4.64 Religion/Theologie und Geschichtswissenschaft

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Judentum, Christentum, Islam werden als "Buchreligionen" bezeichnet, da sie auf Grunddokumente zurückgehen, die offenbart worden seien. - Die damit verbundenen Fragen sind zahlreich und können hier nicht aufgegriffen werden.

Lediglich ein Punkt sei angerissen, zumal er auch heute noch Glaubensgemeinschaften spaltet: Wie "nah" oder "fern" kann/darf eine Lektüre der alten Texte sein? - Die Sprechakttheorie aus ID 4.09 wirkt nach, vgl. [1]. - Werden Gläubige verpflichtet, nichts als die Wortbedeutung zu akzeptieren? Weil nur so die Grenzen der jeweiligen Glaubensgemeinschaft gewahrt werden können? - Oder ist es möglich/erlaubt, die gemeinte Bedeutung sichtbar zu machen - was dann u.U. grenz- / fächerübergreifende Gemeinsamkeiten sichtbar machen könnte (was dann Institutionsvertreter oft nicht so sehr freut)?

Aber "Sprechen" soll nicht verengt werden auf Buchstaben. Man kann auch mit anderen Ausdrucksformen sprechen, z.B. Musik, bildende Kunst.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Erfahrung <=> Sprache

aus: G.Ruge, Unterwegs. Politische Erinnerungen. Freiburg i.B. 2015. S.7:

"Wer einen Monat in China ist, schreibt ein Buch.
Wer ein Jahr in China ist, schreibt einen Artikel.
Wer zehn Jahre in China ist, schreibt eine Postkarte,
denn er weiß nun, dass er mehr von diesem Land nicht
verstanden hat."

0.2 Heinrich Heine

aus: Tilch, Kruse, Heine für Boshafte, insel-tb 2008:

(18) "Aber es kommt die Zeit, wo der deutsche Michel einsehen
wird, daß die Religionsinteressen ein Landesunglück
sind, und daß es heilsam wäre wenn sie sammt und sonders
im Indifferentismus ersöffen. Dann gäbe es keine katho-
lischen und protestantischen Deutschländer mehr, sondern
ein ganzes, großes, freyes Deutschland!"

0.3 "Wahrheit"

... auch wenn sie Attribute mitschleppt wie "alleinseligmachende", "einzige", "einzig gültige" usw. ist als Bedeutung zunächst mal ein Abstraktum, vgl. [2]. Das Abstraktum klingt zwar hochgeistig, aber letztlich dient es - gedanklich schlicht - dazu, die Weltsicht zu vereinfachen, in - etwas sarkastisch gesagt - übersichtliche zwei Teile zu trennen:

  • "Wahrheit" - ihr steht die "Unwahrheit" gegenüber
  • wir "Wahrheitsbesitzer" stehen der Front der "Verblendeten" gegenüber
  • zwischen "uns" und den "Anderen" besteht ein unüberbrückbarer Graben
  • die "Anderen" müssen durch gewaltsames Eingreifen zur "Wahrheit, zum Heil" geführt werden - entweder durch Missionierung oder durch Religionskrieg
  • wer von den "Anderen" nicht zu bekehren ist, den 'hole der Teufel', 'dabei helfen wir gerne nach', jedenfalls sind das keine Menschen im Vollsinne, usw.

Treffen Vertreter unterschiedlicher Religionen aufeinander, jeder mit seinem eigenen, absoluten Wahrheitsanspruch, wird es schwierig. Ist dabei noch Toleranz möglich? Vgl. Lessings Schauspiel "Nathan der Weise", vgl. [3], darin die "Ringparabel". Fragen, die sich stellen:

  1. Was vermag die "Vernunft" bei den drei sich gegenseitig ausschließenden Wahrheitsansprüchen von Christen, Juden, Muslims? Sägt sie am jeweiligen Absolutheitsdenken, so dass die darin liegende Aggression gegen die "Anderen" gemildert, gar aufgelöst wird?
  2. Merken die Religionsvertreter nicht, dass ihr mitgebrachtes Selbstverständnis vom Kopf auf die Füße gestellt wird? Statt sich blutig die Köpfe einzuschlagen, eröffnet sich eine neue, ungewohnte Form der Interaktion: Dialog, vgl. [4].
  3. Enteignet in gewisser Weise die "Vernunft" die Religions- oder Ideologievertreter? Aber gibt es einen gesellschaftlichen Druck, so dass letztere nicht ausscheren, sich verweigern können?
  4. Weise Religionsgelehrte, also ältere Herren, mögen für den Vorstoß des Nathan ein offenes Ohr haben. Von ihnen geht ohnehin keine Gefahr physischer Gewalt mehr aus. Wie wäre es, wenn Nathan mit jungen, ideologisch-geprägten, aggressiven Religionsvertretern zu tun gehabt hätte? Wie verhalten sich Lebensalter und ideologische Gängelung? Welche Rolle spielt dabei das wirtschaftlich-institutionelle Etabliertsein (wie bei den alten Weisen zu unterstellen) im Gegensatz zur offenen, unklaren, bedrohten Lebensperspektive junger Menschen (derzeit, 2015, vielfältig im Nahen Osten zu besichtigen)?
  5. Geht der Appell an "Toleranz" somit nicht eher in die Irre? Ist er Gedankenakrobatik für ältere Herren? - Müsste man für dieses Ziel nicht ganz anders ansetzen? Wie?
  6. Vgl. ergänzend: [5]. Die Poetin Domin denkt aus dem gleichen Antrieb heraus wie Lessing, nur ist ihre Argumentationsrichtung anders: indem sie das - bislang - fehlerhafte Verhalten bestärkt, hofft sie, dass es bewusst und damit abgestellt wird.
  7. ...

0.4 Echnaton gegen die etablierte Religion

nach dem gleichnamigen Roman von Nagib Machfus. Echnaton. Der in der Wahrheit lebt: Zürich 1999. S.112. - Merire, betraut mit dem Amt eines Hohen Priesters der neuen monotheistischen Religion, blickt zurück:

"In Achetaton betraute er mich mit der Stellung des
Hohen Priesters. Als mein Gebieter die anderen Tempel
schließen wollte, warnte ich ihn mit den Worten:
'Damit würdet Ihr eine Macht herausfordern, die auf
die Menschen allerorten, von Nubien bis zum Meer, und
seit eh und je großen Einfluss hat.'
'Ach was, diese Priester sind nichts als Betrüger. Sie
unterjochen die Schwachen, verbreiten Aberglaube und
stehlen den Menschen das täglich Brot. Ihre Tempel
sind Freudenhäuser, ihre Herzen berauscht von irdi-
scher Lust.'"

1. Pfingstsequenz

Aus dem Lateinischen wörtlich übersetzt von Martin Bachmaier (wikipedia: [6]) - ergänzt um Analyseaspekte der 'Alternativ-Grammatik':

Komm, heiliger Geist,                
     - Sprechakt "Auslösung" (4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte),
       gerichtet an ein Abstraktum (4.13 Abstrakta).
       Ein Dialog scheint zwar im Wortsinn vorzuliegen oder
       angestrebt zu sein, aber es kann sich nur um
       "übertragenen Sprachgebrauch"
       (4.113 Übertragener Sprachgebrauch - Übergang zur gemeinten Bedeutung)
       handeln. Das - laut Wortbedeutung - reale Gegenüber,
       das angesprochene "Du", verflüchtigt sich, sobald
       man genauer hinschaut (Abstraktum).
       Das verlangt, für die ganze Aussage
       eine  neue Bedeutung zu finden und auszuformulieren.

Und sende vom Himmel her             
     - vom Himmel her ist zunächst eine gängige
       Lokalangabe (4.07 Orientierung in Raum und Zeit mit Unterpunkten),
       die pragmatisch aber keinen Bestand hat.
       Himmel steht einerseits für positive
       Wertung und zugleich für das Bewusstsein
       der Trennung, Ferne: Wer so spricht,
       hat in sich die Vorstellung, dass es ihm
       unter seinen Lebensumständen deutlich
       besser gehen könnte. Es kommt - nun aber
       pragmatisch eingesetzt - das Register IMAGINATION
       (vgl. 4.082  Modalitäten – »Register« IMAGINATION)
       ins Spiel. Nicht der physische Mensch ist
       fern vom neuen Geist, sondern seine innere,
       geistig-emotionale Verfassung.
         
Deines Lichtes Strahl.    
     - Künstliche sprachliche Aufspaltung:
       Licht + Strahl. 
       In normaler Wahrnehmung ist beides
       ein Phänomen. Die sprachliche
       Künstlichkeit dient der Hervorhebung.
       - Das "deines" bringt wieder
       den uneigentlichen (s.o.) Spender
       ins Spiel, der im gewohnten Sinn kein
       personhaftes Gegenüber ist. Mit beidem
       zusammen erhofft sich der Sprecher/Beter
       eine deutliche Verbesserung seines
       aktuellen Befindens. Helligkeit ist
       häufig ein Symbol für Einsicht / 
       Erkenntnis; vgl. 4.081  Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE
       -  Per Implikation - vgl 4.5 Wachgerufene Zusatzgedanken (Implikationen) 
       - sagt er zugleich aus, wie schlecht
       seine aktuelle Situation ist.
       Er wähnt sich demnach im "Dunkel".
       Negative Wertung: 4.085  Modalitäten – »Register« AXIOLOGIE.
       Aus Sicht des Sprechers kann es nur
       besser werden - gefühls- und erkenntnismäßig.

In diesem Stil könnte man auch die weiteren Strophen analysieren - es ergäben sich viele Wiederholungen/Verstärkungen der genannten pragmatischen Korrekturen des Wortsinnes. Daraus lassen sich Folgefragestellungen ableiten:

  1. Gebundene Sprache (Zeilen/Strophen): Aufgrund seiner poetischen, gleichförmigen Struktur eignete sich der Text seit der Gregorianik zur Vertonung, damit zur Verwendung in festlichem Rahmen. Sprachlich und hinsichtlich der Verwendungskontexte ist der Text aber entindividualisiert. Im Wortsinn bittet ein Individuum - ein "Ich" ist anzunehmen - um den neuen Geist, in gemeinter Bedeutung ist ein Individuum nicht mehr zu erkennen. "Ich" = "Jeder einzelne". Nebenbei: gebundene(!) Sprache - der Terminus als solcher lässt schon einen Widerspruch zum ausgesagten Inhalt erwarten. Der 'neue Geist' soll die bisherigen Bindungen überwinden.
  2. Damit entfällt auch die implizierte negative Bestandsaufnahme des eigenen Lebens. Das Bedürfnis für die Bitte/Imagination ist nicht mehr erkennbar, wenn ein Kollektiv (z.B. Chor der Mönche in festlichem Rahmen, in opulenter Architektur) den Text singt. Der festliche sound klingt dann schön, die behauptete existenzielle Not wird aber in Wohlklang überführt, ist nicht mehr vorhanden.
  3. Da sprachkritisch das Angesprochene Gegenüber sich auflöst ("Gott" irgendwo im Weltall?), deswegen die Sprachfigur aber nicht sinnlos wird, müsste eigentlich auf den inneren Personkern der Singenden zurückgegangen werden - wo sonst sollte "Gott" zu suchen sein? Der Personkern lässt sich aber sicher nicht im Chor vereinheitlichen, da jeder seine eigene Geschichte, Personstruktur und Bedürfnislage hat.
  4. Die in vielen Strophen behauptete Bedürftigkeit bleibt hohl. Erstens weil jeder einzelne darunter etwas anderes verstehen kann. Zweitens, weil Poetik und festlicher Rahmen den status quo zementieren. Im Wortsinn ist vielfach (weitere Strophen einbeziehend) von einer radikalen Änderung der Verhältnisse und Lebensbedingungen die Rede. Auf pragmatischer Ebene wird einer solchen Umwälzung durch den poetischen Text geradezu vorgebaut: alles ist erwünscht, nur keine Umwälzung!
  5. Die Sprachfigur des "göttlichen Gegenübers" hat im Wortsinn den Effekt, dass der Sprecher zwar bitten kann, aber seine weiteren Handlungsmöglichkeiten ausgeschaltet werden: die neue Vitalität/Kraft muss einem ja - passiv - geschenkt werden. Zwar hat das Handeln jedes Menschen seine Grenzen. Aber der aktuelle Text kann missbraucht werden zum Aufruf zu Quietismus: aktives, gemeinsames, veränderndes Suchen nach dem neuen Geist wird unterbunden. "Bitten" ist gestattet, "praktische Veränderung" jedoch nicht. Der Text wirkt als Ruhigstellung individueller Begehrlichkeiten und Ideen. Die Denkfigur des "Impulses von außen" kann indirekt als Verbot wirken, selbst Veränderungen zu versuchen. Profiteur: die träge, änderungsunwillige Großinstitution.

Die These ist also: Verwender des Textes können - dem Wortsinn folgend - darauf verweisen, dass der Pfingstgeist als machtvolle, umwälzende, lebensspendende Kraft herbeigefleht wird.

  • Poetik und gängige Verwendungskontexte (z.B. Hochämter) verkehren den Wortsinn aber ins Gegenteil. Man kann nun durch den Text darauf verweisen, man habe diese Vitalität, diesen neuen Geist im Auge, wolle ihn integrieren - und kann gerade deshalb alles beim Alten lassen. Die Verantwortung für Veränderung ist ganz auf das unfassbare Gegenüber abgewälzt.
  • Insofern enthält der Wortsinn des Textes zwar sympathische Grundgedanken. Aber der Text in seiner kirchlichen Verwendung dient seit langem dazu, Institution und dogmatische Ideologie zu stützen, zu stabilisieren, gerade nichts umzuwälzen.

Man kann vermuten, dass Olivier Messiaen mit seinem Stück "Dieu parmi nous" derartige Gefahren geahnt hat und musikalisch gegensteuern wollte.

  1. Der Titel schon zeigt das Gegenmodell an: nicht von einem fernen Gott ist die Rede, sondern von einem nahen.
  2. Schrille Dissonanzen und Rhythmen einerseits, anscheinend orientierungsloses Suchen andererseits wecken und bewirken das Gegenteil von gleichförmiger und beruhigender Gelassenheit. Existenzielles Aufgewühltsein beherrscht das Feld - das genaue Gegenteil von gelassener, dogmatischer Abgeklärtheit.
  3. Durch all diese aufwühlenden Töne, Kaskaden hindurch bahnt sich gegen Ende ein ekstatischer Tanzrhythmus - verbunden mit mächtigen, Sicherheit gebenden Bassfiguren - den Weg. Vitalität und darin neue Sicherheit wurden durch alle Konfusion hindurch errungen, hängen auch innerlich zusammen. Also nicht: zuerst Verwirrung und dann Sicherheit, sondern beides integriert.

Das ist offensichtlich eine Musik, die den Wortsinn der Pfingstsequenz wieder ernst nimmt, all die literarischen Schutzmechanismen beiseite lässt, und ihn nicht mehr kastriert und dienstbar macht. - Hör- und anschaubar z.B. unter: http://www.youtube.com/watch?v=Jmex4GGyKvc - unter youtube noch weitere Einspielungen.

Antwort auf die obige Frage: Der Text der Pfingstsequenz rückt den ausgesagten Inhalt vom Sprecher weg, entschärft, verharmlost ihn. Dadurch wird das "Wirken des Geistes" quasi objektiviert: der Eindruck entsteht, man rede von einer geschichtlich wirkenden, beobachtbaren Kraft. - Die Interpretation durch den Musiker findet eine Form, die zu den behaupteten Gedanken passt: der Einzelne muss von dem "neuen Geist" mit Haut und Haaren affiziert sein - anders wirkt der nicht. Das Musikstück holt die ausgesagten Inhalte her, macht sie leibhaft erfahrbar.

2. Spannungsverhältnis

2.1 Aus islamischer Sicht

Der iranische Theologe Abdolkarim Soroush (Buch von Benzine, Die neuen Denker, 2012, 69):

"Gläubige begreifen die Religion im allgemeinen als
etwas Heiliges oder Sakrales, etwas stets Gleichbleibendes.
Man kann mit ihnen nicht über den Wandel oder die
Entwicklung religiösen Wissens sprechen. Sie klammern
sich an die Idee der Unveränderlichkeit. Doch wie ich
in meiner Arbeit aufgezeigt habe, müssen wir zwischen
Religion auf der einen und religiöser Auslegung auf
der anderen Seite unterscheiden. Mit Religion meine
ich hier nicht den Glauben, den subjektiven Teil der
Religion, sondern die objektive Seite, den
offenbarten Text. Dieser ist unveränderlich,
während unsere Interpretationen dieses Textes
der Entwicklung unterliegen. Der Gedanke ist,
daß es nicht der religiöse Text ist, der verändert
werden kann, sondern daß sich vielmehr die
Auslegungen mit der Zeit ändern."

Darf der Koran als Literatur verstanden und entsprechend auch untersucht werden? - Dies propagieren Amin al-Khuli und Muhammad Khalafallah - vgl. gleiches Buch S. 134:

"Kann man den Koran mit den modernen Methoden der
Literaturwissenschaft untersuchen? Darf er als
literarisches Werk betrachtet werden? Wird die
islamische Orthodoxie akzeptieren, daß das reine
Wort Gottes, als das die Muslime den Koran sehen,
wie jeder beliebige andere bedeutende Text der
Weltliteratur zum Gegenstand einer Analyse in bezug
auf seine Struktur, seinen Wortschatz, seine
literarischen Gattungen, seine Sprachgewandtheit
und seine Historizität gemacht wird? Hat der
muslimische Glaube etwas zu gewinnen von solch
einer Vorgehensweise? Diese Fragen gehören nicht
in den Bereich abstrakter Spekulation, sondern
werden heute innerhalb des Islams gestellt, seit 
muslimische Autoren die Möglichkeit eines
literaturkritischen Zugangs gefordert und sich
darin  versucht haben. ...
(136f) Beruht die Sprache, in der der Koran den
Menschen mitgeteilt wurde, auf göttlicher
Inspiration oder auf einer sozialen Konvention
der Menschen? Muß man nicht eine Unterscheidung
zwischen dem Inhalt (der Botschaft) und dem 'Gefäß'
(der Sprache) treffen?
Sind nicht der Wortschatz des Korans und die
literarische Struktur des Textes die Sprache
der Menschen, die einzige, die sie verstehen
können? Diese Fragen beschäftigten die
früheren muslimischen Denker sehr. Die
Mu'taziliten stellen von vornherein eine
theologische Verbindung zwischen dem Wort
Gottes - dem Koran - und der menschlichen
Sprache her. Sie vertraten sehr nachdrücklich
die Auffassung von Sprache als einer 
menschlichen Konvention gegenüber der einer
göttlichen Inspiration.

al Khuli (vgl. 143ff) verlangt eine Kontextanalyse des Koran und dann dessen

intrinsische Untersuchung
(144) "Die Kontextanalyse trägt dem 'Arabischsein'
des Korans Rechnung. Dazu gehören
die Koranwissenschaften, also die Umstände der
Offenbarung, die Sammlung des Korans und seine
verschiedenen Lesarten, aber auch die
Untersuchung der (natürlichen wie kulturellen)
Umgebung, in der der Koran erstmals erschienen
ist, wobei uns Geschichtswissenschaft
beziehungsweise Soziologie zu einer tieferen
Kenntnis verhelfen."
Die intrinsische Untersuchung meint den
Korantext selbst. "Sie besteht in
erster Linie in einer Untersuchung der
einzelnen Wörter, vor allem einer
gewissenhaften Beobachtung ihrer Entwicklung: 
Welche Bedeutung hatten sie zum Zeitpunkt der
Offenbarung? Danach folgt eine Betrachtung
von Redewendungen und zusammengesetzten
Ausdrücken, (145) und die Verwendung von
Grammatik und Wortgewandtheit kommt ins
Spiel. Schließlich wird die psychologische
Wirkkraft des Korans untersucht: Wie
erreicht die Sprache ihre Wirkung? Kann
nicht der Grund dafür, dass der Koran
innerhalb kürzester Zeit viele Menschen
davon zu überzeugen vermochte, ihren
früheren Glauben aufzugeben, darin zu
finden sein, daß er psychologische
Methoden eingesetzt hat, die sich
für ein solches emotionales
Unterfangen eigneten? Wenn ja, muß man
die mentalen Voraussetzungen der Menschen
kennenlernen, die dafür gesorgt haben,
daß dem Koran dies gelang. Al-Lhuli erachtete
Psychologie und Soziologie daher als
wertvoll für das Studium des Korans."

2.2 Islam - Interpretation, Bezug zur Moderne, Freiheit

Die Beziehung zu den Stichworten ist bzw. war schon für jede Religion relevant. Interview mit einem islamischen Religionspädagogen. [7]

2.3 Islam - allein gültige Wahrheit

... folglich ist es die größte Sünde, vom Islam 'abzufallen'. Strafe: der Tod, vgl. [8]


3. Heilige Schriften

3.1 Keine Exklusivität mehr

Satire kann es sich erlauben, unwahrscheinliche, aber vernünftige Gedanken in die Debatte zu werfen, so wie A. Holl, Falls ich Papst werden sollte. 2000. S. 95:

"Danach wird über die Resolution abgestimmt, die der
Heilige Vater höchstpersönlich eingebracht hat. Sie
fordert die Vereinten Nationen auf, von der Unesco eine
Standard-Ausgabe der 'Great Books of Mankind'
veranstalten zu lassen. Gemeint sind menschheitliche
Grundschriften wie das Gilgamesch-Epos, die Bibel,
die homerischen Epen, die Hymnen des Zarathustra,
die Lehrreden Buddhas, das Tao-Te-ching
und die Gespräche des Konfuzius, die Bhagawadgita,
die Texte des persischen Mani, der Koran.
    Ich wünsche, erklärt Sistosesto, daß in Zukunft
alle Schulkinder auf der Welt mit den wichtigsten
Büchern bekanntgemacht werden, die am Beginn der
Schriftkultur entstanden sind.
    Damit verzichten Heiligkeit, meint der Präfekt
der Glaubenskongregation, auf den unvergleichlichen
Rang der Bibel als des Buches der Bücher.
    Dasselbe könnten die Muslime in Bezug auf ihren
Koran geltend machen, entgegnet Sistosesto. Eben
diese Art von Eigensinn stört den Weltfrieden."

4. Religiöse Aussagen = andere Sprechweise?

... anders gesagt: eine eigene Art, sich des menschlichen Geistes zu bedienen - der dabei umfassend gemeint ist: Verstand, Gefühle, Unterbewusstes, eben alles, was der Wahrnehmungs- und Wissensverarbeitung dient? - Wenn ja, dann ist jedes Denkmodell, das 'Mensch' und 'Gott' trennt hinfällig, der eine hier, der andere dort, also irgendwoanders. Nein, Figuren, die semantisch schön getrennt erscheinen, müssen pragmatisch zusammengedacht werden. Erst dann wäre 'Theologie' wieder mit heutiger Erkenntnistheorie vereinbar.

4.1 Michelangelos Erschaffung des Adam (Sixtinische Kapelle)

Zu Beginn des 16. Jhd., im Zeitalter des Humanismus, der beginnenden Neuzeit, entdeckte man ja vieles, was den Rahmen der kirchlichen geistigen Begrenzungen überschritt: neue Kontinente, die antike Literatur und Kunst, neu die biblischen Schriften (Volkssprache), den 'Menschen', seine Gefühle, und in diesem Rahmen interessierte man sich auch für die Anatomie des menschlichen Körpers. Um ihn zu erkunden wurden Leichen seziert und man gewann damit viele neue Einsichten.

Michelangelo hatte u.a. das Gewölbe der Sixtinischen Kapelle im Vatikan auszumalen. Er hielt sich dabei an die Abfolge der Schöpfungswerke (Gen 1), an deren Ende, als Krönung, der Mensch = Adam erschaffen wurde. Nachdem Adam aus Lehm geformt worden war, benötigte er noch göttlichen Geist, damit Leben in die noch tote Hülle kam. Diesen Moment des Geisttransfers hält das Fresko fest: [9]

Gott und seine Heerscharen sind wie in einer kompakten Wolke dargestellt. Der ausgestreckte Arm Gottes überwindet die Kluft zu Adam, so dass der Funke überspringen kann. Die Welt Gottes ist streng gebündelt präsentiert, großes Gedränge scheint unter den himmlischen Wesen zu herrschen - alle durch eine klare Schale = Begrenzung zusammengehalten, aber auch große Lebendigkeit und Interesse an dem neugeschaffenen Wesen ist ablesbar. - Soweit die durch das Bild vermittelte, für jeden überprüfbare Wortbedeutung.

Einer kam auf die Idee, einen anatomischen Schnitt durch das menschliche Gehirn zum Vergleich daneben zu halten, etwa so: [10] - nach wikipedia. - Die Verblüffung ist wohl für die meisten / für alle groß: Die Draufsicht auf das Schädelinnere hat eine große Strukturähnlichkeit mit der Art, wie die göttliche Welt im Fresko dargestellt wird.

Das ist eine sehr frühe, künstlerisch massive Weichenstellung in die Richtung, die zu Beginn dieser Ziff. 4.64 skizziert worden war: Das Thema "Gott" ist immer zurückzubinden an den menschlichen Geist, darf nicht losgelöst werden davon. Von Gott und seiner Welt zu reden heißt immer zugleich: vom Menschen zu reden, der die religiöse Sprache verwendet. "Gott" als vom Menschen getrennte Figur gibt es schon für Michelangelo nicht mehr. - Heutzutage ist kognitionswissenschaftlich Standard: Jede Aussage, jede Objektivitäts- oder Faktenbehauptung basiert auf dem, was das Gehirn leistet, grammatisch gesagt auf: 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE. Darauf baut auf der Zwang, sich zu verständigen: 4.12 Dialoge. Michelangelo hat dies sehr früh verstanden, überzeugend gestaltet - und der nachfolgenden Theologie sozusagen ein Kuckucksei ins Nest gelegt.

4.2 Immanuel Kant

(aus: M. Kühn, Kant. Eine Biographie. München 2004. 3. Aufl.)

"Wenn damals nach beendigtem Akt des Rektoratsantritts der
neue Rektor und die Professoren, nach Fakuläten geordnet,
zum Gottesdienst sich in die Domkirche begaben, pflegte wohl
Kant, wenn er nicht selbst Rektor geworden war, bei der
Kirchtür vorbeizuschreiten."

Religiöse Formen spielten in seinem Leben keine Rolle. In Gesprächen pflegte Kant zu sagen: 'Ich verstehe den Katechismus nicht, verstand ihn aber ehmals.' ...

[Wirkung der Kantischen Schriften auf junge Leute damals]
... "so fühlt man recht die Wahrheit der Bemerkungen von
Beattie, die er gewiß von ähnlichen Erfahrungen abzog:
Nichts ist verderblicher für den Geschmack und die
gesunde Urteils-Kraft, als die Spitzfindigkeiten der
älteren und neueren Metaphysiker, die Wort-Streitig-
keiten begünstigen, und zu nichts, als Zweifel und
Dunkelheit führen. Diese Grübeleien erschöpfen die
Kraft des Geistes ohne Zweck, töten die Liebe zur
wahren Gelehrsamkeit, ziehen die Aufmerksamkeit von
den Angelegenheiten des menschlichen Lebens, und von
allen den Werken der Kunst und Natur ab, die das Herz
erwärmen, und die Einbildungs-Kraft erhöhen:
Sie zerrütten endlich die Kräfte des Verstandes,
verderben die guten Grundsätze, und vergiften die
Quellen menschlicher Glückseligkeit." (368f)

"Kant akzeptiert sogar 'als einen keines Beweises benötigten Grundsatz', daß jeder Gottesdienst 'außer dem guten Lebenswandel' einen 'bloße[n] Religionswahn und Afterdienst Gottes' darstelle. Nur moralischer Dienst wird uns einem moralischen Gott wohlgefällig machen. Gebet, Liturgie, Wallfahrten und Beichten sind wertlos. Es besteht kein Unterschied zwischem dem Tibeter, der eine Gebets- mühle benutzt, und einem Katholiken, der einen Rosenkranz hersagt, oder einem Protestanten, der ohne feste Formel betet. Sie machen sich alle etwas vor. Nichts Gutes wird durch solche Andachtsübungen bewerkstelligt werden, und sie können sogar zu Fanatismus führen und somit zum 'moralische[n] Tod der Vernunft, ohne die doch gar keine Religion, als welche wie alle Moralität überhaupt auf Grund- sätze gegründet werden muß, statt finden kann'. ...

Gebet als 'innerer förmlicher Gottesdienst' und als ein Mittel, Gunst zu erlangen, ist ein besonders schädlicher 'abergläubischer Wahn (ein Fetischmachen)'. Es ist auch nicht sehr intelligent, denn es läuft darauf hinaus, daß man seinen Wunsch einem Wesen vorlegt, welches, da es allwissend ist, einer derartigen Erklärung nicht bedarf. Ein solcher Klerikalismus führt zu Fetischdienst, wo immer ihm zu herrschen gestattet wird. Wenn er in einem Staat die Vorherrschaft erlangt, wird er zu Heuchelei führen, welche die Integrität und Loyalität der Untertanen untergräbt und so 'gerade das Gegenteil von dem hervorbringt, was beabsichtigt war.' " (430f)

"Die weltbürgerlichen Ideen Kants sollten einen Teil einer bürgerlichen Religion bilden, ähnlich derjenigen, die James Madison, Thomas Jefferson und den anderen Schöpfern der amerikanischen Verfassung vorschwebte. Sein transzendentaler Idealismus ist zumindest in der Moralität letztlich ein politischer Idealismus, in dem die Erreichung des größten Guten keine Sache ist, die in einer anderen Welt verwirklicht werden wird, sondern eine Aufgabe darstellt, die man auf dieser Erde bewältigen muß. Kants politische Schriften stellen einen Versuch dar zu zeigen, wie sich rationale (oder vernünftige) Ideen an die Stelle von religiösen setzen lassen und wes- halb es zum Wohl der Menschheit sogar notwendig ist, religiöse Ideen neu zu interpretieren, um sie an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen." (446)

"Es ist falsch, wenn ein Herrscher irgendeine bestimmte Sekte begünstigt. Vor allem ist es falsch, mystischen Hokuspokus auf das Niveau einer staatlich sanktionierten Anschauung zu erheben. Pietismus, der für das Problem von Religion und Moralität eine 'völlig mystische' Auflösung liefert, sollte deshalb nicht begünstigt werden. Die Orthodoxie, die 'die den Glauben an das Dogma als für die Religion hinreichend erklärt' und deshalb der Moralität nur sekundäre Bedeutung zuweist, ist ebenfalls unangemessen. 'Daß aber ein Geschichts- glaube Pflicht sei, und zur Seligkeit gehöre, ist Aberglaube.' Da der Mystizismus eine Privatangelegenheit darstellt, die 'gar nichts Öffentliches ist', sollte er die Regierung überhaupt nicht interessieren, und deshalb gänzlich außerhalb ihrer Einflußsphäre stehen." (441)


Vermutungen: Was Kant äußert, wird - (a) - auf Angehörige religiöser Gruppen nachhaltig aggressiv wirken. Diese Einschätzung allerdings ist - (b) - verwunderlich und geradezu unwahrscheinlich bei einem Denker, der philosophisch derart fundamentale Weichenstellungen bewirkt hat. - Auf Basis der Kenntnis seiner Biografie sei die These formuliert: Auch wenn manche Aussage zugespitzt wurde, so ergeben sich die Äußerungen zwangsläufig aus der Erkenntnislehre von Kant. Neben ihr ist kein Platz für eine religiöse Zweitwelt. Und die Theologen seither konnten sie auch nicht vernünftig verteidigen. Und beiden Parteien kommt nicht in den Sinn, dass die vermeintliche - metaphysische - Zweitwelt womöglich in "übertragenem Sprachgebrauch" in biblischen Texten und Theologie präsentiert wird, der (sprach-)kritisch durchleuchtet werden müsste - dabei mit dem Effekt, dass die scheinbare religiöse Zweitwelt im Rahmen - das wäre wieder Kant - der vorfindlichen Welt ihre akzeptable Bedeutung findet. Man merkt an dem gegenseitigen Nicht-Verstehen auch, dass nicht nur explizite Sprachkritik noch nicht üblich wurde (erst etwa 100 Jahre später beginnend). Es fehlt auch noch - ebenfalls erst 100 Jahre später - die Entdeckung S. Freuds des 'Unbewussten'. Letztere kann - in unserer Sicht - verbunden mit Sprachkritik eine Brücke schlagen: Was z.B. biblische Texte, v.a. wenn es kunstvolle sind, scheinbar naiv und allzu direkt im Wortsinn als Wirken 'Gottes' beschreiben, kann wichtige nicht-rationale Antriebskräfte im einzelnen Menschen bildhaft artikulieren. Die "Jenseits"-Vorstellung bezieht sich dann nicht mehr - wie noch im Wortsinn - auf einen Bereich hinter der wahrnehmbaren Welt, sondern auf einen seelischen Bereich "jenseits" der praktischen, diskutierbaren, beeinflussbaren Vernunft. (H.S.)

5. Krieg

Worte, Verhandlungen, Dialoge - letztlich machtlos angesichts realer Gewalt? Allenfalls wichtig und brauchbar, um hinterher "aufzuräumen", besser geordnete, gegeneinander abgegrenzte Staaten und neue Verfassungen zu schaffen?

5.1 Krieg <=> Dialog - und dennoch weiterführend?

Der Historiker Ian Morris im Spiegel-Gespräch (2/2014) mit verstörenden, aber dennoch bedenkenswerten Thesen:

Grob geschätzt kamen im 20. Jahrhunder 100 bis
200 Millionen Menschen gewaltsam oder im weite-
sten Sinne kriegsbedingt ums Leben. Das ist
eine entsetzliche Zahl. Aber diese Toten machen
nur ein bis zwei Prozent der rund zehn Milliarden
Menschen aus, die im Verlauf des 20. Jahrhunderts
lebten. In Steinzeitgesellschaften kamen vermut-
lich zwischen 10 und 20 Prozent aller Menschen
durch die Hand ihrer Mitmenschen um. damit war
für einen Menschen des industrialisierten 20.
Jahrhunderts die Wahrscheinlichkeit, durch einen
gewaltsamen Tod sein Leben zu verlieren, zehnmal
geringer als für einen aus der Steinzeit.
...
[Krieg Rückfall in die Barbarei?]
Schön war dieser Prozess nicht. Er verlief auch
nicht glatt: Der Krieg kann das Töten kurzfristig
wieder auf Steinzeitniveau hochschnellen lassen.
Aber er scheint mir ein notwendiges Übel in diesem
Prozess der Zivilisation zu sein, und noch dazu
das kleinere. Insofern ist der Krieg eine unbestreit-
bar hässliche Methode, um größere, friedfertigere
Gesellschaften zu bilden. Aber er ist nun mal die
einzige, welche die Menschheit gewählt hat. Sicher-
lich wäre es angenehmer, Konflikte durch Verhand-
lungen zu regeln statt durch Gewalt. Aber so lief
es nicht. Das Tier in uns stirbt nicht, Gewalt bleibt
immer eine Möglichkeit, und wenn einer der Beteilig-
ten in einer konkreten Situation zu dem Schluss kommt,
dass Gewalt sich auszahlen könnte, wird er sie gebrau-
chen. Historisch hat der Krieg über das Palaver
triumphiert. Gute Worte wirken am besten nach einem
Krieg.

5.2 Religionen als "Bremser" bei Friedensprozessen

Vgl. [11]

6. Wahrheit, Wirklichkeit, alleinseligmachend

... die gefürchteten Abstrakta, die in der Geschichte schon viele Kriege ausgelöst haben, weil man vergessen hatte, ihren sprachlichen Charakter zu durchleuchten, vgl. [12]

6.1 Realpräsenz

Vgl. [13] - Kämpferisch von "Wahrheit", "Wirklichkeit" reden, damit Machtansprüche vertreten, womöglich ein 'Alleinvertretungsrecht' u.ä. kann nur, wer die Ebene Sprache / Kommunikation übersieht. Das ist dann zwar schon paradox, denn solche Ansprüche kann man zunächst ja auch nur sprachlich vorbringen. Aber auch das wird übersehen...

Derart ausgerichteten Theologen ist es wichtig, dass ihre Religion/Konfession die allein gültige "Wahrheit" vertritt. Diese "Wahrheit" repräsentiert natürlich die "Wirklichkeit" des Lebens, der Welt, des Kosmos. = Domäne der Ideologie.

Sprache benötigt man zwar, ist aber ständig im Verdacht des Geflunkers, des Unernsten, des Unsicheren. Daher ist es nicht beliebt in diesen Kreisen, sich konzentriert damit auseinanderzusetzen.

Beim Thema "Einsetzungsworte" wusste man zwar immer schon, dass es sich um "Worte", basierend auf biblischer Textüberlieferung, handelt. Es wurde aber bald nachgeschoben, dass diese Worte eine "Realität" schaffen. Sie sind eben nicht nur Geflunker. Die Realpräsenz war geschaffen: Nach dem Sprechen der Worte im Abendmahl/Eucharistiefeier sind eben nicht mehr Brot/Wein auf dem Altar, sondern Christus leibhaftig.

Das wurde häufig genug gewaltsam so unmittelbar vertreten, entgegen dem, was die Sinne wahrnahmen - denn offenkundig konnte man weiterhin Brot und Wein sehen und schmecken. Halten wir bis hierher fest:

  • In weit verbreiteter, wenn auch trivialer Theologie wurde verdrängt, was die Sinne wahrnehmen konnten. Deren Beitrag durfte nicht sein, sie mussten überstimmt werden. Wäre es anders, wäre die Wichtigkeit, Ernsthaftigkeit der Einsetzungsworte untergraben worden. Es wurde, wenn auch gewalttätig, die Realpräsenz von Christus beteuert. - Natürlich auch nur mit Worten. Anders geht es nicht.
  • Hierbei wird früh schon die 'Entsinnlichung' der Theologie greifbar, die Leibfeindlichkeit - von 'Leib' wird nur noch in vergeistigt-esoterischer Hinsicht gesprochen.
  • Sprachtheoretisch - auch wenn sie es selbst so nicht etikettierten - hatten die recht, die das "ist" im Sinn von "bedeutet (significat)" o.ä. verstanden. Daran führt nichts vorbei.
  • Den selben Mechanismus kann man im Grund auch ganz anders ausdrücken - und das wurde schon mit aristotelischen Begriffen im 13. Jahrhundert getan. Danach - vgl. Thomas von Aquin - wäre gesagt: die Substanz = der Kern des Objekts, der nicht-sinnlich ist, den man nicht zu sehen bekommt, der ändert sich, die Akzidentien = das, was physische Merkmale ausmacht, bleiben gleich.
  • Im Grund war das - philosophisch angelegt - eine elegante Art, beidem gerecht zu werden: die Sinne behielten ihre Gültigkeit, aber worauf zu achten war, das spielte sich 'dahinter' ab, das war wesentlich.

Der Ansatz des Thomas von Aquin ist eine verkappte Zeichentheorie, es lässt sich darin das Zusammenspiel von "Ausdruck" und "Bedeutung" wiedererkennen. - Wozu dann all die nachfolgende Aufregung und platte Hirnverdrehung bei den Gläubigen? - Vermutlich ging es meist gar nicht um die Einsetzungsworte, sondern um Machtansprüche, Bewahrung der etablierten Hierarchie und Deutungshoheit - und all das, um das Kirchenvolk weiterhin beherrschen zu können.