4.63 Sprache und Soziologie

Aus Alternativ-Grammatik
Wechseln zu: Navigation, Suche

Aus dem Inhalt

Sind "Sprache" und die dazugehörigen Fächer genau genommen eine Unterabteilung der "Gesellschaftswissenschaften"? - Ein solcher Gedanke dürfte manchen Philologen erschrecken. Unstrittig ist, dass "Kommunikation" die Keimzelle jeder "Gesellschaft" ist. Denn "Gesellschaft" ist nicht nur eine Ansammlung Einzelner, sondern baut sich auf über kommunikative Beziehungen, von der kleinsten Zelle (Dialog) bis hinauf zu Politik und Massenmedien.


Falls Sie sich für das Thema interessieren, klicken Sie bitte hier:


Praxis - Bitte Ihren Eintrag!

0. Nachträge zur Theorie

0.1 Verantwortlichkeit statt Lippenbekenntnisse

Nach dem Attentat auf die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" in Paris, Anfang 2015. In der ersten Ausgabe danach deutete der Leitartikel an, dass man bei den Betroffenheits- und Solidaritätsbekundungen möglicherweise sortieren muss, anknüpfend an den französischen Sprachgebrauch: "oui . . . mais". Auszüge:

Ces dernières années, nous nous sommes sentis un peu seuls,
à tenter de repousser à coups de crayon les saloperies
franches et les finasseries pseudo intellectuelles qu'on
nous jetait au visage, et au visage de nos amis qui
défendaient fermement la laïcité: islamophobes,
christianophobes, provocateurs, irresponsables, jeteurs
d'huile sur le feu, racistes, vous-l'avez-bien-cherché ...
Oui, nous condamnons le terrorisme, mais. Oui, menacer
de mort des dessinateurs, ce n'est pas bien, mais. Oui,
incendier un journal, c'est mal, mais ...
... la laïcité point final. Elle seule permet, parce
qu'elle prône l'universalisme des droits, l'exercice
de l'égalité, de la liberté, de la fraternité, de la
sororité. Elle seule permet la pleine liberté de
conscience, liberté que nient, plus ou moins
ouvertement selon leur positionnement marketing,
toutes les religions dès lors qu'elles quittent le
terrain de la stricte intimité pour descendre sur le
terrain politique. Elle seule permet, ironiquement,
aux croyants, et aux autres, de vivre en paix. Tous
ceux que prétendent défendre les musulmans en
acceptant le discours totalitaire religieux
défendent en fait leurs bourreaux. Les premières
victimes du fascisme islamique, ce sonst les
musulmans.
Les millions de personnes anonymes, toutes les
institutions, tous les chefs d'État et de
gouvernement, toutes les personnalités politiques,
intellectuelles et médiatiques, tous les
dignitaires religieux que, cette semaine, ont
proclamé "Je suis Charlie" doivent savoir que
ça veut aussi dire "Je suis la laïcité". Nous
sommes convaincus que, pour la majorité
de nos soutiens, cela va de soi. Nous laissons
les autres se démerder avec ça.

0.2 Sprache elementar für Gemeinschaft

aus: H. Hesse, Meister-Erzählungen. Frankfurt 1973. S.377, 'Knulp'

"'Denn - wie soll ich's sagen? - schau, seither
habe ich manche Freunde und Bekannte und
Kameraden und auch Liebschaften gehabt; aber
ich habe nie mehr  mich auf das Wort eines
Menschen verlassen oder mich selber durch
ein Wort gebunden. Niemals mehr. Ich habe mein
Leben gehabt, wie es mir paßte, und es hat mir
nicht an Freiheit und an Schönem gefehlt, aber
ich bin doch immer allein geblieben.' "

0.3 Sprache elementar für Gemeinschaft II

Martin Walser in einer Rede - im SPIEGEL 9/2016 auszugsweise wiedergegeben:

(130) "Ich fuhr gerade von Mainz nach Mannheim, Regio-
nalzug, im Abteil erster Klasse. Zu zweit, eine Farbi-
ge und ich. Sie hatte ein dickes Taschenbuch vor sich,
den Titel konnte ich nicht lesen. Sie las auch nicht,
sie telefonierte. Und zwar so laut, so verständlich,
dass ich dann doch mitschreiben musste. Und das war
ihre Rede: 'Dann sehen wir ja, was los ist ... Es sind
doch immer die Kollegen, die dafür sorgen ... Von mir
aus ... Das musst du selber wissen, ich lass es drauf
ankommen ... Dann glaubst du's halt nicht ... Ich habe
auch meine Erfahrung ... das ist mir echt egal.
Tschüs.' Gesprächsende.
   Diese vollkommene deutsche Redensart macht aus der
Farbigen eine Einheimische. Sie gehört dazu. Zu uns.
Wer so in der Sprache drin ist, der ist wieder daheim. 
Der Sprachkurs ist der Anfang, aber was die Wörter 
nicht bloß heißen, sondern sind, also Sprachvertrautheit,
entsteht nur durch wirkliche, gesellschaftliche, mensch-
liche Erfahrung. Die Sprache ist der Vorrat aller in
einem Land möglichen Lebensqualitäten. Wer nach dem
Kurs wieder im Lager lebt, lebt nicht hier. Da er aber
auch nicht mehr in seiner ursprünglichen Heimat lebt,
lebt er nicht, sondern vegetiert. Erst wenn ihm unsere
Sprache selbstverständlich geworden ist, lebt er men-
schenwürdig, und auch der begriffsstutzigste Rechts-
extremist kann ihn dann nicht mehr als Gefahr empfinden.
Und der Erzkonservative muss zugeben, dass er gegen
diesen Zuwanderer keine deutschen Werte verteidigen
muss. Der Zugewanderte ist kein Ausländer mehr. Er
muss seine Herkunft nicht aufgeben. Er kann sich als
der, der er ist, aufgenommen fühlen. Vielleicht geht
es ihm dann so wie mir, er findet das Wort Integration
furchtbar. Deutschland als Willkommensklasse! Das ist
unter den Rollen, die Deutschland im Welttheater ge-
spielt hat, die schönste, die allerschönste!" 


1. Unterschiedlicher Wortschatz

1.1 BRD - DDR

Auch wo im Grunde die gleiche Mutter-, Nationalsprache gesprochen wird, kann es aufgrund unterschiedlichet sozialer, politischer Bedingung zur Ausbildung unterschiedlicher Wortinventare kommen. Bezogen auf die DDR:

Aus R. Griesbeck, Der Turm von Schwafel S. 121f:

Es entstanden dumpfdröge Wichtigtuerwörter, ersonnen
von alten Männern, die die Kumpanei mit Werktätigen
und Soldaten zeigen wollten und doch nur die
'Wortgewalt' des gerade beerdigten Dritten Reichs
übernahmen. So entstanden elegante Wortschöpfungen
wie Abschnittsbevollmächtigter, antifaschistischer
Schutzwall, Freundschaftsratsvorsitzender,
Klassenfeind, revolutionäre Wachsamkeit, 
Volkseigentum, Volkspolizist, Diversant,
Kampfgruppen, Jugendweihe, fester
Klassenstandpunkt, Haus der Werktätigen,
Mobilisierung von Reserven, Reisekader
und Kombinat. Alles Wörter wie gehäkelte
Klorollen.

2. Macht

2.1 Wachsende Gesprächsunfähigkeit

Alles, was unter 4.12 Dialoge - samt Unterpunkten - als zu beachtende Merkmale eines Dialogs genannt wurde, setzt voraus, dass die Gesprächspartner einigermaßen auf Augenhöhe miteinander reden, bereit sind, auch einmal die Sicht des Anderen zu betrachten, dass sie auch eine gewissen Bereitschaft zur Selbstveränderung mitbringen.

These von M. Schmitz (SPIEGEL-Essay 35/2012) ist es, dass wachsende Macht zunehmend gesprächsunfähig macht. Gemäß dem Spruch von Lord Acton im 19. Jhd.: "Macht führt zur Korruption, und absolute Macht korrumpiert völlig." - Zu denken ist an die Bereiche Wirtschaft, Politik, Journalismus, Kirchen usw. - Auszüge:

Mächtige setzen sich über moralische Bedenken
leichter hinweg. Sie sind die besseren Lügner,
geraten dabei weniger in innere Konflikte und
empfinden keinen Stress. Wer über Macht verfügt,
versucht eher andere zu manipulieren, um daraus
persönlichen Nutzen zu ziehen. Mächtige werten
Leistungen anderer schnell ab und schreiben sich
selbst übergroße Anteile an Erfolgen zu. Sie betrachten
ihre Mitmenschen bevorzugt als Objekte, um persönliche
Interessen zu verfolgen.
    Die eigene Meinung zählt für sie generell mehr
als die Meinung anderer. Mächtige empfinden weniger
Mitgefühl. Oft hören sie gar nicht richtig hin.
Eigene Ansprüche und Bedürfnisse gelten rasch als
selbstverständlich und genießen Vorrang ...
    Mächtige verfügen über ein feines Gespür, wer
ihnen nützlich sein könnte. Sie achten bei solchen
Personen genau darauf, was diese ihnen zu bieten
haben. Ihnen gegenüber erhöhen Machtmenschen ihre
Aufmerksamkeit. Die Adressaten ihrer Gunst glauben,
es gehe um sie als Person und nicht um ein durch
sie besser erreichbares Ziel. Das wahre Motiv erkennen
sie oft erst, wenn sie die Erwartungen nicht erfüllen.
Dann reagieren die Machthaber mit Aufmerksamkeitsentzug.
    Wer es einmal nach oben geschafft hat, will von
der Macht meist nicht mehr lassen. Das Phänomen ist
in allen Parteien zu beobachten, überall sehen wir
jahrzehntelang dieselben Gesichter; sie werden nur
grauer. Auch Piraten sind nicht immun gegen die Droge
Macht. Kaum einem Politiker, der sie einmal inhaliert
hat, gelingt der Ausstieg aus der Sucht. ...
    Um zu reüssieren, müssen Politiker sich von ihren
Konkurrenten markant unterscheiden. Sie bauschen Diffe-
renzen auf, reden gegeneinander statt miteinander,
besonders vor Publikum. ...
Mit eitler Darstellungskonkurrenz vergeben sie die
Chance, durch gemeinsames Nachdenken bessere Lösungen
zu finden.
    [Gegenkonzept:] In der Wirtschaft lassen Manage-
ment-Coaches für Problemlösungen und den Umgang mit
Kontroversen eine konstruktivere Idee zirkulieren.
Um zu möglichst guten Ergebnissen zu gelangen, ermun-
tern sie Diskutanten dazu, auf den Ideen des anderen
"aufzubauen". Dessen Beiträge sollen nicht als
Vorlage missbraucht werden, sich selbst aufzuwerten
und den anderen abzuwerten. Gerungen werden soll um
kollektive Kompetenz statt um persönliches Profil.
Damit gelangen sie oft zu Lösungen, die sie sich nie
hätten vorstellen können. Voraussetzung freilich ist,
dass sie ihr Ego im Zaum halten.
    Journalisten verstehen sich als Kontrolleure der
Macht ... Kontrolle üben Journalisten nur aus, wenn
sie Machtbeziehungen aufdecken und helfen, Sachthemen
zu verstehen. Sonst tragen sie bei zur Verschleie-
rung von Macht. Und zur Verdummung, wenn sie poli-
tische Kontroversen nicht mehr ergründen, sondern
nur noch deren Protagonisten die öffentliche Arena
für saftigen Schlagabtausch bereiten. So inszenieren
sie - in einträchtiger Kollaboration - Machtkämpfe
als verblödendes Unterhaltungsspektakel.

2.2 Poesie - Politik Israels

Das 2012 von G. Grass veröffentlichte Gedicht, in dem er den damals anscheinend drohenden Atomerstschlag Israels gegen Iran zum Anlass nahm, Israel als Bedrohung für den Weltfrieden anzusehen, schlägt weiterhin Wellen - und hat die Kraft, die Regierungsebene von der der Bürger zu trennen. - Aus Spiegel 3/2013:

Merkels bedingungslose Solidarität mit Israel hat
sich nicht ausgezahlt, aber sie hat eine Distanz
entstehen lassen zu vielen Bürgern, die der Kanz-
lerin dabei nicht folgen wollen. Wie groß der
Graben ist, zeigte sich zuletzt bei der Debatte
um das Gedicht von Günter Grass, in dem er Israel
zum Aggressor im Nahen Osten machte und das Land
zur Gefahr für den Weltfrieden ausrief. Kein Poli-
tiker von Rang sprang Grass bei. CDU Generalsekre-
tär Hermann Gröhe sagte, er sei "entsetzt" über
das Gedicht, selbst Sigmar Gabriel erklärte:
"Manches ist überzogen und teils hysterisch."
Umso stürmischer war die Unterstützung der Bürger.
In den Parteizentralen stapelten sich die Briefe,
die sich über die Zurechtweisung von Grass empörten.

2.3 Unauffällige Sprache - manchmal günstiger in der Politik...

SPIEGEL-Interview (43/2013) mit der zurückgetretenen Kieler Oberbürgermeisterin Gaschke:

SPIEGEL: Aber ihr Scheitern hat auch damit zu tun,
dass Sie in der Politik Journalistin geblieben sind:
immer die ganz großen, die ganz starken Worte, mit
denen man im Journalismus gewinnt, in der Politik
aber meist verliert.
Gaschke: Das übliche Polit-Gelaber ist doch allzu
oft unerträglich.
SPIEGEL: Zu viel Wortgewalt ist in der Politik
aber mitunter unbekömmlich. Sie haben in Ihrer Ab-
schiedsrede davon gesprochen, dass Sie "Hass" aus der
Landesregierung erlebt hätten - das Wort Abneigung
hätte es auch getan. Sie haben sechsmal mit dem glei-
chen Satzanfang angehoben, als Sie erklärten, warum
Sie Albigs Verhalten falsch fanden. Es klang wie eine
Rede von Cicero vor dem Senat. Waren Sie zu sprach-
verliebt?
Gaschke: Kann schon sein. Andererseits, wenn
Leute an meiner Amtszeit etwas gelobt haben, dann,
dass ich mich immer bemüht habe, einen Gedanken nicht
in eine Floskel zu verpacken. Wenn andere Journa-
listen mir nachfolgen wollen, können sie sich ja
vorsehen.

2.4 Gewalttäter - Sprache - Ideologen

aus Interview mit Kulturwissenschaftler Theweleit in SPIEGEL 20 (2015):

SPIEGEL: Die Ideologie ist für diesen Täter-
typ ein Mittel zum Zweck, eine notwendige Bedingung,
aber keine hinreichende?
Theweleit: Unter stabilen Menschen, die in
einigermaßen gefestigten Beziehungen aufgewachsen
sind, die als Kinder in Jugendgruppen, in der
Schule, in Vereinen freundlich behandelt worden
sind, die später in fördernden Arbeits-, Freund-
schafts- und Liebesbeziehungen stehen, wird man
sehr wenige finden, die Freude an dieser Art des
Tötens finden. Dem lachenden Täter liegt immer
ein bis zu einem bestimmten Grad zerstörter, frag-
mentierter Körper zugrunde. Um diesen bedrohten
Körper zusammenzuhalten, ihm eine Ganzheit zu ver-
passen, braucht es die Einfügung in die große
Organisation, in die Überordnung.
SPIEGEL: Breiviks (N.B. Attentäter in Norwegen)
reales oder imaginäres Ritterheer ist immer mit ihm?
Theweleit: Ja. Die übergeordnete Organisation
erlaubt oder gebietet sogar das Töten, nimmt die
Schuld und die Verantwortung, ermöglicht die
Selbstdemonstration der Macht. ...
SPIEGEL: Hat der Tätertyp mit seinem gestörten
Körper, den Sie beschreiben, etwas genuin Faschisti-
sches, unabhängig von der Ideologie, in deren Zeichen
er handelt?
Theweleit: Jede Gewaltausübung, jede Lebensform,
die primär auf Gewaltausübung beruht, ob sie nun bis
zum Töten geht oder nicht, ist faschistisch. Egal ob
es sich nun um einen Sowjetkommunisten oder einen
selbst proklamierten Freiheitskämpfer im Kongo oder
einen Krieger des Kalifats handelt. Ich morde im
Auftrag des Weltproletariats? Was soll der Käse? Die
Ideologie mag für den Täter notwendig sein, nur
sollte man ihm dies nicht abnehmen. Wer eine Stunde
lang redet, um eigene Standpunkte zu beweisen und
seine Handlungen zu rechtfertigen, ist strukturell
ein Gewalttäter, unabhängig davon, was er inhaltlich
sagt. Der Gewalttäter, der soldatische Mann - ob man
ihn Faschist nennt oder anders - richtet die Welt
zu, so wie sie nach seinen Vorstellungen zugerichtet
gehört. Der Täter benutzt die Ideologie oder den
Glauben, um besser, schuldloser, mächtiger dazu-
stehen. Es gibt Leute, die suchen die gewalttätige
Auseinandersetzung, weil sie sie körperlich, psycho-
physisch brauchen. Welches Etikett sie sich
dafür aufkleben, ist wirklich schietegal. Wir kennen
das doch aus der Antifa-Bewegung. Deren Hauptinteresse
ist es oft, sich mit Neonazis zu kloppen, so wie
gewisse Fußballfans den Zusammenprall mit den 
Hooligans des gegnerischen Klubs suchen.
SPIEGEL: Jetzt banalisieren Sie die politisch oder
religiös motivierte Gewalt. Schlummert denn ein
Faschist in uns allen?
Theweleit: Nicht in uns allen, aber in vielen
von uns, besonders in vielen jüngeren Männern, so im
Alter von 15 - 35. Das war übrigens auch das Haupt-
täteralter bei den Nazis. Die Nazis haben sich immer
als junge Bewegung definiert. Der Schriftsteller
Arno Schmidt hat einmal formuliert: 'Man behüte
uns vor dem Patriarchat, aber schlimmer ist das
Juniorat.' ... richtig ist, dass junge Männer an-
fälliger für das ersatzorgiastische Erleben in der
Gruppe sind. Was mit den einzelnen jugendlichen
Körpern passiert, ist immer noch ein ziemlich
unbekannter und nur von wenigen Psychoanalytikern
bearbeiteter Bereich. Tatsächlich ist es ein Alter,
in dem die Jugendlichen besonders suizidgefährdet
sind. Viele erleben eine Zeit der Bodenlosigkeit.
Gleichzeitig mit den pubertären Verunsicherungen
wächst die Heldenideologie, das Bedürfnis, grandios
zu sein. ...
Für jemanden, der gelernt hat, damit umzugehen, kann
Ohnmacht ein gutes Gefühl sein. Wenn man die eigene
gesellschaftliche Ohnmacht und Begrenzung erkennt,
verlangt man nicht dauernd von sich, der Held, der
Größte, der Alles-Erklärer zu sein. Diese Zurück-
nahme des eigenen Selbst ist ein guter Einstieg,
um andere Menschen wahrzunehmen und für sich selbst
den Spannungsausgleich zu finden. Wer Fantasien der
eigenen Größe pflegt, hat immer Schwierigkeiten,
die anderen einzubeziehen. Selbstheroisierung ist
ausschließend.
SPIEGEL: Das Gefühl der Ohnmacht hat auch eine
zerstörerische Seite. Sie bedroht das ihr ausge-
setzte Individuum mit Auflösung und Zerfall. Schlägt
sie dann nicht häufig in rasende Wut um?
Theweleit: Aus der Ohnmacht und der Unsicherheit
kann ein Angstschwall aufsteigen. Ein scheinbar
nichtiger Anlass kann dann reichen, um destruktive
Kräfte freizusetzen - man wird angegriffen, vielleicht
auch nur angemotzt oder angemacht, und das mühsam auf-
rechterhaltene Gerüst des Selbst zerfällt. Die
Zerfallsangst, diese wirklich körperliche, physische
Zerfallsangst, überwältigt ihn. 

2.41 Luther - Ideologisierung des Christlichen

aus: E. Drewermann, "Luther wollte mehr". Der Reformator und sein Glaube. Im Gespräch mit Jürgen Hoeren. Freiburg i.B. 2016.

(291f) "Sie müssen nur die Kaiser-Wilhelm-Gedächt-
niskirche in Berlin besuchen und dort am Ku-Damm
die Tafeln lesen, die sich der Zerstörung durch die
Bombenangriffe entzogen haben. Da sehen Sie Kaiser
Wilhelm und Kanzler Bismarck 1871 bei dem mutwillig
vom Zaun gebrochenen Krieg zur Einheit Deutschlands,
der viele Franzosen das Leben kostete. Kaiser Wilhelm
wollte sich zum Triumph in Versailles zum Kaiser
krönen lassen. Da also finden Sie den werdenden deut-
schen Kaiser in der Position des leidenden Christus
am Ölberg. Wenn eine solche Darstellung möglich ist
im protestantischen Deutschland, im Kaiserreich, um
dem gläubigen Volk darzutun, dass der Kaiser mit sei-
nem Sieg über Frankreich ein notleidender Christus
am Ölberg ist, dann ist eine derartige Ideologisierung
des Christlichen kaum noch zu widerlegen. Dann befin-
den wir uns geistig in einer Gummizelle, in der wir
uns im Kreise drehen.
(318) Man hat aus dem Luthertum eine Ideologie der
politischen Herrschaft gemacht, mit enormer Tragweite,
wie wir im 20. Jahrhundert lernen mussten. Man hat
aus dem Luthertum eine neue Art dogmatischer Rechtha-
berei gemacht, - man hatte halt den gnädigen Gott, den
die Katholiken nicht haben; man hatte nicht die Werke-
gerechtigkeit, woran die Katholiken glauben. Dafür
hatte man nicht die Muttergottes, die die Katholiken
haben, nur weil sie abergläubisch sind und die große
Göttin in Ephesus verehren unter dem Mantel der Mutter-
gottes. Man hat es protestantischerseits also besser,
man hat auch nicht die papistische Außenlenkung."

2.42 "Ziviler Widerstand"

Vgl. [1] - darin die Zitate von der Buchseite 383

2.5 "Sprache" = "Tat": Beispiel Hetzparolen

Jetzt, gegen Ende unserer Grammatikkonzeption, kann man nicht mehr "nur" von Sprache reden, der das real gelebte Leben gegenüberstehe. Sondern die PRAGMATIK macht deutlich, dass Sprache Auswirkungen im gelebten Leben zwingend folgen lässt.

  • allenfalls bei der Ausdrucks-SYNTAX konnte man "Sprache" noch als Buchstaben-, Silben-, Wortgeklingel abtun, - wenn man schon die Funktion solcher Figuren im Text näher betrachten wollte;
  • bei der SEMANTIK, die logische Struktur der Wortbedeutung untersuchend, konnte man auch noch einen abgehobenen Eindruck gewinnen: ist das alles nicht eine folgenlose Vergabe esoterischer Begriffe?
  • Jetzt - spätestens - sind solche Verdrängungen und Bagatellisierungen nicht mehr möglich. Es wird in der PRAGMATIK sichtbar, dass Sprache ins reale Leben eingreift, Bestandteil der Gestaltung dort ist.

Das musste auch einer erfahren, der glaubte, Hetzparolen im Internet streuen zu können: [2]. - Aber auch abgesehen von solch spektakulären Fällen: Kunstvolle Sprache verändert mein leiblich-seelisches Befinden, u.U. mein soziales Verhalten, gibt mir bisweilen eine neue Lebensperspektive. Wenn das nicht eine Veränderung im realen Leben darstellt!

2.6 Krieg und Sprachfähigkeit

S. Bode, Die vergessene Generation. Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Stuttgart 2004

(198) "Was der Erste Weltkrieg in ihrem Vater
anrichtete, machte die englische Schriftstellerin
Doris Lessing deutlich, indem sie seinen Erzählstil
analysierte. 'Seine Erinnerungen an Kindheit und
Jugend blieben flüssig. Neues kam hinzu, sie wuchsen
wie lebendige Erinnerungen es tun. Doch seine
Erinnerungen an den Krieg waren zu Geschichten
geronnen, die er wieder und wieder erzählte, mit
denselben Worten und Gesten, stereotype Phrasen ...
Für diese dunkle Region in ihm, wo das Schicksal
herrschte, wo nichts galt außer dem Schrecken, gab
es nur undeutliche Ausdrucksformen, kurze, bittere
Ausbrüche von Wut, Unglauben, Verrat.'
   Lessings Vater glaubte, dass er großes Glück gehabt
hatte, weil er im Schützengraben nur ein Bein verlor,
während alle anderen Männer seiner Kompanie umgekommen
waren."
(201) "Auf einer Tagung, die stattfand, während die
Amerikaner Bomben in Afghanistan abwarfen, trat plötz-
lich im Plenum ein weißhaariger Mann auf, der das
pure Entsetzen verkörperte. Er stand da, am ganzen
Körper zitternd, und brachte, sich ständig wiederho-
lend, seine Fassungslosigkeit über das 'Flächenbom-
bardement der Amerikaner' zum Ausdruck.
   Immer wieder sprach er vom 'Flächenbombardement in
Afghanistan'; er konnte sich von dem Begriff gar nicht
mehr lösen - obwohl afghanische Städte davon überhaupt
nicht betroffen waren. Aber seine Stadt hatte es
getroffen, als er mit 14 Jahren Flakhelfer gewesen
war. Schließlich gelang es ihm, unter großen Mühen
zu erzählen, daß er nach einem 'Flächenbombardement
der Amerikaner' einem 'Schnellkommando' zugeteilt
worden sei, das Massen von Leichen aus einem zerbombten
Stadtteil bergen musste. Tagelang.
   Seine Frau erzählte mir später, ihr Mann habe bis
zum Angriff auf Afghanistan keine Probleme mit seinen
Kriegserfahrungen gehabt. Es war das erste Mal, dass
ich einen Menschen erlebte, der von seinem alten
Trauma eingeholt wurde. 

2.7 Populismus

... - und zwar gleichgültig ob auf dem linken oder dem rechten politischen Spektrum - hat nach J-W Müller (Besprechung von dessen Buch von 2016 in SWP) die gleichen Merkmale, ist "immer antipluralistisch und damit im Kern auch antidemokratisch", denn die Populisten beanspruchen, den "wahren Volkswillen" zu repräsentieren.

2.8 Derber Wahlkampfauftritt: Trump

Vgl. [3] - Bezogen auf den Gesamtauftritt des Bewerbers lassen sich an dem Artikel viele Einzelpunkte der Alternativ-Grammatik wiedererkennen. Beispiele:

  • Wie - semantisch:direkt, pragmatisch:indirekt - wird gewertet? Vgl. [4]
  • Welche Sprachbilder fließen ein - mit welchem Ziel? Vgl. [5]
  • Welche Aussagekraft haben die körpersprachlichen Signale? Vgl. [6]
  • Besteht die Haupt'botschaft' in einer "Projektion" = Selbstverherrlichung des aktuellen Sprechers? Wobei rational-argumentativ keine vernünftig-kontrollierbare "Aussage" enthalten ist? Vgl. [7]
  • . . .

3. Politisch korrekte Sprache?

Anfang 2013 tobte in der Tübinger Lokalpresse ein heftiger Leserbriefstreit, ob man weiterhin das Gebäck "Mohrenkopf" anbieten dürfe. Wird dabei nicht eine Menschengruppe diffamiert, womöglich mit Anleihe aus der Kolonialzeit? Sollte also nicht eine unverfängliche Ersatzbezeichnung eingeführt werden? Etwa - so ein ironischer Vorschlag - "Schaumgebäck mit Migrationshintergrund"? - Im Schwäbischen alteingeführt ist die Gebäckbezeichnung: "Nonnenfürze". Ist das auch politisch inkorrekt? Man konnte auch schon "Jesuitendärme" essen. Toben sich da antikirchliche Affekte aus?

Wer sich ans sprachliche Saubermachen wagt - welches sind seine Kriterien? Wie dauerhaft und abgesichert sind die Neubildungen? Wie kreativ bzw. wie langweilig wird dann die Sprache? Wie steht es nicht nur mit der Humorlosigkeit, - sondern es könnte auch sein, dass die, die man zu schützen vorgibt, unterschätzt werden.

3.1 Trottelsprache?

SPIEGEL ONLINE Januar 2013: aus einer Kolumne von J. Fleischhauer:

Erst "Pippi Langstrumpf", jetzt die "Kleine Hexe": Nach
den Schulbüchern werden die Kinderbücher politisch
korrekt umgeschrieben. Die Frage ist: Wer soll hier
eigentlich vor wem geschützt werden?
Darf man eigentlich noch Eskimo sagen? Sprachwissen-
schaftler haben herausgefunden, dass Eskimo von einem
Wort abstammt, das übersetzt so viel wie "Rohfleischesser"
bedeutet. So will man natürlich niemanden bezeichnen,
schon gar nicht in Zeiten, in denen der Genuss rohen
Fleisches über gesundheitliche Gründe hinaus als
hochbedenklich gilt. Deshalb wäre mein Ratschlag an
alle, die sich zu den aufgeklärten Zeitgenossen zählen:
Reden Sie lieber von Inuit, Einzahl Inuk. So wird es
auch in den Schulen gelehrt, so steht es in den
Zeitungen.
Inzwischen ist man sich weitgehend einig, dass die
Sache mit dem Rohfleisch Unsinn ist.
Vermutlich leitet sich Eskimo von einem Wort ab,
das "Schneeschuhflechter" bedeutet.
Die kanadische Anthropologin José Mailhot glaubt,
dass Eskimo einfach heißt: "Menschen,
die eine andere Sprache sprechen." Man sieht,
die Linguistik hat sich wirklich ernsthaft
mit dem Problem auseinandergesetzt. Aber das
alles ändert nichts daran, dass vom
Gebrauch nur abgeraten werden kann. Eskimo ist
out. Man sagt schließlich auch nicht mehr
Indianer, wenn man von den Ureinwohnern
Amerikas redet (kleiner Tipp: Es heißt 
indigene Völker!).
Man kann bei dem Thema gar nicht vorsichtig
genug sein. Auf Unworte folgen leicht
Untaten, das wusste schließlich schon der
ehemalige Bundespräsident Johannes Rau.
Der Thienemann-Verlag hat jetzt beschlossen,
"Die kleine Hexe" von verfänglichen
Wörtern zu säubern. In einer Szene, in der
sich Kinder als Türke, Chinesenmädchen
und "Neger" verkleiden, wie es dort noch
unbedacht heißt, sollen nach der
Überarbeitung andere Verkleidungen stehen. ...
Man soll niemanden beleidigen oder kränken.
Eine Rücksichtnahme auf die
Empfindlichkeiten anderer gehört zu den
guten Umgangsformen. Die Frage ist nur: Wer
wird hier vor wem geschützt? Oft reicht
schon der Verdacht, jemand könnte sich in
seinen Gefühlen verletzt fühlen, um zu
einer Sprachbereinigung zu schreiten. Es ist
die vorauseilende Entschuldigungsbereitschaft,
die das politische Lektorat vom
Ernsthaften ins Lächerliche führt.
Ich zum Beispiel habe noch nie einen
Schwarzen getroffen, der daran Anstoß genommen
hätte, dass in Deutschland über Jahrzehnte
die berühmten Negerküsse und Mohrenköpfe
verkauft wurden. Das mag daran liegen,
dass ich die falschen Schwarzen kenne. Aber
vielleicht ergeht es den Leuten, die ich
treffe, auch einfach wie den Berlinern,
denen es herzlich egal ist, wie die
entsprechenden Krapfen heißen. Vermutlich
leben in Deutschland auch nicht sehr viele
Inuit, die es als Kränkung empfänden, wenn wir 
weiterhin von Eskimos sprechen würden.  ...
Man kommt schnell in Untiefen, wenn man sich
auch sprachpolitisch als Kosmopolit
erweisen will. Niemand fliegt heute mehr nach
Bombay. Alle Welt reist stattdessen
nach Mumbai, so steht es in den Reiseführern,
so listet die Lufthansa die indische
Metropole in ihren Flugplänen auf. Leider
ist Mumbai keine Erfindung indischer
Freiheitskämpfer, die nachträglich das
koloniale Erbe abschütteln wollen, sondern
ein Begriff der Hindu-Nationalisten, die
mit dieser Umbenennung ihren Machtanspruch 
gegen die Muslime demonstrieren.
Je weiter man vordringt, desto komplizierter
wird es. Der "Zentralrat Deutscher Sinti
und Roma" findet es beleidigend, wenn man
von Zigeunern spricht, deshalb hat sich in
Deutschland im offiziellen Sprachgebrauch
"Sinti und Roma" eingebürgert. Die "Sinti
Allianz" in Köln wiederum plädiert für die
Beibehaltung des alten Begriffs, weil das
nun einmal über Hunderte von Jahren die
herkömmliche Bezeichnung war. Außerdem sind
die Roma zwar die größte Gruppe der Zigeuner,
aber beileibe nicht die  einzige. ...
Kaum ist ein neuer Begriff gefunden, vergeht
etwas Zeit, bis auch dieser als
abwertend empfunden wird. Die beklagte
Benachteiligung oder Zurücksetzung einer
Minderheit ändert sich ja noch nicht dadurch,
dass man anders über sie spricht.
So wird die "Euphemismus-Tretmühle" in Gang
gesetzt, wie der amerikanische
Harvardprofessor Steven Pinker diesen Vorgang
genannt hat. Auf Ausländer folgt Migrant,
auf Migrant der Mensch mit Migrations-
hintergrund. Wenn auch das pejorativ
klingt, wendet man sich der anderen Seite
zu und spricht von Pass- beziehungsweise
Bio-Deutschen. Irgendwann ist man bei
der Trottelsprache. Dann ist der Behinderte 
nicht mehr behindert, sondern
"anders befähigt" beziehungsweise ein
"Mensch mit anderen Bedürfnissen".
...Wer Minderheiten in Sprachwatte packt,
weil sie angeblich so kränkungsempfindlich
sind, kann sich offenbar nicht vorstellen,
dass Stolz und Selbstbewusstsein dort groß
genug sein könnten, um über ein paar Worte
in einem Kinderbuch hinwegzusehen. Diese
Geisteshaltung ist dem Neokolonialismus in
jedem Fall sehr viel verwandter als dem
vielbeschworenen Ideal der Emanzipation.

3.2 Selbstverständnis politischer Parteien

Im engeren Sinn - 2016 - das von CDU und CSU. Vgl. den folgenden Beitrag, den wir nicht sarkastisch einschätzen, sondern bedenkenswert rational: [8]

3.3 "Demokratie" = Sich-Einmischen

Die Kolumne - vgl. [9] - thematisiert hoch in der Pragmatik das Register INITIATIVE - vgl. [10] -, um zum Handeln, zum politischen Engagement zu stimulieren ("kausativ")

3.4 Merkel und Trump

Das im Artikel gebotene Referat + Analyse zeigt sehr schön, wie unserer Methodengliederung in praktischer Politikreflexion geboten sein kann:

  • Bestimmte Aussagen werden wiederholt geboten (Ausdrucks-SYNTAX)
  • Sätze in Wortbedeutung interessieren, die somit tatsächlich geäussert worden waren = SEMANTIK.
  • Dann aber auch die Frage, was gemeint ist = PRAGMATIK (samt Folgepunkten)
  • Die Sprechsituation will mitbedacht sein (Bierzelt).
  • Ein fruchtbarer Dialog war demnach mit Trump nicht möglich gewesen.
  • Welchen indirekten Sprechakt kann man bei Merkel heraushören?
  • Diese Kommunikationserfahrung wird zu einem veränderten Politikverständnis führen.

Vgl. [11] Jedenfalls griff die internationale Presse den Sinngehalt und die Wirkung dieser Sätze gezielt und begierig auf.

4. Sprache und Religion

Man muss nicht auf dogmatische Inhalte/Unterschiede von Buch-Religionen achten, sondern kann zunächst nur ihr Verhältnis zu ihren Basisschriften analysieren - Unterschiede springen schnell ins Auge.

4.1 Islam <-> Christentum

Aus: S. Gouguenheim, Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel. Darmstadt 2011. S. 167

"Im Mittelalter standen sich also auch in diesem
Punkt zwei Zivilisationen gegenüber. Die eine verknüpf-
te ihr griechisches Erbe mit der Botschaft der Evan-
gelien; ihr wissenschaftliches Denken knüpfte an das
Altgriechische an und wurzelt in einer religiösen
Tradition, zu deren Wächter sich die Kirche aufschwang.
Die andere Zivilisation war aus dem Buch Gottes,
dem unerschaffenen Buch, entstanden und engstens an
den Koran als seine zentrale Achse gebunden: Alles,
was sich in Zeit und Raum abspielte, wurde auf den
Ausgangspunkt der ewig gültigen Koransuren zurückge-
führt.
    Die christliche Offenbarung ist das Fleisch
gewordene Wort Gottes ('Am Anfang war das Wort, und
das Wort war bei Gott...') und erreicht uns in Texten,
die Geschichten erzählen (Altes und Neues
Testament). Aus dieser Bedeutung von Diskurs und
Bericht, von Wort und Geist entstand die Notwendigkeit
zu begreifen und nicht nur zu gehorchen und zu glauben.
Diese Offenbarung muss ebenso entziffert werden, wie
der Geist vom Buchstaben getrennt werden muss. In der
geistigen Struktur des christlichen Glaubens verbindet
sich das Erbe von Athen und von Jerusalem, aus dem
nach und nach das abendländische Wissen entstand."

4.2 Islam <-> ???

Eine notwendige, zugleich aber komplexe Aufgabe für Soziologen ist es, die Vorgänge zu beschreiben, die - Momentaufnahme April 2015 und schon einige Jahre zuvor - im islamischen Bereich ablaufen. Man denke an Syrien, Irak, Thema "IS" = Islamischer Staat, Huthi-Rebellen im Jemen und anderswo, Boko Haram in Afrika, Flüchtlinge, die via Libyen übers Meer nach Europa gelangen wollen, vereinzelt unter dem "IS"-Deckmantel Attentate in Europa. In Paris sollten zwei Kirchen attackiert werden - konnte per Zufall vereitelt werden.

Das sieht nach flächendeckendem Aufruhr, innerislamischer Gärung aus. Gewalt in vielen Formen, nach innen, wie nach außen gerichtet. Es wäre wichtig zu verstehen, wie das Denksystem "Islam", zugleich aber die eingeschliffene Religionspraxis, sich bedroht fühlen und um sich schlagen. Im Kontakt mit der Moderne (Kommunikationsmittel, Meinungsfreiheit in anderen Ländern, Gleichberechtigung der Geschlechter) scheinen die Grundpfeiler der eigenen Lebenseinstellung ins Wanken zu kommen. Die Alternative drängt sich zwangsläufig auf: Sich Ändern oder mit exzessiver Gewalt am Bisherigen festhalten. In diesem Zusammenhang muss man auch noch klären, wie zu Gewalt das islamische Grundbekenntnis passt zu "Allah, dem Allerbarmer".

4.3 Burka-Verbot? - Diskussion (2016)

Soziologische Großsysteme - "Christentum, Islam usw." - haben jeweils natürlich Merkmale, die sie von den anderen, vergleichbaren Großsystemen unterscheiden, trennen. Bei Staaten ist dies nicht anders. Nicht immer trennt die 'Sprache', aber aufgrund entsprechender geschichtlicher Entwicklungen ist es die jeweilige Verfassung, in der sich die jeweilige Menschengruppe definiert, klarlegt, in welchem Verständnis sie sich selber, ihr Rechtssystem sieht und ihr Verhältnis zu den Nachbarn gestalten will.

Die Verfassung ist entscheidend, nicht - so derzeit wieder aus Bayern zu hören, für frühere Jahrhunderte oft auch geltend: die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion - 'christlich-abendländische Gesellschaft' - um etwa 'Andersgläubige' fernhalten zu können. Eine solche Aussage passt einerseits nicht zum Grundgesetz der BRD.

Sie verkennt aber auch das Wesen der Demokratie, die auf freiem Meinungsaustausch und auf dieser Basis der Bildung von Beschlüssen für alle basiert. Man könnte auch sagen: Basis ist freie Kommunikation.

Unsere Grammatikkonzeption einbeziehend, v.a. auch, was wir unter Pragmatik verstehen: Kommunikation ist vielschichtig und verlangt auch, dass der K-Partner möglichst umfassend wahrnehmbar ist. Das Gesicht und seine Mimik ist dabei ganz wesentlich. Die Burka als Verhinderung dieses Kommunikationsaspektes passt somit nicht in eine demokratisch verfasste Gesellschaft. (Wie erläutert: mit 'Religion' hat dies noch gar nichts zu tun).

5. Kulturen

5.1 Kant und Königsberg

"Man könnte das Königsberg des 18, Jahrhunderts
zumindest insofern als 'multikulturell' bezeichnen,
als sich seine Einwohnerschaft aus Angehörigen ver-
schiedener Nationalitäten zusammensetzte. Abgesehen
von einem großen Kontingent von Litauern und
anderen Bewohnern des Baltikums gab es in Königsberg
Mennoniten, die im 16. Jahrhundert aus den Nieder-
landen hierher gekommen waren, sowie Hugenotten, die
in der Stadt Zuflucht gefunden hatten. Sie sprachen
untereinander immer noch Französisch, gingen in ihre
eigene Kirche und besaßen ihre eigenen Institutionen
und Geschäfte. Es gab viele Polen, einige Russen und
zahlreiche Menschen aus anderen Ländern des Ostsee-
raums; die Stadt beherbergte eine bedeutende jüdische
Gemeinde sowie eine Reihe von holländischen und engli-
schen Kaufleuten. Die Gruppen bewahrten weitgehend
ihre eigenen Bräuche und Traditionen.
Vermutlich gab es zwischen ihnen nicht allzu viel
Verkehr, aber die Tatsache, daß sie in enger Nachbar-
schaft wohnten und zumindest geschäftlich miteinander
umgehen mußten, ist nicht ohne Bedeutung." 
M. Kühn, Kant. Eine Biografie. München 2003. S.78.

6. Biografie

6.1 Kann man lernen aus einer solchen?

"Aus dem Leben Kants können wir ebensoviel lernen wie
aus den Lebensgeschichten anderer Gestalten des 18.
Jahrhunderts - ich denke an Benjamin Franklin, David
Hume, Friedrich den Großen, Katharina die Große -,
deren Lebensgang mit dem Leben Kants auf verwickelte
und manchmal auch nicht so verwickelte Weise verfloch-
ten war. Ja, aus Kants Biographie können wir mindestens
ebensoviel lernen wie aus der Biographie jeder bekannten
Persönlichkeit. Vielleicht können wir aus ihr sogar
noch mehr lernen, weil Kants Charakter, wie sich
zeigen wird, ganz bewußt seine eigene Schöpfung sein
sollte. Mit Montaigne und seinen stoischen Vorgängern
war er sich darüber einig, daß es 'unsere Pflicht ist,
nicht Bücher, sondern einen Charakter zu entwerfen
und nicht Schlachten und Provinzen, sondern Ordnung
und Ruhe in unserem Verhalten zu gewinnen. Unser
großes und ruhmreiches Meisterwerk besteht darin,
angemessen zu leben.' Ob Kant sein Leben 'angemessen'
geführt hat, ist eine offene Frage, und das macht
sein Leben faszinierend für jeden, der der Meinung ist,
daß Philosophie einen wichtigen Beitrag zum Verständnis
unseres Lebens zu leisten hat."
M. Kühn, Kant. Eine Biografie. München 2003. S.38.