser erst indirekt angesprochen
      und gemeint.
                                                                                                                               
3          Der Erzähler (implizit oder explizit) lässt
           einzelne Textfiguren auftreten und
           agieren. Von denen kann in Berichtform
           mitgeteilt werden, was sie tun
          (vgl.4.1115 Prädikat – kritisch nachgefragt)
           oder auch, was sie denken/fühlen
           (vgl. 4.08 Modalitäten – sprachliche Filter)                                                                                                
4              Alternativ können von Textfiguren
               Redebeiträge
               angeführt werden. Sie sind in zweierlei
               Form möglich:                                 
4.1                   = als direkte Rede.
                        Meist - es ist aber
                        nicht zwingend - gibt eine 
                        Redeeinleitung
                        und/oder ein Anführungszeichen
                        dem Leser das Signal, er müsse auf
                        die Ebene der direkten Rede
                        einer Textfigur umschalten.
                        Analog sind die Signale, die
                        das Ende des Redebeitrags
                        anzeigen.                                                                                                
4.2                   = der Redebeitrag der Textfigur kann
                        aber auch als indirekte Rede 
                        nur genannt sein ("er meinte,
                        dass er mit Georg wieder gut werde ...)
                        Konjunktion und Konjunktiv sind
                        Anzeiger einer solchen Realisierung.                       

Damit sind - mindestens - 4 Dialog-Ebenen bei einem Text zu unterscheiden. Auf jeder ist das Arsenal der Dialog-Einzelanalysen anwendbar. Man merkt dabei, wie komplex die Beschreibung dadurch wird. z.B. kann - nach der Beschreibung der 4 Ebenen - zur obersten zurückgekehrt und gefragt werden: Wie geht der Gesamttext mit mir, dem Leser, um? Wird mein FACE gestützt oder beschädigt? Will ein kabarettistischer Dialog mich lediglich zum Lachen bringen, oder enthält er eine Handlungsanweisung?" usw.

Texte begegnen uns aber nicht als Hierarchie, sondern linear. Die Kunst ist also, den linearen Text auf Bedeutungsseite (unter Aspekt "Dialog") auf die genannten Ebenen zu verteilen. Es kann dabei wild zugehen, so dass ein Text sich vielleicht so zeigt:

1  2  1  3  4.1  4.1  3  1  2  4.2  2  ...

1.2 Erzählstruktur des Buches Jona

Vgl. [1]

1.3 ÜBUNG: Grass - Romanzitate

Die folgenden Auszüge kann man zum Anlass für literarische Beobachtungen nehmen: Vgl. [2]

2. Poeten

2.1 Poeten poetisch über Poeten

Vgl. [3]

2.2 ... waren ursprünglich Priester

aus: H. Genzmer, Unsere Sprache. wbg 2014. S. 321:

"Doch Schrift bleibt lange ein Handwerkszeug für Eingeweihte, Priester,
Schamanen. Nur sie konnten die geheimnisvollen Zeichen interpretieren
bzw. überhaupt erkennen. Je unwissender ein Volk, umso größer die Gewalt
des Zeichencharakters der Schrift. Das älteste germanische Alphabet ist
das runische. Die Wurzel von rune bedeutet 'geheim' und 'geheimnisvoll',
das deutsche Wort raunen lässt sich daraus herleiten, ursprünglich
bedeutete es das Hersagen von Beschwörungen oder Zaubersprüchen. Das
deutsche Wort 'lesen' bedeutete seinerseits ursprünglich 'aussuchen,
wählen' (daher auch die gängige Bedeutung von 'auslesen', aber auch
'Weinlese'), denn es war der Priester, der die Runen auswählen und
interpretieren konnte. Diese Tradition des Priesters als Mittler, des
Schriftgelehrten, der zu lesen und zu interpretieren versteht, hat
sich in Judaismus, Islam und Christentum bis heute bewahrt."  

3. Gattungen

Eine "Gattung" ist ein Sammelbegriff: Aufgrund zuvor festgelegter Merkmale gehören viele Einzeldinge, -werke in eine Gattung. Per 'Gattung' kann man Weine, Arzneimittel, Pflanzen, usw. - und eben auch Texte erfassen.

Wichtig: "Gattung" ist ein Sammelbegriff, der viele "Einzel"realisierungen umfasst. Wer sich das Leben leicht machen will, redet von Gattung, wer das Leben genießen will, betrachtet, 'nimmt zu sich' eine "Einzel"realisierung. Ersteres ist eine Art Herrschaftswissen, das zweite nur verbindet mit dem realen Leben.

3.1 Reportage - Roman - Facebook/Twitter

Unterschiedliche Merkmale der einzelnen literarischen Formen. - Aus SPIEGEL-Essay 8/2013 von Dirk Kurbjuweit:

"Interessant ist, dass im Moment ziemlich viele
Leute von ihrem eigenen Dasein berichten, auf
Facebook oder Twitter. In diesen Live-Tickern aus
dem Alltag kann jeder das Gefühl ausleben, eine
große Erzählung zu sein. Bislang war dies vor allem
die Anmaßung von Leuten wie mir, Schriftstellern.
    Der Unterschied dieser Berichte in den sozialen
Netzwerken zur Reportage ist, dass sich der Blick vor
allem nach innen wendet, auf die eigene Person, nicht
nach außen. Der Unterschied zum Roman ist, dass auf
Facebook fast nur vom gelungenen Leben berichtet wird.
Nichts tut hier weh, man gibt sich munter und zeigt
ein affirmatives Verhältnis zum Geschehen. "Im
Restaurant Seeblick gewesen, schöner Abend."
Der Roman erzählt dagegen mehr von Widrigkeiten und
dem Misslingen.  ...
    Der Unterschied zur Reportage und zum Roman ist,
dass die Selbsterzählungen auf Facebook meist nicht
über sich hinausweisen. Das soll nicht heißen, dass
schlecht ist, was dort passiert, oder gar falsch.
Es ist nur eine andere Version der Wirklichkeit,
hübscher, ich-hafter, atomisiert. Im Prinzip funk-
tioniert es umgekehrt zum Roman: Der will über den
fiktionalisierten Einzelfall aus dem Leben und
Denken von vielen erzählen. Auf Facebook spiegelt
sich in den Berichten der vielen die Normalität des
Einzelnen.
    So ändert sich gerade das verschriftlichte Bild
der Wirklichkeit. Reportage und Roman behandeln eher
das Auffällige, Ereignisreiche. Die sozialen Netzwerke
berichten oft vom Alltag. Insofern sind sie realisti-
scher als das zugespitzte Dasein, das sich in Zei-
tungen, Magazinen oder Romanen präsentiert."


3.2 "Legende"

Ein Pfarrer hält eine Weihnachtspredigt, klug einen Bachschen Choral einbeziehend. Bezüglich der biblischen Weihnachtsgeschichte lässt er einmal das Stichwort "Legende" fallen. Ein Leserbriefsturm bricht los. Die Predigt schien nur noch aus dieser Gattungsbezeichnung zu bestehen, der Rest der Predigt ging weitgehend unter.

Missverständnis von Seiten des Pfarrers - das aber in
Theologenkreisen sehr weit verbreitet ist: die Eti-
kettierung eines Textes mit einer Gattungsbezeich-
nung mag insoweit richtig sein.
Aber eine Gattungsbestimmung hat mit einer
sorgfältigen Beschreibung des Einzeltextes
nichts zu tun.
Unter den protestierenden Hörern wird es solche
gegeben haben, die sich im Grunde betrogen
fühlten: man wird abgespeist mit der impliziten
Botschaft: 'nicht-historisch', man bekam aber
keine Anleitung, in den Text hineinzufinden, um
im Detail seine Aussagerichtung erläutert zu
bekommen. Eine solche Ignorierung des Einzeltextes
kann auch nicht durch abgehobene, flankierende, z.T.
philosophische Zusatzgedanken oder Überblendungen
zur Musik aufgewogen werden.