4.8 Alttestamentliche Josefsgeschichte

Aus Alternativ-Grammatik
Wechseln zu: Navigation, Suche

Den Text findet man im Alten Testament = Hebräische Bibel im Buch Genesis bzw. 1. Mose, Kapitel 37-50.

Das über link erreichbare Manuskript - sei es in der Vollversion oder in den Kurzversionen - ist nicht abgeschlossen. Obwohl schon umfangreich, erfährt es immer wieder Korrekturen, Erweiterungen. Genau das aber ist der Normalfall der Textinterpretation: die Nicht-Abschließbarkeit. Deswegen muss jedoch niemand resignieren. Man kann an jedem Punkt die Beschreibung des Textes verfeinern, neue bislang nicht-berücksichtigte Aspekte hinzunehmen. Die Interpretation bleibt dadurch spannend. - Es braucht aber immer auch kritisches Betrachten des Interpretierens: 'Flöhe muss man nicht husten hören' und genausowenig: inhaltliche Aussagen in den Text hineinlesen.

Erst recht gilt die Aussage der Unabschließbarkeit für
künstlerisch hochstehende Texte - ein solcher ist die
originale Josefsgeschichte ohne Zweifel. Wie bei jedem
Kunstwerk, kann man immer neue Querverbindungen und damit
Verstärkungen der bereits erkannten Aussageabsicht
sichtbar machen. Es geht also nicht darum, ein Etikett zu
vergeben - man hat die Josefsgeschichte schon häufig zur
'Weltliteratur' gezählt -, sondern es ist bei der
eigenen Lektüre zu beobachten, ob ein solcher
unabschließbarer Prozess im Gange ist. Wenn ja, merkt man -
auch ohne hochgestochenes Etikett -, dass tatsächlich
ein bewundernswerter Künstler am Werke war.

Das Manuskript will zweierlei Lesegruppen erreichen:

  • die im Inhaltsverzeichnis der Vollversion farbig markierten Passagen beanspruchen, allgemeinverständlich formuliert zu sein. Sie werden also ohne Einschränkung zur Lektüre empfohlen. Vorrangig betrifft das Ziff.1: dort ist die Josefsgeschichte sehr wörtlich übersetzt, aber auch freier übertragen. Daher am Beginn der Ziff.1 die dringende Bitte, sich für eine Leseform zu entscheiden und nicht zu mischen. Ergänzend ist ein erläuternder Essay enthalten.
  • Die umfangreichen, nicht farbig markierten Teile sind nur für die Wissenschaftsebene gedacht - und können hier, auf der Ebene der Alternativ-Grammatik, übergangen werden.
Thema Wissenschaftsebene: Was hier in elektronischem
Medium vertieft, verbreitert, in manchem auch präzisiert wird,
basiert auf 5 Bänden, die im Printmedium 1991 (2), 1995 (3)
veröffentlicht worden waren. Sie stellen die unverrückbare Basis
dessen dar, was nun ergänzend auf elektronischer  Schiene
weiter entfaltet werden will. Wer substanzielle Kritik anbringen
will, sollte sich also zunächst bei den entsprechenden Passagen
der Printausgaben umschauen.

Hat man die Ebenen/Sichtweisen/Begriffe der Alternativ-Grammatik im Hinterkopf und hat damit womöglich selbst schon einen Text beschrieben, so versetzt einen das in die Lage, die angebotenen Beschreibungen und Interpretationen wach nachzuvollziehen. - Neben den beiden Textversionen sind auch zwei Kommentarformen eingebaut:

  • Bei der wörtlichen Übersetzung reagiert ein imaginärer Stammtisch auf das Gehörte und macht auf manche Formulierung aufmerksam, liefert auch manche Hintergrundinformation nach.
  • Auf der Seite der Übertragung ist je ein Essay integriert, der seriös, aber gut verstehbar, Begleitinformationen liefert.

Aber nochmals die Bitte: die angebotenen Informations-/Lektüretypen nicht mischen, sondern sich entscheiden!

  • entweder ich lese die "wörtliche Übersetzung (samt Stammtisch-Reaktionen)" = linke Seiten in Ziff.1. - Diese Version lässt sich als animierte Lesung auch inszenieren, aufführen!
  • oder ich lese die "Übertragung" = rechte Seiten / oben in Ziff.1
  • oder ich will mich anhand des "Essays" über einzelne Stellen näher informieren = rechte Seiten / unten in Ziff.1.

Josefsgeschichte:____

Das soeben genannte Manuskript enthält alle Begründungen und Nachweise für den Bereich: Textbeschreibung und -interpretation. Dadurch ist es inzwischen aber sehr umfangreich (und wächst weiter).

  • Nun ist auch Ziff. 6.73 - Verhältnis Mose-Erzählung <-> Josefsgeschichte - ausformuliert zugänglich. Eine heftige, zugleich erzählerisch spannend gestaltete Kritik an den damaligen gesellschaftlichen Bedingungen.
  • Neu sind auch Ziff. 6.74-6.76 enthalten: In verschiedenen Anläufen, mit Grafiken, wird gebündelt:
    • Wodurch unterschied sich die Josefsgeschichte von den damaligen religiös-geistigen Standards?
    • Welche Rolle spielte sie wohl im damaligen gesellschaftlichen Diskurs - verstanden als öffentliches Ringen um den weiteren Weg der Gesellschaft?
    • Wie sind die Gegenreaktionen - denn die Josefsgeschichte wurde ja neutralisiert, 'entschärft'?

Als Auszüge aus dem großen Manuskript werden verschiedene Kurzversionen angeboten. Einige seien genannt:


Am einfachsten ist es, die Urfassung der Josefsgeschichte zu lesen - ohne Begleitinformationen, sogar ohne Bibelstellen. Nichts soll ablenken. All der 'Müll', den Redaktoren über die Ursprungsgestalt gehäuft hatten, ist weggeräumt. Übersetzt wird in einer etwas freieren Übertragung. - So lässt sich - nach immerhin mehr als 2 Jahrtausenden - die ursprüngliche Josefsgeschichte tatsächlich genießen = Übertragung:

Josefsgeschichte/ KURZVERSION 0:____


Für didaktische Zwecke und als Anreiz zum Kennenlernen / Lesen + lockerer Einstieg ins Interpretieren folgender Auszug: Wörtliche Übersetzung (daher immer wieder sperrig) + Reaktionen/Informationen von hinzugedichteten Zuhörern - beides klar unterscheidbar. Den Text in dieser Form kann man auch mit verteilten Rollen lesen (Anregungen vorausgestellt) - und dabei Artikulation/Vortragen/Inszenieren (in zurückhaltender Weise, der Charakter der Lesung soll erhalten bleiben) üben.

Vertiefungen dann im obigen großen Manuskript - oder der nächsten Kurzversion:

Josefsgeschichte/ KURZVERSION 1:____

Die selbe Textversion kann man mit 4 verschiedenen Sprechern
lesen lassen. Für jeden steht eine eigene Textausgabe mit
spezieller Hervorhebung der einschlägigen Lesepassagen
bereit: [1]

Sicher nicht primär für die Schule bestimmt: Wissenschaftliche Übersetzung und Essay - Reinschnuppern schadet aber nichts. Und der Essay enthält einige Informationen/Positionen, oft ausgesprochen brisante und nach wie vor aktuelle, die auch in einer Oberstufe diskutierbar sind.

Josefsgeschichte/ KURZVERSION 2:____


Wie sich ein nicht-homogener Text, ein nachträglich verpfuschter, besser gesagt: in seiner Aussageabsicht zerstörter, liest, kann man an folgender Version erleben - und reflektieren. Es wird die Originalversion mit den redaktionellen Zutaten abgedruckt. Beides mit Kapitel- und Versangaben, sowie die von uns stammende Zählung der Äußerungseinheiten.

Kurios: In diesem Textzuschnitt steht der Text in den gängigen Bibelausgaben - aber natürlich ohne dass die Brüche/Übergänge sichtbar gemacht werden. Hierbei spricht man auch von "Endtext" oder "kanonischer Fassung". Gemeint ist die Originalversion nach all den vielfältigen Überarbeitungen. Es ist diese nicht literarisch akzeptabel lesbare Textversion, die von den Kirchen als verbindlich angesehen wird. Interessante Folgefrage: Wie kann man mit einem solchen Textkonglomerat umgehen? - Antwort meist in der Praxis: Ignorieren ..., oder eigene Nachdichtung schaffen. Anders gesagt: dies sind zwei Verhaltensweisen, den realen biblischen Text zu vermeiden, zu umschiffen.

[Genau genommen ist das Chaos noch größer, denn wir hatten lange Zeit ganze zwei Kapitel - Gen 38 + 49 - von vornherein ausgeschaltet. Bei ihnen ist unter Fachleuten am schnellsten ein Konsens zu erreichen, dass sie nicht zum Ursprungstext der Josefsgeschichte gehören. Inzwischen sind sie, wenn auch in anderem Übersetzungstyp, eingefügt: man kann inhaltlich erkennen, was den Redaktoren an diesen Stellen wichtig war.]

Josefsgeschichte/ KURZVERSION 3:____


Textbeschreibung und -interpretation sollten reflektiert geschehen. In dieser Kurzversion 4 sind die Passagen zusammengestellt, die solche Theoriefragen zumindest aufwerfen, und oft auch die Entscheidungen nennen, die wir getroffen haben. Eingangs werden in Kurzform ca. 30 Fragen genannt, auf die die folgenden Textauszüge eingehen. Die Fragen betreffen die meisten alten Texte, also nicht nur die Josefsgeschichte. Auch eine Gesamtbetrachtung der ursprünglichen Josefsgeschichte wird geboten. Der neutestamentliche Spruch von den "Hunden und Schweinen" passt sehr gut für solche, die sich in einer Kommunikation als ungeeignet erweisen. Er hilft also darüber nachzudenken, was bei Textinterpretation geschieht:

Josefsgeschichte/ KURZVERSION 4:____


Wer Lust und die Fähigkeit hat, kann die ursprüngliche Josefsgeschichte auf HEBRÄISCH nachlesen:

Josefsgeschichte/ KURZVERSION 5:____


Illustration der Methode Literarkritik: Wie kann man kontrolliert vorgehen, um zu prüfen, ob ein Text nachträgliche Erweiterungen über sich hatte ergehen lassen müssen? Falls es sie gab, stören sie jetzt natürlich den Leseablauf, den der Autor ursprünglich gewollt hatte:

Josefsgeschichte/ KURZVERSION 6:____


Die ursprünglichen Josefsgeschichte auf LATEIN: Vulgata-Text mit unseren Äußerungseinheiten, und ebenso die redaktionellen Passagen entfernt (mit dieser Textversion liegen - publiziert - gute Lehrerfahrungen für den LATEIN-Unterricht an einem Gymnasium vor):

Josefsgeschichte/ KURZVERSION 7:____


Ursprüngliche Josefsgeschichte auf FRANZÖSISCH - warum den Text nicht mal in der linksrheinischen Sprache lesen? Man kann auch Übersetzungsvergleiche anstellen. (Tipp: Schon der erste Satz gibt Anlass zu Debatten):

Josefsgeschichte/ KURZVERSION 7.1:____


Ursprüngliche Josefsgeschichte auf ENGLISCH, (wie im Fall der französischen Version). Wer einen Vergleichsmaßstab für Korrektheit sucht: Textversion von KURZVERSION 2:

Josefsgeschichte/ KURZVERSION 7.2:____



Es fehlt noch die didaktische Empfehlung, dass man nach Abschluss der möglichst genauen Textbeschreibung versucht, die Erkenntnisse in einem freieren Essay zu bündeln. Die gewonnenen Erkenntnisse zum Text sollen einfließen; aber zugleich erlaubt man sich einen 'freieren Auslauf', zieht Querverbindungen zu Illustrationen, versucht verwandte Problemstellungen aus anderen Texten/Situationen zum Vergleich heranzuziehen. Wichtig ist nur die immer erneute Rückbindung an den beschriebenen Text, so dass man sich gedanklich nicht verfranst.

Paul Ricoeur empfahl schon zurecht genau diese Dreiteilung:

  1. Einen neuen Text, den man noch nicht (recht) kennt, kann man natürlich durchlesen und man gewinnt dadurch erste Eindrücke zu Stil und Inhalt. Ricoeur nannte dieses Stadium: Erste Naivität.
  2. Dann macht man sich daran, mit Methode und Analyse den Text zu beschreiben. Das wäre die Stufe, auf der die methodischen Ebenen und Begriffe der Alternativ-Grammatik zum Zuge kommen. Sie sind die Werkzeuge, mit denen der Text analysiert, beschrieben und Schritt für Schritt interpretiert wird.
  3. Die in unserem weiten Verständnis grammatische Beschreibung des Textes sollte aber nicht die Endstufe darstellen. Vielmehr tritt man geistig nach ihrem Abschluss einen Schritt zurück. Die in Stufe 2 gewonnenen Erkenntnisse werden nicht verdrängt, sondern prägen nun mein Verständnis des Textes. Aber ich löse mich vom methodischen Konzept und formuliere einen Essay, der auch weitere (Lebens-)Erfahrungen, die mir in den Sinn kommen, und die zum aktuellen Text zu passen scheinen, einbezieht. Die vorausliegende Textbeschreibung ruft spezielle Assoziationen wach, die es ohne die vorangegangene Analyse nicht gäbe. Sie sind nun zugelassen und sollten ausformuliert werden. Ricoeur nennt diese Stufe Zweite, gelehrte Naivität, "gelehrt" deswegen, weil man durch die Anstrengungen von Stufe 2 einiges zum Text hinzugelernt hat. Stufe 1 und 3 sind daher auf keinen Fall mehr identisch. Ganz wesentlich: in Stufe 2 war Arbeit, war begriffliche Anstrengung investiert worden. Das bewirkt den Unterschied von Stufe 1 und 3.

Vehement stellen wir uns damit gegen einen Umgang mit Texten, der es bei bloßen Spiegelungen belässt, aber meint, dies sei dann schon Interpretation. Kurzfragen nach dem Motto: "Was fällt euch zu diesem Text ein? Was fällt euch daran auf?" mögen als Einstieg (= Stufe 1) sinnvoll sein. Die Antworten darauf erreichen aber nicht Stufe 2 + 3. Wer es als Lehrperson dabei belässt, sollte anschließend nicht behaupten, man habe Textbeschreibung, -interpretation betrieben.

Was im Moment dargelegt wird, gehört in die Grundsatzdisziplin
Hermeneutik. Es sei angedeutet, dass die vorigen
Gedanken auch eine große psychologische Relevanz haben
- in verschiedener Hinsicht: 
Stufe 2 sorgt dafür, dass mit reichlich Zeit und
begrifflicher Anstrengung das 'Gegenüber' = Text sorgfältig,
detailliert und unaufgeregt wahrgenommen wird. Damit wird
die Gefahr gebannt, die Stufe 1 einschließt, dass der
Text vereinnahmt und meiner bisherigen Weltsicht eingepasst
wird. Ergebnis dieser ungenauen Lektüre: Ich habe nichts Neues
gelernt, glaube, mich bestätigt zu sehen. Das ist das Thema
des "Narzissmus". Textinterpretation nur so verstanden, wird
zu einer reinen Wohlfühlveranstaltung, die lerntechnisch/
intellektuell/psychisch nutzlos bleibt.
Stufe 2 rückt den Text von mir weg, verfremdet ihn, weil
ich nun alle möglichen Details wahrnehme (die mein Unbewusstes
auf Stufe 1 vorsorglich übergangen hatte...), Details, die
ich zunächst nicht einordnen kann. Der vermeintlich schon
verstandene Text (Stufe 1) wird zum Problem, zum rätsel-
haften, allerdings eigenständigen Gegenüber, das mich herausfordert.
Die psychischen Herausforderungen, die sich hierbei stellen
können, sind nicht zu unterschätzen: was klar schien (Stufe 1),
ist nun verdunkelt. Neben all den ungewohnten Begriffen und
Methoden (Alternativ-Grammatik) sieht man sich zusätzlich mit
der psychischen Anforderung konfrontiert, "vor lauter Bäumen
den Wald nicht mehr zu sehen". Dieses Gefühl über längere Zeit
zuzulassen und auszuhalten - das ist auch eine Art von
Training. Nicht primär ein grammatisches, aber ein seelisches.
Die hier verlangten bzw. zu übenden Fähigkeiten sind im Prinzip
die gleichen, die auch bei einem persönlichen Gespräch benötigt
werden. Immer wenn es um existenziell Wichtiges geht, um
seelische oder kommunikative Probleme, Missverständnisse,
ist die Fähigkeit zu sorgfältiger und geduldiger Wahrnehmung
und Reflexion entscheidend. Die 3 Stufen im Sinn von seelischer
Stufung gelten somit auch im direkten Dialog, sobald es um
mehr geht als um praxisnahe Anweisungen und Planungen. 
Stufe 3 versucht den "gedanklichen Sack zuzumachen", ein
nun neues Verständnis des Gesamttextes zu gewinnen, all die
diversen Einzelerkenntnisse, die inzwischen angefallen sind,
zu berücksichtigen. Das ist sowohl eine gedankliche Heraus-
forderung, zugleich - wenn sich immer mehr Plausibilitäten
zeigen, wenn im neuen Verständnis immer mehr Details "passen"
- ein schöner und befriedigender Prozess. Nun kann man mit
Fug und Recht sagen, man habe "etwas dazugelernt", der
"eigene Horizont wurde erweitert", eine "neue Sicht der
Dinge" habe sich ergeben. Veränderte innere Einstellung ist
dann der "Lohn der Mühe".

Der Horizont ist noch größer - Andeutungen mögen genügen: Einerseits wird heutzutage immer wieder das Ziel einer "Kultur der Achtsamkeit" propagiert - gleichgültig, worauf sich dann jeweils die Achtsamkeit bezieht (Texte, Menschen, Situationen, Musik, ...). Am Beispiel "Textinterpretation" bietet das Konzept der Alternativ-Grammatik ein auf die Schulebene ausgerichtetes, umfangreiches 'Trainingsprogramm' an. Die dabei geschulte und weiter entwickelte "Achtsamkeit" wird dann nicht mehr nur bei weiteren Texten wirksam werden, sondern wird die Einstellung bei allen denkbaren "Gegenüber" prägen. - Andererseits öffnet das Thema "Achtsamkeit" die Tür zu den Themen "Meditation", "Spiritualität": sich sehr lange analysierend einem Einzeltext auszusetzen ist zunächst eine geistige Anstrengung, im Schlepp hat sie aber auch meditative Qualität. Nicht nur die Ratio vollzieht die Fokussierung auf dieses Objekt, sondern zwangsläufig auch der ganze beteiligte Mensch, mit all seinen Fragen und Positionen. Er wird in die Auseinandersetzung auch existenziell hineingezogen, die Konzentrationsfähigkeit geübt. - Unwichtig, ob man am Schluss den Text positiv oder negativ bewertet: Durch die genaue Betrachtung kann man selbst von einem letztlich abgelehnten/abzulehnenden Text viel lernen, was ja wiederum positiv ist... Konsequenz: meine Textauswahl vor Start der Textbeschreibung muss sich nicht einengen lassen auf von vornherein (= Stufe 1) "faszinierende", auf jeden Fall "tolle", "überzeugende" Texte.

An der Universität führten wir mal ein 4-tägiges
Seminar zu einem Text durch, der - das war allen
TeilnehmerInnen von vornherein klar - veraltet,
inhaltlich ekelhaft (Opferkult-Terminologie),
anödend (es ging um den Lohn des beteiligten Kult-
personals) war. Unsere Kultur ist so anders, dass
Lev 7 heute keinerlei Relevanz mehr hat. Mir
selbst und den meisten der TeilnehmerInnen war am
Schluss klar, dass sich die Beschäftigung mit dem
Text "gelohnt" hat. Die soeben genannten Attribute
galten weiterhin, wurden eher verstärkt. Aber der
Text war Anlass gewesen, über verschiedene sprach-
liche Mechanismen nachzudenken. Das war der
Lohn der Mühe. (N.B. dazu passt als Erkenntnis der
Leseforschung, dass es gar nicht so wichtig ist,
was man liest, vgl. [2]
- Dogmatiker - welcher Couleur auch immer - werden
angesichts dieser These in Ohnmacht fallen ... -
Hauptsache, es bleibt spannend und anregend.)

Zum Essay: Eine solche Aktualisierung des Textverständnisses mit beständiger Rückbindung an die zuvor geleistete Textbeschreibung macht üblicherweise Spaß bzw. ermöglicht, Problemstellungen aus ganz anderen Situationen und Zeiten miteinander zu vergleichen. Dadurch wird der beschriebene Text, selbst wenn er alt sein sollte, zum Gesprächspartner, Diskussionsanreiz für die Gegenwart. "Partner" heißt: der beschriebene Text muss nicht unkritisch "geschluckt" oder gepriesen werden. Aber er ist inzwischen genau wahrgenommen worden, folglich liegt die darin vertretene Problemsicht differenziert vor Augen. Will man sie zurückweisen, muss man zumindest einige Anstrengung investieren. Der beschriebene Text hat sich somit als Herausforderung erwiesen.

Aus der obigen Aussage, Textinterpretation sei nicht-abschließbar, folgt auch: Man muss keinen Vollständigkeitswahn kultivieren. Einen Essay zu schreiben kann man wagen, auch wenn erst einzelne Analysegesichtspunkte der Alternativ-Grammatik am Text durchgeführt worden waren (das Konzept der Alternativ-Grammatik ist ja seinerseits eine Auswahl aus einem größeren Fundus). Nur dann eben auch Fragen, Unklarheiten, Unsicherheiten notieren! Auf sie kann man zu späterer Zeit zurückkommen.

Ein Essay, der nicht ein beständiges Ringen mit dem zuvor gelesenen und beschriebenen Text einschließt, lässt darauf schließen, dass Stufe 2 = Textbeschreibung und -analyse zu schwach ausgefallen war.


Natürlich wären weitere Illustrationen möglich, z.B.

- zur Opferung Isaaks (Gen 22) Verweis aufs Buch 
  [3], 
- Ergänzungen zu Gen 22: [4]:
  Literaturangabe unter Ziff. 100 in [5]
- auch zu nicht-biblischen Texten. Wer sich etwas umschauen will, kann dies tun: 
  [6]. 

Noch ein Beispiel für eine Interpretation nach vorhergegangener Analyse, mit den Gesichtspunkten der Alternativ-Grammatik im Hintergrund: Loriots Rede in Weimar vor dem Mauerfall. Der Aufsatz in einer russischen Publikation ist zudem kürzer, amüsanter, aktueller, politischer:___[7] Bibliografischer Hinweis: Ziff. 107 in:___[8] Vgl. etwa ab S.4 im Manuskript. Bewundernswert, wie der Meister des Humors schon vor ihrem Fall die Mauer zum Wackeln brachte.

  • Auf unserer homepage unter Forschung
    • werden die methodischen Ebenen einzeln genannt und mit Beispielen illustriert, die auch der Alternativ-Grammatik zugrunde liegen
    • zu diesen Ebenen werden unter Manuskripte veröffentlichte oder unveröffentlichte illustrierende Texte/Grafiken angeboten: [9]
    • unter Schriften werden zitierfähige Publikationen (oft auch per PDF direkt zugänglich) genannt: [10]
  • Bislang wurde hier empfehlend auf unsere Sommerakademie verwiesen: 4 Tage in entspannter Atmosphäre Textarbeit: Voraussetzung lediglich Interesse an Sprache. Keine spezifischen Vorkenntnisse. Man musste auch nicht die 'Alternativ-Grammatik' beherrschen ... - Aber die Veranstaltung wurde inzwischen eingestellt - "Alles hat seine Zeit ...".
  • Wer im Tübinger Raum zu unserem monatlichen Lektürekreis stoßen will, ist herzlich willkommen und gebe ein Signal an h.schweizer.moess@web.de - Voraussetzungen wie bei der Sommerakademie.