4.71 Warum Lesen?

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

"Lesen" ist nicht lediglich gemeint als Lesen von Gebrauchstexten, Zeitungen usw. Sondern als Lesen von Objekten (Text, Bild, Musikwerk, Film usw.) mit künstlerischem Anspruch, also von Hervorbringungen, die keinen unmittelbaren, verwertbaren Nutzen haben. Folglich könnte man die Beschäftigung mit diesen Sparten - politisch - versuchen einzuengen, zu beschneiden. - In Diktaturen gab es das ja auch regelmäßig ("Bücherverbrennung" o.ä.): Derartiges Lesen kann dem jeweiligen System gefährlich werden,

Wer so denkt, übersieht die ungeheure, für den Einzelnen und das soziale System wichtige Dynamik, die entsteht, wenn man sich durch aufmerksame, geschulte Wahrnehmung auf eine solche Auseinandersetzung einlässt: Attraktivität und Irritation - beides wirkt zusammen, empört vielleicht, wühlt auf, gibt zu denken. Über einen solchen Prozess wird die bisherige Weltsicht des Betrachters aufgebrochen, erweitert, neu geordnet.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Nach Schopenhauer ist alles ganz einfach

Aus H. Köhler, Der letzte der Titanen. München 2001. S. 542:

Schopenhauers so genannte "Metaphysik" zielte
eigentlich auf deren Gegenteil. Denn wie die
Begierde, die den Menschen erfüllte, dienten
auch die erhabenen Vorstellungen, die
mit der Liebe verknüpft waren, dem alleinigen
Zweck, die Individuen zur Fortpflanzung zu
verleiten. "Wozu der Lärm? Wozu das Drängen,
Toben, die Angst und die Not?"
spottete Schopenhauer über die liebesverblendete
Menschheit. "Es handelt sich ja bloß darum, dass
jeder Hans seine Grete finde", was der geneigte
Leser, wie er in zynischer Unverblümtheit
hinzufügte, "in eine Aristophanische Sprache
zu übersetzen" habe. Mit anderen Worten:
Nicht Individuen wurden magisch zueinander
hingezogen, sondern Geschlechtsteile. "Dass dieses
bestimmte Kind erzeugt werde", so der kinderlose
Misanthrop, "ist der wahre, wenngleich den Teilnehmern
unbewusste Zweck des ganzen Liebesromans."
Der Rest aber, die Sehnsucht, der Rausch, die
Gefühlskatastrophen, sind nichts als "übersinnliche
Seifenblasen". 

0.2 "Frauen lesen anders"

aus einem Interview mit Stefan Bollmann ("Frauen, die lesen, sind gefährlich") (SWP 30.12.2013):

[Frauen lesen] Intensiver, einfühlsamer und bedingungsloser.
Am wichtigsten erscheint mir, dass der Zusammenhang zwischen
Lesen und Leben typisch weiblich ist. Frauen lesen Bücher,
um etwas über ihr eigenes Leben und das Leben anderer zu
erfahren. Und nicht selten ändern sie nach der Lektüre
etwas in ihrem Alltag. Bücher lösen etwas in ihnen aus
und bewirken etwas. Männer wollen sich dagegen meist nur
Informationen anlesen. Das erklärt, warum 80 Prozent aller
Romane in Frauenhände gelangen. [...]
Ich beobachte eine neue Generation von Leserinnen, die trotz
aller anderen Angebote und technischer Entwicklungen an der
Literatur festhalten. Schauen Sie mal ins Internet: es gibt
unzählige Blogs und Lesekreise, in denen Frauen den Ton
angeben und die Literatur feiern.  

0.3 Ergänzend: Hören Lernen

Genau genommen soll/muss nicht ein Übermittlungskanal = Optik privilegiert werden. Einzubeziehen ist genauso das Hören, also die Akustik. Zwei Erfahrungen - die vielleicht noch erweitert werden:

  1. Ein Germanist bietet in seinem Ruhestand immer wieder die Lesung von Literaturwerken an, z.B. Thoman Mann, "Tod in Venedig". Solche Leseabende in angenehmem Ambiente stoßen auf gutes Interesse. Die Erläuterung: Werke der klassischen Musik seien auf breiter Ebene bekannt - warum? Weil sie vielfältig aufgeführt, also "zu Gehör gebracht" werden. Das ist nicht so bei Literatur - sieht man von Dramen und portionierten Lesungen im Radio (ca. 40 Portionen) ab. Lesungen von LyrikerInnen haben das Problem, an einem Abend vielleicht 20 Gedichte zu bieten. Gedichte lassen sich aber nicht stapeln, in großer Quantität konsumieren. - Die Konzentration auf ein Werk, angemessen nachspürend aufgenommen, ist wichtig.
  2. SPIEGEL-online (19.1.2014) berichtet über einen Psychotherapeuten, der mit Trance und kurzen Geschichten arbeitet. Daraus:
Es gibt Geschichten, die wie Betäubungsspritzen wirken.
Zum Beispiel bei der jungen Frau mit der Zahnarztphobie.
Sie saß schon im Behandlungsstuhl, über ihr das grelle
Licht, da sagte ihr Hypnotherapeut: Montagmorgens kommt
immer die Putzfrau, sie klingelt, und ich mache die Tür
auf. Brav öffnete die junge Frau den Mund. Als der
Bohrer zu dröhnen begann, stellte die Putzfrau in der
Geschichte den Staubsauger an. Die Stimme aber zog die
Patientin fort: Und wie ich im Flur stehe, da höre ich
das Geräusch immer noch, raunte es an ihrem Ohr, und
das nervt, das nervt so. Da sage ich mir: Du kannst
gehen! Und ich verlasse die Wohnung, gehe nach draußen,
ziehe die Tür einfach hinter mir zu...
Dieser beruhigende Singsang mit Sätzen wie Schlaufen
soll den Zuhörer aus der Realität in eine Trance ziehen.
Die Patientin etwa sei der Erzählung bis in einen Park
gefolgt, wo die Sonne hell schien, so grell wie die
Lampe des Zahnarztes. Ihre Behandlung ertrug sie derweil stoisch. ...
Tatsächlich aber bezeichnet man als Hypnose das Erreichen
eines tranceartigen Zustands durch Suggestion.
Misst man mit einem bildgebenden Verfahren die
Aktivitäten im Gehirn während so einer Trance, sieht man
Folgendes: Die Aktivität ist jeweils in einem bestimmten
Bereich des Gehirns extrem hoch, in anderen
Bereichen extrem heruntergefahren. Diese sind dann
sozusagen aus dem Bewusstsein ausgeblendet.
Fast alle Menschen kennen den Zustand der
Trance Konzentration, Meditation, Flow - das alles
sind Begriffe für diesen Zustand. Die meisten Menschen
kennen ihn. Sportliche Höchstleistungen etwa geschehen
oft in einer Art Rausch. Wer tanzt, kann in eine Trance
geraten, wer Yoga-Übungen macht, wer liest, wer
konzentriert arbeitet, wer in einen Unfall gerät und
unter Schock agiert. "Die Fähigkeit zur Trance ist in
unserer Biologie angelegt", erklärt Meiss.
Obwohl fast alle Menschen den spontanen Zustand der
Trance kennen, können ihn die meisten nicht absichtlich
herbeiführen. Meiss: "Der Körper wird als nicht zu
kontrollierende Umwelt gesehen." 

0.4 Kampf um das Lesen-Dürfen

Das Mittelalter war die Zeit, in der das Buch der Bibel dem Zugriff der Kleriker allmählich entrissen wurde und das Volk selbst anfangen konnte zu lesen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Vgl. [1] Über viele Foltern und Scheiterhaufen hinweg ein wichtiger Konflikt auf dem Weg zur Neuzeit.

0.41 Lesen-Dürfen als beginnende Emanzipation

... als sich um 1200 die Anhänger des Franziskus mit der Bibel im Rücken gegen die übermächtige Kirche positionieren wollten.

aus: H: Wolf, Krypta. Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte. München 2015

(186) "Das entscheidende Kriterium aber war die radikal gelebte
Armut. Die Benediktiner verzichteten zwar auf Privateigentum ein-
zelner Mönche, keinesfalls jedoch auf das Eigentum der Kloster-
gemeinschaft. Die Armutsbewegung sah dadurch das biblische Ideal
verletzt. Als Norm des apostolischen Lebens sollte allein die Hei-
lige Schrift dienen. Dazu war es notwendig, sie lesen zu können.
Man wollte die Bibelkenntnis nicht mehr länger den Klerikern und
Mönchen überlassen, sondern selbst unmittelbar an das Gotteswort
herankommen. Um dieses klerikale und mönchische Monopol zu durch-
brechen, musste die Bibel aus dem für Laien unverständlichen La-
tein in die Muttersprache übersetzt werden.
   Die Konzentration der Armutsbewegung auf die Bibel und das
Ideal der radikalen Jesusnachfolge führten zu einer Kritik an der
reichen Kirche: Prunk, Paläste, Kirchen, feierliche Liturgie,
Machtentfaltung des Papsttums und Verrechtlichung der Kirche ent-
sprachen nicht den biblischen Vorgaben. Die wahre Kirche konnte
nur durch Rückkehr zur einfachen Urgemeinde und eine radikale
Reform nach biblischem Urbild wiederhergestellt werden. Darin
lag für die kirchliche Hierarchie die eigentliche Gefahr der
Armutsbewegung, die ihre Existenzberechtigung grundsätzlich
infrage stellte."


0.5 Lesen = "Wahrheit nachschlagen"? - Kontext Religion

aus: E. Drewermann, "Luther wollte mehr". Der Reformator und sein Glaube. Im Gespräch mit Jürgen Hoeren. Freiburg i.B. 2016.

(66) "Aber das ist die typische Fluchtrichtung Luthers - hinein
in den Willen Gottes. Und den findet er in der Bibel. Deshalb
ist sie für ihn so wichtig. Wenn auch sie noch in Erschütterung
käme, bräche die Welt für ihn zusammen. Die Wahrheit aber ist:
Nichts müsste in Erschütterung geraten, wenn man dem Subjekt, das
Gott doch geschaffen hat, nur zutrauen würde, dass, ganz augusti-
nisch, - 'die Sehnsucht nach Gott' in ihm in vorgegebenen Bildern
archetypisch (psychisch 'objektiv' also) eingeschrieben ist. Dass
die großen Symbole in der Denkweise und in der Liturgie in der
Religionsgeschichte eine eigene innere Wirklichkeit bilden zur
Bewährung und Bewahrheitung des menschlichen Lebens, ist freilich
in die Denkgeschichte weder des Protestantismus noch schon gar
des Katholizismus je integriert worden."
(...)

Religionsinstitutionen als Behinderer der menschlichen Entwicklung

(140f) "Wenn Sie nun fragen: 'Hat die Kirche die Menschheit ver-
dummen wollen?', so ist dem schwer zu widersprechen. Die römische
Kirche hat den so genannten Laien die Kompetenz abgesprochen, im
eigenen Leben von ihren Erfahrungen, ihrem Gewissen her mündig zu
sein. Man muss auf die Kirche hören, das ist bis heute unter Glau-
bensgehorsam zu verstehen. Nicht auf das Gewissen, nicht ursprüng-
lich auf die Bibel, sondern wie der Papst es auslegt, wie die Bi-
schöfe es vermitteln, das macht den Christen zum Christen.
  In dieser Form ist das eigentlich ungeheuerlich, weil es die
Selbstwerdung des Menschen, seine wirkliche Humanität beschneidet.
Es gibt nicht die Entwicklung zur persönlichen Reife. Das, was den
Protestantismus ausmacht, was auch die Biografie Luthers zum Aus-
druck bringt, ist hingegen der Mut, man selbst zu sein, und gerade
das kann von der römischen Kirche in dieser Form nie gebilligt
werden und ist bis heute nicht gebilligt worden. Es bräche ein
neues Zeitalter der Begegnung zwischen Protestanten und Katholiken
an, wenn in diesen entscheidenden Punkt endlich Bewegung
hineinkäme."
(...)"

Unfähigkeit angemessen zu lesen und Schule

(254) "Die Religionskritik scheint recht zu behalten, wenn sie
erläutert, Religion sei nichts weiter als der Ausfluss von Un-
wissenheit den Naturgesetzen gegenüber und von Angst in Gestalt
von hilfloser Magie. Naturwissenschaft und Technik erübrigten
deshalb zunehmend die gesamte Religion. In genau dieser Form kommt
das Stunde für Stunde in unseren heutigen Schulen an. Es besteht
vom Bibelglauben im Religionsunterricht zu den naturwissenschaft-
lichen Fächern keine vernünftige Brücke mehr, umso weniger, als
man die Bibel auf eine Art liest, die in den Tagen Luthers schon
dabei war, sich nach und nach aufzulösen. Immer noch nimmt man, was
da steht, als objektive, historisch-faktische Gegebenheit. Die Wun-
der, die in der Bibel berichtet werden, haben demnach historisch
stattgefuznden zu haben. Die Himmelfahrt Jesu beispielsweise hat
sich historisch vierzig Tage nach Ostern, so wie in Apg 1,9-11 ge-
schildert, vollzogen, oder man glaubt nicht. Das Grab war am Oster-
morgen leer (Joh 20,1-10), oder es hätte keine Auferstehung statt-
gefunden.
   An diesen Punkten sind die Heranwachsenden in der Schule schon
gespalten zwischen dem, was sie im Chemie- und Biologieunterricht
lernen, und dem, was sie im Religionsunterricht hören. In der Fest-
legung des kreationistischen Dogmas verkündet die christliche
Schöpfungsglaube ein Weltbild, nach dem die gesamte Entwicklung des
Universums, des Planetensystems, des Lebens auf dem Planeten Erde,
sich nach einem Masterplan Gottes gestaltet und vollendet hat. Vor-
sehung Gottes deutet man damit naturphilosophisch als Interpretation
des Gesamtverlaufs der Wirklichkeit. So im Religionsunterricht. Die
Stunde drauf werden dieselben Kinder vor die sichtbare Erkenntnis
gestellt, dass es in der Evolution keine solche Vorsehung gibt. Die
Evolution ist blind. Sie arbreitet mit einem unendlichen Maß an Quä-
lerei, an Zufällen, an Absurditäten. Wenn ihr ein bewusst konzipier-
ter Plan zugrunde läge, müsste man den Urheber eines solchen Planes
verbrecherisch nennen."


1. Veränderung der geistigen Innenausstattung

1.1 Transzendenz

Was haben "Texte lesen" und "Religion" - denn mit letzterer ist der Begriff "Transzendenz" wohl primär verbunden - miteinander zu tun? Denn es geht ja allgemein um "Texte", die nicht gerade Gebrauchstexte sind, es geht nicht speziell um "religiöse Texte". Und wenn von "Transzendenz" die Rede ist, ist meist auch der Begriff der "Offenbarung" nicht weit.

Die Grenzen sind nicht so hoch, wie es zunächst scheint: "Transzendenz" meint wörtlich den "Übergang" in einen neuen Bewusstseinszustand; "Offenbarung" spricht auch von einer neuen bzw. neuartigen Erkenntnis. Wir befinden uns also im Bereich des Registers EPISTEMOLOGIE, (vgl. 4.081 Modalitäten – »Register« EPISTEMOLOGIE).

Hier sei nur angedeutet, dass bes. seit dem 19. Jahrhundert vielfältig erkannt wurde, dass Dichtung und Religion auf unterschiedlichen Wegen im Grund dasselbe Ziel verfolgen: ein poetischer Text zeigt dem Leser schlüssig, fesselnd alternative Möglichkeiten auf, wie das Leben gestaltet werden kann. Dem Leser mag dies bisweilen wie eine "Offenbarung" erscheinen, weil er an dieses Lösungsmuster bislang nicht gedacht hatte. Horizonterweiterung im einen wie im andern Fall.

"Religion" - gleichgültig welche - zeigt sich sehr häufig so, dass im Hier und Jetzt Horizonterweiterung, Veränderung nicht erwünscht, ja durch Dogmen, Glaubenssätze explizit verhindert wird - früher unter realer Ketzerverfolgung. Der Gedanke der "Horizonterweiterung" war aber dennoch beibehalten, nur wurde er verschoben auf die Zeit nach dem Tod: "Himmel", "Paradies" usw. sind Bilder dafür, dass wenigstens dann die erlösende Horizonterweiterung stattfinden soll. Das irdische Leben wurde damit zur Vorstufe degradiert.

In diesem mythologischen Rahmen tritt die Figur "Gott" auf. Man muss diese Sprechweise nicht reduzieren auf die Frage, ob es "Gott" - samt "Himmel", "Paradies" usw. gibt. Sondern man kann die Sprechweise als solche akzeptieren und sie als bildhafte, metaphorische Redeweise verstehen. Die Aufgabe: herausbekommen, was damit einigermaßen im Klartext gemeint sein könnte.

Etwa dies: Die mythologischen Bilder dürfen nicht vom Leben hier und jetzt wegverweisen. Die "Jenseits"-Aussagen - so sei unterstellt - meinen etwas für das jetzige Diesseits. Man könnte beachten, dass man nicht platt von dem Menschen sprechen sollte. Der ist nur körperlich eine Einheit. Seelisch ist er vielschichtig, etwa zu unterscheiden nach: Unterbewusstes - Gefühle - Verstand, wobei heute wieder besser erkannt wird, was FREUD schon vor längerer Zeit meinte: die eigentlich mächtige Instanz in uns ist das Unterbewusste.

"Transzendenz" - um darauf zurückzukommen - könnte also in mythologischer Sprache das Zusammenwirken dieser drei seelischen Instanzen meinen, wobei die mächtigste das Unterbewusstsein ist. Dennoch - obwohl sich direktem Zugriff entziehend - kann man mit ihm kommunizieren, unter Vermittlung der Gefühlsebene, durch Provokationen usw. Veränderungen hier wie dort zumindest anstreben. "Gott" ist dann eine Chiffre für "Unterbewusstes". Vgl. H. Schweizer, "...deine Sprache verrät dich!". Grundkurs Religiosität. Essays zur Sprachkritik. Forum Religionskritik 1. Münster 2002.

1.2 "Vater unser" - Therapie gegen Narzissmus?

Wenn wir schon bei religiöser Sprache sind: Man kann auch das zentrale Gebet des "Vater unser" sprachkritisch beleuchten. Im Wortsinn werden - meist durch Nomina - verschiedene Assoziationsfelder wachgerufen: "Vater, Himmel, geheiligt, Name, Reich, Wille, Erde, Brot, vergeben, Schuld, Versuchung, erlösen, Böses, Reich, Kraft, Herrlichkeit, Ewigkeit". Auf diese inhaltsgesättigten Bedeutungen pflegt man zu achten, versucht sich einen Reim darauf zu machen, denn ein bisschen wirken sie wie zusammengewürfelt, was dann auch Ratlosigkeit auslöst. Aber - sei es durch Abstraktum ("Himmel, Reich, Kraft, Herrlichkeit" usw.) oder Verbbedeutung ("vergeben, erlösen") - es gilt die Tendenz: weg vom Bösen, hin zum Guten!

Nun gut. Eine solche Bitte ist zwar verständlich. Aber wie soll sie eingelöst werden? Soll man tatenlos warten, bis der in mythischer Sprache genannte "Vater" tätig wird? Selbst aber kann man nichts beitragen?

Wer Lust hat, kann sich erstens an 4.02421 (Numerus /) Determination erinnern. Dort war die übliche und nichtssagende Zählerei - "1., 2., 3. Person" - ersetzt worden durch: SP (Sprecher), KP (Kommunikationspartner) und KT (Kommunikationsthema). Zweitens kann man selbst oder in einer Schulklasse das "Vater unser" durchgehen und auflisten, welche der drei Kategorien wo drinsteckt (in wörtlicher oder übertragener Bedeutung). Am Schluss die Befunde auch auszählen!

Einschlägig sind also Vokative - denn damit ist ja ein
Gegenüber = KP angeredet, Abstrakta, vgl. 4.13 Abstrakta,
z.B. ist "Vater" ein Beziehungsbegriff. Pronomina - solche - wie 
man üblicherweise sagt - der "2. Person" = "KP" -, sowie
auslösende Sprechakte, vgl. 4.09 Sprechhandlungen / Sprechakte
sind wichtig.

In erdrückendem Maße wird "KP" die Antwort sein. D.h der Text zwingt den "SP" dazu, das Heil vom Anderen, von woanders her zu erwarten, nicht von sich. Es ist eine Entmachtung des EGO. Nur sollte das Hand in Hand gehen mit einer Analyse des übertragenen Sprachgebrauchs. Denn nur so bleibt man nicht an einer mythologischen Macht im Jenseits hängen, sondern merkt, dass ja lebensnahe und umsetzbare Bedingungen im Leben hier und jetzt gemeint sein können.

1.3 Lesen = 'anstrengend', zugleich 'erfrischend'

Eine etwas merkwürdige Zusammenstellung von Befindlichkeitsaussagen. Denn normalerweise führt Anstrengung zum Müdesein. Anstrengung, die als erfrischend empfunden wird, ist - laut Teilnehmern an der Sommerakademie 2012, vgl.Jährliche Sommerakademie in Blaubeuren [2] (inzwischen eingestellt). - auch möglich. Es war mehrfach bei der Auswertung auf Plakaten nachlesbar. Solche scheinbar widersprüchlichen Aussagen gab es bislang schon oft.

Aus dem Gesamtprogramm sei herausgegriffen, dass zunächst
1 1/2 Tage von F. Kafka "Der Prozeß" bearbeitet wurde.
Keine lange Zeit, erst recht nicht angesichts des Ziels,
doch möglichst bis zur "gemeinten Bedeutung" jenseits der
Wortbedeutung vorzudringen. Zwar war vorausgesetzt, dass der Text 
bereits gelesen worden sei. Aber die Bearbeitung griff doch
viele Passagen heraus, die dann unter verschiedenen
Gesichtspunkten im Detail zu analysieren waren. 
Ziff. 4.9  Literarische Werke - grammatisch analysiert enthält
einige Verweise auf solche Passagen und die jeweils
ergiebigen Gesichtspunkte. Dies durchzuführen,
zusammenzufassen, zu besprechen, zu verknüpfen -
das ist zunächst der anstrengende Teil der
akribischen Lesung. Er wurde im ständigen Wechsel
zwischen Kleingruppen und Plenum durchgeführt.
Aus diesem Grund - aber das wird immer so gehandhabt
auf den Sommerakademien - umfassten die 1 1/2 
Tage auch entspannende Teile, Körperübungen,
reichlich bemessene Pausen, abends Musik bzw. 
Gruppentänze, den "Prozess" als Film.

Der 'Lohn der Mühe', also die Erfrischung, stellte sich zugleich ein: Man hatte reichlich Gelegenheit - trotz der düsteren Thematik - über die Formulierungskunst Kafkas zu lachen. "Lachen" heißt ja immer auch: man lernt eine neue, unerwartete Perspektive kennen. "Kirchlich Bedienstete sind berufsmäßige Schleicher" - und Ähnliches. Die Vielzahl der Lachgelegenheiten zeigte an, dass der Roman in vielen Details mitgebrachte Sprach- und Sehgewohnheiten durcheinanderbrachte, erweiterte. Und - da es nicht nur ums Lachen ging - der abschließende Versuch der Zusammenfassung ergab ein neues Bild der Figur "K.": der Akteur unterliegt zwar am Schluss, aber insgesamt hat er vorbildhafte, anrührende Züge. Die Gegenpartei ("Gerichtswesen") hat Kafka insgesamt derart in Grund und Boden beschrieben, dass der Roman eigentlich nur noch per Mord enden kann. Ein weiteres, die Verhältnisse wieder ins Lot bringendes Kapitel ist unvorstellbar. Die Unverbesserbarkeit des Systems wird damit definitiv unterstrichen. - Also auch Erkenntnisgewinne auf der Ebene des Gesamttextes. - Und neue Erkenntnis erfrischt immer, erfreut, macht dankbar: man konnte viele der mitgebrachten Fragen, Grübeleien, Probleme überwinden. Das befeuert sogar so, dass die zuerst genannte 'Anstrengung' keine Rolle mehr spielte (sie pflegt dann nur nach der Rückkehr von der Tagung mit Macht auszubrechen ...).

1.4 Zur Strafverkürzung

Das Justizsystem Brasiliens macht Gefangenen mit mehrjähriger Freiheitsstrafe das Angebot, dass sie durch Lektüre von poetischer Literatur, die jeweils durch einen Aufsatz nachgewiesen wird, ihre Strafe verkürzen können. Pro Jahr um bis zu 48 Tage. Das Angebot wird sehr gut angenommen und genutzt. Ein Fernsehbericht zeigte einerseits die Verteilung von Literatur in die Zellen hinein, andererseits in einer Art Klassenzimmer aufsatzschreibende Gefangene.

Der Gedanke im Hintergrund: wer liest und dies auch verarbeitet, erweitert seinen geistigen Horizont, lernt neue Handlungs-/Empfindungs-/Argumentationsmuster kennen, tut insofern etwas für seine eigene geistige Ausstattung. Lesen insofern als ein Mittel im Rahmen der Resozialisierung.

1.5 Befreiungstheologie

In Lateinamerika, 2. Hälfte 20. Jhd., entstanden Basisgemeinden, die - als ganz wesentlichen Punkt - die gemeinsame Lektüre biblischer Texte pflegte. z.B. Ernesto Cardenal in Solentiname(Nicaragua) forcierte diesen Ansatz. Der Effekt sollte sein und war es dann auch, dass die Indios sich ihrer selbst mehr bewusst wurden. Daraus entstanden Prozesse der Gesellschaftsveränderung, bis ins Ökonomische hinein (Thema "Ausbeutung"). Das gemeinsame Lesen hatte einen vitalisierenden Effekt, der nahtlos ins Politische hinein wirkte.

Das wiederum war der römischen Kurie nicht genehm. Sie wollte - von Staat zu Staat - mit den Mächtigen paktieren können. Zudem waren durch das gewachsene Selbstvertrauen, -bewusstsein, die Dominanz der Kleriker und der kirchlichen Dogmatik bedroht. Also setzten von Rom her diverse Repressionen, Verurteilungen, Verunglimpfungen der befreiungstheologischen Protagonisten ein. - Der Prozess zeigt überdeutlich, dass ein Lesen, das auch der Alternativ-Grammatik wichtig ist, unverträglich ist mit genuin kirchlichem Denken.

1.6 Selbst-Psychologie

Diese Richtung der Psychoanalyse - Impulsen von H. Wahl folgend - betont, wie wichtig es für den einzelnen Menschen ist, ein lebendiges Gegenüber zu erleben. Als 'Kandidaten' für so ein Gegenüber kommen Personen infrage, oder Texte, oder sonstige Kunstwerke. Wichtig ist dabei, dass der einzelne Mensch dieses Gegenüber in seiner Lebenssituation als Lebensspender erlebt. Man fühlt sich durch das Gegenüber gehalten, getragen, getröstet, gestärkt, ermutigt. Aber auch zunächst weniger positiv erlebte Reaktionen können letztlich als lebensspendend erlebt werden: das Gegenüber stellt mich in Frage, veranlasst mich zu Korrekturen. Wie auch immer: jedenfalls empfindet der Einzelne die Konfrontation mit dem Gegenüber als stabilisierend und motivierend - mit der Auswirkung, dass dieser Einzelne ab da nun auch anderen als förderlich begegnet. Das Gegenüber, das - wie beschrieben - als Lebensspender auftritt und so wahrgenommen wird, wird im Fachterminus als Selbstobjekt bezeichnet.

Bezogen auf Texte ist mit dieser akzeptablen
Zielvorstellung jedoch noch nicht gesagt,
wie man eine solche Begegnung
ermöglichen oder - im Gegenteil - verbauen
kann. Dazu sei auf die weiteren Module in
dieser Ziff. 4.7 verwiesen.
Insgesamt muss die Antwort darin liegen,
dass mit ausreichendem methodischen Bewusst-
sein der Einzelne detailliert genug dieses
Gegenüber = Text wahrzunehmen bereit und
in der Lage ist. - Nur wenn das Gegenüber
im Bewusstsein des Einzelnen eine detail-
lierte Gestalt annimmt, die nicht mehr
großzügig übergangen und weggewischt werden
kann (= Verdrängung), kann das
Gegenüber = Text seine provokative Kraft
entfalten und mich zu Änderungen  zwingen. 
Zumal Provokation meist mitgegeben sein
wird, denn die obigen Effekte dürften in
den seltensten  Fällen durch bloße Bestä-
tigung der bisherigen Weltsicht zustande-
kommen, sondern meist über den (sanften)
Zwang, die bisherige Sicht zu verändern.
Trösten z.B. kann oft dadurch bewirkt werden,
dass neue Sichten und Ausblicke aufgezeigt
werden.  

1.7 Achtsamkeit - Meditation - Genießen

Das Interview (SZ 1.6.2013, Ausschnitt) mit Thich Nhat Hanh zielt natürlich nicht auf die Alternativ-Grammatik. Dennoch kommen uns einige zentrale Aussagen bekannt vor:

Du musst kein Buddhist sein, um unsere Praxis anzuwenden.
Wir nennen sie Achtsamkeit. Das ist die Kunst, in der
Gegenwart zu leben, eine Art von Energie, die du in dir
selbst erschaffen kannst. Sie hilft Menschen, Anspannung
und Trauer loszulassen und ihr Leben mehr zu genießen.
Sie lernen mit ihrem Leid, ihrer Wut, ihrer Verwirrung
umzugehen. Nach einem Seminar bei uns wissen sie, wie
sie mehr Freude und Frieden in ihr Leben bringen, wie
sie die Kommunikation mit Mitmenschen neu aufbauen
können.
Wir tragen zwar den Buddhismus im Namen, unsere Arbeit
ist aber eigentlich universell.
Das hört sich ziemich abstrakt an.
Oh, es ist ganz einfach: Wenn Sie zum Beispiel vom
Parkplatz ins Büro gehen, halten Sie Ihre Gedanken
für einen Moment an. Gehen Sie nur mit Ihren Füßen,
ohne den Kopf, Schritt für Schritt. Es braucht Übung,
aber es bringt Sie ins Hier und Jetzt, es macht
Sie zu einem freien Menschen. Genießen Sie jeden
Schritt. Im Büro angekommen, werden Sie gute
Entscheidungen treffen. Es ist so einfach, wirklich.
Sie sehen die Übungen sind sehr konkret. Und sie
bringen nach wenigen Tagen Veränderung und Heilung.
Sie können es selbst erleben.  

1.71 Grammatik - Achtsamkeit - Meditation - Genießen

Es gibt unbegrenzt viele Felder/Anwendungsbereiche, bei denen ich Achtsamkeit praktizieren und dabei erleben kann, dass sich in mir einiges verändert, ich das Gegenüber nicht nur besser verstehe, sondern auch emotional einen besseren Zugang bekomme, es genieße.

Wer will, kann vollkommen ausgetrocknete, also
harte Brotwürfel in den Mund stecken. Und dann?
- eine Methode könnte sein, so früh wie möglich zu beißen
  anzufangen, zu kauen. Dieser beherzte Zugriff birgt
  Gefahren. Die Zähne können geschädigt werden, die
  Mund-/Rachenschleimhaut. Nach kurzer Zeit sind die
  Brotwürfel auf den Weg zum Verdauungstrakt geschickt,
  - aber gespürt, wahrgenommen habe ich nicht viel -
  außer gelegentlichem Kratzen.
- die Alternativ-Methode: die Würfel bleiben im Mund und
  ich mache zunächst gar nichts. Es geschieht
  dennoch manches, nämlich die Würfel werden eingespeichelt.
  Allmählich werden sie von alleine weich und geben dabei
  ihr Aroma frei. Das hat Neuheitscharakter, hätte man den
  ausgetrockneten Brocken nicht zugetraut. Schließlich
  problemloses Schlucken.

Das Beispiel hilft - nicht wegen der Brotwürfel, aber weil es unterschiedliche Wahrnehmungsarten sichtbar macht. Beide 'Zugriffsstypen' kann man auch beim Betrachten eines Bildes, dem Hören eines Musikwerks, Objekten der Natur, Menschen praktizieren bzw. unterscheiden. Und eben auch beim Gegenüber Text.

- Gebrauchstexte - Nachrichten, Bedienungsanleitung,
  Rechnungen, Rezepte, usw. - sind im Normal-
  fall Kandidaten für die erste, die zupackende Lektüreform.
  Nur wenn es Anlässe zur Verwunderung gibt,
  somit 'Störfaktoren', ist man gezwungen, genauer
  hinzuschauen. Als Leser erwarte ich hierbei keine
  raffinierte Vielschichtigkeit, sondern präzise Information.
- Literarische Texte sollte man mit der 'Alternativ-Methode'
  angehen. Denn bei ihnen gibt es meist
  viel zu entdecken, was eben nicht sofort zugänglich ist.
  Geduldiges Betrachten, unterstützt durch ein
  grammatisches Bewusstsein, hilft, die Lupe schärfer
  zu stellen. Dann können sich Genießen und
  Staunen einstellen. Der Text wird dann auch nicht
  'abgehakt', er hat nicht 'seine Schuldigkeit getan',
  sondern er geht mit einem, regt immer neu zu weiteren 
  Reflexionen an. 

Mit dem Schlagwort der "Entdeckung der Langsamkeit" ist die zweite Methode nur zur Hälfte umschrieben. Es gehört ergänzend dazu: zwischendurch die "Reflexion über Sprachmechanismen", so dass einem bewusst wird, was mit Sprache alles "gedreht" (Handke) werden kann.


1.8 Statt Gehirnjogging ...

Interview (SZ 1.6.2013, Ausschnitt) mit Neurowissenschaftler L. Jäncke:

...
Warum ist Gehirnjogging dann trotzdem inzwischen zu
einer Art Trendsport geworden?
Wer spürt nicht den Wunsch, seine Denkleistung zu
verbessern oder den geistigen Verfall im Alter
aufzuhalten? Deshalb suchen vermutlich viele
Menschen verzweifelt nach Möglichkeiten, den
Abbau ihrer grauen Zellen aufzuhalten.
Was halten Sie von Hirntraining-Programmen
am Computer?
Viel besser wäre es, etwas zu üben, das man
dann auch im Alltag anwenden kann: Musizieren,
eine Sprache lernen oder einen Literaturklub
gründen. Wenn man sich nach einem Gehirnjogging
irgendwelche Zahlen oder unsinnige Zeichen
besser merken kann, finde ich das ziemlich
nutzlos. Bei Patienten mit Hirnstörungen,
etwa nach einem Schlaganfall, kann Hirnjog-
ging aber wertvolle Dienste leisten: Es kann
ihnen helfen, die Hirnfunktion langsam wieder
zu verbessern. Auch bei Menschen, die sich
viele Jahre lang nicht geistig betätigt
haben, kann das ein Einstieg sein.
Was hilft wirklich, damit man bis ins hohe
Alter geistig fit bleibt?
Bewiesen sind körperliche Bewegung, soziale
Kontakte und geistiges Training. Letzteres
bedeutet dabei nicht einförmige Übungen am
Computer, sondern geistigen Input verschiedener
Art: anspruchsvolle Kreuzworträtsel lösen,
Sachbücher lesen, Schach lernen oder einen
Tanzkurs machen. Wichtig ist außerdem, dass man
Krankheiten konsequent behandelt, die die Hirn-
durchblutung stören können wie Bluthochdruck.
Die Zeit für Hirnjogging am Computer kann man
sich sparen.

1.81 Schnell-Lesen mit App ?

Texte physisch wahrzunehmen, ist ein Vorgang, der bei uns in die (Ausdrucks-)SYNTAX gehört, wird auch von Wahrnehmungspsychologen untersucht, kann inzwischen gar per App unterstützt werden, so dass man tatsächlich schneller liest als vorher, weil das Auge nicht mehr selbst von einem Wort zum nächsten hüpfen muss.

Neben dieser äußeren Seite des Lesens interessiert natürlich letztlich die auf den Ebenen SEMANTIK/PRAGMATIK: man möchte inhaltlich in das Gelesene eindringen, es verstehen, verarbeiten, auf neue Gedanken kommen usw.

Beide Stränge arbeiten gegeneinander: je schneller ich lese/zu lesen vermag, desto oberflächlicher mein Textverstehen. - Eigentlich wenig überraschend. Vgl. [3]

Daher zielen unsere Vorschläge im aktuellen Kapitel darauf, das Lesen zu verlangsamen - damit nicht nur das nächste Wort in den Blick kommt, sondern auch Anspielungen, Querverbindungen, Nicht-Gesagtes, gesellschaftliche Rahmenbedingungen usw.

1.9 Entwicklungspsychologie - andere Zeitwahrnehmung

Folgende entwicklungspsychologische Einsichten brauchen nicht durch schwierige Reflexionen erarbeitet und hergeleitet zu werden. Der einfache Menschenverstand genügt:

Mit zunehmendem Alter gestaltet man das eigene Leben
anhand entwickelter Routinen, Standards, die
sich bewährt haben. Auch Denkmuster zur Beurteilung
dessen, was draußen in der Welt vor sich geht, erlauben
immer schnellere Urteile, werden oft als Bestätigung dessen
aufgefasst, was man ohnehin schon weiß - aufgrund der
bisherigen Lebenserfahrung. 
Der Nebeneffekt: Subjektiv hat man den Eindruck, dass
die Zeit immer schneller abläuft. Das wiederum löst
Unzufriedenheit und Ängste aus.
Ein Lesen, das die Wahrnehmung verlangsamt - durch
künstlerische Mittel, ungewohnte Sprachbilder, gedankliche
Wendungen, Humor, Provokationen usw. und - wie von uns empfohlen
(vgl. 4.74 Text als "Vektor", darin bes. Ziff. 1.1 - durch
die spezielle Präsentation des Textes -
erzwingt erhöhte Aufmerksamkeit, Nachdenken, Diskutieren,
Erschließen, was Autor/Autorin wohl beabsichtigt hatten. 
Der Nebeneffekt: Subjektiv hat man den Eindruck, dass
die Zeit langsamer abläuft, qualitativ erfüllter,
interessanter, anregender, spannender ist. Das wiederum löst
wachsende Zufriedenheit aus.


2. Protest gegen den Text

2.1 G. Grass, Meissner Tedeum

Das Lyrische Ich richtet viele kritische Fragen an den überlieferten religiösen Text. Es sind vorwiegend Fragen, die existenziell auf die Wortbedeutung reagieren. Es ist nicht so, dass erst auch noch die Anstrengung der Suche nach der gemeinten Bedeutung gemacht worden wäre und dann Kritik geäussert würde. vgl. [4]

2.2 "Himmelfahrt"

Theologe kommt damit nicht klar, findet nicht den Weg zur übertragenen Bedeutung und weicht aus: [5]


3. Protest gegen Bücher

Es ist eine wichtige Grundvoraussetzung, dass ich selbst bestimmen kann, was ich lese. Dies ist nicht selbstverständlich. Es gab in der Geschichte häufig genug Zensur, Bücherverbrennungen, in der katholischen Kirche den "Index" u.ä. In solchen Fällen bevormundet eine autoritäre Behörde, inwiefern die Untertanen sich geistig weiterbilden können - und welche Bereiche, weil subversiv, verschlossen zu bleiben haben. Die entscheidende Frage: Darf dem "WUNSCH ZU WISSEN", dem Wunsch nach Erweiterung des eigenen geistigen Horizonts, nachgegangen werden - am besten in einem lebenslangen, nie abgeschlossenen Prozess -, oder wird dies verboten?

3.1 Anfangszeit des Islam

Aus: S. Gouguenheim, Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel. Darmstadt 2011, S.103-105:

"Obwohl nicht gesichert ist, dass Amr ibn al-As...
als General des Kalifen Omar I. die Bibliothek
von Alexandria 646 in Brand steckte - viel wahr-
scheinlicher ist, dass er ein zufälliges Feuer
nicht löschen ließ - zeigt ein ihm zugeschrie-
bener Satz den geistigen Zustand der Eroberer:
'Wenn diese Bücher schon das enthalten, was im
Koran steht, sind sie überflüssig. Wenn sie Dinge
enthalten, die ihm zuwiderlaufen, sind sie
schädlich'. In beiden Fällen war es unerheblich,
dass die Bücher und Schriften verbrannten.
   Die Zurückweisung oder Gleichgültigkeit
gegenüber allem Griechischen zeigte sich auch
durch die Zerstörung der Klöster als kulturelle
Stützpunkte, wobei die Araber nicht anders handel-
ten als die Wikinger. Selbst der Berg Athos hatte
unter heftigen Angriffen zu leiden. Auf dem
'heiligen Berg' der Orthodoxen wurde das Kloster
Moni Vatopediou, das so reich und berühmt wie
Moni Megistis Lavra oder Moni Iviron war, 862
zur Hälfte ausgeraubt...
   Als allgemeine Richtlinie galt: Zerstörung der
Schriften mit religiösem Inhalt, aber Prüfung
der wissenschaftlichen Texte. In seltenen Fällen
zählten Bücher auch zu den Tributzahlungen der
besiegten Byzantiner an die Araber."

Etwa zeitgleich, also zu Beginn des Mittelalters, war in Europa bereits der Wunsch stark, das eigene Wissen auszuweiten, somit Zugang zu den Texten=Abschriften "der Welten des antiken Griechenland und des antiken Rom" (41) zu bekommen.

4. Vorlesen

4.1 ... stärkt Familien

Auszug aus einem Artikel der SWP, Ulm, 30.10.2014:

"Es war einmal..." ist alles andere als ein alter
Hut. Wenn Mütter oder Väter ihren Kindern Märchen
und andere Geschichten vorlesen, geht es um weit
mehr als ein Einschlaf-Ritual
... Denn mit einer Geschichte in Kuschel-Atmos-
phäre können Gespräche entstehen. die Eltern viel
über ihr Kind verraten - von Wünschen bis Ängsten.
Und viele Kinder genießen die ungestörte Nähe von
Mama oder Papa fast so sehr wie die Gute-Nacht-
Geschichte selbst.
Umzüge, Trennung, Tod der Großeltern, wachsender
Alltagsstress, Kita, Schule und neue Medien: Eine
Kindheit in Deutschland kann anstrengend sein.
Vorlesen heißt da oft: Innehalten und den Luxus
ungeteilter Aufmerksamkeit genießen - oft bei
Kindern und Eltern gleichermaßen. 
"Es geht ja nicht allein um die Entwicklung von
Sprachvermögen, einen größeren Wortschatz und
Ausdrucksvermögen", sagt Simone Ehmig, Leiterin
des Instituts für Lese- und Medienforschung der
Stiftung Lesen. Kinder erführen in Geschichten
auch Dinge, die über ihre Erlebniswelt hinaus-
gingen. Das erweitere den Horizont, fördere
Fantasie und Empathie. 
In vielen Familien geht es nicht allein um
die Geschichten. Sie sind oft Anknüpfungs-
punkt dafür, über den Alltag zu reden, über
das Miteinander, Regeln, Werte, Ärger, Freude
oder über den Ausflug am Wochenende. "Beim
Vorlesen können wir häufig auch Themen an-
sprechen, für die in unserem Alltag kein
Platz ist.", hat mehr als die Hälfte der
Eltern in der Umfrage geantwortet.
Und wer liest vor? "Vor allem Erwachsene,
die selbst viel und gerne lesen und dies
als Genuss auch Kindern vermitteln wollen",
sagt Petra Wieler, Professorin für Grund-
schulpädagogik ... Es müssen nicht allein
die Eltern oder Großeltern sein, in Berlin
gibt es zum Beispiel auch Lesepaten an
Schulen. ... Kinder mit Vorleseerfahrung
könnten sich auch die Unterschiede zwischen
Realität und Fiktion leichter erschließen.
Auch Wieler betont, wie wichtig das Gespräch
beim Vorlesen ist. "Das fängt schon beim
Frage-Antwort-Spiel zu allerersten Bilderbü-
chern an", sagt sie - mit der simplen Frage:
"Was ist das?" Wenn ein Kleinkind dann etwa
"Ball" antworte, sei bereits das eine große
Leistung. Denn das Wiedererkennen und Benennen
einer Abbildung fordere das Gehirn in diesem
Alter enorm. 
Vorlese-Kinder lesen später oft selbst viel
und gern, nutzen aber auch alle anderen Medien.
Kinder, die ohne Ansprechpartner allein vor
dem Fernseher geparkt werden, greifen
dagegen seltener zum Buch - und geben das gute
Vorlese-Gefühl oft auch nicht an die nächste
Generation weiter.

4.2 ... bewahrt vor Fehldeutungen

In unserer Grammatikkonzeption ist die Ausdrucksebene, vgl. [6], eine ganz eigenständige Schicht im Sprachverständnis: mit eigenen Elementen - Laute, ihre Verbindung, genauso: Schriftgestaltungen -, die einen von den Bedeutungen unabhängigen Mitteilungswert haben. Im günstigen Fall passen die mitgeteilten Bedeutungen und die Art des lauten Lesens bzw. die Schriftgestaltung gut zusammen. Dann gewinnen Leser/Hörer den Eindruck, die übermittelte Botschaft überzeuge, sei verstehbar.

Es kann sich jedoch auch eine Kluft auftun: Ausdruck + Bedeutung widersprechen sich. Der Hintergrund kann sein,

  • dass der Sprecher beide Ebenen nicht zusammenbringt: er weiß nicht so recht, was er inhaltlich sagt; oder er sagt etwas, aber ganz andere Bedürfnisse wühlen in ihm und verdrehen dadurch seine Aussage, auch seinen "Ton";
  • oder positiv: die Art, wie gesprochen bzw. geschrieben wird, unterstützt sehr gut, was inhaltlich gesagt sein soll. - Letztlich führt eine solche 'Passung' zum Thema "Kunst".
G. Grass, Mein Jahrhundert, 284ff, diene als Beispiel:
Bedeutungen: Es geht um den Kniefall von Kanzler Brandt in
Warschau (1970). Was dazu von G. geschrieben wurde,
lässt zweifellos Entrüstung erkennen, Spott, Ablehnung. Wer sich
nicht genauer auf den Text einlässt, wird aber möglicherwei-
se irritiert: Kommt letztlich nicht die frontal gegenteilige
Meinung von G. Grass zum damaligen Kanzler durch? - Was dann
auch wieder verwundert - hatte doch Grass jahrelang für SPD und
Brandt 'getrommelt'. Was gilt also? 
Ausdrucksseite: Die Übertragung einer Lesung der Passage durch
den Autor im Funk beseitigt letzte Zweifel. Gelesen wird im Tonfall
eines rechten, vielleicht noch NS-infizierten Polterers, der die
kniefällige Bitte um Vergebung, das Schuldeingeständnis rüde
zurückweist, als geplant publikumswirksam (Presse), den BK als
einen seiner Sinne nicht mächtigen Säufer darstellt usw. usw. 
Die Art des Lesens durch den Autor macht klar, dass
inhaltlich nicht womöglich Meinungen von Grass
wiedergegeben werden, sondern dass dieser Einstellungen
unverbesserlicher Nazi-Anhänger in Worte fasst und
entsprechend derb artikuliert. Im aktuellen Fall geht es
also nicht darum, dass Ausdrucks- und Bedeutungs-Ebene
sich widersprechen würden. Aber weil die Bedeutungen
so deftig und derb sind, und man zusätzlich geneigt ist,
bei solch bedeutsamen politischen Akten zunächst die
Meinung des Schreibers = Autors wiederzuerkennen, hilft
die Lesung, von diesen Kurzschlüssen abzurücken:
der Autor bringt die Stimmungslage des rechten Mob
zum Ausdruck.
N.B. als weiterer Beitrag der Ausdrucksebene: das
beigegebene Aquarell (ebenfalls von Grass) unterstützt
unsere Sichtweise. Einsamkeit und Konzentration/Besinnung des
BK 'kommen zum Ausdruck'. All das verbale Gepolter (Text
im Wortsinn) ist weggewischt.
Im aktuellen Beispiel sorgen also zwei Stränge der
Ausdrucksseite - Aquarell und aufgeregt-entrüstete Tonlage -
dafür, die wiedergegebene Meinung richtig zu loka-
lisieren und dadurch zu entlarven, als indiskutabel
zurückzuweisen.

4.3 Vorlesen - mit bisweilen eigenen Riten

"Einen Augenblick, bitte,", bat Tuma, der Emigrant,
holte seine Brille aus ihrem ledernen Etui und setzte
sie auf. Die anderen grinsten, weil Tuma immer nur mit
Brille Geschichten lauschen wollte. "Ja, jetzt kann
ich dir genau zuhören", fügte Tuma hinzu und lächelte
zufrieden.
"Das verstehe ich nicht", sagte Mehdi. "Der alte
Sokrates pflegte zu sagen, wenn einer seiner Schüler
schweigsam dabeisaß: 'Sprich, damit ich dich sehe',
und du willst mit den Augen hören?"
"Ja, Mann!" stöhnte Tuma.
"Also gut, aber bevor ich mit meiner Geschichte anfange,
möchte ich euch, meinen lieben Freunden, verraten,
warum ich gerne erzähle. Ich erzähle gerne, weil eine
der Geschichten, die ich als Kind gehört habe, mich
verzaubert hat. (...)"

aus: Navid Kermani, Erzähler der Nacht. Weinheim Basel 1989. S.59