4.66 Kunstwissenschaft, Ästhetik

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Natürlich gibt es kluge Beschreibungen dessen, was im künstlerischen Prozess abläuft. Aber eine solche Meta-Ebene ist immer auch etwas anstrengend und in diesem Fall für den Bereich der Schule möglicherweise zu abgehoben. Daher begnügen wir uns zunächst - bis eine bessere Idee einfällt - mit Einzelbeschreibungen. Am besten von Poeten selbst. Oder auch Erfahrungsberichte von Lesern/Betrachtern.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Naturwissenschaft - Geist

Interview mit dem Philosophie-Prof. Markus Gabriel, SPIEGEL 27/2013 (Auszug)

SPIEGEL: Es gibt Bereiche des Geistes, die sich mit
Methoden der Naturwissenschaften, der Psychologie, der
Biologie oder der Neurologie untersuchen lassen.
Gabriel: Ja, aber entscheidende geistige
Produkte wie Kunstwerke oder auch Staaten,
Religionen, Institutionen lassen sich nicht auf
diese Weise untersuchen, am wenigsten mit
den Methoden der Gehirnforschung. Geist ist nicht
bloß ein mentaler Prozess. Wie wir einen
Roman, ein Kunstwerk oder auch eine politische
Entscheidung verstehen, lässt sich nicht
rein biologisch oder mathematisch beschreiben.
Trotzdem ist das Verstehen nicht völlig
willkürlich oder eine Sache des subjektiven
Geschmacks. Der Vorgang des Verstehens, etwa
eines Kunstwerks, das auf den ersten Blick
unverständlich anmutet, wie eine bloße
Ansammlung von Farbklecksen, eines von Jackson
Pollocks Action-Paintings zum Beispiel,
ist keineswegs beliebig, wohl aber frei. Kunst
konfrontiert uns mit reinem Sinn. Sie ist 
weder bloßes Abbild noch simple Unterhaltung.
SPIEGEL: Dem Geist oder dem Sinn kann man
sich nur mit den Mitteln der Interpretation
nähern, durch Sprache, Kommunikation und Argumentation,
statt durch experimentelle Beweise?
Gabriel: Argumente sind die Gedankenexperimente
der Philosophie. Es ist wichtig,
den Geist wieder in sein Recht zu setzen, nachdem
die Postmoderne versucht hat, ihn als
Illusion, als bloße Konstruktion zu entlarven. Dabei
hat sie nur neue Illusionen
erzeugt, nämlich die, dass wir in unseren
Illusionen feststecken. Die Deutung, das
Verstehen der menschlichen Welt, ist von ganz
anderer Art als unser Naturverständnis.
Deswegen ist sie nicht unwissenschaftlich, noch
machen wir uns einfach was vor.  

0.2 Unterbewusstes - Bewusstsein

Aus H. Köhler, Der letzte der Titanen. München 2001. S. 554:

Die Weltenschöpfung des "Tristan" begann am
Uranfang alles Seins. Wie der göttliche Geist
sich einem eigenen Grund genähert hatte,
schöpfte auch Wagner, verschlossen gegenüber
außeren Einflüssen, nur aus dem eigenen Unter-
bewussten. Die Ideen und Konstellationen,
aus denen er das Drama wob, lagen bereit, er
musste sie nur sinnlich vergegenwärtigen.
"Mit voller Zuversicht", so schrieb er
rückblickend, "versenkte ich mich hier nur
noch in die Tiefen der inneren Seelenvorgänge,
und gestaltete zaglos aus diesem intimsten
Zentrum der Welt ihre äußere Form." Wie zur
Bestätigung seiner eigenen Philosophie des
Schöpferischen, die er einst Berlioz vorge-
tragen hatte, erhob sich aus diesem Inneren
eine archetypische Ideenwelt, die sich aus
sich selbst heraus entfaltete.
"Die ganze ergreifende Handlung", schrieb
Wagner über "Tristan und Isolde", "kommt nur
dadurch zum Vorschein, dass die innerste Seele
sie fordert, und sie tritt an das Licht, wie
sie von innen aus vorgebildet ist."

0.2.1 Unbewusste Steuerung dessen, was man sagt

Vgl. [1] S.192. 201.

0.3 Unabschließbare Wahrnehmung / Interpretation

Vgl. P. Handke, Versuch über den Pilznarren. Eine Geschichte für sich. Berlin 2013.

(109) "Und obwohl er sich dessen nie sicher war, wurde er
ein jedes Mal fündig. Ein jedes Mal? Ja, ein jedes Mal. Und
jeder Fund bescherte ihm eine Überraschung, ein ungeahntes
Ding-Wesen, einen neuen Ort, Farbton, Formakzent, Geruch. 
Und fast ein jedes Mal witterte er schon im voraus eine
neue Fundstelle - ein Wittern, welches hieß: Alle Sinne
wurden wach. Und wenn er sich dann doch einmal irrte, 
phantasierte und zugleich betrachtete er an dem Irrtumsort
umso aufgeweckter das Ausgebliebene, das Abwesende, das
Fehlende. Aus seiner lebenslänglichen Langeweile wurde so
ein lebendiges Verweilen. 'Ich langweile mich? Ich? Nichts
da!'"
(126) "Nebenbei hatte mein Freund noch einflechten wollen, 
dass die eine jeweils bezeichnende und etwas besagende
Form unter all den nichtssagenden anderen der durcheinan-
derliegenden Blätter, der ineinanderverzahnten Farnfächer,
der Myriaden der Graslanzetten und Moosesspindeln auch sei-
nen kaum entwickelten Farbensinn dauerhaft aufgefrischt 
hätte, indem nämlich jene, und sei es noch so kleine Einzel-
form, wie es in einem alten Gedicht von der Rose heißt, ihm
jeweils 'vorleuchtete', heute weinrot, morgen amethystblau, 
übermorgen maus- oder tigergrau undsofort."
(198) "Wie um ihn zu beruhigen, habe ich erzählt, in  
ganzen öden Landschaft während der bald drei Jahre, da ich
hier hause, noch keinen einzigen Pilz, zumindest keinen
verzehrbaren oder sonst suchwürdigen, entdeckt zu haben,
der Untergrund sei Kalk und Gips - nichts für Edelwuchs -,
und der Boden der kümmerlichen Inselwäldchen inmitten der
unfruchtbaren Steppen bestehe aus nichts als Schutt, Sand
und Grus - siehe die spärlichen Maulwurfshügel, die nirgend-
wo auch nur ein Körnchen der sonst so fettschwarzen Waldes-
erde aufwiesen - totes Geriesel, höchstens ein Einspreng-
sel verpappten, sauerstofflosen, eitergelben Lehms. Höch-
stens Boviste seien da und dort noch zu finden, aber in
denen, 'ich brauche das dir nicht beizubringen', sei jetzt
am Winteranfang höchstens noch braunschwarzer Staub."

WICHTIG: Was wahrgenommen, immer besser erkannt wird, bedient, fordert nicht lediglich den Verstand, sondern erfasst mehr und mehr den gesamten Menschen:

(148f) "Alles andere, auch das sogenannt mürbste
Fleisch, der frischeste der Fische, selbst Kaviar,
gerade der, schmecke, verglichen mit so einem Wild-
wüchsling, vulgär-ordinär. Einzig seltene Wild-
pflanzen kämen an solch einen Geschmack heran, in 
dem aber noch etwas Zusätzliches wirke, eine
Zusatzkraft über alles bloß Pflanzliche hinaus - man
müsse sich nur darauf einlassen (und dürfe, solle,
sich nicht vorher den Gaumen mit was anderem
verderben). 'Sich einlassen - und das Munden verlang-
samt das Essen zum Speisen, das Speisen zum Kosten,
und das Munden, Speisen, Kosten gehen über ins
Beherzen und Beseelen wie, ach, gar zu selten, das
Essen, das Mahlzeiten, und kraft all dessen zu-
sammen zu guter Letzt das Herabsinken und zugleich,
herrje!, seltener als selten, Pulsen der Ruhe,
gepaart mit dem, weh, nur zu den heiligen Zeiten,
Aufsteigen des Gottnächsten in dir und mir, lieber
Leser: des bestirnten Himmels der Phantasie!"

N.B. man beachte, wie damit etwas, was bei I. Kant noch zwei Lebensbereiche zu repräsentieren schien - 'bestirnter Himmel' + 'moralisches Gesetz' = Außen + Innen - durch die Präzisierung "der Phantasie" hereingeholt wird in die eine geistige Welt des Menschen, vgl. [2].


0.4 Genaues Wahrnehmen - daraus entstehende Interpretation, Beispiel Mona Lisa

(aus: M. Schuster, Wodurch Bilder wirken. Psychologie der Kunst. Köln 2016.)

Vgl. [3]

[Hintergrund der Mona Lisa] "Dennoch ist er bei genauer
Betrachtung sehr merkwürdig und könnte, wie wir sehen
werden, etwas mit der rätselhaften Wirkung des Bildes zu
tun haben. Wenn man die rechte und die linke Seite des
Hintergrundes vergleicht, etwa indem man sich mit einem
waagerecht gehaltenen Lineal langsam an dem Gesicht hoch-
bewegt, bemerkt man auf gleicher Höhe eine Reihe krasser
Gegensätze:
- Die braune Struktur ganz unten ist links gebogen 
  und rechts gerade.
- Etwas höher liegt links eine enge Schlucht und
  rechts ein weites Tal.
- Wieder etwas höher ist links 'Wasser und rechts eine
  trockene Felswüste.
- Darüber ist nun links eine
  trockene, vertikale Felsbarriere und rechts ein
  horizontaler See.
- Und ganz oben ist der Blick in die Ferne links fast
  vollständig geschlossen und rechts V-förmig geöffnet.
Das kann kaum Zufall sein. Was ist die Folge solcher Wider-
sprüchlichkeit für den Betrachter? Zunächst wird sie kaum
bewusst werden, wenn man das Gesicht betrachtet, dennoch
wird auch diese Information aufgenommen und verschmilzt mit
dem Eindruck, den das Gesicht hinterlässt. Schon bevor die
moderne Gehirnforschung unsere philosophischen Debatten
bereicherte, wusste man, dass Information, die mit dem
rechten und dem linken äußeren Gesichtsfeld aufgenommen wird,
jeweils zunächst vollständig von der rechten und linken Ge-
hirnhälfte (der jeweiligen Gegenseite des Gesichtsfeldes)
bearbeitet wird... Betracht(!) man das Gesicht der berühmten
Schönheit, ist das nun für die Hintergründe der Fall: Sie
liegen im rechten und linken äußeren Gesichtsfeld. Einen
Moment lang entsteht so also im Gehirn ein ganz unterschied-
licher Eindruck. Verstärkt sich so die Ambivalenz, die sich
dann auf die Verarbeitung des Gesichtsausdrucks auswirkt?
Das Lächeln wird nun noch geheimnisvoller, als es durch die
etwas vagen und vieldeutigen Schwarzzonen an den Mund- und
Augenwinkeln ohnehin schon ist." (265f)

0.5 Michelangelo, Erschaffung des Adam

- zitiert und verfremdet: um die geistige Erstarrung der Betrachter, das liebgewordene 'Immer-Gleiche' zu durchbrechen. Mit den Mitteln der Malerei eine gute Umsetzung des zentralen hermeneutischen Auftrags jeglicher Kunstrealisierung - Blickveränderung, Gedankenanstoß: [4]

Vgl. ergänzend: [5]

1. Poetische Beschreibung dessen, was Poeten tun

Griechisch poiein besagt zunächst nur: <<MACHEN>>, <<TUN>>. Vielleicht ist das in Bezug auf "Poeten" schon falsch. Gewiss, das Gedicht-, Drama- und Bücherschreiben ist auch eine physische Anstrengung. Insofern "machen" Poeten etwas. Aber das Schreibtechnische ist ja wohl nicht das Wesentliche.

Es vollzieht sich in ihnen so etwas wie innere Arbeit. Man sieht sie nicht. Aber das Ergebnis mündet dann in den Schreibakt.

Aber vermutlich reicht auch das nicht: Vor der inneren Aktivität steht ein Nicht-Handeln. Ideen kommen, Gedanken steigen auf, Einfälle ereignen sich. Von irgendwoher kommen also Impulse, die man gerade nicht machen kann. Sind die Impulse da, kann man sie verarbeiten. Aber das ist dann schon der zweite Schritt.

1.1 Schiller / Brecht / Meckel

Die Gedichte der drei Poeten kann man versuchen, im Blick auf obige Gedanken auszuwerten: [6]

Warum wohl sind Poeten öfters so merkwürdig, haben eine unnormale Biografie, werden bisweilen explizit bedroht? - Äußerlich tun sie doch nichts ...!

1.2 Hermann Hesse

Vgl. Gedicht: [7]

2. Tabubruch

... ist eine wesentliche Funktion von Kunst: Alles was bekannt und üblich ist - seien es Darstellungsformen, seien es Themen - dazu gehört auch, was üblicherweise nicht in Worte gefasst wird - weil das nicht anständig wäre -, alles das langweilt. Daher braucht es Menschen, die ausprobieren, Unerhörtes wagen. Klar, dass die zunächst Protest und Beschimpfungen ernten. Und oft genug: das Abgelehnte setzt sich dann doch durch.

2.1 Ungewöhnliche Verbindung: Abort und Meditation

... warum nicht? Über das, was jede/r täglich erlebt, sollte man mal reden, statt verschämt zu schweigen - dachte sich zurecht H. M Enzensberger: [8]. Zusätzlich: Der Titel des Gedichts spielt via gleicher Wortkette an auf die Mitteilung im Neuen Testament, wonach Pilatus nach dem Urteilsspruch "seine Hände in Unschuld wusch". Das ist übertragener Sprachgebrauch. Der Poet folgt dem nicht und bleibt bei der Wortbedeutung: wo waschen Pilatus - und alle anderen - tatsächlich die Hände?

Amüsanter Zusatzaspekt in anderem Medium: Die Bedeutung
<<Pontius Pilatus>> wird in der Gebärdensprache durch
pantomimische Waschbewegungen beider Hände ausgedrückt. 
Das wäre also ein Fall für 4.13 Abstrakta, denn anstelle
der Benennung oder Beschreibung der Person, spielt die
Gestik auf deren typische Handbewegung, also eine Handlung
an.

2.2 Kreativität kann trainiert werden

[9] - darin ist nicht von Texten, nicht von Kunst, Poesie die Rede. Aber die vorgestellten Tests laufen ebenfalls darauf hinaus, dass dem Gehirn unerwartete Aufgaben gestellt werden - es folglich von den bisherigen Standards abrücken muss.

NB.: Neutestamentliche Gleichnisse und Wundergeschichten
leisten genau dies ebenfalls. Albern, wer stattdessen
immer noch in der Frage der Möglichkeit/Unmöglichkeit des
Ausgesagten hängen bleibt. 

3. Georg Baselitz

3.1 Dekonstruktion - durch "Auf den Kopf stellen"

Vgl. [10]. - Ein überzeugendes, im Kern verblüffend einfaches Mittel, zu verhindern, dass jemand ein gemaltes Bild als Abbild der sog. objektiven Wirklichkeit (miss-)versteht, ist die Praxis, das Dargestellte auf den Kopf zu stellen. Jedes Betrachten, das das Bild nur als Durchgang zur sog. 'Wirklichkeit' begreift, wird damit verhindert. Stattdessen müssen nun Entschlüsselungsstrategien einsetzen, u.U. begnügt man sich dann nur noch mit der Farbkomposition - wenn schon die 'Gegenstände, Personen' so 'unmöglich' präsentiert werden. = eine wirksame Methode, vom Thema weg den Blick auf die Darstellungsweise, das Medium zu lenken. 'Abstraktion' kann sich auch auf diese schein-reale Weise zeigen.

4. Reaktion des Publikums

[11] - Was oben im Interview zur Wichtigkeit von Interpretation / Sprache / Argumentation gesagt wurde, leuchtet ein - scheint aber nur die 'halbe Wahrheit' zu sein. Ein Beifallssturm nach der Darbietung einer Symphonie, oder 20 Vorhänge nach einer Oper - derartiges ist Ausdruck einer heftigen spontanen Antwort. Ausformulierte und reflektierte Sprache ist dabei noch nicht im Spiel.

4.1 Applaus

... im Fall der Musik bringt mehrere Aspekte ins Spiel:

  • meist kann man gut unterscheiden, ob der Applaus "echt" ist, oder ob es sich um "Höflichkeitsapplaus" handelt. Letzteres ist kurz vor der Schwelle, dass Pfiffe und Buhrufe oder peinliches Schweigen, wenn nicht gar vorzeitiges Verlassen der Raumes praktiziert werden.
  • Bleiben wir beim "echten" Applaus. Was besagt er? - Ganz sicher keine vernünftige Werk- und Aufführungsanalyse.
  • Dennoch haben die Besucher etwas verstanden, wenn auch auf einer anderen Ebene als der von Vernunft und Sprache.
  • Für den Verstehensgewinn sind sie dankbar: Gemeint kann sein die Kunstfertigkeit des/der Ausführenden, die Bewunderung abnötigt. Zugleich kann deren Deutung des Werks den Hörenden - die vielleicht das Werk schon kennen - eine neue Perspektive eröffnet haben: Sie erwies sich als überraschend, in sich stimmig - und löst das Zugeständnis aus: So kann man das Werk eben auch darbieten.
  • Anstelle von Vernunft und Reflexion reagieren die HörerInnen deswegen heftig, weil anlässlich des gebotenen Werks, aber nicht exklusiv nur darauf bezogen, sie eine neue Struktur von Problem / Verarbeitung / Lösung aufgezeigt bekommen haben. - Bevor wir eng nur auf den 'Sonatensatz' fixiert sind, sei genannt: Diese Struktur kann - gleichgültig in welcher Musikepoche - auch darin liegen, dass die Komposition von dem, was seinerzeit üblich und Standard war abrupt abweicht, sich eine völlig neue Form zugesteht.
Darin liegt allenfalls die Gefahr/Wahrscheinlichkeit,
dass der "echte und einhellige Applaus" sich erst mit
Verzögerung einstellt: Bei I. Strawinskys "Sacre du
Printemps" gabs zunächst einen fürchterlichen Theater-
skandal - immerhin keine gleichgültige Reaktion des
Publikums. Der "echte Applaus" stellte sich mit der Zeit
aber ein...
  • Weil unbewusst ständig ein Abgleich mit dem vollzogen wird, was ich schon weiß, können sich während eines guten Konzerts viele Überraschungseffekte, dankbare Zustimmungen und bewundernd-mutige Infragestellungen bisheriger Muster ergeben: dann muss dieser 'Stapel' am Schluss durch Applaus abgearbeitet' werden.

Kern bleibt in solch einem Fall: die Zuhörer haben unterhalb der Vernunftebene mit dem 'Organ' des Unbewussten sehr gut begriffen, dass die überzeugende Realisierung des Musikwerkes in ihr Leben eingreift, ihnen neue, bessere Verhaltensformen anbietet. - Grund genug zu explosiver Dankbarkeit. Bloßer "Höflichkeitsapplaus" ist um Lichtjahre von solchem Kunsterleben entfernt.

4.2 Nichts zu sehen

... war beim sog. "Erdkilometer" auf einer der documenta-Ausstellungen in Kassel, allenfalls eine Metallplatte im Rasen. Unter der Platte drang ein Metallstab 1km in die Tiefe. Logischerweise war der nicht zu sehen. - Und das war das - in der Herstellung doch recht teure - Kunstwerk?!

Die Installation durchkreuzte somit derb die selbstverständliche Standarderwartung, dass man bei 'Bildender Kunst' etwas zu sehen bekommt. Der große technische und finanzielle Aufwand sprach dafür, dass auch im aktuellen Fall "bildende Kunst" vorlag - nur eben mit dem Effekt, dass man fast nichts wahrnehmen konnte...

Die dadurch ausgelöste Verblüffung, Enttäuschung leitet zwingend über zum Nachdenken - mindestens - über zwei Punkte:

  • die Rolle des Sinnenhaften in der Kunst; es geht also nicht nur um hochgeistige Erkenntnisse, wobei die materielle Realität des Werks vernachlässigt werden könnte;
  • die Betrachter werden herausgefordert hinsichtlich Glaube, Vertrauen: angesichts aufkommender Skepsis müssen sie Stellung beziehen - sie könnten ja vom Künstler und von den Ausstellungsmachern hinters Licht geführt worden sein...

Das vermeintliche "Nichts" erregt(e) bundesweit großes Aufsehen.