4.92 AUSKLANG

Aus Alternativ-Grammatik
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"Text" ist ein Gebilde, das in der jeweiligen Sprachgemeinschaft auf vielen Vereinbarungen beruht. Die Kenntnis von Sprechen/Hören bzw. Lesen/Schreiben allein würde zum Verstehen noch längst nicht ausreichen. Die Verkettung der Laute/Schriftzeichen/usw. mit der Welt der Bedeutungen muss gelernt worden sein - sie ist bei keinem bereits "in die Wiege gelegt".

Man braucht zusätzlich Erfahrung im sprachlichen Wiedergeben dessen, was alles zum Leben gehört, kann mit 'Mustern' arbeiten, wie man sprachlich das Leben zu bewältigen pflegt - kann dann aber auch von diesen Mustern abweichen, wenn es nötig erscheint. Und man hat gelernt, dass 'natürliche Sprache' ein zwar wichtiges, differenziertes Mittel ist, Botschaften durch Sprechen/Schreiben zu formulieren, aber beileibe nicht das einzige. Parallel dazu gibt es immer auch weitere Kanäle, auf denen Mitteilungen gesendet werden. Manchmal verstärken sich sprachliche Botschaft via Worte und weitere Kanäle; manchmal widersprechen sie sich auch, behindern sich.

Mit dem, was einen Text in diesem umfassenden Sinn ausmacht, können sich die Menschen geistig austauschen: verständigen, Konflikte lösen - oder auch welche schüren, können sich erfreuen, zum Nachdenken bringen, Pläne schmieden, Strategien des Zusammenlebens entwerfen usw. Das Zusammenleben lässt sich damit gestalten.

Was ein "sprachlicher Text" in diesem Kern leistet, versuchten wir auf den Ebenen SEMANTIK und PRAGMATIK zu beschreiben. Allmählich verschob sich dabei der Blick von der Wortbedeutung über die gemeinte Bedeutung bis hin zu dem, was ungesagt, mitgemeint, mitverstanden ist.

Sichtbar, wahrnehmbar jedoch - Zuständigkeit: (Ausdrucks-)SYNTAX - ist zunächst nichts als eine Ansammlung = Kette von Buchstaben bzw. Lauten. Häufig ist diese äußere Seite aber eingebettet in, unterstützt noch durch andere, ebenfalls wahrnehmbare "Medien", Ausdrucksmittel. Dadurch kann die Wirkung der Bedeutungsebene unterstützt werden.

Etwa durch Musik, durch eine auffallend schöne Umgebung, einen interessanten Raum, durch Kleidung, Mimik, Bewegungen, Gestik (z.B. der Gesprächspartner, oder - wie im folgenden Beispiel - des Dirigenten, der Gebärdendolmetscherin), Bewegungen der Mitwirkenden - einzeln und als Gruppe, Blickkontakte.

Im folgenden Beispiel handelt es sich um ein Gedicht von Franz Grillparzer, "Ständchen", vertont von Franz Schubert, gesungen vom Mössinger Vocalensemble in farbenprächtiger Umgebung eines Kirchenraums.

Es ist vielleicht sogar gut, akustisch bei dieser
ausschnitthaften spontanen Aufnahme nicht allzu
viel vom Text inhaltlich zu verstehen:
dadurch achtet man mehr auf die weiteren "Medien",
auf den Gesamtklang, die Atmosphäre, all die optischen
Reize. - Bisweilen ist ganz links eine Gebärdendol-
metscherin zu erkennen: sie überträgt das Gehörte für
Gehörlose, die von sich sagen, sie würden die Musik
zwar nicht hören, sie aber "fühlen". - Nun ja, wahr-
scheinlich sind sie prädestiniert dazu, die 'Begleit-
kanäle' sehr viel wacher wahrzunehmen - etwas, was
die Sprechenden / Hörenden - weil sie die natürliche
Sprache ja leicht und problemlos aufnehmen - eher
unbewusst registrieren und in seiner Bedeutung meist
unterschätzen.
Womöglich kann man sagen: behindert sind in diesem
Fall eher die Sprechenden/Hörenden. Sie haben sehr
leichten Zugang zur akustisch realisierten natürlichen
Sprache. Das ist ein großer Vorteil, der aber mit dem
Nachteil verbunden ist, dass alle weiteren Faktoren,
die in der Kommunikation mitwirken, eher unterschätzt
werden. Die Gefahr der Intellektualisierung ist viel
größer, des Verlustes der Bodenhaftung, der Sinnlich-
keit.

Es lohnt also zusammenzutragen, was an Anregungen alles auf die Besucher z.B. eines Konzertes einströmt, von ihnen wahrgenommen und verarbeitet wird. Das alles ist dann erst der Gesamttext. - Hatten wir uns - für ein Projekt auf der Ebene "Schulgrammatik" sehr ausführlich - mit den Facetten der natürlichen Sprache beschäftigt, so wird jetzt der 'Stiel umgedreht': die Textbotschaft in natürlicher Sprache verliert ihre Vorherrschaft und taucht ein in das Ensemble der weiteren, auf ihre Art ebenfalls sprechenden 'Kanäle'.

Es handelt sich um einen Ausschnitt. Anlass eine Familienfeier. Am Klavier der Urheber der Alternativ-Grammatik. Als Solistin seine Frau.

  • erst durch Klick aufrufen = starten. Das Laden dauert aber ne beachtliche Weile, da die Datei groß ist!! (Ladebalken wird sichtbar, wenn man mit dem Cursor über das Bild wischt.). Während des Ladeprozesses: Standbild sichtbar.
  • Amateurvideo / Ausschnitt - Dauer des Ladens - wie gesagt: GEDULD AUFBRINGEN angesichts von 107 MB!! - Cursor auf das Standbild positionieren, dann sieht man den Ladebalken!
  • Video startet von selber, wenn Ladevorgang beendet ist. - Bisweilen aber auch 'portionsweise' während des Ladens. Da ist der Genuss natürlich eingeschränkt. In solch einem Fall, nach dem Laden:
  • Unten, Dreieck links anklicken - und auch dann erst, wenn der Ladebalken inzwischen ganz weiß ist.
  • Einmal heruntergeladen, kann das Fragment durch einfachen Klick unendlich oft wieder gestartet werden ;-)

N.B.: Ist nichts für ältere, schwächere Rechner, womöglich in Verbindung mit einer langsamen Internetverbindung ... Kann dann auch sein, dass der Ton o.k. ist, das Bild aber ruckelt.

Komplett, sehr schön gesungen, aber ohne Bildmaterial von der Aufführung, dafür mit Text zum Mitlesen,
kann man vergleichen:  
- Text: YouTube,
  Tipp: diese 1 Seite zunächst ausdrucken.
- Video + Gesang: [1] Tipp: Video ausblenden durch
  Minimieren der Seite. Wiener Hofburg und Stephansdom
  lenken nur von Text und Musik ab = das Kunstwerk wird
  zur Untermalung von Videokitsch degradiert.
Vieles ist dabei einschlägig:
- akustisch/künstlerisch: andere Gewichtung von Chor
  und Solistin, zudem: Männer- statt Frauenchor
  = stärkerer Kontrast beim Stimmcharakter
- Wegfall = Nichterkennbarkeit des konkreten Raumes bzw. im Video:
  Wiener Hofburg bei Nacht - hat mit dem Text nichts zu tun;
  Beispiel einer missglückten Verbindung von Akustik und Optik
- nicht mehr erkennbar die Individualität der Mitwirkenden,
  damit auch ihre persönliche Ausstrahlung, ihr Engagement;
  dazu gehört nicht nur ihre Sangeskunst, sondern auch, wie
  sie sich für diesen Anlass vorbereitet haben, sich präsen-
  tieren, engagieren beim Musizieren, Signale des Dirigenten,
  Bemühungen der Gebärdendolmetscherin, 
- Wegfall von konkretem Anlass/Zeit der Aufführung: das Werk
  selbst blieb gleich, ist seit 2 Jahrhunderten bekannt; aber
  es ist auf technischem Weg nun beliebig und wo auch immer
  wiederholbar; kein Adressat fühlt sich mehr speziell
  angesprochen und gemeint
- Publikum als Adressaten nicht mehr erkennbar; diese Gruppe
  soll ja beliebig austauschbar sein - nur so lässt sich im
  Fall kommerzieller Realisierung die Aufnahme auch verkaufen 
- nachträgliche Glättung = Idealisierung: akustische Nach-
  bearbeitung am Bildschirm möglich; durch Wegfall der Optik
  sind Wuschelköpfe, Bildwackler, nur halb erfasste Personen
  usw. eliminiert
- die Komplettaufnahme anstelle des Ausschnitts ist
  natürlich schön. Aber es ist der Ausschnitt, das 'Ama-
  teurhafte', das eigene Merkmale vermittelt:
  = die Begeisterung des Aufnehmenden wird erkennbar - trotz,
    oder gerade wegen nicht-ausreichender Technik
  = das Fragment weckt die Ahnung, den Wunsch, noch mehr
    in Schuberts/Grillparzers Welt einzutreten. Das ist nicht
    schon das Selbe wie: das komplette Werk zu hören.
    Ein solcher Wunsch geht weiter, will mehr.
Das sind - weitgehend - Effekte jedes Tonmitschnitts - ob aus-
schnitthaft oder komplett. Durch eine 'professionell erstellte
Ton-Konserve' anstelle eines live-Mitschnitts wird aber
eine Abstrahierung vollzogen. Wesentliche Merkmale von
Kommunikation gehen verloren. Häufig tragen
Laborbedingungen aber - zum Ausgleich - zu einer Verfei-
nerung der musikalischen Struktur bei. Auch die Aufnahmetech-
nik hat ganz andere Voraussetzungen - für Studienzwecke ist
dies natürlich hervorragend.


Praxis - Bitte Ihren Eintrag!

1. Lao Tse

Vgl. [2] - dort noch eine Reihe weiterer links. Die Alternativ-Grammatik bot im Rahmen der SEMANTIK verschiedene geistige Grundbegriffe an,

  1. die Benennung von Dingen (bzw. dessen, was man zunächst dinghaft sprachlich einführt)[3]
  2. die Näherbeschreibung dieser Einzelbedeutungen[4]
  3. die Verknüpfung zweier Einzelbedeutungen zu einer Aussage = Prädikation[5]
  4. die modale Einschätzung der Aussage.[6]
  5. Mit welchem Sprecherinteresse wird von der Kernaussage gesprochen,[7]
  6. in welcher Zeit wird sie positioniert,[8]
  7. an welchem Ort? [9]

Unter Einbeziehung von PRAGMATIK kann die gleiche Aussage mit den gleichen Grundbegriffen und ggf. zusätzlich spezifisch pragmatischen eine weitere, übertragene, gemeinte Bedeutung erhalten. - Anders gesagt: die Struktur, die Sprache und ihr Gebrauch ermöglichen, kann bis zur künstlerischen Raffinesse führen. Und selbst vor dieser Schwelle: Ein Sprecher, ein ICH, kann sich ob all dieser gedanklichen Ausgriffe, Vorstellungen, Wünsche usw. verlieren, seine aktuelle Gegenwart und Lebenswirklichkeit vergessen. Der Sprecher des Satzes bindet sich an andere Orte, Zeiten, Möglichkeiten, ausstehendes Handeln Anderer, übersieht jedoch seine eigene Gegenwart.

- "Wer ergreift, verliert."
- Der Weise "lernt, nicht an Vorstellungen festzuhalten."
- "Eine neunstufige Terrasse gründet auf einem Erdhaufen."

Angewendet auf unsere Sprachkritik könnte derartiges heißen: Was man selbst sprachlich produziert bzw. was einem von Anderen geboten wird, kann hochkomplex, ja kunstvoll sein. Das sollte man angemessen erfassen und beschreiben können. Aber: Man sollte daran nicht festhalten, sich nicht daran verlieren, sondern sich seiner eigenen Existenz im Hier und Jetzt bewusst bleiben. Diese Existenz ist entscheidend, nicht all das Handeln, Träumen, Veranlassen, Eintauchen in fremde Welten usw.

Zusatzidee: Angenommen ein auf Bedeutungsebene raffinierter,
die Aufmerksamkeit beanspruchender Text bietet zwischendurch
auf Ausdrucksebene - vgl. [10], z.B. [11][12] -
aufhorchen lassende Gestaltungen, so durchbrechen sie eine
möglicherweise drohende Fixierung auf
die Inhaltskonstruktionen und erinnern den Leser/Hörer an sich
selbst im aktuellen Wahrnehmungsvorgang. Zugleich ist dies ein
Impuls, auch mal wieder auf Distanz zu dem zu gehen, was er
gerade mit großem Interesse liest. Es ist nicht entscheidend,
ob solche Auffälligkeiten auf akustischer Ebene künstlerisch
beabsichtigt, oder gar Anzeiger einer Entwicklungsstörung
sind. Praktisch hörbar realisiert, wirken sie, das genügt. 
Ausdrucksseite somit als eine Art Wecker, ganz im Sinn von
Lao Tse.

2. ...