4.72 Warum Grammatik?

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

"Grammatik" - üblicherweise ein ungeliebtes, verstaubtes Fach. - Vielleicht konnte hier vermittelt werden, dass in revidierter Form die Fähigkeit zum Nachdenken über die Sprache lebensnotwendig ist. Allein deswegen, weil uns kein anderes Medium zur sinnhaften Orientierung in der Welt zur Verfügung steht als die Sprache. Und da man mit Sprache "jedes Ding drehen kann" (Handke), gibt es auch keine absoluten, letzten Erkenntnisse. Immer gibt es eine Alternative. Sprachreflexion immunisiert gegen ideologische Verhärtungen. Und da keiner alles wissen kann, ist Kommunikation ebenfalls lebensnotwendig.

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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Paradoxe Geistesgeschichte

Wenn der Eindruck nicht ganz täuscht, dann stehen sich in der geschichtlichen Zeit, die wir überblicken, zwei Tendenzen gegenüber, die nicht gekoppelt und synchron abliefen:

  1. Natürlich hat man schon in der Antike vielfältig die Erfahrung gemacht, dass es verschiedene Sprachen gibt, folglich benötigte man Schulungen, Hilfsmittel (z.B. Bilinguen - Verträge in Stein gemeißelt, aber schön parallel in zwei Sprachen), auch Grammatiken, folglich entsprechende Fachgelehrte, um die Verständigung über Sprachgrenzen hinweg zu ermöglichen. Das ist eine Banalität, von der Lebenspraxis her gefordert. Handelsbeziehungen und politischer Austausch wären anders nicht möglich gewesen. Nur zum Kriegführen benötigte man keine Fremdsprachenkenntnisse, sondern - quasi monologisch - die besseren Waffen und Strategien. - Aber nicht nur für praktische Zwecke beschäftigte man sich mit Sprache, sondern auch auf künstlerischer Ebene - mit vielen Zeugnissen sprachlicher Hochkultur.
  2. Beachtet man die Entwicklung der Philosophie - nehmen wir die Zeit ab Platon und Aristoteles, drängt sich der Eindruck auf, dass - trotz aller Modifikation, die der zweite einbrachte, v.a. Platon eine Denkweise ins Spiel brachte, die über lange Zeit, z.T. bis heute, die Gemüter bewegt. Davon war schon die Rede gewesen in: [1]. Auch wenn Vereinfachungen gefährlich sein können: diese Sichtweise sei als sprach-un-bewusst charakterisiert. Zu schnell wurde von Objektivität bzw. von Wirklichkeit, Wahrheit, Ebene der Ideen als der allein realen gesprochen, ohne ausreichend zu betrachten, was der formulierende Mensch, sein Geist, mit seinem Werkzeug Sprache einbringt. Aristoteles mit seinen Kategorien hat in dieser Richtung gearbeitet. Aber: Erst der Nominalismus um 1300 brachte die Sprache in den Blick, er markiert eine Wende, erst danach - kein Wunder - entwickelte sich eine Subjektsphilosophie - man denke an Descartes und Kant - und viele andere. Erst auf dieser Linie konnte sich eine Sprachphilosophie (20. Jhd bis heute) ausbilden.

Es sei somit gefragt, ob es nicht an der Zeit sei, die Punkte (1) und (2) beim Thema 'Natürliche Sprache' zu verzahnen? Es sei nicht behauptet, dass die Alternativ-Grammatik dies schon ausreichend leistet, jedoch die Forderung erhoben, auf diesem Weg weiterzugehen - auf dass beide Seiten von einander profitieren. Im Rückblick kann man jedenfalls sagen: Wo die Stränge nicht verknüpft waren, hat das weder der Grammatik noch der Philosophie gut getan. Erstere verkümmerte zur zwar nützlichen, aber trockenen 'Technik', konnte weitergreifend nicht zeigen, dass sie zum besseren Verständnis des Lebens beitragen könne. Letztere verstieg sich - sprachfern - in ungeheuer abstrakte Gedankenwelten, entfernte sich von Kommunikationen unter Menschen, förderte abgehobene 'philosophische Glaubensschulen'.

  • Als Nebenbemerkung: Eine Folgeerkenntnis könnte sein, dass es zu wenig ist, den Manichäismus für eine teilweise heute noch praktizierte Leibfeindlichkeit, für ein dualistisches Denken, verantwortlich zu machen: Verachtung des gegenwärtigen Lebens, Streben nach der verheißenen göttlichen Lichtwelt. Mag diese Spur nicht falsch sein, so ist sie umschlossen von der umso wichtigeren und breiteren des Platonismus. Bei ihm ist die Abwertung des Endlichen, der Schattenwelt, eingebaut, eigentlich "real" sind die "Ideen". - Das heißt umgekehrt: Vermehrte und ausreichend differenzierte Beschäftigung mit Sprache / Texten / Kommunikationen schließt die Chance ein, schon sprachlich mehr an Nuancen wahrzunehmen, sich somit besser in Kommunikationen zu behaupten, sich aber auch angemessener auf die Komunikationspartner einzustellen. - Das wäre ja doch ein 'Dienst an der Gesellschaft'!

0.2 Humor als Testfall?

'Spielen mit der Sprache', das können nur Menschen - und sie sollten es auch tun! Denn dadurch wird praktisch angeeignet, dass Sprache und sog. 'Wirklichkeit' nie eins zu eins verkoppelt sind. Anders gesagt: Kein Sachverhalt zwingt, dass man ihn nur in ein und der selben Weise aussagt. Es gibt immer sprachliche Alternativen. Folglich kann man bis hin zum Nonsens mit Sprache spielen. Es ist folglich konsequent, dass wir ein eigenes Kapitel "Humor" haben: Vgl. [2].

In mehreren Modulen sind Witze eingestreut. Außer dass sie lustig sind - (hoffentlich!) - zeigen sie, dass damit schon Kinder - unbewusst natürlich - Einzelthemen, -logiken grammatischer Art spielerisch ausprobieren - und zugleich Sprache und Wirklichkeit ent-koppeln. Damit wird ein Trainingsfeld etabliert, das den Menschen angemessen ist.

Eine Stufe tiefer, bei den Primaten, gibt es keine Sprache, die der der Menschen in punkto Leistungsfähigkeit vergleichbar wäre. Aber es gibt auch das Bedürfnis, für das Überleben wichtige Kompetenzen spielerisch zu trainieren. Täuschungsmanöver laufen dann eben auf der Ebene der körperlichen Bewegung ab. Die innere Logik ist somit vergleichbar, nur reicht die geistige Kompetenz nicht aus, um ein Ausdrucksmittel wie die Sprache zu entwickeln.

Man könnte somit testen, ob eine Philosophie, ein religiöses oder sonstiges Gedankensystem, Humor verträgt, integriert hat. Wenn ja, dann wird eingeräumt, dass die Gedankenwelt eben eine Gedankenwelt ist, dass folglich auch ganz andere Aussagen und Sprechweisen möglich wären. Hat Humor jedoch keinen Platz, ist alles wichtig und gravitätisch, womöglich mit Sanktionen belegt - bis hin zur Existenzbedrohung, dann ist das System eben nicht nur humorlos, sondern zeigt, dass es nicht verstanden hat, wozu Sprache fähig ist, und dass sie eine Parallelwelt zur sogenannten 'Wirklichkeit' bildet. Geistig bewegen können wir uns nur in der Parallelwelt. Einen Direktzugang zur 'Wirklichkeit' - an Wahrnehmung, geistiger Verarbeitung und Sprache vorbei - gibt es nicht.

Ohnehin sollte man von jedem Gedankensystem verlangen, dass es eine ausgearbeitete und alltagstaugliche Grammatik vorlegt (mit der man auch Humor beschreiben und intensiver genießen kann). Denn nur dann ist nachgewiesen, dass man sich mit Sprache ausreichend beschäftigt hatte...