4.75 Todsünden beim Lesen

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Komme niemand mit dem Hinweis, Lesen lerne man in der Grundschule und dann beherrsche man es! Dass dem nicht so ist, müssten die vorausliegenden grammatisch-literarischen Begriffe, Reflexionen bewusst gemacht haben.

Im Idealfall, dass man nämlich ein gedankliches Gerüst wie die 'Alternativ-Grammatik' (oder ein ähnliches, wenn es das gibt...) gelernt und geübt hat, tendiert die Gefahr nachfolgend geschilderter 'Todsünden' gegen Null. Durch Blick auf Nachbardisziplinen wie Hermeneutik, Psychologie, sollte die Gefahr von Fehlorientierungen aber klar gesehen und diese folglich vermieden werden. Bei Nichtbeachtung können schnell schlimme gesellschaftliche Wirkungen entstehen, auch für einen selbst als Leser bzw. Autor.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Narzissmus vermeiden!

- dazu ist eine einigermaßen bewusste Grammatikvorstellung - auch schon auf Schulniveau - da! Die Frage ist immer, wozu das, was mir entgegentritt, -steht = Objekt (Text, Musikwerk, Bild usw.), dient bzw. dienen soll. Mit Anleihe aus der Psychologie: Ich als Betrachter, Leser, Hörer stehe - ob ich es will oder nicht - grundsätzlich vor der Alternative:

  1. Soll das "Objekt" = Kunstwerk spontan und schnell an meinen mitgebrachten Einstellungen, meinem Geschmack, meinen Voreinstellungen gemessen werden? "Gefällt mir" heißt dann: 'Passt zu meinen bisherigen Prägungen'; "Gefällt mir nicht, ist abzulehnen" heißt: 'Widerspricht meinen Erfahrungen, die ich bislang zugelassen habe, folglich lehne ich das Objekt ab!' - Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass aufgrund der spontanen Reaktion das "Objekt" - wegen mancher Ähnlichkeiten mit Werken, die ich schon kenne - mit denen in die selbe 'Schublade' gesteckt wird. Die Wahrnehmung/Auseinandersetzung ist dann schnell beendet, weil man denkt: "Kenn ich schon!"
  2. Oder ich enthalte mich längere Zeit eines Werturteils. Stattdessen nehme ich zunächst - beschreibend: Details wahrnehmend, Zusammenhänge entdeckend - jenes vielleicht fremdartige, ungewohnte Objekt wahr. Das braucht Zeit und Geduld. In Ablösung der schnellen Gefühlsreaktion wird der Verstand zunehmend tätig und registriert erstmal einzelne Details und macht sich - darauf aufbauend - allmählich die Gesamtstruktur des Werks klar. Darauf bezogen, folglich erst am Schluss der Wahrnehmung, kann und darf dann ein Werturteil folgen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass das Kunstwerk - wenn es sich denn um ein solches handelt - nun nicht lediglich schon vorhandene Überzeugungen unterstützt, mir also nichts Neues "sagt", sondern mir neue Lichter aufsetzt, ungewohnte Aspekte ins Spiel bringt, mich in meinen mitgebrachten Einstellungen korrigiert, mich verblüfft.

Unter "Narzissmus" verstehen Psychologen - dem alten griechischen Mythos folgend - eine bloße Spiegelung: in dem, was mir begegnet, erkenne ich immer nur mich selbst wieder - und bin natürlich begeistert über die erneute Bestätigung meiner Person. Nebeneffekt: Die Überzeugung wird zementiert, dass ich mich nicht zu verändern brauche, sondern in jeder Hinsicht schon unvergleichlich entwickelt und "gut" bin. Eine im Extremfall vollkommen statische Lebenseinstellung. Und: Die Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk ist abgeschlossen, abgehakt - hat kaum Neues erbracht.

Die Gegenposition weiß um die eigene Begrenztheit und die Notwendigkeit, sich ein Leben lang zu entwickeln, zu verändern = dynamisch. Objekte wie Kunstwerke werden verstanden als Hilfen, neue Aspekte des Lebens zu entdecken, in sich aufzunehmen. Kunst ist deswegen wichtig, weil innere Erschütterungen, Veränderungen Zeit benötigen, Anstrengung. Im vorübergehenden Wahrnehmen, schnellen Aburteilen ereignet sich nichts. Denn: Das seelische Gerüst jedes Menschen ist durch große Trägheit, Unlust zur Veränderung, gekennzeichnet. Das hat ja auch positive Seiten, sorgt für Konstanz, Berechenbarkeit im Kontakt mit anderen. Aber auf Dauer ist es notwendig - entgegen den eingebauten Widerständen -, das seelische Gerüst immer wieder umzubauen. Mit bloßem Willensentschluss geht das nicht. Kunst - und der damit verbundene gedankliche Aufwand beim Wahrnehmen, Verarbeiten - ermöglicht solchen 'seelischen Umbau', ist eine Einladung dazu.

0.2 Achtsamkeit - nicht nur für Rosinen

Vgl. [1] - jedenfalls für das Andere, das Gegenüberliegende, nicht von mir Erzeugte. Das kann schließlich auch ein Text sein. Und Methode sorgt dafür, dass ich mich im fremden Text nicht nur spiegele, bloß meine Lieblingsideen wiederentdecke, also in die Falle des Narzissmus tappe. Neue Erkenntnisse sind möglich, damit auch Veränderung bei mir selbst.


1. Heldenanbetung statt Textlesen

1.1 Moderner Komponist

Anlässlich des runden Geburtstags eines Komponisten trifft sich im Kulturprogramm eines Senders eine Gesprächsrunde, redet über den Jubilar und spielt Werke von ihm ein. Nichts dagegen - zunächst. Wenn aber die Redakteurin - schon im Tonfall anbetungsvoll säftelnd - zig-fach den Menschen bejubelt, andere fragt, ob er "eitel" sei, wenig später, ob er "religiös" sei - und dies, noch bevor eines der Stücke = 'Texte' näher besprochen und gespielt wurde, dann sind die Gewichte verrutscht: Primär interessieren die Werke, nebenbei mögen manche biografische Details, Anekdoten usw. einfließen. Es ist aber nicht Aufgabe einer Musikredaktion, Heldenverehrung zu betreiben - sie weckt sonst die Nachfrage, ob die Jubelnden womöglich mit der Musik doch nicht soviel anfangen können... Der Jubel würde dann Ratlosigkeit übertünchen.

2. Nicht geleistetes Training in Textbeschreibung

2.1 Einzelerfahrung

... die laut dem Buch Krach oder Grammatik?/H. Schweizer - so ist zu fürchten - verbreiteter Standard sein dürfte:

Ein Abiturient bekommt eine Woche vor der
schriftlichen Prüfung ein Raster diktiert,
worauf man bei der sprachlichen Analyse
im Abi achten solle. Im Sinn der traditio-
nellen Grammatik durchaus akzeptable
Beschreibungsgesichtspunkte, auch wenn sie
etwas unsystematisch daherkommen und manches
Interessante fehlt.
Selbst wenn die Punkte während des Diktierens
mündlich erläutert worden sein sollten -
das sei einmal angenommen, obwohl im Mitschrieb
keine Beispiele enthalten  - was ist "direkte
Beschreibung", was dagegen "indirekte"? Was
ist ein "Euphemismus"? Was versteht man unter
"Hyperbel"? Wie beschreibt man Redebeiträge
/Dialoge? Ahnungen des Gemeinten waren
vorhanden, aber nichts, das man analysierend
unmittelbar in die Tat hätte umsetzen können.
- Mag schon sein, dass im Laufe der Schul-
jahre auch der Schüler seinen Teil zu diesem
dürftigen Wissensstand beigetragen hat. Aber
insgesamt zeigt das: vom Lehrplan her sollte
die Gewichtung umgedreht werden. Das bewusste
und sorgfältige Sprachbeschreiben sollte über
die Jahre hin systematisch trainiert werden. 
Eine Woche vor der Prüfung das Defizit im
Crash-Kurs nachholen zu wollen, ist -
didaktisch - lächerlich und beweist nur
das schlechte Gewissen der Pädagogen. Und das
Erreichen der Trainingsziele wäre erst im
Zeitraum zuvor noch zu überprüfen und insofern
zu sichern gewesen. Dann müssen die Schü-
lerInnen nicht wenige Tage vor dem Abi mit
einer Flut von Ratschlägen überfordert werden.
Über eine sorgfältige Sprachbeschreibung
ergibt sich die Auseinandersetzung mit den
Inhalten automatisch.
Praxis scheint dagegen zu sein: man gibt
sich mit Akteurskonstellationen und Inhalten
ab - aber abseits unmittelbarer Sprach-Ana-
lyse. Angestoßen durch schlechtes Gewissen
wird diese kurz vor der Prüfung nachgeholt
- in der Hoffnung, der 'Nürnberger Trichter'
wirke. 

Dies ist ein Lehrplanproblem, nicht das des individuellen Versagens von Lehrer oder Schüler. Lehrer können in einer solchen Situation nichts anderes machen, als zu retten versuchen, was zu retten ist. - Noch weitere Aspekte:

  • eine Teilaufgabe im Deutsch-Abi war dann, dass ein Textausschnitt "sprachlich" beschrieben werden sollte (wohl im Sinne des obigen 'Schnellkurses'). Auf die Nachfrage, ob der Abi-Kurs das in den Monaten zuvor (am besten: noch früher) denn regelrecht geübt habe, die Auskunft: nein, man habe allgemein die Sprache der Poeten (Dürrenmatt, Kafka) charakterisiert. - Sorry, aber dieses verbreitete, zusammenfassende, nebulöse allgemein weckt bei mir Aggressionen ...
  • eine andere Teilaufgabe hieß, man solle einen Dialog beschreiben. - Nachfrage, ob man das denn mal im Detail gemacht habe. Wieder die Antwort nein. Vgl. bei uns: 4.12 Dialoge samt Unterpunkten. Da werden also junge Menschen mit dem Reifezeugnis entlassen, die hilflos angesichts des Phänomens "Dialog" sind. Dabei werden sie in ihrem weiteren Leben nichts so dringend brauchen wie gelingende Dialoge, oder wenn sie misslungen sind, ein strukturiertes Nachdenken über die Ursachen. Wenn man es aber nicht gelernt hat, bleibt man dumpf und wiederholt die früheren Fehler.
  • eine Philologin mit ca. 35 Jahren Berufspraxis an Gymnasien nahm an unserem Lektürekreis teil, vgl. 4.76 Empfehlungen für Lektürekreis, und bekannte hinterher: diese Herangehensweise an Texte sei ihr neu, aber das penible Durchsprechen der Formulierungen sei sehr ergiebig. - Schade für sie und ihre früheren Schüler, dass die Erkenntnis so spät kommt.

--Hs 16:45, 20. Mär. 2012 (UTC)

3. Verdrängung des Sprachcharakters

und stattdessen die Betonung der 'Objektivität dessen, was in Texten dargelegt wird.'

3.1 Verweis auf "Natur"

Wo immer in Debatten auf "Natur" verwiesen wird, die irgendetwas begründet, oder darauf, dass es doch "natürlich sei, dass ...", sollte man hellhörig werden. Denn es könnte das vorliegen, was im PDF-Text als "erste Todsünde" bezeichnet wird: die Ausklammerung von Wissen, Wissenserwerb und -verarbeitung, von Kommunikation. Irgendein Sachverhalt sei "selbstevident", "selbsterklärend", "sonnenklar" usw. Wer so argumentiert, will Kommunikation, vernünftige Aufklärung gerade vermeiden.

Wenn schon im PDF ein Beispiel aus der kath. Kirche
genannt wird, sei ein zweites genannt. Das mag
zunächst nur Spezialisten für Geistesgeschichte
interessieren. Aber auch andere können daran
erkennen, wie der Verweis auf "Natur" im Kern
"Kommunikation" verhindern soll. Denn letztere
wird verstanden als "Beliebigkeit", als "Halt-
losigkeit" usw. - Die katholische Dogmatik
stützt viele ihrer ideologischen Positionen auf
das "Naturrecht". Was das genau sein soll,
konnte noch nie jemand genau definieren. Aber
schon der Kirchenlehrer Augustinus (um 400 n.Chr.)
hat über einen Gegensatz erläutert, was der
eigentliche Feind und Gegner ist. "Naturrecht"
ist das, was eben keine opinio ist, keine
Meinung. "Naturrecht" beansprucht also mehr
an Sicherheit zu bieten, als sie über Kommuni-
kationen erreichbar wäre. "Naturrecht" somit ein
Kampfbegriff gegen eine geordnete, demokratische
Meinungsbildung - zu welchem Thema auch immer.

3.1.1 Verweis auf "Biologie", "angeboren"

In Rundfunkdebatten zu Fragen von Ethik, Moral, oft unter Einschluss von Telefonzuschaltungen, wird öfters durchgespielt, ob dieses oder jenes Verhalten oder eine moralische Maxime nicht angeboren, mit den Genen mitgegeben sei. Und die Person im Studio, die die Expertenseite vertritt, laviert mit ihrer Antwort herum, ist allenfalls zu Tendenzaussagen fähig, kann sich aber nicht festlegen.

Nur als Denkimpuls: Man sollte überlegen, was wohl die Motivation hinter einer solchen Fragerichtung ist. Sind die Anrufer beruhigt, wenn mit gewisser Wahrscheinlichkeit bestätigt wird, dieser oder jener 'ethische Impuls' sei angeboren? Was ist dies für eine "Beruhigung" oder umgekehrt: Welche "Angst" treibt die Anrufer um? Unserem Eindruck nach ist die gleiche Motivation im Spiel wie schon bei Augustinus bzw. beim katholischen Naturrecht, vgl. [2]: Man wünscht sich eine objektive Verankerung der eigenen geistigen Orientierung und hätte schreckliche Angst, wenn herauskäme, dass ethische Werte sich durch gesellschaftlichen Diskurs allmählich herausbilden, also im Rahmen hochkomplexer Kommunikationen. Es liegt ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber Sprache / Denken / Kommunikation vor. - Das müsste zunächst verarbeitet werden, statt die biologische Gen-Struktur in den Vordergrund zu rücken.

3.2 Verweis auf ein "Ethos", juristische Standards

In ethischer (10 Gebote, "Goldene Regel", Kants kategorischer Imperativ u.a.) und juristischer Hinsicht (z.B. "Erklärung der Menschenrechte", Völkerrecht) gibt es so etwas wie geistige Pflöcke, die allgemein zu gelten haben bzw. gelten sollten.

Solche Bündelungen in Sentenzen oder Texten des erreichten Bewusstseinszustandes sind sinnvoll und oft auch griffig formuliert, so dass sie leicht im Gedächtnis behalten werden können. Nur sollte man beim Lesen von Texten oder der Beteiligung an Diskussionen vorsichtig sein: diese Pflöcke können auch als Denk- und Diskussionsverbote eingesetzt werden, als negative Wertungen, gedeckt durch höchste Autorität. Damit werden sie unhintergehbar - wie soeben im Falle von Natur. Statt diese ehrwürdigen Standards zum Abwürgen von Kommunikation zu missbrauchen, sollten sie als Diskussionsanreize benutzt werden, als eine Denkmöglichkeit neben anderen. Nach weiterem Nachdenken kann man u.U. ja reumütig zu diesen Standards zurückkehren ...

3.3 Verweis auf "Glaube"

Live erlebt: Im Rahmen einer Einladung kam die Sprache auf unsere jährliche Veranstaltung zum "Lesen Lernen" (inzwischen eingestellt). Für diese Veranstaltung ist der geistig-religöse Hintergrund der TeilnehmerInnen völlig unerheblich. Es geht ja um Genaues Wahrnehmen von Texten. Die Bereitschaft, zwischendurch auch in Richtung Grammatik nachzudenken, ist wichtiger. - Zwei Reaktionen:

  • Eine Eingeladene - dezidiert katholischer background - zeigte sich interessiert und erbat nähere Informationen.
  • Eine andere Eingeladene - dezidiert pietistischer background, kulturell breit gebildet und informiert - reagierte nahezu panisch. Sie habe ihren Glauben und lasse sich den nicht kaputtmachen.

Als Reaktion also gleich mal eine Unterstellung, als bestehe in dem Zerstörungswerk das Interesse der Veranstaltung! Und zugleich das Vergessen: Es war Luther, dem das eigene, persönliche Lesen der biblischen Texte sehr wichtig gewesen war.

Aber eine Konzession ist doch fällig: Intuitiv hatte die
Dame ein richtiges Gespür, denn
-> aufmerksames Lesen verträgt sich nicht mit
   einem absolut festen inneren Wahrheitsgerüst;
-> man muss nicht den Veranstaltern Böses unter-
   stellen, aber es ist richtig, dass jedes
   aufmerksame Lesen meine Innenwelt verflüssigt,
   verändert, neue Perspektiven in den Blick
   bringt.

Erfahren wird solch eine geistige Bewegungsübung unterschiedlich: Im Extremfall kann dies vorübergehend eine persönliche Krise auslösen, eine innere Wende, bei der die Neuorientierung erst gefunden werden muss. Meist aber geht es weniger 'grundsätzlich' zu: die Lektüre wirkt anregend, erfrischend, Kommunikationen fördernd. 'Man' kommt besser mit seiner Umwelt zurecht. Humor bekommt seinen Platz, damit auch Sprachspielereien, Tabus werden entzaubert, die Sensibilität für das, was vom Gegenüber (sprachlich) kommt, wächst.

Wer auf all das verzichtet, verzichten will, kann aus
seiner Glaubensbastion heraus nur noch schießen - sie
muss ja verteidigt werden, auch da, wo es keinen Angriff
gegeben hatte. Kommunikativ dominiert die 'harte Gangart'
- sie hat sich denn auch in der Sprechweise der zweiten
Eingeladenen über Jahrzehnte 'inkarniert': schnell,
bis gehetzt, durch allzu forsche Gesten und Blicke
unterstrichen. Entspanntes Sprechen - Sicherheit und
Entspannung ausstrahlend - hört und fühlt sich
anders an. Offen, interessiert und im sound
'ansprechend' verhielt sich die Katholikin.

Paradox: Wer derart robust sein inneres dogmatisches Konstrukt betont und verteidigt, behauptet, große innere Sicherheit zu haben. Sein Verhalten jedoch, die Unlust, sich auf literarische Texte einzulassen, deutet im Gegenteil auf Angst, Unsicherheit. Daher spontan die Abwehr und die Unterstellung, man wolle ... - Was soll denn nun gelten? Das sieht nach einer seelischen Gespaltenheit aus.

Nebenerkenntnis: Die Konfessionsbezeichnungen sind
in dieser konkreten Erfahrung vollkommen nebensächlich.
Für beide Konfessionen waren das untypische und
widersprüchliche Verhaltensweisen.
Entscheidend dagegen die seelische Mitgift von
Kindheitstagen an, die Prägung von Anfang an.
Was im religiösen Sinn als "Glaube" ins Feld geführt
worden war, würden Psychologen wohl als "Über-Ich"
kennzeichnen, als noch nicht erkannter 'Nebenkriegs-
schauplatz'. [Als Zusatzinformation ergab sich
anschließend: die rigorose Glaubensverteidigerin
hatte schon mehrere seelische Krisen hinter sich,
die je auch behandelt worden waren.] 

Interessant, wie das Thema "Lesen" die Geister offenlegt und scheidet.


4. Zur "ersten Todsünde": Text = Realität

Uns ist klar - wie soeben schon angedeutet: Wer
- als Beispiel - von seiner pietistischen
Prägung nicht lassen kann und will, der wird sich
mit Grausen an dieser Stelle spätestens von der
Sprachreflexion zurückziehen. Umgekehrt stellt sich
die Frage, wie ein Bewusstsein für Sprache auch in
solch fundamentalistische Kreise eingespeist werden
kann. Denn unser Interesse ist ja nicht Kirchenkampf,
sondern Verbesserung der Kommunikation.

4.1 Nochmals: Martin Walsers "Legende"

Der Text wurde schon in Ziff. 4.74 besprochen - 4.74 Text als "Vektor" - und geschrieben, vgl. [3], kann jetzt nochmals aufgegriffen werden: Wem ein Text dann wertvoll ist, und nur dann, wenn er "Sachinformationen" bietet, der wird mit der "Legende" nichts anfangen können. Die Gattungsbezeichnung 'Legende' schließt ohnehin schon das Urteil ein: historisch unbrauchbar. Diesem Vor-Urteil entspricht der Text denn auch. Allein der Name des Heiligen - "Sowieso" - wirkt blödsinnig. Dann auch diverse Urteile ("römisch" - "österreichisch") und Sachaussagen (sprechende Schlangen, schwimmende Statue). Der Text enthält massenhaft Signale, dass er in sachlich-historischer Hinsicht unglaubwürdig ist.

Und nun? Wegräumen, Übergehen, Belächeln? - Wer sich von der genannten Todsünde freimacht, bekommt andere Aspekte in den Blick. Entlang der als ganzes fiktiven Handlung werden im Leser viele Themen miteinander verknüpft, zu denen er auch in der Gegenwart auf jeden Fall eine Position beziehen muss. Der Text erzwingt also, dass Leser auf diese Aufgabe gestoßen werden. Handlung blödsinnig, aber der Ton freundlich, bisweilen ironisch - was wie eine Einladung wirkt -, die immer noch aktuellen Themen ernsthaft, als da sind: Bewusstsein von der Geschichte der Bodenseeregion, Verhältnis zur religiösen Tradition, Einstellung zu naturnahem Leben, Integration der Sexualität, Bereitschaft, seinem Leben eine Wende zu geben - trotz des Unverständnisses der Umgebung, Spuren hinterlassen über den Tod hinaus usw.

Die Aussage stimmt zwar, der Text sei sachlich-historisch unbrauchbar. Aber sie muss differenziert werden. Denn es sind doch einige Impulse eingebaut, die auf geschichtliches Wissen schließen lassen. Die Impulse animieren nachzuforschen (z.B. wie ist die Verbindung von "Hugo von Grenoble" und dem 1.April?). Das zeigt: ganz so dumm, wie sie sich gibt, ist die Legende dann doch nicht. Der Text aktiviert den Leser und verbessert so dessen geschichtliches Wissen.

4.2 Karl May

Der Erschaffer von Figuren wie Winnetou, Old Shatterhand und vielen anderen - 200 Mio. verkaufte Bücher weltweit! - hatte es mit neidischen Zeitgenossen zu tun, die 'nicht lesen konnten':

"Scharen tiefbegabter Pharisäer bezichtigten den
ausgemachten Kopf-Touristen der Lügen und der Hochstapelei
... May, schwer gekränkt, lässt sich auf endlose Prozesse
ein. ... 1911 wird er im Verfahren gegen seinen ärgsten
Gegner rehabilitiert. Bei der Verhandlung in Berlin kommt
der Richter zu dem Schluss, dass Mays Fabulierkunst
definitiv kein Verbrechen ist: 'Ein Verbrechen wären doch
solch fantastischen Dinge bei einem Dichter nicht, und
ich halte Herrn May für einen Dichter.' "
(Bericht von G. Buck in ST, 24.2.2012)

Es war also der Justiz vorbehalten, die falsche Leseweise der Kritiker aufzudecken. - Welche Blamage für die 'literarischen Fachleute'!

Eine andere Ebene war es, dass der Autor - sozusagen außerhalb seiner Romane - auf Lesereisen sich stilisierte als den echten Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi usw., dass er Narben vorwies, die er auf seinen Touren eingesammelt habe usw. Da hatte man es nicht mehr mit einem literarischen Werk zu tun, sondern mit einem realen Lügner und Aufschneider. Der Autor selbst vollzog die zweite Todsünde, vgl. Ziff. 5, er vermochte nicht zu trennen zwischen sich als Person und seinen Romanfiguren. Anscheinend glaubte er, sein literarischer=ökonomischer Erfolg sei nur garantiert, wenn er die Romane als Tatsachenberichte ausgab = erste Todsünde.

4.3 Hans Fallada, "Jeder stirbt für sich allein"

Der Poet beschreibt den Widerstand eines Ehepaars (1943 hingerichtet) gegen Hitler. Er stützt sich auf Akten der Gestapo. In einem eigenen Vorwort betont er trotz dieser authentischen Grundlage: "ein Roman hat eigene Gesetze und kann nicht in allem der Wirklichkeit folgen." Weiter:

"Darum hat es der Verfasser auch vermieden,
Authentisches über das Privatleben dieser beiden
Menschen zu erfahren: er musste sie so schildern,
wie sie ihm vor Augen standen. Sie sind also zwei
Gestalten der Phantasie, wie auch alle anderen Figuren
dieses Romans frei erfunden sind. Trotzdem glaubt der
Verfasser an 'die innere Wahrheit' des Erzählten, wenn
auch manche Einzelheit den tatsächlichen
Verhältnissen nicht entspricht."

5. Zur "zweiten Todsünde": Text = Autor

5.1 Anonymität + Kritik => Aggression

Wenn in Leserbriefen der Klarname samt Adresse angegeben werden muss, wird die Meinungsäusserung dem Ton nach anders ausfallen, als wenn die Meinung anonym oder - in online-Portalen - mit Fantasienamen geäussert wird. Bundestagspräsident Lammert (Der SPIEGEL 13/2012) dürfte recht haben:

SPIEGEL: Für Sie ist die Anonymität bei Meinungs-
äußerungen im Netz also ein Problem?
Lammert: Jedenfalls ist es wohl kein Zufall, dass
gerade bei aggressiven und beleidigenden Wortbeiträgen
auf Anonymität größter Wert gelegt wird.
SPIEGEL: Empfinden Sie diese schnell entfesselten
Proteststürme als Bedrohung?
Lammert: Was mich besorgt, ist der verbale Überbie-
tungswettbewerb im Netzdiskurs. Die Entwicklung betrifft
auch, aber nicht nur politische Adressaten. In den
allermeisten Fällen würden sich dieselben Personen zum
gleichen Sachverhalt unter Offenlegung ihrer Identität
zu bestimmten Aussagen ganz sicher nicht versteigen.
Die gesellschaftspolitisch bedenkliche Entwicklung ist,
dass wir zunehmend zwei Arten von Öffentlichkeit bekommen:
eine virtuelle und eine reale, die von denselben Akteuren
unterschiedlich bespielt werden.

Oder anders gesagt: Feige, also im Schutz der Anonymität, greift man nicht die Texte/Positionen/Argumente der Gegenpartei an, sondern personalisiert, verunglimpft, macht lächerlich. - Verbale Reaktionen = Antworten, die anonym abgegeben werden, öffnen Schleusen zu unverarbeiteten Gefühlen, lassen denen freien Lauf. Es wird dabei der Teil eines Menschen, der verantwortlich, rational, kommunikativ weiterführend agiert, weggespült. Auskotzen kann für einen selber bisweilen nützlich sein, die Gemeinschaft bringt das nicht weiter.

5.2 Komponist Richard Wagner

Der Dirigent Daniel Barenboim wagte es vor einigen Jahren, ein Tabu in Israel zu durchbrechen und Werke von Richard Wagner aufzuführen - und er erntete dankbaren Beifall. Wagner hatte - abseits des Komponierens - eine antisemitische Schrift zum "Judentum in der Musik" verfasst. Die Schrift wirft bis heute ein schlechtes Licht auf die Person. - Vgl. dazu 4.4 Vorausgesetztes Weltwissen (Präsuppositionen) - Und hierzulande gibt es weiterhin nicht wenige, die deswegen die Beschäftigung mit Wagners musikalischen Werken ablehnen. Die Formel "Text = Autor" wirkt also.

Barenboim war weiter: er konnte unterscheiden zwischen "Person", die wohl tatsächlich schwierige Züge hatte, welche den Umgang mit ihr erschwerten, und musikalischem Werk: Nur ein Banause wird bestreiten, dass Wagner geniale Beiträge zur Entwicklung der Musik geliefert hat. Es wäre somit ein Gewaltakt gegen sich selbst, dieses Segment der Musik- und Kulturgeschichte weiterhin ignorieren zu wollen. (Und nebenbei - aber das wissen wohl nur wenige der moralisch Entrüsteten, Barenboim wusste es zweifellos - sei vermerkt: Wagner hatte keine Probleme, jüdische Musiker und Sänger zu engagieren.)

Das systemtheoretische "make a difference and you create a world" gilt auch hier: Wer "Werk" und "Autor" zu trennen vermag, erschließt sich neue Zugänge zur Musik und Kultur. Wer die Unterscheidung nicht hinbekommt, bleibt in dieser Hinsicht dumpf.


5.3 Günter Grass, "Was gesagt werden muss"

Kurz vor Ostern 2012 platzierte G. Grass das Gedicht in der internationalen Presse ...

vgl. den Text: [4]

... und erntete - weitgehend - einen Proteststurm - der hier natürlich nicht überblickt werden kann. Reaktionen aus Tagespresse, Rundfunk, auch in SPIEGEL-online (von J. Fleischhauer) bestätigen die aktuell besprochene Todsünde: Text = Autor. Anders gesagt: der Text als literarisches Produkt ist offenbar so eindeutig verstanden, dass er nahezu keines Wortes mehr bedarf; stattdessen ist der - problematische - Autor nun das Thema. Aus der Fleischhauer-Kolumne:

Grass will "mit letzter Tinte" noch einmal
Recht behalten, aus  ganz persönlichen
Gründen. Er gehört zu einer Generation von
Männern, die es nie verwunden haben, dass
sie am Beginn ihrer Karriere auf der
falschen Seite standen. Man kann das
verstehen:
Ein Engagement bei der Waffen-SS ist
normalerweise kein guter Anfang, um sich
anschließend eine Existenz als wandelndes
Weltgewissen aufzubauen. Wenn ich mich als
15jähriger freiwillig zur Wehrmacht
gemeldet hätte, wäre ich anschließend
vermutlich ein bisschen gehemmt, den
Überlebenden von damals heute wieder den
Marsch zu geigen. Aber das ist genau das
Problem: Selbstbescheidung war noch nie
Grass Sache, seine Königsdisziplin ist die
Rechthaberei. 

Der Autor ist das Thema, nicht eigentlich der Text. Dabei könnte man zu letzterem durchaus einiges Sinnvolle sagen:

  1. Als Griff daneben wirkt die Bezeichnung des iranischen Präsidenten als "Maulhelden". Als letzteren bezeichnet man Leute mit großer Klappe, wo aber nichts dahinter steckt.4.1131 Übertragener Sprachgebrauch - operationalisiert und 4.1132 Stilfiguren, "Redeschmuck" - Verschiebungen Das ist ja nun bei Iran nicht der Fall. Warum verweigern die Iraner substanzielle Kontrollen, eine seriöse internationale Zusammenarbeit? Die "Existenz einer einzigen Atombombe (sei dort) unbewiesen", schreibt Grass. Nun ja: dann erst recht die Frage, warum es keine vernünftige Zusammenarbeit mit der IAEO gibt? [Wobei es mir unklar ist, ob Israel in dieser Hinsicht besser handelt. Warum munkelt man seit langem über die israelische Atombombe, die offiziell jedoch stets geleugnet wird? Handelt Israel in dieser Hinsicht auch nicht viel anders als Iran? - Das wäre eine ergänzende Fragestellung, die aufgewirbelt wird.] - "Maulheld" - übertragener Sprachgebrauch - jedenfalls wirkt als Verharmlosung.
  2. Als Thema/1 - vgl. 4.04 Thema / Subjekt – Vorbereitung der Bedeutungseinheit »Satz« (auf Textebene) - wählt Grass sich den seit Wochen in der Öffentlichkeit/Politik diskutierten "israelischen atomaren Erstschlag". Das kann Grass machen. Niemand, auch kein Poet, muss immer ausgewogen und alle Aspekte einbeziehend formulieren. Aber natürlich wird damit der Wunsch nach dem Ergänzungs-Thema geweckt. Das könnte "Iran" heißen. Es könnte/sollte aber weitergreifend heißen: Wie können zwei in sich starre Systeme zu einem modus vivendi kommen? Israel und Iran sind Repräsentanten - zusätzlich zementiert durch konkurrierende Religionen - starrer Staatsideologien. Nicht die Militärtechnik als solche macht Angst, sondern die politische Kommunikationsunfähigkeit der beteiligten Staaten. - Das Nicht-Bestehen eines politischen Gesprächskanals - vgl. 4.122 Gesprächskontakt - phatisch - wird ja von beiden Seiten her bestätigt: die eine, Israel, dementiert nicht klar die Gerüchte über einen Atomschlag, die andere, Iran, sprach vom 'Auslöschen des Judenstaates'. Beide bräuchten einen potenten Mittler.
  3. Als Thema/2 - wird angesprochen, wie und ob man über Thema/1 sprechen kann: vgl. 4.129 Sprechen über das aktuelle Sprechen (Metakommunikation) Ziff. 2.1. - Dieses Thema/2 ist genauso stark im Text vertreten, sollte also nicht zugunsten von Thema/1 übergangen werden.
  4. Integriert sind hochbelastete deutsche, geschichtliche Themen (NS-Terror) und deren Verknüpfung mit aktuellen Waffenlieferungen. Schützt man damit Israel oder wird man zum "Zulieferer eines Verbrechens"? - Es ist Poetenaufgabe, solche Fragen zu stellen, die im politischen Alltagsgeschäft ihre stromlinienförmige und scheinbar eindeutige Antwort finden. - Wieder setzt der Poet ein Thema, auch wenn viele davon nichts hören wollen. Nebenbei: eine wohlbekannte Situation in Israels Geschichte. Den Profeten Jeremia hat man wegen seiner lästigen Worte in eine Zisterne geworfen, Grass ist inzwischen in Israel zur persona non grata erklärt.
  5. Vehemente Kritiker von Grass handeln sich ein, dass gefolgert werden muss, sie würden im Gegenzug einen atomaren Erstschlag Israels offenbar gut finden, inklusive all der Opfer und der daraus entstehenden Eskalation. - Das ist die argumentative Falle, in die der kurze Text die Öffentlichkeit - "die Heuchelei des Westens" - gelockt hat. Diese Falle erklärt wohl auch die Heftigkeit der Gegenreaktionen. - Nach Abklingen der ersten Erregung möge - in Erinnerung an Hiroshima und Nagasaki - auch darüber nachgedacht werden. Eine solche Implikation muss auch jedem Israel-Freund zuwider sein. Vgl. 4.5 Wachgerufene Zusatzgedanken (Implikationen), vielleicht ist einschlägig: 4.55 Handlung mit erwünschtem/geplantem Nebeneffekt - der explizite Text formuliert die Falle nicht; aber per Implikation ist sie aufgestellt.
  6. Poeten müssen zuspitzen - im Gegensatz zu Regierungen haben sie sonst keine Waffen. Immer wieder wird Grass vorgehalten, keineswegs würde ein atomarer Erstschlag das "ganze iranische Volk" auslöschen, Grass kenne Iran nicht usw. - Sarkastisch könnte man antworten: wie beruhigend, wenn von 80 Mio. Einwohnern demnach doch immerhin 40 Mio. überleben können... Merken die Kritiker nicht, wie sie sich - im Sinn des vorigen Punktes - outen als bedenkenlose Krieger? Diese Mentalität ist viel erschreckender als ein zugespitztes Gedicht. Außerdem: was Kritiker als (verfehlte) Sachinformation nehmen, sollten sie einmal sprachlich analysieren: vgl. 4.113 Übertragener Sprachgebrauch - Übergang zur gemeinten Bedeutung und Unterpunkte.
  7. Ein solcher, auch einseitiger Text - hoch in der PRAGMATIK - kann die Wirkung haben - über viele Implikationen -, den Gesprächskanal zwischen bislang sprachlosen Parteien wieder zu etablieren, vgl. 4.122 Gesprächskontakt - phatisch. Ob dies im aktuellen Fall zutrifft, lässt sich nicht vorhersagen. Jedenfalls kann einseitige Schonung von der Partei, die sich diskriminiert fühlt, dankbar als Akt der Gesichtswahrung aufgegriffen werden: vgl. 4.126 FACE-Konzept, "Gesicht wahren". Das kann die Wiederaufnahme des Gesprächsfadens erleichtern.

Der Text - wie immer man zum Autor als Person steht - ist jedenfalls ein gutes Beispiel dafür, dass mit wenigen Worten eine heftige internationale Debatte initiiert werden kann. Ideologische oder durch politischen Standardsprech zementierte Positionen werden aufgemischt. "Debatte initiieren" und "Lösungen finden" - das ist Zweierlei. Funktion von Poeten ist Ersteres. Wenn gar der "SPIEGEL" sich auf die Person des Poeten einschießt und von "selbstverzapftem Unsinn" redet, lässt sich erahnen, wie der Erregungslevel in Deutschland hochgefahren ist. - Gut so, wenn dann noch einiges an Nachdenken folgt. --Hs 09:24, 5. Apr. 2012 (UTC)

Nachtrag: Im Juni 2012 meldet der SPIEGEL, Deutschland habe an Israel U-Boote geliefert, ohne Waffen, die Schiffe seien dort aber mit Atombomben tragenden Marschflugkörpern ausgestattet worden. - Nun ja, ganz so danebengegriffen hatte Grass wohl nicht. Ein Text, pointiert formuliert, genau auf eine gesellschaftliche Situation zugeschnitten - eine derartige 'Passung' kann man sich nur wünschen.

5.4 Autorin weist den Rückgriff auf die Autorin zurück

Aus einem Interview mit der Schriftstellerin, Dramatikerin Yasmina Reza (SPIEGEL 5/2014):

SPIEGEL: Jede Kunst enthält eine Sinnbotschaft.
Reza: Ja, aber es obliegt mir nicht,
sie zu entschlüsseln. Der Sinn meiner Stücke
entzieht sich sogar mir als Autorin. Ich
verfolge die Spur einer bestimmten Wahrheit.
Dafür nehme ich eine Szene mit Elementen, in
denen sich eine potentielle Verletzung
verbirgt, und wie eine Insektenforscherin
fange ich an, die Feinheiten dieser Ver-
letzung aufzuzeigen. Die Wunde, die Kränkung
kann völlig lachhaft sein, wie der Streit
um den Einkaufswagen in meinem Eingangs-
kapitel.
SPIEGEL: Der aber dramatisch zu eskalieren droht.
Reza: Ich bin wie eine kleine Wissenschaft-
lerin, die sich daransetzt, mit der Lupe zu
beobachten, warum uns etwas erschüttert,
warum es uns in Frage stellt, welche Konsequenzen
sich ergeben können. Aber ich ziehe keine
Lehre daraus.


6. Zur "dritten Todsünde": Text = Zusatzinformation

6.1 Schriftlesung in Gottesdiensten: Paraphrase + Perikope

In Lektionaren werden die für die Schriftlesung vorgesehenen Textabschnitte (=Perikopen) bereitgehalten. Bisweilen ist ihnen als Vorinformation ein Abschnitt vorangestellt, der Interpretationshinweise und eine knappe Paraphrase des folgenden Textes enthält. Wem die Information über den Text dienen soll, ist nicht recht klar. Soll sie den Lektor einstimmen auf den Text, ihm eine Interpretationsrichtung vorgeben? Kann er nicht selbst lesen und denken bzw. sich vorher kundig machen? - Oder ist die vorangestellte Zusatzinformation für die Zuhörer gedacht? Meinte aber nicht schon Luther, der eigene Glaube solle sich - ohne dazwischengeschaltete Autoritäten - in direkter Konfrontation mit dem biblischen Wort entwickeln?

Nur nebenbei: Luther vollzog eine wichtige
Weichenstellung in Sachen "Lesen". Die eigene
Lektüre - so erkannte er - war von der römischen
Kirche dem gemeinen Volk vorenthalten worden 
(Liturgiesprache war ja Latein). Daraus folgte,
dass das Volk statt auf die eigene Lese- und Hör-
erfahrung zu bauen, auf die Auslegung durch
kirchlich-dogmatische Fachleute angewiesen war,
die erklärten, was zu gelten habe. - Luther sah
das antiautoritäre Potenzial, das in einer
eigenen Lektüre liegen kann - es schaltet
die bevormundenden Fachleute aus, stärkt das eigene 
Urteilsvermögen. - Ein weites Feld wäre dann die
Frage, wie die protestantischen Kirchen in der
Folgezeit dem Anfangsimpuls gerecht wurden. Ein
Missverständnis lag häufig darin, dass unter
"Wort" eben nicht die reale Schrift verstanden
wurde, sondern doch wieder ein dogmatisches
Konstrukt.

Jedenfalls wurde aus einer Gemeinde die Praxis berichtet, dass bei der Schriftlesung immer beides vorgelesen wurde: Zusatzinformation + biblischer Text. Ein Gemeindemitglied berichtete, ihm sei regelmäßig fast schlecht geworden ob dieser Filterung. Die Zuhörer werden mit dieser Praxis bevormundet, unmündig gehalten. - Eine Initiative, diese Unsitte abzustellen, fruchtete nichts.

6.2 Fragen der Gattung

Nochmals zum 'Gedicht' von Grass, s.o. Ziff. 5.3. Im Feuilleton einer Zeitung wurden mehrere Universitätsgemanisten befragt, wie es bei dem Text mit der Gattung "Gedicht" stehe. Es wurde hin und her gewendet - Reime gebe es ja nicht, Rhythmus wohl auch nicht; vielleicht wäre ein politischer "Essay" besser gewesen; wenn Grass den kurzen Text als 'Gedicht' bezeichne, beanspruche er, was Merkmal von Lyrik sei - ob gereimt oder nicht: einen "geschützten Raum für das Ich".

Fragen nach der Gattung können natürlich sinnvoll sein. So zumindest, wie wenn man auf Weinflaschen Etiketten klebt. Die Etiketten sind hilfreich. Nur - vom Inhalt, Gehalt, Aroma usw. bekommt man durch die Beschäftigung mit Etiketten noch nichts mit. Man bewegt sich höchstens auf der Ebene: Wäre für das eine Vergorene nicht doch besser das andere Etikett angebracht? Und wenn dann noch der Vorschlag kommt, der Autor hätte doch besser eine andere Form (womit dann Gattung gemeint ist) gewählt, ist das Ausweichen vor dem vorliegenden Text offenkundig.

Anders gesagt: Fragen der Gattung können nie und nimmer eine Textbeschreibung ersetzen. Man hält sich stattdessen den realen Text vom Leib.

6.3 Konzentriert Lesen <=> Zappen, Verlinken

Für das Bedürfnis INFORMIERT ZU WERDEN sind die heutigen Angebote, Informationen zu beschaffen, sehr gut. Man kann schnell ein unverstandenes Wort nachschlagen, sich übersetzen lassen, kann über alle möglichen weiteren Inhalte vertiefende Informationen einholen - wikipedia u.a.

Über diese Art des Lesens reden wir hier nicht. Stattdessen davon, dass man sich auf ein Werk mit einigem ästhetischen, künstlerischen Anspruch einlässt. Es geht nicht um "hohe" = abschreckende Kunst. Sondern ein Autor versucht, seine Leser mit seinem Text zu binden, in eine seelische Entwicklung hineinzunehmen, neue innere Bilder und Welten entstehen zu lassen, ein Problem = Thema überzeugend zu präsentieren und eine Lösung zumindest anzudeuten - oft so, dass Leser am Schluss die Lösung nicht "haben", aber angeregt sind, selbst weiterzudenken. Und zumindest hat sich die Thematik in ihnen festgekrallt - die vielleicht zuvor noch glatt übersehen worden war. - Wer sich auf einen solchen Leseprozess einlässt, darf auf keinen Fall Sprünge nach außen machen, zu anderen Texten, Webseiten. Er sollte mit der Annahme arbeiten, dass der Autor alle zum Verständnis nötigen Informationen selbst bietet. Bleibt dennoch das eine oder andere unklar, so sollte man das so stehenlassen - manchmal folgt später die Aufklärung.

Die direkte, viele Details berücksichtigende Konfrontation mit dem einen** vorliegenden Werk ist entscheidend; sie sollte nicht durch flottes Zappen, Verlinken, Einbeziehen weiterer Quellen verwässert werden.

7. Zur "Vierten Todsünde": Text = Hintergrundbedeutung

Gemeint ist hier, dass jemand einen Text liest, dabei sehr schnell glaubt, die gemeinte Bedeutung hinter all den Details der Wortbedeutung zu erkennen. Fortan wird dann nur noch darüber gesprochen. - Die Alternativ-Grammatik unterstützt zwar die Auffassung, dass man nicht an der Wortbedeutung = Semantik hängen bleiben soll, sondern zur gemeinten Bedeutung = Pragmatik fortschreiten. - Aber alles schön der Reihe nach! Ein schneller Durchgriff auf die gemeinte Bedeutung, ohne zuvor sorgfältig die Wortbedeutung wahrgenommen zu haben, ist verdächtig und birgt die Gefahr, seine eigenen Lieblingsideen in den Text hineinzulesen. Die Lektüre wäre dann zur Selbstbespiegelung missraten, der Text zum bloßen Belegexemplar degradiert. Sorgfältiges Textlesen kann mich an die Stellen führen, wo bei mir die Peinlichkeit, die Hilflosigkeit, beginnt. Wohl dem, der dies wahrnehmen und beachten kann - anstatt verdrängend darüber hin zu huschen.

7.1 Selbstschutz, Verdrängung

Wo die Wortbedeutung flott übergangen wird, liegt oft vor, dass sie provozierende Elemente enthält, mit denen der Leser (kann auch ein Prediger sein) nicht zurechtkommt. (Jede Konfession oder Ideologie hat ihre wunden Punkte diesbezüglich.) Es ist aber wichtig, die Wortbedeutung in allen Details auszukosten - (nicht aber zusätzlich auszustaffieren mit Elementen, die der Text gar nicht nennt). Aber das, was explizit vom Text formuliert wird, genau und mit ausreichend Zeit anzuschauen. Auch schon, wenn man aktuell mit dem Text nicht zurande kommt, so bekommen die anschaulichen Details dadurch, dass sie zur Sprache kommen dürfen, die Chance zu wirken, ihre bildhafte, provokative Kraft zu entfalten. Genau diesen Effekt schneidet man ab, wenn man vorschnell zur gemeinten Bedeutung übergeht - die wird allermeist ja doch in blassen Abstraktionen formuliert, zusammenfassend. Nichts affiziert mehr, nur der Intellekt bekommt ein paar Stichworte.

Die "Hintergrundbedeutung" könnte bei "Jesu Gang
über das Wasser" sein, dass "Wasser" = "Tod"
besiegt werden kann. Das wäre letztlich
nicht falsch, aber als alleinige Auslegung öde
und dröge. Lebendig werden Text und seine
Auslegung erst, wenn zunächst die Wortbedeutung
ausreichend Raum bekommt. Die Szenerie muss
nicht zusätzlich ausgewalzt werden, aber
wenigstens in der überlieferten Form gut vor
Augen stehen. Also dass Jesus über das Wasser
gehend zum Boot der Jünger kommt, der mutig
erscheinende Petrus, der seinerseits aus dem
Boot aussteigt, angesichts des Wassers -
Blick von Jesus abwendend - zu versinken
beginnt, gerettet werden muss usw. 
Erst wenn die Wortbedeutung genügend klar ist,
und wenn es Indizien im Sinn von [5]
gibt, kann als zweiter Schritt in Richtung
'Dekonstruktion', d.h. gemeinte Bedeutung
gegangen werden.

8. Zur "Fünften Todsünde": Leser eingeschüchtert

Ein ergiebiges, ersprießliches Lesen verlangt, dass Leser mitwirken. Der Hinweis klingt zunächst albern, weil ohne das aktive Lesen der Menschen schon mal gar nichts entsteht. Das ist aber nicht gemeint. Sondern: Der technische Vorgang des Lesens sei vorausgesetzt. Dann erst stellt sich die Aufgabe, dass LeserInnen in ihrer eigenen Innenwelt (Gedanken, Gefühle, Unbewusstes) das, was der Poet - hoffentlich - gut strukturiert anbietet, entstehen lassen. Deutungsstrategien sollen in Gang kommen.

Damit dies möglich ist, sollten Poeten immer den Kontakt zu den LeserInnen mitbedenken, ihre Texte so gestalten, dass LeserInnen angeregt, gern, interessiert usw. sich auf den Text einlassen.

8.1 Koran, Sure 12

Die Sure 12 nur als Beispiel genommen. Sie übernimmt aus der hebräischen Bibel die "Josefsgeschichte". Standard ist, dass die einzelnen Suren mit einem "Header" beginnen. Es sind vorangestellte Informationen: Thema, Offenbarung in Mekka, Abkürzungen als Inventarisierungshinweis, Hinweis auf den Offenbarungsakt (das göttliche "Wir" spricht), im Fall der Sure 12 gilt es, "die schönste der Geschichten" den bislang Unwissenden und Achtlosen mitzuteilen.

Durch derartiges werden Leser im Voraus beeinflusst, in eine niedrige Position gedrückt, zu bloßen Offenbarungsempfängern gemacht. Sie sollen nicht mitwirken bei der Interpretation, sondern dankbar und ergeben den Text aufnehmen. Und so ist denn auch der ganze Suren-Text: von manchen netten Details abgesehen ist er langweilig, spannungslos, tatsächlich nur noch geeignet geschluckt zu werden. - Das Verhältnis: Textproduzent - Leser ist extrem ungleich, man könnte auch sagen: autoritär.

9. Zur "Sechsten Todsünde": Text als Stichwortgeber

9.1 Beispiel Weihnachten

Bei diesem Fest geht es um die Geburt eines Kindes. Vgl. [6] - die im dortigen Text gezogenen Folgerungen beruhen erst auf einer zusammenfassenden Sicht mehrerer Texte (Mt 1-2, Lk 1-2). Sie ließen sich konkretisieren. Und am besten wäre es, zunächst nur mal einen der beiden Texte genauer zu beleuchten.

Ob der dann Widersprüche zur anderen Version aufweist,
wäre nicht primär wichtig. Vielmehr geht es um die
Akzentsetzung genau des gewählten Textes. (Der
andere - bei anderer Gelegenheit näher betrachtet
- mag seine Schwerpunkte setzen).
Alle zu einem Thema zugänglichen Texte - im aktuellen
Fall überschaubare zwei - zusammenzunehmen, scheint
unbedacht nicht eine literarische Lesehaltung zu
zeigen, sondern eine kriminalistische oder die
Haltung eines Historikers. 
Genau eine solche Verirrung ist zu vermeiden - erst
recht bei von vornherein untauglichen Texten (mit
Wundern, Engeln, himmlischen Botschaften usw.). Nur
eine literarische Einstellung nimmt solche Ele-
mente ernst - zunächst im bildhaften Wortsinn; in
einem zweiten Schritt - Pragmatik - kann man
zurücktreten, dekonstruieren, den Sinn dieser
literarischen Veranstaltung sichtbar zu machen
versuchen.

Aber es geht auch anders: Man kann sich das Eindringen in den Text / die Texte ersparen und lediglich aufgreifen, dass es in den Texten wesentlich um eine "Geburt" geht. Zweifellos. Da wird niemand widersprechen. Das ist sozusagen der billigste Nenner, Kern. Und ab da ist Thema der Auslegung nur noch dieses Stichwort, und all die Erfahrungen, die Eltern / Großeltern machen, aber auch was in bildhaftem Sinn mit diesem Stichwort ausgedrückt werden kann (z.B. "Neuanfang"). - Derartiges ist nicht falsch, kann sogar nützlich sein. Aber es wird den Basistexten noch in keiner Weise gerecht. Dazu sollte man sie sorgfältiger lesen. Mit dem skizzierten Verfahren sind sie jedenfalls missbraucht worden.