4.76 Empfehlungen für Lektürekreis

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Jede Gruppe benötigt Regeln, damit sie von Dauer ist, damit thematisch gut gearbeitet werden kann. Nur mit 'Begeisterung' - in unserem Fall für Sprache und Literatur - ist es nicht getan. Speziell bei einem Lektürekreis können zusätzlich einige Empfehlungen genannt werden - sie haben sich zumindest in Tübingen seit 2001 bewährt, zusätzlich bei unseren jährlichen Sommerakademien. Unsere Erfahrung: "Klasse" und "Lektürekreis" sind zunächst mal strukturell deutlich verschieden. Die egalitäre Organisation des letzteren kann in einer Klasse nicht wirklich simuliert werden, zumindest nicht, wenn die Lehrperson mit ihrer Ausbildung und letztlich der Aufgabe des Notengebens dabei ist - das sollte man nicht unterschätzen.

In die nachfolgenden Regeln flossen Anregungen zu sog. non-direktiven Gesprächen ein (z.B von Ruth Cohn) ein, wie sie Ende des vergangenen Jahrhunderts aufkamen.


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Praxis - Bitte Ihren Eintrag!

0. Nachträge zu den Regeln

0.1 'Störungen haben Vorrang'

Praktisches Beispiel: literarische Gesprächskreise dauern eine gewisse Zeit. So etwa 1,5 Stunden als Richtwert dürfte meist gelten. Das verlangt auch, das leibliche Wohl nicht zu vernachlässigen. Auch wenn es banal klingt: ein Gesprächskreis in einem Wohnzimmer verbraucht reichlich Sauerstoff. Also konstant für Frischluftzufuhr sorgen! Nicht erst reagieren, wenn spürbar die Luft verbraucht ist.

Es stellt sich die Frage der Bewirtung. Unsere langjährige Erfahrung: Keine Bewirtung! - außer Wasser, ggf. Mineralwasser, zum Trinken. Kein Knabberzeug und schon gar keinen Alkohol! Das Gegrabsche und Kauen bei Salzletten u.ä. kann ungemein stören. (HS)

0.2 Tübinger Raum

Wer in der Tübinger Gegend Lust hat, an unserem bestehenden Lektürekreis teilzunehmen - wo es immer wieder zu Veränderungen kommt -, gebe ein Signal: harald.schweizer@uni-tuebingen.de Der Lektürekreis trifft sich monatlich. Der Ort wird jeweils vereinbart, auch, wer einen Text aussucht und vorbereitet.

Wer teilnehmen möchte, mit dem treffe ich mich zunächst informativ: wir gehen die Punkte genau dieses aktuellen Moduls durch (v.a. PDF beachten). Und dann kanns losgehen - unverbindlich, aber gerne mit Engagement von Anfang an. H.S.


1. Demokratisches Lesen

1.1 Klasse vs. Lektürekreis

Direkt und naiv wird man die Empfehlungen des PDF-Textes für einen Lektürekreis nicht in den Schulunterricht übernehmen können/dürfen. Zumindest kann man sich ausrechnen, dass die Rahmenbedingungen verschieden sind. Das sollten Anwendungswillige zumindest bedenken:

  1. Das Adjektiv demokratisch signalisiert eine grundsätzliche Gleichheit der an der Lektüre Beteiligten. Die aber ist in der Schulsituation zunächst nicht gegeben: dort gilt eine Hierarchie. Die Lehrperson ist diejenige, die anerkannten Wissensvorsprung hat, und auch die Macht, Zensuren zu verteilen.
  2. Ganz abgesehen davon, wie die individuelle Lehrperson es seelisch verkraftet, mal nicht als "Wissens-Guru", der auf alles die letztlich verbindliche Antwort weiß, angesehen zu werden: es müssten bei einer Übertragung der "Lektürekreis-Regeln" in die Klassensituation explizite und klare Signale gegeben werden, damit allen bewusst ist: ab jetzt und für dieses Lektüreprojekt gilt eine andere Form der Zusammenarbeit (und die Lehrperson müsste sich überzeugend daran auch halten).
  3. Mit dem schulischen "Oben-Unten-Schema" sind immer Wertungen verbunden, letztlich auch Zeugnisse. Wer auf ein "demokratisches Lesen" umschalten will, muss lernen, darauf zu verzichten. Das ist vielleicht das größte Hindernis einer Übernahme der Regeln. Drei Effekte kann man sich von vornherein 'ausrechnen':
    • Die Lehrperson wird es hart ankommen, auf die beruflich geforderte Verteilung von Lob und Tadel zu verzichten, eine Schüleräußerung stehen zu lassen und nicht mit Kommentaren zu kontern.
    • Seitens der Schüler ist ebenfalls mit Irritationen zu rechnen, weil die Lehrperson eben nicht mehr als die gesehen werden soll, der man möglichst durch kluge Beiträge Eindruck machen sollte. - Ich denke: bei einem guten Klassenklima und bei klar ausgesprochenem Umschalten könnte ein solcher Wechsel gelingen.
    • Was auf beiden Seiten weitgehend irritieren dürfte: der Wegfall von Lob und Tadel. Eine Äußerung steht als solche, vielleicht war sie besonders klug. Vielleicht schließt sich ihr jemand an. Oft allerdings bleibt der Sprecher mit seinem ausgesprochenen Beitrag allein, es folgen andere, die ihre Beiträge liefern. Sprecher können diese zunächst fehlende Rückmeldung - Bestätigung oder Zurückweisung - als Isolierung empfinden.

Die Methode erzwingt, dass ich zu meiner Sicht der Dinge stehe, selbst wenn ich sie allein vertrete. Und beim Hören anderer Meinungen kann ich meine Sicht ohne Gesichtsverlust modifizieren. Die Änderung habe ich dann selbst vollzogen, sie ist nicht erzwungen durch eine übergeordnete Instanz. Das ist dann ja demokratisch. Zur Ausbildung von Selbstbewusstsein ist diese Art von Gruppe sehr effizient.

In unserem Tübinger Lektürekreis - wer teilnehmen möchte, ist dazu
eingeladen, gebe ein Signal! s.o. [1] 
- liegen mehrere Erfahrungen vor, wo LehrerInnen für Sprachen diesen
Wechsel der Perspektive nicht hinbekommen haben. Unbedachte
Erwartungen aus der Schulperspektive heraus an den Lektürekreis
können nicht 'passen', und zwar was den aktuellen Punkt betrifft:
demokratisches Lesen, aber auch die Lektüreform. Gemeint
ist: ein derart langsames und aufmerksames Lesen passt nicht
zu Stoffvorgaben aus Lehrplänen. In der Schule muss schneller,
mehr und oberflächlicher gelesen werden. Große Grammatiknähe
passt ebenfalls nicht in den Rahmen.

1.2 Entwicklung von Empathie

... mit der ist man ohnehin nie fertig. Wer es gern ganz grundsätzlich möchte: Vgl. [2] - d.h. das gemeinsame Richten der Aufmerksamkeit auf einen überschaubaren Text, das gemeinsame, reflektierte Ringen um die akzeptable Wahrnehmung, dabei das wache Registrieren, wie es den anderen TeilnehmerInnen geht - das ist in etwa das Ziel eines "Lektürekreises".

1.3 "Blitzlicht"

... will geübt und regelmäßig praktiziert sein. Einige praktische Erfahrungen:

  • Es soll ein Forum angeboten werden, wo - durch andere unkommentiert - bislang aufgelaufene, unausgesprochene Gefühlsreaktionen zu Text oder Gespräch artikuliert werden können. Das "Üben" ist wichtig, da oft Erwachsene große Schwierigkeiten haben "Ich" zu sagen und das "aktuelle eigene Gefühl" auszusprechen - ohne einen Schwall von Rechtfertigungen, Erläuterungen usw.
  • Das Wahrnehmen der Gefühlsebene der TeilnehmerInnen ist ebenfalls ein Wahrnehmungsbereich, der zu einem Lektürekreis gehört. "Wahrnehmen" = "Stehenlassen", gerade nicht als Anlass, um anschließend über den/die SprecherIn herzufallen, ihn/sie zu bedrängen usw.
  • Die Methode muss ausreichend erläutert werden. Nur das Stichwort - "Blitzlicht" - weckt u.U. falsche Erwartungen, etwa laut Matthäuspassion: "Mit Blitzen und Donner" ... - Es geht nicht um Krawall und Schlagabtausch, nicht um Vorwürfe, sondern um das unzensierte Aussprechen dessen, was den/die Einzelne/n gerade bewegt.

Wird ein solches Forum nicht geboten bzw. nicht angemessen erläutert, kann es sein, dass sich in Einzelnen einiges anstaut und sie deswegen die Lust an weiterer gemeinsamer Lektüre verlieren. - Umgekehrt wird das Hören der einzelnen Stellungnahmen manche allmähliche Verhaltensänderung bei den TeilnehmerInnen auslösen, somit den Stil des Kreises beeinflussen. Nach einer Blitzlicht-Runde ist manches nacharbeitende Gespräch möglich, nur nicht während.

1.4 Nicht unterschätzen: autoritäres Denkmuster

Das war schon oben, in [3] angesprochen worden. Diese innere Orientierung kann stark sein,

  • entweder möchte jemand selbst der Leithammel, die Cheffigur sein,
  • oder - wo das anscheinend nicht gut durchsetzbar ist - man ist bereit, sich zu unterwerfen, sich zu fügen - entwickelt dann aber durchaus seine Ansprüche, Erwartungen, an den 'Chef' - der, weil er selber von dieser Rolle nichts ahnt, sie auch gar nicht will, den Erwartungen - natürlich - nicht gerecht wird. Die letztendliche Explosion ist vorprogrammiert.

Es läuft also der Mechanismus der Projektion ab. Vgl.[4]. - Man kann solchen Kreisen nur wünschen, früh und immer wieder daran zu erinnern, dass jede/r für sich selber verantwortlich ist. Einen Leithammel gibt es nicht.