4.91 Literaturkritik

Aus Alternativ-Grammatik
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Aus dem Inhalt

Werten ist eine beliebte geistige Tätigkeit. Die Gründe sind klar:

  • Wer wertet, hat die - meist ja mühsame - Wahrnehmung dessen, was bewertet werden soll, bereits hinter sich. Im Fall von Literatur kann man aber auch so tun, als ob man das Werk genau gelesen habe;
  • Werten ist zunächst einmal viel einfacher und insofern attraktiver = bequemer als eine sorgsame Textbeschreibung, -analyse; wer neu die Alternativ-Grammatik aufschlug und recht schnell beim aktuellen Punkt gelandet ist, darf sich als ertappt vorkommen ;-)
  • Werten verschafft dem Wertenden ein Überlegenheitsgefühl, eine Machtposition; der vielleicht schon renommierte Autor ist dem Rezensenten ausgeliefert;
  • mit Wertungen kann man steuern, Weichen stellen. Wer positiv im damaligen "Literarischen Quartett" besprochen worden war, durfte sich auf gute Absatzzahlen, Einladungen - in Fernwirkung womöglich Preise freuen.

Werten kann aber auch gefürchtet sein: wer wertet, legt sich öffentlich fest - und womöglich wird ihm eine unbedachte Wertung später wieder - hämisch - vorgehalten, weil sie keine Gefolgsleute gefunden hatte. Der Wertende hat sich dann selbst isoliert.

Natürlich ist eine abschließende Wertung des gelesenen Werks sinnvoll. Voraussetzung: vor dem Lesen stand die genaue Analyse. Und man sollte ständig über die eigenen Wertmaßstäbe nachdenken - ein Werk nur an starren Erwartungen, etablierten Standards zu messen, ohne dass der Kritiker sich selbst zu Veränderungen anregen lässt, das wäre zu billig.


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0. Nachträge zur Theorie

0.1 Literarische Konstruktion <=> 'Wirklichkeit'

aus: F. Dürrenmatt, Das Versprechen. Roman. Zürich 1985. S.12f:

"Der Wirklichkeit ist mit Logik nur zum Teil beizukommen.
Dabei, zugegeben, sind gerade wir von der Polizei
gezwungen, ebenfalls logisch vorzugehen, wissenschaft-
lich; doch die Störfaktoren, die uns ins Spiel pfuschen,
sind so häufig, daß allzu oft nur das reine Berufsglück
und der Zufall zu unseren Gunsten entscheiden.
Oder zu unseren Ungunsten. Doch in euren Romanen spielt
der Zufall keine Rolle, und wenn etwas nach Zufall
aussieht, ist es gleich Schicksal oder Fügung gewesen;
die Wahrheit wird seit jeher von euch Schriftstellern
den dramaturgischen Regeln zum Fraße vorgeworfen. Schickt
diese Regeln endlich zum Teufel. Ein Geschehen kann
schon allein deshalb nicht wie eine Rechnung aufgehen,
weil wir nie alle notwendigen Faktoren kennen, sondern
nur einige wenige, meistens recht nebensächliche.
Auch spielt das Zufällige, Unberechenbare, Inkommensurable
eine zu große Rolle. Unsere Gesetze fußen nur auf Wahr-
scheinlichkeit, auf Statistik, nicht auf Kausalität,
treffen nur im Allgemeinen zu, nicht im besonderen.
Der Einzelne steht außerhalb der Berechnung. Unsere krimi-
nalistischen Mittel sind unzulänglich, und je mehr wir
sie ausbauen, desto unzulänglicher werden sie im Grunde.
Doch ihr von der Schriftstellerei kümmert euch nicht
darum. Ihr versucht nicht, euch mit der Realität herumzu-
schlagen, die sich uns immer wieder entzieht, sondern
ihr stellt eine Welt auf, die zu bewältigen ist. Diese
Welt mag vollkommen sein, möglich, aber sie ist eine
Lüge. Laßt die Vollkommenheit fahren, wollt ihr weiter-
kommen, zu den Dingen, zu der Wirklichkeit, wie es sich
für Männer schickt, sonst bleibt ihr sitzen, mit nutz-
losen Stilübungen. Doch nun zur Sache." 
(134f) "... wäre noch beizufügen, rein technisch, der
schriftstellerischen Ehrlichkeit und dem Metier zuliebe,
daß ich die Erzählung des redegewaltigen Alten natürlich
nicht immer so wiedergegeben habe, wie sie mir berich-
tet wurde, wobei ich nicht etwa an den Umstand denke,
daß wir natürlich Schweizerdeutsch sprachen, sondern an
jene Teile seiner Geschichte, die er nicht von seinem
Standpunkte aus, von seinem Erlebnis her, sondern gleich-
sam objektiv als Handlung an sich erzählte, wie etwa
bei der Szene, in der Matthäi sein Versprechen ablegt.
Bei solchen Stellen war einzugreifen, zu formen, neu
zu formen, wenn ich mir auch die größte Mühe gab, die Vor-
kommnisse nicht zu verfälschen, sondern nur das Material,
das mir der Alte lieferte, nach bestimmten Gesetzen
der Schriftstellerei zu bearbeiten, druckfertig zu machen."

1. Form - Inhalt

Mit diesen beiden Begriffen zu argumentieren ist zwar beliebt und hat eine lange Tradition. Es besteht jedoch die große Gefahr, dass der/die Redende nicht weiß, was denn konkret unter "Form" oder "Inhalt" und ihrem Verhältnis zueinander zu verstehen sei. Darauf sollte man achten und bei Bedarf nachfragen! - Die Alternativ-Grammatik benutzt die beiden Begriffe nicht, redet stattdessen von der Ebene der Ausdrücke einerseits, von der in sich nochmals gegliederten Ebene der Bedeutungen (wörtliche / gemeinte / implizierte) andererseits. Ganz sicher kann man damit präziser und differenzierter auf ein literarisches Werk schauen.

1.1 Heinrich v. Kleist

"Nur weil der Gedanke, um zu erscheinen, wie jene
flüchtigen, undarstellbaren, chemischen Stoffe,
mit etwas Gröberem, Körperlichem, verbunden sein
muss: nur darum bediene ich mich, wenn ich mich
Dir mitteilen will, und nur darum bedarfst Du,
um mich zu verstehen, der Rede. Sprache, Rhythmus,
Wohlklang usw., so reizend diese Dinge auch,
insofern sie den Geist einhüllen, sein mögen, so
sind sie doch an und für sich, aus diesem
höheren Gesichtspunkt betrachtet, nichts als ein
wahrer, obschon natürlicher und notwendiger
Übelstand; und die Kunst kann, in bezug auf
sie, auf nichts geben, als sie möglichst
verschwinden zu machen. Ich bemühe mich
aus  meinen besten Kräften, dem Ausdruck
Klarheit und Leben zu geben:
aber bloß, damit diese Dinge gar nicht,
vielmehr einzig und allein der Gedanke,
den sie einschließen, erscheine. Denn das
ist die Eigenschaft aller echten Form, daß
der Geist augenblicklich und unmittelbar
daraus hervortritt, während die mangelhafte
ihn, wie ein schlechter Spiegel, gebunden
hält, und uns an nichts erinnert, als an
sich selbst. Wenn Du mir daher, in dem
Moment der ersten Empfängnis, die Form
meiner kleinen anspruchslosen Dichterwerke
lobst: so erweckst Du in mir, auf natür-
lichem Wege, die Besorgnis, daß darin ganz
falsche rhythmische und prosodische Reize
enthalten sind, und daß Dein Gemüt, durch den
Wortklang oder den Versbau, ganz und gar von
dem, worauf es mir eigentlich ankam,
abgezogen worden ist. Denn warum solltest Du
sonst dem Geist, den ich in die Schranken
zu rufen bemüht war, nicht Rede stehen,
und grade wie im Gespräch, ohne auf das
Kleid meines Gedankens zu achten, ihm selbst,
mit Deinem Geiste entgegentreten?" 

aus: W. Urbanek (Hg.), gespräch über lyrik. texte 16. 2.Aufl., Bamberg o.J. S.41.

2. Beispiele

2.1 "anämisch und apolitisch"

Literaturkritik darf auch mal deftig ausfallen, vgl. [1]

2.2 Plakatüberschrift

... gefunden in einem Krankenhaus. Die Überschrift lautet: Klinikseelsorge - mehr als du glaubst

Ganz gewiss keine 'hohe' Literatur. Aber eine Sprachbemühung, die in der Öffentlichkeit wirksam werden soll, die auf die Dienste der Kirchen in diesem Bereich aufmerksam machen will. Es hängen also die Großbereiche "Religion / Theologie" mit dran. Was lässt sich - allein sprachkritisch - dazu sagen?

/glauben/ und /Seelsorge/ - so geschrieben sind nur die beiden Wörter gemeint, also noch ohne daran haftende Bedeutungen. Schon statistisch könnte leicht nachgewiesen werden, dass im allgemeinen Sprachgebrauch beide Wörter häufig in Nachbarschaft auftreten. Das hat natürlich inhaltliche Gründe. Aber die interessieren jetzt noch nicht. Im Moment zählt: die Plakatmacher haben sich die schon statistisch feststellbare Selbstverständlichkeit zunutze gemacht - wahrscheinlich um sich einen Vorteil = Aufmerksamkeit beim Publikum zu sichern.

Wechseln wir zur Bedeutungsseite, so muss die Plakatüberschrift als eindrucksvolles "Eigentor" beurteilt werden: Wer das Wort /glauben/ liest, schaltet spontan auf das Bedeutungsfeld "Wissen" [2]. Dummerweise aktiviert unser Sprachgebrauch - bleiben wir beim Deutschen - das Thema WISSEN in zwei, dazu noch gegensätzlichen Varianten:

  • <<UNSICHERES WISSEN>>: "Ich glaube, dass es bald regnen wird."
  • <<SICHERES ÜBERZEUGT-SEIN>>: "Ich glaube, dass die Demokratie die einzig akzeptable Regierungsform ist."

Die Plakatüberschrift enthält aber auch eine Quantifizierung: "mehr als"

  • Das kennt man als billigen Werbetrick. Jemand kann/will nicht positiv sagen, wofür er steht, was er bieten kann. Stattdessen versucht er auf primitive (Quantität) Weise, den Leser zu animieren beizuziehen, was der sich selbst vorstellen/wünschen würde. Ein Vorteil ist in Aussicht gestellt, ohne aber diesen zu umreissen.
  • Die Bedeutungsnuance <<SICHERES ÜBERZEUGT-SEIN>> wird durch die Quantifizierung gelöscht. <<UNSICHERES WISSEN>> dagegen wird bestärkt, aufgebläht: <<SICHERES ÜBERZEUGT-SEIN>> lässt sich nicht toppen, ergänzen, multiplizieren. <<UNSICHERES WISSEN>> dagegen - daran kann man arbeiten, es allmählich umformen.
  • Die Bedeutungen <<SEELSORGE>> + <<GLAUBEN>> aktivieren natürlich bei den Lesern die mitgebrachten Einstellungen - von Gefühlen der Beheimatung begleitet bis zu strikter Abwehr. Die Plakatinitiatoren wollen natürlich auch die letztere Gruppe erreichen - deshalb formulieren sie so versteckt vorsichtig.
  • Eine solche Weckung mitschwingender Themen/Bereiche - vgl. Implikationen [3] - kann sehr anregend sein, aber nur, wenn sie über kreativen, poetischen "Übertragenen Sprachgebrauch", vgl. [4], läuft. Einzelne Reizwörter sind noch nicht anregend und ein bloßes "mehr als" ist Nachweis der eigenen Dumpf- und Dummheit, ein werbetechnisch allzu billiger Trick - der den Plakatlesern denn auch sofort als allzu bekannt vorkommt.
  • Dazu passt, dass die Plakatschreiber die Plakatbetrachter zwar auf "Glauben" im Sinn von <<SICHEREM ÜBERZEUGT-SEIN>> führen wollen, möglichst in seiner kirchlichen Ausprägung - das sei unterstellt -, aber faktisch die Schiene <<UNSICHERES WISSEN>> aktivieren: Irritation und Rätseln, welche Art Service erwartet werden kann.

Das kommunikative Gesamtergebnis der Klinikseelsorger muss somit als "Schuss in den Ofen" beurteilt werden.

vgl. [5]

3. Kunst und ihre Bewertung

In zeitlicher Nähe zum Tod von Günter Grass (nachfolgend "G.G."), 13.4.2015, und im Blick auf ihn und sein Werk seien einige, ganz sicher unvollständige Punkte genannt, die immer im Spiel sind, wenn bei einem (literarischen) Werk gefragt wird, ob es - womöglich hohen - künstlerischen Wert darstelle.

3.1 Keine Missverständnisse!

Hier geht es nicht um eine Würdigung von Person und Werk von G.G. - das geht zwar schon aus der Einführung hervor, sei zur Sicherheit aber nochmals klargestellt. - Stattdessen: Wer mit dieser Erwartung die Lektüre des Abschnitts begonnen hatte, möge - und sei es nach Abschluss der Lektüre - darüber nachdenken,

  • wie es möglich sein soll, ein ganzes "Leben" zu beurteilen,
  • wie ein "Gesamtwerk" beurteilt werden soll, das man i.d.R. ja doch nur ausschnitthaft kennt,
  • und wo die "Kriterien" der Wertung selten offenliegen - so dass unreflektierte Geschmacksurteile das Ergebnis sind,
  • kurz: Was könnten die Motive einer solchen "Gesamt"-Orientierung des Kritikers sein?

3.2 Werk und Person

... sind verschieden - eine Banalität, dies festzustellen. Dennoch erlebt man häufig bei der Besprechung geistiger Produkte, dass

  • Merkmale, die man am/im Werk entdeckt und bewertet hat, der Person des Urhebers gut-/zugeschrieben werden.
  • Ausgesprochen peinlich wird es, wenn die Werkbeschreibung oberflächlich und unzureichend durchgeführt worden war. (Im Wissenschaftsbereich würde man von "selektiver Wahrnehmung" sprechen): Ohne vernünftige Kontrolle, somit nach Lust und Laune, werden einzelne Impulse des Werks bevorzugt, andere verdrängt.

Statt "in" einem Werk (z.B. der fiktionalen Welt eines Romans) nach möglichen Repräsentanten der Urheber-Person zu suchen, kann nur gelten, dass das komplette Einzelwerk zum Zeitpunkt seines Entstehens die Orientierung und Interessenlage des Urhebers = Autors widerspiegelt. Damit sind alle widersprüchlichen Charaktere und ihre Konflikte einbezogen.

3.3 Fortsetzung: erneuter Blick auf SYNTAX - SEMANTIK - PRAGMATIK

Der angefangene Gedankengang findet den Abschluss in: [6] - Grob gesagt geht es darum:

  • ein sinnenhaft zugängliches Material zu bearbeiten, meist mit dazwischengeschalteten 'Hilfsmitteln': ein Bildhauer benötigt nicht nur Hammer und Meisel, um einen groben Steinblock zu formen - eine ausreichende körperliche Konstitution wäre auch ganz nützlich; ein Komponist muss diverse Instrumente aus eigener Erfahrung kennen und letztlich die geltende Notenschrift so beherrschen, dass er sich mit seinen Intentionen verständlich machen kann; ein Schriftsteller tritt auch nicht unvermittelt mit seinen hehren Ideen und Gedankenentwürfen an die Öffentlichkeit, sondern an erster Stelle steht für ihn der Schreibakt: auf Papier, mit der legendären Olivetti, oder mit Gekritzel, heutzutage elektronisch - wie auch immer: er arbeitet am Material der 'Buchstabenansammlungen, Wörter, Wortketten' und deren Verteilung auf dem Trägermedium (Papier, oder projiziert, mit Grafiken kombiniert usw.). Im Fall von Gedichten kann das äußere Erscheinungsbild dann durchaus vertrackt ausfallen, eigenständigen Anlass zur Entzifferung gebend. - Um diese Ebene des Kunstschaffens kümmert sich bei uns die (Ausdrucks-)SYNTAX - wir weisen immer wieder darauf hin, dass dieser Begriff nicht mit dem verwechselt werden darf, was die Standardgrammatik unter Syntax (= 'Satzlehre') versteht. Unsere (Ausdrucks-)SYNTAX kennt noch keine "Sätze", sondern Materialien, Stoffe, die nicht 'naturbelassen' sind, sondern offenbar absichtsvoll geformt worden waren.
  • SEMANTIK - hierbei interessiert, in einem völlig neuen Zugang, die Bedeutungsebene, und zwar in unmittelbarem Sinn: bei Texten die wörtliche - selbst wenn sie zunächst verblüffend, 'unmöglich' klingt. Was 'sagt' der/die UrheberIn auf direktem Weg? - Bei Texten beschäftigt man sich zunächst mit Äußerungseinheiten, die intern meist auch noch strukturiert sind. Dann klettert man hoch: über Abschnitte, Kapitel, letztlich zum Gesamttext. Bedeutungsanalyse, wenn sorgfältig praktiziert, ist aufwändig. Am Schluss steht bei dieser Ebene die fiktionale Bildwelt etwa eines Romans.
  • PRAGMATIK - auch dazu haben wir in Ziff. 4 gesehen, welche Detailanalysen möglich und nötig sind. Sie sollen nicht wiederholt werden. Betont werden soll aber - wieder G.G. als Anregung nehmend -, dass ja die fiktionale Welt (vgl. schon SEMANTIK) in die jeweilige Gesellschaft hineinwirken will. Das kann durch ein abgeschlossenes literarisches Einzelwerk selbst geschehen; oder - flankierend - durch Äußerungen des Poeten zur gesellschaftlichen Entwicklung (z.B. in Interviews). - Auf beiden Schienen wird Aufsehen erregt, werden Diskussionen angestoßen - manchmal auch der Poet selbst, von ihm nicht erwünscht, kritisch einbezogen. - Wie auch immer: eine solche Sprachproduktion (um bei diesem Medium zu bleiben - aber die Gedanken sind auf die anderen Kunstsparten übertragbar) - mischt die dominierende Business-, Verwaltungs- und Alltagssprache mit ihren eingefahrenen Denkmustern und Floskeln auf und sorgt für Bewegung, Veränderung - manchmal in eine Richtung, die niemand genau vorhergesehen hatte.

4. Veröffentlichung - Verlag, Lektor, ...

Ein poetisches Werk zu schreiben - aus welchem Antrieb heraus auch immer: künstlerisches Muss, oder Geltungssucht, oder ... - ist eine Etappe. Wenn eine Publikation als Buch angestrebt wird, folgt die zweite:

  • soll das Werk in einem Verlag erscheinen, der natürlich letztlich an wirtschaftlichem Erfolg interessiert ist? Dann muss das Manuskript den Verlagslektor überzeugen. Wenn dies gelingt, folgt ein Publikationsvertrag.
  • Oder stellt man das Werk als e-publication ins Netz - es gibt geeignete Portale dazu? Dann kann man die Beurteilungsinstanz "Verlag" umgehen und an den Zugriffszahlen der Interessenten ablesen, welche Resonanz das Werk hat.

Ein wissenschaftliches Werk zu publizieren verlangt aufgrund seiner Spezialisierung in aller Regel Finanzzuschüsse von Instanzen - staatlich oder privat - die sich die Förderung des wissenschaftlichen Fortschritts auf ihre Fahnen geschrieben haben.

  • Auch da wird eine Beurteilungsinstanz eingebaut: fachlich kompetente Gutachter müssen die Publikation des Werks befürworten.
  • Auch hierbei bietet das Internet eine Alternative - wir praktizieren dies ja auch im Falle der Josefsgeschichte: vgl. [7] - was nur eine 'abgespeckte' Version des Gesamtprojekts darstellt. Der Vorteil ist ein mehrfacher: (a) Bei methodischen Neuansätzen wird vermieden, dass Fachgutachter tätig werden müssen, die sich genau genommen gegen ihre eigene bisherige Arbeit stellen müssten - was eigentlich etwas zuviel verlangt ist. (b) Umfangreiche, ausführliche Werke werden trotz Zuschüssen als Printmedium schnell unbezahlbar. (c) Als Autor möchte man, dass das Werk aufgrund des Preises nicht nur in einigen ehrwürdigen Bibliotheken zur Verfügung steht, sondern gerade auch interessierten Studierenden. (d) Auf elektronischem Kanal kann das Werk sich ändern, kann wachsen, im Detail verbessert werden. (e) Als Printmedium sind überarbeitete Neuauflagen bei umfangreichen Werken aus Kostengründen häufig unvorstellbar. D.h. der Autor hätte im Lauf der Zeit durchaus die Möglichkeit, sein Werk auf neuesten Stand zu bringen. Aber wegen der Finanzen wird er von der Öffentlichkeit weiterhin auf den Stand der Erstpublikation festgenagelt. Er hat allenfalls die Möglichkeit, seine neuen Erkenntnisse in verstreuten wissenschaftlichen Aufsätzen zu artikulieren.

Gut ist, dass Uni-Bibliotheken dazu übergegangen sind, elektronische Manuskripte ihrerseits zu speichern und öffentlich zugänglich zu machen. Auf diesem Weg sind auch weitere, veränderte Auflagen, z.B. im Jahresabstand, kein Problem.

4.1 Verlagslektor

... beschreibt seine alltägliche Arbeit - und bekommt via Leserbriefe reichlich kritische Rückmeldungen: [8] - Eine eigene Impression dazu: Wenn der Lektor - wie er schreibt - pro Tag 10 Manuskripte zu begutachten hat, und er das Aussortieren nicht allein mit schreibtechnischen Tollpatschigkeiten bereits vornehmen kann, so ist er immer noch aus quantitativen Gründen zu bedauern: In der Regel dauert es, braucht Zeit, bis auch die unterbewusste Textrezeption in Gang kommt und so dann auch eine Wertung sich herausbildet. Ein solches Sich-Einlassen ist auch bei 5 Manuskripten pro Tag immer noch ein Ding der Unmöglichkeit.