4.65 Aneignen durch Nachschaffen

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Ein Text, der einem gefallen, einen überzeugt hatte, entwickelt die Kraft, in seinem Sinn weiterzuwirken. Das kann dadurch geschehen, dass in Folgewerken auf jenes erste Werk angespielt wird (Zitat), dass es in seiner Machart imitiert wird. Oder gar jemand versucht, seinen eigenen neuen Text ganz vom ersten Text inspiriert sein zu lassen. Damit versucht jemand eine Übertragung.

Ein solches Nachschaffen dokumentiert immer auch, wie ein Leser/Hörer den Ursprungstext verstanden hatte. Dieses Verständnis wird in einem neuen Text festgehalten. - Eigentlich zeugt erst ein solches Nachschaffen davon, dass jemand sich mit dem ersten Text auch existenziell gründlich auseinandergesetzt hatte.

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1. Psalm 42

Man kann vergleichen wie der Psalm auf verschiedenen Wegen neu gelesen und interpretiert wurde.

1.1 Übersetzen

Obwohl Übersetzungen meist eine große Nähe zum Original anstreben, so sind sie zugleich auch geprägt durch die jeweilige Gegenwartssprache und -kultur. Lässt sich eine 'Kaskade' von Übersetzungen vergleichen, so wird auch der Sprachwandel sichtbar.

Martin Luthers Bibelübersetzung war Mitte des 16. Jahrhunderts ein großer Markstein für die Entwicklung der deutschen Sprache. Daraus der Psalm: [1]

Im 20. Jahrhundert bemühte sich die sogenannte "Zürcher Bibel", als wichtige Übersetzung im Rahmen der evangelischen Kirche, um große Texttreue: [2]

Ende des 20. Jahrhunderts entstand im Rahmen der katholischen Kirche die sogenannte "Einheitsübersetzung". An ihr arbeiteten neben Bibelwissenschaftlern auch Germanisten/Literaturwissenschaftler mit (z.B. Walter Jens): [3]

1.2 Übertragen

Nachdichtungen des gleichen Textes sind freiere Ausdeutungen. Hier zwei Beispiele. Poeten machen sich von der Bindung an den Text - im Gegensatz zu Übersetzungen - frei. Zwar folgen sie seinem gedanklichen Verlauf, setzen aber auch völlig andere Bilder ein, erlauben sich auch, den Text 'gegen den Strich zu bürsten'. - Auf der Basis genauen Vergleichs kann dies ein guter Impuls für Diskussionen sein: Wird der Poet dem Anliegen des ursprünglichen Autors noch gerecht?

Die erste stammt vom Poeten Arnold Stadler: [4]

Die zweite von Gottfried Schille: [5]

2. Malerei

2.1 Nachschaffen am eigenen Werk

M. Chagall hat für ein Gemälde ("Engelssturz") 24 Jahre an Arbeit benötigt. Immer neu kam er auf den zuletzt erreichten Stand zurück, korrigierte ihn, trieb ihn weiter, usw. Vgl. [6]

3. Vater unser

3.1 Günter Grass

Vgl. [7]

4. Ideologisches Zurechtbiegen

4.1 Gen 22 - Isaaks Opferung

Der Text hat Theologen immer schon zu schaffen gemacht. Gott soll den Glauben prüfen? Und dann noch durch Mordbereitschaft am eigenen Sohn? usw. - Derartige unlösbare Fragen stellen sich, wenn man nur am Wortsinn hängen bleibt, Sprache aber nicht als Gestaltungsmittel versteht, um Leser/Hörer - provokativ - auf neue gedankliche Wege zu zwingen. Aber dieses Missverständnis - Text = Realitätsabbild - kennzeichnet meist theologische Sprache.

Aber dann muss man sich eben mit den sich stellenden Fragen abgeben. Bei diesem biblischen Text wäre viel zu nennen. Ein Beispiel, wie sich nachreformatorisch Theologen abmühten, ist von Johannes Venzke zusammengetragen: Vgl. [8]

5. Grenzen des Wissens

5.1 Schöpfungsbericht und moderne Physik: Chaos-Theorie

Der Physiker Karl Renz, Horb, hat Gen 1 und Chaostheorie in einem Text verschmolzen:

"Als Gott am Anfang Himmel und Erde schuf, war
sofort klar: Die Erde war Tohuwabohu, vom Himmel 
sprach man nicht und war für den Rest der sieben
Tage damit befasst, zu strukturieren, 
Wissenschaft nahezulegen, die Prinzipien der
reinen Logik zu suchen hinter dem schönen Schein 
der sichtbaren Welt.
Dass dann angeblich der Teufel alles wieder
durcheinandergebracht haben soll, wie der Fahrgast 
den geordneten Bahnbetrieb, das ist wohl eine Legende.
Wenn nun hinter einfachen Vorgängen der Natur, etwa
dem Fall des Apfels vom Baum der Erkenntnis 
auf Newtons Birne nicht nur die genial einfache
mathematische Formel v = a*t, sondern am Ende 
gar das universelle Gesetz der Gravitation
erstrahlt, könnte jemand auf die Idee kommen, alles 
genau zu vermessen und daraus Zukunft und
Vergangenheit oder wenigstens die nächsten Lottozahlen 
zu errechnen.
Das wäre schön, scheitert aber schon im Ansatz daran,
dass im Fall des Paradiesapfels weder Erde 
noch Apfel punktförmige Massen im Vakuum sind und
erst recht nicht die beiden Einzigen im All. 
Gern wird vom wissenschaftlichen Abbau alter
Mythen gefaselt - mit der Erkenntnis, dass lediglich 
das Verhalten zweier gekoppelter Körper mathematisch
exakt lösbar ist, ist nun allerdings auch 
der Mythos vom unaufhaltsamen Fortschritt etwas
angeknackst, denn wenns drei oder noch mehr Körper 
sind, gehts nur noch näherungsweise, das heißt
ziemlich unberechenbar, denn schneiden wir die 
unendliche Nachkommafolge einer definiert endlichen
Messreihe an einer bestimmten Stelle ab und 
rechnen in Gottes Namen eben nur näherungsweise mit
begrenzter Zahl von Iterationen, so führen 
kleinste Änderungen der Vorgaben zu völlig neuen
Ergebnissen.
Wie beim Wetter.
Physiker haben mit der Entdeckung der Unschärferelation
noch eins draufgesetzt: gleichzeitig Ort 
und Geschwindigkeit eines Teilchens genau zu bestimmen,
geht grundsätzlich nicht. Damit wird schon 
ein einziger Körper unfassbar.
Der erhaben schöne Logos Platos, seine Theorien und Ideen
sind bei näherem Hinschauen also nur 
noch schöne Illusionen. Die einfachen Formeln hinter
der Natur gibts nur im einen oder anderen Kopf. 
Und noch eins drauf: Nehmen wir an, Licht sei eine Welle,
wie sie die Oberfläche des Meeres ziert, 
dann ists auch wirklich eine und malt Beugungsmuster.
Nehmen wir aber an, es sei ein Geschoss, 
weil wir zu lange in der Sonne lagen, dann ists eben
ein Geschoss und schlägt Löcher.
Vorstellungen bestimmen Ergebnisse der Forschung nicht
immer nur wie geschmiert, sondern manchmal 
auch wie magisch.
Dann aber kommen erste Computerfreaks und spielen auf
ihrem C64 herum mit Iterationsgrafik 
(Vorgaben: "Anzahl der Naeherungsschritte ___";
"Anzahl der Koerper ___") in Basic V2.0, bis nach 
tagelangem Warten Punkt für Punkt, Zeile für Zeile
auf einem grünflackernden brummenden und 
strahlenden Bildschirmchen wie aus dem Nichts
Konturen sich formen verflixt ähnlich denen in 
Herrgotts buntem Garten.
Die Apfelmännchen sind geboren und mit ihnen die
Chaos-Theorie, s.o. ...  "

Schönes Beispiel dafür, wie das, was bei uns seit der Semantik wichtig ist: 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE und seither wiederholt auf den nächst höheren Ebenen - z.B.4.1133 Metaphern für Wissen / Wahrnehmung - zum Einsatz kam, nämlich die Frage des Wissens und Wahrnehmens, nun ein weiteres Mal aufgeworfen wird. Nun sogar im Verhältnis zu der Naturwissenschaft Physik.

Ergebnis: Beide Disziplinen - die Sprachwissenschaft und die Physik - haben sich stark angenähert. In beiden Bereichen tut man einiges, um die Untersuchungsgegenstände genau zu beschreiben, zu berechnen, zu analysieren. In beiden führt aber nichts daran vorbei, dass die Vorstellungskraft des Menschen, seine Kognition, damit auch seine Sprachverwendung, der entscheidende Maßstab bleibt. Der Popanz einer menschenfernen 'Objektivität' als Hort aller Sicherheit geht damit flöten ...

... würd ich gern sagen. Da meine Frau Flötenlehrerin ist,
muss ich mir was anderes überlegen...(HS)

Aus diesen Zwängen heraus ist es mehr als nur eine spleenige Anwendung, wenn ein alter Mythos zur Illustration herangezogen wird. Beide Gegenstandsbereiche haben sich geistig-kognitiv ohnehin schon angenähert, drücken mit ihren jeweiligen Mitteln aus: unsere Wissensfähigkeiten sind begrenzt.