4.74 Text als "Vektor"

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Was ein Text sei, ist mit dem vorigen Modul sicher noch nicht vollständig beantwortet. Ein weiterer Aspekt ist der Unterschied zwischen der statischen und der dynamischen Lektüre. Wem der Unterschied nicht klar ist, der erliegt in der Praxis standardmäßig der statischen Sicht und wundert sich womöglich, dass der Text ja doch etwas trocken und langweilig sei. Stattdessen sollte man die dynamischen Prozesse rekonstruieren bzw. die Fähigkeit erst einmal einüben, die ein Text von einem abverlangt. Dabei kann man häufig genügend Überraschungen erleben. "Text als Vektor" schließt somit die Vorstellung von einer gerichteten Kraft ein. Der Textbeginn weckt schon Vorstellungen, wie es weitergehen und enden könnte. Die Kunst des/der Urheber/s/in besteht darin, dies einzukalkulieren - und den Erwartungen entweder zu entsprechen oder gezielt davon abzuweichen. Ein Strategiespiel findet statt zwischen Urheber/in und Wahrnehmenden von Text/Musik/ usw.

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0. Theorie

0.1 "Vektor" in doppeltem Sinn

Die trivialste Form, einen Text als "Vektor" zu verstehen, besteht darin, dass man sieht: die sprachliche Botschaft ist linear strukturiert: die Schriftzeichen oder die Laute beginnen einmal, haben eine gewisse Länge/Dauer, und enden dann. Das wäre der unleugbare Blickwinkel der Ausdrucksebene ((Ausdrucks-)SYNTAX).

Darin erschöpft sich das Thema nicht. Im Hintergrund steht, was der Autor/Komponist sequentiell entwickeln wollte. Er bringt - z.B. im Fall eines symphonischen Satzes (genauso übertragbar auf Romane u.ä.) sich und die Zuhörer zunächst in eine vorbereitende Phase. Dann wird vielleicht verhalten zum ersten Mal ein Thema dieses Satzes vorgestellt, mehrfach, sich steigernd wiederholt. Dann wird das Thema "durchgeführt", variiert. Gegen Schluss kommt es zur Reprise, zur Klimax, bis ein überzeugender Schluss geboten wird.

Man muss sich nicht am klassischen Sonatensatz orientieren. Moderne Musikwerke/Texte haben ihre ganz eigenständige Abfolge, aber es ist eine gewollte, der geistigen Konzeption des Urhebers entsprungene Abfolge. Es handelt sich nicht bloß um eine schreib- und lesetechnische Notwendigkeit. Auf dieser konzeptionellen Ebene hat der/die Urheber/in viel an geistiger Kraft investiert.

Aus beiden Gründen ist jegliche Wahrnehmung des Werks, die nicht der unumkehrbaren Richtung folgt, verhängnisvoll.

0.11 Dynamik oder Ansammlung von Notizzetteln?

In direkter Folge von 0.1 stellt sich für Lesende (auch: Musiktreibende) die Frage, wie sie das Werk verstehen.

Bei Musik besteht die große Gefahr, sie
als Zusammenstellung von Motiven, Themen zu
verstehen. Diese sind attraktiv, aber eben
in einem Sonatensatz verstreut untergebracht.
Die Passagen dazwischen - braucht man irgendwie
-, aber eigentlich interessant und gern
gespielt sind jene thematischen Abschnitte. -
Das ist natürlich eine Karikatur, aber
eine verbreitete. Didaktisch besteht für
MusikdozentInnen die Aufgabe darin, das
ganze Werk in seiner Struktur, seinen
Phrasierungen zu vermitteln. 
Kein Musikstück, kein Text, ist eine Ansammlung
von Notizzetteln - untereinander wenig verbunden,
mit Lücken, wobei die Notizzettel ("Themen") in
willkürlicher Reihenfolge aus dem Stapel genommen
werden können. 

Im Fall von Texten fördert die Zweigleisigkeit von Sprache das Notizzettel-Missverständnis: (a) die lineare Abfolge der Ausdrucksseite ist festgelegt; aber - (b) - parallel dazu wird die Bedeutungsseite entwickelt (nicht so bei Musik). Diese verleitet dazu - dann in eigener Formulierung -, einzelne Passagen komprimiert auf "Notizzettel" zu schreiben und damit weiterzuarbeiten. Der festgelegte dynamische Ablauf des Gesamttextes ist damit missachtet. Im Fall von Sprache geht es nicht nur darum, die Phrasierungen zu erkennen - das wäre genaue Textanalyse; sondern man muss eigens darauf bestehen, von den Inhalten her das Werk nicht zu zerstückeln, neu zu mischen, in Abhebung von der originalen Ausdrucksseite im Grund zu zerstören.


0.2 "Lyrikverführer" ?

- so lautet der Titel des Buches von U. Greiner, München 2009 erschienen. Laut Untertitel - "Eine Gebrauchsanweisung zum Lesen von Gedichten" - dürfte das Buch für unseren aktuellen Punkt einschlägig sein. Daher wird es hier vorgestellt (aber nicht förmlich rezensiert).

Auch wenn anschließend Kritik zu üben sein wird, zuvor der ernstgemeinte, überhaupt nicht gönnerhafte Hinweis: Die Lektüre des Buches ist zu empfehlen, liefert Lyrik-InteressentInnen nützliche Informationen - zu Fragen des Metrums / des Verses, biografischen Details der Poeten, geistesgeschichtlichen Strömungen; außerdem hilfreiche Interpretationshinweise zu einzelnen Gedichten.

Jedoch ist auch die Differenz zu unserem Leseverständnis offenkundig. Praktiziert wird die statische "Draufsicht auf das gesamte Gedicht". Die strenge Lektüre vom Anfang her, die erst einen "allmählichen Erkenntnisprozess" auslöst, ist kein Thema. "Text als Vektor"? - Fehlanzeige.

Laut Kapitelüberschriften sei ein Gedicht eine "Erzählung", "ein Lied", "ein Gefühl", "eine Idee", eine "Form", ein "Rätsel", ein "Spiel" - 7 Abstrakta, Vereinfachungen nach Readers Digest-Manier. Man nenne, bitte, ein Gedicht, das ein Gefühl ist! Der Normalfall: eine Vielzahl von Gefühlen, oft widerstrebenden, wird durch anschauliche Beschreibungen, Andeutungen, ja Leerstellen wachgerufen. Dass eine Identität besteht - 'Gedicht' = 'Gefühl' - ist außerdem unvorstellbar und verquer. Ein Abstraktum ist aufzulösen, vgl. 4.13 Abstrakta, darf nicht unkritisch als Dingbegriff weiterverwendet werden. Im konkreten Fall: Von der Gefühlswelt 'welcher Person' ist eigentlich die Rede?

Wahrscheinlich von der des Poeten. Und wie sollen/können die Leser/Hörer daran teilhaben? Ein höchst spannender Prozess. Er hat wesentlich mit dem sukzessiven Wahrnehmen des Gedichttextes, -struktur, sehr vielen Einzelheiten zu tun - Vektor eben.

Aber Gedanken zu "Lektüreerfahrungen am gegebenen Text entlang " erspart sich, wer platt davon redet: Gedicht = Gefühl". Die - natürlich unsinnige - Implikation: Autor und Leser benötigt man nicht. (Nebenbei: dem längeren und differenzierten Rilke-Zitat wird Greiner mit seiner Readers Digest-Einstellung gerade nicht gerecht).

Ähnlich kritisch könnten die weiteren Abstrakta durchgegangen werden. Das ersparen wir uns. Immer wenn ein Gedicht auf ein Abstraktum, auf eine Art Gattungsbegriff reduziert wird, ist vielleicht nichts vollkommen Falsches gesagt. Uns aber interessiert, wie im Detail der Leseprozess abläuft, welche Gedankenaktivität sukzessive dabei angestoßen wird. Eben: "Text als Vektor"

Methodisch kann man sagen, dass - in der Sprache der "Alternativ-Grammatik" - Greiner zwar häufig auf der Ebene der "(Ausdrucks-)SYNTAX" arbeitet, was natürlich sinnvoll ist: Reim, Versmaß, Alliteration, Assonanz usw. Aber die Bereiche SEMANTIK / PRAGMATIK fehlen. Mit der Bedeutungskonstruktion des jeweiligen Textes wird nicht gearbeitet - stattdessen wird viel zu früh auf das Thema 'persönliche Erfahrung' umgeschaltet.

Das titelgebende Stichwort "Verführer" trifft zu -
aber nicht ganz so kreativ, wie es sich der Autor wohl
vorgestellt hatte. Es bleibt bei der werbetechnischen 'Masche'.

0.3 "Ausdruck" <=> "Gefühl"

Die Umgangssprache bewahrt oft Sichtweisen, die vollkommen akzeptabel sind, die aber standardmäßig missverstanden werden. Man merkt es dann, wenn man zwischendurch genauer auf die übliche Redeweise schaut. "Diese ausdrucksvollen Züge!" - von denen (= seine eigenen) ist van Bett in Lortzings "Zar und Zimmermann" (seine Visage im Spiegel) begeistert. - Oder ein Klaviervortrag - sagen wir von Chopins 'Grande Valse brillante' - wird gelobt, der sei in [es folgt ein Adjektiv] Ausdruck vollzogen worden.

Gemeint ist damit jeweils, eine überzeugende Gefühlswelt
sei damit sichtbar geworden. Gemeint ist somit ein hohes Lob -
Eigenlob des van Bett oder Lob des Pianisten durch den
Rezensenten.
Gesagt, sprachlich verwendet, wurde ein
Substantiv, das von "ausdrücken" herkommt.
Die Bedeutung verlangt einen 1.AKTANTEN
- der ist beim Klaviervortrag klar: der Pianist.
Aber auch einen 2.AKTANTEN, das, was ausgedrückt wird.
Das ist dann wohl jene Gefühlswelt,
vgl.[1]
Gespielt hat der Pianist aber keine Gefühle,
sondern Noten - umgesetzt in eine technisch
anspruchsvolle Tastatur und Mechanik. Und zwar
in exakt der Reihenfolge und Phrasierung,
wie sie Chopin schriftlich vorgegeben hatte.

Die Umgangssprache hat also das vollkommen richtige Verständnis von Ausdruck bewahrt, oder auch das Verständnis des Notentextes als Vektor - auch wenn der Begriff dabei nicht verwendet wird: Wäre der Pianist nicht genau dem Notentext gefolgt, hätte es hinterher geheißen, der Interpret hätte das Werk verhunzt, hätte sich erdreistet, stattdessen - entgegen der Ankündigung - eine Paraphrase zu bieten.

Was im Konzertbetrieb Standard ist - man muss
darauf achten, dass im Literaturunterricht
nicht andere, viel 'großzügigere' Standards
gelten, man sich also mit 'Wiedergaben in
eigenen Worten', 'Zusammenfassungen' usw.
zufrieden gibt. Fallen Gesamtduktus des
Werks, aber auch Phrasierung im Detail
aus der Aufmerksamkeit heraus, haben plot 4.1121 "plot" - Handlungsverlauf des Textes im Wortsinn
und story 4.1122 "story" - Handlung des Textes nah am Wortsinn 
das Werk selbst verdrängt/zerstört. - Man merkt
es daran, dass von 'faszinierender Gefühls-
welt' nichts mehr zu spüren ist.
Ein paar hehre und abstrakte Gedanken als
Extrakt beschäftigen nur noch abgehoben
den Verstand.

0.31 Klavierabend mit Barenboim

Der Rezensent - Kanold, SWP 16.12.2013 - teilt offenbar unser 'Textverständnis'. Höchste Präzision auf der Ebene der Noten (=Ausdrücke) - dann wird das Hören von selbst zur spannenden Entdeckungsreise auch in der Welt der Gefühle, insofern zum Genuss:

"Das Klavier, hat Barenboim einmal gesagt,
sei eigentlich weit weniger interessant als
andere Instrumente: 'Jedes Gewicht, das auf
die Tasten niedergeht, erzeugt einen Ton, ob
es Rubinsteins Finger, ein Aschenbecher oder
ein Stein ist.' Aber dann folgen der zweite,
der dritte, vierte Ton, und es beginnt 'das
Konzept der Schönheit'. Kein Ton erklingt wie
der andere, Färbung, Intensität, Lautstärke
variieren. Das ist tatsächlich Barenboims
Kunst: Wenn er sich dem romantischen Kosmos
einer Schubert-Romantik hingibt, Miniaturen
formt und ausleuchtet und die sinfonische
Dimension nicht vergisst. Wie er Motive,
Harmonien findet und auskostet: Klingt da
eine Kadenz im Andante der A-Dur-Sonate
nicht schon wie eine Hallenarie der Elisabeth
aus Wagners 'Tannhäuser'?
   Aber Barenboim will nichts streng behaupten,
es zählt die Verspieltheit, die Ruhe, das
wundervolle Piano, die Heiterkeit, auch das
Wissen um den Ernst bis zur letzten, wie staunend
hingehauchten Devise der D-Dur-Sonate. Man sollte
im Konzert das Gefühl haben, 'dass man mit den
Gefühlen denken, und mit den Gedanken fühlen
kann,' sagt Barenboim. Sein Auftritt war so
analytisch klar wie brillant und verzaubernd.
Feinste Kammermusik - im Riesensaal vor 2000
Menschen."

0.4 SCHREIBEN

Die Alternativ-Grammatik versucht zu befähigen, dass wir angemessen auf schon vorliegende Texte reagieren, auf sie bewusst und konzentriert eingehen. Dadurch bleibt unbetont, was vorausliegt, dass nämlich ein poetischer Text erst einmal geschrieben werden muss. Was spielt sich ab beim kreativen Schreiben? Technische Aspekte verbinden sich mit seelischen Vorgängen. - Einige Zitate aus: H-J- Ortheil, Der Stift und das Papier. Roman einer Passion. München 2015:

(54) Viele der Tagesseiten auf quadratischem Paus-
papier liegen jetzt vor mir. Es ist erstaunlich wie
ordentlich sie aussehen. Die Angaben des Wochentags
und des Datums erscheinen in Druckbuchstaben, 
und meist habe ich die Trennlinie darunter mit einem
Lineal gezogen. An jedem Tag haben die Angaben
eine andere Farbe, und es ist deutlich zu sehen, dass
ich die Buntstifte jedes Mal fein gespitzt ha-
be, so dünn, klar und deutlich wirken die Buchstaben
und Zahlen. Die kleinen Texte sind immer mit 
Bleistift geschrieben, während die Zeichnungen aus
dem Bildwörterbuch Duden wiederum in ganz un-
terschiedlichen Farben angefertigt wurden. Die
Ausschnitte aus den Tageszeitungen schließlich sind
längst etwas vergilbt, aber die Fotos und Bilder sind
noch gut zu erkennen, obwohl sie Jahrzehnte 
alt sind. 
   Die Idee, jeden Tag eine Tagesseite und damit eine
fortlaufende Chronik herzustellen, empfinde ich
heute als genial. Sie ist eine der wichtigsten Ideen
meiner kindlichen Schreibschule, durch die ich 
ein deutlicheres Empfinden von Zeit erhielt. Die Tage
vergingen nicht einfach oder verliefen ins Leere,
sondern sie wurden bewusster erlebt.
(153f) Mit kaum sieben Jahren hatte ich endlich
gelernt, mein Wortschatz und meine Verständigungskünste
aber waren zu dieser Zeit unterentwickelt, ganz zu
schweigen vom Schreiben, das ich überhaupt noch nicht
beherrschte. Mich an das Schreiben heranzuführen, mich
mit ihm zu beschäftigen - das war der Versuch,
mich vor Rückfällen in die Sprachlosigkeit zu bewahren.
Ich sollte, wie es immer wieder hieß, für immer
'normal' werden. 
   Niemand aber konnte damals ahnen, dass ich ein
derartig besessener Schreiber wurde, dem das Schreiben
so viel bedeutete. Ich kämpfte nicht damit, sondern
ich war vom ersten Moment (der ersten Krakelei, dem
ersten Kritzeln und Linienziehen an) davon geradezu
in den Bann gezogen. Woher aber kam das, wie ent-
stand diese prägende Initiation, die mein ganzes Leben
bis zum heutigen Tag so stark geformt hat wie 
nichts anderes?
(156f) Auf befreiende Weise spielte dabei mit, dass
in keinem Moment dieses Unterrichts um "Literatur"
ging. Weder mein Vater noch meine Mutter dachten
auch nur eine Sekunde daran. Es ging vielmehr um "das
Schreiben", es ging um die Entwicklung des Wort-
schatzes und der Ausdrucksfähigkeit, es ging um das 
Vergnügen, mit Wörtern die Welt zu bestimmen, zu
umkreisen und schließlich auch neu zu entdecken. So
hatte ich in diesen frühen Jahren das nicht zu
unterschätzende gute Gefühl, in eine zweite "Schule"
(eine Schule ganz anderer Art als die mir auferlegte)
zu gehen.
   Diese zweite Schule scherte sich nicht um einen
Kanon, und sie machte es sich erst recht nicht zur
Pflicht, anerkannten Texten lesend und deutend zu
dienen. Was stattdessen als Erstes zählte, war der
eigene, von einem selbst geschriebene Text. Damit
es zu diesem Text kam, bedurfte es der vielfältigsten
Anregungen. Ein Teil dieser Anregungen bestand aus
anderen Texten, aber niemand konnte vor ihrer Lektüre
bereits sagen oder festlegen, worin die Anregung
hätte bestehen sollen. So las ich einen Text zunächst
ohne Blick auf einen Zweck oder eine beabsichtigte,
erhoffte Wirkung. Der fremde Text gehörte nicht in
ein Korsett, sondern war zunächst einmal eine freie,
offene und jederzeit zu verlassende Spielfläche.
Indem man ihn so offen behandelte und auch weiter
so mit ihm umging, war er weder etwas ein für alle
Mal Fixiertes, noch etwas Abgehobenes, Heiliges.
Er war vielmehr ein Text, vergleichbar den Texten, 
die durch mein Schreiben entstanden.
(270) Papa sagt, ich solle mir mit der Schreibmaschine
Zeit lassen. Auch in Zukunft würden wir nämlich
alle Texte mit der Hand schreiben. Die Schreibmaschine
sei nicht für das eigentliche Schreiben, son-
dern nur für das Abtippen bestimmt. Abtippen würden
wir bestimmte Texte, die wir mit Hilfe des Kohle-
papiers mehrfach kopieren und aufheben. Solche
Texte seien ganz besondere Texte, die wir in eigenen
Ordnern sammeln und damit besonders würdigen.
Möglich sei auch, dass wir Kopien verschenkten. Die
Verwandten (wie zum Beispiel der Großvater im
Westerwald) würden sich darüber sehr freuen. Durch die
Schreibmaschinenschrift machten wir es ihnen leichter,
einen meiner Texte zu lesen. Aber auch andere
Menschen könnten dann meine Texte lesen, als wären sie
gedruckt.
(274) Das Tippen der Hämmerchen, ihre schnörkellose,
harte und fordernde Art machten mich unruhig. Ich
mag es nicht, dass die Hämmerchen so auf sich auf-
merksam machen. Sie sollen mich in Ruhe nachdenken und
Satz für Satz schreiben lassen, anstatt mich herum-
zukommandieren. Was haben sie mir überhaupt zu sagen?
Sie sollten Gehilfen des Schreibers und keine Wichtig-
tuer der Schrift sein. Zum ersten Mal denke ich
länger über das Schreiben nach, und so ist es Zeit
für eine neue Rubrik (Schreiben):
Das Schreiben mit der Hand ist für mich genau das
richtige Schreiben. Bevor ich damit anfange,
überlege ich, welchen Stift ich nehme und welches Papier
(welche Sorte, welches Format). Das aber
reicht schon zum Schreiben. Das weiße Papier löscht die
vielen, noch überall herumstreunenden Gedanken
und fordert Konzentration. Dann setzt der Stift an und
bringt erste Ordnung in das Gewimmel. Ich
schreibe einige Wörter, sie ergeben eine Linie und eine
Folge, und schon entsteht langsam ein gründ-
lich erarbeiteter Text.
   Das Schreiben mit der Maschine stört meine
   Konzentration. Wenn ich damit schreibe, kommt es mir vor,
als übernähme die Maschine das Schreiben. Nicht ich
diktiere ihr meinen Text, sondern sie redet mit oder
übernimmt sogar die Herrschaft über ihn. "Schreib das
doch groß", flüstert sie, oder: "Nicht so viele
Buchstaben in einer Zeile! Und das G bitte groß! Und vor
und nach 'merkwürdig' bitte jeweils zwei Häkchen!"
(382) Jetzt, am Ende des langen Textes, weiß ich, warum
das Schreiben zu meinem einzigen, wie für mich ge-
schaffenen Metier geworden ist: Es versetzt mich in
meine stumme Kindheit zurück, und es macht aus mit das
Kind, das schreibt. Schreiben ist für mich ein durch
und durch kindlicher Akt, der aus dem stummen
Dunkel in eine lebendige, helle Gegenwart führt. Höre ich
auf damit, erlischt diese Empfindung sofort. So
dass ich - möglichst bald und möglichst ohne längere
Unterbrechung - wieder mit dem Schreiben beginnen muss.
   Ich erlebe das Schreiben also wie eine Sucht, die mich
am Leben erhält. Kommt es zu einem Ende, ist die
Gefahr da, dass ich wieder in die dunklen Zonen der
frühsten Kindheit zurücksinke. Aus. Schluss. Nicht
mal mehr ein Lallen. 
 

0.5 ERZÄHLEN - HÖREN

Vgl. das Zitat S.107f aus der Erzählung von Rafik Schami in: [2]. Beachte auch Zitat von S.114: "Kinder als Zuhörer".

1. Textbeispiele

1.1 Enzensberger-Gedicht

Es wird hier [3] ein Gedicht so geschrieben, dass man den Text als Vektor respektieren muss.

Bitte folgende 'Betriebsanleitung' beachten:
Wer die Datei ausdruckt, bekommt das Gedicht auf 18 
Seiten.
Diesen Stapel mit der obersten Seite nach unten
auf den Tisch legen!
Die Lektüre beginnt damit, dass die letzte Seite zuerst
abgehoben, umgedreht und gelesen wird. Es steht darauf
nicht mehr als die Gedichtüberschrift - und die Zeilen-
zählung. Der Blick voraus in den Text ist verwehrt. Man
muss sich somit - etwa in einer Lektüregruppe - mit
nichts als diesen zwei Worten beschäftigen. Selbst dazu
wird einem einiges einfallen.
Es bleibt auch ungesagt, von wem das Gedicht stammt. Wer
will, darf rätseln, bekommt aber keine Antwort - weder
von den zuerst aufgedeckten = nur den Textanfang zeigenden
Blättern, noch von der Person, die den Text bereitge-
stellt hat. Es soll keine Einladung ergehen, Zusatz-
informationen einfließen zu lassen. Zunächst soll nichts
als die sprachliche Struktur sprechen. 
Sobald der Gedankenaustausch zur 1.Zeile versiegt, nimmt
man das nächste Blatt hinzu.
Darauf ist auch die Zeile 1 nochmals abgedruckt, wie
auch die neue Zeile 2 - usw. 
Man wird häufig beobachten, dass das neue Blatt einen
Überraschungseffekt auslöst. Was auch zeigt:  Der
bisher gelesene Text hatte eine gerichtete Kraft
entwickelt, also Erwartungen. Es ist eine Pointe,
wenn der/die Urheber/in von diesen Erwartungen abrupt
abweicht. Dabei ist auch immer wieder zu sortieren:
Was drückt die Zeile direkt aus? Durch welche Wörter /
Konstruktionen? Was aber sind meine privaten Zusatz-
einfälle?

Der Blick zurück in das, was man schon gelesen hatte, ist also freigegeben. Der Blick nach unten, in den weiteren Textverlauf, ist verwehrt. Das ergibt die Möglichkeit / den Zwang, auf jeder Zeile zu formulieren, welchen Kenntnisstand man aktuell hat, wo man Korrekturen anzubringen hat, weil der Poet nun doch einer anderen Linie folgt. Damit wird bewusst, welche Veränderungen einem durch den Poeten bei Hinzunahme der Folgezeile aufgezwungen werden. Insgesamt werden die Irritationen, die jedes gute Gedicht auslöst, bewusst und beschreibbar.

(Im aktuellen Fall kann man - anschließend - unsere Ausführungen zum Thema "Grammatisches Geschlecht" hinzunehmen. Der Poet nutzt die übliche Gedankenlosigkeit der Grammatikterminologie aus. Vgl. 4.0241 Genus – grammatisches »Geschlecht«)


1.2 Morgenstern-Gedicht

Geschrieben / aufbereitet / und dann gelesen wie das vorige Beispiel kann man folgendes Gedicht von Christian Morgenstern behandeln:

Winternacht

Es war einmal eine Glocke,
die machte baum, baum ...
Und es war einmal eine Flocke,
die fiel dazu wie im Traum ...
Die fiel dazu wie im Traum ...
Die sank so leis hernieder,
wie ein Stück Engleingefieder
aus dem silbernen Sternenraum.
Es war einmal eine Glocke,
die machte baum, baum ...
Und dazu fiel eine Flocke,
so leis als wie ein Traum ...
So leis als wie ein Traum ...
Und als vieltausend gefallen leis,
da war die ganze Erde weiß,
als wie von Engleinflaum.
Da war die ganze Erde weiß,
als wie von Engleinflaum.

Liest man - wie beim vorigen Gedicht vorgeschlagen - streng und langsam von Anfang an, reizt das Morgenstern-Gedicht bald zum Lachen: Die Wiederholungen sind bald vorhersagbar. Der Text tritt auf der Stelle; Leser merken, dass ihre Erwartung, es möge sich etwas verändern, es möge eine Dramatik, ein Höhepunkt, eine Sinnspitze deutlich werden, konsequent durchkreuzt wird. Diese primären Reize betreffen also Beobachtungen zur Ausdrucksseite: 4.012 Feste Wortketten / Zitate / Anspielungen / Kollokationen / Idiome. Weil er sich allzu häufig wiederholt, scheint der Text nicht zu leben, scheint sich bei einigen Klischees aufzuhalten.

Auf Bedeutungsebene werden auch Erwartungen geweckt: 4.5 Wachgerufene Zusatzgedanken (Implikationen) - Die Stichwörter Winter, Glocke, baum, Flocke, Englein, Stern, weiß lassen den Kontext von Weihnacht erwarten. Aber derartige Erwartungen werden nicht erfüllt. Die scheinbare, ja penetrant genannte Idylle wird doch nicht bestätigt.

Dass sich der Text gegenüber dem, was zunächst offenkundig (und banal) zu sein scheint, konsequent verweigert, weckt die Frage nach: 4.113 Übertragener Sprachgebrauch - Übergang zur gemeinten Bedeutung (mit Unterpunkten). baum, baum - klingt nicht nach Festgeläut, eher nach Monotonie, vielleicht nach Totenglocke? Die Betonung von "weiß", das alles bedeckt, könnte Symbol für Leichentuch sein. Englein verweisen auf eine andere Existenzform, fern von realem Leben, vieltausend gefallen leis - das muss sich nicht auf "Flocken" beziehen, die in jener Strofe nicht genannt werden. Es könnten auch "Gefallene" in einem Krieg gemeint sein. - Auf der Ebene der übertragenen Bedeutung ergibt sich somit ein konsistentes Bild.

Nun zeigt sich: Ausdrucksseite und Bedeutungsseite verstärken sich. Auf ersterer drohte tödliche Stimmung wegen klischeehafter Wiederholungen, auf letzterer wird verschlüsselt genau dies angesprochen: Mit falsch verstandenen und der Idylle dienenden Aussagen (Klischees) werden Grausamkeiten = Sterben im Krieg zugedeckt. Statt dagegen aufzubegehren wird - rechtfertigend - religiöser "Engleinflaum" darüber gebreitet. - Das anfängliche Lachen bleibt Lesern im Halse stecken.


1.3 August Stramm-Gedicht

Sturmangriff

Aus allen Winkeln gellen Fürchte Wollen

Kreisch

Das Leben

Vor

Sich

Her

Den keuchen Tod

Die Himmel fetzen

Blinde schlächtert wild um das Entsetzen

Beschreibung von J. Germann: August Stramm, 1874-1915
(in Russland gefallen): In der Überschrift wird das Thema
exakt angesprochen: wie der lyrische (?) Sprecher einen
Sturmangriff im Krieg erlebt, unmittelbar und äußerst
intensiv. Ein "Sturmangriff" erfolgt durch die Soldaten
einer militärischen Einheit, Grenadiere, die zu Fuß über
das "Schlachtfeld" laufen und die Stellungen des
"Feindes" erobern. Dabei werden viele Soldaten der
ersten Angriffsreihen von den Geschossen der
Feindes-Einheiten getroffen und getötet.
Was hier nüchtern klingt, bringt Stramm aus eigenem
Erleben völlig anders vor, sprachlich gleichsam so
unnormal wie solch ein tödlicher, todbringender
Angriff auf die Stellungen des Feindes. Der
Ausgangspunkt sind die Stellungsgräben, deren
Winkel die Soldaten zum Sturmangriff verlassen.
Stramm thematisiert deren (und seine) "Fürchte"
im ungewöhnlichen Plural, ebenso "Wollen" - ein
Übermaß an Lebensängsten und Überlebenswillen, die
sich nur noch als gellende Schreie derer äußern, die
in das Feuer der Gegenseite stürmen - todesnahe,
lebenwollende, um ihr Leben schreiende Menschen.
Die Krieger sind in namen- und gesichtslose Menschen
verwandelt, die nicht einmal als Subjekte formuliert
sind, sondern als Abstrakta, pluralisiert: Furcht
und Wollen zu "Fürchte" "Wollen", die "gellen".
Die Anordnung der folgenden Zeilen ist in diesem
Zeilengedicht ohne jegliche Reim-, Versform und
Rhythmus nur noch als lineare Vorwärtsbewegung
imitiert, wie hier in der Leserichtung von oben
nach unten, so beim Sturmangriff: vorwärts.
Und so verdreht wie im Krieg, so verdreht ist
hier von Stramm die Situation in Worte gefasst.
Es ist das Leben, das den Tod vor sich her
treibt, wobei das Leben nicht als momentan
"kreischend" als Partizip Präsens, sondern mit
einer neugeschöpften Wortbildung in Dauer-
Eigenschaft "kreisch" zum Adjektiv(adverb)
gewandelt ist und somit gar nicht mehr
aufhört, dies zu tun. Dagegen ist jegliches
Partizip Präsens Ausdruck eines zeitlich
begrenzten Tuns, Daseins, Denkens (lachende
Kinder, drückende Schwüle, quälende
Erinnerungen). Auch der Tod, hier
paradoxerweise vom Leben getrieben, keucht
nicht in diesen Augenblicken, sondern ist
auch schon zu "keuch" als einer
Dauereigenschaft verwandelt.
Die paradoxe Erfahrung: die Lebenden treiben
den Tod, indem sie ihn unter den Feinden
verbreiten - sofern nämlich sie am Leben
bleiben und andere töten -, ist ganz gegen
die üblichen Metaphern und Redeweisen von
Krieg, Sterben und Tod in ungewöhnliche
Worte gefasst.
Wie der Anfang sozusagen ein einziger Moment
war - der vor dem Beginn des Angriffs, so
ist die Schlusszeile des Textes gemünzt
für das Ergebnis dieser Angriffsdynamik -
im Zuge dieses Angriffs geschieht etwas,
das gar nicht mehr mit normalen Worten
und Sätzen real wiedergegeben werden kann,
sondern nur "ausdrucks-explosiv"; der
Ausdruck "expressionistisch" trifft hier genau.
Raum und Zeit zerbrechen zu einem zerstörten
Zustand, der in völliger Blindheit
(in "Blinde" ist das Adjektiv "blind" zum
Nomen gemacht, wo eigentlich nur ein
isolierter Blindheitszustand sprachlich
zulässig wäre - hier ist das jedoch zur
Dauereigenschaft der Menschen geworden)
der Agierenden, nicht mehr als solche
genannten MenschenSoldaten, die blindlings
- wahllos alles andere "schlachten"
(iterativ und intensiviert zu
"schlächtern" umgewortet: sinnloses
Gemetzel an ihresgleichen). Zugleich
füllt sich der Raum von dem "Entsetzen"
über ihre Töterei.
Solches wahn-sinnige Tun-Erleben-Sagen
kann nicht mehr mit normalen,
gewöhnlichen Sätzen und vertrauten
Worten wiedergegeben werden. Das Unerhörte,
Unfassliche, Unnormale muss sich
unerhörter Worte, scheinbar ungrammatischer
Wortarten-Wechsel und anormaler
Wortfügungen und Satzbauweisen
bedienen. Was hier "falsch" erscheint,
ist angesichts der perversen Situation
von Menschen beim Sturmangriff
zutreffend auch verbal per-vertiert.
Stramm gibt einem Ausnahmezustand und
-gefühl ungewöhnlich angemessen wie
ver-"rückt" gegenüber dem Frieden-Leben
einen expressiven, ja übliches Dichten
sprengenden Ausdruck. Ermessen kann man
das daran, dass man diesen Text, wollte
man ihn laut sprechen, ab der zweiten
Zeile nicht mehr sprechen, sondern
schreien müsste, maßlos und
unerträglich kreischend und keuchend,
um in der letzten Zeile ... zu verstummen.

1.4 kürzerer Erzähltext - Legende / Martin Walser

Schreib- und kopiertechnisch stellt diese kurze Erzählung (Teil eines Kapitels) vielleicht eine Grenze dar für die hier vorgeschlagene Lektüreform: [4] Bitte beachten: Formatiertechnisch stellt hier S.1 auch den Einstieg in die Lektüre dar. (In [5] war die letzte Seite der Lektürestart gewesen.) - Also dafür sorgen, dass beim Lesen von S.1 nicht schon S.2 eingesehen werden kann usw.

Das Beispiel kann zweierlei illustrieren:

  • Das Verständnis "Text als Vektor" kann auch für Erzähltexte gelten. Während im Original der Text ohne Abschnittsgrenzen durchläuft, wurde er bei uns nach gedanklichen Einheiten "portioniert". Im Gegensatz zu den obigen Gedichten stammt die Segmentierung also nicht vom Autor.
  • "Text als Vektor" - diese Lektüreform kann durchaus an kurzen/kürzeren Texten "geübt" werden. Man kann darauf vertrauen, dass der, der in dieser Weise sensibilisiert ist, dann, wenn ein längerer Text (Novelle, Roman) gelesen wird, sorgfältiger liest und mehr entdeckt. (Einen wirklich langen Text wird man nicht in dieser luxuriösen Weise schreiben, braucht es aber auch nicht).--Hs 15:37, 14. Jul. 2011 (UTC)

1.5 Gedicht von Hilde Domin

Der Text - wie beschrieben - präsentiert, verlangt Zeit und aufmerksames Wahrnehmen, schön der Reihe nach. [6]

1.6 Aussätzigenheilung: Mk 1,40-45

Schon bei der Frage der "Interpunktion" - vgl. 4.0602 Interpunktion -, und wie Luther damit umgeht, war der Text behandelt und zugänglich gemacht worden.

Der selbe Text soll nun für gemeinsames, langsames und aufmerksames Lesen zur Verfügung gestellt werden. Folgende Merkmale kommen hinzu:

  1. Wer den Text ausdruckt (35 Seiten) und dann mit der obersten Seite nach unten auf den Tisch legt, hat den Stapel in der Reihenfolge, wie sie für langsames Lesen benötigt wird. D.h. die anfangs 'unterste' Seite liegt nun obenauf. Zunächst nimmt man nur sie wahr, bespricht, was darauf zu lesen ist. Es ist nur die Überschrift - aber selbst da kann einiges hochkommen: Luthers Stellung zur Schrift, seine Übersetzertätigkeit, darin sein Affront gegen die römische Kirche usw.
  2. Die "Virgeln" wurden schon bei der Interpunktion besprochen, s.o. Sie werden nun ernst genommen, d.h. mit ihnen beginnt eine neue Zeile. - Die einzelnen Zeilen sind am rechten Rand durchnummeriert, zur besseren Verständigung.
  3. An einer Stelle wird - durch "*" markiert - eine andere Übersetzung angeboten: Es ist breiter Konsens in der textkritischen Wissenschaft, dass ursprünglich der Text an dieser Stelle schroffer war (wie in der Übersetzung angedeutet) und später geglättet und abgemildert wurde. Uns interessiert die ursprünglichere Fassung.
  4. Wie schon in 4.0602 Interpunktion betont: die Versnummerierung war bei Luther nicht enthalten, dient lediglich unserer leichteren Orientierung.
  5. Wer will, kann nach der sorgfältigen Textbeschreibung aktualisierende Impulse hinzunehmen wie:[7] (Ziff. 7.2) - und andere.

Der Text - wie beschrieben präsentiert - verlangt Zeit und aufmerksames Wahrnehmen. Die papieraufwändige Schreibung zwingt auch zum langsamen Lesen:[8] Selbst anscheinend belanglose Zeilen wie z.B. die Redeeinleitung dürften in einem derartigen Kontakt wichtig werden: Thema "Kommunikation und Heilungsprozess". Aber sammeln Sie selbst Ihre eigenen Erfahrungen!


2. Lyrik - Reflexion

2.1 Keine Spezialmethode, aber andere Ergebnisse

Bisweilen wird die Meinung vertreten, das Lesen von Lyrik verlange spezielle Lektüre-Gesichtspunkte. Dann wird z.B. auf die Beachtung des Metrums verwiesen, Reimstruktur natürlich.

Hier wird die Auffassung vertreten, dass Lyrik keine spezifischen Lektüreaspekte benötige, sofern das Methodenraster der Alternativ-Grammatik zur Verfügung steht. Es sorgt dafür, dass die Merkmale, die bei Lyrik ausgeprägter sind (z.B. Reim), im Rahmen der Ausdruckssyntax erkannt und beschrieben werden.

Ansonsten ist es der Text selbst, der z.B. durch gebundene Form dafür sorgt, dass man zu Ergebnissen kommt, die sich von solchen zu Erzählungen unterscheiden. Bedeutungsmäßig können/müssen lyrische Texte mit den selben Kategorien aus Semantik/Pragmatik angegangen werden, wie andere Textgattungen.

Was stärker ins Gewicht fällt, ist auf Ausdrucksseite die Doppelung: meist hat man in schriftlicher Form den Text vorliegen. Man muss sich aber vorstellen, wie er auf akustischem Kanal klingt. Leser müssen sozusagen eine Kopie in den anderen Übermittlungskanal anfertigen und können dann phonetisch und in punkto Metrum argumentieren. Nur an der schriftlichen Fassung vorgehend würde man vieles davon nicht erkennen können.

3. Musik

3.1 Kontrast zum Gewohnten

Bei großen Komponisten pflegt man ihre genialen Einfälle, wunderschönen Melodien usw. zu rühmen. = das ist eine statische Sicht. Sie erweckt den Eindruck, dass da einer eben genial war, ein Wunderkind usw. Dankbar rühmen und genießen wir seine Hervorbringungen.

Diese Sicht muss ergänzt werden: Statt auf den einzelnen Menschen nur zu schauen, sollte - dynamisch - gesehen werden, wie er sich zur bisherigen Musiktradition verhält. Je wird herauskommen: er schuf neue Formen von Themen, ihrer Verarbeitung, oft sogar neue Orchestergestaltungen, bis hin zur Integration neuer Instrumente. Mit Sprache und Rhythmus wird im Rahmen der Musik so umgegangen, wie man es nicht zu hören gewohnt war.

Indem man sich auf ein derart neuartiges Werk einlässt, das man nicht schon hundertmal von der CD oder via Radio gehört hat, macht man zwangsläufig serienweise neuartige Erfahrungen, bis dahin - so in einem modernen Flötenstück von Agnes Dorwarth für Kinder -, dass sich Spieler/Spielerin am Schluss umfallen lässt. - Auch das im Widerspruch zum gewohnten Konzertbetrieb ...